in Len meisten Fällen die Hauptgashähne an schwer erreichbaren Stellen untergebracht. Das mühsame Abstellen der Hähne verzögert das rasche Aufsuchen der Luftschutzräume. Zudem hat sich ergeben, daß die bei nicht geschlossenen Hauptgashähnen an Gasleitungen eingetretenen Zerstörungen durch Bombentreffer unwesentlich sind. Diese Aen- derung verpflichtet joden Volksgenossen zu größter Achtsamkeit. Nach der Entwarnung muß man sich sofort davon überzeugen, ob die Gasleitung noch in Ordnung ist. Die Verpflichtung zum Schließen des Wohnungshahnes wird durch die Neuregelung nicht berührt.
Keichsarbeitsdienst für die weibliche Jugend in Gießen. Am 1. Oktober 1940 wurde in Gießen, Lonystraße Nr. 4, die neue Lagergruppe 115 des Reichsarbeitsdienstes für die weibliche Jugend Bezirk XI Hessen eröffnet. Mit der Führung wurde die Maidenhauptführerin Hilde Herzberg beauftragt.
ffä^arCjlihksmann mddeh Ol WiedereinKünfhunderter in Gießen.
Am gestrigen Dienstagabend fiel auf das Los Nr. 6/620 011 ein Gewinn von 500,— RM. Das Los wurde in einer Gaststätte am Marktplatz gezogen. Gewinner ist ein Nsenbahnschasfner, Vater von vier kleinen Kindern, der seine Versetzung nach Posen erwartet. Der Losverkäufer Nr. 596, der im 60. Lebensjahre, nebenberuflich für das Werk der nationalen Arbeit für Führer und Volk noch in den Abendstunden seinen Dienst versieht, war der Glücksbringer. Dieser Losverkäufer war vor seiner Dienstverpflichtung in einem wichtigen Betrieb, Politischer Leiter der Partei. Innerhalb von sechs Wochen ist dies der 8. größere Gewinn. Aber noch viele große Treffer in der Reichslotterie warten auf ihre Abnehmer.
Gießener Schlachtvießmarkt.
Auf dem gestrigen Gießener Schlachtviehmarkt (Schlachtvieh-Berteilugsmarkt) in der Diehversteige- rungshalle Rhein-Main kosteten Ochsen 35,5 bis 45,5 Bullen 18 bis 47,5, Kühe 16 bis 43,5, Färsen 18 bis 44,5, Kälber 35 bis 57, Hammel 25 bis 45 Reichspfennig je % kg Lebendgewicht, Ziegen 12 bis 30 RM. das Stück. Für Schweine wurden je kg Lebendgewicht folgende Preise erzielt: Klasse a (150 kg und mehr) 1,14, bl (135 bis 149,5 kg) 1,14, b2 (120 bis 134,5 kg) 1,12, c (100 bis 119,5 kg) 1,08, d (80 bis 99,5 kg) 1,02, e—f (unter 80 kg) 0,98, gl (fette Specksauen) 1,14, i (Altschneiüer) 1,12, g2 (cmdere Sauen) 1,02, h (Eber) 1,02 RM. — Marktverlauf: Alles zugeteilt.
Aus dem Gießener Handelsregister.
Im Handelsregister A beim Amtsgericht Gießen wurden eingetragen: bei der Firma Jakob B. Häuser, Gießen, offene Handelsgesellschaft seit 1. Jan. 1940. Die Kaufleute Ludwig Häuser und Ernst Häuser sind als weitere persönlich haftende Gesellschafter in die Firma eingetreten. Die Gesellschafter sind einzeln zur Vertretung der Gesellschaft ermächtigt. — Bei der Firma August Noll, Kreuz-Drogerie, Nähe Bahnhof, Gießen. Die Firma ist wie folgt geändert: Kreuz-Drogerie August Noll, Inh. Hugo Gerling in Gießen. Der Uebergang der im Betrieb des Geschäfts begründeten Forderungen und Verbindlichkeiten ist beim Erwerb des Geschäfts durch Gerling ausgeschlossen. — Ferner wurden folgende Löschungen von Firmen eingetragen: Wilhelm Hantel, Firma Schuhhaus Zurwonne, Inhaber Anton Zurwonne, Firma Julius Schulze, sämtlich in Gießen. — Im Handelsregister B wurde eingetragen: bei der .Gemeinnützigen Wohnungsbau G. m. b. H. Gießen". Der Gefellschaftsvertraa ist durch Beschluß der ordentlichen Gesellschaftsver,ammlung vom 29. August 1940 in den §§ 5 und 13 geändert worden. Das Stammkavital ist auf 320 000 RM. erhöht — Löschung: bei der Firma „Gewerkschaft Hermanns- zeche" in Gießen: die Gewerkschaft ist erloschen.
