Ausgabe 
18.3.1940
 
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mem und schon kommt der erlösende Befehl des Bombenschützen: ,Achtung null/

An der Erschütterung der Rlafchine, die durch das Gewicht der schwersten Bombe bedeutend leichter geworden war, bemerkte ich, dah wir unseren schweren Koffer mit den besten Wünschen nach unten geschickt hatten. Einige Sekunden vergehen, bis die Erfolgs- Meldung durchkommt. Zuerst war es der Vord- fchühe, der den Schlachtruf der Staffel ertönen lieh und jubelnd rief: ,Er hat getroffen, Herr Oberleutnant, er brennt!^ Das V o r f ch i f f des getroffenen Schlacht­schiffes war in eine dichte Qualmwolke ein gehüllt, die sich schnell verbreitete, so dah bald das ganze Schiff in ungeheuere Rauchschwaden eingehüllt war."

Für die Künheit, mit der der ganze Einsatz durchgeführt worden war, spricht die Tatsache, daß Oberleutnant Magnussen trotz des heftigen Flak­feuers noch vier bis fünf Minuten über Scapa Flow kreuzte und das Bild der Schlacht beobach­tete. Er stellte fest, daß das Flakseuer recht plan- los gewesen ist. Mühelos aelang es dann Ober­leutnant Magnussen, einen feindlichen Jäger abzu­schütteln. Noch aus sechs bis sieben Seemeilen Ab­stand von Scapa Flow habe man die große leuchtende Fackel des brennenden Schlachtschiffes gesehen, die aus größter Ent­fernung noch zeigte, wo Scapa Flow lag.

Oberleutnant Philipps, dessen Verband die Aufgabe hatte, die um die Scapa-Bucht verteilten Jagdflugplätze cknzugreifen und die Jäger an einer wirksamen Abwehr des Angriffes zu hin­dern, berichtete, wie die beiden Verbände gleich­zeitig über den Orkneys erschienen. Zu un­serer Freude sahen wir, wie zwischen dem Auf­blitzen der schweren Flaks einige Explosionen er­folgten, die niemals von Flaks herrühren konnten, sondern nur Treffer unseres Nachbarver- b a n d e s sein konnten. Das war der erste Anblick, bevor ich selbst zum Angriff auf mein Ziel kam. Im Abenddämmern waren, während wir selbst aus dem dunklen Himmel kamen, vor uns die Orchneys schon von weitem genau zu erkennen, und das Ziel, der Flugplatz Earth House mit seinen Hallen, und dem Rollfeld einwandfrei auszurnqchßn. Zwei englische Jäger versuchten, von hintcki an meine Maschine heranzukommen; das gelang ihnen nicht, und ich konnte planmäßig meine Bombenreihe auf den Platz legen. Wir sahen einwandfrei das Aufblitzen.- Bombe nach Bombe, darüber die Staub- und Rauchwolken infolge der Explosion und kurz dar­auf Hellen Feuerschein, der uns zeigte, daß unsere Bomben einen nachhaltigen Erfolg erzielt hatten. Die Kameraden, die die folgenden Angriffe durch­führten, sahen die leuchtend brennenden Flugplätze und konnten sich hier und bei den Angriffen auf die Flugplätze Kirkwall und Stromnetz danach rich­ten.

Noch während des Bombenangriffes sahen wir, wie einzelne Jagdflugzeuge von unten versuch­ten, an uns heranzukommen. Aber sie waren wahr­scheinlich erst durch mein angreifendes Flugzeug selbst zum Starten genötigt worden und konnten unsere Höhe längst nicht zeitig genug erreichen, um mich etwa noch am Angriff zu hindern.

