land er ist gezwungen, sich längs seiner rund 3500 Kilometer langen Küste an jedem Nervenpunkt gleich stark zu machen, meil er an jedem einzelnen Nervenpuntt den deutschen Fliegerangriff ermatten muß. Er weiß nicht, von wannen er kommt. Er hat das Gesetz des Handelns verloren. Die Df- fensivkrast der deutschen Luftwaffe übertrifft so völlig die Offensivmöglichkeit der englischen Flotte, daß man von ihr überhaupt nichts mehr hört. Don amerikanischer Seite ist neulich das drastische Bild gebraucht worden, daß die englischen Schlachtschiffe besser täten, sich in die Mündung des St. Lorenz- Stromes in Kanada zu begeben, als in den engen Nordsee Häfen chre Versenkung zu erwarten.
Das ist ein richtiaer Gedanke, mit amerikanischer Uebertreibung zugespitzt. Man braucht aber diesen Tatbestand, der revolutionär von Grund auf ist, nicht zu übertreiben. In dem Abschlußbericht über das Norwegen-Unternehmen ist die einfache und in ihrer Einfachheit schon große Wahrheit mit schlichten Worten herausgestellt worden: „Sie deutsche Luftwaffe hat den für die zukünftige Entwicklung entscheidenden Beweis erbracht, daß keine noch so nahe Flotte im nahen Wirkungskreis einer überlegenen feindlichen Luftwaffe auf die Dauer operieren kann." Wohl verstanden: die Flotte wird in vielen und sehr wichtigen Sonderbeziehungen nicht überflüssig, wie gerade der Einsatz der deutschen Kriegsmarine in Norwegen dargetan hat; allein der spezifische, überraschende Offensivstoß ist doch auf die Luftwaffe übergegangen. Wenn man aus einem etwas hinkenden Vergleich das berühmte Körnchen Salz herausschmeckt, so kann man sagen, daß heute die Luftherrschaft die Seeherrschaft im nahen Raum bedingt, daß aber der Flotteneinsatz diese Seeherrschaft etwa in der Art sichert und festhält, wie Infanterie und Artillerie auf dem Lande den Raum sichern und feschalten, den Lust- unb Panzerwaffe gewinnen.
Unendlich verschärft wird diese wahchaft großartige Entwicklung durch die Lahmlegung der Häfen und Stützpunkte, die für die feindliche Flotte lebenswichtig sind. Man hat in diesen Tagen das Wort gebraucht, daß die deutsche Luftwaffe die englischen Kriegshäfen und Industriezentren „abgeharkt" habe. Das fft ein sehr anschaulicher Ausdruck, rein sprachlich gesehen; die Engländer empfinden diese Tätigkeit der deutschen Luftwaffe viel weniger als schönes Wortbild denn als überaus schmerzlichen Tatbestand. Und ihre Flotte? Sie steckt „irgendwo i n England". Dr. Ho.
Warum gerade Aalborg?
Dänische Augenzeugenberichte des englischen Luftangriffs.
Kopenhagen, 14. Aug. (Europapreß.) Wie in allen Fällen englischer Bombenangriffe auf dänisches Gebiet sind auch bei dem bisher größten Angriff auf Aalborg keinerlei militärische Anlagen veschädigt worden. Dagegen ist wiederum eine Reihe von dänischen Zivilisten verletzt und ein Arbeiter getötet worden. Die Kopenhagener Presse bewundert die ungeheure Genauigkeit, mit welcher die deutsche Abwehr beim Erscheinen der Engländer in Tätigkeit trat, und den Wagemut-der deuffchen Jäger, wie auch die Zusammenarbeit von Bodenbatte- rien und Jagdflugzeugen. „Als der erste Schutz der Flaks gelöst wurde", so schreibt „Berlinaske Ti- dendes" Lokalkorrespondent tn Aalborg, „sah man auch schon die erste englische Maschine brennend abstürzen. Fünf, sechs andere Maschinen folgten ihr nach. Ein einziger deutscher Jäger nahm den Kampf gegen sechs Engländer auf und schoß einen ab." Der Berichterstatter von „Politiken" nennt den Demich- tungskamps gegen die englischen Angreifer das „phantastischste Schauspiel", das er je erlebt habe. Die Bevölkerung habe nicht nur während des Kampfes absolute Disziplin bewahrt, sondern selbst durch tatkräftiges Eingreifen mitgewirkt bei der Unschädlichmachung der Engländer. Zwei mit Fallschirmen aus ihrer brennenden Maschine abgesprungene Pilo- ten wurden durch herbeieilende Zivilisten an der Flucht gehindert und konnten von deutschen Soldaten gefangen genommen werden.
