Ausgabe 
17.2.1940
 
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so landen wir in der ungarischen Pusta, die sich von Niederbayern noch viel mehr unterscheidet als Niederbayern oqn Hamburg. Und gehen wir wie­der um dieselbe Strecke weiter nach Osten, so kom­men wir nach Rumänien, einem Agrarland, in dem aber der Acker auf die Flächeneinheit berechnet nur die Hälfte von dem trägt, was er in dem kli­matisch so wenig begünstigten Deutschland heroor- bringt! Von den Unterschieden iy der kulturellen und sozialen Lebenshaltung gor nicht zu reden!

Das war nicht immer so! Augsburg und Nürn­berg waren einmal Zentralen des Welthandels. Wien und Breslau wetteiferten mit ihnen. Weit hinaus nach dem Osten und dem Südosten drang der deutsche Kaufmann vor. Riga, Wilna, Warschau, Krakau und Lemberg verraten in ihrer städtebau- lichen Anlage und in ihren ragenden Kirchen den starken deutschen Einfluß, der hier einmal gewaltet hat. Und am Schwarzen Meer hatten durch lange Jahrhunderte die Kaufleute von Genua und Vene­dig ihre festen Standquartiere. Die Reisen eines Marco Polo hatten hier ihren Hintergrund und Anlaß.

Mit der Entdeckung der Seewege verschoben sich di« großen europäischen Verkehrswege an den nord- westlichen Rand. Mit ihnen auch das politische Schwergewicht. Eine starke politische Zentralgewalt in Deutschland wäre sehr wohl in der Lage gewesen, diese Entwicklung auch für die deutschen Interessen nutzbar zu machen. Aber diese Zentralgewalt fehlte. Ein Deutsches Reich gab es überhaupt nicht: es gab nur ein Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation. Und in diesem zerrütteten mittelalterlichen Gebilde tobten die Religionskämpfe, die ihre ,Kröpung" im Westfälischen Frieden von 1648 fanden.

Was wir heute sehen, ist eine ungeheure Kor­rektur der Geschichte von 1500 bis 1870. Wir setzen bewußt das Jahr von 1870 als Grenzmarke her. Bismarck hatte ein sehr starkes Gefühl dafür, daß sich das geschichtliche Schwergewicht nunmehr in das mittlere und östliche Europa verlagerte. Sein Bündnissystem ebenso wie der Eifer, mit dem er den Bau des Kaiser-Wilbelm-Kanals und die Ver­staatlichung der Eisenbahnen betrieb, sprechen für sich selbst. Sicherlich haben bei allen diesen Ent­schlüssen und Maßnahmen auch andere Motive mit- gervirkt: gewiß ist unser Blickpunkt von 1940 nicht absolut derselbe wie der Bismarcks zwischen 1870 und 1890. Fassen wir aber seine Gesamtpolitik zu­sammen, so ist die Richtung seiner Gedankenarbeit eindeutig.

Die Technik erlaubt heute ein ganz anderes Schaffen aus dem Dollen als zur Zeit Bismarcks. Die Maßstäbe haben sich völlig verschoben. Das Tempo hat sich phantastisch beschleunigt. Es ist ein Unterschied wie der zwischen einem modernen Auto- mobil und der alten Kutsche. Aber die Ausdehnung in die Weite und die Beschleunigung der Geschwin­digkeit sind nicht das eigentlich Entscheidende; ent­scheidend vielmehr ist der einheitliche und zielsichere Einsatz, der ein Europa nach seiner Tiefengliederung erst eigentlich schafft. Die Engländer haben nur in­soweit europäische Politik getrieben, als sie weslliche Randgebiete vom europäischen Festland her ab- geschält und in ihre Einflußsvhäre gebracht haben: zuerst Portugal, dann Holland und Belgien, später­hin Norwegen und neuerdings Frankreich, das mit ihnen so lange um den Vorrang in Westeuropa selbst gekämpft hat. Diesem englischen System, das nicht nur Deutschland zerstückeln, sondern den gan­zen europäischen Kontinent verstümmeln und in die Zwangsjacke stecken will, stellt Deutschland über­haupt erst eine europäische Idee entgegen. Und nicht bloß eine Idee, sondern auch die starke Hebelwirkung einer europäischen Wirtschaft und zweckvoller Verkehrswege. Dr. Ho.