Mittlerweile wurde es so dunkel, daß für die feindlichen Jäger jegliche Erfolgaussichten ver­schwunden waren, und die dauernden Angriffe mei­nes Verbandes auf die drei Plätze konnten ohne jegliche Jagdabwehr erfolgen. Die Flak suchte mich in dem Augenblick, in dem ich schon meine Bomben warf, zu erfassen, aber von den Maschinen meines Verbandes hat keine ein­zige auch nur einen Treffer, ein Split­terchen oder einen Kratzer bekommen. Wohlbehal­ten kehrten alle Maschinen zurück. Den Erfolg hat­ten wir selbst gesehen, und die Kameraden, die nach mir angriffen und bann mit mir landeten, konnten alle das gleiche bestätigen. So schließt Ober­leutnant Philipp seinen Bericht. Auf eine Frage bezüglich desA n l u p f e n s^ wurde festgestellt, daß jedes der vier größten Schiffe un­ter Garantie einen Treffer auf dem Schiff erhalten habe; außerdem seien zum Teil noch Treffer zwei, drei oder vier Meter neben dem Schiff zu verzeichnen gewesen. Bei den beim An­griff verwendeten schwersten Bomben hat sich das so gezeigt, daß das Schiff mit dem Teil, unter dem die Bombe saß, etwa dem Bug, einen Moment aus dem Wasser h er aus g e h o b en,ange- hipft" wurde.

Bomben auf Kirkwall.

Britischer Flugplatz von deutschen Bombern in Braud gesetzt.

Gin Mitkämpfer berichtel:

PK. In einem blassen Gelb verschmilzt die Sonne in der Nordsee. Wahl 2000 Meter hoch treiben die Wolken. Zu beiden Seiten schweben unsere Ketten- flugzeuge in den Böen, wie Schiffe sich hebend und senkend. Als ferne Punkte schwirren in unserem Kurs die anderen dicht über dem Meere. Mehr als zwei Drittel der Strecke liegen hinter uns. Stetig steigt die Maschine. Es wird kühl. Die Bord­uhr zeigt 19 Uhr. In einer Stunde werden wir an­greifen. Fast gleichzeitig tauchen die drei Flugzeuge in das Schneeweiß einer mächtigen Kumuluswolke ein, ihre Köpfe Hunderte von Meter hoch in den Raum hebend. Blendend hell ist plötzlich die Kabine, umringt von Watte, in der die beiden Motoren das Flugzeug dröhnend höher und höher heben. Nach einigen Minuten stoßen wir an der Oberschicht der Kumulus vor hinein in den strahlend klaren, kalten Himmel, m dem weit oben weitere Wolkenschwaden liegen.

19.50 Uhr: Die scharf geschnittenen Gesichter der beiden in der Kanzel, Oberleutnant v. H. und Feld­webel W., sind von der Atemmaske verdeckt. Schnei­dende Kälte durchzieht die Kabine. Der Bordwart und der Bordschütze prüfen noch einmal die Sauer­stoffapparate. Noch geht es so. Der kritische Punkt scheint zunächst überwunden. Vorhin mar. es, als sei das Atem schwerer als sonst, als koste jede Be­wegung mehr als die übliche Anstrengung. Wir legen die MG.-Trommeln bereit. Jeden Augenblick muß Land sichtbar werden. Ab und zu reißen die Wolken auf und geben Ausblick in die gähnende Tiefe, aus der noch immer schwarzgrün das Meer herausschimmert.

21.10 Uhr: Es ist so weit. Klar zeichnen sich die Konturen der Küste ab, die Umrisse der wei­

ten Bucht von Scapa Flow. Die Dämmerung hat ihren höchsten Grad errreicht. Ein Scheinwerfer zuckt in den Himmel. Dann aber öffnen sich alle Schlünde der Hölle. Rotweiße Bälle platzen Um uns und unter uns auseinander. Scheinwerfer greifen herauf. Es müssen 20 bis 25 sein, die ihre gefährlichen Arme nach uns ausstrecken. Es wer­den 50 bis 60 Flakgeschütze aller Kaliber sein, die Bunterbrochen auf die winzigen Punkte im Aether hrn^ Es ijt unheimlich, bei so viel zuckendem ct)t auf die Schüsse keinen Donner, sondern immer nur das Geräusch deGMotoren zu hören.

Wir ziehen Müber zum Flugplatz Kirk­wall. Blinkli<Mr zucken auf, Lichter verlöschen. Aber noch immer gibt die Dämmerung einen Blick auf das Gelände frei, läßt deutlich Ortschaften er­kennen, die regelmäßigen Streifen der Felder und das weite planvolle Viereck des Flugplatzes. Jetzt schleudern sie auch hier ihre Granaten uns entgegen. Am Rande einer Wolkenbank legen wir zum Ab­wurf an. Mit ruhigen Händen bedient Feldwebel W. das Gerät; mit wenigen sicheren Griffen ist es eingestellt. Der Körper W.s ist weit vornübergebeugt, seine Augen laufen über Kimme, Korn, Rechenschie­ber und Stoppuhr. Darm drückt der Finger den Knopf.

