Der unbestechliche Kritiker.
König Dionysius von Sizilien war ein heimlicher Dichter. Seine Höflinge bewunderten schmeichlerisch die Verse, die der König ihnen gern vorlas. Nur der Gelehrte Philoxenes gab der Wahrheit die Ehre und scheute sich nicht, des Königs Gedichte zu tadeln, lieber diese Respektlosigkeit wurde der Tyrann so zornig, daß er Philoxenes auf die Galeeren schickte.
Nach einiger Zeit gelang es den Freunden des Gelehrten, den König milder zu stimmen und die Freilassung des Verurteilten zu erwirken. Dionysius zog ihn wieder zur Tafel. Einmal las er wieder eines feiner Gedichte vor und forderte Philoxenes auf, feine Meinung über die Verse zu äußern.
Da wandte sich Philoxenes, ohne dem König zu antworten, xur Leibwache und sprach: „Bringt mich wieder auf Die Galeeren!"
Zeitschristen.
— Berlin und Rom, die das zukünftige Gesicht des Kontinents bestimmen werden, zeigt das Df« toberheft der „neuen I i n i e" (Verlag Otto Beyer, Leipzig) in schönen Gegenüberstellungen. Hier die unenouche, dort die ewige Stadt, unvergleichbar miteinander, aber von derselben jungen Dynamit erfüllt. Die Brücke, die hier von der Hauptstraße des Reiches zum imperialen Rom geschlagen wird, findet ihr Gegenstücke in der Brücke zwischen Front und Heimat, die in dem Aufsatz über das Wirken der PK.-Bilüderichter sichtbar wird. Die ganzseitigen Farbfotos geben ein unverfälschtes Bill) von der Wirklichkeit des Krieges. Peter Bamm, der alte Mitarbeiter der „neuen linie", schreibt aus dem Felde einen Beitrag über die Männer, die jetzt ihren zweiten Krieg erleben und die — wie einst« mals Odysseus — vom großen Wind an eine ferne, unbekannte Küste getragen werden. Gemälde von Paraden der Biedermeierzeit, Lebensbilder von Müttern des 19. Jahrhunderts, eine Bilderfolge aus einer Lappenschule und moderne Architektur sind Beiträge, die jeder für sich eine ganze bestimmte geistige Haltung einnehmen. Eine Novelle und der ausgedehnte Modenteil runden das interessante und vielseitige Heft ab.
auskennt, von deutschen Einrichtungen aber sehr wenig Ahnung Halle und hat.
Die in Jahrhunderten herausgebildete Reichs- fremdheit und Stumpfheit gegen den französischen Einfluß, gegen die sich nur selten Stimmen erhoben, die auf Die durch den deutschen Charakter der Eidgenossenschaft bedingte Unnatürlichkeit des Verhältnisses zu Frankreich hinwiesen, ließen die Eidgenossenschaft zu einem wichtigen Faktor französischer Ostpolitik werden. Jahrhundertelange Gewöhnung an Frankreich schuf die geisllg-seelische Vorbereitung für die passive Hinnahme — wenn wir von dem heftigen Widerstand kleiner Gebiete der Schweiz absehen — ja tellweise begeisterte Begrüßung des französischen Protektorates in der Epoche der französischen Revolution bzw. Napoleons. Gezwungener- maßen zwar ließ sich die Schweiz während des Weltkrieges teilweise in den Wirtschaftskrieg gegen
das Reich einspannen, sie ließ sich drückende Heber« wachungsmaßnahmen durch die Westmächte gefallen, wobei in unserem Zusammenhang betont werden muß, daß die subjetlloe Widerstandskraft gegen diese Einspannung äußerst gering war. Die Erdgenossen- schaft hatte zwar nicht die Kraft, dem Zwange zu widerstehen, was aber wichtiger noch ist, sie Halle auch nicht den Willen dazu. —-
Die Schwäche des Reiches Halle die Schweiz groß werden lassen. Gold und Gewöhnung fesselten den politischen Blick in der Richtung nach Frankreich. Von dort holte sich die Schweiz ihre politische Heilslehre. Das Reich war ihr gleichgültig geworden. Und es ist wohl nicht fasch, wenn Die Quelle Des zu Zeiten heftig auftretenden Hasses und scharfer Reichsfeindschaft in der Furcht des Abtrünnigen, des sich vom natürlichen Verbände Gelösten gesucht wird.
