Ausgabe 
15.1.1940
 
Einzelbild herunterladen

Ein Vorkämpfer der deutschen Gemeinschaft.

Zum 100. Todestag des Gießener Burschenschafters Karl Folien.

Sonntagmorgen bekämpfen. In einem Lagerraum der Firma Karzentra waren am Samstag- nachmittag mehrere wollene Decken in Brand ge­raten. Die sofort alarmierte Feuerwache war rasch zur Stelle und konnte in etwa halbstündiger Ar- beit den kleinen Brand niederkämpfen und alle Gefahr beseitigen. Am Sonntagmorgen gegen 7 Uhr mutzte die Feuerwache nach einem Hause in der Schanzenstraße ausrücken, wo ein Zimmer- brand entstanden war, der wahrscheinlich auf lieber- Hitzen eines Ofens zurückgeführt werden mutz. Auch hier gelang es der Feuerwache in etwa halbstün­diger'Löscharbeit, alte Gefahr zu beseitigen.

*

Deutscher Reichsbahn-Kalender 19 4 0. Herausgegeben vom Pressedienst des Reichs- verkehrsministerums. (Verlag: Konkorda-Verlag Reinhold Rudolph, Leipzig.) (7) Dieser Ka- lender erscheint mit der Ausgabe 1940 zum 14. Male. Er ist unter dem Gedanken geschaffen worden: Auslandsverkehr trotz Krieg!" Die Bilder und der Text find ganz auf diesen Gedanken ausgerichtet worden, und dabei wird auch die Bedeutung der wichtigsten Derkehrsstrecken für den Reiseverkehr mit dem neutralen Ausland besonders betont. Wie schon bei den früheren Ausgaben des Reichsbahn- Kalenders, ist auch diesmal wieder eine Fülle von guten Bildern in diesem Druckwerk vereinigt, die den vielfältigen Betrieb der Reichsbahn und die Schönheiten der deutschen Landschaft eindrucksvoll vor Augen führen, darüber hinaus über den Einsatz der Eisenbahner im Dienste des Reiseverkehrs in Deutschland anschaulich berichten. Der Kalender wird sicherlich allen Beziehern Freude bereiten.

Aus der engeren Heimat.

Seuer im Bauernhof.

Ruppertenrod (Kreis Alsfeld), 14. Ian. Am heutigen Sonntagfrüh gegen 6 Uhr brach hier in dem Grundstück des Landwirts Ernst Diehl Feuer aus, durch das die Scheune und die Stallungen sowie der Dachstock des Wohnhauses völlig eingeäschert wur- den. Mitverbrannt sind die Heu- und Strohvorräte in der Scheune sowie der Bestand an Hühnern. Das übrige Vieh konnte gereitet werden. Es ge- lang auch, das Mobiliar des Wohnhauses recht­zeitig in Sicherheit zu bringen. Die Ermittelungen über die Ursache des Brandunglücks sind noch im Gange.

Landkreis Gießen.

z Steinbach, 14.Jan. Am morgigen 15.1. kann Frau Christine Clara Gerhard, geb. Schmidt, Witwe des am 29. 3. 1934 verstorbenen Carl Gerhard I.V., ihren 8 0. Geburtstag feiern. Unsere herzlichen Glückwünsche!

= Steinbach, 15.Ian. Die RS.-Krteger- kameradschaft Steinbach hielt ihre Jahres- generalversammlung unter dem Vorsitz von Jakob Serth ab. Der erste Teil der Versammlung fand im settyerigen Vereinslokal bei Kam. August Haas statt, dann zog man nach allem Brauch in das neue Dereinslokal bei Kam. Johann Denker. Der Kameradschaftsführer eröffnete die Tagung mit einer Ansprache, in der er die Ereignisse des vergangenen Jahres würdigte und nach der Totenehrung dem Führer den üblichen Gruß widmete. Sodann wurde ein Ueberblick über das vergangene Dereinsjahr ge­geben. Der Reichskriegertag in Kassel und das Kriegerfest in Großen-Linden wurden als Höhepunkt des Vereinslebens neben dem Unterhaltungsabend im Winter gewürdigt. Hierauf erstattete der Kassen­wart Karl B a l s e r IX. den Kassenbericht. Die Kasse ist in Ordnung, durch außerordentliche Ausgaben ist der Bestand gering. Deshalb wurde eine Sonder- Umlage von 1, RM. beschlossen. Dem Rechner wurde Enllastung erteilt, lieber das Schießwefen wurde berichtet, daß es blüht; zwei goldene Schieß- ehrenzeichen wurden verliehen. Der Ehrenpräsident Heinrich Keßler VI. und Kamerad Johannes Arnold sind die neuen Inhaber dieser Auszeich­nung. Es wurde bann von den Sendungen ins Feld berichtet, die die Kameradschaft an ihre Ka­meraden und deren Söhne geschickt hat, auch wur­den Danfesbriefe bekanntgegeben. Nachdem in üb­licher Weise der offizielle Teil geschlossen war, mür­ben noch einige Stunden in echter Kameradschaft verlebt.