Jetzt zucken unten die Blitze auf. In fast regel­mäßigen Abständen lodern rote emporschießende Flammen hoch. Die Aufgabe ist durchgeführt. Ober­leutnant v. H. drückt die Maschine mit vollen Tou­ren in die Dunkelheit hinein, während hinter uns noch immer das Feuer der Flak in den Himmel prasselt. Doch unsere Maschine ist unversehrt, ja kaum ein einziges Mal in Gefahr getroffen zu wer­den. Weitab lagen die Explosionen der Granaten. Im hellen Licht des Mondes fliegen die deutschen Kampfkräfte chrer Heimat entgegen. Dettmann.

Neue Kriegssrout imGüdosten Europas"

Moskau, 16. März. (DNB.) Die eigentliche Ursache, für die Umtriebe der Westmächte im Nahen Osten sieht die swestij o" darin, daß die Strategie der Demvkratien an der West­front Schiffbruch erlitten hat. Deshalb versuche die englisch-französische Kriegspolitik nun den Radius des Krieges zu erweitern und immer neue, in erster Linie koloniale und halbkoloniale Völker in oen Krieg mit einzubeziehen getreu dem Grundprinzip Englands,den Krieg mit fremden Händen zu führen". Der Nahe Osten habe als politisch-ftta- tegischer Schauplatz für die Westmächte besondere Bedeutung. Durch den Nahen Osten führten die wichtig st en Verbindungswege der West­mächte nach ihren Kolonien, im Nahen Osten be­fänden sich große Reserven an kriegswich­tigen Rohstoffen, so vor allem an £)el. Die Verteidigung der Stützpunkte der Entente im Nahen Osten könne jedoch niemals die Unterhaltung so zahlreicher Streitkräfte rechtfertigen, wie sie die Armeen Weygands in Syrien und W a - vells in Aegypten darstellten. Es fei fraglos, daß man viel weitergehende Ziele verfolge, die mit dem allgemeinen strategischen Plan der Entente im gegenwärtigen Krieg in Beziehung stünden. Man wolle mit Hilfe der im Nahen Osten stehenden Ar­meen gegen den Balkan vor stoßen, um

so eine neue Kriegsfront im Südosten Euro­pas zu schaffen. Die berühmtenGarantien", die England der Türkei, Rumänien und Griechen­land ausgezwunLesi habe, seien in Wirklichkeit nichts anderes als Sine diplomatische Vorbereitung, die diese Länder in den Krieg einbeziehen und vor allem die wirtschaftlichen Verbindungen Deutsch­lands mit den südosteuropäischen Staaten unter­graben wolle. Die Nachricht, daß 50 englische Offi­ziere zurKonsultation" in Adrianope 1 ein ge­troffen seien, um die Befestigungsarbeiten an der türkisch-bulgarischen Grenze zu leiten, lasse ver­muten, daß das türkische Thrazien von der En­tente vielleicht als Ausgangspunkt der Armee Wey­gands in Betracht käme. Die ,Hswestija" weist dar­auf hin, daß die Kriegsvorbereitungen der West­mächte im Nahen Osten auch für die Stellung Ita­liens auf dem Balkan, im Mittelmeer und im Nahen Osten eine Bedrohung bedeuten. In Italien habe man längst begriffen, daß die ständige Ver­mehrung der englisch-französischen Armee im Nahen Osten eine wachsende Gefahr für den italienischen Kolonialbesitz bedeuteten und daß in jedem Fall, gleichgültig in welcher Stoßrichtung sich diese Ar­mee bewegen würde, italienische Inter­essen verletzt werden müßten.

