Ausgabe 
13.3.1940
 
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Veränderungen imGießenerGtadttheater

Bisher bezahlte Griechenland die aus der Türkei einaeführten Waren zur Hälfte mit Devisen und zur anderen Hälfte mit Waren. Auf Grund des neuen Uebereinkommens erfolgt nun die Bezah­lung der griechischen Einfuhr zu 75 v. H. über ein Clearing und nur jene der restlichen 25 v. H. in Goldvaluten. *

Der Bau eines neuen großen Straßen- Tunnels unter dem Hudson zur Verbin­dung der beiden Neuyorker Stadtviertel Manhat­tan und New Jersey gilt als gesichert, nachdem die Bundesregierung einen Zuschuß von 57 Millionen Dollar zu den Baukosten von 80 Millionen Dollar zugesagt hat. Es sollen zwei Metallröhren von über dreitausend Meter Länge gelegt werden. Gegen den Bau einer Brücke hatte das Kriegsministerium Einspruch erhoben.

Aus aller Wett.

40jähriges IMlttärjubUäum General von küchlers.

In diesen Tagen feierte General der Artillerie Georg v. Küchler, einer der siegreichen Armeeführer des Polenfeldzuges, sein 40jähriges Militärdienst­jubiläum. Er begann in Darmstadt im Feld­artillerie-Regiment Nr. 25 (Großherzogl. Hess. Ar­tilleriekorps) seine militärische Laufbahn, die ihn über die Kriegsakademie in den Generalstab führte. Im Weltkrieg war er zuletzt Generalstabsoffizier der 9. Reserve-Division. Nach dem Kriege tat er u. a. im Reichswehrministerium Dienst, war Lehrer an der Artillerie-Schule und wurde 1932 Artillerie- Führer I in Königsberg. 1935 erfolgte seine Er­nennung zum Inspekteur der Kriegsschulen. Am 1. April 1937 wurde er Kommandierender General des I. Armeekorps in Königsberg. Im März 1939 besetzte er mit seinen Truppen das Memelgebiet. Zu Beginn des Polenkrieges übernahm er den Oberbefehl über die 3. Armee, die er von Ostpreu­ßen aus zum Siege führte. Nach dem Abschluß des Feldzuges verlieh ihm der Führer das Ritter­kreuz des Eisernen Kreuzes.

Ralph Arthur Roberts f.

Der beliebte Berliner Schauspieler und bekannte Bühnenleiter Ralph Arthur Roberts ist einem Herzschlag erlegen. Ralph Arthur Roberts stand im 56. Lebensjahre.

Else Lehmann f.

In Prag ist die Schauspielerin Else Lehmann im Alter von 74 Jahren gestorben. Sie trat zwar seit dem Jahre 1914 so gut wie nie mehr auf, wohl aber ist ihr Name vor allem mit der Geschichte des Na- turalismus, des frühen Hauptmann und Ibsens, um trennbar verknüpft. Ihr Aufstieg begann 1889, als sie in der Uraufführung von HauptmannsBor Sonnenaufgang" in der Freien Bühne die Helene Kraufe spielte. Als Otto Brahm das Deutsche Thea­ter übernahm, wurde Frau Lehmann eine der ersten modernen Charakterdarstellerinnen dieser Bühne. Sie spielte in IbsensGespenster" die Regine, die Else Rentheim inJohn Gabriel Borkmann". Ihre Mut­ter Wolffen in HauptmannsBiberpelz" schuf das klassische Vorbild für die späteren Interpretationen dieser Figur.

Schwerer Hagelorkan ln Amerika.

In Shreveport (Louisiana) zerstörte und beschädigte ein Hagelorkan über 500 Wohnhäuser und andere Gebäude. Wenigstens neun Personen wur­den getötet, zahlreiche verletzt.

Die Waffe In Kinderhand.

Der zwölfjährige Junge des Arbeiters Gröning in Darmstadt-Eberstadt hatte im Walde einen Revolver gefunden, den er zu öffnen versuchte. Dabei ging ein Schuß los. Die Kugel traf den Jungen in den Kopf, der auf dem Transport ins Stadtkranken­haus starb.

