Ausgabe 
19.1.1940
 
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nur unter einem gewissen, sehr starken Zwang: nirgends wird man so schnell vergessen wie in un­serem Beruf! Zwei Jahre, ein Jahr vielleicht nur, dann heißt es:Diehl ... Diehl... ? Kenne ich gar nicht! Wer rft denn das ... ?Dieses unerbitt­liche Muß, sich in Erinnerung zu bringen durch eine neue Leistung, zu zeigen, daß man noch da und daß man reifer geworden ist, hat auch meinen General veranlaßt, mir in der liebenswürdigsten Weise Berufsurlaub zu gewähren. Er weiß ja außerdem, daß ich wiederkomme und gern wiederkomme!" W. Hoeppner-Flatow.

sein wird.

Wer die Entwicklung des Welthandels in der letzten Zeit vor dem Kriege und erst recht jetzt wäh­rend des Krieges beobachtet hat, der kann unschwer voraussagen, daß sich wohl weder die Hoffnun­gen Amerikas noch die Befürchtungen Europas be- Wahrheiten werden, und zwar aus dem Grunde, weil inzwischen die liberalistische Weltwirtschaft, wie sie bis kurz vor dem Kriege bestanden hat, dahin­gesiecht sein wird. An ihre Stelle aber wird ein Welthandel treten, wie er sich aus den langsam er- wachsenden W i r t s ch a ft s g r r äu me n er- geben wird. Diese Wirtschaftsgroßräume sind schon oft aufgezählt worden. Man tut aber gut, sie sich immer wieder in die Erinnerung zu rufen, um Fehlschlüssen zu entgehen. Es sind dies das Britische Imperium, Kontinent Amerika, der Ferne Osten, Italien mit seinem Imperium, Frankreich mit fei­nem Kolonialreich und der Großraum Nordkap- Schwarzes Meer bis nach Sibirien, in dem Deutsch­land, der Balkan und neuerdings Sowjet-Rußland eng miteinander verbunden sind.

Alle diese Wirtschaftsgroßräume werden nach einer Autarkie innerhalb ihrer weit besteckten Oren» zen streben. Diese Wirtschaftsgroßräume sind auch in der Tat groß genug, sich in ihren landwirtschaft­lichen und industriellen Erzeugnissen zu ergänzen. Selbstverständlich darf man auch in diesem Falle das Wort Autarkie nicht wörtlich mitSelbstgenüg­samkeit" übersetzen. Auch innerhalb der aufgezähl­ten Großräume wächst nicht alles und wird nicht alles hergestellt, wonach des Menschen Herz begehrt. Und so wird zwischen den Großräumen auch wei­terhin ein Austausch von Waren stattfinden. Dieser Warenaustausch nun wird der künftige Welt­handel fein!

Einen Welthandel wird es also nach dem Kriege nach wie vor geben. Nur wird ek erstens, weil er nur ein Spitzenaustausch ist, stark zusam­menschmelzen, und zweitens sich nicht mehr in der Hand eines einzigen Landes befinden. So ergibt sich, daß die Hoffnungen Amerikas zuschanden und

Als wir dann auf seinenTod" zu sprechen kom­men, auf das lange Zeit sich hartnäckig behaup­tende Gerücht, daß er gefallen sei, wird Diehl lebhaft, fast ausgelassen. Er selbst erhielt die Nach­richt von seinemTode" in einem kleinen Schwarz­walddorf, als er eines schönen Nachmittags im Oktober in das einzige Wirtshaus des Ortes kam, um dort seinen Kaffee zu trinken.Mit einer auf­fallenden Feierlichkeit wurde mir die Heimatzeitung überreicht, ich blätterte sie durch, fand mein Bild und stutzte: da stand doch wahr und wahrhaftig

fest, daß Ihr in Eurem eigenen Lande schlimm ge­haust habt. Hoffentlich seht Ihr bald ein, daß Euer Krieg sinnlos ist und Ihr nur für England sterben sollt!"