Wie die Krönt denTag oer Wehrmacht" erlebte

(P.K.) Auch die kämpfende Truppe setzte sich am Tag der Wehrmacht im Rahmen der ihr gegebenen Möglichkeiten für das Kriegswin­terhilfswerk ein. Platzkonzerte riefen in den Dörfern des freigemachten Gebietes die Kameraden zusammen und, wie schon so oft, füllten sich auch diesmal im Nu die Sammelbüchsen mit den frei­willigen Spenden der Arbeiter von der Organi­sation Todt, die hier zum Schutz der deutschen Hei­mat eingesetzt sind. In einem unmittelbar an das frei gemachte Gebiet angrenzenden Städtchen veran­staltete eine Pangerabwehrabteilung zusammen mit den Kameraden anderer Truppenteile zugunsten des Kriegswinterhilfswerkes Vorführungen der ver­

schiedensten Art, die den vvrzüglichen soldatischen und sportlichen Ausbildungsstand der Männer er­neut unter Beweis stellten. Zahlreiche Volksgenos­sen nahmen Anteil an den vielseitigen Darbietungen. Schon nach kurzer Frist konnte der auf dem Platz aufgestellte Lautsprecher verkünden, daß die ersten tausend Mark an Spenden zusammengekommen waren. Im Laufe der Veranstaltung, der auch der Divisionskommandeur beiwohnte, erhöhte sich der Betrag noch um ein Beträchtliches. Bei einem ab­wechslungsreichen Programm fanden sich die Sol­daten mit ihren Gästen zum Schluß in einer gro­ßen Exerzierhalle zusammen und zeigten dabei, daß sie bei allem Ernst ihres Einsatzes doch nicht jenen köstlichen Humor verloren haben, der das beste Kennzeichen echter Kameradschaft ist, einer Kame­radschaft, die sich gerade hier im Westen zu jeder Stunde aufs neue bewährt. Dr. Lahne.

so Jahre nach Bismarcks Sturz.

Don Dr. Rudolf Craemer.

Am 18. März 1890 hat Bismarck auf Verlangen Kaiser Wilhelms II. sein Abschiedsgesuch eingereicht, das alsbald aenehmigt wurde. Der Be- gründer des neuen Deutschen Kaiserreiches zog sich voll Bitterkeit und Sorgen in die Waldeinsamkeit von Friedrichsruh zurück. Die äußerliche Versöh­nung zwischen ihm und dem Herrscher, die vor seinem Tode noch zustande kam, hat nichts an dem tiefen inneren Gegensatz ändern können, in dem er sich während seiner letzten Jahre zur Entwicklung der Reichspolitik sah. Berühmt ist das Bild, mit dem eine englische Zeitschrift Bismarcks Entlassung ver- sinnbMlichte: der Steuermann verläßt das Schiff. Wie immer die Zeitgenossen zu den sachlichen Aus­einandersetzungen standen, aus denen die Trennung von Kaiser und Kanzler hervorgegangen war, sie empfanden die weltgeschichtliche Tragweite des Er­eignisses und ahnten, daß Deutschlands Schicksal

Englands Krieg ist Judas Krieg.

Der Jude Alfred Mond, in England wegen seiner Beherrschung der chemischen Industrie zu einem Lord Melchelt geadelt, hat einmal bekannt: Es ist kein Zufall, dah die in der ganzen Welt vergossenen Ströme von Blut uns Juden die gün­stige Gelegenheit und das Glück gebracht haben."

Durch die Jahrhunderte hat der Jude am besten an den europäischen Kriegen verdient, hat beim Geschäft mit dem Tode diegünstige Gelegenheit" zum großen Rebbach gefunden. Wieder sollen Ströme von Blut fliehen, damit die Juden ihr Glück machen können. Wieder ist England der Handlanger des Judentums geworden. Englands Krieg ist Judas Krieg! Unsere Waffen und unser Wille werden dieses jüdische Geschäft durch Deutschlands Sieg verhindern.

wiederum bedroht war. Bismarck selbst hatte wohl früher gesagt, man brauche Deutschland nur in den Sattel zu setzen, reiten roerbe es schon können. Aber bis zum verzweifelten Schrei um die Zukunft des Vaterlandes hat ihn die Sorge auf seinem Toten­bette gequält.

