darunter vor allen Dingen Sisalhanf, Gerbhölzer, Kaffee uni> Oelftüchte, aber dahin nur für 4,7 Mill. RM. ausgeführt. In einem ähnlichen Mißverhältnis stehen die entsprechenden Zahlen für die übrigen Schutzgebiete, was auf die vorher angeführten Gründe zurückzuführen ist. Aus Südwestafrika hat das Reich für 10 Mill. RM. Waren erhalten, hauptsächlich Karakulfelle und Kupfer; die Ausfuhr dorthin hatte aber nur einen Wert von 3,3 Mill. RM. Kamerun hat sich zum bedeutendsten deutschen Bananenlieferanten entwickelt, daneben erhielten wir von dorther Oelftüchte, Kakao und Edelhölzer, insgesamt Waren im Werte von 13,5 Mill. RM. Ausgeführt wurden nach Kamerun 1938 deutsche Produkte im Betrage von 2,5 Mill. RM, Schon aus dieser kurzen Uebersicht kann man erkennen, daß die deutschen Kolonien sehr wohl in der Lage sind, unsere Wirtschaft mit einer ganzen Reihe wertvoller Rohprodukte zu versehen.
Lebhaft war der Handel deutscher Kaufleute auch mit dem britischen Nigeria, das uns 1939 für 30 Mill. RM. geliefert hat, darunter Nutzhölzer und Kakao. Die deutsche Ausfuhr nach Nigeria hatte einen Wert von 6,5 Mill. RM. Besonders lebhafte Handelsbeziehungen bestanden noch mit Aegypten, Marokko, der westafrikanischen Gold- tüste und weniger umfangreiche mit dem belgischen Kongo, den portugiesischen Besitzungen Angola und Mozambique sowie den übrigen Gebieten.
Die Handelsftattstik des Jahres 1938 und das Warenregister, das darin aufgeführt ist, zeigen sehr deutlich die Erweiterungsmöglichkeit auf, die für den deutsch-afrikanischen Austauschhandel besteht. Jeder in Deutschland, der in diesem volkswirtschaftlichen Sektor zu arbeiten hat, ist überzeugt davon, daß über kurz oder lang nach siegreicher Beendigung des Krieges wieder ein lebhafter Handelsverkehr eingeleitet wird, der der deutschen Volkswirtschaft viele Produkte zuführen wird, die wir gut gebrauchen können.
„Das Leben in London beginnt abzusterben."
Madrid, 18. Sept. (Europapreß.) Nach einem Bericht des Londoner Korrespondenten von „ABC", Luis Calvo, beginnt das Leben im Zentrum der britischen Hauptstadt abzusterben. Niemand kann mehr schlafen. Die Börse ist seit Donnerstag geschlossen. Die City arbeitet nicht mehr. Hunderte und Tausende von Menschen ziehen spätestens jeden Abend um sieben Uhr mit Decken, Kissen und Unterbetten in die Luftschutzräume, um dort die Nacht zu verbringen. Auch während des Tages befindet sich ein großer Teil der Londoner Bevölkerung in ihren unterirdischen Schlupfwinkeln, weil ein Alarm den anderen a b l ö st. Man fragt fick, welches Bild der Krieg bieten wird, wenn erst die Nebel über London liegen, und ist davon überzeugt, daß die deutschen Bomben dann noch verheerender wirken werden.
Gewaltiger Sturm treibt die Feuersbrünste weiter.
ir e u y o r k, 18. September. (DNB.-Funkspruch.) New Vork Herold Tribüne meldet aus London, während die deutsche Luftwaffe ihre Angriffe fortsehe, habe ein gewaltiger Sturm die Feuersbrünste weiter angefacht. In Ostlondon wüteten auch weiterhin große Brände. Die england- freundliche New Bork Times schreibt, die Engländer fürchteten, daß durch die Verteidigung Londons die Verteidigung anderer wichtiger Landesteile zu fehr geschwächt werde. Deutschland habe England zur Defensive gezwungen. Churchills Kriegskabinett ryisse ganz genau, daß die grausame Wirklichkeit des Krieges nicht durch noch so viele optimistische Berichte der englischen Presse verdeckt werden könne.
Ein Londoner Sender vernichtet?