Am 13. Januar 1840 ging auf hoher See ein Schiff unter, das den Verkehr zwischen Neuyork und Boston vermittelte. Unter den Opfern der Katastrophe befand sich e i n. D e u t s ch e r, der sich in seinem alten, wie in seinem neuen Daterlande einen Namen gemacht hatte, einer von den Men­schen, die die Zustände ihrer Gegenwart von einem festen Standpunkt aus beurteilend zu Kritikern ihrer Zeit und zu Vorkämpfern neuer Gestaltungen wer­den und die, da die Gegenwart für ihre Ideen noch nicht reif ist, um so schwerer zu leiden haben, j« weniger sie von ihrem Ideal lassen.

Karl Fallen wurde 1796 als Sohn eines Gießener Juristen geboren. Da damals die Fran­zosen die Stadt bedrohten, war die Mutter nach Romrod zu ihrem Vater geflohen. Als sie dem zwei­ten Sohn das Leben schenkte, rückte der General Jourdan in das Städtchen ein. Man könnte daran fast ein Vorzeichen für des Kindes Leben sehen, dessen erster Lebensabschnitt erfüllt war von der Auseinandersetzung mit der französischen Fremd­herrschaft. Er besuchte das Pädagogium in Gießen und wurde aufs tiefste beeinflußt von dem besten seiner Lehrer, Gottlieb Weicker, der es verstand, in seinen Primanern den Sinn für die Freiheit des Vaterlandes zu wecken und ihnen den Gedanken, daß es eines jeden Pflicht ist, für das Gemeinwohl zu leben und zu sterben, völlig vertraut zu machen.

Im Jahre 1813 bezog Fallen die Universität. Als nach der Schlacht bei Leipzig ein freiwilliges Jägerkorps in Hessen gebildet wurde, meldete er sich sofort. Nicht nur die Lehren Welckers, auch ein von der frühesten Jugend in ihm liegendes lebendi­ges Christentum machten es ihm zur Selbstverständ­lichkeit, nach seiner Ueberzeugung zu handeln. Wäh­rend des Krieges erlebte er die erste schwere Ent­täuschung. Das Korps kam zwar bis nach Lyon, aber nicht in den Kampf. Dagegen wurde es von dem Dberfommanbierenben der hessischen Truppen, dem Prinzen Emil, der innerlich noch ganz Napo- leon anhing und als Erzreaktionär, der er bis zu­letzt blieb, gegen alle selbständigen Regungen einen inhärenten Haß hatte, überaus schlecht behandelt. Das war der Auftakt zu dem Konflikt zwischen na­tionaler Gesinnung und landesfürstlichem Egoismus, der für Fallen, wie für viele andere die nächsten Jochre erfüllte; nicht nur in Hessen, sondern überall in Deutschland, denn Metternich in Oesterreich, Friedrich Wilhelm III. in Preußen waren nur Ab­arten desselben Denkens in größeren staatlichen Verhältnissen.

Nach den Freiheitskriegen schloß sich die zur Uni­versität zurückkehrende vaterländische Jugend in der Burschenschaft zusammen. Karl Fallen war einer ihrer Mitbegründer und in Gießen ihr lei­tender Kopf. Es hinderte ihn nicht, seinen Studien nachzugehen und trotz der Schikane eines der bur-

Raubüberfall in der Dunkelheit.

Der Verbrecher kam nicht well.

