Beziehungen herzustellen, mit tübter Gelassenheit beobachtet und sich daraus feinen eigenen Vers gemacht. Die Sowjetpresse macht kein Hehl daraus, daß man in Moskau de wahren Gründe dieser britischen Anbiederungsversuche durchschaut hat. Den Russen ist Englands politisch, militärisch wie wirtschaftlich höchst kritische Lage zu wohl bekannt, als daß sich der Kreml durch irgendwelche englische Manöver auch nur um ein-ey Schritt von seiner wohl erwogenen und ausschließlich von russischen nationalen Interessen vorgezeichneten Linie ablen- ken ließ. Wie bereits nach Abschluß des Dreierpak- tes und nach der italienischen Aktion gegen die eng' tische Hilfsstellung in Griechenland die Sowjetpresie klar zu erkennen gab, daß die Haltung Moskaus im gegenwärtigen Konflikt dadurch nicht berührt werde, womit alle Hoffnungen. die die angelsächsischen Kriegshetzer diesseits und jenfeits des Atlantik auf Rußland tzesetzt hatten, gegenstandslos wurden, so haben die Kommentare der Sowjetpresie zum Berliner Besuch Molotows diese eindeutige Absage noch einmal unmißverständlich unterstrichen.
Das deutsch-russische Einvernehmen erweist sich als eine Realität, mit der auch die angelsächsischen Kriegshetzer zu rechnen haben und die sie durch keinerlei Verdächtigungen zu erschüttern vermögen. Dieses Einvernehmen beruht auf der klaren Erkenntnis beider Regierungen, daß eine Politik der Zusammenarbeit immer beiden Völkern zu größtem Nutzen gereicht hat, während jede Spaltung für feines der beiden Völker von Vorteil gewesen ist. Man war sich in Moskau sowohl wie in Berlin vollkommen darüber klar, daß der Nichtangriffspakt vom 23. August vorigen Jahres in den Beziehungen beider großer Völker nur eine alte Tradition wieder aufnahm, die sich im Saufe der Jahrhunderte immer vollauf bewährt hat. Die klare Abgrenzung der Interessen beider Mächte durch den Freundschaftspakt vom September 1939 hat bärge- tan, daß es wohl Fragenkomplexe gibt, die sowohl Deutschland wie Rußland angehen, aber daß es keine Probleme gibt, die Nicht durch freundschaflliche Uebereinkunft schnell und dauerhaft gelöst werden könnten. Das auf diesen Grundprinzipien basierende politische Einvernehmen hat nicht zuletzt auch zu einer Aktivierung der wirtschaftlichen Zusammen- arbeit beider Länder geführt, die im Laufe des letz- ten Jahres bereits erwiesen hat, wie sich beide Volkswirtschaften auf den verschiedenen Gebieten auf das vorteilhafteste ergänzen und daher einen Güteraustausch durchzufübren vermögen, der für beide in erwünschtem Ausmaß Anregung und Nutzen bedeuten kann. Aus der Tatsache, daß den sowjetrussischen Regierungschef neben einer Reihe von hohen Beamten des Außenkommissariats auch mehrere Vertreter wirtschaftlicher Departements der Sowjetregierung, darunter der Volkskommissar für das Hüttenwesen und der stellvertretende Volkskommissar für den Außenhandel nach Berlin begleitet haben, darf man wohl schließen, daß auch die enge wirtschaftliche Zusammenarbeit beider Länder aus den Berliner Besprechungen einen neuen Impuls emvfanaen wird. So dürften auch auf wirtschaft- lichem Gebiet alle englischen Bemühungen, zwischen die beiden Mächte einen Keil zu treiben und die Sowjetunion für die völkerrechtswidriaen Praktiken der englischen Blockadepolitik geaen den europäischen Kontinent einzufanoen. ins Wasier gefai- len sein. England bat ja auch schon in dieser Einsicht sehr d"utsich- Absagen aus Moskau erhalten, so daß es sich wobl über das Vergebliche seines Unterfangens klar fein müßte.
