Ausgabe 
19.7.1940
 
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kreis Friedberg.

-Butzbach, 18. Juli. Im Rahmen einer schlich­ten Feier beging der Leiter der hiesigen Bezirts- spartasse, Direktor Falter sein 25jähmges Dienst- jubrläum. Als der Jubilar vor einem Vierteljuhr- hundert in das Getdinstitüt eintrat, bestand es erst in kleinem Umfang. Unter seiner umsichtigen Lei­tung tonnte es sich jedoch zu dem bedeutendsten Unternehmen dieser Art in unserer Stadt entwickeln und insbesondere die Belange der Wetterauer Land­wirtschaft fördern. Im Jahre 1931 übernahm Herr Falter die Leitung der Kasse. Vor wenigen Jahren wurde das alte Gebäude zu klein, und ein neues repräsentatives Haus wurde bezogen. Die Gefolg­schaft des Mathildenstiftes beglückwünschte in der Feier ihren Betriebsleiter ganz besonders, der sich auch stets für die Belange der Gefolgschaftsmitglie­der eingesetzt hat.

Kreis Wehlar.

* Frankenbach, 18. Juli. Dem Feldwebel Adolf Geller von hier wurde am 18. Juni für Tapferkeit vor dem Feinde bei den Kämpfen um Amiens das Eiserne Kreuz II. Klasse verliehen. Zu gleicher Zeit wurde sein Bruder Karl Geller zum Unteroffizier befördert. Beide sind Söhne des weit und breit bekannten Fuhrunternehmers Karl Gel­ler II.

Neunmal zum Tode verurteilt.

LPD. Frankfurt a. M., 18. Juli. Das Son­dergericht Frankfurt a. M. verurteilte den 29jah- rigen Karl Semmler als gefährliche^ Gewohn­heitsverbrecher wegen vollendeten Einbruchs in 29 Fällen, davon neun als Volksschädling unter Aus­nutzung der Derdunkelungsmatznahmen begangen, und versuchten Cinbruchsdiebstahls in sieben Fällen neunmal zum Tode, zehnJahrenZuckt- haus, dauernden Ehrverlust und Sicye- rungsverwahrung, seinen 33jährigen Bru-

** Eine ZweiundachtzigjShrige. Am kommenden Sonntag, 21. Juli, kann Frau Marie Diehl, geb. Ruppenthal, ihren 82. Geburtstag feiern. Die hochbetagte Frau nimmt an den Gescheh­nissen unserer Zeit noch regsten Anteil. (Wir be­glückwünschen zum Geburtstag!)

* E i n Acktzigjähriger. Der Rentner Bertold Goß, Landmannstraße 15, kann am mor­gigen Samstag, 20. Juli, in geistiger und körper­licher Frische seinen 80. Geburtstag feiern. (Mr beglückwünschen zum Geburtstag und wünschen dem Jubilar einen weiteren schönen Lebensabend!)

** Zum Reviergruppenführer er­nannt. Mit Wirkung vom 12. Juli wurde Luft­schutz-Obertruppmeister Wilhelm Erle, Bürodirek­tor i. JR., zum Reviergruppenführer der Reoier- gruppe II Gießen des Reichsluftschutzbundes durch den Orts-Kreisgruppenführer ernannt.

** Gesangskonzert .des Bauerfchen GefangvereinsvorVerwundeten. Einer Anregung des Kreisleiters zur Folge gab in Ver­bindung mitKraft durch Freude" am vergangenen Sonntag der Bauerfche Gesangverein ein Konzert unter Leitung seines Chormeisters Blaß. Wenn auch schon verschiedene Vereine Konzerte in den Kli­niken veranstaltet haben, so sollen doch in Zukunft die Gesangvereine noch mehr für derartige Ver­anstaltungen herangezogen werden. Nichts erfreut einen verwundeten Soldaten mehr, als der Gesang eines Männerchors. Dies kam am Sonntag bei allen Verwundeten so recht zum Ausdruck. Die vorgetrage­nen Chöre zeugten von guter Pflege des Liedgutes im Bauerfchen Gesangverein, obwohl etwa 50 o. H. der Sänger unter den Fahnen stehen. Auch an den kommenden Sonntagen werden sich weitere Männer­chöre in den Dienst dieser Sache stellen.