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Ein geschlossenes Dutzend britischer Bomber hat am 13. Auaust die dänische Stadt Aalborg anzu- greifen versucht. Elf wurden abgeschossen, und nur
der zwölfte englische Bomber konnte als Unglücksbote in die Heimat zurückkehren. Warum nun gerade dieser massierte Angriff auf Aalborg? Aalborg liegt im nördlichen Teil der Halbinsel Jütland. Dort, wo Jütland eigentlich aufhört, Bestandteil des Festlandes zu sein und sich jenseits des Lim-Fjordes als Insel bis zum Kap Stagen forffetzt. Aber wir rechnen in der Regel diesen nördlichen Teil von Jütland noch zur Halbinsel und schenken dem Lim-Fjord keine Beachtung, um so weniger, als er auch kein Großschisfahrtsweg ist. Aber Aalborg ist der Knotenpunkt aller dänischen Bahnen, die vom eigentlich festländischen Jütland auf den nördlichen Teil hinüberführen. Und auf diese Bahnverbindung hatten es selbstverständlich die englischen Bomber ab-
Die USA. verlieren ihren letzten Wund.
Die Gründe
für eine „Hemisphäre Wehrpolitik".
Washington, 15. Aug. (DNB.) Dor dem Militärausschuß forderte Marineminister Kno x die Annahme der Wehrpflichtbill mit der freimütigen Begründung, daß die Vereinigten Staaten in der ganzen Welt keinen Freund mehr haben würden, falls England unterliege. Er bete zu Gott, daß dieser Fall nicht eintrete, halte aber eine englische Niederlage innerhalb von 60 Tagen für möglich. Dann würde zwar kein sofortiger Angriff auf Amerika folgen, wohl aber würden deutsche Bemühungen einsetzen, Amerikas Befürchtungen zu zerstreuen und damit Amerikas Rüstungsvorbereitungen zu unterbrechen. Vor dem Zusammenbruch Frankreichs, so fuhr Knox fort, habe er eine 300 000 Mann starke Armee zusammen mit einer Zwei-Ozean-Flotte als ausreichend bezeichnet. Eine Landarmee dieser Größe genüge heute nicht mehr angesichts des nicht zu übertreibenden Ernstes der augenblicklichen Lage. Kein Amerikaner wisse etwas Genaues über den Verlauf des Kampfes über England, denn Amerika erfahre nicht alle Wahrheit und kenne nicht den Umfang der britischen Verluste. Hätte Amerika heute eine drei Millionen Tonnen große Flotte, die den Atlantik und den Pazifik kontrollieren könnte, so würde keine Notwendigkeit für eine Riesenlandarmee bestehen. Leider werde Amerika erst 19 4 6 eine so große Flotte de- sitzen.
Auf di« Frage des Republikaners Calsvn, ob für die Vereinigten Staaten Kriegsgefahr im Fernen Osten bestehe, erwiderte Knox, in diesen
Italienischer WehrinachtBericht.
Horn, 14.Aug. (DNB.) Der ilalienische wehr- Machtsbericht vom Mittwoch hat folgenden Wortlaut:
Zur Zeit sind in Britisch-Somallland östlich von Ada dl eh heftige Kämpfe im Gange. Unsere Aktion entwickelt sich trotz heftigen Widerstandes planmäßig.
