Ausgabe 
17.1.1940
 
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tigte in einer Rede den Entschluß der amerikanischen Lander, sich nicht nur dem europäischen Konflikt, sondern darüber hinaus auch dessen direkten und indirekten Folgen fernzuhalten. D-ie Konferenz oerbe Vorschläge für die amerikanischen Staaten zur Aufrechterhaltung ihrer Neutralität ausarbeiten.

Das neue japanische Kabineti.

Tokio, 16. Jan. (DNB.) Soeben wurde die neue Kabinettsliste veröffentlicht. Ministerpräsident ist Admiral Y o n a i, Kriegsminister General -ata, Außenminister A r i t a, Innenminister der frühere Kolonial- und Derkehrsminister Graf Komado, -andelsminister das Mitglied des Oberhauses Groß­industrieller F u j i w a r a , der im -erbst vergange­nen Jahres in Deutschland weilte, Marineminister

Admiral Donal

Admiral Yoshida, Finanzminrster der frühere Landwirtschaftsminister im Kabinett -iranuma, 61- kurauchi.

Ministerpräsident Yonai betonte vor allem, daß die Beilegung des Chinakonflittes zur Schaffung einer Neuordnung Ostasiens, gestützt auf den festen Entschluß des Volkes, unverrückbares Ziel Japans bleibe. Aus diesem Grunde werde die ja­panische Regierung den Plänen einer neuen chinesischen Z e n t r a l r e g i e r u n g volle Unterstützung gewähren. Die Regierung werde sich ferner bemühen, die Beziehungen zu den anderen Mächten von Japans eigenem unab- hängigen Standpunkt aus zu klären. Die Regierung werde alles tun, um die Lebenshaltung des Volkes sicherzustellen und den Ausbau der L a n - desverteidigung zu fördern. Auf eine Frage, welche -altung die neue Regierung gegenüber Rußland einnehmen werde, erwiderte Yonai, daß die Rußlandpolitik des letzten Kabinetts aus- gezeichnet gewesen sei. Es sei gut, alle Ursachen für Streitigkeiten mit der Sowjetunion zu beseitigen. Als ersten Schritt zur endgültigen Bereinigung der japanisch-russischen Beziehungen bezeichnete Yonai die Lösung der Grenzfrage.

Politisch interessierte Kreise erklären, die neue Re- gierung sei im wesentlichen auf die Richtlinien des Kabinetts -iranuma festgelegt: Wetterführung des Ehinakonflikts auf der Basis der Konoye-Erklarung, Nichteinmischung in den Krieg in Europa sowie Ausgleich mit Amerika und Rußland. In der Presse kommt die Erwartung zum Ausdruck, daß das neue Kabinett alle Kräfte daran fetzen werde, um eine Vertrauensgrundlage im Volke zu schaffen. Die Presie weist auf die Tatsache hin, daß der frühere Generaladjutant des Kaisers, Kriegsminister Gene- rol -o ta, auf persönlichen Wunsch des Kaisers im Amt verblieb und den persönlichen kaiser­lichen Auftrag erhielt, für die Zusammen- arbeit zwischen Armee und Kabinett zu sorgen. Dies sei das erste Mal, daß der Kaiser bei einer Kabinettsbildung persönlich hervorgetreten sei.

Englands Drachensaat ging ans.

Oeutschenmißhandlung in polen von oben herab organisiert und von einem polnischen -.Polizisten" geleitet.

