Nr.245 Zweiter Blatt_______________Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen) Mittwoch, 16. Oktober 1-40
Schaffende sammeln, Schaffende geben!
Aus der Stadt Gießen.
Stadt im Herbst.
Manchmal scheint es, als habe die Stadt nicht teil an dem bunten Farbenzauber, mit dem der Herbst das Land segnet. Das ist an den Tagen, an denen Wolkendunst und Regenschauer die Stadt gespenstig einhüllen und den Eindruck erwecken, als gäbe es außer der grauen Farbe überhaupt nichts mehr. Auf dem Wege zur Arbeitsstätte gewinnt man die Vorstellung, daß sich alle Passanten der Lustlosigkeit verschworen haben. Es macht auch wenig Vergnügen, bei solchem Wetter in den Anlagen spazieren zu gehen, und auf den sonst belebten Wegen sieht es um diese Zeit aus, als beherberge die Stadt nur noch wenige Menschen.
Die Szene ist jedoch von einem Tage zum anderen wie verwandelt, wenn das Gewölk sich verwogen hat und die Sonne sich für ein Weilchen sehen läßt. Mit einem Male wird es deutlich, daß die Stadt vom Herbst gar nicht stiefmütterlich behandelt wird. Aus dem grauen Einerlei des Vortages ist leuchtende Klarheit geworden, in der alle Farben strahlend zur Geltung kommen. Und wie mit einem Schlage sind auch die Gesichter der Stra- ßenpassanten heller und freundlicher geworden. An einem solchen Tage hat man hen Eindruck, als ob alle Schönheit des Sommers noch einmal in der Stadt zu Gast sei. Der Himmel wölbt sich wie eine gläserne blaue Kuppel über dem Häusermeer, in dem es von lauter Lichtreflexen blitzt, die die Sonne auf Dächer und Straßen zeichnet. In den Anlagen zeigt sich die Pracht des bunten Laubes und der spaten Blumen, und wo es am Tage vorher noch völlig einsam war, ergehen sich jetzt die Spaziergänger, von denen manche den Hut in der Hand tragen, als trachteten sie danach, von der milden Luft nicht ein Quentlein zu verlieren. Ja, selbst die Bänke finden noch manchmal Zuspruch, allerdings nur in der Mittagsstunde, wenn die Sonne es be- jonöers gut meint.
Kartvffelwagen fahren unterdessen durch die Stadt und geben mit ihren nickenden Pferdeköpfen und den hochgetürmten Säcken dem Straßenbild eine besondere herbstliche Note. Kleine Kinder spielen unter den von einem Tag zum anderen immer blattärmer werdenden Kastanien, wo sie im raschelnden Laub nach den blanken Früchten fahnden, während andere im Kreise hüpfen. Die Lust aber ist erfüllt von jenem Geruch der Reife, der aus den Gärten und von den Feldern strömt, wo die letzten Früchte geborgen werden, die als willkommene Vermächtnisse des Sommers in unsere Keller wandern. H. W. Sch.
Ortszeit für den 17. Oktober.
Sonnenaufgang 7.55 Uhr, Sonnenuntergang 18.25 Uhr. — Monduntergang 8.39 Uhr, Mondaufgang 19.09 Uhr.
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KdF.-Sportamt.
„Körperschule und Hallenspiele* für Männer und Frauen
Mittwochs von 20.30 bis 21.30 Uhr: Goetheschule (neben Hotel Schutz).
„Fröhliche Gymnastik und Spiele“ für Frauen Donnerstags von 20.30 bis 21.30 Uhr: Schiller schule, Schillerstraße.