Mittwoch früh um 1 Uhr haben feindlich^ Flugzeuge, die über die Schweiz kamen, nord- italienische Städte bombardiert und Flugblätter abgeworfen. In Mailand sind etwa 30 Lxplosiv- und Brandbomben abgeworsen worden, alle auf * Wohnhäuser. Ls wurden keine militärischen Ziele
gesehen. Die deutsche Abwehr war ausgezeichnet auf dem Posten und hat den Engländern ein Schicksal bereitet, wie es nur in der Abwehr englischer Bomber bei ihren Anflügen gegen Sylt und später Stavanger ein Gegenstück hat. Ganz Dänemark wird sich über dieses Ergebnis freuen: Aalborg, heute eine Stadt von 44 000 Einwohnern, ist eine der ältesten Städte des Landes. Sein Ruhm schreibt sich davon her, daß die frühmittelalterliche Schiffahrt den Weg durch den Lim-Fjord der stürmischen Umseglung des Kaps Skagen vorzog. So wurde Aalborg bald eine wohlhabende Stadt und ist für die Dänen ungefähr das, was für die Süddeutschen Rochenburg ob der Tauber und für dis Norddeutschen Tangermünde oder Goslar ist.
gefährlichen Zeiten wisse niemand, wo Gefahren entstehen könnten. Amerika müsse stark genug sein, allen Gefahren zu begegnen, lieber den Atlantik drohe keine unmittelbare Angriffsgefahr, aber im Falle der englischen Niederlage würde Amerikas Lage schlechter sein als zuvor. Da der P a n a m a f a n a I außerhalb der kontinentalen Vereinigten Staaten läge, wollten die Vereinigten Staaten eine „hemisphärische Wehrpoli- t i k" betreiben. Ein feindlicher Stützpunkt in Mexiko sei ebenso gefährlich wie in Texas oder Brasilien.
Die harte Sv rache der Tatsachen ist so furchtbar, daß keine auch noch so blumigen Umschreibungen und fruchtlosen Hahlenspielereien des Reuterbüros mehr imstande sind, die durchschlagenden Erfolge der deutschen Luftangriffe zu verschleiern. Wenn auch die Amerikaner infolge der englischen Lügentaktik den Umfang der britischen Verluste nicht kennen und, wie Marineminister Knox klagt, keiner etwas Genaues weiß, so ist doch das, was darüber trotz Reuter bekannt wird, so eindrucksvoll, daß der amerikanische Marineminister in einer öffentlichen Erklärung eine englische Niederlage innerhalb von 60 Tagen als möglich bezeichnen mutzte. Die Wucht der Geschehnisse fft so gewaltig, daß sogar der letzte Bundesgenosse, auf den England noch seine verzweifelten Hoffnungen setzen zu können glaubt, das englische Weltreich ab- schreibt. Auf diese Tatsache wird sich das englische Volk selbst seinen Reim zu bilden wissen. Die Reuterergüsie von den „unerbittlichen englffchen Jägern" verfangen nun nicht mehr. Kaum, daß auf die großsprecherischen Phrasen die ersten massiven Luftangriffe geantwortet haben, wird jetzt auf einmal eine Sprache gesprochen, die für jeden verständlich ist: die Sprache der Tatsachen.
getroffen. Die Toten, ausschließlich Zivilpersoyen, betragen 12, die Verwundeten 44. In Turin wurden etwa 15 Bomben abgeworfen, die weder an militärischen, noch an Jndustrieobjekten Schaden anrichteten. Ein Toter und 8 Verwundete werden gemeldet. Auch Alessandria und T o r t o n a wurden bombardiert. In Alessandria wurden 9 Personen gelötet, darunter 3 Feuerwehrleute in Ausübung ihres Dienstes, sowie einige verwundet.
Die Bombardierung von Augusta (Syrakus), wo 4 Bomben abgeworfen wurden, hat weder Schaden, noch Opfer verursacht. Lin feindliches Torpedoflugzeug wurde von der Marine-Flak abgeschossen. Die Besatzung, ein Offizier und ein Mann, wurde gefangengenommen.