Oer Gallustag.
Als ein Lostag im Oktober gilt bei der bäuerlichen Bevölkerung der Gallustag (16. Oktober). In früheren Jahrhunderten hatte der Tag eine weit größere Bedeutung, vor allem als Zins« und Abgabetermin der Bauern. Am Gallustag soll die Ernte der letzten Feldfrüchte beendet sein, und der
Bauer und Landmann beeilt sich auch, zu diesem Tag alles unter Dach und Fach zu bringen. Die Bauernregel hat den Gallustag gern ziemlich naß. Es soll regnen, denn sonst ist ein trockenes Frühjahr zu erwarten: „Regnet es an Gallus nicht, es dem nächsten Frühjahr auch an Regen gebricht." „Tritt Gallus trocken auf, folgt ein nasser Sommer drauf." Weittr heißt es im Bauernspruch: „Regen am Gallustag bringt dem Winzer schwere Plag." Allgemein bekannt ist der Bauernreim: „Zu St. Gall' bleibt die Kuh im Stall!" Dieser Spruch weift darauf hin, daß um die jetzige Zeit das Vieh nicht mehr aus die Weide getrieben werden kann. Schließlich heißt es noch in der Bauernregel: „Laß an St. Gallen den Apfel in den Sack fallen." „Auf St. Gallen muß das Kraut herein, sonst schneit's vielleicht den ersten Schnee hinein."
Die Kraft im Vollkornbrot
NSG. „Wer arbeitet, muß auch essen!" heißt ein altes Sprichwort. Wir müssen diesen einfachen Satz erweitern. Es sollte heißen: „Wer arbeitet, muß auch hochwertig essen!" Unser täglich Brot ist und bleibt immer der bedeutendste Anteil an der gesamten Tagesnahrung. Es kann und darf darum nicht gleichgültig sein, ob dieses Brot biologisch vollwertig ist oder nicht. Nur das Vollkornbrot enthält alle Kraft- und Wirkstoffe, die im ganzen Korn enthalten sind. In vielen Gegenden, und gerade dort, wo am härtesten auf dem Lande gearbeitet werden muß, ist es Sitte, morgens Brei zu essen. Dieser Brei besteht aus Getreideschrot und wird deswegen seit uralten Zeiten gegessen, weil er allein so sättigt und stark macht, daß der Bauer in ihm die Grundlage für die harte Arbeit des Tages sieht. Dieser Brei sättigt jedoch nicht nur, sondern er hält auch nach! „Brei aus Schrot" und Vollkornbrot enthalten das gleiche Ausgangsmate- rial. Wenn erst alle Schaffenden um den wahren Wert des Vollkornbrotes wissen und dies selbst am eigenen Körper erfahren haben, dann wird das Vollkornbrot das Volksbrot, das es sein muß. Doll- kornbrot ist Kraftbrot, seine dunkle Farbe ist kein Zeichen der Minderwertigkeit, sondern gerade das Gegenteil: Sein Ehrenkleid! Schaffende fördert eure Gesundheit und Eure Arbeitskraft durch Vollkornbrot mit der Gütemarke!
*
** Schulungsabend in der Ortsgruppe Gießen-Mitte. Im „Burghof" findet am heutigen Mittwoch, um 20.30 Uhr, ein Schulungsabend der Ortsgruppe Gießen-Mitte statt, an dem alle Politischen Leiter, die Walter und Warte der angeschlossenen Verbände, sämtliche Führer der SA., des NSKK, der NS.-Frauenschaft, sowie der HI. und des BDM. teilzunehmen haben.
** Eierverteilung. Auf den bis 20. Oktober gültigen Bestellschein der Reichseierkarte erhält,jeder Versorgungsberechtigte als dritte Rate ein Ei auf den Abschnitt c in der Zeit vom 16. bis 20. Oktober ausgehändigt.
