völkerrechtswidrigen Handstreich ein beschönigendes Mäntelchen umzuhängen, ist eitel Lüge. Aus der britischen Verlautbarung geht eindeutig hervor, daß der britische Zerstörer, der dem Dampser „Altmark" in die norwegischen Hohoitsgewässer gefolgt war, sich aus eigenem Antrieb von dort zurückgezogen hatte, nachdem der Kapitän eines norwegischen Kanonenbootes erklärt hatte, daß die „Altmark" u n - bewaffnet fei, am Tage vorher in Bergen untersucht worden sei und von den norwegischen Behörden die Erlaubnis erhalten habe, auf seiner Fahrt nach Deutschland norwegische Hoheitsgewässer zu benutzen. Dieser britische Kommandant, der sich mit dieser Auskunft zufrieden gab, hatte also das Gefühl gehabt, daß er gegen die „Altmark" ohne schweren Völkerrechtsbruch nichts unternehmen könne. Aber nun griff erneut Churchill ein, der ja schon die britischen Seestreitkräfte zu einer regelrechten Treibjagd auf die „Altmark" angesetzt hatte. Und auf ausdrücklichen Befehl der britischen Admiralität lief der britische Zerstörer „Cossak" erneut in den Fjord ein, wo es dann zu der unerhörten Gewalttat kam, bei der sieben deutsche Handelsmatrosen, die sich unbewaffnet und schutzlos vor den britischen Flintenkugeln auf das Eks zu retten suchten, erbarmungslos niedergeknallt wurden. Wenn der Baralong-Fall schon im Weltkriege bewiesen hatte, daß britischen Seeoffizieren das selbstverständliche Gefühl für Ritterlichkeit und Anstand abhanden gekommen war, so ist die Freveltat im Jössing-Fjord ein neuer Beweis, wie britische Offiziere und Matrosen niedrigsten Instinkten nachgeben und nicht vor nacktem! Mord zurückschrecken.
Aber diese neueste Schandtat Churchills hat auch ein eminent politisches Gesicht, denn es ist klar, daß es der britiscken Regierung nicht in erster Linie aus die Verhinderung der Weiterfahrt eines einzelnen deutschen Handelsschiffes ankam, sondern auf den Versuch, durch die systematische Anlage eines solchen Zwischenfalles ein neutrales Land in den Krieg hineinzuziehen, den die wesllichen Plutokranen allein nicht zu gewinnen vermögen. Der wohl überlegte und mit größtem Zynismus durch geführte Angriff Englands aus Me norwegische Souveränität ist eine Kriegserklärung an alle bisher unbeteiligten Länder. Wenn sie sich nach diesem Exempel auch weiterhin mit leeren Protesten begnügen, werden sie von England ebenso behandelt werden, wie es Norwegen geschah und werden damit auch ohne ihren Willen zu Partnern der britischen Kriegführung. Daß hierin für die Länder, die auf ihre Neutralität Wert legen, eine sehr ernste Gefahr liegt, demonstriert dieser Vorfall erneut, denn niemand kann Deutschland zumuten, daß es eine Haltung als neutral hinnimmt, die sich ein- fettig zu Gunsten seiner Gegner auswirkt. Die Neutralen haben erneut eine Lehre erhalten, daß Englands Seeherrschast den Untergang des Völkerrechts bedeutet, wenn sie sich nicht zu energischem WDerstand aufraffen. Mit leeren Protesten werden sie auch künftighin in London keinen Eindruck
1 Machen. L.
„Briianuiens Beruf ist Mord"
Gauletter Bohle
an die deutsche Handelsmarine.
