Aus Oer engeren Heimat
SJl.-^POTt
Auszeichnung für treue Dienste.
* Watzenborn-Steinberg, 17. Jan. In Anerkennung ihrer langjährigen treuen Dienste wurden unserem Bürgermeister Karl Schäfer III., dem Gemeinde-Kassenverwalter Karl Maid und der Hebamme Frau Marie Straß he im, geb. Buß, vom Führer das s i l b e r n e T r e u d i e n st - Ehrenzeichen für 25jährige treue Dienstzeit verliehen. Landrat Dr. Lotz überreichte Bürgermeister Schäfer die Auszeichnung mit herzlichen Worten der Anerkennung und des Dankes für seine
Züchter.
*♦ Ernennung beim Landratsamt. Der Herr Reichsstatthalter in Hessen hat die Kanzlisten Wilhelm S e l p p , Karl Sier und Karl Kühn beim Landratsamt in Gießen mit Wirkung vom 1. Oktober zu Verwaltungsassistenten ernannt.
** Dienstjubiläum bei der Reichs« bahn. Der Betriebsschlosser Karl G e r l a ch Werrwstraße 6, kann morgen, Donnerstag, 18. Januar, auf eine 40jährige Tätigkeit -im Dienste der Reichsbahn zurückblicken. Der Jubilar gehört seit vielen Jahren zum treuen Leserkreis des Gießener Anzeigers. Unseren herzlichen Glückwunsch zum Dienstjubiläum.
*♦ Eine Einundsiebzigjährige. Am morgigen Donnerstag. 18. Januar, kann Frau Elise H e b st r e i t, geb. Müller, Crednerstraße 33, in körperlicher und geistiger Frische ihren 71. Geburtstag feiern. Frau Hebstreit ist Trägerin des silbernen Chrenkreuzes der deutschen Mutter. Seit fünf Jahrzehnten gehört sie zu den treuen Leserinnen des Gießener Anzeigers. Wir beglückwünschen die Jubilarin herzlich zum Geburtstag. _________________
beit für unsere Ortsgemeinschaft aus.
Schweres Unglück beim Rodeln.
Zwei Kinder fof, zwei schwer verletzt.
* Wetzlar, 16. Jan. Im Stadtteil Niedergirmes ereignete sich beim Rodeln ein schwerer Un- gl ü ck s f a l l, dem leider das Leben zweier Kinder zum Opfer fiel, während zwei weitere Kinder schwer verletzt wurden. In einer abschüssigen Straße, vor deren Benutzung zum Rsdetn sogar polizeilich gewarnt worden war, fuhren die Kinder auf chren Schlitten das steil abfallende Straßengelände hinab. Bei einer solchen Abfahrt streßen zwei Schlitten, die von den Kindern aneinandergehängt wa.en, in einer Straßen kurve mit einem plötzlich vor ihnen auftauchenden K r a f t w a g e n zusammen. Dabei wurden die fast zwölf Jahre alte
Zur Vorbereitung dieser Wettkämpfe wurde die Vorturnerstunde durchgeführt Zu Beginn begrüßte Kreismännerturnwart Reuter die Turner und erklärte kurz den Wettkamps. Geturnt wird in der Kreisklasse und der Unterkreisklasse. Die Uebungen für Altersturner I (35 bis 50 Jahre) und der Altersturner II (über 50 Jahre) werden noch bekannt gegeben. Die Untertreise turnen in Dillenburg, Sinn, Wetzlar, Gießen und Alsfeld.
Im Februar findet in Ober-Ursel ein Mannschaftskampf der Kreise 8, 9 und 11 statt, als Rückkampf für den im Dezember 1938 in Bad Ems durchgeführten Kampf, in dem der Kreis 8 den Sieger stellte.
Nach einer Lguf« und einer Körper«
Schulmigsarbeit im Fachamt Turnen, Kreis 8.