Alle römische Wafferleilung wieder in Betrieb.

Oberhalb Dreimühlen, in der Nähe der Eifeler Katushöhle, wurde bei Quellschürfarbeiten in einer Tiefe von 1,50 Meter ein gemauerter Kanal ent­deckt, der mit Sandsteinplatten von 2 Meter Länge und 1 Meter Breite ab g edeckt war und vor rund 2000 Jahren der Wasserversorgung einer römischen Siedlung im Feybachtal diente. Die Brauchbarkeit des Wassers zu Trinkzwecken wurde durch eine bak­teriologische Untersuchung einwandfrei festgestellt. Inzwischen ist eine Rohrleitung an den Römerkanal herangeführt worden, durch die das Wasser zur Ver­sorgung von vier Ortschaften nutzbar gemacht wird.

Aus der Stadt Gießen.

Kleine Vogelfanfaren.

Dor den warmen Strahlen der Mittagssonne zer­rinnt jede Schwermut wie ein Hümpelchen Schnee. Das Herz wird leicht wie die Erde, die sich lockert und regt, weil nichts mehr von allem, was sie einen langen Winter mütterlich gebettet, länger chlafen will. Die Sehnsucht nach Licht, die Freude am hellen Himmel ist tausendfältig wach.

Die kleinen Dogelherzen jubeln, weil sie den wip­penden Ast »wischen ihren Zehen wieder von Säf­ten gefüllt, federnd und elastisch spüren. Auf Pro­menadewegen und in Vorgärten schmettert die Kohlmeise ihre lustiae Frage:Sind Sie da? Sind Sie da?" und wird nicht müde, ihre anmuti­gen und flinken Kletterspiele, ihre ausgelassenen akrobatischen Kunststücke kopfüber, kopfunter zu zeigen. Und wenn sie gar einen Partner bekommt, der ihr von einem Nachbarbaum antwortet, dann steht ihr der Schnabel nicht mehr still. Ebenso mun­ter zwitschert der Buchfink feine kleine Strophe, ein lustiges Schnörkelmotiv, das in kurzen Paulen mit emsiger Beharrlichkeit wiederholt wird. Er hat lange genug geschwiegen, nun ist ihm das warme Herz übervoll. Er putzt sich und striegelt die Federn mit dem Schnabel zurecht, als ginge es morgen schon auf die Freite. Tiefer in Dusch und Hecken zwirnen die Goldhähnchen und huschen, die Plätze wechselnd, hin und her im fröhlichen Spiel.

Selbst wenn die Sonne untergegangen ist, bleibt die Freude noch wach: Die Amsel beginnt mit ihren dunklen Flötentönen feierlich und doch froh­lockend zu rufen. Ihr melodischer Schlag gibt der Stunde des Zwielichts eine warme Verklärung wie der westliche Horizont mit feinem Farbenspiel den Himmel erhellt. Bis zum Einbruch der Dunkelheit psalmodiert die Amsel mit den vollen warmen Goldtönen einer wohllautenden Stimme. Und wenn die ersten Lichter des neuen Tages heraufblitzen, fitzt sie schon wieder auf einem Dachfirst oder in einem Daumwipfel und singt. So wird jeder Tag von ihr verabschiedet und bewiMommt. Jeder ist für sie ein neuer Bote des Frühlings, und keinem vergißt sie darum einen frohen Empfang, einen herzlichen Nachruf zu schmettern.

Draußen vor der Stadt aber, wo die Felder und Wiesen endlich ihre eintönige Schneedecke abstreifen und mit braunen kraftvollen Schollen und erwachen­dem Grün das Auge erfreuen, überrascht uns die erste Lerche. Wie von einer unsichtbaren Hand der Sonne entgegengeworfen, schwirrt sie mit hellem Jubel empor, und ihre kleine Kehle wird nicht müde, solange sie die Flügel tragen. Geht ihr end­lich der Atem aus, läßt sie sich rasch und lautlos heruntergleiten, um nach kurzer Pause zu einem neuen, womöglich noch höheren Ansturm crufzu- flattern. Ihre hymnische Strophe ist ein Sonnen- gesang für das ganze Tal. Was taufend Wesen empfinden, schmettert sie jauchzend aus.