„Kindergymnastik“
Freitags von 16 bis 17 Uhr: Schillerschule, Schillerstraße. 4636V
*
Mittwoch, den 16. Oktober, von 15 bis 16 Uhr, am neuen Selterstor Platzkonzert zugunsten des Kriegs- Minterhilsswerkes. Es spielt das Musikkorps eines Seefliegerhorstes. 4656V
Donnerstag, den 17. Oktober, zweite Theaterveranstaltung des Sechzehner-Ringes. Zur Aufführung gelangt das Schauspiel „Sieger“ von Siemens. Die Kartenausgabe erfolgt in der Kartenoerkaufsstelle Gießen, Seltersweg 60. Beginn 19.30 Uhr. Wir weisen ganz besonders darauf hin, daß die Veranstaltung pünktlich ihren Anfang nimmt.__________
Die Deutsche Arbeitsfront ist mit der am 19. und 20. Oktober durchzuführenden Sammlung für das Kriegswinterhilfswerk 1940/41 beauftragt. Diese Sammlung wird unter der Parole
„Schaffende sammeln, Schossende geben"
durchgeführt. Die Kreiswaltung Wetterau der DAF. hat in vorbereitender Planung alle Maßnahmen ergriffen, um dieser Straßensammlung einen vollen Erfolg zu sichern. Sämtliche Walter der DAF., die Warte der NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude", die Angehörigen der Werkscharen sowie die Betriebsführer und Mitglieder der Der- trauensräte werden an die Gebefreudigkeit der deutschen Volksgenossen appellieren und durch ihren Einsatz dem Winterhilfswerk des deutschen Volkes wiederum ein Sammelergebnis zur Verfügung stellen, welches aller Welt die Geschlossenheit und
Opferbereitschaft des deutschen Volkes vor Augen führt.
Die Straßensammlung wird ausgestaltet durch Platz- und Straßenkonzerte von Werkscharkapellen, Werkschargesanggruppen, Werkscharsvielmannszügen, sowie Kapellen der Wehrmacht. Außerdem wird sich die NS.-Gemeinschaft „Kraft durch Freude" durch Einsatz von Laienspielgruppen, Volkstanzgruppen, Singgemeinschaften usw. in den Dienst der Sache stellen. KDF.-Veranstaltungen in den Abendstunden, zu denen insbesondere Kriegsversehrte und Verwundete eingeladen werden, werden der Sammelaktion einen würdigen Abschluß geben.
Die Deutsche Arbeitsfront appelliert wiederum an die Gebefreudigkeit und Einsatzbereitschaft aller deutschen Volksgenossen, denn wir wollen ja gerade dem Auslande gegenüber beweisen, daß Deutschland geschlossen und opferbereit den Weg zur endgültigen Freiheit weiterzugehen gewillt ist.
Zum Schuhe des Kindes.
Oie Rachitis-Bekämpfung im Kreise Gießen.
Seit Februar dieses Jahres wird in Stadt und Kreis Gießen die vom Reichsmimstevium des Innern für das ganze Reich angeordnete Rachitis- Bekämpfungsaktion in Gerneinschaftsarbeit der NS.-Dolkswohlfahrt, der Universitäts-Kinderklinik und des Staatlichen Gesundheitsamtes Gießen durchgeführt. Die Aktion dient dem Zwecke, unsere Kleinkinder schon im frühesten Alter vor der Geißel der Englischen Krankheit (Rachitis) zu schützen und dadurch für die Gesunderhaltung der Heranwachsenden Generation gute Vorarbeit zu leisten.