Das neue bulgarische Kabinett

Sofia, 16. Februar. (DNB.) Im neuen bulga­rischen Kabinett wurde Ministerpräsident und Mini- ster des Schulwesens Bogdan F i l o f f; Minister des Auswärtigen Iwan P o p o f f (ehemaliger bul­garischer Gesandter in Belgrads Minister des In­nern Gabrowsky (ehern. Minister des Eisen­bahnwesens); Eisenbahnminister Rechtsanwalt Go- ranvff. Die übrigen Minister blieben unverändert. Der neue Außenminister ist 1890 geboren. Er studierte Philologie in Berlin und später Rechts­wissenschaft in Sofia.

Ministerpräsident Filoff betonte, sein« Regie­rung werde konsequent nach allen Richtungen hin

sind

von von

sorschungen nach den Urhebern der Attentat« indessen erfolglos geblieben.

Auch die Londoner Polizei wurde einem Komplott unterrichtet, das ein« Serie

Attentaten in der Hauptstadt vorbereitet hatte. Die Bombenanschläge haben die Polizei veranlaßt, ihre Nachforschungen nach in England lebenden Mitglie­dern der IRA. zu verschärfen. In London wurden viele Häuser durchsucht, und in Birming­ham sind die Besitzer von Hotels und Pensionen aufgefordert worden, über ihre Gäste Aufklärung zu geben. Die Polizei glaubt, daß in der letzten

di« bisherige Innen- und Außenpolitik des Kabi­netts Kjosseiwanoff fortsetzen.Die Außenpolitik werd« dieselbe bleiben, die Gründung der Jugoslawisch- Bulgarischen Handelskammer zeige am besten, in welcher Richtung sich die Tätigkeit der Regierung weiter entwickeln werde. Er glaube, die neugewählte Sobrache werde am 24. Februar zusammentreten, um durch eine Thronrede eröffnet zu werden.

Die Schlacht im Summaabschnitt

Stockholm, 16. Februar. (DNB.) Der Bericht­erstatter der schwedischen ZeitungDagens Nyheter" meldet aus Helsinki, daß sich die Finnen am Don­nerstag kurz vor Mitternacht nach stärksten russi­schen Angriffen gezwungen gesehen haben, ihre er st en Verteidigungsstellungen im Summa-Abschnitt der Mannerheimlinie zu räumen. Der russische Heeresbericht meldet weitere Fortschritte der Sowjettruppen auf der Karelischen Landenge. Die Finnen wichen zurück und hinter­

ließen Waffen und Munition. Die Sowjettruppen hätten sich der Station K a m a r a genähert. Am 15. Februar hätten die Sowjettruppen 52 für den Widerstand wichtige Punkte besetzt, von denen 21 mit Artillerie ausgerüstete betonierte Forts seien.

Nach dem finnischen Heeresbericht ver­suchten die Rusten am Ufer des Finnischen Meer­busens auf dem Eise vorzurücken, sollen aber ab­gewiesen worden sein. An den Frontabschnitten bei Summa und Hualajärvi wollen die Finnen russische Angriffe abgeschlagen haben. Bei Taipale wurde den ganzen Tag über heftig gekämpft. Weitere Angriffe wurden bei Vuoksi und nordöstlich des Ladogasees von den Russen vorgetragen, die zum Stehen ge­bracht sein sollen. Eine Anzahl russischer Flugzeuge sei abgeschossen worden.

Die IUA. ruht nicht.

Bornben-Explosion in Birmingham.

London, 16. Febr. (Europapreß.) In Birming­ham, wo in der vergangenen Woche die beiden Iren zum Tode verurteilt und hingerich- tet tmiroen, haben die Angehörigen der IRA. in der vergangenen Nacht weitere Attentate verübt. Ein« Bomb« explodierte in einem Schuh­geschäft im Mittelpunkt der Stadt. Durch die Explo­sion wurde erheblicher Schaden verursacht; sämtliche Fensterscheiben des großen Geschäftshauses wurden zertrümmert. Kurz darauf wurden sämtliche Aus­fallstraßen uni) der Bahnhof der Stadt von der Polizei überwacht. Ein« weitere Bombe explodiert« in einer Hauptstraße von Birmingham. Unmittel­bar darauf entdeckte di« Polizei drei weitere Bom­ben an verschiedenen Punkten der Stadt, die noch nicht zur Explosion gekommen waren. Die Nach-

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Martine Mutter.