Kreisfachwart Daupert hatte die Vereinsfüh- rer, Turnwarte und Uebungsleiter nach Gießen in den Turnsaal der Schillerschule zu einer Kreisvorturnerstunde eingeladen. Die turnerische Arbeit geht auch in der jetzigen Kriegszeit weiter, und die vorhandenen Schwierigkeiten werden überwunden. Gerade jetzt muß jeder Turner lOOprozentig seine Pflicht tun. b
Als nächste Veranstaltung im Kreis gelangen die Meisterschaftskämpfe zur Durchführung. Diese sind ausgeschrieben für Turner, Turnerinnen, HI. und JV.
weggeworfene brennende Streichholz entstand das Feuer. Nachdem K. durch die Hitze des Brandes erwacht und des Feuers nicht Herr geworden war, ging er nach Hause, ohne Feueralarm zu geben. Der Angeklagte war im wesentlichen geständig. Der Anklagevertreter beantragte mit Rücksicht auf den wirtschpftlichen Schaden eine Gesamtgefängnisstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten und Anrechnung der Untersuchungshaft. Der Angeklagte wurde der fahrlässigen Brandstiftung und der unterlassenen Hilfeleistung schuldig erkannt und zu einer Gesamtgefängnisstrafe von zwei fahren und sechs Monaten, abzüglich drei Monate Untersuchungshaft, verurteilt. Seine seitherige Unbestrastheit und sein im übrigen einwandfreies Leben bewahrten den Angeklagten vor höherer Strafe. ,
H. Sch. in Lauterbach war durch Urteil des Amtsgerichts Gießen vom 14. November v. I. wegen Unterschlagung zu einer Gefängnis st rafe von fünfMonaten verurteilt worden. Er hatte einen Radioapparat gegen Eigentumsvorbehalt gekauft, eine. Anzahlung von 5,— RM. gemacht, dann aber, ohne weitere Zahlungen zu leisten, den Apparat veräußert. Gegen dieses Urteil legte er Berufung ein. In der Berufungsverhandlung war der Angeklagte trotz ordnungsmäßiger Ladung nicht erschienen. Dem Antrag des Anklagevertreters entsprechend wurde die Berufung verworfen.
*♦ Zahlungsanmahnung. Die Stadtkasse Gießen mahnt die 9. und 10. Dorauszahlungsrate der Grundsteuer 1939, die 3. Rate der Gewerbesteuer für 1939 sowie das 4. Ziel der Kanal-, Stra- ßenreinigungs- und Müllabfuhrgebühren für 1939 zur Zahlung an.
*♦ Die Ausgabe von Zusatz-Seisen- (arten für Kinder erfolgt von morgen ab bei den zuständigen Bezirksgeschäftsstellen des stadti- schon Wirtschaftsamtes. Die Eltern der m Betracht kommenden Kinder mögen die heutige Bekanntmachung beachten.
Strafkammer Gießen.
Der O. K. aus Eichelsdorf, z. Zt. in Untersuchungshaft, war beschuldigt, am 12. Oktober v.J. m Elchels- dorf durch Fahrlässigkeit einen Brand verursacht und, als er das Feuer bemerkte, es unterlassen zu haben, sofort Hilfe zu leisten. Durch den Brand wurden zwei Scheunen und Stallungen, landwirt- schaflliche Maschinen und Geräte, sowie Getreide- und Futtervorräte im Gesamtwert von etwa 40 000,— RM. vernichtet. Der Angeklagte kam aus einer Wirtschaft, ging aber, weil es sehr spat geworden war, anstatt nach Hause in eine der abgebrannten Scheunen, um dort zu schlafen. Er zündete in der Scheune ein Streichholz an, das er dann wegwarf, und legte sich zum Schlafen. Durch das
men. Für die vier noch lebenden Mitglieder des! Olten Vereins sprach das ehemalige Vorftandsmit« | glied Ludwig Luh I I I. Die Verschmelzung fand allgemeinen An-klang. Als äti<ri früheren Vereins wurde Ludwig , gast kn den Verein von 1931 eingeführt.