Amerika erfährt nicht die volle Wahrheit der britischen Verluste.
Marineminister Knox hält eine britische Niederlage binnen 60 Tagen für möglich.
Britische Bombenangriffe auf nichtmilitärische Ziele in Oberitalien.
Entrüstung in Italien.
Rom, 14.Aug. (Europapreß.) Mit Entrüstung verurteilt die römische Presse die Ueberfälle britischer Luftpiraten auf offene Städte Italiens. Unter der Ueberschrift „Weder Bomben noch Flugblätter" schreibt „T e v e r e", der nächtliche Angriff auf offene Städte und die unmenschliche Bombardierung der Zivilbevölkerung bestätigten erneut die brutale Gemeinheit der britischen Kriegführung. Zusammen mit den Bomben, die blindlings auf wehrlose Opfer hinabgeschleudert worden seien, hätten die feigen Flieger Churchills auch Flugblätter abgeworfen, dis ein unwiderlegliches Zeugnis der englischen Dumm* beit bildeten. Die demagogische Illusion, mit Bomben oder Papiersetzen den unbeugsamen Willen des in diesem Kriege gegen die plutokratischen Aus« hungerer zusammengeschlossenen und vereinten italienischen Volkes brechen zu können, erscheine lächerlich.
Auch „(3 i o r na le d ' Italia" brandmarkt dick Feigheit der englischen Flieger, die nicht wagten, die militärischen Stützpunkte Italiens aumgreifen, sondern es vorzogen, ihre Bomben wahllos auf offene Städte abzuwerfen. Das Blatt stellt diesem Verhalten den Heldenmut der italienischen Flieger gegenüber, die st a r k v erteidi gte militärische Ziele wie Gibraltar und Haifa an griffen und schwere Schäden verursacht hätten. Zu Lande, in der Luft und auf dem Meere sei bie* Kühnheit stets bei den Waffen der Achse. Die Hoffnung, mit Bomben und Flugblättern die Widerstandskraft der italienischen Bevölkerung schwächen zu können, zeige lediglich, auf welche Mittel di« englische Regierung bereits angewiesen sei. Die Italiener aber kämpften mit der Ueberzeugung, daß es für sie eine Frage auf Leben und Tod sei, dis britische Tyrannei zu brechen, und sie seien des Sieges bereits sicher, der ein Sieg des Rechts und der Gerechttgkeit fein werde.
Der albanische Zwischenfall.
Die italienische Presse zur Politik Griechenlands.
Rom, 14. Aug. (Europapreß.) Im „Giornale d'Jtalia" weist Gayda erneut darauf hin, daß die Ermordung Daut Hoggias ein Glied in einem gangen System von Absichten und Handlungen sei, in dem Griechenland und England gemeinsam vorgingen. Es handle sich um eine große Verschwörung gegen Albanien und Italien, gegen die BalkanoiÄ- nung, die eine Ablenkung der Achsenmächte zum Ziele habe. Dafür fei bezeichnend das zeitliche Zusammenfallen der Mordtat mit der Propaganda des Londoner Nachrichtendienstes über angebliche gegen Italien gerichtete Aufstände in Albanien und über dunkle Ereignisse, die sich auf dem Balkan vorbereiteten. Das Einvernehmen zwischen London uni) Athen sei offensichtlich. Griechenland habe sich, so schreibt Gayda weiter, dazu hergegeben, bei den Versuchen Englands, kriegerische Verwicklungen auf dem Balkan hervorzurufen, den Komplicen zu spielen. Aber dieser Anschlag könne nicht unbeachtet gelassen werden.