Don Heinz Ulrich.

Martin war so ein Krümel, wie wir ihn nicht gerne hatten. Er blieb für sich, wenn ihm das vor­teilhaft schien, d. h. wenn er hätte für andere be­zahlen müssen, und er hockte bei uns, wenn wir chn nicht brauchen konnten, also wenn ein anderer ausgab. Nein, wir erwärmten uns nicht für chn und seine Methoden. Er war der einzige, der ununter­brochen und laut Kameradschaft predigte. Wir waren auch keine Engel, zugegeben, aber immerhin hätte niemand von uns auch nur im Traum daran gedacht, daß man den Inhalt eines Futterpakets allein essen kann und noch dazu so fein und unauffällig, daß kein anderer merkt, wie und wann das geschieht. Ich sehe heute noch manchmal im Traum Martin die Treppe von der Schreibstube zu uns herauf- keuchen, ein mächtiges Paket in der Hand oder bester im Arm und über die vieleWäsche" schimpfen, die man ihm schickte.

Diesen Scherz hatte uns Martin zu oft aufgetischt, als daß wir nicht endlich auf Abwehr und Besse­rungsmaßnahmen verfallen sollten. Wir räumten ihm seinen Schrank aus, er war sehr vergeßlich, räumten chm den Schrank leer, als er gerade das größte Paket bekommen hatte, das seit Menschengedenken in eine Kaserne gewandert war. Als Martin an diesem Mittag, voll vom Mittagessen, vier Schlägen und drei spendierten Bier, die ihn hatten fernhalten müsten, unsere Stube betrat, fand er seine sämtlichen Sachen malerisch in der Stube verstreut. Auf dem Tisch aber war dieWäsche" ausgebreitet, die man ihm geschickt hatte. Es war ein überwältigender Anblick.

Da lag dieWäsche", Kuchen, Wurst und Schinken, alles Beste der Welt auf einem Kasernentisch. Wir wuschen den lieben Martin recht kräftig. Nachher teilte er aus und teilte genau. Noch ein zweites Paket, das kam, wurde redlich geteilt. Dann blieb die Wäsche" ganz aus. Es kam keine mehr. Das über­stieg an Schmutz jedes Maß, und wir zogen uns von Martin zurück, als wäre seine schmutzige Wäsche kör­perlich zu spüren. Wir oertrauten ihm nichts und trauten ihm nicht mehr. Das schlug auf ihn zurück. Er wurde unsauber, auch körperlich, er gab sich nach, er war unordentlicher als irgendeiner von uns, sein Schrank war unmöglich. Immerhin fand sich keiner unter uns, der dem Spieß das hinterbracht hätte. Wir waren zu stolz auf unsere Stube. Eine Stellung als Koch hatte er sich zu verschaffen gewußt, die er­möglichte es chm, ruhig zu leben. Aus unsichtbaren

Quellen gespeist schlich das Gerücht herum, er wäre feige. Das war das Schlimmste; es stellte ihn gänz­lich außerhalb.

So weit war es mit ihm gediehen, als die Welt begann, zum Kriege zu rüsten. An einem dieserge­ladenen" Tage bekam er einen Brief, der ihn erröten machte. Je weiter er mit dem Lesen kam, desto ver­legener und aufgeregter wurde er. Ohne daß wir ihn zu fragen brauchten, verriet er uns gleich, was ihn so maßlos entsetzte. Die Mutter kam, seine strenge Mutter, die auf ihren Sohn stolz fein wollte, die kam, um ihn noch einmal wiederzusehen, denn konnte man wissen? Warum aber die Aufregung bei ihm? War es Freude, unverhofftes Glück, das ihn so plagte? Angstschweiß stand auf seiner Stirn. Ach, sein schmutziges Inneres war es, sein geringes Aus­sehen, die speckige Mütze, die schmutzigen Schuhe, der Anzug, der nicht in Ordnung war, und am schlimm­sten, seine Stellung bei uns. Wer weiß, was er seiner Mutter geschrieben hatte. Wann kam sie nun? Mein Gott, sie war ja schon da. Mit dem Zug, der. da schon längst aus dem Bahnhof gefahren war, mußte sie schon gekommen sein. Vor seinen Augen verschwamm schon alles, er sah nicht mehr klar, unfern Wachtmeister Feld, den gewichtigen Mann, hielt er für feine Mutter. Man sah es ihm an, am liebsten hätte er sich unter dem Bett verkrochen und wäre nie wieder hervorgekommen.