Die Maßnahme besteht bekanntlich darin, daß jedes Kind vom dritten Lebensmonat ab mit der Abgabe von Digcmtol-Oel erfaßt wird. Sobald die Mutter das Kind zum ersten Male dem Arzt zur Untersuchung vorstellt, erhält sie die erste Flasche Digantol-Oel kostenlos mit der Anweisung, dem Säu-güng täglich fünf Tropfen mit seiner Nahrung zu verabfolgen. Nach etwa zwei Monaten wird die erste Flasche in der Regel verbraucht sein. Dann wird das Kind in der Säuglings-Beratungsstelle oder bei dem Kinderarzt erneut vorgestellt. Nunmehr erhält die Mutter von dem Arst die zweite Flasche Digantol-Oel, die wie die erste zu verbrauchen ist. Wieder zwei Monate später, nach dem Verbrauch der zweiten Flasche, ist das Kind zum dritten Male, und zwar zur Abschlußuntersuchung, vorzustellen. Wenn bei den ärztlichen Untersuchungen Zeichen einer vorhandenen Rachitis festgestellt werden, die eine individuelle Behandlung durch den Hausarzt erforderlich machen, so wird der Hausarzt b,;w. der Kassenarzt mit dieser Aufgabe betraut. Hausbesuche von Gesundheitspflegerinnen oder Fürsorgeschwestern sollen der Beratung der Mütter und der richtigen Durchführung der angeordneten Bekämpfungsmaßnahmen dienen. In den Mütterberatungsstunden des Staatlichen Gesundheitsamtes, die in zahlreichen Orten des Kreises Gießen durch- aeführt werden, stehen die Gesundheitspflegerinnen den Müttern ebenfalls mit ihrem erfahrenen Rat bei. Insbesondere wird dabei den Müttern auch immer empfohlen, ihren Kleinkindern bei der Nahrung Gemüse, Obst und Zitronensaft zur rechten Zeit zu geben, die Kinder täglich in die frische Lust zu bringen und sie den guten Einwirkungen der Sonne auszusetzen.
lieber die bisherigen Ergebnisse dieser Aktion und die in Stadt und Land gesammelten Erfahrungen haben wir den mit der Leitung dieser Maßnahme in der Stadt Gießen beauftragten Direktor der Universitäts - Kinderklinik Gießen, Professor Dr. Keller, befragt. Wir hörten von ihm, daß der bisherige Verlauf der Rachitis-Bekämpfung im großen und ganzen sehr befriedigend war. Die laufende Kontrolle der Kleinkinder durch die Vorstellung beim Arzt und durch die Besuche der Gesundheitspflegerinnen in den Häusern hat sich alS außerordentlich notwendig erwiesen, denn in zahlreichen Fällen war die Verabreichung von zwei oder drei Flaschen Vigantol-Oel nicht ausreichend, son
dern es mußten oft bis zu vier und fünf Flaschen gegeben werden. Alle Erfahrungen bestätigen die Notwendigkeit dieser Bekämpfungsaktion, sie zeigen aber auch, daß der erhoffte Erfolg erreicht wird. Hinsichtlich der zweckmäßigen Ernährung der Kleinkinder ist bisher die Erfahrung gemacht worden, daß die Mütter auf dem Lande in der Regel sich den guten Ratschlägen der Aerzte und der Gesundheitspflegerinnen gegenüber weit aufgeschlossener zeigten als viele Mütter in der Stadt. Bei letzteren muß immer wieder beobachtet werden, daß sie zuviel auf die Einwendungen von Großmüttern, Onkeln und Tanten hören oder den Worten von notorischen Besserwissern, die aus Zeitschriften usw. „besser unterrichtet" zu sein glauben, ihr Ohr leihen, anstatt sich die auf den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhenden Ratschläge des Arztes zu eigen zu machen, der doch nur das Ziel verfolgt, der Mutter alle jene Maßnahmen zu empfehlen, die zum Besten des Kindes dienen. Denn der Arzt als berufener Vertreter des Staates in dieser Aktion hat doch nur das eine Interesse, auf das Heranwachfen gesunder Kinder hinzuwirken, und dieses Interesse ist in jedem Falle identisch mit den Wünschen aller Mütter. Deshalb sollte jede Mutter sich vornehmen, den Rat des in diesen Dingen speziell erfahrenen Arztes auch hinsichtlich der Ernährung des Kindes stets zu befolgen. Sie wird dann die Freude haben, daß ihr Kind gesund heranwächst.