Peter Bauer.

Tageskalender für Mittwoch.

Populärwissenschaftliche Vorträge der Universität: 20.15 Uhr im Hörsaal des Kunstwissenschaftlichen In­stituts Professor Glöckner überEinführung in die Aesthetik der bildenden Künste". Stadttheater: 19.30 bis 22 UhrLombardische Nacht". Gloria- Palast (Seltersweg):Weißer Flieder". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Das jüngste Gericht".

Am Sonntag: Erbsen mit Speck.

DerTag der Wehrmacht" zeigt sich jetzt schon ln mancherlei Form an. Bei der Wehrmacht ist man mit den notwendigen Vorbereitungen beschä - tigt, und auch die NSV. hat ihre Helfer, ihre Block- und Zellenwarte mobilisiert, die zunächst dafür sorgen, daß die 13 000 Essenmarken, die gedruckt worden sind, unter die Leute kommen. Die Essen­marken berechtigen zum Empfang der Essenpor- Honen, zum Empfang desSchlags", wie der Sol­dat sagt. Wie wir hören, ist der Absatz der Essen­marken erfreulich rege. Sichtlich sind die Haus­frauen angenehm von der Tatsache berührt, daß sie einmal nicht zu kochen brauchen und dabei außer­dem noch Nährmittel- und Fleischkarten sparen.

In diesem Zusammenhang wird darauf hinge­wiesen, daß es durchaus erwünscht ist, wenn durch den Verkauf der Essenmarken für die Küchen der Wehrmacht ein Ueberblick gewonnen wird, wie viele Portionen gekocht werden müssen. Es soll selbstver- stündlich vermieden werden, daß etwa zuviel ge­kocht wird und dadurch unter Umständen ein Lebensmittelverlust entsteht. Wo am Sonntag die

Mit dem Ablauf der Spielzeit 1939/40 wird es in der Künstlerschaft unseres Stadttheaters einige Veränderungen geben. Wie wir von zuständiger Stelle erfahren, scheiden verschiedene Künstler und Künstlerinnen aus, während eilige neu verpflichtet wurden.

Der 1. Kapellmeister unseres Stadttheaters, Paul Walter, ist an die Volksoper in Wien verpflich­tet worden und wird Gießen mit Ende der Spiel­zeit verlassen. Mit ihm scheidet auch die Soubrette unseres Theaters, Friedel F o r n a l l a z , seine Gat­tin, aus, die, wenn auch ohne Verpflichtung, mit nach Wien übersiedelt. Weiter verliert unser Stadt­theater Fräulein Eva Eckert. Die Künstlerin folgt einer Verpflichtung an das Stadttheater in Würz­

burg. Jngeborg Riehl scheidet ebenfalls aus und hat ein Engagement am Stadttheater Krefeld an­genommen. Auch Viktor von Gschrneidler ver­läßt Gießen und folgt einer Verpflichtung an das Landestheater Gera. Die Balettmeisterin Thea Maaß verabschiedet sich ebenfalls und wirkt wäh­rend der nächsten Spielzeit in Weimar. Der Ober- spielleiter Dr. Hannes R a z u m ist gegenwärtig für Gastinszenierungen in Düsseldorf beurlaubt.

An neuen Verpflichtungen sind bisher zwei zu verzeichnen. Als 1. Operetten-Sän-gerin wurde Gabriele Toffinke (bisher Neu-Strelitz) Der- pflichtet. Für das Fach der 1. Heldin und Senti­mentalen wurde Luise Trah (bisher Stadttheater Hanau) gewonnen.

Feldküchen auffahren, wird noch bekanntgegeben.

Für oen Sonntagnachmittag ist, wie wir bereits berichteten, für einige Unterhaltung im Hof der Zeughauskaserne gesorgt. Für die Kinder wird Ge­legenheit gegeben fein, sich unter der Betreuung durch die Soldaten hoch zu Roß, als Reiter zu ühlen; außerdem werden Fahrten auf gummibe­reiften Fahrzeugen stattfinden, die zu Rundfahrten über den Kasernenhof hinaus, ein Stück um die Anlagen, eingesetzt werden. Außerdem werden im Hof der Kaserne moderne Fliegerabwehr-Wafsen gezeigt werden. Auch sonst ist mit einigen kleinen Überraschungen zu, rechnen.

