Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. 195 Zweiter Blatt
Keitag, 16. August 1940
Mitten im Kriege bekundet die Partei durch die Deutsche Arbeitsfront, NSG. „Kraft durch Freude", Kreisdienststelle Wetterau, auch in Gießen wieder ihren starken kulturellen Ausbauwillen. Sie hat jetzt für Gießen und Umgegend eine Musikschule für Jugend und Volk gegründet, die unter Leitung des Musiklehrers Heinrich Blaß wirken wird und als vor bildliche kulturelle Tat warm zu begrüßen ist.
Am gestrigen Donnerstagabend fand im Rahmen einer musikalischen Feierstunde in der Aula der Universität die Eröffnung dieser Musikschule in Anwesenheit der Vertreter der Partei, vieler Eltern und Gäste statt. Mit den Eltern konnten auch viele Jugendliche, die als Musikbeflissene der neuen Musikschule bereits angehören oder demnächst zu ihr kommen werden, der denkwürdigen Stunde beiwohnen.
Die Feierstunde wurde mit einem frischen Chorgesang von Mädels des BDM. und einem kurzen Vorspruch eingeleitet. Anschließend spielte ein Trio, bestehend aus dem Leiter der Musikschule Musiklehrer Blaß und zwei jungen Musikschülern, die Suite in G-moll von Joh. Fischer. Hierauf sprach
Kreiswart Schemel
als Organisator dieser neuen Einrichtung, der eine solche Musikschule auch in Hanau bereits geschaffen bat, kurz zu den Eltern und Gästen. Er teilte dabei mit, daß es sich bei dieser Einrichtung um ein Gemeinschaftswerk do nKdF. undderHI.
beseelten Schutzwehr, die wir für Leib und Leben unserer Kämpfer an der Front schaffen helfen.
Denken wir daran, wenn nun zum letzten Male am 17. und 18. August das Kriegshilfswerk für das Deutsche Rote Kreuz uns seine Hand entgegenstreckt!
Aufruf.
An sämtliche Betriebsführer und Betriebsobmänner von Gießen.
Betr.: Reichs st raßenfammlung am 17. und 18. 8. für das Deutsche Rote kreuz.
Die 2. Reichsstrahensammtung für das Deutsche Rote kreuz wird am 17. und 18.8. durch die Deutsche Arbeitsfront, den Reichskriegerbund und das Deutsche Rote kreuz durchgeführt.
Die Betriebsobmänner sind dafür verantwortlich, daß sämtliche nachstehend aufgeführteu Amtswalter der Deutschen Arbeitsfront
DAF.-Walter und -Warte, Betriebsführer, Betrlebsobmänner, Vertrauensmänner, Werkscharmänner,
am kommenden Freitag, 16. d. 2H., um 1 9 Uhr auf der zuständigen Dienststelle der RSV. zum Büchsen- und Abzeichenempfang anwesend sind.
Giehen-Witte, Seltersweg 38, Giehen-Rord, Walltorstraße 38, Gießen - Ost, Kaiserallee 34, Giehen-Süd, Crednerstrahe 24.
Wir bitten auch bei dieser Reichsstrahensammtung um Ihren vollen Einsatz.
heil Hiller!
J.V.: gez. Schmidt, Kreisobmann.
Mstung des Lebens gegen den Tod
Sorgende Liebe der Frauen wird in die Tat umgeseht.
ter kennen, die er dann in Krankheitsfällen verwen- 1 dete. Er gelangte dahin, die „bösen" giftigen Ge- 1 wüchse von denen zu unterscheiden, die eine be- 1 täubende und dadurch schmerzlindernde Wirkung 1 ausübten, er konnte auch an den Tieren den Ein- 1 fluß einzelner Pflanzen beobachten und daraus seine Schlüsse ziehen. So erwarb die Menschheit früh einen Schatz von Kenntnissen über die Heil- , Wirkung der Pflanzen, der sich von Geschlecht zu Geschlecht forterbte und stetig durch neue Erfahrungen bereichert wurde. Schon das klassische Altertum hatte seine Kräutersammler und Wurzelgräber, die alten Germanen hielten die Heilpflanzen sehr hoch, und im Volk setzte sich der naive Glaube fest, daß wohl ein jedes Kräutlein zu irgend etwas gut sein müsse. Man richtete sich dabei nicht selten nach ganz äußerlichen Erscheinungen.