Im geschäftlichen Teil der Versammluna wurden die Arbeitsposten für die Ausstellung vergeben. Nach Mitteilung des Ausstellungsleiters werden in der Ausstellung 6 Stämme mit je einem Hahn und Mei Hennen, 9 Enten, 138 Hühner, 53 Zwerg- Hühner und 103 Tauben g-ezeigt, sodaß im ganzen 309 Nummern mit insgesamt 321 Tieren zur Be- Wertung kommen. Den Preisrichtern stehen rund 20 Ghrenpreise der Reichs-, Landes« und der Kreisfachgruppe, aber auch der Behörden und vieler privater Stifter zur Verteilung zur Verfügung. Ferner werden noch 30 Zufatzpreise vergeben. Mit der Ausstellung ist auch eine Werbe- und Lehrschau verbunden. Sie bringt neben vielem Anschauungsmaterial auch aufÜärende Vorträge bewährter
sich schon vormittags auf den Weg und suchen sich ihre Rodelbahnen, die zwar manchmal recht bescheiden sind, aber doch ihren Zweck erfüllen. In all den Tagen bisher konnte man fast zu jeder Stunde eine stattliche Anzahl Kinder sehen, die in der Anlage am H i n d e n b u r g w a l l, vor dem Gymnasium, die geringe Neigung der Wiesenfläche zur Rodelbahn ausnützte. Immerhin, für 15 bis 20 Meter weit zu rutschen, reicht es, und damit sind ja Kinder auch schon zufrieden.
Eine einzige große -Rodelbahn ist O s w a l d s - garten geworden. Das kurze, aber für die Rodelbahn günstige steile Gefälle vom Wernerwall hinunter zur breiten Fläche des Platzes ist nicht nur ein idealer, sondern auch völlig gefahrloser Tummelplatz für Kinder geworden
Äne hübsche und idyllische Rodelbahn befindet sich am L u t h e r b e r g. In zwei Absätzen schwingt der kleine Hügel bis an den 'Gehsteig der Licher Straße, grenzt hier aber gleichzeitig an eine Straße mit besonders lebhaftem Verkehr. Die Kinder haben natürlich den Ehrgeiz, möglichst weit zu rodeln, ohne dabei zu bedenken, daß sie sich damit in Ge- fcchr begeben. Zwar wurde der Bürgersteig gerade an d e r Stelle, wo die Kinder rodeln, von städtischen Arbeitern schneefrei gemacht oder es wurde Äsche gestreut, es ist aber doch empfehlenswert, merrn die Eltern ihre Kinder nachdrücklich warnen, sich allzu weit nach der Straße hin zu wagen oder gar gegen Bäume zu fahren, wie es am Hinden- burgwall fern könnte.
Geflügelausstellung in Gießen-Klein-Linöen.
Der Geflügelzuchtverein Klein-Linden 1931 ist eifrig mit den Vorbereitungen für die am kommenden Samstag und Sonntag stattfindende allgemeine Geflüaelausstellung beschäftigt. Aus diesem Anlaß fand nn Gasthaus ,^Zur deutschen Eiche", im Ausstellungslokal, eine Mitgliederversammlung statt.
Zu Beginn der Versammlung wurde die Verschmelzung des vor Jahren bestehenden, aber seit langer Zeit ruhenden alten Geflügel- und Kaninchenzuchtvereins mit dem gegenwärtigen Verein vorgenom-
Jnge Keiner und der fünfeinhalb Jahre alte Hermann Peterburs auf der Stelle getötet, während die elf Jahre alte Jngeborg H a s s e l b a ch und die dreizehn Jahre alte Gisela G o n d o l f schwer verletzt wurden und sofort in das Krankenhaus überführt werden mußten. Die polizeiliche Untersuchung des beklagenswerten Vorfalles wurde sofort eingeleitet.
Kreis Alsfeld.
—.— Homberg, 16.Jan. Der hiesige Wan-- derverein führte am Sonntagnachmittag seine erste Wanderung nach Büßfeld aus. Daran nahmen 25 Mitglieder teil. Bei einer Rast in Büßfeld begrüßte der Leiter der hiesigen Dereinsgruppe, Kam. Allendörfer, die Mitglieder und Gäste. Er teilte dann u. a. mit, die Hauptleitung des Ober- hessischen Gebirgsvereins wünsche, daß das Wandern auch in dieser ernsten Zeit gepflegt werde, im Laufe des Jahres die Wanderzeichen erneuert oder ausgebessert, die Schutzhütten, Bänke und Wege unterhalten werden, genau wie in normalen Jahren. Dann gab er den neuen Wanderplan bekannt.
