Schloß. Auch ein evangelischer Bischof hat seinen Sitz in Wiborg. Bedeutsam ist die Lage an der Munduna des Ssaima-Kanals in die während der letzten Kampfhandlungen vielgenannte Wiborger Bucht. Der große, weit verzweigte und inselreiche Ssaima-See, der seinen eigentlichen Abfluß in den Ladoga-See hat, wurde schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts durch einen 59 Kilometer langen Kanal, der eine Höhendifferenz von etwa 80 Kilometer zu überwinden hat, direkt mit Wi- borg verbunden, um die bedeutende Holzausfuhr dorthin zu leiten. Daher sind dort große Säge, werke entstanden. Holz und Butter sind die Hauptausfuhrgüter des Wiborger Hafens. Wiborg hat immer nahe Beziehungen zu Petersburg unterhal« ten, aber dabei seinen finnisch-schwedischen Charakter bewahrt. Durch den Friedensvertrag ist die neue finnisch-sowjetrussische Grenze nunmehr in direkter Linie bis auf 120 Kilometer von Lenin- grab abgerückt. Wichtiger noch für die Deckung Leningrads und des Zugangs zur Newa-Mündung ist die der Sowjetunion zugestandene Pachtung der Landspitze von H a n g ö an der Südwestküste von Finnland. Hangö liegt unmittelbar gegenüber Bal- tisch Port, das Estland der Sowjetunion als Flotten- und Luftflottenstützpunkt eingeräumt hat.
Ein interessanter Punkt des Friedensvertrages ist der verabredete B a h n b a u von Kandalakscha nach Kemijärvi in Nord-Finnland. Kandalakscha oder Kantalahti ist eine Station der Murmanbahn an der äußersten Westspitze des Weißen' Meeres. Kemijärvi liegt im Zentrum des finnischen Nordens und ist durch eine Eisen- bahn mit der Küste des Bottnischen Meerbusens verbunden, wo sich die Linien nach Süd-Finnland und nach der schwedischen Grenzstation Haparanda gabeln. Bon Kemijärvi acht nordwärts die be- rühmte Eismeer st raye ab, eine Auiomobil- route nach dem von der Sowjetunion an Finnland ,zurückgegebenen P e t s a m o mit den benachbarten N i ck e l g r u b e n. Sie enchalten das bedeutsamste Nickslerz-Borkommen in Europa. Die Entfernung von Kemijärvi zur Murmanbahn beträgt über 200 Kilometer durch schwieriges, zum Teil gebirgiges Terrain. Es wird daher kaum möglich sein, wie im Vertrage vorgesehen, die Bahnverbindung noch im Laufe des Jahres 1940 herzustellen, zumal dort im hohen Norden vor dem Juni mit keinen Erd- ardeiten begonnen werden kann. Die Sowjetunion erhält mit dem Anschluß nach. Kemijärvi eine für den Holzexport wichtige Schienenverbindung mit dem nördlichen Teil der Ostsee. Die Küste des Bottnischen Meerbusens wird früher eisfrei als die MüÄung der Dwina in das Weihe Meer bei Archangelsk, über das der Hauptholzexport aus den Twrdrufsifchen Wäldern geht.
Finnland
räumt die abgetretenen Gebiete.
Helsinki, 14. Mär§. (DNB.) In ganz Finnland werden alle Kräfte eingesetzt, um in den Grenzen der festgesetzten Räumungsperiode Eigentum und Bevölkerung ausden abgetretenen Gebieten zu evakuieren. Polizeiabteilungen aus Helsinki und Turku (Abo) sind auf dem Marsch zur Unterstützung der Räumung und Aufrechterhaltung der Ordnung. Ein großer Teil der fahrplanmäßigen Züge ist eingestellt, alles rollende Material wurde ebenfalls zur Evakuierung in die Grenzbezirke gebracht. Langsam kehrt Helsinki in den Frie- denszustand zurück. Die Berdunkelungsmaßnahmen werden in Kürze aufgehoben, der Straßenbahnverkehr ist in vollem Umfange wieder ausgenommen worden. Am Donnerstagvormittag traf die finnische Abordnung unter Führung von Ministerpräsident R y t i von Moskau, den Lustweg über Riga—^Stockholm—Abo wählend, in der finnischen Hauptstadt ein, wo sie mit Ausnahme der bereits am Vortage aus dem Kabinett geschiedenen Minister von allen Regierungsmitgliedern empfangen wurde. Der Reichstag, der das finnische Abkommen mit Fünfsechstelmehrheit ratifizieren soll, wird am Freitag zusammentreten.