Stockholm, 17. Sept. (Europapreß.) Ständige Hörer der englischen Rundfunksendungen in Stockholm glauben festgestellt zu haben, daß einer
der größten Londoner Sender Montag abend durch zwei Bombeneinschläge vernichtet worden ist. Di-? Einschläge konnten deutlich vernommen werden, und zwar während einer französischen Sendung der BBC. Die Hörer sind selbst auf diese Vermutung gekommen, ohne aller
dings eine amtliche Bestätigung aus London zu haben. Daß mehrere Sender in der Nacht zum Dienstag vernichtet wurden, so sagt man, gehe aus einer Entschuldigung des Londoner Rundfunksprechers am Dienstagmorgen hervor.
Serano Suner und General Teruzzt vom Führer empfangen.
MW«
-
i
Spaniens Innenminister beim Führer. — (Prefse-Hoffmann-M.)
Oie nackte Wirklichkeit.
Rollend und mit wachsender Stärke sind die Vergeltungsangriffe der deutschen Luftwaffe auf das Herz des britischen Weltreiches niedergefahren. Zehn Tage nun dauert dieser Ansturm, der täglich breitere Lücken reißt in das Verteidimingssystem Londons. Oft ist es nur eine knappe Stunde, die den einen Lustalarm vom nächsten scheidet. Handel und Wandel der Riesenstadt geraten mehr und mehr in Verwirrung. Die Menschen finden keinen Schlaf mehr, und die Arbeit ruht.
Als in der Nacht zum Montag die deutschen Schläge wieder mit unbarmherziger Wucht auf die Themsestadt herabgesaust waren. Da wußte Churchill sich keinen anderen Rat mehr, als durch eine groteske Lüae die Well abzulenken von dem, was wirklich geschehen war. Er erfand die „Siegesmeldung" mit den 18 5 A b f chüss e n deutscher Flieger. Es war ein so ungewöhnlicher „Erfolg", daß die Welt auch sofort ungewöhnliche Dinge vermutete, die er verbergen wollte. Man hatte sich nicht getäuscht! Mag die Londoner Zensur auch einen dichten Schleier ausbreiten über das, was die deutschen Fliegerbomben in London tatsächlich zerstört haben, einiges dringt selbst durch den Londoner Lügennebel! So meldet „United Preß" aus Newyork, was ein neutraler Beobachter über die Zustände in London nach zehntägiger Luftschlacht zu berichten weiß: Insgesamt seien etwa 2 0 0 0 Gebäude allerArt zerstört, 3000 Gebäude schwer und 10pOO Gebäude leicht beschädigt. Jeder Stadtteil sei heimgesucht. Am schwersten betroffen seien die Hasenanlaben sowie das in der Hafennähe gelegene Geschäftsviertel. Eisenbahn-, Untergrund- und Omnibusverkehr seien gestört. Die Elektrizität^- und Gaszufuhr sei zeitweise unterbrochen. Das Leben jedes einzelnen der Acht-Millionenstadt sei in Mitleidenschaft gezogen, teils durch Verlust der zerstörten Arbellsstelle, zu mindest durch Mangel an Schlaf.
Das klingt ganz anders als die Churchillschen „Informationen" von „einigen Schäden", „einigen Zerstörungen" oder „einer Anzahl Bränden". — Wenn er sich schon einmal zu einem Satze versteigt, wie „Es wurde beträchtlicher Schaden verursacht, und es gab eine Anzahl Opfer" — dann haben die tatsächlichen Auswirkungen besttmmt das gleiche Ausmaß gehabt, wie in der Meldung der „United Preß".
Das Weiße Haus teilte mit, daß über vierhunderttausend Männer zur Zeit in USA.
ralleutnant Seistert, empfangen. Dor dem Mal hatte eine Ehrenkompanie des Wachregiments „Groß- deutschland" Aufstellung genommen.
Innenminister Serano Suner stattete auch dem Reichsnvnister des Innern Dr. Frick einen Besuch ab. Im Anschluß daran hatte Dr. Frick den spanischen Innenminister und seine Begleitung zu einem Empfang eingeladen, an dem auch der spanische Botschafter General Espinosa de los Monteros, der Reichsführer ff, die Reichsleiter Dr. Ley, Rosenberg, Dr. Dietrich, Reichsarbeitsführer Hier! sowie Staatsminister Dr. Meißner, Staatssekretär von Weizsäcker, Botschafter von Stohrer und Reichsjugendführer Axmann teilnahmen. Das Reichsministerium des Innern war durch die Staatssekretäre Dr. Stuckart und Dr. Conti sowie durch General Daluege und Gruppenführer Heydrich ver- tteten.