Kreis Wetzlar
<£ Krumbach 16.Jan. Der hiesige Standesamtsbezirk, der die Gemeinden Krumbach und Frankenbach umfaßt, verzeichnet im Jahre 1939 erfreulicherweise einen starken Geburtenüberschuß. Die Zahl der Sterbefälle liegt erheblich unter der der Geburten. Auch die Zahl der Eheschließungen ist durchaus erfreulich. — Das sechsjährige Söhnchen Walter des Bergmanns Wilhelm Jost erlitt beim Rodeln einen Beinbruch und mußte nach Gre- ßen in die Klinik gebracht werden.
treuen Dienste zum Wohle der Gemeinde. Bürgermeister Schäfer händigte die Ehrenzeichen dem ieftes Mitglied des Gemeindekassenverwalter Maid und der Hebamme I Luh III. als Ehren- Frau S t r a ß h e i m ebenfalls mit Worten der dankbaren Anerkennung für ihre verdienstvolle Ar-
schule traten die Turner in vier Riegen zum Oe« räteturnen an. Reuter (Gießen) leitete das Bar. renturnen, Sauer (Gießen) übernahm das Turnen am Reck, Seipp (Großen-Linden) und T h ö t (Alsfeld) turnten mit den Riegen am Pferd, und Lettin (Wiefeck) führte das Bodenturnen durch.
Kreisfachwart Daupert ermahnte die Turner zu ganz besonderem Einsatz. Ein Teil der Kameraden schützt die Heimat, wir daheim haben die doppelten Aufgaben. Die Arbeit im Geräteturnen darf nicht unterbrochen werden, sonst ist der Aufbau zu schwer, Bei der Jugend muß Sport getrieben und nicht nur angesetzt werden. Auch bei den schwierigsten Verhältnissen darf die Verbindung im Verein nicht abbrechen. H.
1000 Jungen und Mädel in Garmi;ch
.Wlnlerkampffpiele der Jugend im Februar.
In den Tagen vom 18. bis 26. Februar weilen in Garmisch-Partenkirchen die besten Schiläufer der Hitler-Jugend und die gesamte Spitzenklasse des BDM. zu den V. Winterkampfipielen der HI. Nach
Jäger gedenke deines Wildes!
den Ausscheidungen in den Gebieten wurden 1000 Jungen und Mädel zu dieser ersten Großveranstal. tung der HI. im Jahre 1940 einberufen. Gerade in Kriegszeiten kommt den Winterkampfspielen eine besondere Bedeutung zu. Mrgendwo in der Welt wäre unter den gegenwärtigen Umständen eine solch große Veranstaltung möglich, mit der gezeigt wird, daß in einer straffen Zusammenfassung der spart« lichen Betätigung der Jugend die Grundlage für die sich im Kriege ergebenden Notwendigkeiten liegt.
Siegreiche deutsche Boxstaffel.
Die deutschen Amateurboxer trafen auf der Heimreise von Preßburg in Batov, einem kleinen Städtchen in der Nähe von Zlin, nochmals gegen eine Auswahl des Protektorats Böhmen und Mähren an. Wieder siegte die technisch klar überlegene deutsche Staffel gegen die kampfeifrigen Gegner, diesmal mit 14:4 Punkten.
Deutsche Tennissiege.
Bei den dänischen hallenmeislerschaften.
An den Hallentennis-Meisterschaften von Dänemark in Kopenhagen nehmen auch mehrere deutsche Spieler teil. Sie kamen sämtlich in den Vorrundenspielen zu Siegen. So blieb der Deutsche Meister Henner Henkel', der seinen Fronturlaub in Dänemark verbringt, gegen den Dänen Helger Johansen mit 10:8, 8:6 siegreich und zeigte sich dabei schon recht gut eingespielt. Ziemlich glatt schlugen die drei Kölner Spieler ihre Gegner. Der deutsche Jugend- meister Gies bezwang Lindström (Schweden) mit 6:3, 6:2, Eppler setzte sich gegen Thorsen Jo- hannsson (Schweden) mit 6:4, 6:4 durch, Gulcz schaltete Nielsson (Dänemark) mit 6:2, 6:2 aus.
Rundfunkprogramm
Donnerstag, 18. Januar.