Präsident K a l l i e s hielt eine Rundsunkan- spräche an das finnische Volk. Er erinnerte daran, daß es nicht das erste Mal in der finnischen Geschichte sei, daß Gebiete, die aus nationalen, historischen und geogräphischen Gründen zu Finnland gehörten, abgetreten werden müssen. Aus dem Kriege heraus haben wir aber das finnische Volk
und die Selbständigkeit Finnlands ret- t e n können, versicherte er. Die Regierung habe sich bei dem schweren Entschluß, Frieden zu schließen, allein von dem Bestreben, die Lebenskraft des Volkes vor der Vernichtung in einem ungleichen Kampf zu bewahren, leiten lassen. Der Kampf habe das finnische Volk gehärtet und näher gebracht. Mit dem Dank an den Feldmarschall Manner- heim verband der Präsident den Dank an die Armee und die Bevölkerung. In einer Proklamation der Regierung heißt es: Während der Krieg der Großmächte seinen Fortgang nehme, werde das finnische Volk sich nun ganz der Arbeit des Friedens widmen. In dem Gedanken an die Gefallenen und in dem Bewußtsein der Größe ihres Opfers sehe es die Regierung als ihre höchste Pflicht an, unverzüglich den Wiederaufbau mit aller Kraft anzupacken, wobei sie die Versorgung der Familien der Gefallenen und der Invaliden sowie die Fürsorge für die mittellos gewordenen Familien und Angehörigen als ihre besondere Pflicht betrachte.
Paris schreit nach einem „plan". „Wohinmüssen wir jetzt den Krieg tragen?"
Brüssel, 15. März. (Europapreß.) Die Pariser Blätter spiegeln die große Erregung wider, die der Friedensschluß zwischen Finnland und Pußland in parlamentarischen Kreisen ausgelöst hat. Der Vorsitzende des Außenpolitischen Ausschusses der Kam-
Rom, 14. März. (DNB.) „Tribuna" meldet zur Erschießung des früheren Gouverneurs des Punjab, der Täter habe bei seiner Vernehmung offen erklärt, er habe nicht nur einen Erbfeind Indiens erschossen,'sondern auch mit dem Tode von O^Dwyer seinen Bruder aerächt,der bei dem Blutbad von Amritsar ums Leben gekommen sei. O'Dwyer habe die indische Freiheitsbewegung aufs heftigste bekämpft. Auch „Lavoro Fascista" schreibt, der Erschossene sei wegen des rücksichtslosen und blutigen Vorgehens in Indien bestgehaßt gewesen. Die italienische Presse berichtet, der erste Eindruck i n E n g l a n d , das noch unter dem Schlag des russisch-finnischen Friedensschlusses stand, fei verheerend gewesen. Die düstersten Gerüchte seien in Umlauf gekommen. Man versuche jedoch, das Ereignis zu „einer Episode in der wechselvollen Geschichte der englisch-indischen Beziehungen" herabzustempeln.