DerTag der Wehrmacht" wird wieder bewei- en, wie sehr sich die Bevölkerung in Stadt und Land der Wehrmacht verbunden fühlt, die in gro­ßer Zeit die Grenzen schützt und einsteht für die Unverfehrtheit des Reiches. Die Bevölkerung wird den Tag außerdem zum Anlaß nehmen, erneut ihre schon so oft bewiesene Qpfersreudigkeit zu be­weisen.

36000 Reichsmark.

Das Ergebnis der letzten Opfersammlung.

Die Sammlung des vergangenen Sonntags hat wieder ein sehr günstiges Ergebnis gebracht. Ins­gesamt wurden im Kreis Wetterau der NSDAP. 36 000 Reichsmark gezeichnet. Das Ergebnis dürfte sich noch erhöhen, da von einigen Ortsgruppen die Meldungen noch nickt vorliegen. Innerhalb der Stadt Gießen mit ihren Vororten wurden 9750 Reichsmark gezeichnet. Das Gesamtergebnis liegt um rund 6000 Reichsmark höher als das Ergebnis der am Sonntag vorher durchgeführten Reichsstra­ßensammlung.

Besichtigung beim Deutschen Roten Kreuz Gießen.

In diesen Tagen weilte der Landesführer, DRK.- Generalhauptführer, ^-Brigadeführer, Staatssekre­tär O r t l e p p (Weimar) zur Besichtigung der Em- richtungen des Deutschen Roten Kreuzes in unserer Stadt. In seiner Begleitung befanden sich DRK.- Oberseldführer Reichendächer und DRK.-Feld- führerin Engelmann.

Im Sitzungssaal der DRK.-Kreisstelle gab der Kreisführer, DRK.-Oberfeldführer Landrat Dr. Lotz in Gegenwart feiner führenden Mitarbeiter einen kurzen Ueberblick über den umfaffenden Einsatz der Einheiten des DRK. Im besonderen hob er auch die Arbeit der Nachweisstelle für Volksgenossen aus dem Grenzgebiet hervor, die, in kurzer Zeit aufge­baut, Segensreiches geleistet hat. Auch bei der Be­treuung und Unterbringung der Kranken und Rück­geführten wurde Vorbildliches geleistet. Die Un­terkunft in der Anatomie, jetzt im ehemaligen Hotel Lenz, und die sorgsame, liebevolle Verpflegung haben bei den Soldaten größte Freude und An­erkennung gefunden.

Die Bahnhofswache hat ihren verantwortungs­vollen Dienst unverdrossen versehen. Kurz, das Deutsche Rote Kreuz hat gezeigt und bewiesen, daß es, feiner Pflicht bewußt, gerüstet ist, die Auf­gaben, die der Führer und die Wehrmacht an das DRK. stellen, zu erfüllen. Am Schluß feiner Aus­führungen erwähnte der Kreisführer in anerken- nenden Worten das vorbildliche Zusammenarbeiten mit den verschiedenen militärischen und Partei­dienststellen.

Im Anschluß daran wurden organisatorische Fragen besprochen. Dann wurden die Einrichtun­gen des DRK. einer Besichtigung unterzogen: die Rettungsstelle in der Sonnenstraße, die Unterkunft

im Hotel Lenz und die Bahnhofswache. Im Hotel Lenz konnten sich die Gäste von der vortrefflichen Zubereitung der Kost überzeugen.

Gegen Abend verließen die Gäste unsere Stadt. Vor der Abfahrt sprach der Generalhauptführer Ortlepp dem Kreisführer Dank und Anerken­nung für die geleistete vorbildliche Arbeit aus. nHemeiiW M Smit W Stenöe

Achtung! ft b 5 p o r L

Sportamt Wetterau, Schanzenstraße 18.

Für Frauen: 995D

Donnerstags, 20.30 bis 21.30 Uhr, Schillerstraße.