6 Ühr: Morgengruß. 6.10: Morgengnmnastik. 6.30: Frühkonzert. 7 bis 7.15: Nachrichten. 8: Land- volk, merk' auf! 8.10: Gymnastik. 9.15: Was wir Frauen heute wissen muffen? 9.30: Schulfunk (Mittel- und Oberstufe). Sang und Klang in der Schule. 10: Frohe Weisen. 11: Chor- und Klaviermusik. 11.50: Stckdt und Land — Hand in Hand. 12: Mittagskonzert. 12.30 bis 12.40: Nachrichten. 13.15: Musik am Mittag. 14: Nachrichten. 14.15: Der fröhliche Lautsprecher. 15.45: Bücher für unsere Soldaten. 16: Nachmittagskonzert. 17 bis 17.10: Nachrichten. 18: Ruf ins Land: Berichte des Landesernährungsamtes. 18.25: „Herz, aufglühe dein Blut." Eine besinnliche Sendung für unsere Kameraden am Westwall. Worte von Hermann Löns. 19.10: Musik nach des Tages Arbeit. Dazwischen: 19.10: Berichte. 19.45: Politische Zeitungsschau. 20: Nachrichten. 20.15: Uebertragung vom Deutschlandsender. Da« zwischen: 22 bis 22.15 und 24 bis 0.15: Nachrichten.
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CARL DUNCKER VERLAG . BERLIN W 35
24 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Wieder nehmen diese Gedanken Klarissa die Ruhe. Sie nehmen chr die Mittagsruhe und treiben sie hinaus, so, als könnte sie die Hände über ihr Land breiten, als müßte sie die Hände darüber breiten. Und zur selben Stunde, als die junge Anne zu Christian Schwertfeger saat: „Konifere ist ein königliches Tier, wenn sie ein AckerpferV nimmt, so wird er ein König an Kraft fein", ja, zur selben Stunde geht Klarissa, mit schweren, trostlosen Gedanken belastet, durch die Wälder des Birkenhofes.
Am Nachmittag gehen Frank und Rudolf zum Baden. Sie haben ihr Badezeug bei sich und schlendern flötend dahin. Es ist warm, denn die Sonne scheint, und windig ist es auch. Der Wind kommt in kleinen raschen Böen, birgt die Birken am Weg, wirbelt gelbe Staubsäulen auf, daß man einen Augenblick die Lider schließen muß, doch dann ist er schon wieder davon.
Der Weg ist ihnen nicht unbekannt, und daß sie zum See fast eine Stunde wandern müssen, macht ihnen ganz und gar nichts aus. Sie kommen beim Haus des Fischers Jörs vorüber. Frieda sitzt hinter den Johannisbeestrauchern, sie pflückt und hat rote Finger. „Wie geht es Anne", ruft sie, „ist sie von ihrer Weltreise zurück?"
Die Knaben kommen bis an dis gut verschnittene Weißdornhecke, grüßen und sagen, daß Anne erst am Montag kommt. Frieda hält ihnen eine Hand voll Johannisbeeren hin. „Mögt ihr die?" Natürlich, sie mögen immer. Schluckend gehen sie weiter. Jetzt sind sie auf dem Waldweg, der See liegt wie ein blaues Auge vor ihnen. Sie fangen an zu laufen. „Renn mir nicht weg, du kannst mal auf mich warten", ruft der Jüngere, und fast zur selben Zeit kommen sie bei der großen Föhre an, unter deren Zweige Anne immer ihre Sachen legt. Auch heute liegen Kleidungsstücke da. „Es badet schon jemand", sagt Frank. Ja, da liegt ein Kleid obenauf, und das Kleid kennen sie, es ist Klarissas Kleid. Sie kehren beide die Blicke dem See zu, beschatten die Augen mit der Hand, um besser über die glitzernde Fläche sehen zu können, und scheinbar hat die Tante sie auch entdeckt, denn sie hebt eine Hand, winkt und kommt auf das Ufer zu.
„Wie fein Klarissa schwimmt", sagt Rudolf,, „sieh mal, was sie für Züge macht." Er ist von jedem Sport begeistert, und er ist von der Tante begeistert, nicht nur, weil sie so gut schwimmen kann. Er ist ein Junge von zehn Jahren, kräftig und gewandt, aber so gut schwimmen kann er noch nicht. Frank hat es erst im vergangenen Jahr gelernt, doch er müht sich, das bessere Können des Bruders durch Wagemut wieder wettzumachen. Sie streifen Anzüge und Wäsche runter, schlüpfen in die Badehosen und stehen nun am Rand des Wassers.