In die nordische Blamage und Niederlage Englands knallen die Schüsse des Inders, der mitten im festlichen Gedränge der englischen Jndienausbeuter — zum ersten Male auf englischem, auf Lon - donerBoden — die Blutsauger Indiens daran erinnert, daß Hunderte von Millionen Indem die
Prag, 14. März. (DNB.) Anläßlich des ersten Jahrestages der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren sandte derReichsprotektor Freiherr von Neurath an den Führer folgendes Telegramm:
„Zur Wiederkehr des Tages, an dem Sie, mein Führer, die Länder Böhmen und Mähren in den starken Schutz des Reiches wieder übernahmen und an der Spitze der deutschen Wehrmacht Ihren Einzug indie alte deutsche Kaiser st a b t Prag hielten, drängt es mich. Ihnen zugleich im Namen der gesamten Bevölkerung des Protektorates von neuem für Ihre historische Tat zu danken und das Gelöbnis unverbrüchlicher Treue dieser Länder zu Ihnen und dem Grohdeutschen Reich zu erneuern."
mer, M l st l e r, hat noch am Mittwochabend den Ministerpräsidenten D a l a d i e r ausgesucht, um von ihm Aufklärungen über die diplomatischen Verhandlungen der letzten Zeit mit Bezug auf eine Intervention in Finnland zu verlangen.
Die Kommentare der Blätter sind von dem Leitmotiv beherrscht, die Blockademaßnahmen gegen Deutschland zu verschärfen, und zu diesem Zwecke auch nicht vor einer schärferen Behandlung der Neutralen und unter Umständen vor einem U n ■ ternehmen gegen d i e russischen Petroleumquellen zurückzuschrecken. Der „Petit Parisien" schreibt, die größte Gefahr bestehe darin, immer zu warten, immer zu spät zu kommen und die Gelegenheiten zu verpassen, indem man sich einbilde, daß die Zeit für einen selbst arbeite. Im „Jour" stellt der Abgeordnete Fernand Laurent die Frage: „Wohin müssen wir jetzt den Krieg tragen., nachdem die skandinavische Front, die für uns eine erstklassige Ausgangsbasis hätte sein können, von der Karte der Feindseligkeiten gestrichen ist? Die Stunde ist gekommen, wo man endlich einen Plan für die Führung der Feindseligkeiten haben muß, einen diplomatischen und militärischen Plan. Wie aber kann man diesen Plan aufstellen, solange man nicht mit Klarheit und Mut die andere ffrage beantwortet hat: Ist S o w j e t r u ß l a n d für uns e i n Gegner oder nicht?" Die Kammer werde die Regierung fragen, ob sie nach Finnland noch andere Gelegenheiten verpassen wolle.
Stunde für gekommen halten, das blutige Joch des Empire abzuwerfen. Ein trübes Memento. Der ermordete Sir Michael O'Dwyer war eine der verhaßtesten Typen des kaltblütig über indische Leichen nach englischem Profit greifenden britischen Welträubertums. Nicht zu verwechseln mit dem schießfertigen General D y e r, dem Schlächter von Amritsar, der dort am 11. Avril 1930 in eine völlig friedliche Versammlung scbießen, über 500 erschießen und dreimal so viel schwer verwundet ohne Hilfe in ihrem Blut sich wälzen ließ. Sir Michael aber, der jetzt Ermordete, war der damalige stellvertretende Gouverneur des P u n ds ch a b , der den wegen seines untertierischen Vorgehens angefochteten General Dyer amtlich deckte und ihm telegraphisch seinen vollen Beifall aussprach: „Ihr Vorgehen korrekt. Stellvertretender Gouverneur billigt es." — Die Schüsse, in der Londoner Caxton Hall beweisen den Engländern, daß ihnen das von den 350 Millionen Indern nicht vergessen und nicht vergeben ist. Je' mehr sie sich in ihrem gewohnten Hochmut diesem Wahn hingeben, desto tiefer nun ihre Bestürzung. So kommt alles für die Augen der ganzen Welt zusammen: Die finnische Blamage, die nordische Niederlage und das indische Gespenst.