Wohl mochte damals den Nächstbeteiligten der Kanzlersturz als ein notwendiger Generationswechsel erscheinen. War doch die schär fite Meinunasverschie- denheit zwischen dem jungen Kaiser und dem alten Staatsmann offensichtlich daraus entstanden, daß Bismarck die neuen sozialpolitischen Bestrebungen nicht mehr begreifen wollte. Er, der im großen Ver­sicherungswert die Grundlagen eines sozialen Aus­baues unter staatlicher Führung geschaffen hatte, versagte sich den Wünschen nach erweitertem Ar­beiterschutz und einem Mitbesttmmungsrecht der Ar­beiterschaft, Forderungen, die heute unser selbstver­ständlicher Besitz geworden sind. Dennoch hat Bis­marck in einem tieferen Sinne damals recht gehabt. Denn für ihn ging es nicht um einzelne Maßnah­men bet sozial pol itischen Reform, d ie ihm viellei cht fremd geblieben sind, denen er aber nicht etwa aus kapitalistischer Befangenheit feindselig miberftrebte. Er wollte vielmehr in jener Stunde den Austrag >des Kampfes zwischen dem nationalen Staat unb dem klassenkämpferischen Marxismus herbeiführen, und er wollte zugleich das parlamentarische Partei- system mit aller Entschiedenheit bekämpfen. Daß man auf diese Auseinandersetzung verzichtete und nun, entgegen allen seinen Warnungen, die Macht der Reichsfeinde im Innern wachsen ließ, kann heute als das innerpolitische Verhängnis seines Sturzes bezeichnet werden.

Noch offenkundiger ist der Abfall desneuen Kürfes" vorn Sinn Bisrnarckscher A u ß e n p o l i - tik zu sehen. Für den Bruch zwischen Kaiser und Kanzler wurde die Meinungsverschiedenheit über das Verhältnis zu Rußland bestimmend. Erst die Erfahrung des Weltkrieges und die Deffnung der diplomatischen Archive, die uns das ganze Gewebe der europäischen Politik nach 1870 hat durchschauen lassen, machten es allgemein bekannt, daß die Kün- btgung des deutsch-russischen Rückversicherungsver- träges die Vereinsamung Deutschlands herbeigeführt

Komödie um eine Hose.

Don Luis Trenter.

Die Hellen, sonnigen Wolken zogen in gleich­mäßiger Ruhe über den Gipfel des Langkofels hin­weg ins Blaue hinunter nach dem Süden. Das bedeuteteGutwetter" für lange Zeit, und mein Onkel Leo hatte vom Großvater den überaus er­freulichen Auftrag erhallen, den Fritz auf die Roß­alm zu bringen.

Es muß ein besonderer Tag gewesen sein, denn auch ich hatte ein freudiges Erlebnis an jenem Morgen, weil ich die neuen schwarzen Hosen zum ersten Male anlegen durfte. Das heißt, ganz streng genommen, waren sie nicht gerade neu. Die Musik- bände von St. Ulrich in Gröden hatte nämlich neue Uniformen erhalten, weil die alten nicht mehr schön genug aussahen. Die Musikhosen meines Vaters, der die Baßposaune dließ, wurden für den hoff­nungsvollen Sohn umgeschneidert. Angetan mit diesem musikalisch bedeutungsvollen, etwas zu breit und zu groß geratenen Prachtstück, wollte ich hin­unter zu meinen drei Onkeln. Der Weg führte über blumige Wiesen am Pferdestall des Großvaters vorüber, und es wunderte mich nicht, daß gerade Leo daftand und eine zweiräderige Protze mit zwei Holzschleifen an den gesattelten Fritz schirrte.

Wo geahst denn hin, Leo?"

3 reit mit 'n Fritz auf die Alm!"

Auf die Alm, dachte ich, die Alm, ja die war oben, wo der Wald aufhöri und der Langkofel an« fängt. Und Leo, der für mich so ein Mittelding zwischen Gott, Held und Freund war, stieg noch gewaltiger in meinem Ansehen. Im Vollbesitz und Bewußtsein meiner neuen Hose fragte ich nur:

Nimmst mi net mit?"

Leo war nicht abgeneigt. Er sagte:Ja, ja, da lea i dir eine Decke auf die Protzen und i reit. Aber du mußt heimgehen, fragen, ob du mitgehn darfst, weil wir zwei bis drei Tag ausbleiben."