Der eigentliche Pflanzenkenner war durch lange Jahrhunderte der Arzt, der wohl auch selbst hinausging, um sich die rechten Mittel für seine Kuren zu verschaffen. Erst verhältnismäßig spät hat sich die wissenschaftliche Botanik, die die Pflanzen lediglich um ihrer selbst willen betrachtet, von der Heilkunde abgezweigt. Die Kenntnis von diesen Heilpflanzen, die zum großen Teil aus dem Altertum stammt und von so manchen heimischen Kräuterweiblein vermehrt wurde, ist in Deutschland zum erstenmal in den dickleibigen ,Kräuter-Büchem" des 16. Jahrhunderts gesammelt worden, in denen die ehrwürdigen „Pflanzen-Väter" die deutsche Botanik begründeten. Diese prächtigen Folianten haben heute nur noch einen bescheidenen medizinischen Wert, aber einen um so größeren volkskundlichen und künstlerischen. Ihre urwüchsige und bildhafte Sprache steht der Natur ebenso nahe wie ihre Anschauungen dem Dolksgeist, und die Schilderungen werden ergänzt durch außerordentlich lebendige Holzschnitte, die echte Kunstwerke sind.
Die Verfasser der Kräuterbücher waren Aerzte, die sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts eingehender mit der heimischen Pflanzenwelt beschäftigten, deren Kenntnis über dem Studium der antiken Schriftsteller bis dahin arg vernachlässigt worden war. Der erste dieser deutschen Botaniker war Otto Brunfels, der 1532 sein „Contrafayt Kreuterbuch nach rechter vollkommener Art der alten bestberümpten Aerzt, vormals in teutscher Sprach der massen nye gesehen noch im Truck ausgangen" herausgab, mit trefflichen Pflanzenbildern des Straßburger Meisters Johann Weiditz geschmückt. Nach ihm haben Leonhard Fuchs, Bock u. a. berühmte Kräuterbücher verfaßt. Brunfels betont, daß nur der Kenner die rechte Arznei zu reichen wisse und wendet sich heftig „wider die Landschwärmer, die ein Pülverlein mit sich führen, den Bauch aufzutun, ein Pflästerlein haben für alle Schäden und eine Wurzel für alle Krankheiten". Er gibt auch an, zu welcher Zeit man die Kräuter sammeln solle: „Erstlich sollen sie gesammelt werden, wenn der Himmel klar und schön Wetter ist, nit im Nebel. Denn davon werden sie faul und schimmelig. Man soll auch die Zeit des Jahres wohl wahrnehmen, desgleichen das Alter des Krautes, denn etliche in ihrer Jugend gesammelt werden, etliche, wann sie blühen, etliche, wann sie sich besamen." Die Kräuter müssen sorgfältig bewahrt werden „wie ein köstlich Kleinod". Man findet sie im Wald und Feld, an Wegen und Zäunen, auf dem Acker und Schutt, um Wasser und an den Ufern, manche zieht man im Garten.
sah.
Nun, da der Feind die wunderbare Möglichkeit, dem völligen Untergang zu entgehen, ausschlug, wissen wir, daß die Männer und Söhne Deutschlands ihr Leben so wenig wie zuvor schonen werden. Für das ganze Volk und damit für uns Frauen aber gilt nun in verdoppeltem Maße die heilige Verpflichtung, alles zu tun, was dazu beitragen kann, die Kräfte zu stärken, die die Rüstung des Lebens gegen den Tod bedeuten und die Blutopfer des Endkampfes auf das notwendige Mindestmaß zu beschränken vermögen. Zwar wird es niemals möglich fein, alle vom Schlachtfeld in die Lazarette Gevoraenen dem Leben zu erhalten, doch wird im Gegensatz zu früheren Zeiten die Wahrscheinlichkeit der Rettung immer stärker, sobald der Sanitätsdienst der Wehrmacht und des DRK. mit ihren hochentwickelten Einrichtungen und ihren vorzüglich ausgebildeten Hilfskräften sich der Verwundeten annehmen können.