Das Anttvortielegramm des Führers lautete: „Seine Exzellenz dem Reichsprotektor Freiherrn von Neurath, Prag. Ich danke Ihnen, Herr Reichs- Protektor, für Ihre Erinnerung an die Wiederkehr des Tages, an dem das Deutsche Reich die alten Länder Böhmen und Mähren miefo er in f einen ft arten Schutz genommen hat. Fast tausend Jahre lang galten die beiden Länder als schönste Perlen des alten Deutschen Reiches. Es ist mein Wunsch, daß dieses Treueverhältnis zum Segen des deutfchenunddes tschechischen Volke s im neuen Reich seine innige Fortsetzung findet. Adolf Hitler."
Staatspräsident Dr. Hacha sandte an den Führer folgendes Telegramm: „Der heutige Tag ruft mir ins Gedächtnis, daß ich vor Jahresfrist bei
„Einen Erbseinv Indiens erschossen."
Das Attentat in der Londoner Caxton Hall.
„3um Gegen des deutschen und des tschechischen Volkes."
Oer erste Jahrestag der Errichtung des Protektorates Böhmen und Mähren.
Leder Tag soll uns bereit finden!
Dle Stunde, die den vollen Einsatz der Luftschutz- kräfte fordert, kann jederzeit schlagen. Daß wir — schon lm siebenten Kriegsmonat — das Gegen- teil allzu phantasievoller Vorkriegsbetrachtungen erleben, beweist gar nichts. Luftangriffe unserer Feinde sind möglich. Vorstöße feindlicher Kampfflugzeuge müssen deshalb auch die Heimat- front stets gewappnet und geschlossen finden. And das zeigt sich vor allem in einer gewissenhaft d u r ch g e f ü h r t e n Verdunkelung. Kein noch so schwacher Lichtstrahl soll den feindlichen Fliegern einen Anhaltspunkt bieten!
Lassen wir uns nicht tauschen von dem überraschenden Verlauf des Krieges! Seien wir uns klar darüber, daß die großen und ernsten Entscheidungen dieses Krieges uns jeden Tag bevor st eh en können. Sie sollen uns bereit finden! Ruhen wir daher die Zeit, die uns bleibt, um unseren Luftschutz zu vervollkommnen.
Ew. Exzellenz vollstes Verständnis für das damals schwer heimgesuchte tschechische Volk gefunden habe. Dadurch, daß Sie es unter den Schutz des Reiches nahmen, ist es wertvoller Vorteile teilhaftig geworden; es blieb vor allem von den Schrecken des Krieges verschont, obzwar es selbst im Rahmen des Großdeutschen Reiches an dem gegenwärtigen Krieg teilnimmt. Es drängt mich daher heute, den glorreichen deutschen Waffen, die auch das tschechische Volk schirmen, Sieg und Heil zu wünschen. Staatspräsident Dr. Hacha."
Das Antworttelegramm des Führers lautete: „An Seine Exzellenz, den Staatspräsidenten Dr. Enril Hacha, Prag. Ihre Erinnerung, Herr Staatspräsident, an unser erstes Zusammentreffen vor einem Jahr hat mich tief bewegt. Die Erkenntnis, daß die Notwendigkeit des friedlichen Zusammenlebens der beiden Völker auf so engem Raum eine unwiderrufliche geschichtliche Tatsache ist, verpflichtet uns alle. Es ist daher auch nicht das Ziel und die Absicht des Deutschen Reiches, das tschechische Volk mit Lasten zu bedenken, die seine nationale Existenz bedrohen oder sein nationales Gewissen mit allgemeinen Reichs- Notwendigkeiten in Konflikt bringen könnten. Deshalb hoffe ich auch, daß es gelingt, gerade diesem Teil des Reiches die Schreckendes Krieges zu ersparen. Es wird dadurch die Weisheit der Entschlüsse vom März 1939 am besten bewiesen. Ich danke Ihnen, Herr Präsident, für Ihre Wünsche in dem großen Kampf, den unser gemeinsames Reich heute zu führen hat. Mein Wunsch aber ist es, daß der endgültige Sieg ebenso sehr dem deutschen wie auch dem tschechischen Volke dauernden Frieden, Wohlfahrt und reichen sozialen Nutzen bringen möge. Adolf Hitler."