Dors zwischen den Fronten

Mit einem Spähtrupp nach Spichern.

3m Fernaufklärer über Frankreich unterwegs

Mit dem Lustbildgerät weit in Feindesland hinein. Wertvollstes Aufklärungsmaterial nach Hause gebracht.

Ein Frontbild von Carl Ludwig Diehl, dem be­liebten Filmdarsteller, der jetzt als Rittmeister tm Westen den feldgrauen Rock trägt.

(Presse-Bild-Zentrale-M.)

die Meldung, ich sei tot, und dazu ein sehr netter Nachruf, den ich mit großem Vergnügen gelesen habe. Offen gestanden: ich habe mich über bie eh rem den Worte sehr gefreut, hielt es dann aber doch für wichtig, meine Frau °nzuml-n und chr faaen: Du, hör mal zu und erschrick nicht! Jetzt ist' es so weit: ich bin gefallen und tot! Es muß stimmen, denn ich habe es eben in ^r Zeitung gelesen!" Damit war sie vorbereitet aus die zahl­losen Kondolenzschreiben und Bellerdsanrufe; aber

langsam in die Totenstille. Diese herrscht auch in der vom Friedhof umgebenen Kirche. Verlassen hängt die samtene Fahne desCercle des Hom­mes et des jeunes Gens (Männer- und Jünglings­verein) neben der Tür. Bor 70 Jahren lagen tn diesem Kirchenschiff, von der Schwelle bis zum Chor, die Schwerverwundeten aus der Schlacht um das Dorf und seine Höhen. Einmal nur, seit der Flucht der Gemeinde, ist es hier wieder lebendig geworden, als ein deutscher Spähtrupp zu Ehren J>es Führers am Heiligen Abend der Kriegsweih- Aacht die Glocken der Dorfkirche zwischen den Fron- Ren läutete.

I Es mag die Erinnerung an den Klang dieser USlocken gewesen sein, die vor kurzem den Ange­lhörigen einer französischen Arbeitskompanie Urlaub lin sein Heimatdorf nehmen ließ und der hier von »deutschen Soldaten in Empfang genommen wurde. IDer Mann hatte keine Ahnung davon, daß Spichem Ischon vor Wochen von seinen Kameraden aufgege- Iben war. In der gleichen Ahnungslosigkeit wurde Idas französische Volk in den englischen Krieg gejagt, teer Deutschland zerstückeln soll. Um die ihnen allein InützlicheOrdnung" zu retten, stellten die Herren Inner alten, überlebten Welt erneut dieses Kriegs- Ai el auf, das seit Richelieus Zeiten den Lebensraum Kes deutschen Volkes bedroht. Bis zu den Spicherer Möhen konnte das stärkere bourbonische Frankreich Kor 300 Jahren das lothringische Land einem ge- Mpalteten Deutschland entreißen. Hier wurde ihm Malt geboten. Es ist ein sinnloser Versuch des Pluto- Rratischen Frankreichs von heute, das Glück in Mnem Augenblick korrigieren zu wollen, in dem das Deutsche Volk zum ersten Male in seiner Geschichte Minter einer stählernen Führung zusammenge- Mchweißt ist, und, beschützt durch die beste Armee »der Welt, hier in der Westmark sein Lebensrecht I verteidigt. Adolf Schmid.

Was wird aus dem Wetthandel?