Wir nahmen ihm feinen Schrankschlüssel ab, wir kleideten ihn aus und an, der stiftete die Stiefel, der die Hosen, der die Mütze, wir machten einen Gentle­man aus ihm, zwei zogen ihn zur Tür hinaus zum Tor hinunter, um die Mutter zu begrüßen. Wir anderen stürzten uns zum zweitenmal auf fein Spind, doch nicht um zu zerstreuen, nein, zu ordnen. Unten lag einer und brachte die Stiefel unter, auf dem Schemel stand einer und ordnete die oberen Re­gionen, die anderen teilten sich in die Mitte. Wir säuberten, wir kehrten aus, wir ordneten. Eine volle Viertelstunde waren wir beschäftigt, immer in Angst, sie" könnte uns entdecken. Nie haben wir schneller, ängstlicher, hastiger und dennoch freudiger geschuftet.

Und dann kam sie. Stellt euch vor: eine große, strenge Matrone hatten wir au sehen erwartet, vor deren Blicken unser Stolz hinschwinden würde, unser Stolz auf Spind und Stubenordnung. Und eine kleine, liebe Frau war da erschienen, viel kleiner als ihr Sohn, mit einem Lächeln ... Gut, da standen wir. Er sagte nichts, wir redeten mit ihr, wir zeigten ihr sein Spind, wir schlugen ihn auf Schulter und Rücken und erzählten ihr von seinen Heldentaten. Wir verschwiegen, daß er Koch war und keinen

Außendienst mehr machte, wir dichteten ihm alles an, was einen Soldaten auszeichnen soll, und wir wurden nicht rot bei allen diesen Lügen, denn wir mußten lügen. Diese Frau durfte nicht anders nach Hause fahren, als froh und glücklich und stolz. Wir machten ihr ihren Sohn zu dem, was er sein sollte, sie war so froh.

Dann kam der Krieg. Martin ist ein Kamerad ge­worden. Nur manchmal, wenn er sich gehen ließ, war es noch nötig, von seiner Mutter zu sprechen. Es genügte zu sagen:Weißt du noch, deine Mut­ter?" Dann wurde er still. Still war er auch, als wir ihn eines Morgens aus dem Vorfeld holten.Grüßt meine Mutter!", sagte er, dann schlief er ein und lächelte. Träumte er von damals? Wir waren sehr stolz, daß ,,fie4' noch an uns dachte, Martins Mutter.

Gießener Giadiiheaier.

Max Halbe: »Lugend".

Sett der ersten Aufführung von Max Halbes Jugend" in einer Matine« des Berliner Residenz­theaters ist fast em halbes Jahrhundert vergangen. Der damals 28jährige Dichter ist heute ein Greis, aber sein Drama ist von unverändert großer Wir­kung, weil es einen echten Ton anschlägt aus der ewigen Melodie der ersten jungen Lieb«.

Ein dem Zwang der Schule und des Elternhauses eben entronnener Mulus trifft auf der Fahrt ins erste Semester im traulich-schlichten ostdeutschen Pfarrhaus auf ein kaum erblühtes, entzückend naives Geschöpf, und über diesen beiden jungen Menschenkindern schlauen, kaum daß sie selber wissen, wie ihnen geschieht, die Wogen der ersten großen Liebe zusammen. Wie ein Rausch hat es sie beide vom ersten Aug-ins-Auge-Schauen gepackt und hält sie im Bann, bis ihre Liebe ihre Erfül­lung gefunden hat und nun das Erwachen von beiden fordert, zu ihrer Liebe zu stehen. Der Beicht­vater des Mädchens, ein finsterer, enger Zelot, hat es bedrängt, ins Kloster zu gehen, um des Himmels Vergebung für beA Fehltritt der Mutter zu er­langen. Er spürt mit der hellsichtigen Eifersucht des unbewußt Liebenden, welche Bande sich um die beiden jungen Menschen schlingen, und ist schnell mit dem verdammenden Urteil zur Hand. Ader der alte Pfarrer, den die beiden so tief verletzt haben, ver­zeiht aus weiser Herzensgüte und weist ihnen den rechten Weg. Doch das Schicksal wlll §s ande.c- der Schuß eines Blödsinnigen läßt, was als Idyll begann, in einer Tragödie enden.