Berlin, 18. Februar. (DNB.) Der Leiter der Auslandsorganisation der NSDAP., Gauleiter Bohle, als Hoheitsträger der deutschen Seefahrt, und der Leiter der Reichsverkehrsaruppe Seeschifffahrt, Staatsrat Eßberger, sagen in einem Aufruf: Der Angriff des englischen Zerstörers „Cossak" auf den unbewaffneten deutschen Handelsdampfer „Altmark" innerhalb der norwegischen Hoheitsgewässer, in dessen Verlauf unbewaffnete und damit wehrlose Kameraden von den Engländern auf bestialische Weise niederge- knallt wurden, stempelt britische Seeleute zu Piraten und stellt sie außerhalb der Reihen aller anständigen Seeleute der Welt. Die Briten sind mit den schiffbrüchigen Seeleuten des versenkten Handelsdampfers „W a k a m a" in derselben Weise wie im Jössing-Fjord verfahren. Die Auffindung eines von Maschinengewehrkugeln durchsiebten Bootes der „Wakama" vor der brasi- lianischen Küste legt beredtes Zeugnis ab von
einem Drama, vollzogen durch Mörderhände britischer Seeleute. Diese beiden Verbrechen offenbaren dieselbe niedrige Gesinnung wie die Ermordung wehrloser deutscher Seeleute und Luftschiffer durch die Besatzung der „Bara- long" und der „King Steffens" im Weltkriege. Sie sind Ausfluß des jüdischen Geistes, dem das britische Krämervolk im Laufe seiner Geschichte immer gedient hat und mit dem es sich ein Welt
reich zusammenstahl. Das ganze deutsche Volk und besonders die deutschen Seeleute wissen, was von England zu erwarten ist: Kein ritterlicher Kampf, sondern Meuchelmord. Die Empörung der Kulturstaaten dieser Erde wird sich gegen England richten. Britanniens Beruf ist Mord. Das hat uns der Erste Lord der brittschen Admiralität erneut bewiesen.
Gefälschter SOS.-Rus englischer Piraten.
Wie der deutsche Dampfer „Wakama" überfallen wurde.
Rio de Janeiro, 18. Febr. (DNB.) „Gazeta de Noticias" veröffentlicht eine Darstellung des englischen Ueberfalls auf den deutschen Dampfer „W a- ka ma", die sich auf Aeußerungen englischer Matrosen stützt. In dieser Schilderung wird festgestellt:
Die „Wakama" wurde durch englische Kriegsschiffe innerhalb der brasilianischen Hoheitsgewässer angegriffen und darauf von der eigenen Besatzung versenkt. Die Verfolgung des deutschen Frachtdampfers wurde vom Lande aus mit dem bloßen Auge von Zeugen beobachtet, die auch Schüsse englischer Kriegsschiffe hörten. Englische Flugzeuge machten darauf Jagd auf die deutschen Rettungsboote, die von dem MG-Feuer der Flugzeuge getroffen wurden, wie der Zustand beweist, in dem sie an der Küste des Staates Rio de Janeiro aufgefunden wurden.
„Gazeta de Noticias" kommt zu der Feststellung, daß der englische Admiral Harwood nach diesen Beweisen für das Vorgehen der Engländer mit seinen Erklärungen die brasilianische Oeffentlichkeit nicht irrezuführen vermöge. Brasiliens Protestnote beweise, daß das Land entschlossen sei, gegen derartige Piratenakte in seinen Hoheitsgewässern vorzugehen. Die Tatsachen sprächen lauter als die Worte des britischen Admirals.
Erst viele Stunden später wurde e i n 8 0 8- Ruf gesendet, offensichtlich durch eines der englischen Kriegsschiffe, um den Eindruck zu erwecken, daß der Angriff außerhalb der Hvheitsgewäfser erfolgt sei. Die Schiffe, die zu dem in dem 808-Ruf angegebenen Ort eilten, fanden jedoch keinerlei Spuren vor, so daß anzunehmen ist, daß die in dem 808-Ruf bezeichnete Position gefälscht war. Sonst hätte z. B. der brasilianische Dampfer „Bage" befttmmt noch Rettungsboote finden müssen, die jetzt angetrieben wurden. Augenzeugen beobachteten die Derfolgung und Beschießung des deutschen Dampfers zwischen 7 und 8 Uhr morgens, während der 808-Ruf erst um Va3 Uhr nachmittags erfolgte. Mehrere Zeugen sahen an Bord des englischen Kreuzers „H a w k i n s", als dieser in den Hafen von Rio de Janeiro einlief, einige Leute von der „Wakama", was darauf schließen läßt, daß die Mitglieder der „Wakama "-Besatzung, die nicht getötet worden waren, von dem englischen Kriegsschiff gefangen genommen wurden. Eine der Kanonen des englischen Kreuzers Dawkins" wies deutlich Spuren von Abschüssen auf, die erst vor roenigen Stunden erfolgt waren.