Hinsichtlich der Rachitis-Bekämpfung gibt es natürlich auch noch andere Methoden. Beispielsweise hat man in Mainz die sog. Stoßprophylaxe durchgeführt, während man in Frankfurt a. M. den Weg der Bestrahlung der Vollmilch eingeschlagen hat.' Für Stadt und Kreis Gießen hat man sich nach eingehenden Ueberlegungen wie im übrigen Reich für die Methode der Vigantol-Gabe entschlossen, da auf diesem Wege eine individuelle Behandlung der Kinder möglich ist, d. h. jedes Kind erhätt soviel Flaschen Vigantol, wie bei feiner Körperkonstitution und zu dem Zwecke der Aktion erforderlich ist. Der angestrebte Erfolg wird bei manchen Kindern schon mit ein oder zwei Flaschen Vigantol erreicht, während bei anderen Kindern bis zu vier oder fünf Flaschen gegeben werden müssen. Mit dieser Methode hat man bisher durchaus gute Erfahrungen gemacht, so daß man in Stadt und Kreis Gießen mit dem Verlauf der Rachitis-Bekämpfung bis jetzt zufrieden fein kann.
Als dringend notwendige neue Aufgabe im Dienste des Kindes hat sich jetzt bei den Erfahrungen in der Universitäts-Kinderklinik in Gießen die Einrichtung einer Frauenmil ch-Sam- melstelle erwiesen. Es sind leider nicht genug Ammen zur Verfügung, um den Kleinkindern die erforderliche Frauenmilch in ausreichendem Maße sicherzustellen. Daher wird Professor Dr. Keller in einem Vortrage, den er am heutigen Mittwoch vor Hebammen, Gesundheitspflegerinnen und Mit
gliedern der Frauenschaft hatten wird, die Dring« lichkeit einer Frauenmilch-Sammelstelle für ins Kinder der Universitäts-Kinderklinik barlegen und geeignete Frauen zur Mithilfe auf diesem Gebiets aufrufen. Dieser Gedanke wird demnächst auch in die breite Oefsentlichkeit getragen werden. Eine wei« tere dringliche Maßnahme ist die Einführung de>? Diphtherie-Schutzimpfung für alle Klein« Eint)er, die sowohl im Interesse der Kinder, als auch zum Wohle des ganzen Volkes immer mehr zuj Notwendigkeit erklärt werden muß.
Die Einrichtung von Frauenmilch-Sammelstellen und die Einführung der Diphtherie-Schutzimpfung für alle Kleinkinder standen übrigens auch auf dev kürzlich durchgeführten Kinderkundtichen Woche in Wien, die besonders das Problem der Gesundheit^ ührung im Kindesalter zur Tagesordnung hatte, in eingehenden Besprechungen zur Beratung. Man kann nur hoffen und wünschen, daß auch auf diesen Wegen in vollkommener Weise Dienst für unsere Kinder und damit für die Zukunst unseres Volkes, geleistet werden möge. B.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Stadttheater: 19.30 bis 22 Uhr „Der Triumph' des Tobias". — Gloria-Palast, Seltersweg: „Links der Isar, rechts der Spree". Lichtspielhaus, Bahn« Hofstraße: „Das indische Grabmal".
Stadttheater Gießen.
Am heutigen Mittwoch wird das Lustsviel von Svend Rindom „Der Triumph des Tobias^ wiederholt. Spielleitung: Hansjoachim Büttner. Bühnenbild: Karl Löffler. 5. Mittwoch-Miete.
7
altbewährt
Um die Erdal-Blechdosen mehrmals verwenden zu können, gibt es nun auch Erdal-Nachfüllpackungen. Diese setzt man einfach in die leere Erdaldose, die sich auf diese Weise lange Zeit verwenden läßt. Deshalb leere Erdaldosen aufbewahren I Qualität undMenge selbstverständlich wie in der Blechdose.
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Erdal
Rot Frosch
Platzkonzert für das Kriegs-WHW.
Am heutigen Mittwoch, von 15 bis 16 Uhr, wird das Musikkorps eines Seeflieger-Horstes, das sich gegenwärtig auf einer Konzertreife durch Deutschland befindet und bereits in einigen Orten der Umgegend mit großem Erfolg konzertiert hat, am Selterstor ein Platzkonzert veranstalten. Bei dieser Gelegenheit sollen den hoffentlich sehr zahlreichen Be« suchern Sammelbüchsen zum Einwurf einer Spende für das Kriegs-WHW. dargereicht werden. Man kann nur wünschen, daß der Besuch und die Spen« den recht umfangreich ausfallen mögen. — Am heutigen Vormittag wird dieses Musikkorps in einem hiesigen Lazarett konzertieren und um die Mittagsstunde ein Konzert in einem anderen Lazarett anschließen. Nach dem öffentlichen Platzkonzert in Gießen wird sich das Mrsiikkorps nach L i ch begeben, um dort vor den gemeinschaftlich versammelten Ge- folgschastsmitgliedern der Firmen Jhring-Melchior und Schieferstein zu konzertieren.