So betrachtet, ist es ein unendlich tröstlicher und versöhnender Gedanke, daß uns allen, die wir sonst ohne Möglichkeit unmittelbarer praktischer Hilfeleistung dazu verurteilt wären, duldend zu warten, doch Gelegenheit geboten ist, sorgende Liebe in die Tat umzusetzen. Denn bei jeder Spende für das DRK., die wir in ihrer Bedeutung begriffen haben, geht der materielle Sinn des Geldes völlig auf in dem Gedanken einer lebendigen, in höchstem Maße
handelt, die damit ein neues Arbeitsgebiet auf dem Felde der Musik in Angriff nehmen. Daß dieses Werk mitten im Kriege geschaffen wurde, bezeichnete er als Ausdruck des Willens und der Kraft, daß es für den Nationalsozialismus auch in der Kunst, und hier in der Musik, keinen Stillstand gibt. Für die neue Musikschule fei heute bereits, rein zahlenmäßig gesehen, durch die Anmeldungen schon ein sehr großer Erfolg zu verzeichnen. Das Bestreben der Leitung dieser Schule werde es sein, die musikalische Arbeit, getragen von einem starken Impuls, zu einer Höhe heraufzuführen, auf der sich dieses Werk würdig einreihen könne in die gesamte übrige Arbeit der nationalsozialistischen Bewegung.
Kreisgeschästsführer Weber
als Vertreter des Kreisleiters überbrachte der neuen Musikschule die besten Wünsche der Partei. Daß die Musikschule Gießen als neue und gute Pflegstatt der Musik mitten im Kriege geschaffen wurde, sei als ein Beweis dafür anzusehen, wie stark wir uns trotz des uns aufgezwungenen Kampfes fühlen, aber auch als ein Beweis dafür, wie stark und unermüdlich die Partei ihre Förderung der Kunst, und hier besonders der Musik, anaedeihen lasse. Die Musik bezeichnete der Redner treffend als ein altes deutsches Kulturgut, das den Weg über alle Erdteile angetreten hat und das Ewigkeitswert besitzt, im Gegensatz zu der Musik anderer Völker. Dann erinnerte der Redner
Als der Führer in seiner großen Rede vor dem Reichstag zum Ausdruck brachte, daß er dem deutschen Volke die Opfer zu ersparen wünschte, die die Fortsetzung eines im Grunde schon entschiedenen Kampfes fordert, da war wohl keiner unter uns, der nicht im Innersten erschüttert war von dem tiefen Verantwortungsgefühl und der menschlichen Größe, die aus diesen Worten sprach. Erschüttert vor allem, weil sie aus dem Munde eines Feldherrn kamen, der wie kein anderer vor ihm im Bewußtsein überwältigender Siege sprechen konnte und angesichts der nahen und völligen Vernichtung des Gegners bereit war, dem eigenen Siegeslauf dort eine Grenze zu fetzen, wo er sein Kriegsziel in der Sicherung der Lebensrechte seines Volkes erreicht
Musikschule für lugend und Volk in Gießen ßin neues Werk der 7!ES. „Kraft durch Freude".
Aus der Stadt Gießen.
Alte Kräuterbuch-Weisheit.