Noch ist der Bär nicht erlegt, da wird sein Fell bereits geteilt. So etwa kann man die Einstellung der n o roame ri kam scheu Geschäftswelt kennzeichnen, die sich mit dem Schicksal des Welthandels nach der Beendigung dieses Krieges beschäftigt. Versteht sich, daß die USA. am liebsten das ganze Fell einstecken möchten. Vieles scheint auch zunächst dafür zu sprechen, daß sich der Schwerpunkt des Welthandels von London nach Neuyork verlagern wird, welcher Auffassung auch der italienische Senator Luigi Bar- zini soeben imPopolo d'Jtalia" Ausdruck gegeben hat. Aber abgesehen davon, daß das Ende dieses Krieges noch nicht da ist, so erhebt sich doch ganz allgemein die Frage: Wie wird der Welthandel nach dem Kriege überhaupt aussehen? Die Nord­amerikaner rechnen damit, daß sie die Nachfolger­schaft Englands, dessen Welthandelsziffern von Mo­nat zu Monat immer mehr zusammenschrumpfen, als leichte Beute an sich reißen können. Indessen auch für die Weltwirtschaft und den Welthandel gilt das Wort: Alles fließt. Das will besagen, daß wir nach dem Kriege einer völlig veränderten Struktur des Welthandels gegenüberstehen wer­den. Daß auch Europa von dieser veränderten Struktur schon eine Ahnung hat, geht aus jenen Stimmen hervor, die befürchten, daß die künstige Weltwirtschaft eine Weltwirtschaft ohne Europa

selbst heute noch gibt es Leute, die es meiner Frau ernsthaft übernehmen, daß sie so vergnügt ist und sich weigert, meinetwegen Trauerkleidung anzulegen.

Am Abend nach diesem Telephongespräch saß Diehl, der damals gerade Kommandant des Stabs- guartiers eines Divisionsstabes geworden war, in seinem Dienstzimmer, als ein Anruf von einer be­nachbarten Abteilung kam:Kann ich einen Ihrer Offiziere sprechen?"Ja, bitte, hier ist ein Offi­zier am Apparat!" antwortete Diehl. Aber der Mann am anderen Ende der Strippe verstand of­fenbar nicht richtig und fragte nach dem Namen des Sprechers. Diehl, ein wenig ungeduldig gewor­den, meldete sich:Hier spricht Rittmeister Diehl!" Daraufhin ein erschrockener Laut am anderen Ende der Leitung, eine lange Pause und Hann eine etwas zaghafte Stimme:Diehl ...? Ich höre im­mer Diehl ...? Verzeihen Sie, aber ich bin ganz perplex! Ich habe nämlich den Aufttag, Ihrer Ab­teilung im Namen meines Kommandeurs unser Beileid zu Ihrem Tode auszusprechen!"

Einen geradezu großartigen Witz aber leistete sich der Straßburger Sender, der kurz nach dem Auftauchen des Gerüchts ungefähr folgendes mel­dete:Wie verzweifelt die Lage in Deutschland ist, beweist die Tatsache, daß dort heute bereits alle wehrfähigen Männer der Kunst und der Wissen­schaft eingezogen sind, so daß Das Kunstteben und die Forschung in Deutschland vollkommen brach liegen. Einer dieser Männer, der auch uns be­kannte Filmschauspieler Diehl, ist inzwischen ge­fallen." Am nächsten Tage aber leistete sich der Straßburger Sprecher folgende klassische Formulie­rung:Wir haben noch nie die Meldungen des deufichen Nachrichtendienstes geglaubt, mit einer einzigen Ausnahme: gestern, als wir den Tod des Schauspielers Diehl meldeten. Heute stellt sich her­aus, daß selbst das gelogen ist!"

Ein ganzes Paket Zeitungsausschnitte mit Nach­rufen hat Diehl bereits gesammelt, und merkwür­dig:Es kommen immer noch welche hinzu, ob­wohl sich doch langsam herumgefprochen Haven sollte, daß ich zusammen mit Olga Tschechowa, Ferdinand Marian, Elisabeth Flickenschild, Friedrich Kayßler, Lucie Höflich und Bruno Hübner unter M. W. Kimmichs Regie denFuchs von Glenar­van" drehe, ein Spiel - um die irdische Freiheitsbe­wegung, Ende Januar aber, wenn der Fuchs end­lich gefangen, geht es wieder hinaus, nach Westen, an die Front, in den Bunker--und ich freue

mich darauf! Ich bin Soldat: verstehen Sie, in erster Linie Soldat! Und wenn ich schweren Her­zens Urlaub zum Filmen genommen habe, dann

feinen Humor:Ich laste mich doch nlchk von der Seite anquatschen!", sagt er ...