In dem als „N o r d e p i r u s" bezeichneten Gebiet Griechenlands, das eigentlich als „S ü d a I b a- ni. e n“ bezeichnet werden müsse, seien über sechzig Prozent der Bevölkerung Albanier, die sich niemals von den Griechen hätten assimilieren lassen. Die Hilferufe der Bevölkerung gegen die griechische Unterdrückung seien sogar zu den Ohren der Genfer Liga gedrungen. Im Jahre 1926 habe die Athener Regierung in einer an die Liga gerichteten Note das Versprechen gegeben, die Ausnahmemaßnahmen gegen die albanische Bevölkerung würden sofort eingestellt werden. In Wirklichkeit habe sie jedoch ihre V e r ge w a 11 i g u n g s p o I i ti k fortgesetzt, das albanische Eigentum sei den aus Kleinasien zurückkehrenden griechischen Flüchtlingen übergeben worden, die albanische Bevölkerung aber sei zur Auswanderung gezwungen und ins Elend gestoßen worden.
Ungarisch-rumänische Verhandlungen in Turn-Geverin.
Budapest, 14. Aug. (DNB.) Die Regierung hielt am Mittwoch unter Vorsitz des Ministerpräsidenten Graf T e l e k i einen Ministerrat ab, der sich mit den bevorstehenden ungarisch-rumnänischen Ver-
Am fremden Ufer.
Von Ernst Kreuder.
Die Landstraße war staubig und ihr weißes Licht blendete die Augen. Zu beiden Seiten standen hohe Wi esen und der Himmel war in der MH enden Mittagshitze wie ein blaues Meer in der Luft, das nicht kühlte. Turner schritt neben dem kleinen Bach entlang und dachte, daß sich der Bach nicht verändert hatte in den drei Jahren. Er bog in den Feldweg ein über die kleine Brücke, dann kamen schon di« Silberpappeln und der alte Weidenbaum und bann sah Turner das Haus mit dem roten Ziegeldach, alle Fenster standen offen.
Er setzte sich ins Gras am Bachufer und blickte über das Wasser nach dem großen Garten hinüber. Auf dem still fließenden grünen Wasser fuhren eifrig Wasserläufer hin und her. Nach einer Weile hörte er Schritte durchs Gras kommen und dann stand ein Junge mit einer Gerte vor ihm. „Tag", sagte der Junge, „ich heiße Nick, und wie heißt du?"
,Hch?" sagte Turner, „ich heiße Florian." „Wie alt bist du denn?" fragte Nick.
„Fünfunddreißig", sagte Turner.
„Ich werde fünf", sagte Nick, „was bist du eigentlich?"
„Angler", sagte Turner, ,chast du schon mal geangelt?"
,„Nee", sagte Nick, „ich hab ia keine Angel."
„Wir können ja eine machen , sagte Turner, „mit der Gerte da geht es. Wir brauchen nur noch etwas Garn und eine Stecknadel, die sich biegen läßt, nicht aus Stahl." Der Junge nickte und rannte schon ba= von. Turner stach mit dem Taschenmesser einen Grasbusch aus und fand einige dünne Regenwürmer. Der Junge kehrte bald zurück mit einer Garnrolle und einem roten Stecknadelkissen.
,^Hat dir deine Mutter das gegeben?" fragte Turner.
„Sie ist ja nicht da", fagte Nick, „sie ist in der Stadt, aber sie kommt nachher."
Turner riß ein Stück Gar» ab und band es an die Gertenspitze, dann bog er eine Stecknadel zum Haken, knüpfte ihn ans Garnende und heftet einen winzigen Wurm daran. Dann warf er die Schnur in den Bach, drückte die Gerte Nick in die Hand, hielt aber die kleine Hand fest.
„Wollen sehen, ob wir einen Stichling fangen", sagte Turner, „wenn es an der Schnur zuckt, mußt du leicht anziehen." Sie saßen still nebeneinander im Gras und blickten auf das grüne, fließend?
Wasser, man konnte die Stichlinge wie flinkeSchat- ten durchs Wasser streichen sehen. Als es an der Schnur zuckte, zogen sie einen blitzenden, zappelnden Stichling heraus. Turner machte das Fischchen los und zeigte es Nick, der aufgeregt mitzugesehen hatte.