Das Sammeln von Heilkräutern bildet in diesen Tagen wieder eine wichtige Beschäftigung für viele Menschen, sind doch die Heilkräuter zu einer ganz neuen Bedeutung in der heutigen Heilkunde gelangt. Wir kehren damit zu einer alten Weisheit zurück. Seit fernen Zeiten hat der Mensch in Nöten des Leibes seine Zuflucht bei den Kräutern gesucht, die in Wald und Flur wachsen. Wenn er seine pflanzliche Nahrung sammelte, so lernte er, oft zufällig, die besondere Wirkung mancher Kräu-
kurz an jene glücklicherweise überwundene Zeit der seichten und oben Schlagermusik, die vom Ausland her in unser Volk hereingetragen wurde und vorübergehend die gute deutsche Musik zurücktreten ließ. Die nationalsozialistische Bewegung habe, so betonte er, auch hier das' Schlechte überwunden und der deutschen Musik wieder den Platz gegeben, der ihr gebühre. Wenn heute die deutsche Musik immer mehr in den Vordergrund gestellt werde, so geschehe es in der Hoffnung, daß die Volksgenossen immer mehr von dieser Einrichtung Gebrauch machen und sie durch ihre Teilnahme unterstützen. In der Person des Leiters der Gießener Musikschule für Jugend und Volk, Musiklehrer und Chormeister Heinrich Blaß, fei die Gewähr dafür geboten, daß in dieser Schule die deutsche Musik die beste Pflegstätte habe. Wie überall bei den Einrichtungen von „Kraft
Hm die Erdal-Blechdosen mehrmals verwenden zu können, gibt es nun auch Erdal-Nachfüllpackungen. Das Nachfüllen ist eine einfache, saubere und schnelle Sache. Deckel abnehmen und das gefüllte Unterteil in die leere Erdal-Dose setzen. Das ist alles! Auf diese Weise läßt sich die Erdal-Blechdose lange Zeit verwenden, und man hat immer Erdal, das altbewährte Erdal!________________________________ 3484V
durch Freude" seien auch hier die Gebühren so niedrig gehalten, daß auch der Minderbemitteltste an dieser schönen Einrichtung teilnehmen könne. In der Gießener Musikschule sei die Möglichkeit gegeben, viele Wünsche hinsichtlich der musikalischen Ausbildung zu erfüllen. Mit besten Wünschen für einen vollen Erfolg der Musikschule Gießen und ihrer Besucher schloß Kreisgeschäftsführer Weber seine Ansprache.
Das Trio brachte sodann den 3. Satz der Suite in g-moll von Joh. Fischer zu Gehör Hierauf sprach
pg. Launhardt, W'esbasen,
als ® au beauftragter für das Musikwesen, der in Wiesbaden als Leiter einer gleichartigen Musikschule wirkt, über die Arbeitsmethode und die Zielsetzung dieser Einrichtung. Er erinnerte einleitend daran, daß der Gedanke der Musikschulen an sich nicht neu sei, sondern in den Konservatorien schon verwirklicht wurde. Mit dem Konservatorium dürfe aber eine Musikschule für Jugend und Volk nicht verwechselt werden, denn das Ziel einer solchen Musikschule liege mehr in der Breite, d. h. jeder Volksgenosse, jeder Junge und jedes Mädel, sollen in dieser Schule in die Lage versetzt werden, Musik zu treiben. Die Musikschule erstrebe das Ziel, daß in den Familien wieder Musikgemeinschaften begründet werden könnten, in denen die Hausmusik voll zur Geltung kommen könne. Die Grundlagen hierfür müßten von den Jungen und Mädel in der Musikschule erarbeitet werden.
Hinsichtlich der Unterrichtsform betonte der Redner, daß an Stelle des in der bisherigen Musikausbildung herrschenden Einzelunterrichts in der Musikschule nur noch in Gruppen-Unterricht Musik betrieben und erarbeitet werde, d. h. in den einzelnen Fächern würden drei oder mehr Schüler zusammengesetzt, die in der Musikerziehung ein Gemeinschaftserlebnis als gute Fundierung ihrer Musik erfahret sollen. Eine solche Gruppe von Musiktreibenden soll in die Lage versetzt werden, zusammen zu musizieren, bei irgendwelchen Gelegenheiten und für irgendwelche Ausgaben. Die gesamte Musik solle auf der Grundlage des Erlebens ausgebaut werden. Daran sollen die Schüler in der Gemeinschaft von der ersten Stunde an Anteil haben und bis zur Konzertreife in der Gemeinschaft verbleiben. Auf diesem Wege sei mit einer glücklichen Erneuerung in der Musik zu rechnen. Zu dem Unterricht trete noch die allgemeine Musiklehre hinzu, für die das Singen und das alte deutsche Liedgut die Grundlage bilden sollen.