** Zur Richtigstellung. Der Hauptfeldwebel Ludwig B i e r a u bei einem Jagdgeschwader, dessen Auszeichnung mit dem Kriegsverdienstkreuiz mit Schwertern wir gestern berichteten, stammt nicht von Staufenberg, sondern von Lollar. Sein Vater war aber viele Jahve Buvgwirt aus der Burg Staufenberg.
Gondergericht in Gießen.
Martin Günderoth in Gießen war angeklagt, sich am 2. September d. I. in Gießen des Sittlichkeitsverbrechens in zwei Fällen unter Ausnutzung der Verdunkelung schuldig gemacht zu haben.
Der Angeklagte behauptete, er habe am Nachmittag vor der Tat etwa 15 bis 16 Glas Bier getrunken, und er will sich auf Einzelheiten nicht mehr entsinnen können. Seine starke Betrunkenheit wurde auch von einem Polizetbeamten festgestellt. Ein Arzt, der als sachverständiger Zeuge vernommen wurde, gab der Ansicht Ausdruck, daß der Ange- klaate bei Begehung der Tat sinnlos betrunken gewesen sein müsse.
Der Anklagevertreter beantragte eine Gesamt - zuchthausstrafe von 5 Jahren, ferner dem Angeklagten die bürgerlichen Ehrenrechte für die Dauer von 5 Jahren abzuerkennen.
Der Verteidiger erklärte, der Angeklagte könne nicht wegen der Tat, sondern nur wegen Volltrunkenheit bestraft werden.
Der Angeklagte wurde wegen Sittlichkeitsver- brechens in Tateinheit mit einem Verbrechen nach der Dolksfchädlingsverordnung in zwei Fällen zu einer Gesamtzuchthausstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten, abzüglich ein
Monat der Untersuchungshaft, verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm auf die Dauer von drei Jahren aberkannt. Dem Angeklagten wurde der Schutz des §51 II StrGB. — vermindert zurechnungsfähig — zuerkannt.
Strafkammer Gießen.
Der H. R. in Königstätten hatte einen Strafbefehl über drei Monate Gefängnis erhalten, gegen den er Einspruch eingelegt hatte. Er war beschuldigt, in Herbstem mit seinem Lastkraftwagen aus der linken Straßenseite verkehrswidrig geparkt zu haben. In dem Augenblick, in dem er in eine Einfahrt auf der rechten Straßenseite einbiegen wollte, kam ein Personenkraftwaaen von hinten, dessen Lenker angeblich das Zeichen nicht geschen hatte, und fuhr auf den Wagen des Angeklagten auf, wodurch zwei Insassen des Personenkraftwagens schwer und zwei leicht verletzt wurden und an beiden Wagen Sachschaden entstand.
Das Amtsgericht Herbstein hielt den Angeklagten in der Hauptverhandlung am 24. Mai 1940 für überführt und verurteilte chn zu einer Gefängnisstrafe von einem Monat. Gegen das Urteil legte der Angeklagte Berufung ein. In der Beruftlngsverhandlung wurde der Angeklagte wiederum überführt und feine Berufung verworfen.
Erfolgreiche Hebung
von Bereitschaften des DRK.
A^ Sonntag fand eine Hebung der männlichen und roeiblichen Bereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes in Leihgestern statt. In der Annahme, daß Leihgestern zweimal von feindlichen Fliegern angegriffen worden sei, wurden die Helfer und Helferinnen in Lang-Göns, Allendorf, Großen- Linden, Leihgestern, Grüningen, Watzenborn-Sternberg und Hausen alarmiert. Die 22 „Verletzten" wurden geborgen, versorgt und in eine mit Notbetten hergerichtete Unfallstation getragen. Die Versorgung war mustergültig, der Abtransport, der nur mit Tragen erfolgte, vollzog sich, obwohl zum gro
ßen Teil Helferinnen als Träger eingesetzt mären, rasch, so daß in dem als Hilfslazarett eingerichteten Gasthaussaal „Zur Krone" bereits 32 Minuten nach dem ersten Alarm, der 9.37 Uhr erfolgte, alle „Verletzten" versorgt und untergebracht waren.