Den Hauptgashahn des Hauses bei Fliegeralarm nicht schließen!
Durch Anordnung des Reichsministers der Luft« fahrt und Oberbefehlshabers der Luftwaffe ist der § 2 Abf. 2 Nr. 2d der 10. DDO. zum Luftschutz- gesetz, der die Schließung der Hauptgashähne forderte, aufgehoben worden. Die Aufhebung des Erlasses gründet sich auf die inzwischen gesammelten Erfahrungen. Es hat sich gezeigt, daß insbesondere in den Wohnungen, die mit Warmwasserbereitern ausgerüstet sind, durch das Schließen und spätere Wierderöffnen der Hauptgashähne die Explosionsund Vergiftungsgefahr gesteigert wurde. Auch find
Oie Mutter muß schreiben.
Don Heinrich Litterer.
Eines Abends sagte Mutter Gautz zu ihrem Manne: „Wie meinst du, daß es unserem Jungen jetzt geht?" Der Mann machte gerade mit etwas schwerer, handwerklicher Schrift Einträge in fein Kundenbuch, aber er legte, den Federhalter nicht zur Seite, als er antwortete: „Wie wird's ihm schon gehen, dem Fritz, gut, denk ich ..." und im Wohlbehagen über die geordneten Famlienverhältnisse schreibt er mit steifen Zügen weiter.
„Wann habe ich eigentlich zum letzten Male geschrieben?" fragt nach einer kleinen Pause Mutter Gautz wieder. Es ist wie ein zarter Versuch, den Mann herüberzulenken in das Gebiet, in dem es so viel zu sagen und zu besprechen, zu überlegen und nachzudenken gibt. Aber der Mann lächelt über diese, wie er glaubt, unnötige weiche Regung von Mütterlichkeit und antwortet, ohne feine Arbeit zu unterbrechen: „Das ist noch nicht lange her, vielleicht drei Wochen ... Du wirst ihm doch nicht schon wieder schreiben wollen? Es hat doch nichts neues gegeben!" und neigt seinen grauen Scheitel über das Papier und stellt Zahlen und Einträge zusammen.
Es ist dieses Mal eine längere Pause. Sie ist so lang, daß Vater Gautz überhaupt nicht mehr weiß, daß er vorhin gesprochen hat und sich erst besinnen muß, als jetzt plötzlich feine Frau schnell und bestimmt, wie es nur ein besonderer Anlaß eingeben kann, sagt: „Doch, ich muß ihm wieder schreiben!" Der Mann, ohnehin etwas nüchtern, kann sich immer noch nicht von seiner Beschäftigung trennen, weil er feinen Grund und feine Ursache zu irgend einer Beunruhigung erkennt. „Na — nu?" meint er gedehnt, „was willst du ihm schon schreiben? Daß die Würste in der Räucherkammer hangen, daß die Katze, wie sich jetzt herausgestellt hat — hehehe — ein Kater ist, daß die Marie drüben Hochzeit hatte? ..." Mutter Gautz steht plötzlich neben ihm. Er hört ihre Stimme, aber sie kommt ihm verändert vor. Sie spricht: „So ungefähr hab' ich ihm das letzte Mal geschrieben, ja, genau fo ... aber das könnte ihm jedermann schreiben, ein beliebiger Bekannter aus dem Städtchen: dieses Mal muß ich ihm als Mutter schreiben..."