Zect viele junge irische Arbeiter nach England ge­kommen seien, deren Spuren deshalb so schnell ver­loren gingen, weil sie sich nicht polizeilich zu melden brauchten. Alle aus Birmingham ausfahrenden Wagen werden durch die Polizei durchsucht. In London ist außerdem die Bewachung der öffentlichen Gebäude wieder verstärkt worden.

Das irische Problem hat auch in den Ver­einigten Staaten Rückwirkungen ausgelöft. Bei einem Vortrag, den der ehemalige Erste Lord der brittschen Admiralität, Duff-Cooper, in

San Franzisko hielt, wurden von Iren Störun- g e n versucht. Während der Propagandarede Duff. Coopers wurde ein« antibritische Demonstration ver­anstaltet.

Der Wehrmachtsbericht vom Freitag.

Berlin, 16. Febr. (DJIB.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: keine besonderen Er­eignisse.

Deutscher Jliegergeist

PK. Ueber die wette Nordsee fliegt der zum Feiickiflug gestartete Verband deutscher Kampftlug- zeuge dem befohlenen Ziel zu:Bewaffnete Fern- aufklärung und Angriffe auf feindliche Geleitzüge an der englischen Ostküste" lautet der Einsatzbefehl. Stunde um Stund« vergeht. Hart Steuerbord liegt ein feindliches Vorpostenschiff, das beim Heran- brairfen des Flugzeuges Warnsignale mit der Dampf pfeife ausstößt.

Doch was ist das? (Eine große Anzahl von Han­delsschiffen aller Art sind es, die da herumliegen. Um einen vollen Erfolg zu erzielen, müssen auch die anderen eingesetzten Flugzeuge herangefunkt werden. Gerade will der Funker auf die Taste drücken da sitzt ihm die unangenehm« Ueberraschung schon im Nacken. Feindliche Zerstörerflugzeuge sind es, di« da heranbrausen, zwei von oben und zwei von unten, die sich, von hinten kommend, in rasender Fahrt auf das Flugzeug stürzen und es aus 31-MG.-Läufen bedrohen. Dem Funker ver­geht das Funken. Blitzschnell vertauscht er die Morse- taste mit dem MG., und noch ehe der rechts an- fliegend« Zerstörer den ersten Schuß heraus hat, jagt ihm der Funker eine fabelhaft sitzende Garbe in tue Kanzel.

Schieben, schieben" schreit der Funker am MG. seinem Flugzeugführer durch die Bordleitung zu, um ein besseres Schußfeld gegenüber dem sich in der Deckung des Leitwerkes heranpirschenden Zer- störer zu haben. Die erste MG.-Salve hat zwar ge­sessen, doch der Mann ist hartnäckig, und jetzt geht auch er zum Angrift über und haut dem deutschen Flugzeug den Rumpf voll, daß dem Funker die Fetzen um die Ohren fliegen. Er wischt sich mit dem Aermel das Blut aus den Augen, das aus einer Wunde an der Stirn herunterströmt, und macht sich auf den nächsten Angriff gefaßt. Inzwischen hat der Bordmechaniker aus der Wanne die von unten an« greifenden Flugzeuge abgewehrt, reißt jetzt das MG. hoch und haut es durch das Seitenfenster, um die Feuerkraft gegen di« nun von der Seite an« greifenden feinblidjen Flugzeuge zu verstärken. Während einer Feuerpause reicht er dem Funker noch einige Trommeln Munition nach und nun rasen die Feuerstöße der beiden MG.s dem Feinde entgegen. Abwechselnd machen sie Trommelwechstl, und wieder sitzen die Garben genau in der Kanzel und den Flächen des Angreifers, der nun schleunigst das Weit« sucht.