Dre Hebung leitete der DRK.-Hauptführer Dr. Fabel, in dessen Händen auch die Bergung und ärztliche Betreuung der „Verletzten" lag, während den Einsatz der Trägertrupps sowie die technische Ausführung der Vorbereitung zur Uebung der Stabswart, DRK.-Obenvachtführer Georg Wagner, übernommen hatte.
Der zur Uebung eingeladene Bezrrksluftschutzlei- ter, Rektor Lotz, stellte in seiner Ansprache in dankbarer Anerkennung den Einsatz des Deutschen Roten Kreuzes im Rahmen des behördlichen Luftschutzes besonders in den Vordergrund und legte besonderen Wert auf die innere Einsatzbereitschaft und die gute technische Ausbildung. Er sprach feinen Dank aus, daß ihm durch diese gut angelegte und ausgeführte Einsatzübung Gelegenheit gegeben sei, in die schwere, aber im Interesse des Volksganzen so notwendigen Arbeit des DRK. einen Einblick zu tun.
Landkreis Gießen.
* Leihaestern, 16. Okt Der Oberpostschaffner i. R. Karl Arnold in Leihaestern kann am morgigen Donnerstag, 17. Oktober, in aller Frische seinen 7 0. Geburtstag begehen. Dem Jubllar, der noch an allen Geschehnissen unserer Zeit regen Anteil nimmt, bringen auch wir unsere herzlichen Wünsche zu seinem Geburtstags und für einen schönen Lebensabend dar.
Schweinemarkt in Grünberg.
[+ Grünberg, 16. Okt. Bei dem Schweine- markt im Rahmen des hiesigen Gallusmark- tes standen heute 345 Ferkel zum Verkauf. Es kosteten bis sechs Wochen alte Ferkel 18 bis 20 RM., sechs bis acht Wochen alte 21 bis 25 RM., acht bis dreizehn Wochen alte 26 bis 32 RM. das Stück. Der Handel verlief gut, es verblieb geringer Heber« stand. — Von 10 aufgetriebenen Rindern wurden 3 Stück verkauft.
Handballmeisterschast in Doppel runde.
Das Fachamt Handball gibt bekannt: Im Nachtrag zur Ausschreibung der Deutschen Kriegsmeisterschaft im Handball wird festgestellt, daß die Meisterschaftsspiele mit {»fertiger Wirkung nicht nur in einer einfachen, sondern in einer Doppelrunde mit Hin- und Rückspiel ausgetragen werden. Als neuer Termin für die Meldung der Bereichsmeister wird der 30. März 1941 bestimmt. Die Frauenspiele werden ebenfalls mit sofortiger Wirkung in einer Doppelrunde durckgesührt Die Verfügung, daß über eine etwaige Aenderung der Ausschreibung der Deutschen Kriegsmeisterschaft noch besondere Anordnungen ergehen, bleibt bestehen.
Königsschießen der Schützengesellschast 1926 Gießen.
Wie alljahrilih, so hat auch in diesem Jahre die Schützengesellschaft 1926 Gießen am vergangenen Sonntag ihr Königschießen abgehalten. Trotz des Krieges und der vielen zum Heeresdienst eingezogenen Mitglieder hatte sich eine stattliche Anzahl Schutzen zu diesem beliebten Schießen eingefunden.
Geschossen wurde, wie immer, mit Großkaliber auf den Adler, der in 100 Meter Entfernung auf einer Stange aufgebaut war. Nach einer kurzen Begrüßung und Erläuterung über den Verlauf des Schießens traten 16 Schützen den Kampf um die Königswürde an. In knapp 1 Vs Stunden mit zusammen 260 Schuß, das ist im Durchschnitt 16 Schuß pro Schütze, war der Rest des Adlers von der Stange heruntergeholt.
1. Ritter wurde Kamerad und Ortsgruppenleiter Hermann Thomas. 2. Ritter wurde Kamerad Fritz D e w a l d, und Kamerad Karl H e i tz, Gie- ßen-Wieseck, holte den letzten Rest von der Stange herunter. Er wurde somit Schützenkönig für das Jahr 1940/41. Auch die Jungschützen schossen ihren Schützenkönig heraus, und zwar mit Kleinkaliber auf 50 Meter, 12 kreisige Ringscheibe. Bei 5 Schuß stehend freihand und 5 Schuß liegend frei- hand schoß der Jungschütze Heinz R a u 97 Ringe, eine schöne, beachtliche Leistung, die ihm auch die Königswürde der Jungschützen für 1940/41 einbrachte.