Der Mann ahnt, daß die Frau wie in innerer
Not um Worte ringt, die ihr nicht leicht gegeben sind. Doch er versteht nicht, begreift nichts. „Als Mutter schreiben? Geh, Alte, das sind ja Redensarten. Wie kommst du dazu?" Die Brille sitzt auf feiner Stirne, hochgeschoden, damit er besser aus dem Gesicht der Frau herauslesen kann, was die Worte teilweise aufreißen. Wirklich, sie hat unruhige Augen, zuckende Lippen: warum, wieso? Er hat dunkle Verdächte, nichts Klares, aber da muß man wie mit einer Fackel hineinleuchten in einem einzigen Stoß: „Du weißt mehr, Frau!" sagt er grob, „was ist mit dem Jungen?" Aber seine Frage, die wie eine Fackel leuchten sollte, erlischt sofort, als sie in unverkennbarer Wahrheit sagt: „Nichts weiß ich von ihm, aber ich sorge mich doch ..."
Vater Gautz greift wieder zum Federhalter, taucht ein und schreibt weiter. „Weibliche Hirngespinste!" denkt er, aber sein Wort fällt etwa milder aus: „Sorgen ist halt Frauenart ..." Die Traurigkeit aber um und neben ihm will mehr, viel mehr, und er entschließt sich zu einer weiteren Zugabe: „Na, wenn du meinst, so schreib' ihm."
Mutter Gautz sieht ein, daß sie allein geblieben ist. Die Erlaubnis zum Schreiben hätte ihr der Mann nicht zu geben brauchen, so viel Rechte stehen ihr noch zu. Aber vielleicht hat das Schicksal nur sie als Träger ausgesucht, ganz bewußt nur sie.
Sie schreibt nun den Brief. Von gewöhnlichen und alltäglichen Dingen stand so viel darin, daß bis zum Schluß damit gesät ist. Doch dann bricht das durch, warum und weshalb sie eigentlich schrieb, aus ihrer unklaren inneren Unruhe heraus, aus einem Gefühl der Bangigkeit, „und dann, lieber Fritz, möchte ich Dich bitten, allezeit Deines Vaters und Deiner Mutter eingedenk zu sein und ihnen keine Schande zu bereiten. Ich bin gegenwärtig so besorgt um Dich, daß ich fast meine, eine große Gefahr bedrohe Dich ..."
Als Mutter Gautz diesen Brief geschrieben, verschlossen und abgesandt hat, ist ihr auf merkwürdige Art und Weise leichter geworden. Sie hat sich wieder zur inneren Festigkeit zurückgefunden. Nicht im Mindesten kommen ihr Zweifel, daß der Brief wie doch immerhin möglich ist, verloren gehen könnte. Auch darüber nicht, daß ihr Sohn im Charakter jetzt eine Wandlung durchgemacht, die vordem unbeachtet und verdeckt ober zurückgehalten in ihm lag: sie vertraut schlicht und einfach darauf, daß der Brief ans Ziel käme und dort seine Wirkung täte, gleich als trüge er der Mutter Antlitz
selber und hätte, obwohl der Vater nichts zu dem Brief beigetragen, des Vaters einfaches, gutes Herz dazu.
Vater Gautz fragt zwei Tage später; wie zufällig: „Hast du jetzt deinen mütterlichen Brief geschrieben?" Sie korrigiert sofort den leichten, gutmütigen Spott: „Ja, ich habe den Brief geschrieben" und schaut ihn aus hellen, zufriedenen Augen an. Frauen, denkt der Mann, Frauen ...
Als aber von dem Jungen, dem Fritz, eine Antwort einläuft, wird dem Manne doch etwas anders zumute. Es hat sich nämlich ergeben, daß gerade zu jener Zeit der Mutter Brief zu dem Sohn kam und mit ihm sprach, als dieser Sohn tatsächlich durch eine gefährliche Versuchung von der geraden Bahn abgedrängt zu werden drohte: es schien so, als hätten des Sohnes gewissensmäßige Regungen viele Städte weiter an das Herz der Mutter aeschlagen und sich dort Rat und Trost geholt uno sie auf dem Weg des Briefes in wunderbarer Weife gefunden. Vater Gautz sieht hinüber zu feiner Frau und hat eine fo grenzenlose Achtung vor ihr, daß er nur immer sie ansehen kann und um keine Worte weiß. Bis Mutter Gautz sagt: ,Laß, Vater, laß, das ist eben Mutterart, die geht über Zeit und Raum!" Jetzt erschrickt die Frau über ihr schönes Wort und bekommt rote Backen.