** Kann man mit Essig waschen? Um das Auslaufen empfindlicher farbiger Stoffe zu ver­hindern, hat man früher dem Spülwasser etwas Essig zugesetzt. Dies war oft eine verspätete Maßnahme, da ja die Farben schon beim Waschen selbst ange­griffen wurden. Zum Waschbad selbst konnte aber Der Essig nicht gegeben werden, da gewöhnliche Seife vom Essig sofort zersetzt wird. Das neutraleWasch­mittel für Feinwäsche", das heute auf Seifenkarte zu haben ist, verträgt einen Essigzusatz direkt zum Waschbad. Stoffe mit empfindlichen Färbungen lassen sich so ohne Gefahr waschen.

Aus der engeren Heimat.

Landkreis Gießen.

-- Mainzlar, 18.Juli. Der ^-Oberscharführer Hans Keil von hier wurde für Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausge­zeichnet.

Die schöne Melusine

Roman bon Hans Richter

4. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Es ist Abend. Sie sitzen auf einer Höhe über dem Scharmützelsee. Auf der anderen Seite des Sees liegt Buckow, und die untergehende Sonne spiegelt sich, blutrot in den Fenstern der Häuser. Manchmal ist das Leuchten so stark, daß man an einen Brand glauben konnte. Die Fahrgäste desPionier" sitzen drüben in einer Gastwirtschaft und essen, dieStra­ßenbummler" haben sich bereits auf den Weg machen müssen, weil der Wagen nun einmal langsamer ist.

Wilhelm Hellwig hat den Tag über mit seinen Fahrgästen so viel zu tun gehabt, daß er zu dem eigentlichen Zwecke seiner Reise so nennt er inner­lich die so sehr gewünschte Annäherung an Tilde gar nicht gekommen ist. Dafür hat er aoer Holzmann nicht aus dem Auge gelassen und ihm hier und da geheimnisvoll zügeblinkert.

Einmal hat Tilde es gemerkt und hat gefragt: Was will er eigentlich von Ihnen, großer Chan?"

Der ist nun alles andere als ein Diplomat, und Hellwig hätte sich niemanden für seine Mission aus­suchen können, der mehr Angst davor gehabt hätte. Es ist wegen unseres Geschäftes", versetzt er nur.

Weil Tilde keinen Grund hat, nicht an dieses Ge­schäft zu glauben, geht auch um ein Haar die letzte Gelegenheit noch daneben, nämlich die am Schar­mützelsee.

Ich hab drüben 'nen netten kleinen Platz aus­baldowert", sagt Hellwig.

Tilde, die ganz gern einmal mit sich allein ist, wehrt ab.Wenn Sie mit Herrn Holzmann von Ge­schäften reden wollen"

Aber nein doch", sagt Hellwig. Und nun sitzen sie da.

Von Müncheberg bis Friedrichsfelde können wir laufen lassen", beginnt Hellwig mit dem Gespräch an einem Punkt, an dem er sich sicher sühlt.War doch hübsch oder?"

Eigentlich sollte man so etwas nie machen", kommt es von Tilde her, die ganz in Gedanken ist und völlig vergessen hat, mit wem sie spricht.

Hellwig nimmt die Zigarre, mit der er die schöne

der August Semmler als Volksschädling wegen Einbruchsdiebstahls in zwei Fällen und gewohn­heitsmäßiger Hehlerei zu drei Jahren Zucht­haus, drei Jahren Ehrverlust, die 30jährige Ehe­frau des Karl Semmler wegen gewohnheits­mäßiger Hehlerei zu 15 Monaten Zucht­haus, die Ehefrau des August Semmler wegen Hehlerei an Stelle einer verwirkten Gefängnis­strafe von zwei Monaten und zwei Wochen zu 375 RM. Geldstrafe und die 57jährige Mut­ter der Brüder Semmler wegen Hehlerei zu sechs Monaten Gefängnis. Allen Angeklagten wurde die Untersuchungshaft angerechnet.