Zu Ehren des italienischen Kolonialministers T e - r u z z i gab der Reichsleiter General Ritter von Epp einen Empfang im Hotel Kaiserhof, an dem Reichsminister Dr. Lammers, Reichsminister Dr.Todt, Reichsleiter Bouhler, der italienische Geschäftsträger und der General Somma, Staatssekretär Gauleiter Bohle und Polizeipräsident Graf Helldorf teilnahmen. Im Anschluß an den Empfang wurden die historischen Stätten von Potsdam besichtigt. Minister Teruzzi verließ am Dienstagabend Berlin, um der Stadt der Reichsparteitage einen Besuch abzustatten. Von Nürnberg aus wird General Teruzzi die Rückfahrt nach Rom antreten.
Tschungking erneut bombardiert.
Stockholm, 17. Sept. (Europapreß.) Tschung- king, die Hauptstadt der Regierung Tschiangkaischek, fft am Montag viermal japanischen Luft- a n g r t f f e n unterworfen worden. In vier Stun-
Berlin, 17. Sept. (DNB.) Der Führer empfing heute vormittag in der Neuen Reichskanzlei den spanischen Innenminister Serrano Suner in Gegenwart des Reichsministers des Auswär- tigen, v. Ribbenttop, zu einer längeren Aussvrache. Eine Abteilung der -Leibstandarte erwies bei der An- und Abfahrt die militärischen Ehrenbezeigungen. Vor dem Ehrenmal war am Dienstagvor- mittag eine Ehrenkompanie des Wachregiments aufmarschiert. Ferner hatte eine Gruppe der spanischen Kolonie Aufstellung genommen. Kurz vor 11 Uhr erschien Innenminister Suner in Begleitung des spanischen Botschafters General Espinosa d e tos Monteros und begab sich in das Ehrenmal, um einen großen Lorbeerkranz niederzulegen, der in spanischer Sprache die Inschrift trug: „Den deutschen Helden die spanischen Kameraden." Der Minister verweilte einige Minuten stillen Gedenkens in der Halle und nahm dann den Vorbeimarsch der Ehrenkompanie ab. Ueberoll, wo sich Spaniens Innenminister zeigte, schlägt chm die Sympathie des deutschen Volkes entgegen.
Der Führer empfing am Dienstag in der Neuen Reichskanzlei auch den als Gast des Reichs- statthalters General Ritter von Epp in Deutschland zu Besuch weilenden Königlich-Italienischen Kolonialminister General Teruzzi. Bei der An- und Abfahrt erwies eine Abteilung der -Leibstand arte militärische Ehrenbezeigungen. Vorher hatte der Reichsminister des Auswärtigen von Ribbenttop den italienischen Kolonialminstter im Auswärtigen Amt empfangen. Der Minister legte ebenfalls am Ehrenmal Unter den Linden einen Kranz nieder. Der Minister, in dessen Begleitung sich der italienische Attache General Marras sowie Reichsstatthalter Ritter von Epp befanden, wurde vor dem Ehrenmal vom Kommandanten von Berlin, Gene-
den soll — wie der englische Nachrichtendienst meldet — ein Luftalarm dem anderen gefolgt fein; eine große Anzahl Bomben sei abgeworfen worden. Die Japaner hätten sich einer neuen Taktik bedient, indem sie keine Massenangriffe unternommen hätten, sondern zu Angriffen einzelner Formationen übergegangen seien.
Oas Wehrgesetz von Noosevelt unterzeichnet.