Der Reichsprotektor Freiherr von Neurath stellt im „23. 23." fest, daß zweifellos der überwiegende Teil des tschechischen Volkes in zunehmendem Maße den weisen Entschluß des Staatspräsidenten Dr. Hacha als die einzig mögliche Lösung für alle Zukunft erkannt habe. Daran ändere auch nichts die hier und da bemerkte Sturheit kleiner Kreise von Intellektuellen, die schon einmal ihre politische Unfähigkeit bewiesen hätten und im Grunde weniger die geschichtliche Wendung ablehnen, als vielmehr ihren entschwundenen Futterkrippen von Gnaden der Westmächte nachtrauerten. An den bei der Errichtung des Protektorats verkündeten Grundsätzen habe sich in keiner Weise etwas geändert. In dem vom Führer klar vorgezeichneten Rahmen vollziehe sich die Arbeit in Böhmen und Mähren. Die dem tschechischen Volk gewährte Kulturautonomie sei vom ersten Tage voll zur Auswirkung gekommen. Alle Voraussetzungen für eine gedeihliche Entwicklung in den Ländern Böhmen und Mähren im Großdeutschen Reich seien gegeben.
Staatspräsident Dr. Hacha weist gleichfalls darauf hin, daß gegenüber der anfangs für die tsche-
Nie Nichte.
Von 3o Hanns Rösler.
(Männer von vierzig geben es meist teurer, nicht billiger. Die Fama lügt. Sonst wären wir Männer wohl nicht die Schutthalde, auf die unsere Nichten die ganze Unlust ihres Herzens ausschütten könnten. Wir gelten wohl nicht mehr, die Krähenfüße um die Augen nahmen uns die Mannbarkeit. Auch wir selbst, wohl bedürftiger eines stärkeren Anreizes, erblicken in den Nichten nur die Kinder unserer Jugendschwärme und kommen uns ihnen gegenüber unsagbar unbeholfen vor, ängstlich darauf bedacht, nicht durch ein kosendes Wort läppisch zu wirken und auch noch die Würde des Onkels einzubüßen, den Rest vom Schützenfest des Lebens. Dies gehört nicht zur Geschichte, die ich euch erzählen will, aber da es einmal geschrieben ist, mag es stehen bleiben.)
Gestern besuchte mich meine Nichte Christine. Christine steckt in einer unguten Haut. Sie hat Angst, sich etwas zu vergeben. Sie vermeidet das Lachen, um nicht leichtsinnig zu wirken. Auch dem Lächeln und jedem freundlichen Wort geht sie aus dem Wege, damit die Leute nicht glauben, sie stehe an der Türe und warte nur darauf, jemanden eintreten zu sehen. Dabei besteht sie aber auf ihren Rechten dem Leben gegenüber, weicht nicht wie wir alle einen Schritt zurück, um dann zwei vorzutreten, nein, sie steht, wo sie steht, und nimmt lieber die Püffe entgegen, als daß man von ihr sagen könnte, sie ließe sich leicht an die Wand drücken. Und dies alles mit jungen achtzehn Jahren. Ich habe Angst um ihre Zukunft.
Unlustig trat sie bei mir ein, bestellte die Grüße meiner zärtlichen Verwandten, nahm kühl eine Zigarette, die ich ihr anbot. Ihre Art verriet, daß sie wieder einen Ballast auf dem Herzen hatte, den sie loszuwerden strebte. Ich ließ es ruhig in ihr gären, tat, als beschäftige ich mich mit einem Buch, und bot ihr durch kein Wort eine Brücke.
„Deine Frau ist auch nicht nett zu mir", begann sie endlich, „ich hörte ganz deutlich vor der Tür, wie sie zu dir sagte: »Christine ist schon wieder da! Hoffentlich bleibt sie nicht zum Essen!* Ich habe ihr doch nichts getan! Warum sind alle Leute so häßlich zu mir?"
Ich wollte ihr nichts erwidern.