Ende März d. I. gelang es der Kriminalpolizei, hinter das Treiben der Einbrecher zu kommen und mehrere Kraftwagen voll Diebesgut zu beschlag­nahmen, das aus einem umfangreichen Lager an Lebensmitteln, Möbeln, Hausrat aller Art bestand. Die in Frankfurt a. M.-Rödelheim ansässigen Ange­klagten übten ihre verbrecherische Tätigkeit seit 1 9 3 4 aus. Der Wert der gestohlenen Sachen ging in die Tausende und betrug im Einzelfalle bis zu 14 800 RM. Eingebrochen wurde in Wohnungen,

Ladengeschäfte, Möbellager, Keller usw. Kommoden, Tische, Betten, Frisiertoiletten verschwanden. Un­geheure Vorräte an Lebensmitteln, so 20 Kübel mit ausgelassener Butter, Konserven, Speckseiten, Kaffee, Hülsenfrüchte, Seife fielen den Angeklagten auf ihren Raubzügen in die Hände. Eine große Vorliebe zeigte man für die Berau­bung von Bienenhäusern. Auch für Brennstoff, wie Kohlen, Koks und Briketts, zeigte man Interesse. Ein reichhalttges Sortiment Dietriche, Schlüssel und Diebeswerkzeuge, das auf dem Gerichtstisch lag, legte Zeugnis von dem hohen Grad verbrecherischen Willens des Karl Semmler ab. Der Vater der beiden Brüder Semmler, der ebenfalls in die Angelegenheit verwickelt war, hat sich nach der Festnahme das Leben genommen.

Frankfurter Schlachfviehmarkt.

Frankfurt a. M., 19. Juli. (Vorbericht.) Es kosteten: Ochsen 32 bis 46,50 RM., Bullen 28 bis 44,50, Kühe 18 bis 44,50, Färsen 28 bis 45,50, Kälber 25 bis 59, Lämmer und Hümmel 18 bis 51, Schafe 10 bis 44, Schweine 53 bis 59 RM. Markt­verkauf: alles zugeteilt.

Wandervorschläge für den Sonntag.

Gießen Heuchelheim Mendorf Klein-Linden Gießen.

Diese schattenlose Wanderung beginnt am Neu­städter Tor. Wir gehen die Rodheirner Straße ent­lang nach unserem stattlichen Nackbardorse Heuchel­heim, das wir bis an den Bieberbach durchschreiten, und an dessen Ufer entlang, roten Ringen nach, wei­tergehen. Wir kommen über die Lahnbrücke und das Bahngeleise am Fuße des Allendorfer Wäldchens auf die Landstraße, der wir nach rechts folgen. Nach dem Passieren von zwei Mühlen gelangen wir, nachdem wir kurz vor Dutenhofen abgeschwenkt sind, nach dem anmutig liegenden Allendorf, wo wir die gelbe Punktmarkierung antreffen. Diese führt uns über einen ansehnlichen Höhenrücken, auf dessen Kamm sich ein prächtiger Rundblick bietet, wieder auf die Landstraße. Bald darauf erreichen wir unseren Vor­ort Klein-Linden und kehren nach insgesamt drei­stündiger Wanderung nach Gießen zurück.

Wehlar Kloster Allenberg Dserghanfen Aßlar.

Wir fahren nach Wetzlar, das wir in westlicher Richtung, schließlich über zwei Dillbrücken, durch­schreiten und lahnwärts, demL" des Lahnhöhen­wegs folgend, zu dem malerisch über dem Lahntal gelegenen ehemaligen Prämonstratenserkloster Alten­berg gelangen. Wir besichtigen die wohlerhaltene schöne Kirche mit vielen Grabdenkmälern, den zu einem Park umgestalteten früheren Klostergarten und weiden unsere Blicke an der überraschend hüb­schen Aussicht von der Terrasse in das Tal. Ohne Zeichen gehen wir nun auf einsamen Wegen durch den großen prächtigen Klosterwald, an dessen Ende sich ein schöner Blick über das Dilltal erschließt. Kurz vor dem über der Dill am Bergrande gelegenen Berghausen schlagen wir die Straße nach rechts ein, die zur Dill hinabführt und flußabwärts nach

unserem Endziel Aßlar bringt. Dauer der Wandel rung 3% Stunden.

Herborn Erdbach Brettscheid Heisterberger Weiher Driedorf Veilstein.