Für Männer und Frauen:

Hallensport (insbesondere Hallenspiele) jetzt Mittwochs, 20.30 bis 21.30 Uhr, Goethefchute. Richt wie bisher Donnerstags, 18 bis 19 Uhr.

Kinder-Gymnastikkurs ist an einem Rachmittag geplant. Anmeldungen sofort erbeten beim Sportamt.

Reul Für Frauen und Männer: Schwimmen von 20.30 bis 21.30 Uhr und 21.30 bis 22.30 Uhr.

Weitere Zweifelsfragen umPunkte" geklärt.

In der Praxis sind eine Reihe weiterer Zweifels­fragen um die korrekte Handhabung der für die Be­wirtschaftung von Textilien ergangenen Anordnun­gen entstanden. Sie werden von zuständiger fach­licher Seite nunmehr aufgeklärt. Davei wird u. a. hervorgehoben, daß Bettzeugstosfe auf Kleiderkarte nicht abgegeben werden dürfen, da Bettwäsche und daher auch Stoffe für Bettwäsche nicht aufPunkte" sondern lediglich auf Bezugscheine erhältlich sind. Bei Bettzeug-Garnituren sind im übrigen die Kopfkissen­bezüge und Deckbettbezüge einzeln zu bewerten.

Es ergaben sich ferner Zweifelsfragen darüber, wie einzelne Mäntel zu bewerten sind. Hierzu wird klärend feftgefteUt: Popelinmäntel für Herren er­fordern 25 Punkte, Lodenmäntel, Gabardinemäntel, imprägnierte Cheviotmäntel 50 Punkte, halbschwere Mäntel 65, Lodenjoppen 40 Punkte. Lodenmäntel für Knaben find wie Sommermäntel zu bewerten und erfordern 30 Punkte, Lodenmäntel für Frauen 35 Punkte, Mädchenlodenmäntel 25 Punkte. Knaben­anzüge erfordern 30 Punkte der Kleiderkarte. Es handelt sich hierbei aber nur um den dreiteiligen An­zug; der »weiteilige Anzug erfordert 25 Punkte der Reichskleiderkarte.

Gießener Gchlachtviehmartt.

Am Gießener Schlachtvieh-Verteilungsmarkt, der !festem in der Viehoersteigerungshalle Rhein-Main tottfanb, wurde das Schlachtvieh zu folgenden Prei- en je % kg verkauft: Ochsen 45,5, Butten 39,5 bis 49,5, Kühe 14 bis 43,5, Färsen 22,5 bis 44,5, Kälber 35 bis 64 und Schafe 30 bis 43 Rpf. Schweine wur­den zu den üblichen und bisherigen Preisen abgesetzt. Der Marktoerlauf war rege. Das Schlachtvieh war durchweg zugeteilt.

Hart an der Todesstrafe vorbei.

Das Reichsgericht hat di« Don dem im Jahre 1905 geborenen Erich Piotrowski aus Hopf­garten (Kreis Alsfeld) gegen das Urteil des Land­gerichts Gießen vom 15. Dezember v. I. ein­gelegte Revision als unbegründet verwor-

(Nachdruck verboten!)

7. Fortsetzung.

betrachtete sich mit gesp- um Zug, Linie um Li

Qolöcne Wolfe über Renate

Roman von fjorfl Blecnatt).

vorgegangen sein. _ . f

Er beugte sich zögernd vor, von seinem Spiegel- bild trennten ihn kaum zwei Handbreiten, und er betrachtete sich mit gespannter Aufmerksamkeit, Zug um Zug, Linie um Linie, Fläche um Flache: die glatte Stirn, die gegeneinander ein wenig verscho­benen dunklen Brauen, die grauen Augen, die un- ternehmungslustige, etwas zu kurz geratene Nase, der immer ein wenig verzogene Mund, der so aus- sah, als hielte er im rechten Lippenwinkel ständig einen Grashalm oder den Steckgel irgendeiner Blüte, und das feste, lebenstüchtige Kinn.