Posen, 16. Jan. (DNB.) Die beispiellosen Ge- walttättgkeiten, die in den ersten Septembertagen an wehrlosen Volksdeutschen während ihrer Ver­schleppung in das Innere Polens verübt wurden, fanden in einer Verhandlung des Posener Sonder­gerichtes ihre erneute Bestätigung. Der Prozeß lie­ferte den deutlichen Beweis dafür, daß die an Deutschen begangenen bestialischen Grausamkeiten nicht allein das Werk des durck den englischen Frei- frrief aufgestachelten polnischen Mordgesindels waren, sondern das Ergebnis einer von oben herab wohlvorbereitet e n Aktion, an Deren Durchführung sich auch behördliche Stellen in diesem Falle die Polizei beteiligten. Der polnische Polizist Jan Luczak aus Elsenau hatte vor dem Einmarsch der deutschen Truppen in das Posener Gebiet vom Landrat den Auftraa erhal­ten, einen Zug von 52 verhafteten Deutschen aus dem Kreise Wongrowitz in ein Sammetlager nach Wloclawek zu führen. Während des Transportes mißhandelte Luczak nicht nur selbst die seiner Führung überantworteten Volksdeutschen auf das schwerste, sondern er roieaelte auch den pol­nischen Pöbel unterwegs zu Ueberfällen aus den Derhafteten-Transport auf.

In allen Ortschaften, durch die der Zug auf sei­nem Fußmarsch kam, ließ Luczak durch seine Scher- gen ausrufen, daß die Deutschen eine Revolution angezettelt, zwei polnische Frauen und mehrere Kinder erschlagen hätten, daß sie gegen das pol­nische Militär kämpften und nun zur -inrichtung abgeführt würden. Ueberall stürzte sich die

verhetzte polnische Bevölkerung auf die Deutschen und mißhandelte sie, während Luczak diesen Grausamketten mit grinsen­dem Gesicht zusah. Don Gnesen aus wurden die ver­hafteten 52 Deutschen in einem Viehwagen weiter» transportiert, dessen Lustklappen Luczak zu- nageln ließ. Auf einzelnen Stationen stand der Waggon oft einen ganzen Tag in sengender -itze. Wiederholt wurde die Tür des Waggons auf gerissen, und polnische Eisenbahner warfen unter dem taten­losen Zusehen der Polizei Ziegelsteine auf die zu­sammengepferchten Deutschen. Während der ganzen Fahrt erhielten diese weder Wasser noch Essen ob­wohl man ihnen Geld dafür abgenommen hatte. Auch wurde ihnen nicht erlaubt, ihre Notdurft außerhalb des Waggons zu verrichten. Als der Weltkriegsinvalide Kiock infolge dieser Martern wahnsinnig wurde und in Tobsuchtsanfälle verfiel, stieg Luczak in den Wagen undbehandelte ihn solange mit dem Gummiknüppel, bis er verstummte. In Wloclawek erwartete eine etwa 200kopfige an­scheinend vorher verständigte Menge die Deittschen vor dem Bahnhof, um auf die ermunternden Winke Luczaks hin mit Eisenstangen, Knüppeln, Schrau­benschlüsseln und anderen -iebwaffen über sie her- zufallen. Der Angeklagte stachelte mit seinen -el- fern durch die falschen Anschuldigungen die Menge zu immer größeren Wutausbrüchen auf. Das Son­dergericht verurteilte Luczak wegen gefährlicher Körperverletzung als Gewaltsverbrecher und wegen schweren Landfriedensbruches als Rädelsführer zweimal zum Tode.

Wandelbarkeit britischer Politiker.

Lord Lothian einst und jetzt.

Berlin, 15. Januar. (DNB.) Die Deutsche Diplomatisch-Politische Jnsormation schreibt u. a.: Lord Lothian, der jetzige Botschafter Großbritanniens in Washington und früherer Pri- vatsekrettir Aoyd Georges hat vor wenigen Tagen in Chicago eine Rede gehalten, in der er unter offensichtlichem Mißbrauch seines Gastrechtes in einem neutralen Lande britische Propaganda machte und den Amerikanern Ratschläge für ihre politische Haltung gab. Das logische Ergebnis dieses Krieges, daß nämlich auf alle Fälle England nicht mehr die führende Seemacht fein wird, sondern Amerika, ver­barg er hinter einer Schmeichelei an die Adresse Amerikas:Die Seemacht sollte in den -änden der Demokratien und nicht in den -änden einer Macht liegen". Die Ideale des Völkerbundes könnten nur dann zum Erfolg geführt werden, wenn alle Tiit» glieder Demokratien feien. England kämpfe für den Grundsatz, Wohlstand und Frieden nicht durch bru­tale Gewalt unbertrrücfen zu lassen. Die Engländer glaubten Nicht, daß sie ein Monopol auf die Tugend besitzen, aber sie seien sicher, daß sie jetzt im Recht seien.