„Die Initiative hat der Feind "
Genf, 17. Oft (DNB.) Trotz aller Bemühungen Churchills, außer den militärischen auch die politischen Niederlagen zu verschweigen, bleibt die Wahr- heit über die peinliche Lage Englands der britischen Oeffentlichkeit nicht verborgen. So wird in offenen Briefen an die „Daily Mail" neben heftiger Klage über Verzögerungen beim Post- und Telegrammverkehr über Wucherpreise der Hausbesitzer und Kaufleute in den Flüchtlingsgebieten auch bittere Kritik an der Außenpolitik Englands laut. „Es scheint", so heißt es in einem dieser Briefe, ,daß unser Auswärtiges Amt inRumänien wieder einmal in's Hintertreffen gekommen ist. Was wäre das für eine 'große Sache, wenn wir einmal die Ersten wären, anstatt immer von jedem Ereignis überrascht zu sein." Ein anderer Schreiber meint verbittert: „Man hat uns in Dakar überlistet, ebenso wie in Rumänien. Rumäniens Oel für Deutschland ist ein großer diplomatischer Sieg der Achse."
Völlige Ratlosigkeit klingt auch aus einem Leitartikel Des „Daily Herald". Hier heißt es: Seit der Krieg begonnen hat und schon Jahre vorher war unsere Frage immer: Was wird Hitler jetzt tun? Hitler entschied über die Zukunft Spaniens, besetzte Prag, erreichte unter unserer Nase einen Pakt mit
„Haushohe Vomdenttaln."
Auch am Donnerstag überaus heftige deutsche Luftangriffe.
Rußland, Hitler kam uns in Norwegen, Dänemark, Holland und Belgien zuvor. Er legte Frankreich an die Ketten. Er ging nach Rumänien. Und jetzt fragen wir uns wieder: Was wird Hitler jetzt tun? Wo wird fein Schlag zu fühlen fein? In welcher Richtung wird er geführt? Bequeme Leute sagen: Wo immer er auch hingeht, sind wir bereit, ihn zu empfangen. Ein schwacher Trost. Optimisten prophezeiten, er würde sofort zusammenbrechen, wenn Die Invasion Englands nicht im September gelingt. Es scheint nicht, als ob wir recht hätten. Was für Hiller gUt, gilt auch für Mussolini. Er Drang ins SomalilanD ein und besetzte es, unD nicht mir fielen in Abessinien ein. Er steht in Aegypten und nicht wir in Libyen. Kurz, die Initiative während des Krieges hatte und hat der Feind. „Wir wollen, daß man m Deutschland, Italien und in der Welt fragt: Was wird England jetzt tun? Die Wirkung einer erfolgreichen britischen Offensive wäre wunderbar." — An dem Willen Englands nach größerer Jnitiattoe wird niemand zweifeln. Harten Tatsachen gegenüber nützen aber alle Wünsche nichts. Auch England wird bis auf Den GrunD Die Suppe auslöffeln müssen, Die es sich selbst eingebrockt hat!
fremdhell um die Mille des 15. Jahrhunderts heraus, ja sie äußert sich jetzt schon in einer mißtrauischen Zurückhaltung, die verstärkt wird, als Habsburg die oberste Spitze des Reiches repräsentiert; mußten sie doch fürchten, daß Habsburg mit Hilfe der Reichsautorität feine alten Ansprüche erneut erheben und durchzudrücken versuchen würde.
Die Widernatürlichkeit Des Wegstrebens der Eidgenossen vom Reiche rft von Den Zeitgenossen sehr deullich empfunden worden. Dor allem wurde Dem Abscheu vor ihrer Rebellion, vor dem „verDerblichen Unwesen" Der Schweizer AusDruck verliehen. Man bezichtigte „Die falschen Schwizer" der .„Hoffart"^ man warf ihnen vor, „Das heilige Rick geschwächet" zu haben. Dem Reich ungehorsam zu fern unD „Des Halligkeit" zu verfolgen.