Lpd. Frankfurt a. M., 14. Jan. Unweit der Konstabler Wache wurden abends einer Frau, die aus der Markthalle kam, die Handtasche und das Einholnek aus der Hand gerissen. Der Täter konnte zunächst flüchten, wurde aber kurz darauf von eini­gen beherzten Männern gestellt und der Polizei übergeben. Es handelt sich bei dem Verbrecher um einen etwa 40 Jahre alten Mann, der nach einem Diebstahl aus Hannover geflüchtet und nach Frank­furt gekommen war. Er ist bereits erheblich vor- beftraft und hat auch in Frankfurt schon wieder zwei Einbruchdiebstähle begangen.

Der älteste Küfermeister Deutschlands.

Lpd. Reinheim (Odenwald), 13. Januar. In Reinheim im vorderen Odenwald kann zu Beginn lder Woche der ältefte Küfermeister Deutsch­lands, Georg Daniel Becker, in Verhältnis-

Von profeffor Dr. Ludwig Bergsträßer.

fchenschafttichen Bewegung feindlichen Professors ein gutes Examen zu machen.

Die Burschenschaft war eine politische Bewegung; die sich ihr anschlossen, hatten aus den letzten Jahr­zehnten gelernt, daß die Vielstaaterei schuld daran war, daß der westliche Nachbar in Deutschland Vor­dringen konnte. Ihr Ziel war darum ein ein­heitliches Reich. Im einzelnen waren die Pläne sehr unterschiedlich, oft nicht klar; aber man erkannte das Wesentliche, daß die Einzelfürsten auf einen Teil ihrer Souveränität zugunsten des Rei­ches verzichten müßten. Man hoffte, sie würden es tun; man glaubte auch durch eine Volksbewegung sie zwingen zu können. Und man war überzeugt, daß eine Garantie für eine nationale Politik nur gegeben fei, wenn breite Kreise der Bevölke­rung Anteil und Mitbestimmungsrecht hätten. Man wollte Freiheit im Inneren als notwendiae Grund­lage der Freiheit nach außen.

Die Regierungen widerstrebten diesen Plänen um so mehr, als sie noch voll Furcht vor der Revolution steckten. Sie versuchten das absolutistische Regiment noch mehr auszudehnen. Folien, inzwischen Rechtsanwalt geworden, wurde durch seinen Beruf in diesen inneren Kampf hineingezogen. Oberhessische Gemeinden hatten in der Kriegszeit bedeutende Schulden aufnehmen müssen; sie zahlten ihre Zin­sen ordentlich, aber die Regierung in Darmstadt wollte die Gelegenheit benutzen, ihnen das Selbst­bestimmungsrecht über ihr Gemeindevermögen zu nehmen auf einem Umweg: durch Gründung einer gemeinsamen Schuldenkasse unter staatlicher Lei­tung. Die Gemeinden wandten sich an den jungen Juristen, der ihnen ein ausgezeichnetes Gutachten schrieb, in dem er bewies, daß die Absicht der Büro­kratie mit den früheren Verordnungen und Gesetzen des Großherzogs in Widersoruch stehe. Fallen be­teiligte sich überdies an der Agitation für eine Ver­fassung. Beides machte ihn mißliebig. So ging er von Gießen weg und wurde Dozent in Jena.

Als der bärtige Student Sand den Dichter Kotzebue ermordete, in dem er einen Feind des Vaterlandes sah, wurde Follen, mit dem Sand viel verkehrt hatte, in die Untersuchung hineingezogen; er verlor sein Lehramt, obwohl man ihm keine Mit­schuld nachweisen konnte, die er auch nicht hatte. Er ging nach Gießen zurück. Als er Wind davon bekam, daß er neuerdings verhaftet werden solle, floh er nach Straßburg, fand später eine Bleibe in der Schweiz als Dozent an der Universi­tät Basel. Da er die Fühlung zu den oppositio- netten Kreisen in Deutschland aufrechterhielt, ver­langte der Deutsche Bund seine Ausweisung. Nun ging er, im Jahre 1824, nach Amerika.