Diese Rede befindet sich (n ebnem interessanten Gegensatz zu Ansichten, denen Lord Lothian in den letzten Jahren Ausdruck gegeben hatte. Am 2. April 1936, <Mo kurz nach der Besetzung des Rheinlandes durch die deutschen Truppen, erklärte er:Man kann nicht militärische Bündnissysteme derart, wie sie Frankreich aufgerichtet hat, zu Trägern des kol­lektiven Systems in Europa ausbauen, wenn der Hauptzweck aller dieser Systeme, der militärischen wie der kollektiven, die Verhinderung der Revisio­nen ist. Großbritannien jedenfalls würde an einem solchen System nicht teilnehmen."Die britische öf­fentliche Meinung will nichts von einem Krieg wegen der Dinge wissen, von denen Frankreich denkt, sie seien so wesentlich, daß man zum Krieg schreiten müße, zu einem Krieg, der tatsächlich kei­

nen anderen Zweck hätte, als die deutsche Ausdeh­nung zu verhindern oder gar die eigene uebermacht zu behaupten."Wir würden nickst in den Krieg ziehen wegen jener osteuropäischen Fragen, die uns tatsächlich nichtsangehen. Europa verlangt von uns die Teilnahme an einem bewaffneten kollektt- ven Sicherheitssystem, das keinen anderen Zweck hat, als eine gerechte Lösung dieser osteuropäischen Fragen zu verhindern und den Status quo ge­waltsam aufrechtzuerhalten."

Die gegenwärtige britische Regierung wird also heute in Amerika von einem Mann vertreten, dessen Grundansichten noch vor kurzer Zeit sich im dia­metralen Gegensatz zu der Politik dieser Regierung befanden.

Glauben Sie mir, so sagte er 1938: Demo­kratien können ebenso verrückt in der Außen­politik werden wie irgend jemand sonst, beson­ders, wenn sie vier Jahre lang durch Kriegs­propaganda beeinftußt worden sind."Wenn ein. neuer Krieg kommt und seine Geschichte einst ge­schrieben wird, so wird der objektive Historiker in Ijunbert Jahren nicht sagen, daß Deutschland allein für ihn verantwortlich war, selbst wenn es den ersten Schlag führt, sondern daß diejenigen, die die Welt zwischen 1918 und 1937 in Unordnung brach- ten, einen großen Teil der Verantwortung für ihn trügen."

Angesichts eines Krieges, der durch die englische Weigerung, eine notwendige und gerechte, überdies sehr begrenzte Revision zuzulassen, entstanden ist, ein Krieg, in dem nickst. Deutschland den ersten Schlag gegen England, sondern England den ersten Schlag gegen Deutschland geführt hat, müßte Lochtan in Erinnerung an seine bessere Einsicht entweder dieser Einsicht Ausdruck geben, dann aber freilich wahrscheinlich seinen Posten in Washington aufge­ben, oder doch zumindest schweigen. Wenn er aber Reden hält wie die obengenannte in Ehicago, so

sind es propagandistische Konzessionen an sein Amt, nickst Ausdruck dessen, was Lord Lothian in feinen guten und unabhängigen Jahren einen Namen in der Welt gemacht hat: die Unbestechlichkeit des Blickes und der Objektivität des Urteils. Gerade aber darum wird niemand sich von diesem neuen in bas offizielle Gewand des Propagandisten geklei­deten Lord Lothian überzeugen lassen, da seine heu­tigen Aeußerungen angesichts seiner früheren -al­tung einfach unglaubwürdig sind. Gerade m Amerika hat man ein gutes Gedächtnis für solche Dinge und die Sttmmen mehren sich, die sich da­gegen wehren, daß englische Propagandisten ihre offizielle Mission mißbrauchen, um Amerika an ihre Seite zu locken und zur Verletzung amerikanischer Interessen zu verführen.