Deutlich unD augenfällig roirD die vollkommene ReichsfremDheit der Eidgenossen, als diese vom Reich an ihre Verpflichtungen erinnert werden. Die Reformoersuche Kaiser Maximilians stießen auf den hartnäckigen Widerstand der Eidgenossen. Sie roeigerten sich ausdrücklich . „zuo des richs gespräch zu sitzen". Maximilian bezeichnet sie als „Reichsfeinde" und beschuldigt sie Der „Un= trüm, Der Derhassung Der tütschen nation, ihrer rechten natürlichen Herrschaft". Der Versuch Maximilians, die EiDgenossen durch militärische Macht zur Erfüllung chrer Pflichten gegenüber dem Reich zu zwingen, mißlang. Der Kampf, der um diese Entscheidung geführt wurde, offenbarte eine Heftigkeit, wie sie nur Bruderkriegen eigen ist. Auf beiden Seiten wurde in dieser einzigen militärischen Auseinandersetzung zwischen dem Reich und den Eidgenossen mit einer geradezu haßerfüllten Stimmung gefochten. Die Schärfe des Wort- und Federkrieges zwischen den feindlichen Brüdern erhellt aus einer Bestimmung des den „Schwabenkrieg" beendenden Basler Friedens von 1499, die den weiteren Gebrauch von Schmäh- und Spottschriften mit Stra- fen bedroht.
Mit dem Schwabenkrieg war die faktische Iren, n un g Der Schweiz vom Reiche vollzogen. Die Ent- jremDung der Eidgenossen vom Reich war derart fortgeschritten, daß sie sich sogar verbaten, weiter als „Glieder des Reiches" bezeichnet zu werden. Mll dem Schwabenkrieg war der Schlußpunkt hinter eine Entwicklung gesetzt worden. Die über die Reichs- freibeit, unter Ausnützung der Schwäche des Reiches, über eine durch Die periphere Lage geförderte Entfremdung zur Reichsfeindschaft geführt hatte. Nicht dem Jahre 1648, dem Datum der formellen Eremption Der Schweiz vom Reiche, kommt entscheidende Bedeutung zu, wesentlich für die Be- ziehung der Eidgenossen zum Reich ist das Jahr 1499, das auch in der Erinnerung der Schweizer viel stärkere Kraft besitzt. Wie kaum in einem an- deren Lande spiegelt man sich in der Schweiz in Den Taten früherer Geschlechter. Besonders gern erinnert sich Der Schweizer her Gegenwart Des Schwabenkrieges und feiner für Die EiDgenossen entscheidenden Erfolge, wobei festzustellen ist, daß der Durch- schnittsschweizer ihn als glorreich abaeichlagenen „Angriff" der „Schwaben" betrachtet. Bedeutungs- voll hingegen ist es, daß die Eidgenossen die den tiefsten Verfall und die größte Ohnmacht des Reiches sanktionierende europäische Versammlung in Münster zum Anlaß nahmen, unter tatkräftiger Unterstützung Frankreichs die Schweiz, altes deut- sches Land, auch formell aus dem Verband des Reiches zu lösen.
War die eigenbrötlerische, parsikularistifche Abson- derungs. und Vereinzelungssucht der ursprüngliche Motor der Entfremdung vom Reiche, so kann die enge Verflechtung mit Frankreich als weitere Ursache der Abstumpfung und Gleichgültigkeit gegenüber dem gesamtdeutschen Schicksal bezeichnet werden. Erkennen wir nach der ersten Berührung her Eidgenossen mit Frankreich um die Mitte des 15. Jahrhunderts im Verhältnis Frankreich Schweiz eine gleichwertige Partner- schäft, so muß für die spätere Zeit dos Verhältnis der Schweiz zu Frankreich als eine Art Vafallt t ä t angefprocfvm werden, deren Spuren und Folgen bis in hie Gegenwart hinein festzustellen sind. Ein gewaltiger Strom von Menschen ergoß sich aus her Schweiz nach Frankreich, als Gegenleistung strömte französisches Geld zurück, es brachten aber auch Die Söhne Der führenden Familien französische Kultur, französisches Wesen mit nach Hause. Der Goldstrom ließ die Eidgenossen gegenüber den französischen Begehrlichkeiten und Hebergriffen gleichgültig werden, er richtete die Blicke her Eidgenossen so nach Westen, daß sich der Schweizer wohl in französischen Einrichtungen auskannte und