Don Herborn, dem altertümlichen Städtchen, folgen wir der Wanderstrecke des Westerwaldvereins, die uns in einer knappen Stunde nach Erdbach bringt. Hier besuchen wir die mächtigen Kalksteinbrüche und die in einer wildromantischen Waldschlucht liegenden sog. Steinkammern, zwei Höhlen aus vorgeschicht­licher Zeit. Hier kommt auch der zwei Kilometer weiter oben in der Erde verschwindende Erdbach in verstärktem Maße wieder zutage. Durch ein enges Waldtal steigen wir aufwärts zur Sttaße nach Breit­scheid, das wir bald daraus erreichen. In dem an­sehnlichen Ort, der durch feine Tonwarenindustrie weithin bekannt ist, finden wir gastliche Aufnahme. Hier stoßen wir auf die Wanderstrecke 7, der wir jetzt in südlicher Richtung folgen. Durch Wald und Feld erreichen wir sodann den Heisterberger Weiher, ein in anmutiger Waldlandschaft liegendes Gewässer, an dessen Ufer in einem Blockhaus Erfrischungen zu haben sind. Waldaufwärts kommen wir auf eine Straße und auf dieser nach dem alten Städtchen Driedorf, das im Mittelalter in hoher Blüte stand, die Trümmer zweier Burgen und einer alten Ring­mauer geben noch Zeugnis aus jener Zeit. Auf fester Straße, bergauf und -ab wandern wir weiter, durchschreiten noch die Dörfer Seilhofen und Roden­berg, genießen unterwegs prächtige Blicke auf die Westerwälder Landschaft mit ihren Höhen und er­reichen nach insgesamt sechsstündiger Wanderung unser Endziel Beilstein, das, von einer Burgruine bekrönt und von herrlicken Wäldern umrahmt, reiz­voll im oberen Ulmbacytal liegt. Von Beilstein be- yutzen wir zur Heimfahrt die Bahn durch das lieb­liche Ulmbachtol bis nach Biskirchen, wo wir um- fteigen müssen.

Systematische Bodenuntersuchungen im Ga« Hessen-Nassau.

Lpd. Immer wieder hören wir von einer Stei­gerung der Ernteerträge und die meisten werden sich nur schwer vorstellen können, wie der einzelne Bauer auf der gleichen Fläche Land in diesem Jahr mehr ziehen soll, als im vergangenen. Der Erfolg wird immer vorn Einsatz der Mittel abhängen, und zwar wird es sich darum handeln, ob die richtigen Mittel in ausreichendem Maße eingesetzt woroen sind. Ob in diesen oder jenen Acker Kalk oder Phosphor gegeben werden muß, ober ob gar eine andere Frucht dort besser gedeiht als hisher, das alles sind Fragen, die der einzelne Bauer nicht untersuchen kann. Hier kommt ihm die Landbau­wissenschaft zu Hilfe. Im Kriege sind alle diese Fragen von besonderer Bedeutung. Deshalb wurde Anfang dieses Jahres vom Reichsminister für Er­nährung und Landwirtschaft in Zusammenarbeit mit dem Reichsnährstand eine Sonderaktton für Bodenuntersuchungen in die Wege geleitet, die auch in Hessen-Nassau in vollem Umfange durchgeführt wird. Zur Steigerung der Erträge ist es in erster Linie wichtig, den Nährstoffzustand unserer Böoen

zu kennen und zu wissen, ob genügend Kalk und Phosphor vorhanden sind, da gerade in unserem Klima die meisten Böden kalkarm sind. Die Land- wirtschaflliche Versuchsstation in Darmstadt ifKdie für unseren Gau zustänbige Untersuchungsstelle unb ihr Leiter, Professor Dr. Lubwig Schmitt, ist Sonberbeauftragter bes Verbandes deutscher land­wirtschaftlicher Unterfuchungsämter, die die Boden­untersuchungen durchzuführen habem

500 Untersuchungen täglich.

In Darmstadt werden zur Zeit alle Böden aus dem Bereich der Landesbauernschaft Hessen- Nassau untersucht. Der Kalk- und Säurezustand der Böden unserer Heimat richtet sich nach der geologi­schen Beschaffenheit und ist daher verschiedenartig. Deshalb weichen auch die Untersuchungsergebnisse der einzelnen Böden oft weit voneinander ab. In den Laboratorien der Versuchsstation sind zahlreiche Chemiker damit beschäftigt, Die täglich eingehenden Proben der verschiedenen Böden in Retorten, Reagenzen und Trichtern aufzulösen, zu verkochen,

Abendluft nicht gerade verbessert, aus dem Munde und grunzt verwundert.Hoppla?"

Tilde wird wach und gegenwärtig.Ach so, ent­schuldigen Sie, Herr Hellwig, nein, ich habe damit nichts gegen Sie und Ihr Unternehmen sagen wollen. Ist auch Unsinn. Aber sehen Sie einmal, ich bin in einer kleinen Stadt groß geworden, beinahe auf dem Lande. Utrin ist nicht größer als Buckow."