Wie das deutsch-russische Einvernehmen sich aus den Erfahrungen der Geschichte beider Völker grün- bet, so geht auch der englisch-russische Gegensatz am eine lanae Vergangenheit zurück und hat deshalb im russischen Volk sehr bestimmte Vorstellungen an- nehmen können. Man weiß im russischen Volk nur allzu gut, daß der Versuch Englands, den inzwi- sch»n und sehr zum Aerqer der Briten beigelegten russisch-finnischen Konflikt in die englischen Kriegs- ausweitunaspläne einzuordnen, ebenso wie die durch die Nerö^s»ntlichung der französischen Gene- ralftabsakten bloßgest"llten Anschläge auf das russische Erdöloebiet im Kaukasus nichts and»r»s waren als die Wiederholung der zweifeitioen Flankenbedrohung von Norden wie non Süden her, durch die Enaland schon mehrere Male im L"U*e der letzten b»iden Jahrhunderte versucht hat, Rußland von den M-eren abzudränaen und seinen eigenen Inter- essengebieten fernfluh^lten. Schon der erste Schritt Rußlands in den Kreis der europäischen G'-oß- mächte fand Enaland als Geaner auf dem Plan. Als V-ter der Große im Nordischen Krieg an die Dftfeefüfte drängt, stößt er n-b-n Schweden aucy auf Enaland, dessen Kriegsschiffe als Bundesae-
Aegypten nach deniTodeHaffanGabrys
Rom, 15. Nov. (Europapreß.) Wie „Popolo die Roma" erfährt, hat das vorzeitige Ableben des ägyptischen Ministerpräsidenten in den arabischen Ländern große Ueberraschung ausgelöst. Man habe gerade der ParlamentssitzunF, in der Sabry Pascha vom Tode ereilt wurde, größte Bedeutung für die Zukunft Aegyptens beigelegt. Sabry Pascha habe sich bei seiner Amtsübernahme im Juni dieses Jahres ausdrücklich auf die Politik der Nichtkriegs- beteiligung feines Vorgängers festgelegt. Die Versuche Edens, eine Aenderung der ägyptischen Haltung herbeizuführen seien erfolglos geblieben. Der Tod Sabry Paschas fei unter ungewissen Umständen erfolgt. Man erinnere sich in der arabischen Welt, an ähnliche geheimnisvolle Todesfälle in den Ländern des Orients, die auf die Tätigkeit des Intelligent Service zurückgeführt worden seien. Eigentümlicherweise seien sie immer bann einaetreten, wenn die fraglichen Persönlichkeiten vor wichtigen Entscheidungen gestanden hätten, die die englischen Interessen berührten.
Aaenzia Stefani schreibt. Es sei bekannt, daß England darauf abziele, Aegypten in den Krieg hineinzuziehen. Unter den englischen Druck habe der Vorgänger Sabry Paschas demissioniert, aber bei der Niederlegung seiner Machtbefugnisie dargetan, daß England beabsichtigte, die ägyptische Regierung zu einer Intervention ohne Befragung des Parlaments zu veranlaßen. Ministerpräsident Sabry Pascha, der dem gleichen Druck ausgesetzt war, leistete energischen Widerstand und zwang sogar einige Mitglieder seiner Regierung zur Abdankung, die sich von England hatten kaufen lasten. Während dieser überaus gespannten Lage ging das britische Kommando weiter in der Ent- waffnung des ägyptischen Heeres vor und hat die Bevölkerung des Landes den außerordentlich harten Bedingungen eines Belagerungszustandes unterworfen. Noch in der letzten Zeit versuchte Eden, sich bei der ägyptischen Regierung durchzusetzen. Aber seine Mission ist, wie man weiß, gescheitert. Bei der Wiedereröffnung des Parlaments sollte Sabry Pascha in einer bedeutsamen Rede in Gegenwart des Königs
die Beibehaltung der bisherigen Polittk be» {tätigen. Er starb unerwartet, als er seine Erkla- rungen abgab, die in ihren Grundsätzen absolut den Plänen Englands enlgegenliefen.
E N neues Kabinett gebildet.