Washington, 17. September. (Europapreß.) Präsident Roosevelt hat am Montagnachmittag das Wehrgesetz unterzeichnet. Gleichzeittg veröffentlichte der Präsident einen Aufruf an die Wehrpflichtigen und erließ die Ausführungs- Bestimmungen für 16,5 Mill. Männer zwischen 21 und 35 Jahren, die von dem Gesetz bettoffen werden. Zu gleicher Zeit wurden m 26 Staaten 26 500 Männer zur Nationalgarde eingezogen, wo sie in einer halbjährigen Hebung „mit der modernen Kriegführung vertraut gemacht" roerben sollen, wie es wörtlich heißt. Die Zeitungen der USA. sind deshalb mit Rekrutierungsberichten angefüllt. Die Ausführungs-Bestimmungen setzen den 16. Oktober als Registrationstag fest. Die Aushebung der ersten 75 000 Mann zur einjährigen Ausbildung erfolgt vier Wochen nach der Registrierung. In Kontingenten von je 100 000 bis 125 000 Mann werden dann die übrigen Wehrpflichtigen des ersten Jahrgangs nacheinander eingezogen werden, bis im Frühjahr 1941 die ganzen 900 000 Männer des ersten Jcchrgangs erfaßt sind.
Gießener Gtadttheater.
Christian Siemens: „Sieger."
Unser Stadttheater beginnt seine Spielzell im zweiten Kriegsjahr unter neuer Leitung und mit einem zu einem Teil neubesetzten Ensemble. Darin liegt eine zwiefache Verpflichtung. Die Arbeitsgemeinschaft des Theaters wird sie im entschiedenen Willen zu kompromißloser Leistung sehen, und für die große und zuverlässige Gießener Theatergemeinde liegt diese Verpflichtung in dem Vertrauen, das sie der neuen Leitung ihres Theaters entgegenbringt. Sie kennt die vielerlei Schwierigkeiten einer kleinen Bühne, aber sie weiß auch, was eine zielbewußte Hand und sicheres künstlerisches Empfinden aus ihr hcrauszuholen vermögen. Sie wird niemals mit alschen Maßstäben messen und keiner echten Leitung Anerkennung und Dankbarkeit versagen. Da- ür war der gestrige Abend, der zur festlichen Eröffnungsaufführung ein volles Haus aufgeschlossen und ergriffen mitgehen sah, ein verheißungsvoller Auftakt.
*
Intendant Klein hatte für diesen Abend eine dramatische Ballade gewählt, die aus dem historischen Gewände der ausgehenden Hohenstaufenzeit uns Menschen einer kämpferischen Gegenwart in einer Weise anspricht, die wir verstehen. Die Treue, die kein Wenn und kein Aber kennt, die Treue, die alle Zweifel niederringt, alle Prüfungen besteht, der nichts anderes gilt als bedingungslose Hingabe und die kein anderes Lebensziel anerkennt als Bewährung, wann hätte je ein Volk in seinen Söhnen stolzere Beweise einer solchen Treue gegeben als das deutsche in den Jahren der Erhebung und des Schicksalskampfes um die ewigen Rechte der deutschen Nation?
Christian Siemens beschwört die Lichtgestalt König E n z i o s, um an dessen Geschick im Kerker von Bologna zu ^zeigen, wessen wahre Treue fähig ist. Enzio, ein Sohn Friedrichs II. und einer deutschen Adligen, soll mit feinen lang herabwal- lenden goldblonden Locken und seiner geschmeidigen Gestalt das Jugendbild seines kaiserlichen Vaters erneuert haben, über alle Maßen kühn und beherzt, für alles Geistige empfänglich und dazu ein Dichter, aus dessen Kantilenen Lebensfreude und -fülle klang, selbst als der Sänger im Kerker sein Leben vertrauerte, so wird Enzio von seinen Zeitgenossen geschildert, und der eigenartige Zauber, den seine natürliche Anmut und einfache Herzlichkeit ausfttahlten, mag jene Legenden uni) Märchen um ihn gesponnen haben, die uns den Kaifersohn wie das Traumbild eines deutschen Ritters erschei
nen lassen. Und so hat ihn auch Christian Siemens vor uns hingestellt: schlicht und gerade, ohne Fehl, ahne zaghaftes Schwanken, den inneren Zweifeln, die auch feine Seele bedrängen, nicht einmal erlaubend, auf die Lippen zu treten. Der Autor hat sich damit zwar der dramatischen Möglichkeiten beraubt, die eine Charakter-Entwicklung Enzios ihm geboten hätte, aber er findet die dramatische Steigerung in den Versuchungen, die an Enzio heran- gefragen werden, um ihn von der Sache seines kaiserlichen Vaters zu lösen. Siemens ist in großen Zügen dem Gang der geschichtlichen Ereignisse und der freilich nicht immer sicher verbürgten Ueberlie» ferung gefolgt von jenem unglücklichen Scharmützel bei Fossalto an, nach dem Enzio 1249 in die Hände der mit dem Papst und den lombardischen Städten verbündeten Bologneser fiel, bis zum Tode des Kaisers 1250, nach dem er die Freiheit wiedererhalten hätte, wenn er sich dazu hätte verstehen können, feinem Hause die Treue aufzusagen. So blieb er in Haft, von der ihn erst der Tod nach mehr als zwanzig Jahren erlöste. Auch die von Siemens angeführten Briefstellen aus den Verhandlungen Friedrichs II. mit den Bolognesern sind historisch, und die Ueberlieferung berichtet auch von der Liebe Enzios zu der schönen Lucia, wie auch die Neigung des Bologneser Ratsherrn Pietro Asi- nelli zu König Enzio, dem er viele Jahre später sogar zur Flucht zu verhelfen suchte, historischer Treue entspricht.