Ist er abgeschossen? Sie können sich weiter keine Gedanken darüber machen, denn ihr Flugzeug ist schon seit dem ersten Angriff in Bewegungen gera­ten, die chnen, alsalten Hasen", reichlich komisch vorkommen. Ihr Flugzeug ist inzwischen längst im Schutz der Wolken entkommen und noch halten die merkwürdigen Bewegungen an, die si« sich zuvor während des Luftkampfes als Ausweichmanöver ihres Flugzeuges gedeutet haben. Bald liegt die Kiste links, dann hängt sie wieder nach rechts und jetzt, dem Funker läuft es kalt den Rücken herunter, der Pilot zieht die Kftte so steil nach oben, daß sie wie eine reife Pflaume am Himmel hängt.

Da stimmt etwas nicht, fährt es mir durch den Sinn", berichtet der Funker weiter, und um mir endlich Klarheit zu verschaffen, übergebe ich dem Bordmechaniker meinen Platz im Heckstand und krieche nach vorn. Am Durchgang zur Kanzel hockt bewegungslos ein Mann der Besatzung. Ich denke: Das ist der Oberleutnant M., der sich hier einen kurzen Augenblick ausruhen will und zwänge mich an ihm vorbei. Doch als ich dem Flugzeugführer auf die Schulter klopfe, schau ich statt ihm dem Oberleutnant M. ins Gesicht, der zuvor noch nie einen Steuerknüppel in der Hand gehabt hatte.

Einen kurzen Augenblick drehte sich mir alles im Kreise, doch als ich in der regungslos hockenden Ge­

stalt unseren Flugzeugführer erkannte, wußte ich alles. Hier hatte sich, wie^ich nachher erfuhr, folgen- des Drama abgespielt: Schon während des ersten Angriffs der feindlichen Zerstörer hatte der Fluw zeugführer drei schwere MG.-Schüsse bekommen, so daß er über dem Steuer zusammensackte. Oberleut­nant M., der erst kürzlich wegen besonderer Leistun. gen aus dem Unteroftizierstand zum Offizier be­fördert worden war und sich nun auf' seinem ersten Flug als Offizier befand, erfaßt sofort die Situation und reißt während die feindlichen Flugzeuge auf uns einhackten, den verwundeten Flugzeugführer mit einer Hand aus dem Sitz, während er mit der anderen den Steuerknüppel faßte und das Flug- zeug weiterlenkt. Mit unendlicher Mühe gelang es ihm, den Flugzeugführer, der mit den Füßen in den Pedalen der Seitensteuerung festgehakt war, herauszuziehen und sich an feine Stelle zu setzen. Jetzt waren mir auch die unwahrscheinlichen Be- megungen des Flugzeuges klar, und ein schweres Stück Kampf lag noch vor uns; der Heimflug über die Nordsee stand uns ja noch bevor mit einem Flugzeugführer, der soeben auf eigene Faust, der Not gehorchend, das Fliegen lernte.

Nun hängt alles von dem reibungslosen und zu­verlässigen Zusammenarbeiten der Besatzung ab, den richtigen Kurs nach der Heimat zu finden. Ohne jedes Nachrichtenmittel, denn die Kabel der Nachrichtengeräte sind zerschossen. Nach der Sonne bestimmen wir den ungefähren Kurs und gehen bis dicht über di« Wasseroberfläche her­unter, um in dem Schlechtwettergebiet, das wieder dicht vor uns liegt, wenigstens einen Anhaltspunkt zu haben. Währenddessen schneide ich dem ver­wundeten Flugzeugführer Kombination und Uni­form auf, um an seine Wunde heranzukommen. Der Kommanbant hat sich inzwischen vorn in der Kanzel ausgezogen und reicht mir nun Teile seiner Wäsche zum Verbinden der Wunden herüber. Der Bordmonteur unterstützt unseren neuen Flugzeug­führer, reguliert die Motoren ein, kontrolli«rt den Brennstoffverbrauch und langsam schwindet die Aus- reguna: Wir müssen es schaffen.

Doch plötzlich läuft ein Motor unregelmäßig und der verwundete Flugzeugführer, der bisher bleich uni> teilnahmslos bagelegen hatte, wird unruhig und verlangt mit Zeichen sprechen kann er nicht nach Papier und Bleistift. Mit zittriger Hand schreibt er auf das Blatt:Latten verstellen". Trotz seiner Betäubung hat er die Ursache des Schadens erkannt und der Bordmonteur machte sich daran, diesen abzustellen. Bald brummen die Mo- tore wieder in regelmäßigem Lauf. Di« Maschine steckt nun wieder mitten im Schneesturm drin. In wenigen Minuten sind die Flächen mehrere Zenti­meter dick vereist, die Maschine tanzt in wilden Figuren nach links und rechts, auf und herunter. Endlich läßt der Dreck nach, die Sicht wird besser.