In der Nähe von Utrin hab ich mal mächtigen Stunk mit 'nem Kugellager gehabt,' war noch als Fernfahrer", erinnert sich Hellwig. Der Gedanke er­heitert ihn in der Erinnerung.Kugellagerdefekt ist ne dolle Sache, Frollein Tilde, zuerst denken Sie, Sie kommen überhaupt nicht weiter, und dann schlep­pen sie sich wie ein lahmer Maikäfer zur nächsten Werkstatt. Und manchmal is dann dock Zappen duster. Aber warum eins gern in solch nem Kaff fitzen mag, wenn er in Berlin bleiben kann, bas geht nid) rein in mein Köppken."

Sie find eben Berliner", sagt Tilde,

Bin ick", protzt Hellwig unb schlägt mit der Hand auf einen Tisch, der nicht da ist.

Ich versteh Sie schon", sagt Matthias Holzmann leise.Und ich weiß auch, was Sie vorhin haben sagen wollen. Man bekommt einen Kosthappen und weiß, wie gut die Schokolade schmeckt, aber die Tafel essen die anderen. Sehen Sie, manchmal meine ich auch, ein Haus am See mit Garten"

Dafür sind Sie doch nicht gebaut", mischt Hellwig sich ein. Das konnte ihm gerade fehlen, daß der Geld­mann jetzt abschnappt und gefühlvoll wird.

Wahrscheinlich haben Sie recht", gibt der große Chan klein bei.Wahrscheinlich ist es so: wir leben in Berlin, wir schimpfen drüber, aber wir kommen nicht davon los."

Richtig!" trumpft Hellwig auf.Sehr wahr, Herr Holzmann. Kein Mensch hindert Sie, im Sommer mal 'ne Woche ober zwei sich irgendwo hinzusetzen. Gute Betten, prima Verpflegung, nette Leute, nicht wahr? Als Teilhaber von Hellwia & Co. reißen sich die Gastwirte nach Ihnen. Das sag' ick. Aber nich bleiben, hab ich recht ober hab ich unredjt?"

Natürlich haben Sie recht. Fräulein Rohloff hat eben zu lange keinen Urlaub gehabt."

Dann soll sie welchen nehmen."

Tilde fühlt, baß sie etwas gutmachen muß. Nicht nur an Hellwig, viel mehr an Holzmann, der den ganzen Tag über merkwürdig zurückhaltend gewesen' ist, warum, weiß sie eigentlich nicht. Der große Chan

ist immer ein netter Kerl und ein guter Kamerad gewesen, und sie hat ihn wirklich gern gemocht. Was er nur gestern abend gehabt hat. Ob er etwa denkt, daß sie, Tilde Rohloff, und er? Der Gedanke ist absurd, aber sie prüft doch gewissenhaft alles durch, sich unb den Gedanken. Nem, sie ist nicht zu weit gegangen. Sie hat ihm niemals Hoffnungen gemacht, die sie nicht erfüllen will und kann. Ist es denn gar nicht möglich, daß ein Mann und ein Model miteinander eine Partie machen nur als gute Kame­raden und als nichts anderes? Tante Malwine sagt kategorisch nein. Aber so denkt man in Steinbergen. Wenn. Tilde sich Tante Malwines Gesicht vorstellt, muß sie lachen, und ihre ganze Spannkraft wird im Augenblick wieder wach.

Wissen Sie, daß Sie den ganzen Nachmittag nicht richtig gelacht haben?" fragt Holzmann und ist er­leichtert, weil er eben ein schlechtes Gewissen hat.

Ich war ein bißchen abgespannt", lügt sie.

Ja, ja, die Luft", meint Hellwig.Die Luft hatts in sich, wenn es auch nur märkische Luft ist."

Tilde ist bereit, jede Gelegenheit zu ergreifen.Ich denke mir das wundervoll, Holzmännchen", redet sie sich in Eifer.Sie beteiligen sich bei Herrn Hellwig, und wir doktern zusammen neue Fahrten aus. Rich- tige Entdeckungsfahrten, irgendwohin, wo die Leute sonst nicht hinkommen. Hellwig und Holzmanns Wagen werden die schönsten Touren machen, die man sich überhaupt ausdenken kann. Sie werden gar nicht mehr genug Platz haben."