Holländisches 8000-Tonnen-Schiff versenkt.

A m st e r d a m, 16. Ian. (DNB.) Das holländische MotorschiffArendskerk" (8000 Br.-Reg.-t), das auf dem Wege von Antwerpen nach Südafrika war, ist etwa 100 Meilen von Ques- fant im Golf von Biscaya gesunken. Das Schift hatte 4000 Tonnen Stückgut für Südafrika an Bord. Wie der Kapitän des gesunkenen Schiffes berichtet, wurde dieArendskerk" durch ein deutsches U-Boot angehalten und un­tersucht, bevor es versenkt wurde. Die Be­satzung von 65 Mann wurde von dem italienischen DampferFedora" übernommen.

Riesenbomber

für das nordomerikanische Heer.

Washington, 16. Jan. (Europapreß.) Aus zuverlässiger Quelle verlautet, daß die Douglas- Werke gegenwärtig ein Riesen-Bombenflugzeug im Bau haben, das für das amerikanische -eer be­stimmt ftt. Das Bombenflugzeug, dessen Probeflüge für den kommenden Sommer vorgesehen seien, habe eine Spannweite von 61 Meter, ein Gewicht von siebzig Tonnen und einen Akttonsradius von 9600 bis 11 200 Kilometer.

Da« bulgarisch-rumänische Verhältnis

Sofia, 16. Januar. (Europapreß.) Unter dem TitelErnsthafte und loyale Freundschaft" schreibt die offiziöse WochenschriftLa Parole Bulgare", alle bulgarischen Regierungen seit dem Weltkrieg hätten als ihr wesentliches Ziel die -erstellung guter und freundschaftlicher Beziehungen zu ihren Nachbarländern betrachtet. Ministerpräsident Kjos- seiwanoff habe erst kürzlich dem Sonderberichter­statter desParis-Soir" gegenüber den ernsthaften Wunsch Bulgariens, an einer Konsolidierung des Friedens auf bem Balkan mitzuarbei­ten, bestätigt. Die bulgarische Regierung wolle alle Vorschläge loyal prüfen, unter den Vor­aussetzungen, daß den Lebensinteressen des bulgarischen Volkes Rechnung getragen werde. Die Wünsche der ganzen bulgarischen Natton gingen in Richtung einer Stabilisierung und einer dauernden Freundschaft zwischen Bulgarien und Rumänien Die Donau, die an der Wiege des rumänischen, wie des bulgarischen Volkes gestanden habe, müsse für immer diese beiden Nachbarländer vereinen.

Kleine politische Nachrichten.

Der Reichsminister des Auswärttgen von Rib­bentrop empfing den von Berlin scheidenden bisherigen Botschaftsrat an der Kgl. Italienischen Botschaft Gras Magiftrati, der zum Gesandten in Sofia ernannt wurde, in seinem -aus in Dah­lem. An dem Empfang nahmen Botschafter Atto- l i c o, sowie der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes v. Weizsäcker -mit den leitenden Beam­ten des Auswärtigen Amtes teil.

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Botschafter Ri tter, der zur Berichterstattung über die WirtschastsVerhandlungen mit der Sowjet­union in Moskau vor kurzem nach Berlin gekommen war, hat sich am Dienstagabend nach Moskau zurück begeben.

Vaters Schreibtisch.

Don Eva Schauwecker.

Vaters Schreibttsch ist ein -eiligtum. Das ist überall eine bekannte Tatsache. Vaters Schreibttsch hat den Vorrang vor Mutters Nähtisch und sogar vor dem häuslichen -erd. Selbst wenn Vater sich höchstens alle Monat einmal an diesen Tisch setzt, um das Gehatt und die nötigsten Ausgaben in ein Buch zu tragen, Rechnungen und Quittungen zu forderen und neue Tinte ins Glas zu füllen, selbst dann darf in den übrigen Wochen niemand seine -and an diesen geheiligten Tisch legen, der eigent­lich gar kein Tisch ist, sondern eine Mischung von Pult und Kommode.