„Du machst dir keine Vorstellung", fuhr sie fort, „wie es mir im Büro geht! Sogar unsere Vorsteherin, die früher so freundlich zu mir war und mir noch vor eine Woche ein Mittel gegen meinen Schnupfen verriet —**
„Hat es geholfen?" unterbräch ich.
„Nein. Natürlich nicht."
„Du hast ihr hoffentlich gesagt, daß es genützt hat?" *
Christine sah mich an, als käme ich aus einer fremden Welt.
„Keineswegs! Ich lüge doch nicht. Ich habe ihr erklärt, daß durch ihr Mittel mein Schnupfen nur noch schlimmer geworden sei. — Und noch eines, Onkel Hanns: ich bin verliebt."
Ich antwortete ruhig:
„2Barum solltest du es nicht sein? Es scheint dir ja auch selbst kein Wunder, sonst würdest du es nicht so ruhig feststellen."
„Ist Verliebtsein ein Wunder?"
„Es ist das schönste Wunder, was das Leben uns schenken kann", sagte ich, „es ist so geheimnisvoll, daß man immer Angst hat, es fliegt davon, wenn wir nur den Mund öffnen, darüber zu sprechen. Bei dir jedoch bin ich ohne Sorge, dein Glück scheint handfester zu sein."
' Ich wußte, daß ich vor ihr mit diesen Worten ein sonderbarer Heiliger wurde. Aber Heilige sind auch Menschen.
„Justus und ich sind uns einig", fuhr Christine fort, „wir wissen, was wir voneinander zu halten haben, wir werden heiraten. Nur seine Mutter ist dagegen. Sie sagt es nicht gerade, aber sie behandelt mich, als ob ich nicht im Zimmer wäre."
„Und du, Christine, was tust du?"
„Ich? Natürlich nichts. Ich kann mich doch ihr nicht aufdrängen, ich kann ihr doch nicht um den Hals fallen?"
„Doch, Christine", sagte ich, „gerade das solltest du tun! Du beklagst dich, daß alle Welt unfreundlich zu dir ist. Es gibt Mittel dagegen. Es steht dir frei, es zu versuchen. Ich gebe zu, es wird dir widerstreben, aber eine gute Medizin schmeckt immer bitter."
„Und das Mittel?"
„Küsse jeden, den du triffst!"
„Das ist doch nicht dein Ernst! Man wird mich auslachen!"
„In diesem Falle verspreche ich dir, hinzugehen und zu erklären, daß es sich um eine lustige Wette handelt. Dann haben wir das Lachen auf unserer Seite. Willst du es also versuchen?"
„Du hilfst mir, Onkel Hanns?"
Ich nickte:
„Den nächsten Menschen, den du siehst, küßt du!"
Der nächste Mensch, der eintrat, war meine Frau. Ich gab Christine einen leisen Stups und sie flog meiner Frau um den Hals. Ungeschickt gab sie ihr
zwei Küsse auf die Wangen. Meine Frau wurde verlegen.
„Was ist denn in dich gefahren, Christine?", rief sie, „und ich habe immer geglaubt, du magst mich alte Frau nicht! Du hast mich also doch gern? Wie ich mich freue, Christine! Du bleibst doch hoffentlich Aum Essen? Und Apfelküchel backe ich dir auch noch schnell, ich weiß ja, wie gern du sie ißt!"
Als Christine später mit mir aus dem Haus trat, begegneten wir ihrer Bürovorsteherin.
„Sie auch? Muß ich?" fragte Christine.
„Selbstverständlich."
Christine machte vor ihr eintzn Knicks, was ich noch nie bei ihr gesehen hatte, und küßte die Hand des hageren Fräuleins.
„Aber Fräulein Christine!" sagte bas Fräulein und wurde ordentlich rot dabei, „was fällt Ihnen denn ein?"
„Ich bin ja so froh! Ihr Mittel gegen Schnupfen —"
„fiat es doch noch geholfen?"
„Ja", log Christine.
Das hagere Fräulein schloß sie gerührt in die Arme.