Moskau berichtet Einbruch in die Mannerheim-Linie.
Moskau, 18. Febr. (DNB.) Die fowjetrirfsi- fchen Heeresberichte an der karelischen Front melden: Seit dem 11. Februar habe Sowjetrußland den Angriff auf d i e Mannerheim-Stel- lung auf der karelischen Landenge konzentriert. Die Vorstöße der Sowjettruppen feien in drei Richtungen erfolgt: im Abschnitt von Summa (im Westen der Landenge), im Abschnitt von M u - ola (in der Mite der ßanbenge) und in dem schon früher hart umkämpften Abschnitt am Taipale e n - I o k i unweit des Ladogasees. Im Abschnitt von Summa fei es den Sowjettruppen gelungen, auf einer Breite von zehn Kilometer die vordersten Stellungen der Mannerheim-Linie zu durchbrechen und ungefähr zehn Kilometer tief in Richtung auf Wiborg (zunächst bis zu der Eisenbahnstation Kamärä) vorzustoßen. Nach den letzten Berichten habe die im Abschnitt von Summa operierende Sowjetarmee ihren Vorstoß sowohl in der Breite wie auch in der Tiefe beträchtlich erweitern können. Es dürfe daher kein Zweifel mehr darüber bestehen, daß im Rayon zwischen Summa und Wibora die Manne rh eim - Li nie von den Sowjettruppen durchbrochen worden sei. Damit seien die im Westen der karelischen Landenge (südlich von Wiborg) entlang dem Wiborger Meerbusen vermutlich noch operierenden finntsft^n Truppenteile abgeschnitten. Ferner ergäbe sich für die Sowjettruppen nunmehr die Perspektive, den Verteidigern der Mannerheim-Stellung von Wiborg aus in den Rücken zu fallen und auch die finnische Armee, die nördlich des Ladogasees stehe, zwischen der karelischen Landenge und der zentral finnischen Seenplatte einzukreisen. Die Sowjettruppen hätten an der Mannerheim-Linie insgesamt -162 befestigte Verteidigungspunkte und 41 eisenbetonierte Artilleriestellungen (Bunker) erobert. Die Führung der sowjettschen Armeen sei vor allem bestrebt, die Kampfhandlungen im Süden Finnlands vor dem Frühjahrs-Tauwetter zum Abschluß zu 'bringen.
Die finnischen Meldungen geben zu, daß bei den hefttgeiHKämpfen auf Der karelischen Landenge es den Rusten gelungen fei, weiteren Geländegewinn in den Abschnitten von Summa, ferner zwischen dem Muola-See und am Mukaren-Fluß und bei Taipala zu erzielen. In Helsinki sehe man jetzt die Lage in zunehmendem Maße als ernst an,
Kleine politische Nachrichten.
Der Führer hat Professor Dr. Sven Hedin in Stockholm zu seinem 75. Geburtstage ein herzliches Glückwunschtelegramm übersandt und dem großen Forscher das Großkreuz des Verdienstordens vom Deutschen Adler verliehen.