Ich tief schon und sagte, ich käme gleich wieder. Im Laufen fiel mir die Möglichkeit ein, daß der Vater am Ende nein sagen würde. Ich erschrak darüber so, daß ich mich einfach hinter einem Holz­stoß fünf Minuten lang versteckte und nachher wie­der zum Leo zurückkam.

Darfft du mit?"

,Ha, freilich."

Dann zogen wir dahin. Zuerst über die Brücke auf die andere Tal feite, dann in den Wald. Leo hoch zu Roß auf dem Fritz, ich auf dem rumpeln­den, holpernden, schlagenden Querholz über den zwei Protzenrädern. Auf Zentimeter knapp hinter mir flitzten die Hufe des Schimmels. Ich- spürte sie fast im Kreuz. Es rüttelte und schüttelte mich nicht schlecht durcheinander. Der Weg war grob. Ich mußte mich mit beiden Händen festhatten, um nicht unter die Räder zu kugeln. Wenn der Weg steil wurde, stiegen wir beide ab und gingen hinter dem Fritz im Schritt daher wie Bauern. Dann aber, roenns leichter wurde, saßen wir wieder auf und ließen den Fritz traben.

So kamen wir nach drei Stunden auf die Hoch­wiesen über den Wäldern. Das letzte Stück bis zu den Tirler Almhütten war eben. Leo ließ nun das Pferd in lustigem Trab springen. Es schüttelte Mich drunter und drüber, hin und her, daß mir angst und bange wurde. Als aber plötzlich das eine Protzenrad auf dem oberen Wegeinschnitt, das an­dere über die schuhgroßen Bachsteine des unteren Weggrundes polterte, war nichts mehr zu machen. Ich flog auf einmal rücklings zwischen die Huke und Räder in den Schotter. Ein Wunder verschonte meinen Schädel von den Hufen des Schimmels. Ich hatte mich einige Male überschlagen, blieb liegen und wunderte mich.

Ich machtt mir nichts aus dem Sturz. Dann aber sah ich die Hose! Die neue, schöne Musikantenfonn- tagshose! Teufel, sie hing zu dreiviertel an den Protzenrädern, während knapp ein Viertel noch Teile meines blauverbeulten Allerwerteften deckte. Unterhosen gab es damals in meiner Garderobe auch noch keine. So saß ich also ziemlich unbekleidet auf Gottes Erde.

Leo trabte noch immer weiter. Die selbständig aeroorbenen Teile meiner Hose drehten sich im lustigen Takt des Rades mit, oben, unten, oben, unten. Lustig trabte der Fritz dahin, bis er endlich merkte, daß sein Passagier verlorengegangen war.

Langsam stand ich auf. Die Einsamkeit drückte so auf mich, daß ich einige Tränen mit meinen erdigen Händen wegwischen mußte.

Als wir alle drei wieder beisammen waren, wieherte der Fritz, ich weinte und Leo lachte, daß uns die Tränen aus den Augen rannen. Die schö­nen Musikantenhosen! Der Stolz meines Vaters. Die Prügel waren gar nicht auszudenken. Wir

klaubten die Fetzen aus den Rädern, nahmen sie mit und gingen zu Fuß in die Hütte.

Bei der Tirler Schwaige gibt es eine Schwefel­quelle und eine alte Sennerin. Ich schämte mich furchtbar in meinem Zustand, aber die alte Wetter­hexe lachte nur, machte kurzen Prozeß, nahte Hin­tern und Beine der Hose mit groben Stichen zu­sammen und gab mir Milch, Brot und Käse, so daß alles Unglück bald vergessen wurde.

Dann fliegen wir hinauf zur Roßalm. Die ist ganz unter den Wänden des Plattkofels, ein freies, hohes, schönes Gebiet, ein Kurort, eine Sommer­frische für die Rösser, für die Schimmel, Füchse, Rappen und Braunen!