Dort bekam er nach kurzer Zeit eine Professur für deutsche Literatur die erste in den Vereinig­ten Staaten überhaupt an der Harvard-Universi-

mäßig guter körperlicher und geistiger Rüstigkeit feinen 9 9. Geburtstag begehen. Nach altem Handwerkerbrauch wanderte der junge Odenwälder Küfer vom Hessenlanld aus bis in die Schweiz und nach Oesterreich. In einem Wiener Dorort arbeitete er zweieinhalb Jahre und erinnert sich noch heute gern der großen Küferfeste, die damals in Wien abgehalten wurden. Bereits 1870 konnte Küfer- meister Becker auf Grund hervorragender handwerk­licher Arbeiten eine Ehrenurkunde der Hessischen Zentralstette für Handwerk und Gewerbe erhalten.

Rhein-Mainifthe Börse.

Tendenz: Ruhig.

F r a n ff u r t a. M., 13. Jan. Den Erwartungen entsprechend nahm die Börse zum Wochenschluh all­gemein einen ruhigen Verlauf. Die Kundschaftsbe­teiligung hielt sich in engen Grenzen, auch am Rentenmarkt hat sie sich vermindert. Der Berufs­handel verblieb in seiner abwartenden Haltung.

tat in Boston. Alten Neigungen und dem Einfluß des berühmten Kanzelredners Channing folgend, studierte er nebenbei Theologie und wurde 1823 ordiniert. Es war ein Glück für ihn, denn bald darauf verlor er feine Universitätsstellung.

Nicht, daß man unzuftieden mit ihm gewesen wäre; im Gegenteil. Seine Vorlesungen hatten großen Beifall und verdienten ihn. Eine über Schiller wurde später von seiner Witwe heraus­gegeben; man kann sie heute noch mit Interesse lesen und wird viel geiftige Anregung in ihr finden. Aber seit 1832 hatte er sich der Antisklavereibewe- gung anaeschlossen. Das mißfiel den Leitern der Universität, die eine Stiftung war wie alle bärtigen Hochschulen, und so wurde sein Auftrag, der nach dortigem Brauch nur auf begrenzte Jahre lief, nicht erneuert. Denn der Anhänger war bald ein Führer geworden. 1834 hatte er auf einer Tagung der New England Anti Slavery Convention einen Vor­trag gehalten, der als Address to the people of the United States on the subject of slavery überall verbreitet wurde. Follen ging aus von den Lehren des Christentums; aber er war nicht einseitig, er behandelte ebenso das wirtschaftliche Problem und er sah scharf das politische.Wenn die Sklaverei nicht durch Gesetz sehr bald abgeschafft wird, so wird es um diese Frage zum Bürgerkrieg kommen in der nächsten Generation, und die Vereinigten Staaten werden Gefahr laufen, daran zu zerbre­chen." Prophetische Worte, die sich dreißig Jahre später erfüllten.

Was ihm damals nichts nutzte. Um feine Familie zu erhalten, nahm er Schüler auf, schrieb vielerlei und wurde schließlich Prediger der freien Gemeinde East Lexington bei Boston. Auf der Fahrt zur Ein- weihung der neugebauten Kirche und zum Antritt seiner Stelle fand er den Tod.

Seine Witwe, eine Amerikanerin, hat sein Leben dargestellt, seine in Amerika verfaßten Schriften gesammelt: Follen Works, 5 Bde. Boston 1841. Man muß diese Biografie lesen, wenn man einen wirklichen Eindruck von der Persönlichkeit gewinnen will; denn nur sie gibt den Schlüssel auch zu den Jahren der Jugend. Diesen Mann leiteten, auch bei seinem politischen Handeln in Deutschland, nicht Eitelkeit, noch verworrene und verschwommene Vor- stellungen. Er war erfüllt von dem Grundsatz der Verantwortlichkeit des Einzelnen nicht nur gegen sich selbst, sondern gegen die Gemeinschaft, der er angehört. Sie blieb ihm nicht äußerlich, nicht Ddszi- plin; sie war ihm eine seelische Notwendigkeit. Des­halb enthielt sie für ihn die Pflicht, seinem Gewissen folgend für bas als recht Erkannte zu kämpfen, auch da, wo der Kampf für den Augenblick aus­sichtslos schien. Selbstaufopferung war ihm selbst» verständlich für einen Menschen von Charakter. Und als sittliches Vorbild lebt er verdientermaßen im Gedächtnis zweier Völker.