Der englische Dampfer „Baron A i l s a" (3656 Bruttoregistertonnen) ist in der Nordsee gesunken. Die Besatzung konnte außer dem Kapitän und einem Besatzungsrnitgiled gerettet werden. — Der holländische Dampfer „Ameland" (4537 Brt.) ist kurz nach der Alftahrt aus Hoek van Holland in der Nordsee auf eine Mine gelaufen. Das Schiff wurde in sinkendem Zustande von der Besatzung verlassen. — Nach einer Londoner Meldung fino in der Nordsee die beiden schwedischen Dampfer „Lian a" und „O smed" (1646 und 1545 Brutto- regiftertonnen) in der Nordsee gesunken.
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Präsident Roosevelt, der auf einer Erholungsreise an Bord des OS^.-Kreuzers „Tuscaloosa" unterwegs ist, erklärte, feine Fahrt habe die Panamazone zum Ziel. Dort werde er die Verteidigungsanlagen auf der atlantischen Seite des Kanals besichtigen und eine Konferenz mit den Militär- und Zivilbehörden der Kanalzone haben. Dabei soll eine verstärkte Kanalbefestigung besprochen werden.
32 Schiffe mit 128174 Btt. in einer Woche.
Der Wehrmachtsbericht vom Sonntag.
Berlin, 18. Jebr. (DNB.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: Bei einem Stoßtrupp, unternehmen westlich Werzig wurden mehrere Gefangene eingebracht.
Wie durch Sondermeldung bereits bekannkgegebeu. sind in der Woche vom 11. bis 17. Februar durch Einsatz der Seekriegsmittel an britischer, französischer und dem Feind nutzbarer neutraler Tonnage 32 Schiffe mit 128 174 Bruttoregiftertonnen versenkt worden.
lieber der Nordsee kam es auch gestern wieder zu einem L u f t k a m p f zwischen einem Bristol- Blenheim und einem Messerschmitt-Flugzeug. Das englische Flugzeug wurde zum Absturz gebracht. Oer Wehrmachtsbericht vom Samstag
Berlin, 17. Febr. (DNB.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
3m Westen wurden bei einem Spähtrupp- unternehmen am Warndt südwestlich Saar- brücken mehrere Gefangene eingebracht.
An der Oberrheinfront stellenweise leb- Haftes beiderseitiges MG.- und Gewehrfeuer.
(Ein deutscher 3äger schoß über der Nordsee ein englisches Flugzeug des Musters Bristol- Blenheim ab.
Kaufmann und Hausfrau.
Dem Einsatz des Kaufmanns in der Kriegswirtschaft und der Einstellung auf beiden Seiten des Ladentisches war eine Versammlung des thüringischen Einzelhandels in Weimar gewidmet, auf der der Leiter der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, Dr. Franz H a y l e r, die Forderung stellte, daß der Kaufmann heute mehr denn je eine enae Serbinbuna zu seiner Kundschaft suchen müste. Sem Kundendienst ist heute mehr denn ie ein „Versorgungsdienst". Der Kaufmann soll sich die Zeit nehmen, immer wieder aufzuklären und beim Kunden für Einsicht in die jeweils wechselnde Lage zu werben. Das Vertrauen des Verbrauchers ist das Gold des Betriebes. Es zu erwerben und zu erhalten, erfordert den Einsatz der ganzen Persön- licykeit. Der Kaufmann muß die Sorgen des Verbrauchers zu feinen eigenen machen. Gewiß ist er dem Anschein nach in vielen Fällen „der Stärkere" gegenüber dem Verbraucher, aber gerade diese lieber, legenheii werde ihm eine stärkere Verantwortung auferlegen, damit die Kundschaft nicht verärgert wird.