Rom, 15.Nov. (DNB.) König Faruk hat bereits am Tage nach dem plötzlichen Tooe des Minister, Präsidenten Hassan Sabry Pascha ein neues Ka. b i n e 11 gebildet. Ministerpräsident im neuen Sh. binett ist Sirry Pascha, der gleichzeittg bas Innen- und Außenministerium übernommen hat. & bekleidete 1938 im Kabinett Mohammed Mahmad Pascha den Posten des Arbeltsmimsters und war 1939 im Kabinett Ali Mäher Pascha Finanzmlnisler. Zum Minister für Landesverteidigung ist Punuz Saleh Pascha als Nachfolger Salib Sami Beys ernannt worden, der im neuen Kabinett Wirt, schaftsminister ist. Der Vorsitzende der Monarchist!, schen Ittehad-Partei, Mohammed Hilmi Iss, Pascha, ist auch im neuen Kabinett w'eder 3urtfy, Minister. Hussein Haila Pascha hat den Posten des Erziehungsrninrsters, den er seit langem inne hat. behalten. Zum Finanzminister ist der frühere Arbeitsminister Abdel Kami Ahmed ernannt worden. Der bisherige Gesundheitsminister Dr. Ali Ibrahim, ein berühmter Chirurg, und der Mi. nister für religiöse Stiftungen, Scheich Abdul R a z a k, finfo in ihren Aerntern verblieben.
Der plötzliche Tob Sabry Paschas, des ägyptische, Vremierrninisters, der es bis zu feinem letzte, Autzenblicke gewagt hatte, dem brittschen Drängen,
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nassen Schwedens in den Kampf gegen die russische Armee an der finnischen Küste eingreifen. Nickt anders war es im Mittelmeer, wo Englands Politik auf die Erhaltung der Türkei gerichtet blieb, um den Rusten den erstrebten Ausgang aus dem Schwarzen Meer zu sperren. In den vielen Kriegen, die Rußland seit Peter dem Großen mit feinem türkischen Nachbarn zu führen hat, findet es tets England offen oder versteckt als Bundesgenossen der Türken. Als 1827 England im Konflikt zwischen einer traditionellen Türkenpolttik und den Sympath en seiner Liberalen für die von den Türken grau am unterdrückten Griechen sich zur Teu- nähme an einer gemeinsamen Flottendemonstration mit Rußland und Frankreich gegen den Sultan entschließt und ohne Kriegserklärung die türkische Flotte bei Navarino von den Flotten der drei Groß- möchte vernichtet wird, erhebt sich in London sofort lebhafte Kritik, König Georg IV. nannte die Schlacht ein „leidiges Ereignis" und der britische Admira» Codrington wurde abberufen, weil er es dazu hatte kommen lassen, statt den Streit friedlich beizulegen, wie es England gewünscht hatte, um die Türkei zu schonen. Noch offensichtlicher trat Englands Einstellung zu Tage im Krimkriege (1853 bis 56), der im übrigen eines der vielen Beispiele aus der englischen Geschichte bildet für die Methode, gegen einen Gegner eine große Koalition zustande zu bringen und ihn dann durch die Bundesgenossen unter möglichster Schonung der eigenen Kräfte nie- derkämpfen zu lassen. So hatten Franzosen, Türken und Sardinier vor Sebostopol die Hauptlast des Kampfes zu tragen, während die britische Flotte in Verfolg englischer Sonderinteresten die Aalands- infein in der Ostsee und Kola an der Murman- Küste bombardierte. Damals übrigens trat Bismarck als preußischer Bundestagsgesandter in Frankfurt für die unbedingte Neutralität Preußens ein, da es töricht wäre, wenn man sich Rußland ohne Not zum Feinde machen würde. Auf die Seite der Feinde Rußlands treten würde heißen, daß der König von Preußen die Rolle eines indischen Basal- lenfürst-n übernehmen würde, der für feinen englischen Patron Krieg zu führen habe. Als der französische Gesandte ihm sagte: „Ihre Politik wird Sie nach Jena führen?" antwortete er schlagfertig: „Warum nicht nach Leipzig oder Roßbach?"