Die schwarzen Wölkchen kommen bedrohlich näher, aber die deutsche Maschine fliegt weiter. Die Be­satzung weiß, daß sie sich auf ihre Maschine ver­lassen kann, sie hat sie schon in Polen aus allen Kämpfen heil nach Hause gebracht. Die Boden­abwehr jagt noch ein paar Granaten hinter dem Aufklärer her, dann stellt sie das Feuer ein.

Unbehelligt fliegen wir wieder nach Deutschland hinüber. In kurzer Zeit ist der Feldflughafen wie­der erreicht. Die Maschine rollt aus, steht. Schon hält ein Kraftwagen neben ihr, das Bildgerät wird entladen, das mitgebrachte Material zur Auswer­tung gebracht. Und schon wieder wird die Maschine hergerichtet, daß sie jederzeit zu einem neuen Auf­trag starten kann. Hans Herbert Hirsch.

Begegnung mit einemToten".

Eine Unterhaltung mit Karl Ludwig Diehl.

Wenn man auch weiß, daß es nur ein Gerücht mar, es ist doch ein eigenartiges Gefühl, einem Mann gegenüberzusitzen, Der im In- und Ausland totgesagt war und auf den ernsthafte Leute sehr ernsthafte Nachrufe geschrieben haben._ Neben dieser kleinenSensatton" aber ist man natürlich auch ge­spannt darauf, wie ein Schauspieler sich gibt; ber vier Monate an der Front war, und jetzt zum ersten Male wieder im Filmatelier steht.

Ja", lächett Karl Ludwig Diehl, als ich ihn frage, ob es chm nicht sehr schwer geworden fei, sich nach vier Monaten Krieg wieder in den Atelier­betrieb hineinzufinden,es ist mir zu Anfang sehr settsam vorgekommen, als ich geschminkt und in me Dekoration gerufen wurde. Es kam mir so unwic^ tig vor, was wir hier machen. Und trotzdem ich schon 10 Jahre filme; ich fühle mich fremd im Atelier und vor der Kamera! Aber Diehls gilt ge­schnittenes Offtziersgesicht mit den Hellen Augen und den zahllosen Falten und Fältchen lächelt das hat nur drei oder vier Tage gedauert. Dann habe ich mich zurückgefunden. Dann war ich rote- der ,^u Hause" im Atelier. Und dann habe ich auch erkannt, daß das. was wir hier machen, notwen­dig ist und getan werden muß. Daß es em«! Arbeit für das deutsche Volk ist und für Deutschland, genau so wie unser Tun draußen an der Front. Allerdings auf einer ganz anderen Ebene!

Mtt dieser gleichen Selbstverständlichkett, mit der der Rittmeister Diehl sich zurechtgefunden hat in den Bezirken des Films, hat auch der Schauspieler Diehl sich zurechtgefunden in den Bezirken des Sol- »n. Nicht nur, well er 1916 bis 1918 schon ftzier an der Front stand, fonbem well er auch seit 1935 schon regelmäßig ferne NestrveÜbun­gen gemacht hat.Da ich mit meinem aktwen Rex- ment ausrückte", erzählt,kannte mich die Mehr- zahl der Mannschaften und Offiziere schon. Ich bm also der etwas aufdringlichen Neugier, der 'ch sonst so häufig begegnen muß, entgangen. Von Anfang an war ich Kamerad unter Kameraden im Regi­ment, nicht das angestaunte Wundertier. Und wenn Sie mich nach dem eindringlichsten Erlebnis dieser Monate fragen, bann kann ich nur mit einem Satz anroorten, ber alle Erlebnisse biefer Zeit ^schließt - ich habe mich wohlgefühlt unter den Mannern brau­feen und gehe gern zu chnen zurück!