Anschließend wurde von den Schützen auf 175 Meter mit Großkaliber eine Ehrenscheibe heraus« geschossen, die Kamerad Herrn. Thomas erschoß. Auch die Jungschützen schossen mit Kleinkaliber auf 50 Meter ihre Ehrenscheibe heraus, welche der Jungschütze Günter S u n d h e i rn errang.
Nachmittags fand noch das Schießen auf den Wanderbecher statt, welchen mit 5 Schuß stehend aufgelegt auf die 20 kreisige Ringscheibe Kamerad Ludwig Schneider mit 73 Ringen errang. Anschließend hieran wurde dann noch ein gestifteter Präsentkorb herausgeschossen, den Kamerad Heinrich Balzer mit 3 Schuß auf eine 20 kreisige Ringscheibe in 175 Meter Entfernung stehend aufgelegt mit der beachtlichen Ringzahl von 58 Ringen von 60 erreichbaren, erhielt.
Bei Eintritt der Dunkelheit nahm der Vereinsführer Ed. G o n d n e r die Königsproklamation der beiden Schützenkönige Heitz und Rau, sowie die Ehrung der beiden Ritter Thomas und Dewald vor. Die beiden Schützenkönige erhielten die Königsketten, während die beiden Ritter wertvolle Gaben zur Erinnerung an diesen Tag erhielten.
Der vorjährige Schützenkönig Paul H a i n b a ch, der z. Z. im Felde weilt, erhielt als Andenken an seine vorjährige Königswürde eine wertvolle Armbanduhr.
Nach Heberreichung der Ehrenscheiben und des Präsentkorbes dankte der Vereinsführer den Schützen für ihre aufopferungsvolle Tätigkeit und für das Interesse, das sie trotz des Krieges dem edlen Schießsport entgegenbringen, und ermahnte zur weiteren segensreichen Mitarbeit.
Schließlich dankte Kamerad Herrn. Thomas im Namen der Sieger dem Dereinsführer für feine Tätigkeit und schloß den offiziellen Teil des Tages in üblicher Weise.
Kurze Sportnotizen.
Die Jugendmeisterschaften der Radfahrer werden künftighin zusammen mit den Großveranstaltungen der HI. entschieden, die Titelkämpfe auf Bahn und Straße bei den Sommerkampfspielen, die Saalsportmeisterschaften bei den Hallenkampfspielen.
3000Kilometer Äeöe
Roman von Olly Doehetm
2. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Sapperlot, das nenne ich aber nobel!"
Vergnügt sprang Anm die Treppe hinunter: „Wo steht er denn?"
„Hier an der Ecke!"
Anm lief auf einen eleganten grauen Zweisitzer zu. „Wunderschöner Wagen, Peter", sagte sie begeistert. Peter Renz seufzte leise, stellte das Gepäck auf den Rinnstein und nahm Anm beim Arm: „Du irrst, mein Kind! Onkel Franz hat ein paar Jahre mehr auf dem Kühlerkasten. Hier steht er!" Er deutete auf einen kleinen, hellgrün lackierten Wagen, der hochbeinig auf vorsintflutlich dünnen Rädern stand. Anni konnte sich das Lachen nicht verbeißen. Peter beobachtete kritisch ihr Mienenspiel.
„Macht doch wenigstens Eindruck, wenn auch nach der negativen Seite hin", sagte er etwas enttäuscht.
„Na, wenn auch nicht gerade das, Peter — aber sag mir, wird denn dieser Großonkel bis nach Stockholm laufen?"
„Ach, Mädchen, bis nach Spitzbergen! Gesund ist er. Ich dachte, er sieht ganz ordentlich aus, nachdem ich ihn grün lackiert habe. Hnd laufen tut er, als sei er mir persönlich dankbar, daß ich ihn vor dem Autoschlachthof gerettet habe." Peter verstaute Annis Sachen in der Klappe des Notsitzes, wickelte das Mädchen sorglich ein und kurbelte an.