Trotz ungeheurer Verluste der Verbündeten wird Rußland schließlich auf die Knie gezwungen und muß der Neutralisierung des Schwarzen Meeres zustimmen. England hat erreicht, daß der russische Druck auf das Mittelmeer auf lange Zeit hin ausgeschattet ist. Die russische Politik wendet sich mm umfo irtt-nsiper noch Asien, trifft aber auch hier von Persien über Afghanistan. Tibet und China bis an die Küste des Pazifik wieder auf die Rivalität Englands und auch als es 1877^78 noch einmal zu einer Auseinandersetzung mit der Türkei kommt, werden »war die Türken gefrhfaaen, aber England erhebt Einspruch gegen den Frieden von San Stefano und ist Rußlands schärfster W'- bernart auf dem Berliner Kongreß. Dann wird wieder Asien der Schaunlatz der rufsifch-enasischen Rivalität. Englands Bündnis mit ^npan. der auf- steigenden Großmacht im Fern»« O^en. ist an die Adresse Rußlands gerichtet. Was 190? durch die britische Divlomatte ehmeleitef worden ist erfüllt sich tchon zwei Jahre später. Im rnssifch-jananifchen Krieg erweist sich Japan als Englands Festlands- degen. Die Rusten unterliegen auf den Schlachtfeldern der Mandschurei, die russische Ostfeellotte wird nach einem Marsch um die balde Erdkugel he{ Tsushima vernichtet, in Rußland selbst bricht die Revolution aus. Die englische Saat ist aufaegangen. Das russische Reich ist so geschwächt, daß eg als Partner für ein Bündnis mit Engl""d in Betracht kommt, lieber den französischen Bundesgenossen werden die Anaeln ausgewogen. Es gelingt 1°07 '"'her di» Interessen in Vorderasien sich zu verständigen. England muß opfern, um Rußland h»i der Stanae zu halten, aber es tut das um des höheren Zieles der Einkreisung Deutschlands willen. Ebenso kaltblütig läßt es aber auch zehn Jahre später im Weltkrieg das Zarenreaime fallen, als es ihm op- nortun erscheint, mit Kerenski einen kriegswilsigen Verbündeten zu gewinnen Und nochd-m mit d»m WufFammen der Bosich-wfki und dem Fried-n von Brest-Litowfk iede Hoffnuna schwindet Rußsgnd wieder in den Krieg zu treiben, läßt Enaland die Maske fallen. Die Intervenston-krieoe. Ne die Al- lst-rten uw#»** Englands intellektueller ^ühruna in Sibirien. S'"bru6fanlh und an der M'irm"n^""fte a*nen das neu» Rußland führe«, sind ttotz «ff-**- Be. fchanigunadn»7-h;che her stlayd Ge^rn- Eburchill ,nid anderer brttifch»r Größ-n des W-ltkrleges nichts nsq arr'e“i’’•••’!'■»• Raubunt»"«ehmen. um eine Knnsvtthi»rnna Rußlands zu verhindern und aus
einem erhofften Zerfall des Riesenreiches die fettesten Bissen zu sichern.
Auch dabei schob England, um sich au schonen, die Verbündeten, Franzosen, Japaner, Tschechen und Amerikaner, vor, unterstützte die weißrussischen Generale, freilich doch nicht energisch genug, um ihre schließliche Niederlage zu verhindern, und wühlte unter den Nationalitäten in den russischen Randgebieten. Aber auch damals zeigte es wieder besonderes Interesse für die beiden Flanken: der zu De- ainn dieses Krieges durch feine Großsprechereien bekannt gewordene General I r o n s i d e besetzte im August 1918 Archangelsk an der Murmanküsie und förderte die Gründung einer unabhängigen „Eis- meerrepublik", die man in engst» wirtschaftliche Beziehungen zu bringen hoffte, gab diesen Gedanken dann freilich wieder auf, um sich mit der Unterstützung des antibolschewisttschen Generals Miller und einer „Nordrussischen Regierung" zu begnügen, der indessen im Februar 1919 durch den Einmarsch der Sowjettruppen in Archangelsk ein Ende gemacht wurde. Gleichzeitig brachte England Baku mit dem wichtigen Petroleumgebiet am Kaspischen Meer in seine Hand. Aber Englands Bemühungen, das Völ- kergemisch am Kaukasus gegen die russische Herrschaft aufzuwühlen und feinem Oelimverialismus territoritale Grundlagen zu geben, zerschlug an der klugen Nationalitätenpolitik Moskaus, die damals schon