Infolgedessen waren die Umsätze am Aktien­markt denkbar klein und die Kurse nahezu un­verändert. Einzelne sogenannte schwere Werte blie­ben weiter gesucht und fest, so u. a. Scheideanstalt mit 237,50 (235) und Rhein. Braunkohlen mit 258,50 (257). Im übrigen gingen die durchschnitt­lichen Veränderungen über Prozentbruchteile nicht hinaus. Jeweils unverändert lagen IG. Farben mit 170, Stahl verein mit 105,25, Daimler mit 125,50, AEG. mit 125, Moenus Maschinen mit 120, wäh­rend Aschaffenburger Zellstoff auf 107,90 (107).

Am Rentenmarkt begegneten nur noch Pfandbriefe unvermindertem Interesse, im übrigen war die Nachfrage ruhiger, doch hält das Anlage­bedürfnis durchaus an. Jndustrie-Obligationen und Stadtanleihen waren wenig verändert, desgleichen Staatspapiere. Weiter fest und einen neuen Höchst­stand erreichten Reichsaltbesitz mit 141 (140,70), Reichsbahn-Vorzugsaktien 0,13 v. H. ermäßigt auf 125,50. Liquidationspfandbriefe wiesen geringe Schwankungen auf.

DtrmMann für Birtenhof

KmanvonMsMeliM

CARL DUNCKER VERLAG . BERLIN W sr

22 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Das tst er wieder an ihrer Seite, schiebt seinen Arm unter den ihren und hält sie. Er öffnet eine Tür, er muh sich dagegen stemmen, damit sie ihm vom Wind nicht aus der Hand gerissen wird. Sie stehen jetzt in einem der warmen, hell erleuchteten Gänge. Christian fragt sie:Haben Sie schon ein­mal in Ihrem Leben so ein ganz kleines Kind ge­sehen, Maraot? Denken Sie, was ich neulich er­lebte. Ein Freund von mir ist Geburtshelfer in Berlin, Assistent in einer der (Jntbinbungsanftalten. Da war er gerade am Abend vor meinem Besuch zur Endstation der Straßenbahnlinie gerufen wor­den, die nahe beim Krankenhaus ist, Eine junge Mutter war nicht ganx bis zur Anstalt gekommen, der Junge kam schon in der Bahn an. Man hatte sie auf dem Fahrermantel gebettet, draußen standen wohl hundert Menschen, als der Arzt kam. Die Frauen schrien:ßieber Himmel, die arme junge Mutter!" Aber es ging alles gut ab, die Frau und der Junge wurden im Wagen abgeholt. Ein Pracht­bengel war es, ich sah ihn durch eines der großen Fenster. Die Schwester badete ihn und Wasser­tropfen, so dick wie die Glyzerintränen, die die Filmstars meinen, rollten über sein Bäuchlein. Fett wie ein kleines Schweinchen war der Bub. Sie hät­ten ihn sehen müssen! D>e ganze Anstalt zeigte ihn durchs Fenster wie ein Wundertier und der Pro­fessor hatte sich bei der Mutter als Patenonkel ge­meldet."

Margot sieht zu ihm auf, sie lächelt mit müden Augen.So dick war der Junge, sagen Sie? Kleine Kinder sind doch immer faltig wie Greife."

Aber nicht die Spur, wie ein Marzipanschwein- chen. man soll es gar nicht für möglich halten."

Margot atmet heftig, ihre Lippen find leicht ge­öffnet, noch nie hat Christian sie in diesen Tagen o schön gesehen, ihre Augen sind ganz weich, als ie sagt:9a, solch ein Junge also." Und dann kehrt ie sich schnell um und läuft wortlos davon. Chri- tian lacht, sieht hinter ihr drein und steigt die Treppe zum Promenadendeck hinunter. Ob er mit Willem spricht? Er weiß nicht recht, wie er sich verhalten soll. Vielleicht hat er Margot zur Ver­nunft gebracht, immerhin scheint sie ihm so unbe­

rechenbar zu fein, daß es wohl besser ist, er warnt ihren Freund.

Willem sitzt immer noch an der Sonnenschein- Bar, er hat glasige Augen und jedesmal, wenn das jetzt schlingernde Schiff sich auf die eine oder an­dere Sette legt, sagt er: ,hoppla." Manchmal redet er auch mtt sich selbst und murmelt in sich hinein: Dummes Geschwätz, nichts als dummes Geschwätz."