Die Musikschule werde ihr Wirken keineswegs : in der Zurückgezogenheit vollbringen, sondern der 1 Unterricht werde jederzeit zur Einsichtnahme offen : stehen, damit sich die Eltern immer von dem Stand ' der Ausbildung überzeugen könnten.
Der Redner kleidete diese grundsätzlichen Dar-
©er Tod des Fischers.
Don Hilde Jürstenberg.
Der Fischer Karsten war seit vielen Tagen krank und laa daheim in seinem Bett. An dem Fenster seiner Kate waren die Vorhänge ganz zurückgezogen, — Karsten hatte das getan, weil er vom Bett aus auf das Wasser und auf sein Boot hinaussehen wollte. Draußen im Garten, nicht weit vom Fenster entfernt, hing fein Netz zum Trocknen, auch dgK wollte er sehen. Das Netz, das Boot und das Wasser, diese drei waren sein Leben, und an ihnen hing er. Eine Frau hatte er nie gehabt. Was soll ein Mann, der ständig auf dem Meere treibt, mit einer Frau? Dies sagte Karsten sich zum Trost, denn in Wirklichkeit war es so, daß die einzige, die er hatte haben wollen, ihn ausgelacht hatte, als er um sie warb. Da war er so zornig geworden, daß er eine andere nie mehr hatte fragen mögen. Und Marta, — nun, ihr war recht geschehen. Sie hatte den Theodor bekommen und fünf Kinder. Der Theodor war ein Rauhbein, und die Kinder, so hübsch und gesund sie waren, waren der Schrecken der Straße, denn ihnen fiel alle Tage ein neues Unheil ein, das sie anrichten konnten. Karsten dankte Gott, daß er sich mit solcher Sache nicht zu plagen brauchte, und Marta hätte es ja besser haben können, ihr geschah dies so recht. Ist es eine Art und Weise, einen rechtschaffenen Mann auszulachen, wenn er es ernst meint?
Karsten lag den achten Tag, er, war seit gestern nicht mehr fähig, sich auf dem kleinen Herd in der Stube einen Kaffee zu kochen. Er lag, sah aufs Meer hinaus und versank vor Mattigkeit in Schlaf und Traum.
Mittags ging plötzlich die Türe auf, und Marta trat herein.
,Karsten", sagte sie, ,Hein Netz hängt seit acht Tagen, und du fährst nicht aufs Wasser, — bist du krank?"
Karsten räusperte sich verlegen. „3a", sagte er, „es will nicht mehr richttg mit mir. Kann fein, daß der Herrgott meint, ich hätte nun genug gefischt."
„So schlimm brauchst du es nicht zu machen', entgegnete Marta, aber Karsten sah an ihren Augen, daß sie wohl sah, daß es mit ihm zu Ende ging.
„Vielleicht kann der Theodor mein Netz verkaufen?", sagte er. .
Marta biß sich auf die Lippen. „Das ist kein schlechter Gedanke", meinte sie nach einer Weile, ,chenn schließlich bist du so alt, daß du dir Ruhe gön
nen darfit. Du könntest dir für das Geld stärkende Mittel kaufen und wieder zu Kräften kommen." Sie trat an sein Bett und schüttelte chm die Kissen auf. „Tut dir der Rücken weh?" fragte sie.
Karsten konnte kaum antworten, so stach es ihn in der Brust, aber er zwang sich zu einem Lächeln, schüttelte den Kopf und sank erschöpft auf das Kissen zurück, — die Augen fielen ihm zu, und er wußte nichts mehr von sich.
Am nächsten Mittag kam Marta wieder und brachte einen Topf mit Hühnersuppe.