Daß aber auch d i e Hausfrau mit ihrem Verständnis für die oft nicht geringen Sorgen des Kaufmannes zur Erleichterung des Verkehrs im La- den viel beitragen kann, stellte die Reichsfrauen« führerin Frau Scholz-Klink in den Vordergrund. Die Hausfrau darf nicht nur immer an ihre eigenen Sorgen denken, sondern sie muß auch einmal einen Gedanken an die große Arbeitslast des Kaufmannes und feiner Frau wenden. Zu dieser Rücksichtnahme gehört es auch, der Frau eines ein- gezogenen Kaufmannes etwa mit der Sorge um die Kinder oder mit einem Handgriff im Laden zur Hand zu gehen. Auch die erwerbstätigen Frauen brauchen die Rücksicht der Hausfrau, die ihre Einkäufe leichter über den ganzen Tag verteilen kann. Die Hausfrau soll nicht aufbegehren, wenn einmal eine Ware nicht da ist, und dem Kaufmann nicht zumuten, ihr md)r zu geben, als ihr zusteht. Jeder Versuch einer Anbiederung beim 23er« kaufspersonal muß unterbleiben. Auch soll die Hausfrau kein Wettrennen von Laden zu Laden veranstalten, besonders dann nicht, wenn sie Waren sucht, die sie früher nie gebraucht hat. Ebenso sollte sie ein Verständnis für die Ladenschlußzeiten aufbringen, vor allem aber in jeder Situation die Ruhe bewahren und niemals den Humor verlieren. Anderseits schätzten es die Hausfrauen, wenn der Kaufmann liebenswürdig bis zur letzten Minute ist und keine persönlichen Sympathien oder Antipathien zur Schau trägt.
Sven Hedin, der Dichter.
Zum fünfundsiebzigsten Geburtstag des schwedischen Forschers am 19. Februar.
In welches Buch Hedins man auch schaut, immer wieder wundert man sich, einmal über den Weitblick des Verfassers, fremde Länder und Kulturen zu erkunden, Gebiete geographisch zu bestimmen und unter vielfältigen Gesichtspunkten zu durchforschen, die Sprachen der dortigen Völker zu erlernen, und bann über seine künstlerische Fähigkeit, das Geschaute und Erkundete mit Zeichenstift und Feder anschaulich festzuhalten. Wenn er von einem Som- merabenb in Bagdad, einem Zug durch die Salz- wüste ober einer zauberischen Mondnacht in mongolischen Bergschluchten erzählt, wenn er Fels- ober Flußlandschaften schilbert, so glaubt man, selbst dabei gewesen zu sein.
Als Hedin vor Jahren auf einer Forschungsreise durch China auf die Ruinen der alten Kaiserstadt Jehol stieß und nachdenklich durch die zerfallene Pracht schritt, belebten sich für ihn Die eingestürzten Paläste, die leeren staubigen Gemächer, deren Kostbarkeiten längst geraubt worden waren, die abgebröckelten Simse und die brüchigen Terrassen; bann versenkte er sich in bie uralte Geschichte biefes Landes und schrieb bas herrliche Buch „Jehol, bie Kaiser- stabt", bie früher ben chinesischen Herrschern als Sommerresidenz diente. Der Forscher ließ sie wieder erstehen in einem anmutigen Tal etwa zwanzig Tagereisen von Peking mit ihren Tempeln und Palästen, deren goldene Dächer über die stillen Wege der weiten Gärten schimmern, mit zierlichen Brücken über verträumten Teichen, mit Gartenhäusern, geschwungenen breiten Treppen und vielen lächelnden Buddhas — Schilderungen voll phantastischer Buntheit. Jehol war das Ziel von fast 500 000 Torguten, bie an ber Wolga saßen unb, plötzlich von ber Sehnsucht nach ihrer Urheimat gepackt, in einem Tobeszug ohnegleichen ostwärts manberten, nach verzweifelten Märschen burch Eis unb Wüste, nach furchtbaren Sttapazen und Kämpfen mit feindlichen Horden in Jehols stillen Gärten ankamen, vom Kaiser ehrenvoll empfangen und reich beschenkt. In Jehol wurde 1793 die englische Gesandtschaft wie die eines Vasallenstaates empfangen und mit der herablassenden Antwort abgefunden, der Sohn des Himmels werde dem „Landeskönig" wegen seiner Anmaßung nicht zürnen, wenn er weiterhin „zitternd gehorchen" werde.