Christian bestellt sich ein Glas Bier und setzt sich an Willems Tisch. Der sieht ihn von unten herauf ärgerlich an:Was wollen Sie hier, ich brauche keine Gesellschaft."

Na, denn also prost", sagt Christian gemüllich. Ich soll Sie übrigens von Ihrer Braut grüßen, Herr Schünemann/

Der Betrunkene wehrt ab.Das ist aus auf der ganzen Linie", brabbelt er.

Reden Sie keinen Unsinn, es fängt erst an." Was wissen Sie davon?"

Alles, was Margot mir sagte, auch, daß sie ein Kind erwartet ."

Herr, reden Sie nicht, in diesen Dinyen verstehe ich keinen Scherz. Noch ein Wort, sage ich Ihnen!"

Ruhig, Schönemann, kommen Sie mit aufs Promenadendeck, ich muß mit Ihnen sprechen, da­mit nicht noch nachträglich ein Unglück geschieht. Vor- hin habe ich Margot von der Laufbrücke runter« geholt, als sie gerade ins Wasser svringen wollte, weiß Gott, was sie sich jetzt ausdenkt, kommen Sie."

Willem sitzt auf dem großen Sofa, geduckt, wie ein Tier, vollkommen niedergebrochen.Das sagen Sie das hat sie getan und ich fitze hier und laß mich vollaufen?"

Er seufzt und stöhnt. Er müht sich, klare Ge­danken zu fassen und nüchtern zu fein. Der Schreck hilft ihm, er springt aus und reiht den andern mit. Kommen Sie doch, sagen Sie, was los ist?"

Halt stop, zunächst mal zahlen."

Auf dem Promenadendeck werden alle Oeffnun- gen mit Segeltuch geschlossen, der Sturm reißt den Leuten die Enden immer wieder aus den Fin­gern, Spritzer fliegen über Deck. Willem weiß jetzt alles, er ist so verstört, daß er zunächst dasteht und sich den Kops hält.Und kein Wort sagt sie mir, quält mich tagelang, wochenlang mit ihren Launen und sagt kein Wort." Plötzlich dreht er sich mit einem Ruck zu Christian, sein Gesicht ist wie in Sonne getaucht.Ich sage cs den Großmüttern, sie sollen zu ihr gehen. Ob man noch Blumen fliegt? Fragen Sie dock; mal nach, Schwertfeger, tun Sie mir den Gefallen, für zehn Mark Blumen, nein, für zwanzig Mark, die arme Deern, lieber Himntel, gibt te Unverständlicheres auf der Wett,

als eine Frau? Sowie wir in Hamburg sind, wird geheiratet und basta."

Er ist ganz vertu tert, dieser Willem. Und die Großmütter, diese halben fomiMien, so ganz ver­schiedenen Großmütter? Die sitz-' n und spielen Kar­ten. In einer Ecke des Salons sitzt die Geheimrätin und bridgt mit mehreren Damen, in der anderen Ecke spielt Manda Wenzien mit einer Hamburger Krämerfamilie Sechsundsechzig. Willem holt sie beide von ihrem Spiel. Manda trennt sich schwer. Gott nee, was der Dampfer man einmal wackelt, beim Spielen merkt man das lange nicht so."

Nun steht Willem zwischen den beiden alten Frauen und macht sie mit der Neuigkeit bekannt. Ich sage euch das nur aus dem Grund, damit ihr wißt, daß wir sofort heiraten werden."

Die Geheimrätin ist blaß. Sie sagt falt und ver­schlossen:Du riechst nach Alkohol, du bist betrun­ken. lieber solche Dinge spreche ich mit einem Be­trunkenen nicht." Sie will davongehen, aber das Schiff rollt und der Enkel muß sie halten, da jauchzt er:Hoppla, Großmama!"

Manda lacht. Manda nimmt diese Sache nicht weiter feierlich. Sie sagt:Margots Vater war auch ein zu schnelles Kind und ist doch der Beste gewesen. Drei Wochen nach der Hochzeit war er da, und wenn ihr so einen Jungen kriegt, wie der war, dann können mir Großmütter uns alle zehn Finger vor Freude lecken." Sie ist die echte Frau aus einem gesunden Volk, die nicht tragisch nimmt, was nicht tragisch ist. Wenn ein gesundes Kind zur Welt kommt, ist das eine Freude und damit basta!