Seltsame Dinge befinden sich auf diesem Tisch. Da steht eine Schale, der kleine -ans hat sie vor ein paar Jahren gebastelt, darin liegen einige rostige Nägel, Bindfadenenden, abgebrochene Blei­stifte, ein gesprungener Pfeifentopf. Man kann nie wissen, wozu das noch gut sein wird, meint Vater, der nichts endgültig der Vernichtung übergibt. Va­ters Schreibtischlampe ist ein Museumsstück: Dor rund fünfzig Jahren schenkte sie der Großvater-, da­mals war sie für Petroleum eingerichtet. Ihr mes­singner runder Bauch ist mit einem Kranz von Mohnblumen geschmückt. Der Jugendstil ist keines­falls zu verkennen, das war damals hochmodern und mußte so fein. Nach einigen Jahren kamen Spi-. ritusgaslampen auf, eine epochemachende Sache. Und Vater, der damals jung und neuerungstüchtig war, ließ die Lampe für Spiritusgas umarbeiten. Nun machte die Lampe viel mehr Arbeit, bean­spruchte leicht zerfallene Strümpfe und knallte jedesmal beim Entzünden, daß Mutter sich die Ohren zuhalten muhte. Sie redete darum auch eifrig zu, als bald danach bas -aus mit Gasbeleuchtung versehen werben sollte, und die Lampe wurde nun auf Gas umgestellt. Acht Jahre ging das gut, dann zog die Elektrizität ein. Auch diese Wandlung machte die Lampe mit, aber nun mußte sie auch noch den Mohnblütenkranz opfern, den die heran- gewachsenen Kindereinfach scheußlich" fanden. Vater fügte sich murrend und hing den Kranz über dem Schreibtisch auf, als Umrahmung für Mutters Bild. Das tat er mit solcher Energie, daß niemand dagegen etwas zu sagen wagte.

Ader das erinnerungsreichste Stück auf Vaters Schreibtisch ist doch der große, gußeiserne Elefant. Er ist so groß wie ein Rattenpinscher, und seine Zähne sind aus Porzellan, auf dem Rücken träat er eine Schabracke und seine Augen funkeln in gift­grünem Glas. Wenn man die Schabracke aufklappt, bann öffnen sich darunter zwei Höhlungen. In der

einen sitzt ein Tintenfaß, in der anderen ist ein I Gläschen mit Schrotkugeln untergebracht, in denen Vater die gebrauchte Feder zu säubern pflegt. Ab | und zu bricht Mutter in die heiligen Gebiete ein, um diese Schrotkugeln zu leihen, wenn Flaschen zu reinigen sind. Wohl ihr, wenn Vater es nicht bemerkt. Der Elefant wurde von uns Kindern Jumbo genannt und wenn Vater aarantiert sicher für einige Stunden weg war beispielsweise beim Kegeln ober auf einer Uederlandfahrt bann hol­ten wir ihn auf den bunten Teppich herunter, der ein Dschungel barzustellen hatte und spielten mit ihm allerlei exotische Dramen. Als -änschen seinen Photvapparat bekam, entführten wir Jumbo in den Garten und machten von ihm eine Aufnahme im hohen Grase zwischen den Sträuchern. Die gaben wir bann in ber Schule als ein Bild aus, das Onkel Wendelin in Ostafrika gemacht hatte, und ernteten reiche Bewunderung unserer Kameraden. Die Schabracke hatten wir vorher mit etwas Lehm ver­schmiert, und so sah das Bild wirklich sehr echt aus. Wie hoch das Gras dort ist!" sagte unser Publi­kum. Als der Mohnblumenkranz wegen zu deut­licher Geschmacklosigkeit verurteilt wurde, wurde auch der Elefant Jumbo kritisch betrachtet. Aber Vater, der die Blumen brummend geopfert hatte^ ich glaube, sie hatten ihn sowi-es-o immer gestört, wett sie Mutter ständig einen Vorwand gaben, Staub wischen zu wollen, ließ nichts auf Jumbo kommens und so steht er immer noch da im Glanze seiner giftgrünen Augen und weißen Stoßzähne.