Stockholm, 17. DEL (Europapkeß.) lieber die in der Nacht zum Donnerstag durchgeführten beut- (eben Angriffe gegen London und weite Gebiete der englischen Insel besagen offizielle Berichte noch we- Niger, als das bisher der Fall zu sein pflegte. Es wird bekannt, daß die Zahl der eingesetzten deut- scheu Maschinen erneut nach Hunderten zahlte. Die Zahl der abgeworfenen Bomben ging in die Tausende. Der Londoner Nachrichtendienst spricht von einem Vorhang des mörderischen Abwehrfeuers, von günstigem Wetter für die Deutschen, und in anderen MeÜmngen heißt es, die deutsche Luftwaffe habe der Londoner Bevölkerung Mittwochabend wenig Zeit gelassen, um sich vom Tagesbombarde- ment auf die Nacht umzustellen. Nach einer weiteren Darstellung des englischen Nachrichtendienstes waren die Angriffe gegen die englische Hauptstadt gegen 22 Uhr englischer Zeit in vollem Gange, und noch acht Stunden später eingesetzte Maschinen gingen erneut zum Angriff über. Die deutschen Luftangriffe auf England waren auch am Donnerstag, wie der englische Nachrichtendienst mitteilt, sehr heftig. Südengland erlebte fünf Angriffe. An jedem einzelnen Angriff nahmen über hun- D e r t deutsche Fleugzeuge teil. Der britische Nach- richtendienst stellt fest, Die deutschen Flugzeuge hat. ten eine unheimliche Geschwindigkeit entwickelt. Auch über London wurden in Den Nack- mittagsftunben Des Donnerstag mieDer deutsche Bombenflugzeuge gesichtet, die teilweise in der Stadtmitte, zum größten Teil aber über den Außenbezirken ihre Bomben abwarfen.
,Hn Den Londoner Stadtteilen, die von den deutschen Bombardierungen am wenigsten mitgenommen sind, findet man auf den Hauptverkehrsstraßen aller drei Autobusminuten haushohe Bombenkrater", schreibt der Londoner Vertreter von „Dagens Nyheter". „Der Stadtteil, den mein Autobus durchfährt, gehört kaum zu den am heftigsten bombardierten, die Zahl der Einschläge
ist an anderen Stellen sicher größer." Auch andere Blätter schildern die Wirkung der deutschen Bombeneinschläge. Große Häuser von acht Stockwerken sind durch Bombeneinschläge in des Wortes wahrster Bedeutung w e g r a f i e r t worden. — „Svenska Dagdladet" spricht von einem „weltbekannten Platz" (vermutlich der Trafalgar Square), an dem zwei große Geschäftshäuser dem Erdboden gleichgemacht wurden. Alle Fenster der umliegenden Geschäftshäuser wurden zertrümmert, die Straßen waren dicht mit Trümmern und Splittern übersät. Durch eine Bombe stand eine Möbelfabrik in wenigen Sekunden in hellen Flammen. Andere Gebäude dienten den deutschen Maschinen durch ihre sehr hohen Flammen als ausgezeichnete Drientierungs- punkte.
In der Stockholmer Zeitung „Nya Daglight Alle- handa" heißt es über die Angriffe in der Nacht zum Mittwoch: „Die deutschen Angriffe von heute Nacht waren kürzer als in den vergangenen Nächten, aber dafür bedeutend intensiver. Die Aktivität der Luftabwehr war so träftig wie nie zuvor. Den Salven der Sperrbatterien folgten der- art starke rollende Laute, daß man unmöglich Die explodierenden Bomben von ihnen unterscheiden konnte. Große Mengen Brand- und Explosio- bomben wurden abgeworfen. Die Leuchtbomben erhellten große Teile der Stadt. Mehrere große Feuersbrünste entstanden". „Göteborgs Handelsund Schiffahrtszeitung" berichtet, die deutschen Flugzeuge seien unmittelbar nach Eintritt der Dunkelheit in Gruppen von vier, fünf und sechs Maschinen erschienen. Zunächst seien Leuchtbomben abgeworfen worden, und an diese reihten sich dann die Sprengbomben. Es seien g e w a l - ti g e Feuersbrün st e entstanden, zum Teil auch In den Randgebieten der Stadt. Auch am Tage seien Angriffe erfolgt und zwar mitten in der lebhafte st en Verkehrszeit. Die
Englische Strategie gegen England.