Als Sven Hedins eigentlichen und „einzigen" Rowan bezeichnet ber Verlag Brockhaus des Forschers
Werk „Tsangpo Lamas Wallfahrt", das in zwei Bänden („Die Pilger" und „Die Nomaden") oorliegt. Es ist verständlich, wenn der Verfasser, der fast em halbes Jayrhundert im Osten verbrachte, als Schauplatz feines Romans jenen schwer zugänglichen Teil der Erde wählte, den er eigentlich erst für unsere Wissenschaft erschlossen hat, das geheimnisumwitterte „Dach der Welt", das Hochland von Tibet. Mit tiefem Einfühlungsvermögen wird der Werdegang
eines mongolischen Fürstensohnes und buddhistischen Pilgers geschildert. Wir sehen die Leute des Graslandes mit ihren einfachen Seelen und Sitten aufwachsen, bewundern sie in der Kargheit und Schönheit ihres täglichen Daseinskampfes, erleben, wie ber kleine Mongole um bas runbe schwarze Zelt ber Mutter bie ersten Schritte tut, wie er heranwächst zwischen Pferdegetrappel und Reiterspielen, staunen über bie Pracht ber Gastmähler unb Hochzeiten unb Über bie wilbe Steppentochter Dolma, bie auf ungesatteltem Kamelhengst burch die Einöde jagt und mit ihrer herben Liebe den jungen Pilger auf seinem Zuge ins Kloster vergeblich in Versuchung bringt Wild und ungezügelt, spröde und unnahbar tritt die Natur des Ostens wie eine Riesin hinter den Schicksalen der Menschen auf, wälzt Steppenbrände über das dürre Grasland, begräbt tausendköpfige Karawanen, Priester unb Bauern mit ihren Tieren, unter Stürmen von Sanb, läßt bie Verirrten mit Wölfen um ihr Leben kämpfen unb jagt ben Lauf ihrer Gezeiten mit betlemmenber Furchtbarkeit über ßänber
scher Entfaltung („An den Mond") stand „Sehnsucht" in Dielfältiiger Stimmung-gestalt gegenüber mit der reichen Frille des Schlusses. Den „Musensohn" durchzog Lebensbejahung km Lichte der Bild- haftigkeit.
Den Gaben aus Hugo Wolfs „Italienischem Liederbuch" wurde schöpferische Sprachgestattung zum Schlüssel. Der Zug des Jnnerlichen-Jntimen wurde wach in besinnlicher Jnnenschau, die durch die Feinheit der Einzeldurchdringung die musikalische Linie mit der Plastik des Gedanklichen zu- summenschmelzen ließ; als tief innig erfühlt sei „Wir haben beide lange Zeit geschwiegen^ hervor- gehoben mit der Verhaltenheit des Beginnes und dem Beglückenden des Schlusses. Groß war ber klangliche Aufschwung: „Ich hab' in Penna einen Liebsten wohnen".
Leidenschaftliches Liebeserleben mit glühendem Temperament durchwehte die ,Ligeunerlieder" von Joh. Brahms. (Das Werk, ursprünglich für Soloquartett geschaffen, wurde vom Komponisten selber für eine Singstimme umgearbeitet und gilt neben den „Ungarischen Tänzen" als sein sprechend- stes Bekenntnis zur ungarischen Volksmusik.) Gertrude Pitzinger ließ aus den Einzelsituationen des Zyklus jedes Lied in feiner Eigenart Gestalt gewinnen; impulsiv, schwungvvll, mitreißend im rhythmischen Akzent, neckisch, versunken, empfindungsstark gern eitet, so blühte jedes einzeln auf als organisches Glied einer geschlossenen Folge, in der Gesamtheit als der Ausbruch stärksten musikalischen Erlebens.