Klarissa kommt indes ans Ufer, sie hat Grund unter den Füßen, sie geht langsam dahin. Das Schwimmen hat ihr gut getan, die Jungen kommen ihr entgegen. In diesem Augenblick geschieht es! Frank sieht es zuerst, er hebt die Hand und schreit, er hat das noch nie gesehen, was ist es? Ein Wirbel kommt aus dem fast blauen, fast wolkenlosen Himmel, eine Säule, eine schwefelgelbe Säule schwirrt durch die Luft. Bäume knicken drüben am Ufer wie Streichhölzer. Jetzt ist sie im Wasser, sprüht und wirbelt viele Meter hoch, springt wie ein Trichter, ein mächtiger, quirlender Trichter über das Wasser, der über alles hinwegfegt, was sich ihm in den Weg stellt. Der See, dieser stille, freundliche Binnensee, ist nicht mehr er selbst, er ist wie das Meer mit einer Welle, die wie der Sturm braust. Sie ist hoch und wild und nimmt alles mit, was morsch und müde ist. Seht, da steht die Alte vom Birkenhof und sie denkt wohl: „Nanu?" Sie sieht sich um. Da ist die Welle schon. Bist du noch ein Baum, Klarissa? Bist du stärker, als es die Föhren deiner Wälder sind, bist du so zähe, wie es die jungen Birken sind? Steh dock. Klarissa, fall nicht um. es war ja nur eine Windhose, kein großer Wirbelsturm, eine kleine Windhose, über die zu sprechen kaum lohnt, also steh und wehre dich!
Sie wehrt sich, die Alte vom Birkenhof, bei Gott, sie wehrt sich ehrlich und redlich, doch die Welle packt sie, schleppt sie mit und schlägt sie nieder. Hum, da ist der Wirbel über den See getanzt, da schwingt er sich hoch über die Bäume hinaus. Wie die Birken sich drehen, wie die Föhren sich winden. Knick, knack, cs hilft ihnen nichts, was morsch ist, muß weg. Die Welle ist bis in den Wald geflutet, der Sog nimmt mit, was sich nicht wehren kann. Kleidungsstücke schwimmen da, wie weiße Möwen, die Hemden der Jungen schwimmen, Klarissas graues Kleid. Einerlei, alles einerlei.
„Tante Klarisia!" Rudolf sieht ihren Kopf, da ist sie doch, warum richtet sie sich nicht auf? Immer noch ist der See unruhig, aber er ist wieder so un» gefährlich wie vorher. Und da sind zwei Jungen, furchtlose, kleine Jungen, sie denken nicht, uns kann
jetzt noch dieses oder jenes passieren, sie denken auch nicht, mit unserem Schwimmen ist es nicht so weit her, nein, sie springen durchs Wasser auf die Stelle zu, wo sie den schw?'-«>n Körper Klarissas wie einen dunklen Fleck sehen. Ganz flach ist es hier, kann man da ertrinken? O ja, man kann es wohl. Wenn einem die Sinne schwinden, kann man auch hier ertrinken. Aber da sind diese Knaben, zwei Kinder, die von solchen Dingen eigentlich nichts verstehen. Sie sind anders, diese beiden, wie viele ihrer Alters, genossen, sie laufen in der Angst nicht davon, nein, sie legen die Arme um den schweren Körper und versuchen ihn aus dem Wasser zu ziehen. Es gelingt ihnen nicht, ganz ausgeschlossen, ihre Kräfte reichen nicht aus. Sie atmen beide schwer. „Tante Klarissa", keuchen sie, „wach doch auf, Tante Klarissa." Aber sie hebt die schweren Augenlider nicht, sie atmet wohl gar nicht? „Ist sie tot?" Frank flüstert es dem älteren Bruder zu, er fühlt sich merkwürdig von diesem Wort angerührt, ein bißchen wichtig und ängstlich zugleich. Neugierig sieht er in das große, ruhige und gelbe Gesicht der alten Frau.
Rudolf ist der Aeltere, er ist auch wohl der Der- nünftigste. Er sagt: „Sie atmet ja, ich fühle es, daß sie atmet, aber wir beide kriegen sie nicht an Land. Ich werde mich hinknien und ihren Kopf gegen meine Schulter legen, dqnn ist er über dem Wasser und du lauf zu Jörs und sage, daß sie kommen sollen."