Heute steht das hoch empfindliche London, in dessen wirtschaftlichem Weichbild ungefähr ein Viertel der Gesamtbevölkerung Großbritanniens wohnt, im Mittelpunkt des Luftkrieges. Das ist eine Revolution in der Kriegsgeschichte. Sie wird dadurch gekennzeichnet, daß sich die herkömmliche brttische Strategie gegen England wendet, während Die englische Luftwaffe ebenso wie die englische BoDenabwehr auf die Methoden einer Festland- macht zurückgeworfen werden.
Das Wesen der eigentümlichen britischen Strategie ist eine F l o t t e n st r a t e g i e. Die Flotte hat eine sehr viel größere Beweglichkeit als eine Landarmee. Sie verbürgt eine „Allgegenwart". Die Flotte ist Tag und Nacht unterwegs; Das Landheer muß Ruhepausen einlegen. Ist einmal erst — was immer sehr schwierig war und heute noch schwieriger ist — eine große Flotte ausgerüstet, so kann sie sehr erhebliche Mengen von Mannschaften und Material transportieren. Sie entzieht sich zugleich her LanDbeobachtung Des Gegners. Sie kann daher Das Ueberraschungsmoment voll entwickeln und auf diese Weise Nervenpunkte des Gegners empfindlich treffen Nun wird erst klar, welche Revolution das Flugzeug in her britischen Strategie angerichtet hat. Zwar kann sich das Flugzeug nur sehr viel kürzere Zeit in der Luft halten als das Schiff auf der offenen See, aber es gleicht Diesen Mangel durch seine Schnelligkeit in küstennahen Gewässern aus und beraubt die Flotte gänzlich des Heber« rafchungseffektes. Dieses Ueperrascyungsmoment wirkt sich aber nicht nur gegen die englische Kriegsflotte, sondern auch gegen die englische Luftwaffe aus.
Das Ueberraschungsmoment gründet sich auf bie Gewandheit unserer in Spanien, Polen, Skandinavien urto Frankreich erprobten Piloten; auf bie technische Leistung ber Maschinen, aus her über« flügelnoen Lage der beutschen Lufthäfen von Westfrankreich bis hinauf nach Norwegen, schließlich unb hauptsächlich auf den offensiven Geist, mit dem ber Luftkrieg von Deutschland im englischen Luftraum seit jeher geführt wurde. Und gerade dieser offensive Geist verschärft das Ueberraschungsmoment unendlich: wer in ber Offensive liegt, bestimmt den Kampfraum; wer in ber reinen Abwehr liegt, muß überall gerüstet fein, schwächt badurch die Stoßkraft am entscheibenden Punkt unb läßt sich daß Gesetz bes Hanbelns vorn Gegner aufzwin« gen. Durch bie starken Verluste und ben verzettele ten Einsatz — man bente nur daran, baß auch die englische U-Boot-Abwehr ben Einsatz sehr vieler Flugzeuge notroenhig madjtl — ist bie englische Luftwaffe in bie Lage gekommen, die ber beutsche Wehrmachtbericht vom 16. Oktober mit wenigen präzisen Worten Umrissen hat: „Obwohl die briti« schen Jäger eine Gefechtsberührung vielfach zu vermeiden suchten, konnten sie in mehreren Fällen von unseren Jagdverbänden g e ft e 111 u nd geschlagen werben." In bieser genauen Fixierung bes Tatbestandes liegt bie Feststellung, baß dank bes Flugzeuges bie Vorteile ber bisherigen spezifisch englischen Flottenstrategie zu unseren Vorteilen geworben sinb, bie nun gegen England wirken. Dr. Ho.
Zerstörung eines Sägewerkes wird gemeldet. Auch eine Konfektionsfabrik fei getroffen worden. Die für die Aufräumungsarbeiten einge- setzten Pioniere hätten alle Hände voll zu tun, um die Arbeit zu bewältigen. Jetzt seien besondere Arbeitslosenabteilungen ausgestellt worden, die ebenfalls für Aufräumungsarbeiten eingesetzt würden.— Die finnische Zeitung „Helsingin Sanomat" bezeichnet den Luftangriff auf London in der Nacht zum Mittwoch als den s ch l i m m ft e n aller bisher dort erlebten. Zum ersten Male hätten bie Bewoh. ner Londons auch mit bloßem Auge bie deutschen Formationen beim Hellen Mondschein sehen können. Der Angriff sei der erste eigentliche Nachtangriff geschlossener Formationen auf London gewesen. Gewaltige Feuerschäben seien entstanden, unb bie Brandmannschaften hätten unter den schwersten Bedingungen arbeiten müssen.