Und abends, als es dunkel wurde, hockten Hir­ten, Sennerinnen und Bauern zusammen um den viereckigen Tisch, beteten ihr Vaterunser und aßen ihr gutgeschmalztes Milchmus. Nachher erzählten sie sich Geschichten. Unsicher flackerte die Kerzen« lateme, warf unruhige Schatten und Lichter. Bald huschten Hexen über unser Hüttendach, ritten auf Besen über die Grate, verschleppten junge ^..^chen, die nie mehr wiederkamen, bald trieben unheimliche Gesellen in den Ställen ihr Unwesen, daß die Tiere unruhig stampften und mit den Ketten rasselten. Gespenster und arme Seele. Ueberall, in den Fels- karen, in den Wänden, hinter jedem Stein, hinter jedem Baum lauerte ein Spuk. Die Stimmen der Erzählenden wurden Ml er und zaghafter. Man spürte, wie die ganze Stube unter dem Bann der Geister und Gespenster stand. Der Wind strich durch die Fugen, das Brüllen der Kühe klang wie furcht­bares Stöhnen, und als wir dann mit den Later­nen unsere Heustadel aufsuchten, erfaßte mich das Geheimnis der Nacht und der Zauber der Almen so bis ins Innerste, daß ich glaubte, in einer an­deren, nie geahnten Wett zu sein. Im Heu ver­graben, schlief ich erst sehr spät ein.

Ich mußte jedoch ein bißchen zuviel Mich getrun­ken haben, denn in tiefster Nacht erwachte ich wie­der, konnte nimmer einschlafen, hatte keine Ruhe und wußte nicht wohin gehen. Badezimmer gab's keine da oben. Dafür geisterte es an allen Ecken und Enden. Das Schnarchen der Almknechte machte die Stimmung nicht gemütlicher. Ich hatte Angst, getraute mich nicht vom Fleck, dachte mir, wenn das Heu ein bißchen naß wird, macht das gar nichts, und lieh dem Schicksal seinen Laus.

Dabei hatte ich Pech. Die Richtung, in der das Brünnlein rann, war falsch. Es ging nämlich in der stockdunklen Finsternis einem der Heuknechte direkt ins Gesicht, und der hob ein furchtbares Fluchen und Schimpfen an. Eine Hand tappte im Dunkeln nach mir, ich wollte weg, trat dabei meinem Onkel auf den Bauch und flog plötzlich, von den zornigen Fäusten des Begossenen geschleudert, in die untere Ecke des Heubodens, wo ich still wie eine Maus liegen blieb.

Die Geister waren durch die ziemlich handgreif­lichen Vorkommnisse und zahlreichen Flüche, die alle mir galten, vorerst aus meinem Gemüt ver­schwunden. Ich hatte nun andere Sorgen und fürch­tete mich vor dem Erwachen.

Am anderen Morgen aber waren Gott sei Dank alle Geister vergessen und verschwunden. Auch , die Heuknechte. Die Sonne schien, die Blumen weh­ten im Winde und der Bergbach murmelte.

Die große Fahrt war zu Ende und Leo und ich trafen wieder daheim ein. Ich kriegte Herzklop- fen und sagte zu ihm:

Geh mit mir Leo, ich glaub es gibt Prügel, der Vater schimpft!" y

Warum soll er denn schimpfen?"

Weil i nicht gfagt hab, daß i mit dir geh!" Nachher habn sie dich ja drei Tag lang gsucht, Mensch! Ja, da gibts freilich Prügel, mein Lieber!"

Bittschön, geh Du voraus!"

So ging denn der stets über alles erhabene acht­zehnjährige Onkel als diplomatischer Vertreter zu meinen Eltern voraus, während ich wie ein Fuchs an Küche und Wohnstube vorüberschlich, in meine winzige Dachkammer huschte, mich ins Bett legte und ein Dank- und Bittgebet in mein Kissen flüsterte. Das erste wegen der Flucht auf die Alm, bas zweite wegen der Musikantenhose, die furcht- bar aussah.

Lange noch hörte ich den Vater, die Mutter und den Onkel reden. Man hatte geglaubt, ich sei in ben Bach gefallen, hatte im ganzen Dorf suchen lassen. Mir klopfte bas Herz. Halb im Schlaf spürte lch noch die Mutter an mein Bett kommen. Sie nahm die zerrissene Hose, beugte sich über mein Bett, strich über mein Haar und sagte ganz leise: ... er schlaft schon ... er ist halt müd'..."

Nun erst waren alle Wetter gewichen, nun alle Sünden verziehen und zuttefst glücklich schlief ich