der Kaukasier Stalin einleitete. Wohl aber gelang damals der enalischen Polittk, von Finnland bis hinunter nach Bestarab-ien den europäischen Randgürtel von Rußland loszureißen und namentlich in den neu entstehenden baltischen Stoaten, wie in Polen sich wichtige Einflußsphären zu schasten. Polen wurde damals von den westttchen Verbündeten zur Eroberung der Ukraine aufgestachelt, aber man hatte in Paris und London die Schwächung Rußlands überschätzt. Pilsiidskis Armee wurde von den Russen dis unter die Mauern Warschaus zurück» astrieben, und nur das Eingreifen des Generals Weygand hat damals die Polen vor der gänzlichen Vernichtung gerettet
Die engsifche Politik hat Rußland immer als Feind des Systems von Versailles empfunden, zumal nachdem sich Deutschland und Rußland, die beiden Großmacht«, die durch den Au«gang des W»lt- krieges am schwersten gelitten hatten, sich in der
gemeinsamen Auffassung von der Untragbarteit d« Versailler Diktats gefunden hatten. Der deutsch Auß»nm'nister Graf Brockdorff-Rantzau hoi: als Botschafter in Moskau eine neue deutsch-russisch Zusammenarbeit angebahnt, für die der Vertrag von Rapallo, mit dem Deutschland und Rußland am. Ostersonntag 1922 die zur Konferenz von ®enm. versammelten Staatsmänner der Westmöchte üben raschten, die Grundlagen gelegt hatte. Auch Deutsch lands Eintritt in den Völkerbund änderte gründ« sätzlich nichts an der Einstellung zu Rußland. Der Berliner Vertrag des Jahres 1926 sorgte vielmehr dafür, daß das deutsch-russische Verhältnis ungestört: blieb. England hat alles dieses mit unverhohlenem: Mißtrauen verfolgt, zumal Moskau zu gleicher M die Seele einer Koalition vorderasiatischer Mächit: wurde, die vor dem englischen Imperialismus Sicherheit in einer Anlehnung an Rußland suchten. Eine Episode blieb in dieser englisch-russischen Spannung die Amtstättakeit Litwinows als Außenkom- miffar. Er führte die Saw'etunion in den Genfer Völkerbund und in das Mlitärbündnis mit Frankreich und der Tschecho-Slawakei. England setz!« Moskau als feinen wertvollsten Stein in sein neuen Einkreisungsspiel gegen das wiedererstarkte Deusichn Reich ein. Aber Stalin weigerte sich, bas rustsichs rwch einmal die Rolle spielen zu lassen, die d'v Einkreisungsstrategen in London ihm zugedacht hatten. Die Spuren des Weltkrieges schrecft»n. Schon inn März 1939 Hatte Stalin feine Entschloss"nHeit kmid- gegeben, „den Kriegsprovokateuren, die gewolinl sind, sich von anderen die Kastanien aus dem Feuec holen zu lassen, nicht die Möglichkeit zu geben, unser Land in Konflikte hineinzuziehen". Damit! beschritt Rußland wieder den Weg, den ihm hie (Erfahrungen der Gelch-chte, ferne politischen treffen und- wirtschaftlichen Bedürfnisse geroWei haben. Daß es dabst gut gefahren ist. hat bas leb!, Fahr In aller Deutlichkeit gezeigt. Dr. Fr. W. Lan^e.
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29/30 - 2/U.
Herrn Ergebens Eheliebste.
Die erste deutsche Aerztin.
Im Jahre 1753 ging bei der „Stifts-Hauptman- ney" zu Quedlinburg eine Klageschrift dreier Aerzte der Stadt ein, daß sie sich in ihrem Beruf nicht auskimmlich ernähren könnten, ,„.. wasmaßen seit einigen Jahren hier Praxis medica durch die starke P^uscherey dermaßen totalster ruiniert worden, daß kein rechtschaffener Medirus hier mehk subsi^tteren kann ..." Insonderheit fei daran „des Herrn Diako« nus Errleben Eheliebste" schuld, die „mit einer unverschämten Verwegenheit in der medicinllchen Pfusch^ren sich sonderlich signalisieret, die Patienten ö*•tmtltsh besuchet und sich ohne Scheu Frau Doktorin grüßen läßt." Auch die Beschuldigung lehlte nicht, daß kürstich eine Patientin infolge der un- fachaemäßen Behandlung der Fr.au Errleben gestorben fei. Die „Frau Dinfonus" erhielt denn auch die Weisung, „allen ungebührlichen Kurierens sich zu enthalten".