,Hetzt wird es dir bald besser gehen", sagte sie. „Theodor hat dein Netz verkauft und hat ziemlich viel Geld dafür bekommen."
„So", sagte Karsten. Ein unendlicher Jammer brach in seinem kranken Herzen auf, er hätte weinen mögen wie ein Kind. Nach einem langen Schweigen sagte er: „Ja, es ist gut. Ich glaubte erst, daß ich doch noch einmal aufs Wasser fahren könnte, aber du hast recht, Marta, ich werde doch nicht mehr gesund."
Marta wandte sich um, sie stand am Herd und wärmte die Suppe auf. „Wer sagt, daß du nicht mehr gesund wirst?" sagte sie, „ein Mann wie du der zeit seines Lebens mit dem Tod auf du und du gestanden hat."
Karsten lächelte und schlief ein.
An der Stelle, wo sonst das Netz gehangen hatte, konnte Karsten jetzt den kleinen Apfelbaum sehen, den er gepflanzt hatte. Er blühte gerade. Karsten sah mit Bewunderung die 'Zarten, weißroten Bluten sah wie sie größer wurden und auseinander- fielen und schließlich zu Boden sanken. Dann kamen kleine grüne Kugeln an ihre Stelle, wurden dicker und dicker, und Karsten staunte über die Maßen. Nie war es chm vergönnt gewesen, das Blühen und Wachsen in feinem (Sorten so Tag für Tag zu sehen, immer hatte er dazwischen aufs Meer gemußt. Nun sah er zum erstenmal, wie es langsam geschah, — Karsten schloß die Augen, erschöpft vor Dankbarkeit. —
Es wurde Sommer, — Marta kam jeden Tag. „Müssen wir nun bald bas Boot verkaufen?" fragte Karsten. Maria tat, als höre sie nicht.
„Ich habe kein Netz mehr", sagte Karsten, „so brauche ich auch kein Boot. Und daß Gott nicht vorhat, mich noch einmal wieder auf das Meer zu lassen, das fühle ich wohl."
„Das hat noch Zeit", entgegnete Marta mit ab* gewandtem Gesicht.
An diesem Tage ging sie spater fort als sonst, sie hatte dies und jenes zu tun und fand nicht aus
der Türe. ,Karsten", sagte sie schließlich, „kannst du mir verzeihen?"
Karsten drehte das Gesicht zur Wand, das Wasser stieg ihm heiß in die Augen. „Ich habe dir nichts zu verzeihen", sagte er rauh, „aber es wäre schön, wenn mich der Herrgott jetzt noch ein wenig leben ließe."
An diesem Abend schlief der Fischer Karsten in ein anderes Leben hinüber.
,,©ie gute (Sieben/'
Ein Terra-Film Wolfgang Liebeneiners.
Nicht oft spricht der Film von sich selber, er laßt sich nicht gern in seine Töpfe gucken, aber hier tut er es einmal, und zwar auf eine höchst scharmante und unterhattsame Art. Man braucht deshalb noch keine Angst vor der so viel beredeten Desillusionierung zu haben. Daß die jugendlichen Liebhaber der Leinwand, die unsere Backfische und oft auch noch andere Leute entzücken, in Wahrheit gelegentlich schon reife Männer oder gar Herren „in den besten Jahren" sind, hat sich ja schon lange herumgesprochen. Daher ist das Thema „Film und Leben", das Wolfgang Li eben ein er hier anschneidet, für den Ruhm unserer Filmstars ganz ungefährlich, für das Publikum aber ungemein amüsant. .