„Es ist ein Männchen", sagte Turner, „bas sieht man an dem rötlichen Bauch und an den scharfen Stacheln." Der Junge nickte begeistert und Tümer warft das Fischchen in den Dach zurück.
„Wenn ich ein Glas hole", fragte Nick, „krieg ich dann auch eins?"
„Dann muht du es auch füttern", sagte Turner.
„Nick", rief eine helle Frauenstimme Drüben aus dem Garten. Turner zog seinen Hut etwas in die Stirn. Eine hohe schmale Garten weiter oben an den unter.
„Da bist du ja, Nick", sagte sie. „Ach, guten Tag", sagte sie höflich, sie hatte erst jetzt den Fremden bemerkt.
„Tag", murmelte Turner und sah nicht auf.
„Kommst du jetzt, Nick", rief die Frau.
„Och", sagte Nick, aber dann trollte er sich. Turner blickte der hohen schmalen Frau nach, als sie durch den Garten hinauf zum Haus ging. Als sie sich noch einmal ummanbte, senkte er schnell den Kopf.
Nach einiger Zeit kamen wieder Schritte durchs Gras und dann erschien Nick bei dem Fremden, er hatte ein Marktnetz und ein Geldstück in der Hand. Er atmete noch hastig vom Laufen. Er ist hübsch geworden, dachte Turner, wenn er mich auch nicht mehr kennt. Gute, offene, braune Augen.
,Hch geh jetzt in die Stadt", jagte Nick, „ich darf mir ein Fischglas kaufen. Krieg ich dann auch ein Männchen?"
„Das kriegst du", sagte Turner, „bann mußt du auch Fischfutter mitbringen. Laß dir Zeft, es ist sehr heiß heute."
Der Junge rannte schon durchs hohe Gras davon.
Dieses Mal suchte die große, schlanke Frau, die langsam den Garten zwischen den Rosenstöcken herunter kam, nicht den Jungen Nick. Turner zog auch den Hut nicht mehr ins Gesicht. Sie trug ein langes blaues Sommerkleid und das volle braune Haar war zu einem Knoten im Nacken geschlungen.
„Georg", sagte die Frau am anderen Ufer ruhig. Ihre Stimme war ohne Vorwurf, ohne Bitterkeit, vielmehr sanft und still. Turner legte den Hut ins Gras und sah zu ihr hinüber, er glaubte, nicht mehr aufftehen zu können, er senkte den Kopf und Wckte auf ögg fließend^ grüne Waffen
,Ha, Leonore", sagte er.
„Willst du nicht herüberkommen?" fragte sie. Er nickte. Dann stand er auf. Er ging etwas zurück und nahm einen Anlauf und sprang über den Bach. Leonore lehnt« sich an den Weidenbaum, sie war bleich.
„Verzeih, wenn ich dich erschreckt habe", sagte Turner. Sie reichte ihm ihre Hand, er drückte sie an die Lippen. Dann sah er, wie sie die Tränen bezwang.
„Wie du da gesessen hast", sagte. sie leise, „so fremd, als gehörtest du nicht zu uns." Um ihre Lippen war es noch unruhig. Sie wußten, während sie sich jetzt ansahen, daß sie beide Schuld an dieser langen Trennung trugen. Sie muß es vergessen, wie ich da gesessen habe, dachte er.
„Bist du wiedergekommen, Georg?" sagte sie mit verirrtem Lächeln.
„3a", sagte Turner. „Ja, Leonore." Ihre Hand berührte ihn leicht an der Schulter, als wollte sie sich vergewissern, das er es sei.
,Hch will mich auch einmal dort hinsetzen", sagte sie.
„Tu es bitte nicht", sagte Turner.
„Doch", sagte Leonore, „und du mußt hinauf gehen und durch den Garten herunter kommen." Sie ging schon auf die kleine rostige Gartentür zu und zürn Garten hinaus nach der Brücke. Dann wird sie es vielleicht vergessen, wie ich dagesessen habe, dachte Turner und ging zum Haus hinauf. Dann hörte er sie rufen.