Diel wäre noch zu erzählen von Vaters Schreib­tisch. Da ist der Bilderrahmen aus Birkenrinde, den Vater in einem Schützengraben des Weltkrieges an der Ostfront war es nicht in denPripjetfümpfen? selbst gearbeitet hatte. Immer neigt er dazu, auseinander zu fallen, immer wieder wird er zu- sammengenaaelt. Nimrods Bild steht darin, des treuen Jagdhundes, Vaters Begleiter und unser Spielgefährte. Da sind die Stapel von Zeitungen, von Jagdzeitschriften, die Vaters ständige Lektüre bilden, mit denen er nie fertig wird. Verschiedene Pfeifen reihen sich auf dem obersten Regal des Schreibtisches. In der Schale neben den Bleistiften und Federhaltern, dem Lineal und Blaustift, berq Anspitzer und Radiergummi liegt meist noch ein Bohrer oder Schraubenzieher, eine Gartenschere, und bann noch die kleine Büchs« mit den Bonbons, von denen uns Kindern ab und zu eins gegeben wurde. Es war ein großes Lob wenn wir aus die­ser Büchse etwas erhielten, aber bas mar auch das einzig Gute baran, denn es waren einfache Glas- bonbons, kleine viereckige bunte Plättchen aus durchsichtigem oder verkrustetem Zucker. Inzwischen sind wir zu groß dafür geworden, und der einzige Abnehmer ist nun Treff, der letzte Nachfolger Nim­rods.

Oer mutige Sergeant.

Don Barchold Blunck.

Breit und behäbig steht noch heute an der -aupt- straße eines Marktfleckens im Schleswigfchen der alte GasthofZur Linde", der in der Zeit nach dem beutsch-französtschen Kriege einer lunqen Witwe ge­hörte. Da sie eine tüchtige, ansehnliche Frau war und außer dem -ause noch einen ausgedehnten Be­sitz an fruchtbaren Aeckern ihr eigen nannte, so war es nicht verwunderlich, daß sie von den ledigen Männern des Ortes umworben wurde. Sie beachtete solche Aufmerksamkeiten wenig, da ihr keiner recht gefiel, widmete sich vielmehr mit Eifer und Erfolg der Bewirtschaftung und Pflege chres Eigentums.

Seit einiger Zeit nun bemerkten die Eingesessenen mit Unmut, daß des öfteren ein großer, stattlicher Mann sich in ber Gaststube einfand, der, wie sie auf vorsichtiges Befragen erfuhren, den Feldzug als Sergeant mitgemacht hatte und noch etwas zu feiern geb achte, ehe er feinen früheren Beruf, das Sattlerhandwerk, wieder ausnehmen wollte. Die Gäste aus dem Dorfe hatten zudem mit durch Eifer­sucht geschärften Sinnen sehr bald bemerkt, daß ihnen hier ein höchst unerwünschter, aber aussichts- reicher Bewerber um die Gunst der hübschen Wirttn entstanden war; denn offenbar ließ sie sich seine stillen -uldigungen wohl gefallen, während alle an­dern umsonst schöne Auaen machten. Dieser fremde Eindringling konnte natürlich von den Männern des Dorfes nicht widerspruchslos hingenommen werden, und so beschloßen sie denn, sich dieses unbequemen Nebenbuhlers auf eine altbewährte Art zu ent­ledigen, dergestalt, daß sie ihn vor der Frau lächer­lich machten.