„Kiek mal die olle Windmühle", sagte ein Bolle- junge und deutete grinsend auf den Wagen, vor dem Peter Renz die klobige Kurbel drehte. Plötzlich durchlief ein Zittern den Wagen; es war so gewal- tig, daß Anni beinah vom Sitz hochflog.
„Er kommt", schrie Peter, hochrot im Gesicht.
„Wer denn?" brüllte Anni über das Tosen hinweg.
„Der Motor", schrie Peter und schwang sich elegant auf den Führersitz. „Dolle Maschine", sagte er anerkennend und schaltete knirschend den ersten Gang ein.
„Macht Krach wie ein Rennwagen", schrie Anni Peter ins Ohr.
„Muß sich erst warmlaufen", brüllte Peter zurück. Inzwischen war man in der stillen Seitenstraße aufmerksam geworden. Fenster wurden geöffnet, und die Menschen sahen neugierig-erstaunt auf die dicke, ölige Rauchwolke, die die Straße zu vernebeln begann.
„Fällt auf, der Typ", schrie Peter voll Genug- tuuna und trat auf den Gashebel. Der Wagen zog an. Der Motor stampfte wie eine Dampfmaschine. Peter nahm elegant eine Kurve.
„Guter Tourenwagen", sagte er; „lange Strecken läuft er ausgezeichnet, aber das viele Starten verträgt er nicht. Uff, ausgerechnet rotes Licht!"
Aechzend hielt der Wagen unter der Ampel. Ein Radfahrer stützte sich auf den Kühler.
„Mensch, die Karre hat Schüttelftost, ick jloobe, die kriegt 'n Schlaganfall!"
„Nee, bet is n’ verkappter Tank, n' janz neuet Modell von 1940."
Onkel Franz zitterte berartig, daß die lieblosen Redensarten zum Glück von seinem Scheppern übertönt wurden. Anni sah Peter heimlick von der Seite an. Er saß unbeirrt am Steuer, die Mütze keck in den Nacken geschoben, die vergnügte Stupsnase hochmütig emporgereckt, als könnte er durch sein Selbstbewußtsein Onkel Franzens kläglichen Eindruck wieder wettmachen. Mut hat der Junge, dachte Anni, in dieser vierrädrigen Badewanne nach Stockholm zu schaukeln, und ihr Vertrauen zu Peter war so groß, daß sie lächelnd die Augen schloß, während die Frühlingssonne ihr blasses, schmales Gesichtchen mit zärtlichem Schimmer umspielte.
*
Peter Renz sollte recht behalten. Der Wagen legte einen großen Teil seiner Unarten ab, nachdem er die Stadt hinter sich gelassen hatte. Er schepperte zwar noch an allen Gliedern, aber er lief regelmäßig im dritten Gang und hatte auch seine Vernebelungstaktik teilroeife aufgegeoen. Peter sprach nicht. Er sah nur hin und wieder Anni strahlend an, deutete auf den Wagen und pfiff anerkennend durch die Zähne, was so viel heißen sollte wie: „Na, habe ich vielleicht zuviel gesagt?"
Anni schwieg auch. Es war ihr unmöglich, Onkel Franzens rosttge Stimme zu überschreien. Sie träumte in die lichtgrünen Wiesen hinein, in das filigranfeine Geäst der jungfräulich belaubten Bäume, und dachte: Patenter Einfall von Peter,
mich aus der Stadt zu entführen, selbst wenn wir mit dem unseligen Vehikel nur bis Neu-Br and en - bürg kommen sollten.
Die Birken standen wie ein Mädchenpensionat zu beiden Seiten der Landstraße, und in ihren wehenden blaßgrünen Haaren spielte der Wind. Blau und lockend lag die Wette unter dem Horizont. Peter bog in einen Feldweg ein und hielt mit einem Ruck.
„So", sagte er und klopfte Onkel Franz auf den windschiefen Kotflügel, „das hast du gut gemacht. Jetzt wird gefrühstückt, denn wie ich dich kenne, Anni, hast du vor lauter Reisefieber überhaupt noch nichts gegessen." Er breitete eine Decke auf die Wiese, holte den Proviantkorb und packte sein Frühstück aus.
„Wie das schmeckt, Anni, was, anders als im Büro ober auf der Probebühne!"