Englische Bomben auf Holländer und Framosen.
Berlin, 17. Oktober. (DNB.) Wie bereits im OKW.-Bericht gemeldet, hat bie britische Luftwaffe in ber Nacht vom 14. auf ben 15. Oktober wieder»
Die Mundharmonika.
Drn Heinrich Zerkauten
Vater Helmholtz setzt die Geige mit einem Ruck ab. Der letzte Ton hängt schmerzhaft zerrissen im Raum, der letzte Ton torkelt geradem, bis er irgendwo aus schlag end verstummt. ,Hch habe es ja gewußt, es geht nicht mehr —"
Weiter sagt Vater Helmholtz nichts. Der Klang ferner Stimme gleicht dem zerrissenen Geigenton. Und als auch der an den Wänden zersprungen ist, wird es sehr still im Zimmer.
Mutter Helmholtz mckt. Ihre alten Hände, per- arbeitet und steif, rasten dennoch nicht, und ihre Gedanken auch nicht. Jetzt beugt sie sich tiefer über die Arbeit, denn ihr Mann soll das Lächeln in ihren Augen nicht sehen. Er könnte es falsch beuten. Das will sie vermeiden. Sie lächelt ja nicht über ihn und die Geige.
„Alles zu seiner Zeit, Mutter. Das mußt du verstehen. Was in ber Jugend kleidet, das paßt im Alter nicht mehr. Und überhaupt, wir haben ja den Rundfunk."
Vater Helmholtz geht wieder ins Amt, seitdem der Sohn, der Max, im Felde steht. Je emsiger zu Hause gearbeitet wird, desto rascher ist der Krieg aus, denkt Vater Helmholtz. Deshalb macht er wieder Dienst. Und es ist über seinem täglichen Kommen unb Gehen mit einem Schlage bie alte Orb- nung wieder eingekehrt, die an vierzig Jahren ben kleinen Haushalt vorn Morgen bis zum Abend in sicheren Geleisen fuhr. Nur das mit der Geige, das schaffen die Finger nicht mehr, das wäre nun unwiederbringlich dahin.
Als habe Frau Helmholtz die Gedanken ihres Mannes erraten, sagt sie unvermittelt: „Meinst du?" Hell und froh klingt das, eher ein Kampfruf als eine Frage.
Seit ber Mar im Felde steht, hat auch Frau Helmholtz ihre zlrbert wieder aufgenommen. Das Hausmädchen ist zu ber Schwiegertochter gewandert, dort ist sie bei den Enkeln richtiger am Platze. Maxens Frau hat sich zwar dagegen gewehrt. Wie sie sich damals gewehrt hatte, als Mutter es durchsetzte, ihr Klavier an Den jungen Haushalt abzugeben.
Vater Helmholtz hatte bas übertrieben gefunden.
Um Der Wahrheit bie Ehre zu geben, wütend war er damals geworden: ausgerechnet das Klavier, die einzige Freude, die Mutter sich gönnte.
Der Geigenkasten ist zur Ruhe gebracht. Hoch oben auf dem Bücherschrank quetscht er im äußersten Winkel von Decke und Wand, damit er keinem in die Augen fällt. Mutter findet ben Platz lieblos. „Wetter nach hinten geht er wohl nicht?"
Der Alte gibt es auf. Er sagt nichts dazu. Er hat es mit dem Rundfunk. Wenn einer will, so ist er durch den Rundfunk mtt der ganzen Welt verbunden. Und jetzt, da der Sohn im Felde steht, bedeutet der Rundfunk noch viel mehr als die Welt. Er ist das Tor zur Front geworden, der Mund Der Heimat, das Ohr des Soldaten. Hat alles seine Richtigkeit. Dock wird in Zukunft zu Mutters Klavier auch noch des Vaters Geige fehlen. Mit einem Wort: wenn Max auf Urlaub kommt, gibt es im Elternhaus keine festliche und persönliche Musik, ihn zu empfangen. Vater Helmholtz bockt. Er will seinen Abendspaziergang heute allein machen.