land. Die Spicherer Höhen selbst befinden sich schon jenseits ber Recchsgrenze. Um ihren Besitz tobte I eine der ersten, blurigsien, aber auch ruhmvollsten I Schlachten des Krieges 1870/71. An jenem 6. AugustW 1870, an dem die Franzosen geschlagen aus diesen W beherrschenden Stellungen zurückweichen mußten,» wurde einer der Pfeiler aufgeridjtet, bie die deutsche I Einheit über die Jahre des nationalen Verfalls I durch Versailles hinaus tragen sollten. Wie vor fall I 70 Jahren sah Frankreich auch jetzt wieder in den I Spicherer Höhen eine Bastion zur Bedrohung des I Saarlandes. Ende Oktober mußten die Poilus den I Berg unter dem nachhaltigen deutschen Druck auf-1 geben. Das Saartal rückte aus ihrer Beobachtung. I

Am Rande dieser Höhen beginnt das Nie ° I mands 1 and. Spichem liegt mitten drin. Das I Warnungsschild vor der letzten Deckung:Vorsicht! 1 Nicht weitergehen! Wird vom Feind eingesehen!" I gilt nicht für den Spähtrupp, der sich an I diesem falten, von einem schneidenden Nord ost I durchwehten Januarmorgen über die Stolperdrähte, | durch eigene und seindlchie Hindernisse langsam dem | Dorfe nähert. Don einem alten, grüngestrichenen, I deutschen Zollhaus aus sind die ersten Dächer ficht- I bar Dor ihnen der dunkle Block eines französischen ' Zollbunkers. Es ist fast wie ein Symbol: Auf der einen Seite das schlichte, für den Frieden gebaute Bretterhäuschen des ehemaligen deutschen Zoll­postens mit einer dünnen, kräftigen Händen kaum Widerstand leistenden Schranke auf der anderen Seite der drohende massive Betonbunker der fran­zösischen Zöllner. Aus vier tiefen Schießscharten konnte daraus bie Straße ins Reich bestrichen wer­den. Stahlplatten bilden die Wände, und eine von innen fentbare, schwere stählerne Schranke diente zur Straßensperre. Dicht davor, wo einst eine Stra­ßengabelung war, klafft ein riesiger Sprengtrich­ter. Während der nassen Novembertage lief er voll Wasser Heute glänzt eine dicke Eisschicht aus dem Krater Daß Spichem mit allen Mitteln verteidigt werden sollte, davon zeugen nicht nur die feld- mäßigen Befestigungen rings auf den Gelände­wellen, sondern auch die vielen Barrikaden am Dorfeingang. Eine sechsfache Sperre ist hier er­richtet. Meterdicke Steinmauern, Wagensperren, spa­nische Reiter, Bauerngeräte, Ackerwalzen, Mäh­maschinen und Heuwender sind zusammengefahren und aufgetürmt.

Morgen um Morgen muß ber deutsche Spähtrupp durch dieses Dorf gehen. Es liegt in dem Niemands­land zwischen den Fronten, von der einen nicht viel weiter entfernt als von der anderen. Das Innere der Häuser bietet ein trostloses Bild der Verwüstung. Es gibt so gut wie nichts, was darin unbeschädigt ist. In wirrem Durcheinander häuft sich auf dem Fußboden, den Gängen und Höfen, was bie Haus­frau in vielen Jahren mit Mühe an Wäsche und Kleidungsstücken gepflegt und aufgespeichert hatte. Zerfetzte Briefschaften, Photoalben und Bücher lie­gen zerstreut; Kinderspielsachen sind bedeckt mit zer­brochenem Geschirr und zerschlagenem Hausrat. Zersplittert hangen bie Spiegel an der Wand, und aus den leeren Fensterrahmen wehen, wie weiße Fahnen der Ergebung in das Schicksal, die schmutzig gewordenen Gardinen. Spichem lag nie unter Ar­tilleriefeuer. Fast unbeschädigt sind auch Dächer und Mauern ber Gehöfte.