Siemens stellt dem Gefangenen als Gegenspieler den Kardinallegaten Rainer von Viterbo gegenüber, einen Todfeind des Hohenstaufenkaiser s und fanatischen' Vorkämpfer päpstlicher Allmacht, dessen scharfer Dialektik Enzio nur seinen Glauben und die Stimme seines Gewissens entgegenzustellen hat, die ihm schweigende Treue gebietet, wo er Zweifel nicht zu entkräften vermag und alle Zeugnisse des Verstandes gegen den kaiserlichen Vater zu sprechen scheinen. Wenn schon der seelische Zusammenbruch seines Mitgefangenen, des Grafen von Solimburg — den Siemens übrigens weit günstiger schildert, als die Ueberlieferung es wahr haben will —, den König Enzio nicht irre machen kann, so gar nicht die Drohung mit Folter und Käfig. Erst das letzte große Gespräch mit dem Kar- binallegaten, in bem ber bas ganze abenblänbische Mittelalter beherrschenbe Problemkreis bes päpstlichen Machtanspruchs über Kaiser unb Reich in seiner ganzen Schärfe aufgerissen wirb, bas aber auch in einer ungeheuer gesteigerten dialektischen Zuspitzung alle Schatten auf ben Charakter des Kaisers wirft, erst dieses Gespräch stellt Enzio vor die äußerste Probe der Bewährung. Er besteht sie, nicht ohne harten inneren Kampf, und der Kardinallegat emp
findet menschlich groß genug, vor dem Sieger über alle Anfechtungen des Leibes und ber Seele das Haupt zu neigen.
*
Die Regie Hans Walter Kleins war in der Anlage der Aufführung darauf bedacht gewesen, eine Linie steter Steigerung bis zum letzten entscheidenden Gespräch im dritten Akt durchzuhalten. Bei dem schon angedeuteten Fehlen einer Entwicklung im Charakter Enzios war diese Steigerung nur möglich durch eine sehr sorgsame Dosierung der Spannungsmomente, wodurch von Szene zu Szene die äußeren Effekte zurückttaten und ganz von innen her die Gestalten Enzios und des Kardinallegaten zu jener imponierenden Größe emporwuch- fen, die den Sieg des Heldischen im Dunkel des Kerkers allein auf der geistigen Ebene aus innerer Notwendigkeit heraus aufleuchten ließ. Durch kluge Kontrastierung, wobei man auch Trivialttäten nicht gescheut hatte, durch lebendige Führung der breit uusgesponnenen Dialoge, in denen ja der Schwerpunkt des inneren Fortgangs der Handlung liegt, durch die schattenhaft knappe Skizzierung der symbolischen Figuren der Diener Enzios hatte die Regie des Intendanten eine Aufführung von großer Geschlossenheit und Eindruckskraft zuwege gebracht. Karl Löfflers Sühnenbiiber — ein sehr farbiger Festsaal im ersten Akt unb bann ber Kerker En° »ios, zwischen strengen, aufftrebenben Säulen ein hohes, schmales Fenster — trafen ebenso wie bie gut aufeinanber ab gestimmten Kostüme Willi Enb- r i ch s den historischen Charakter bes Stückes.