„Ich wußte es ja! Meine Mittel stammen von meiner Mutter und helfen stets. Kommen Sie nUr immer zu mir, wenn Sie etwas auf dem Herzen haben!"
Ich begleitete Christine zu ihren zukünftigen Schwiegereltern, die ich gut kannte. Justus öffnete uns die Tür.
„Guten Tag, Justus!"
Christine reichte ihm die Hand.
Ich war damit nicht einverstanden.
„Dein Versprechen, Christine!"
Christine errötete. Es stand ihr herrli
„Aber Onkel Hanns! Doch ihn nicht!"
„Ihn vor allen!"
„Ich habe ihn noch nie geküßt."
„Dann wird es höchste Zeit!"
Justus wußte nicht, wie ihm geschah.
Es schien ihm gut zu munden.
Christine verweilte länger, als es mir bei der offenen Tür für meine Gesundheit zuträglich war. In dieser Minute erschien die Mutter.
„Suftusl", rief sie erschrocken.
Ehe sie weiter sprechen konnte, hing,Christine an ihrem Hals.
„Ich bin ja so glücklich — so glücklich!", jubelte sie.
„Und ich hatte keine Ahnung!!"
„Sind Sie mir sehr böse, Frau —"
„Sag ruhig Mutter, Christine", antwortete die
Mutter gerührt und holte ein Taschentuch hervor. Mütter müssen nun einmal meinen, wenn sie glücklich find.
Als ich mit Christine in der Dämmerung heimging, drückte sie mir dankbar die Hand. Ich wehrte sie ab. Ich kam mir wieder einmal unsagbar alt vor. Und sehr mit der Würde des Onkels belastet.
„Schon gut, Christine, schon gut!"
Es klang abweisender, als ich wollte.
Christine blieb stehen.
„Jetzt sind alle nett zu mir, Onkel Hanns, nur du nicht!"
Ich wischte mir den Reif aus dem Bart.
„Mich hast du ja auch noch nicht geküßt", sagte ich.
,2Rofe Mühle."
Es ist eine tolle Geschichte mit der Frau Mahnte (in dem neuen Film des Lichtspielhauses), die tagsüber bieder eine Wäscherei betreibt und sich nachts als Besitzerin eines vornehmen Nachtlokals repräsentiert. Ihr verstorbener Mann hat nämlich ein so verrücktes Testament hinterlassen, bas ihr vor- schreibt, vier Wochen lang dieses anstrengende Doppelleben zu führen, wenn sie die „Rote Mühle" erben will. Um ihrer beiden (schon erwachsenen) Kinder willen tut sie es. Aber beide sollen möglichst nichts davon wissen, welch ein Leben sie führt. Wenn aber die vier Wochen um sind, bann wird sie den Laden verkaufen, und das Geld soll dann ihren Kindern zugute kommen. Aber bis dahin gibt es noch manchen Zwischenfall, manche Panne droht, und das macht dann gerade den ausgezeichneten Unterhaltungsfilm aus, in dem eine Fülle menschlicher Schwächen und auch menschlicher Vorzüge mit einem feinen Humor geschildert früh.
Ida W ü st als Frau Mahnte ist der stets leicht erschütterte Mittelpunkt, aber sie behält, wenn auch mühsam, den Kopf oben. Ihre feine und beseelte Art der Darstellung gibt dem Film bas Gepräge. Grethe Weiser mimt eine freche und intrigante Vardirektrice, und Theo Lingen sieht man wieder einmal in der Rolle eines Oberkellners, die ihm wie auf den Leid geschrieben ist. Darüber hinaus bietet der Film noch viele gute Darsteller auf, die dafür sorgen, daß man aus dem Schmunzeln nicht heraus kommt.
Im Beiprogramm sieht man einen Film, der in vielen, geradezu zauberhaften Bildern die Schönheiten mainfränkischer Städte, Dörfer und Burgen offenbart. In der Wochenschau gibt es wieder großartige Bilder von der deutschen Kriegsmarine.
Heinrich Ludwig Neune»