An einem Abend, als der Fremde wieder im Gastzimmer faß, nicht weit vom Ofen, wo die Wir­tin ihren gewohnten Platz hatte, begannen die andern Gäste ein ausgelassenes Zechen; einer nach dem andern spendete großzügig ©etränte, davon die Sttmmen immer lauter und die Worte immer küh­ner wurden. Der Soldat allein, den man mit heuch­lerischer Freundlichkeit eingelaben hatte und ber wacker mithielt, sah ungerührt da wie ein Fels in ber Brandung und war nicht zu erschüttern. Da­nach begann man ihn zu hänseln; er parierte aber die Spötter schlagfertig. Doch als sie ihm derber zusetzten, beschloß er ihnen einen wirksam derben Denkzettel zu geben. Er wurde auffallend sttll und, nachdem er sich leise mit der Wirtin, die die Absicht ber andern wohl durchschaute und mißbilligte, be­sprochen hatte, tat er, als habe er des Guten zu­viel genossen und geriet plötzlich in einen aespielten Zorn, wurde händelsüchttg gegen seine Zechgenossen

und räumte in wenigen Minuten die Stube, indem er alle Gäste wortlos zur Tür hinauswarf. Darauf trat er, befreit aufatmenb, zur Wirtin unb entschul­digte sich höflich für den Lärm, den er habe ver­ursachen müssen; er hätte nämlich nicht dulden können, daß einer ihrer Gäste und damit meinte er sich selber vorsätzlich belästigt wurde.

Die Wirttn, die die Bedeutung der Stunde er­kannte, lächelte schelmisch und sagte, er habe recht daran getan und ordnenden Willen bewiesen, aller­dings nur insofern, als er die Gäste hinausbefördert habe; schwerer sei es aber, gute Gäste zu gewin­nen und zu halten, und von einem einzigen könne sie nicht leben.

Aber mit einem einzigen!", rief der Soldat, ber schnell feinen Vorteil ersah und nun zum Sturmangriff überging, in dem er die Frau in seine starken Arme nahm und küßte.

In diesem Augenblick kam der Schmied fjerein, ber von der gewaltsamen Räumung der Wirtsstube gehört unb als einer ber Angesehensten des Dorfes nun einige beruhigende Worte zu dem Frenckren reden wollte, etwa, baß man Frieden hallen, auf eine alleinstehende Frau Rücksicht nehmen müße und ähnliches mehr. Als er indessen sah, daß ein langer, gutxr Friede schon geschlossen war, fagte er schmunzelnd seine Glückwünsche, riet dann aber, die Erzürnten wieder zu versöhnen. Doch der Soldat, der so tüchttg im Ausräumen der Stube gewesen war, sann vergeblich auf ein Mittel, die Gäste zu­rückzuholen. Da rief der Schmied: ,,-abt Ihr eine List gebraucht, Sergeant, so will ich eine dagegen setzen; sorgt derweil nur für Speise und Trank, ich will bas andere schon zuwege bringen." So­gleich gingen Wirttn und Soldat einträchtlich dar­an, Tische herzurichten, Teller und Schüsseln zu setzen und Flaschen und Gläser bereitzustellen; end­lich wurden auch Leuchter und Kerzen entzündet, um alles würdig für eine besondere Feier zu ge­stalten.

Der Schmied war unterdessen mit seinen Freun­den zusammen, die noch bitter grollten und sich ver­schwuren, das Gasthaus, wo ihnen so Schlimmes widerfahren war, tünftig zu meiden.Wir wollen doch sehen", meinte schließlich der Schmied, indem er sich reckte,ob wir den Fremden nicht hinaus­setzen können. Wenn ihr Kerls seid, sollten mir den Versuch wohl wagen." Damit waren die andern ein­verstanden. einmütig folgten sie ihm und betraten in gewaltigem Zorn den Gastraum. Doch schnell be­griffen sie, wie gut ber kluge Schmied, der selber sehr erstaunt tat, sie genarrt hatte. Gie besannen sich nicht lange, setzten sich fröhlich zu Tische und lobten den zukünftigen Wirt, der die Eignung für feinen Beruf in so trefflicher Weise erwiesen hatte.