Die Mutter widerspricht nicht. Aber da sie erkennt, immer in guter Deckung durch bie Gardine, Daß Vater endgültig um bie Ecke verschwunden ist, langt ihre Hand in bte Tasche ber Mantelschürze. Wieder spielt das große, bunte Lächeln in ihren Augen, als sich eine Mundharmonika zwischen ihren alten, »erarbeiteten Fingern findet. Schon kommen die Melodien von ihren Lippen, weich und fließend, lauter Soldatenlieder. Lieder, wie sie Der Mann einst gesungen hat in Flandern, Lieder, wie sie der Sohn heute wohl singen mag in Flandern.
„Soll die Harmonika für einen Pimpf sein ober für einen Fortgeschrittenen?" hatte das Fräulein yinter dem Ladentisch gefragt, als Mutter heimlich bas Instrument kaufte. Sie war rot geworden vor Dem Fräulein. „Für mich soll es fein", hatte sie zaghaft geantwortet unD sich sehr geschämt Dabei.
Hetzt freilich braucht sie sich nicht mehr zu schämen. Sie ipielt schon wie ein alter Landser. Das viele Heben während der vielen Stunden, da Vater im Amt ist, hat sich gelohnt. Wenn jetzt die alten und die neuen Lieder im Rundfunk gespielt werden, kann Mutter tadellos mithalten. Wenn der Max auf Urlaub kommt, soll er staunen. Er und Der Alte!
Ja, es sind frohe Gedanken, zauberhafte Gedanken, die einer beim Harmonikaspiel Haden kann.
Die ganze Gegenwart um sich herum läßt sich vergessen, weil einer nur noch an die Zukunft zu denken braucht. So versunken kann er in seine Gedanken fein, daß er sogar überhört, wenn einer bie Wohnung betritt.
Und es betritt einer die Wohnung. Der Soldat Max ist es. Er hat unverhofft Urlaub. Unb diese Ueberraschung, die ihn selber wie ein Sturm des Glücks im Felde traf, denkt er nun ebenso den Seinen in Haus und Herz zu tragen.
„Nanu? Die Eltern haben Besuch? Und Harmonika spielt Der Besuch? Sollte es ein Kamerad sein? Max lackt. Nicht zu Zählen waren die Harmonikas, die sich den eisigen Wartewinter über in die Bunker Der Westfront hineinfanden. Max hat sich auch solch ein Ding organisiert, selbstverständlich. Das Klavier konnte er nicht mitnehmen in den Krieg. Ader Krieg ohne eigene Musik? Das gibt es ja nicht —
Donnerwetter, der Kamerad da drinnen spielt nicht schlecht. Bißchen schwach im Rhythmus noch. Bißchen nach Heimkriegerweise. Da muß die Front ein wenig Mumm in die Sache bringen. Also langt sich der Soldat Max die Mundharmonika aus den Schäften ünd legt los. Zack und Zack. Er öffnet auch ein wenig die Tür, nur auf einen Spalt, damit die da drinnen nicht hören können, wie ein frecher Landser feine Lieder bläst.
Weil aber die Tür ihren eigenen Kopf hat, weil sie auf Spaltbreite nicht eingestellt sein will unb eigenmächtig so weit aufgeht, wie es ihr paßt, bricht die Melodie jäh ab — unb bann ziehen für eine lange Weile nur Wellen des Glückes burch bie altoertrauten Räume Unb Diese sind stumm
Da Vater Helmholtz endlich nach Hause kommt — der Abendspaziergang hat seine Stimmung nur wenig gebessert, es taugt eben nicht, wenn einer allein laufen muß — da springt ihm Harmonika- spiel schon die Treppe entgegen. Und so voller Jubel klingt das, so voller Uebersckwang, daß ber Alte, aufs neue gereizt denkt: Schallplattenmusik im Radio! Soldatenlieder — natürlich! Da muß Mutter aufdrehen, da rappelt der Kasten in voller Lautstärke! Da stehen alle Türen offen! Da sieht man vom Flur aus bis ins Wohnzimmer hinein! Da sieht man — — — Da sieht Vater Helmholtz so lange hin, bis ihm die Augen blind werden wollen, blind vor lauter Seligkeit und Dank.