Siebeneiner hat seinen Film nach einer in Berlin viel gespielten Komödie Adalbert Alexander Zinns gedreht. Wir kennen sie nicht und dürfen deshalb keinen Vergleich wagen. Mer in Liebeneiners Hand ist daraus ein richtiger Filmstoff geworden, der allein mit den Mitteln des Films, ganz leicht und graziös, mit viel köstlichem Humor und einer guten Dosis Ironie, in spritzigem Dialog, für dessen Güte es spricht, daß man — fast ein Unikum — die fehlende Musik gar nicht vermißt, das Problem des alternden Filmstars anpackt, der sich nicht entschließen kann, seine Rollen, in denen er schon vor zwei Dezennien brilliert hat, jüngeren Kräften zu überlassen und sich selber auf das Fach zurückzuziehen, das seinem tatsächlichen Lebensalter besser enfipre- chen würde. Er hält es geradezu für seine Berufspflicht, der großen Schar seiner weiblichen Verehrer die Illusion zu erhalten, er bleibe ewig jung. Und zu dieser Berufspflicht rechnet er auch seine sechs Ehen, die ihn auch im Leben während der letzten 25 Jahre jung erhalten haben. Denn er ist ein großer Charmeur, der es leicht hat mit den Frauen, freilich sie nicht mit ihm, da nicht alle das große Kind« das er immer gediehen fit, mit feinen Lau
nen und Schrullen, mit seiner entwaffnenden Selbstbezogenheit so zu nehmen wissen wie seine erste Frau, die nicht nur, wie auch die andern fünf, ihm nach der Scheidung freundschaftlich verbunden geblieben, sondern eine rechte Kameradin ist. Sie lotst ihn auch klug und warmherzig durch die letzte Krisis dieses unruhigen Herzens. Äls nämlich eine junge Studentin vor den Augen des gerade eben wieder Geschiedenen auftaucht, fragt er sich, ob die Zahl Sieben ihm Glück oder Unglück bringen wird. Aber sein Filius aus erster Ehe, schon ein angehender Jurist, überhebt ihn aller Zweifel, freilich nicht öhne daß vorher sich zwei Gewaltige des Films verschwören müssen, dem ewig jugendlichen Liebhaber auf eine sehr nachdrückliche Weise zu Gemüt zu führen, daß es selbst für ihn keine Ausnahme vom Altwerden gibt. Schließlich sind es die zarten Hände einer klugen Frau, die mit Ueber- legenheit und Güte die Fäden knüpft, damit sich alles zum Guten wendet und sie selbst „i>ie gute Sieben" wird.
Das ist Köche Haack, sie spielt die Lebenskluge mit einer mütterlichen Wärme und einer bestrickenden Herzlichkeit, eine stille Frau, die zuhören kann, wenn der von seinen Ideen und Skrupeln Geplagte bei ihr sein Herz ausschüttet und sich geborgen fühlt. Johannes Riemann ist der Filmstar. Bei ihm spürt man keine Routine, er scheint ganz er selbst zu sein, ganz liebenswürdig-heitere Gelöscheit, freilich ein Schuß Selbstironie und ein paar Tropfen zweifelnden Weltschmerzes dämpfen fein Lächeln. Den Sohn spielt Hermann Brix, mit den eckig- befangenen Bewegungen des Jungen, sehr frisch und natürlich Carola Höhn als die Studentin, die um ein Haar die „böse' Sieben" geworden märe, Ingolf Kuntze, mit gewaltigem Stimmaufwand und diktatorischen Allüren und Harach Pauls e n, geschmeidig und doch mit einer bezwingenden Rücksichtslosigkeit, verkörpern die hohen Herren des Films, Armin Schweitzer ist eine wahrhaft ehrliche Haut von einem Lohndiener.
So form- und zwanglos, wie diese wirkliche Filmkomödie ohne große Vorreden gleich in medias res führt, wobei viele Gießener Gelegenheit haben, ihre Bekanntschaft mit Franz Arzdorf zu erneuern, so unbeschwert und witzig geht es bis zum Schluß. Auch die Blicke, die man uns in Atelier und Büro der Filmproduktion zu tun erlaubt, erhöhen den Reiz dieses hübschen Merkchens, mit dem sich Liebeneiner und feine Künstler sch ar um unser Amüsement auf die denkbar geschmackvollste und anmutigste Weise sehr verdient gemacht haben.
Dl Fi. W. Lange.