Hans Caninenberg spielte den König Enzio anfangs mit jener leichten Anmut unb inneren Sicherheit, wie er in bie deutsche Sage eingegangen ist. Dann legen sich schwermütige Schatten auf seine Seele und sein Blick wendet sich — nur einmal noch in alter Leuchtkraft erstrahlend in der wundervollen Liebesszene Des Mittelaktes — ganz nach innen. Caninenberg hatte die edle Haltung, die feinnervige Empfindsamkeit, bas harmonisch Ausgeglichene bie- scs Jünglings, ber weiß, daß sein Heldentum sich nur noch in der sittlichen Bewährung zeigen darf. Hans Joachim Büttners Kardinallegat war in ausgezeichneter Maske der eifernde Greis, hart und starr, aber er mied sehr klug jede Uebersteigerung in das Brutal-Skrupellose oder Intrigante und traf gerade den Ton überlegener Geistigkeit, ber ihn zum furchtbaren Gegner Enzios macht, aber ihm auch erlaubt, bem Sieger seine Achtung zu bezeugen. Hans Geißler gab bem Ratsherrn Asinelli sympathische Züge kluger Mäßigung mit einem Schuß schlagfertiger Ironie. Gert Geiger suchte mit ber nicht sehr glücklichen Figur bes Grafen von Solim
burg ben vom Autor gewollten Konttast zu ber inneren Abgeklärtheit Enzios herzustellen. Karl V o l ck war ein etwas ins Groteske verzerrter, polternder Dümmling von Bürgermeister. Müller, S ch e w e und Lowitz gaben als Diener Enzios sehr sauber durchgearbeitete Charaktere. Hannelore Hinkel war als Lucia von einer rührenden Schlichtheit, ganz verhaltene Hingebung.
*
Die Aufführung, der Verdis Ouvertüre zur Oper „Die Macht des Schicksals", vom Städtischen Orchester unter Kapellmeister Otto Söllners Leitung klangschön und scharf akzentuiert gespiell, vorangegangen war, wurde von dem vollbesetzten und festlich gestimmten Hause mit großer Anteilnahme aufgenommen. Mit dem Intendanten Klein und Bühnenbildner Löffler konnte das ganze Ensemble den Dank des Hauses für das reiche Geschenk dieses Abends entgegennehmen.
Dr. Fr. W. Lange.
Der problematische Biedermeier.
Ein anziehender illustrierter Beitrag des Sep- ternbecheftes von Velhagen & Klafings Monatsheften gilt bem Wiener Biedermeier. Der Aufsatz begnügt sich nicht damit, bas bekannte Jbyll bes Vormärz nachzuzeichnen, fonbern weist darauf hin, daß das ruhige Glück des Biedermeiers nur ein liebenswürdiger Trug gewesen ist. Auch den Menschen jener Tage war ihr gerütteltes Maß an Kämpfen und Nöten beschieden, unb früh schon melbeten sich die Gewalten, die die allzu künstlich gezogenen Schranken der politischen unb gesellschaftlichen Ordnung zerbrechen sollten. Das Handwerk hatte goldenen Boden, jedoch dem aufmerksamen Beobachter konnte nicht entgehen, daß sich die Maschine zu ihrem Siegeszug rüstete und daß sich mit ihr jener prahlerische Schund breitzumachen begann, der dann im wetteren Verlauf des Jahrhunderts den Geschmack, die Gesinnung der Menge so unheilvoll beeinflussen sollte. Auch die Gesellschaft lebte durchaus nicht in jener ungetrübten Harmonie, die uns für das Biedermeier so bezeichnend erscheint. Die von Goethe zuerst so benannten problematischen Naturen rieben sich wund an ber Enge dieser Welt, vernichteten sich selbst in dem zermürbenden Wider- streit von Witte und Tat. Gegen Schubert z. B. versündigt sich, wer in ihm den sorglosen Musikanten erblickt, der fein bißchen Pech in,ber Liebe für seine Lieder brauchte. Seine Kunst, die sich an Fülle und Leichtigkeit nur mit der Mozarts vergleichen läßt, erhebt sich gewaltig und schmerzlich aus jener Dunkelheit, die die Heimat aller Größe ist.