Es war nicht das unumstößliche Gesetz des Kamp­fes, das hier unvermeidliche Zerstörungen angerich- tet hatte. Frankreichs koloniale Hilfstruppen durften sich hier mtt geradezu sadisttscher Lust austoben, bevor sie von den Deutschen weitergejaat wurden. An einem bekannten Platz, wo auch oer Feind, wenn er hier herumsucht, vorbeikommen muß, drückt ein Plakat den Abscheu des deutfchen Soldaten vor dem barbarischen Zerstörungswerk in Spichem aus: Franzosen! Ein deutscher Spähtmpp stellte soeben

stehen winzig klein auf dem Rollfeld. Am Horizont taucht ein größerer Dunstkreis auf: Das muß Paris fein! Jawohl, es ist Paris, die Karte beftätigt es. Schade, daß der Auftrag anders lautet, ein kleiner Abstecher nach ber französischen Metropole wäre nicht zu verachten.

Seit einiger Zeit arbeitet das Luftbild gerät. Auf­nahme um Aufnahme entsteht. Wir können uns nicht genug über die günstige Wetterlage freuen, die Bilder müssen einfach fabelhaft werden! Wie über einer riesigen Landkarte fliegt die Maschine, offen ausgebreitet unter sich Feindesland. Mit dem bloßen Auge ist jetzt jede Straße, jedes Wäldchen zu erkennen.

Plötzlich beugt sich der Beobachter in seiner Glas- kanzel noch weiter noch vorn, blickt gespannt nach unten. Militärische Anlagen erscheinen im Blickfeld, Kasernenbauten und Teile von Befestigungsanlagen! Und wieder arbeitet das Bildgerät, jede Einzelheit genau festhaltend. Deutlich erkennbar ziehen sich die Schienenstränge der Eisenbahnlinie zu den Bauten hin, lebhafter Zugverkehr läßt auf etwas erhöhte Bewegung bei den hier untergebrachten Truppen­teilen schließen.

Aber bie Auswertung der gemachten Aufnahmen ist ja nicht Sache ber Besatzung. Für die Männer in der Maschine geht es darum, wertvolles und interessantes Material nach Hause zu bringen, an­hand dessen die vorgesetzte Dienststelle Schlüsse ziehen kann. Aufnahme um Aufnahme entsteht, bis der Auftrag erfüllt ist. Der Flug war erfolgreich, der Pilot freut sich, der nun auf das Zeichen des Beob­achters die Maschine wendet und wieder Kurs auf Deutschland nimmt.

Der Beobachter hat das Bildgerät abgeschaltet und beugt sich wieder nach vorn, um Ausschau zu halten nach feindlichen Jägern, ober nach den be­kannten Detonationswölkchen ber Flak-Granaten. Er deutet plötzlich nach links, dort hat eine Flak- Batterie die Maschine erkannt. Der Franzmann schießt! Unbeirrbar und ruhig fliegt der Pilot wei­ter. Er hat auch in den brenzlichsten Situationen

preußische Aarde.

Als das 2. Garderegiment zu Fuß am 18. August 1870 auf der Höhe von Habouville hielt, bevor es seinen Marsch über St. Marien nach St. Privat an- trat, der bas Regiment 39 Offiziere und 1067 Mann kosten sollte, meldete sich ber ©renabier Friedrich von der 4. Kompanie in Mantel und Schlafschuhen, ohne Gewehr, bei seinem Kompaniechef, dem Grafen Rantzau, zur Stelle. Gefragt, woher er in diesem Aufzuge käme, berichtete Friedrich, daß er am Mor­gen wegen schlimmer Füße zur Bagage geschickt worden sei. Als er nun gehört habe, daß bas Re­giment wahrscheinlich noch am gleichen Tage ins Gefecht kommen würde, habe er den die Bagage beaufsichtigenden Unteroffizier gebeten, ihn zu ent­lassen. Der habe ihm seine Bitte abgeschlagen, und deshalb habe er einfach seine Sachen zurückgelassen, sich heimlich daoongeschlichen und gesucht, bis er seine Kompanie gefunden habe.