Die betreffenden Akten sind vor einer Reibe von Jahren im Archiv für Gefchichte der M"distn neu herausgegeben worden, und so besitzen wir nicht nur die Anklageschrift, sondern auch bi? Verteidigung der Frau Dorothea Ehristine Errleben, g»b. Leporin. Mit stammenden Morten verwahrt sie sich dagegen, „in der edlen Medicin Zerrüttungen an- zurickten". und versichert, stets in der redlichen Absicht kuriert zu haben, ihren Nächsten mit dem, w"s sie rechtfchaffen erlernt habe, nach ihrem V»r. mögen zu dienen Die meisten Patienten behandle sie umsonst so daß von m-ferHfer Schädigung h»r anderen Aerzte keine Rede sein könne. Endlich macht sie einen Vorschlag, der den Zorn ihr-r Gegner nur noch auf den Gipfel trieb: sie Wägt vor, sich von ihren drei Anklägern in der Medistn era- minieren zu lassen und w»ist dabei nuf ein königliches Privileg hin, das ihr 13 Jahre zuvor zur Ablegung eines Examen rigorosum vor der medizinischen Fakultät Halle behufs Erlangung der Doktorwürde und der Venia practicandi erteilt worden fei. Sie würde, so erklärt sie. von diesem Privileg schon längst Gebrauch a»macht iu hoben, ,„.. wenn nicht meine bald daraus erfolgte Verheyratung, et
liche Kinder, damst Gott yon Zeit zu Zett meinen Ehestand gesegnet, verschiedene harte und schwere Krankheiten meines lieben Mannes, der Todt meines seeligen Vaters und dergleichen erhebliche Umstände solches bis hierher verzögert hätten." Zuletzt bittet sie, die gegen sie ergangene Verfügung aufzuheben und ü)r eine Frist zur Promotion zu setzen, .. well keine Gefahr in diesem kurtzen Verzüge vorhanden, auch sonst nicht wenige arme Leute, welchen in Mangel des Geldes die Hülfe ermangeln möchten, am meisten darunter leiden würden."
Die Antwort ihrer Gegner war eitel Hohn und Spott: ,F>oho! es wäre ja an einem genung. Mer meine liebe Frau Diakonusien, zu welchem Ende wäre doch dieses, was käme denn da heraus? gewiß ein leeres Gestanke und Gewäsche, die liebe Frau judiziert nach ihrem feministischen Verstand, wenn sie ehpan mit geborgtem Latein und Fran- zösischem könne um sich werffen, so wäre sie schon doctormäßig ... wäre sie Frau Diakonus Erxleben geblieben, so hatte sie alle gebührende Ehre, nun sie sich aber der Pfuscherey befleißigt, so verlieret sie allen Respect."
Wer mar Dorothea Christine Errleben? Sie war am 13. November 1715 in Quedlinburg als Tochter des dortigen Arstes Christian Polykarp Lepor geboren, der aus Freude an ihrem aufgeweckten Verstände sie in den humanistischen Fächern unterrichtete und sie später zu seiner Gehilfin in seinem B»ruf ausbildete. Dorothea bewies eine so leichte Auffassungsgabe. eine solche Hinneigung zu den Misi-n- sckaften und vor allem ein so erstaunliches Geschick für den ärztlichen Beruf, daß der Vater, als sie Jahre alt geworden war. ein Gesuch an den König einreickte, in dem er für sie um die Erlaubnis wr Ablegung eines m-dlzinischen Eramens an der Universität Halle hat D’»fes Gesuch stellte für jene Zeiten etwas so Ungewöhnliches bar. daß vielleicht feder andere Herrscher es mit Entrüstung zurück- gewiesen hatte. In Preußen aber hatte eben der iunae Friedrich den Thron bestiegen, und der entschied in einer feiner berühmten eigenhändigen Randbemerkungen, daß der Levorin in der Erlangung der Doktorwürde keine Schwierigkeiten in den W-g zu fegen wären.