Max Reaers „Schlichte Weisen" wurden zum innigen Ausklang des Abends. Nach der Gefühlsgebanntheit bei Brahms berührte die Schlichtheit und Wärme anheimelnd in ihrer ursprünglichen, ungewollten, herzlichen Naivität. Und doch mit individuell erklang jedes Lied, ganz aus feiner Grundftimmung heraus, immer wieder aufs neue fesselnd, innerlich bereichernd durch die Vielfättib' feit des Einsatzes der stimmlichen Abstufungen bis zu feinster klanglicher Gelöstheit und durch das Erwecken auch des letzten Ausdruckswertes.
Im gegenseitigen Geben und Nehmen, im Austausch und im Eingehen auf einander war Heinz Schröter auch diesmal wieder gleichwertiger Mitschafsender am Flügel; selbständig im eigene« Anteil und zugleich schmiegsam im Anpassen und Mit- gehen. Das leider nicht voll besetzte Haus war bald von den Konzertgebenden gewonnen, und immer stürmischer brach begeisterter Beifall aus; die Sängerin dankte mit Sondergaben (u. a. Hugo Wolf: „Heimweh", Regen „Mariä Wiegenlied" unt Nordmahrrsche Volkslieder). Dr. Hermann Hering.
Gießener Konzettverein.
Liederabend Gertrude Pitzinger.
Gertrude Pitzinger ist zweifellos au einer ber markantesten Erscheinungen im deutschen Konzertgesang geworden durch die glückliche Verbindung der bedingenden Faktoren. Einer, wie schon früher von hier aus festgefteltt werden konnte, restlos durch- gebildeten, entwickelten und beherrschten Stimme von ausdrucksstarker Farbe, die hinter dem schönen Klang stets die Fülle des Gefühls mitfchwingen läßt, eint sich in ausgeglichenster Wirksamkeit musikalisch fundierte, ausweitungsfähige Gestaltungsgabe, die durch die Intensität des (Einbringens, Nachfühlens und Nachschaffens für den Liedgesang geradezu prädestiniert. Dazu tritt vertiefend ein Erfassungs- oermögen, das nicht nur jedem Stil volles Recht gewahrt, sondern darüber hinaus gerade auch die menschlichen Hintergründe erlebt und sie bestimmend ausschwingen läßt und so jeden Schaffenden vollgültig in seinem spezifischen Eigenleben erfaßt und ihn vollendet zu künden vermag.
So wurde Schuberts „Dem Unendlichen" zum verheißungsvollen Eingang. Akzentschwer in der Deklamation des Rezitalivischen und zugleich doch klanggebunden bei ■ größtmöglicher Plastik des Textes, weit in den Steigerungen mit ausschwingender Linie erschloß sich' die Welt des Pathetisch- Erhabenen. Vergeistigtem Naturempfinden» in lyri-
unb Völker hin. Einbrucksstark heben sich, besonbers im zweiten Banbe, bie prachtvollen Schilberungen aus bem Leben ber Steppentiere, der Murmeltiere, Jack, Wildesel, Wildgänse heraus, in ihnen ist die jahrtausendealte Kraft ber Natur noch lebendig.
Nur wer wie Hedin Jahrzehnte unter diesen Menschen und Tieren lebte, wer sich ihrem Klima, ihren Sitten unb Bräuchen so anzupassen wußte unb bie Geschichte biefer fremben Länder so kennt, konnte die Geschicke der Pilger und Nomaden vor uns auf- rollen wie einen mächtigen Fries, auf dem Völker und Naturmächte gegeneinander im Kampfe stehen.
Wir sehen in Sven Hedin auch den Deutschenfreund. Er hat, ohne Rücksicht auf seinen Weltruhm, seinen Glauben und sein Vertrauen auf Deutschland aufrechterhalten, er weiß, was er Deutschland verdankt, und diesen Dank hat er bekundet in seinem neuesten Buche „Fünfzig Jahre Deutschland", das in feinen Erinnerungen eine wertvolle Ergänzung bietet zu unserer Geschichte von der Schaffung des zweiten Reiches bis in unsere Gegenwart.
Hans Sturm.