Der Kompaniechef fragte den Ausreißer, woher er denn ein Gewehr für ihn nehmen solle. Friedrich antwortete ruhig:Herr Graf, entweder werde ich zuerst totgeschossen, dann gebrauche ich fein Gewehr, ober es kommt zuerst ein anderer dran, dann nehme ich dem feines!^Friedrich", sagte der Graf,Sie wissen, daß ich Sie bestrafen muß, weil Sie gegen den Befehl Ihres Vorgesetzten vom Krankenwagen ausgerissen sind; aber trotzdem" bei diesen Wor­ten nahm er den Helm ab .wenn Sie heute davonkommen, so erzählen Sie Ihrem Vater, daß Ihr Kompaniechef den Helm vor Ihnen abgenom- men hat, und daß er glücklich sein soll, einen so braven Sohn zu haben."

Friedrich wurde später verwundet, geheilt und er- hielt das Eiserne Kreuz. Graf Rantzau aber erhielt am gleichen Tage die Verwundung, an der er nach monatelangem Leiden starb.

PK. Ue-ber bas Rollfeld des Feldflughafens pfeift ein kalter Winterwind. Gerade wird wieder eine Ma­schine startklar gemacht. In zehn Minuten wird sie auffteigen zum Flug über Frankreich. Und morgen wird der Heeresbericht wieder melden:Die Luftwaffe setzte ihre Aufklärungstättgkeit fort ..."

Der Auftrag, mit dem die Maschine nach Westen fliegt, ist in der Flugbesprechung bis ins kleinste durchgesprochen worden, alle Vorbereitungen sind getroffen, die Geräte sind eingebaut, und jetzt lau­fen die Motore, ihr Dröhnen schwillt mal an, bald verebbt es wieder. Der Bvrdmvnteur bremst bie Maschine ab, die Brenmsklötze werden weggezoaen und schon jagt das Flugzeug mit immer größer merbenber Geschwindigkett über bie verharschte Schneebecke des Rollfeldes.

Meterhoch flieh der Schnee auf, ein wunderbares Bild! Das Fahrgestell hebt sich vom Boden, die Maschine fliegt. Nach tnenigen Sekunden hat sie ber Dunst schon verschluckt. Die Sonne, die irgendwo hinter den Wolken hockt, vermag nicht durchzu- brechen. Aber ber Dunstschleier liegt nur wenige Meter hoch über dem Gelände; plötzlich reißt die Wolkendecke auf. Der Beobachter beugt sich vor, klare Bodensicht ermöglicht eine einwandfreie Orien­tierung. Nur kurze Zeit ist seit dem Start vom Feldflughafen vergangen, jetzt ist die Maschine be­reits über französischem Boden. Noch ist ber Zeit­punkt für ben Einsatz bes Bildgerätes nicht da, noch gilt es, eine Strecke zu fliegen, aber schon werden bie Apparate fertiggemacht, um bei Er­reichen bes befohlenen Abschnitts sofort anfangen zu können.

Jeder einzelne der Besatzung paßt auf, ob sich nicht von irgendwo ein feindlicher Jäger nähert, aus ber gläsernen Bugkanzel läßt sich ein weites Gebiet übersehen. Der Bordfunker liegt ttn Heck­schützenstand auf der Lauer. Aber ungesehen und ungestört kann die Maschine ihren Kurs verfolgen, kein feindlicher Jäger ist ihr auf ber Spur, auch bie Flak hat bas Flugzeug nicht bemerkt.

Tief unten ein Flughafen. Ein paar Maschinen

PK. Wenige Kilometer südlich Saarbrücken steigt aus der gewellten Ebene, in der die Hauptstadt des Saargebietes liegt, ein Höhenzug empor. Mit steilen Hängen Überhöht er um rund 100 Meter seine Um­gebung. Es sind die Spicherer Höhen. Zu ihren Füßen liegen die ZollhäuserGoldene Bremm". Hitr scheiden sich Frankreich und Deutsch-