Obwohl aber Dorothea sich aus den genannten
Gründen zunächst nicht um den Doktorhut bewarb, strömten ihr doch auch als Frau Diakonus die HUfe- suchenden zu, und besonders nach dem Tode ihres Vaters wandten dessen Patienten sich vorzugsweise an sie, was endlich den Brotneid der Kollegen erregte. Ein halbes Jahr nach dem hitzigen Schriftwechsel mit ihren Gegnern reichte nun Dorothea bei der Medizinischen Fakultät in Halle ihre lateinische Dissertation ein. Bald darauf fand die mündliche Prüfung statt, die über zwei Stunden dauerte, und in der die Eraminandin das Erstaunen der Prüfungskommission erregte.
In dem Protokoll darüber heißt es, sie habe „.. über die Scientias theoreticas et pradicas befragt, in lateinischer Sprache so solid und bescheiden geantwortet, daß man dergleichen nicht von dem geschicktesten Candidato medicinali verhoffen könnte." Trotzdem zögerte die Fakultät, ihr die Doktorwürde zuzuerkennen, „weilen dieses ein Casus sine exemnlo (beispiellos) wäre, dergleichen aufs keiner teutschen Akad-mie bis dato passiert". Da war es wiederum der König, der helfend eingriff und der verfügte, „nachdem der D Chr. Errleben besondere Wissenschaft und Geschicklichkeit in Studio medico angerühmt word-n, gedachter Errlebin gewöhnlicher- maßen den Gradum in Eurer Fakultät nach ihrem petito (Gesuch) zu erteilen".
So erhielt im Jahre 1754 Dorothea als erste deutsche Frau den medizinischen Doktorhut. Bis an chr frühes Ende im Jahre 1762 entfaltete sie in ihrer Vaterstadt eine segensreiche Tätigkett als Aerztin und Wohltäterin Keineswegs aber dürfen wir sie uns als Enmnzivierte vorftellen, die über ihrem Beruf ihre Pflichten als Hausfrau und Mutter vernachlässigte. In dem von ihr selbst verfaßten Curriculum vitae (Lebenslauf) schreibt sie darüber: ,^Ich würde Übel handeln, wenn ich die Studia die mich meiner Pfl'cht beständig erinnerten, auf eine solche Art treiben wollte daß ich habet die Pflichten außer Augen setzen wollte, hie mir al* einer Ehegattin und Mutter oblagen." Bei ihrem Tode wurde sie in ihrer Vaterstadt tief betrauert, aber auch weit bar- üb»r hinaus in deutschen Landen als „hochgelahrte und boAerfahrene Frau, eine Seltenheit des fckönen Geschlechtes" gefeiert. C. K.
V
Musikalische Hausregeln.
Don JRoberf Schumann.
Klimpere nie! Spiele immer frisch zu, und nie ein Stück halb.
Spiele, wenn du älter wirst, nichts Modische§. Die Zeit ist kostbar. Man müßte hundert Menschenleben haben, wenn man nur alles Gute, was ifl ist, kennenlernen wollte.
e
Wenn alle erste Violine spielen wollten, würden wir kein Orchester zusammen bekommen. Achte daher jeden Musiker an seiner Stelle.
♦
Liebe dein Instrument, halte es aber nicht in Eitelkeit für das höchste und einzige. Bedenke, H es noch andere und ebenso schöne gibt. Bedenke auch, daß es Sänger gibt, daß im Chor und Orchester das Höchste der Musik zür Aussprache kommt.
♦
Wenn du größer wirst, verkehre mehr mit Pattk- turen als mit Virtuosen.
*
Höre fleißig auf olle Volkslieder: sie sind eine Fundgrube der schönsten Melodien und öffnen Mr den Blick In den Charakter der verschiedenen R«' Honen.
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Die Gesetze der Moral sind auch die der Kunst. •
Singe fleißig im (Tbnr mit. namentlich Mittel' stimmen. Dies macht dich musikalisch.
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Was heißt denn aber musikalisch fein? Du bist " nicht, wenn du. die Augen ängstlich auf die Noten gerichtet, dein Stück mühsam zu Ende spielst: du bist es nicht, wenn du (es wendet dir iemanb etwa zwei Seiten auf einmal um) stecken bleibst und nicht fort» kannst Du bist es aber, wenn du bei einem neun Stück das, was kommt, ungefähr ahnst, bei einem dir bekannt-n auswendig weißt. — mit einem Mott, wenn du Musik nicht allein in den Fingern, sondern auch Im Kops und Herzen hast, ____—-----■