Breit und gemütlich steht sie da, weder ein schwankender Dampfer noch die Erzählung von Margots Selbstmordversuch können sie aus der Ruhe bringen. Dafür hat sie nur Kopfschütteln. Uneheliche Kinder sind in ihrer Familie vorgekom­men, nichts dagegen zu sagen, aber Selbstmorde? Junge, Junge", lacht sie,Du bist dun. Die ist vor lauter llebermut da oben rumgeklettert, im Sturm, bas macht Spaß, habe ich früher auch gemacht. Nix als Temperament, mein Junge, mir kann man nichts oorrnachen."

Manda glaubt es nicht, sie glaubt an solche dum­men Geschichten nicht. Sie steht da und lächelt. Keine Geheimrätin, keine Aristokrattn, aber eine Frau mit gütigen Augen und einem Herzen, das gerade dann weich und weit ist, wenn andere sich empören wollen.

Will sich Frau Schönemann vielleicht empören? Nur zu, aber nicht gegen Manda, sonst könnte sie die Aepfelfrau vorn Meßberg kennenlernen: Die liebt ihre Sippe und ist bereit, sie zu verteidigen wie eine Löwin ihre Jungen,

Entsetzlich, ein Skandal, diese Sache", sagte die Geheimrätin,ich bin vollkommen erschlagen."

Doch schon kommt Mandas Stimme wie Donner­grollen daher, und ihre jungen Augen blitzen.So was sollten Sie nicht sagen, Frau Schönemann. Wir beide sind alt, wir haben nicht mehr lange zu leben, auf uns kommt es nicht an. Aber auf das, was erst in die Welt will und seinen ganzen Weg noch vor sich hat, darauf kommt cs an. Wir wollen also nicht von uns reden, nein. Wenn wir jetzt etwas tun, fo wollen wir uns die Hände geben und wünschen, daß unser Urenkel ein gesundes Kind wirb."

Die Marktfrau Manda Wenzien streckt der Ge- heimrätin Schönemann bie Hand hin, und als btt ihre Fingerspitzen hineinlegen will, schwankt der Dampfer so, baß nicht nur bie ganze Hand zwischen Mandas Finger rutscht, nein, daß sogar ein rich­tiger und orbnungsmäßiger Händedruck zustande kommt.

Da ist Manda zufrieden, ja, sie ist zufrieden, stemmt bas Kinn auf den Stehkragen, legt beide Hände in die Hüften und lacht.----

*

Klarissa wird alt. Es ist nichts habet zu machen und nichts daran zu ändern, sie wirb alt. Jetzt braucht sie den Spiegel in Franz Pegels Büro nicht mehr, um das festzustellen, sie merkt es auch so. Morgens beim Aufstehen ist sie müde, und des Abenbs find bie ©lieber wie zerschlagen. Es ist nichts mehr mit ihr los, sie ist fünfundsechzig Jahre alt unb verbraucht. In diesem Sommer ist es so, als hätte bie Ernte ihr zum erstenmal zu schaffen gemacht, aber vielleicht ist es gar nicht die Ernte, vielleicht ist es etwas anderes, vielleicht find es weit eher bie Gedanken, die da auf sie einstürmen. Diesen Gedanken ist Klarissa nicht gewachsen, das ist es. Wie ein dunkles undurchsichtiges Tuch hängen sie vor ihr und wenn sie auch versucht, alles Schwere von sich zu tun, die Gedanken sind da und lassen sich nicht wegwischen.

Klarissa stapft über die Felder. Das Kom ist runter, es hat wenig Regen gekriegt, alles in allem eine gute Ernte. Schon fängt der PsLug an, die Stoppeln wieder umzulegen und der Erdgeruch steht schwer und satt in der Luft. Jedes Jahr ist es so, ein Kreislauf ist es, wie das menschliche Leben. Aus der Erde drängt es und wieder zur Erde zurück. Und bie Alte vom Birkenhof hat immer in dieser Zeit die eigene Kraft, die eigene Stärke doppelt , empfunden. Jetzt ist das aus, ganz plötzlich will das | Herz nicht mehr und die Glieder scheinen ihr stumpf und spröde wie Glas zu sein.

i (Fortsetzung folgt.)