Schreckliche Geschichte.
„Anno 1701 den 27. Oktober zum Elisabeth-Jahrmarkt war vorm Ohlauischen Tor ein menschlicher Vielfraß für Geld zu sehen", heißt es in einem Tage- buch von Stemberger, das in der Breslauer Universitätsbibliothek. aufbewahrt wird. „Es war ein junger, starker Mensch von 20 Jahren, aus Böhmen gebürtig, von kleiner Person und blasser Farbe, eines recht gräßlichen Ansehens. Seine Augen lagen tief im Kopf mit eingefallenen Backen, großen Mauls und schlanken Leibes. Er fraß rohes Fleisch, Fische, Geflügelwerk mit samt den Federn, ein lebendig Kaninchen nahm er, biß ihm den Schwanz ab, zerriß mit den Zähnen das Fell und fraß es mit den Haaren hinein, schluckte auch dazwischen statt der Gurken ziemlich große Kieselsteine hinunter, deren etliche fast eine kleine Walnuß groß gewesen, und zwar in solcher Zahl, daß man bei der Betastung des Magens solche darinnen hat rasseln hören und 1 fühlen können. Ja, er fraß auch Filzhüte, Perücken,
Tuch, Leder, Werg, tote Katzen und Hunde, welches schrecklich anzusehen war, und in Berlin hat er sich sogar verlauten lassen, wenn man ihm 30 bis 40 Reichstaler gäbe und acht Tage Zeit ließe, so wollte er den neulichst Gehenkten mit Kleidern und Knochen ganz auffressen ... Er prätendierte aber bei jeder Mahlzeit 20 Quart guten Bieres und so viele Quart Weins. Er verzehrte eine Hammelkeule ganz mit Fell und Knochen in der Zeit von einer halben Viertelstunde. Sein Trunk war Bier und Branntwein, zu welch letzterem er sonderlich geneigt ist, daher man ihn davon abhallen muß, weil sein Bruder, der gleich wie er geartet gewesen, sich im Branntwein zu Tode gesoffen ..C. K.
Zeitschriften.
— Im Oktoberheft der „Kunst" (Verlaa F. Srucf- mann, München), das den neuen Jahrgang eröffnet, würdigt Heinrich Brauer den Maler Karl Blechen anläßlich feines 100. Todestages. Von C. D. Friedrich beeinflußt führt Blechen zunächst das Werk der Romantik fort, um dann eigene Wege zu gehen. Werner Haftmann gibt ein Bild von der diesjährigen VIII. Jahresausstellung der Deutschen Akademie in Rom, wo in -der Hauptsache die Plastik zu Worte kam. Dem Werk des jungen Berliner Malers Carl Schneiders widmet Herbert Griebitzsch erläuternde Worte. Dieser Landschafter ist Gestalter seiner niederrheinischen Heimat und versteht es, diese klar und mit gebundener Farbigkeit wiederzugeben. Ulrich Christoffel zeigt neue Werke von Franz Doll, unter denen zwei Gobelins besonders beachtenswert sind, und entzückende Tierfiguren von Sabine Lepsius. Im zweiten Tell berichtet der «Stuttgarter Architekt Adolf G. Schneck von einem Umbau einer in den Gründerjahren gebauten Villa zu einem neuzeitlichen und bequemen Wohnhaus. Aus alten und neuen Möbeln wurde ein geschmackvolles Interieur zusammengestellt. Michael Birkenbchl zeigt schöne Schmiedekunst nach Entwürfen von Prof. I. Donka, Zobten, und Carl Wyland, Köln. Arbeiten der Tex- tilwerkstätte von Editha Klein-Köppen zeugen von Geschmack. Ein ansprechendes Zweifamilienhaus des Stuttgarter Architekten Gerhard Thoma beschließt das reichhaltige Heft.