Der Wind muß das Flugzeug ein gutes Stück von dem vermuteten Kurs abgetrieben haben, und über den Daumen peilend wird der Kurz um 20 Grad verbessert bei der Unwissenheit über den wirk­lichen Kurs ein recht zweifelhaftes Unternehmen. Als wir nach einer weiteren halben Stunde tatsächlich genau über unserem Heimathafen herauskommen, kennt unsere Freude keine Grenzen.

Nun naht die Landung: Wir wollen mit ein- gezogenem Fahrgestell eine Bauchlandung machen. Doch plötzlich wird auch unser Flugzeugführer wieder wach. Sein Verantwortungsgefühl für die Kame­raden läßt dem prächtigen Kerl, dem der kalte Schweiß in Strömen herunterrinnt, keine Ruhe, bis er selbst wieder am Steuer sitzt, um die Landung vor­zunehmen. Kaum kann er sich sitzend aufrechterhalten. Der Bordmonteur muß ihn abstützen, doch sicher setzt er zur Landung an. Noch während die Näder auf-

Dieser Ausgang ist einst viel umstritten worden, der Dichter hat ihn nur dank feiner kompromiß­losen Hartnäckigkeit gegen die M-einungen der mei­sten Theatergewaltigen seiner Zeit durchsetzen fön- neh, und der Erfolg hat ihm Recht gegeben. Der Schuß verdeutlicht nur das Unlösliche de? Konflikts, in den sich das Mädchen zwischen den Forderungen überkommener Sittlichkeit und ihrer Liebe gestellt sicht. So ist'dies Drama von einem echten großen Gefühl getragen, äußerst wirksam in seiner Gegen­überstellung scharf profilierter Charaktere und in der zarten Webesgeschichte zweier erwachender junger Menschen von einem Hauch wahrer Dichtung durchweht.

Die Gießener Aufführung hatte unter der Regie von Dr. Hannes R a z u rn alle diese positiven Werte des Dramas gut herausgearbeitet, ohne aus billige Theatereffekte zu verfallen. Die Atmosphäre des ost­deutschen Pfarrhofes war, unterstützt von dem Bühnenbild Karl Löfflers, gut getroffen. Das Strahlende des Frühlingstages im ersten Akt lag auch über den Menschen, und folgerichtig wurde mit wachsender Leidenschaft in den beiden nächsten Akten das Drama zu seinem tragischen Höhepunkt heraufgeführt.

Don den Darstellern sei Gert Geigers Pfarrer Hoppe als ein« tief erfaßte und wohl abgewogene Leistung zuerst genannt. Gütig, großherzig, lebens­froh, ein im Kampf gereifter Mann, aufrecht und bestimmt, so bildete er gleichsam die Mittellinie des Stückes. Rührend in ihrer liebreizenden Frische war das Annchen Anneliese (Barbes. Das Ueberwäl- tigende der ersten Liebesregung, das Schwanken zwischen Reue und höchstem Glücksgefühl und schließlich das Bewußtsein, den Geliebten für immer zu verlieren, brachte Fräulein Garbe in feinen, echten Tönen zum Ausdruck. Friedrich Grän- d a h l s Hans war ganz der unreife Junge, der von Minute zu Minute zwischen höchster Glück­seligkeit und tieffter Niederaeschlagerrheit wechsell und sich an seinem unklaren Lebensgefühl berauscht. Den polnischen Kaplan spielte Hans Caninen- berg in der starren Maske des fanatischen Eife­rers mit schneidender Stimme und leidenschaftlicher Glut. Siegfried Lowitz hatte ohne naheliegende Uebertreibung das dumpf triebhafte und von blin­dem Haß gegen die von der Natur begünftigteren Geschöpfe erfüllte Wesen des schwachsimrigen Aman­dus scharf herausgearbeitet. Das volle Haus 'pendele nach den Aktschlüssen und am Ende sehr lebhaften und herzlichen Beifall. Dr. Fr. W. Lange.