Der große Chan strahlt.Wissen Sie, Fräulein Tilde, daß Sie eben etwas gesagt haben, worum ich Sie gerade bitten wollte?"

Was denn?"

Sie sollen mitfommen in die neue Firma."

Ich hab doch keine tote Tante beerbt, Holz­männchen."

Wilhelm Hellwig hält den Augenblick für günstig, und innerlich ist er bereit, die Taktik seines zukünf­tigen Teilhabers anzuerkennen. Natürlich kann es nur so und nicht anders gemacht werden, schließlich ist es ja auch nicht so, daß man sich nur eine Frau schlechthin leisten kann. Eine Frau muß etwas vom Geschäft verstehen, und wenn ein Mädel sich einmal für die Firma interessiert, dann ist es bis zum Fir­meninhaber kein so weiter Weg mehr denkt Hell­wig. Seit gestern hat er angefangen, sich alles so, wie es werden soll, auszumalen. Das hübsche Büro

zu verdampfen und mit den modernsten technischen Mitteln genau zu prüfen. Zuerst wird die Boden­probe auf kohlensauren Kalk untersucht und wenn dieser fehlt was meistens der Fall ist, wird die gleiche Probe auf Säurezustand und Kalkbedarf mit Hilfe besonders konstruierter physikochemischer Apparate untersucht. Durch Schaffung neuartiger Schnellmethoden, die zum Tell in der Darmstädter Versuchsstation entwickelt wurden, ist es möglich, täglich bis 500 Proben zu unter- suchen.

In eirfem zweiten Untersuchungsgang werden die Proben dann ebenfalls nach einer Schnellmethode auf ihren Phosphorsäuregehalt untersucht. Das Er­gebnis wird in Formulare eingetragen, die jtdem Bauern leicht verständlich sind und ihm auf den ersten Blick den Zustand seiner Böden klarmachen. Diese Formulare werden dem betreffenden Grund- stücksbesitzer über die Wirtschaftsberatungsstelle schnellstens zugeleitet.

Auf diese Weise hat der Bauer die Möglichkett, in kurzer Zeit den Zustand feiner Böden, sofern ein Kalkmangel feftgeftellt wurde, in Ordnung zu bringen. Aus dem Untersuchungsattest ist genau zu ersehen, welche Menge Kalk je Hektar gegeben wer­den muß. Weiter kann der Bauer aus dem Attest ersehen, welche seiner Aecker den größten Phosphorsäurebedarf haben. Schon jetzt hat sich er- aeben, daß die Bauern und Landwirte diese Unter­suchungsaktion sehr begrüßen und die Ergeb­nisse der Untersuchung sofort auswerten, ihre Böden also verbessern.

Die Arbeit des Boderchrobeimehmers.

Zu einer Bodenprobe werden 500 Gramm Acker­scholle benötigt. Die Probennahme geht nun so vor sich, daß die Orisbauemführer nach Beratung mit Den Bauern der zuständigen Beratungsstelle mel­den, zu welcher Zeit die Untersuchung gewünscht wird. Im Bereich der Landesbauernschaft Hessen- Nassau werben von allen Betrieben über 2 Hektar Größe von Hektar großen Flächen Proben ge­nommen. Zu diesem Zweck schickt die Versuchs­station in Darmstadt ihren Hauptbodenprobenneh- mer in die Gemarkung, wo er zusammen mit dem Orisbauemführer, einem Gemarkungskundigen und acht freiwilligen Helfern (HI. und Schülern) im Verlauf von drei bis vier Tagen die erforderlichen Proben entnimmt, in Kisten verpackt unb nach Darmstadt schickt, wo sie bann in ben Laboratorien untersucht werben. Die Untersuchungskosten, bie sehr niebrig finb, hat ber Grunbstücksbesitzer bzw. der- jenige zu bezahlen, ber zur Zeit ber Ausstellung bes Attestes zur Nutzung ber untersuchten Fläche berechtigt war.

Freundliche Börsenstimmung uneinheitliche Kursgestaltung.