Frank ist fast drei Jahre jünger als der Bruder, er farm nicht so schnell laufen, wie es Rudolf kann. Er ist auch nicht ganz so geschickt und vertrödelt sich gern, aber feiner soll jetzt von ihm glauben, daß er diesen Auftrag nicht schleunigst ausführt, das soll feiner glauben. Er fliegt nur so über den Waldweg, wendet nicht mal den Kopf, um zu sehen, bis wie- weit das Wasser an Land gekommen ist, und er kümmert sich nicht darum, daß ihm die Fußsohlen schmerzen, denn er ist es nicht gewöhnt, barfuß zu gehen. Jetzt hat er schon die abgeplattete Spitze des Sees erreicht, er kann über die Schilfwand hin das Haus des Fischers liegen sehen. „Herr Jörs", schreit er, „Herr Jörs." Seine Stimme ist schrill und spitz vom hastigen Lauf, der Gaumen ist ihm trocken. „Herr Jörs?" Er denkt an Friedas Johannisbeeren, an Tante Klarissa und an Rudolf, der im Wasser kniet und sie hält, es geht ihm im Kopf alles ein bißchen durcheinander, aber es ist gut, daß er diesen Auftrag gekriegt hat.
Jörsens stehen im Hof beieinander. Frieda und Jörs-Mudder saßen hinter den Johannisbeersträu- chern, als sie ein furchtbares Brausen und Singen in der Luft hörten. Sie sprangen beide auf, Jörs- Mudder warf ihre Schussel mit Beeren hin, schrier
„Herrje, herrje" und streckte die Arme in die Luft. Da sahen sie einen schwefelgelben Wirbel, der Sand und Wasser mit sich führte, drüben überm Wald in die Luft klettern, wie eine Spirale. Die Kronen der größten Föhren wandten sich, als sollten sie abgedreht werden. Wie ein Husch war das alles, dann war der Himmel wieder blau und der See ruhig und alles war wie vorher, nur die Johannisbeeren lagen am Boden und Jörs-Mudder schrie nach Jörs-Vadder, denn ihr fielen die Netze ein. Wenn die Windhose über Dadders Netze geraten war, konnten sie sich alle gratulieren, dann war auch nicht ein Fetzen heil geblieben.
Nun stehen sie da im Hof und reden durcheinander und heben die Arme in die Luft und Jörs-Mudder faltet die Hände, obwohl sie rot und fiebrig vom Beerenpflücken sind. „Gott im Himmel fei uns Armen gnädig", ruft sie, denn sie ist eine fromme Frau, die jeden-Sonntag in die Kirche geht. Wenn auch die Leute von ihr sagen: Jörs-Mudder hat den lieben Herrgott im Mundwinkel, aber nicht im Herzen, so ruft sie ihn jetzt mit einer Stimme an, die fast so schrill und spitz ist wie die des kleinen Frank vom Birkenhof. Denn wenn Netze zu flicken sind, muß Jörs-Mudder ran, und dabei geht doch das Einfachen los und dann die Kartoffelernte und dann die Rüben. „Gott im Himmel, sei uns Armen gnädig!" Ja, wen soll Jörs-Mudder denn auch sonst anrufen und um seine Hilfe bitten, um heile und ganze Netze bitten?
Sie stehen auf dem Hof und reden durcheinander und hören die Knabensttmme erst, als sie dicht hinter der Weißdornhecke schallt. ,Herr Jörs, Herr Jörs!!!^ Da fehren sich alle um und Jörs-Mudder schreit abermals: „Gott im Himmel!" Der Knabe feucht. Er ist zu schnell gelaufen und feucht und kann kaum die Worte herauskriegen: „Tante Klarissa — liegt im See, wir kriegen sie nicht allein heraus, helfen Sie doch!"
Gott im Himmel, Gott im Himmel! Jörs-Vadder läuft so, wie er ist und auf Strümp stocken los, wie er aus dem Nachmittagsschlaf hochkam. JörsMudder und Frieda rennen mit fiebrigen, roten Fingern hinterdrein, und nur Willi ist klug und besonnen. Er holt sein Rad aus dem Schuppen und ein Paar Holzpantoffeln für Frank. „Zieh sie an, dann kannst du dich hinten draufstellen. Ist deine Tante tot?" | Da ist das Wort wieder, das für Frank heute und durch Klarissas gelbes Gesicht Bedeutung bekam. „Ich glaube es fast", sagt er und steckt sich eine Hand Johannisbeeren, so wie sie da auf dem Tisch liegen, zum Einkochen abgezupft, in den Mund.
(tzortjetzung folgt)