„Ach, Peter, ich bin glücklich, regelrecht glücklich! Es ist wundervoll, so in das Abenteuer hineinzu- f ähren."
„Hoffentlich nicht", erwiderte Peter und streifte Onkel Franz mit bekümmertem Blick; „hoffentlich bereitet uns der alte Herr keine Heberraschungen."
Anni lachte: „Sag mal, Pseter, warum hat Unkel Franz sich so plötzlich von dem Wagen getrennt?"
„Ach", erklärte Peter und goß Anni ein Glas Wermut ein, „es war keine glückliche Ehe mit den beiden. Sie vertrugen sich nicht. Der Wagen hatte seinen eigenen Willen und war anscheinend der Ansicht, daß die Bäume ihm ausbiegen sollten."
Anni lachte: „Aber soviel ich weiß, wollte Onkel Franz sich ursprünglich einen neuen Wagen kaufen."
„Richtig, wollte er auch, aber er kam nicht von der Fahrschule herunter. Wenn man mit sechzig Jahren anfängt, Auto zu fahren, und noch dazu kurzsichtig und übernervös ist wie Onkel Franz, dann ist man sozusagen ein kapitaler Bock im Revier des Fahrlehrers Er konnte sich nicht entschließen, die Fahrprüfung zu machen. Nahm Stunden über Stunden. Bei der ersten Prüfungsfahrt machte er vor einem Feuermelder halt, den er in seinem übersteigerten Zustand für eine rote Verkehrsampel gehalten hatte. Dann üoerholte er die Straßenbahn von links, weil er sie scheinbar im Prüfungsfieber mit einem Omnibus verwechselte. Das genügte dem Prüfer, und er sagte: „Danke sehr, bitte aussteigen!"
„Hnd was tat Onkel Franz?"
„Er stteg aus, ging in die nächste Schoppenstube
und ertränkte seine Verzweiflung in Patenwein. Am nächsten Tag begann er von neuem mit ber Fahrschule. Bei der zweiten Prüfung ging er schon vorher in die Schoppenstube, um sich Mut anzutrinken, und fuhr so forsch, daß der Prüfer flucht- artig den Wagen verlassen hat. Der Lehrwagen mußte vollständig überholt werden, der Fahrlehrer desgleichen. Da Onkel Franz eine beschränkte Summe für seinen Autosport, Wagenanschasfung einschließlich Fahrschule, zur Verfügung hatte, reichte es bald nicht mehr zu einem neuen Wagen — und je länger der Fahrunterricht wurde, desto kleiner und älter wurde das Auto, das Onkel Franz sich noch erstehen konnte. Schließlich, nachdem er die letzte Prüfung mit Ach und Weh bestanden hatte, kaufte er von den paar übriggebliebenen Kröten dieses Unifum."
„Hnd dann?" forschte Anni, mit beiden Backen kauend.
„Dann fuhr er mit diesem fünften Reh prompt gegen den nächsten Baum. In der Reparaturwerkstatt riet man ihm, er solle den Wagen doch ausschlachten lassen, er wäre das Ausbeulen nicht mehr wert. Da rief er in seiner Verzweiflung mich an, und weil ich schon lange auf ein Auto scharf bin, tauschte ich mit Onkel Franz. Er gab mir sein Auto und ich gab ihm mein Fahrrad."
„Hnd nun?"
.Lernt Onkel Franz radfahren. Ja, Anni, der alte Herr ist nicht totzukriegen."
„Das liegt scheinbar in eurer Familie!" „Richtig!" .
„Sag mal, Peter —", Anni hatte ihr Frühstück genußreich beendet und steckte sich eine Zigarette an, „glaubst du ernsthaft, daß Onkel Franz es bis Schweben schafft?"
Peter reichte ihr Feuer unb räumte die Eßoor- räte zusammen.
„Natürlich, Anm! Glauben muß man es auf jeden Fall!^
„Hnd daß wir mit dem Geld auskommen?"
„Was kann uns passieren?" Peter stand mit einem eleganten Satz auf. „Schlimmstenfalls suchen wir uns einen Klappennabod."
„Was?"
„Einen Mitfahrer, der in der Klappe sitzt und sich am Benzin beteiligt."
(Fortsetzung folgt)