Frankfurt a. M., 18. Juli. Die Grundstim­mung der Börse war auch in dieser Berichtsperiode unverändert freundlich. Die Nachftage nach Aktien wurde sogar vorübergehend etwas lebhafter, be­schränkte sich aber auf einige Spezialpapiere, vor allem am Montanmarkt und auf Bauaktien sowie auch Elektrowerte. Von den Montanaktien wurden vor allem Werte beachtet, die früher im Reichsland Elsaß-Lothringen stark interessiert waren und bei denen gewisse Erwartungen auf eine Verbesserung der wirtschaftlichen Grundlagen mitsprachen. Man verweist auf bie Pionierarbeit dieser Gesellschaft unb die durch das Versailler Diktat bedingte geringe Entschädigung für die damals dort erlittenen Ver­luste. Der Geschäftsumfang war jedoch durchaus wenigstens am Frankfurter Platz nicht groß und da im Wochenverlauf hier und da kleine Abgaben hervortraten, neigte die Kursgestaltung vielfach zur Uneinheitlichkeit. Im Durchschnitt gesehen sind die Kursveränderungen nur geringfügig. Von heimi­schen Werten sielen Wayß & Freytag auf, die bis auf 200 anzogen, während anderseits Scheideanstalt­aktien nach Erholung wieder mehrere Prozente nach­gaben.

Der Rentenmarkt steht dagegen im Zeichen stetiger Nachfrage nach Pfandbriefen, Reichsschatz- anmeifungen und auch Jndustrieobligattonen. Kurs- mäßig trat diese Nachftage jedoch weniger hervor, vor allem sind die Kurse für Pfandbriefe noch im­mer mehr oder weniger nominell mangels ausrei­chenden Angebots. Der Freiverkehrsmarkt behielt eine stetige ruhige Haltung. Einige Umsätze kamen in Dingler auf etwa letzter Basis zustande, Rastatter Waggon zogen bis auf 91 an, für Kupferberg be­steht Kaufinteresse bei etwa 113.

hat er in diesen Gedanken längst eingerichtet. Jetzt gibt er einen Schreibtisch dazu und setzt Tilde vor ihn hin. Warum soll in einem hübschen Büro nicht auch ein hübsches Mädel sitzen, das den Leuten die Geschichte klarmacht? Und warum soll man das Mädel nicht als Führerin mit auf Fahrt schicken? Ein Plakat mit einer Frau, die nach etwas aus- sieht, zieht immer besser als eins ohne. Der neue Plan ist im Augenblick geboren.

Ich suche schon lange nach einer gebildeten Emp­fangsdame", sagt er todernst.

J3a, was soll ich denn bei Ihnen?"

Hellwig ist nicht umsonst Geschäftsmann.Sehen Sie, Fräulein Rohloff, das Reifebüro, das ist Groß­betrieb, da können Sie auf die Dauer nichts erben. Nicht mit und nicht ohne Tante. Aber wir sind indi­viduell, bei uns sind Sie erste Kraft, bei uns sind Sie die'Seele vom Buttergeschäft, sozusagen."

3a, aber"

Zuerst einmal haben Sie Ihren Urlaub, den nehmen Sie, und auf den haben Sie ein Anrecht. Wenn Ihnen nun Hellwig unb Holzmann die Spesen ersetzen, und Sie klamüsern für uns ein paar neue Fahrten aus, da kann keines was dagegen haben. Sie auch nicht. Sie haben Urlaub, sehen was, unb es kostet Sie keinen Pfennig."

Ich bin aber noch gar nicht an ber Reihe", zögert Tilbe.

Die Sprenger soll ab nächsten Samstag fahren, unb bei ihr paßt es nicht, bie verschiebt gern, hat sie mir neulich gesagt." Matthias Holzmann ist von dem Plan begeistert.Ich spreche morgen mit ihr, unb Sie tauschen." Als Tilbe boch zögert, biegt er sich zu ihr herüber.Sie übernehmen bamit keine persön­lichen Verpflichtungen, Fräulein Tilbe", flüstert er. Es bleibt alles auf geschäftlicher Grunblage."

Wenn ich Urlaub nehme, muß ich zuerst einmal nach Hause."

Wer sagt denn, daß Sie nicht nach Utrin fahren sollen?" drängt Hellwig.Da gibt es doch alles, was man braucht. Seen und Wald, und ein paar Hügel« chen sind auch da. Die Gegend von Utrin kennt fein Mensch, ist eigentlich merkwürdig. Erster Auftrag: Sie arbeiten eine Fahrt nach Utrin aus unb über­nehmen bie Führung. Ueber bie Spesen brauchen wir nicht zu reden. Ich kenne Sie, und Sie kennen mich. Und Herrn Holzmann kennen Sie noch viel besser."

(Fortsetzung folgt.)