„Georg", rief sie.
Er wandte sich um. Leonore saß am anderen Ufer des Daches im Gras, neben ihr lag noch fein Hut. Während er nun durch den Garten hinunterging, senkte sie den Kopf und dann sah er, daß sie weint«. Sie hatte ihr schmales Gesicht in die Hände gelegt. Er lief und nahm einen Anlauf und sprang über den Bach. Dann setzte er sich neben sie ins Gras ynd strich lange über ihr warmes, weiches Haar.
Jetzt sitzen wir beide am fremden Ufer, dachte er. Und dann gehen wir von neuem wieder in unser Haus.
Sie weinte nicht mehr. Er legte den Arm um ihre Schütter und spürte, wie sie sich leicht an ihn lehnte. Sie saßen still nebeneinander und blickten in das klare, grüne, fließende Wasser. Es war nicht aufzuhatten, wie nichts aufzuhatten war, was dem Menschen auf seiner langen Wanderung widerfuhr.
»Herz ohne Heimat.-
Dieser Film hat so wenig wie feine Romanvorlage literarische Aspirationen, er gibt nicht „hohe Kunst", wohl aber beste Unterhaltung über ein ernsthaftes Thema, und das ist auch schon etwas. Eine junge Musikstudentin sieht sich zwischen zwei sehr unähnliche Stiefbrüder gestellt, und niemand von ihnen trägt Schuld an dem Konflikt, der sich für jeden auf eine andere Weise daraus ergibt. Sie alle drei, so verschiedenarttg auch ihre Charaktere sein mögen, leiden an dem „Herzen ohne Heimat". Der eine Bruder, der ganz in seiner Arbeit aufgeht, spürt, daß trotz aller Erfolge seines Forschens in seinem Leben eine Lücke bleibt, der andere, ein oberflächlicher Leichtfuß und Günstling der Frauen, lernt draußen in der Welt begreifen, daß einmal die Stunde kommt, in der allzu mühelos verschaffter Genuß schal zu schmecken beginnt, und das Mädchen muß einen bitteren Weg gehen durch Zwiespalt und Wirrnis, bis sie erfennt, daß nur aus Lauterkeit der Gesinnung die Liebe entspringt, die auf Händen trägt unb allen Anfechtungen trotzt.
Otto Linnekogel hat den Film nach einem Roman von Renate Uhl sehr sauber und mit einem sicheren Gefühl für innere Spannung in Szene aesetzt. Ein zwischen Hamburg und Habana, Winterszenerie unt> Tropenländschast. mondänem Gesellschaftstrubel und Landhausstille, Labor und Schfffsbeck kontrastreich angelegter Wechsel des Schauplatzes sorgt auch äußerlich für Auflockerung, welchem Bestreben wohl auch die Dehnung einiger belangloser Episoden zuzuschreiben ist. Gustav Di ess! schält aus dem schwierigen, nicht ganz burchsichtigen Charakter des leichfferttgen Bruders in sympathischem, sorgfältig schattierendem Spiel den guten Kem heraus. Albrecht S ch ö n h a l s gab das Gegenstück sehr soigniert, fast zu sehr als mafel- losen Musterknaben, worauf die Rolle freilich an- aelegt ist. Das zwischen beiden stehende Mädchen spielt Anneliese U h 11 g. Der Charme ihrer herben Schönheit, bei aller Verhaltenheit ganz Hingebung, sparsam in der Geste und gedämpft in der Sprache, traf wohl ganz die Absicht der Filmautoren. Werner Pledath war mit wohltuender Ruhe ein warmherziger ärztlicher Mentor, Camilla Horn, elegant und preziös, eine Dame der großen Welt amerikanischen Stils und ihr sehr offenherziger biederer Vater Alfted Neugebauer. In kleineren Rollen sah man u. a. Olga Limburg, Sabine Peters, Werner Schars und Willi Schur. (Märkische—Panorama—Schneider—Süd-
tzk.K-L.lMM.,
rau kam durch den