Es war fein altes Gesicht, das ihm aus dem Spiegel unverändert entgegenblickte, und er be- e es mit einem schwachen, etwas gewaltsamen rt. Du hast doch nicht etwa ein schlechtes Ge­wissen, alter Knabe, wie? Was denn? Was denn? Oder bist du von der verdammten Luft dieses ver­dammten Hauses so angesteckt, daß du nicht zuzu­greifen wagst, wenn dir die blinde Göttin mal mit einem Auge zublinzelt? Na also! Und außerdem: Was gibt dir drin schönes Wissen denn schon mehr in die Hand als eine höchst, aber auch allerhöchst unsichere Möglichkeit? Vielleicht verzichtest du frei­willig darauf, diesen Goldfisch zu angeln, wenn du ihm das erstemal von Angesicht zu Angesicht gegen­übergetreten bist ...

Ein neuerliches Glockenzeichen scheuchte ihn aus seinem Zimmer.

Im gleichen Augenblick, in dem Parker die Tür hinter sich schloß, hob Spike sein Auge vom Schlüsselloch jener Tür, durch die er Parkers Büro vor wenigen Minuten verlassen hatte. Er stand dort in einem langen, halbdunklen Gang, von dem aus alle Büros zu erreichen waren.

Spike rieb sich sein leicht tränendes Auge; fein freches, frühreifes Gesicht drückte höchstes Erstau­nen aus, und der schmallippige Mund hatte sich zu einem unhörbaren Pfiff gespitzt.So ein schein- heiliger Hund!" murmelte der Knabe Spike, dessen Ausdrucksweise trotz feiner nunmehr halbjährigen Tätigkeit in diesem vornehmen Hause leider noch zu wünschen übrigließ.Hab' ich doch gerochen, daß da irgendwas nicht stimmte! ,Bei den Akten, hat er gejagt! Und ich will doch bis in alle Ewigkeit verflucht fein, wenn der Brief im Schreibtisch nicht derselbe ist, der heute morgen mit der Post an-

Er klopfte vorsichtshalber an, ehe er die Tur zu öffnen wagte. Bei dem beschränkten Gesichtsfeld, das ein Schlüsselloch bietet, war Spike seiner Sache nicht ganz sicher, daß Parker das Zimmer bereits verlassen habe.

Als niemand sich meldete, schlüpfte er rasch hin- ein. Um auf keinen Fall ertappt zu werden, sperrte er die drei Türen des Büros einfach ab. Kam Par- ter inzwischen unvermutet zurück, so brauchte er, Spike nur durch eine der beiden anderen Türen zu verschwinden, und der Untersuchung, wer die

Die Zeit drängte. Also: Wohin damit? Parker zog hastig den Schlüssel aus der Seitentür des Schreibtisches, schob den Brief tiefer in die Schub­lade hinein, und warf sie zu und schloß ab. Den Schlüssel steckte er in die Tür zurück.

Blödsinnige Nervosität! Wer in aller Welt hatte etwas an feinem Schreibtisch zu schaffen? Sogar die Reinmachefrauen blieben in achtungsvoller Ent­fernung von ihm ... Parker klemmte die grüne Ledermappe unter den Arm.

Neben der Tür, durch die er hindurchgehen mußte, um über ein sparsam möbliertes schmales Zimmer zum Büro seines Onkels Jeremias zu ge­langen, hing über einem amerikanischen Patent- waschtisch aus Blech, der aber als Mahagoni ge­strichen war, ein billiger, weiß gerahmter Spiegel. Er genügte einem Mann, um Raucherbelag auf den Zähnen feftzustellen oder um die Krawatte zu binden. Wer aber etwa vor ihm feiner Eitelkeit frönen wollte, verfiel über kurz oder lang in un­heilbare Schwermut.

Parker war nicht eitel oder nicht eitler, als em Mann zu fein pflegt, der auf eine glatte IRafur unb einen ge rodegezogenen Scheitel Wert legt. Wenn er in diesem Augenblick einem fast unwidersteh­lichen Zwange folgte, sein Gesicht dem Spieael zu nähern, dann tat er es mit einer fast furchtsamen Neugier, als erwarte er, es könne mit ihm in dieser letzten Stunde irgendeine fürchterliche Veränderung

Schreibtisch, dessen wuchtige Platte von gekreuzten Nundhöhern getragen wurde.

Die Abneigung Parkers gegen seine Onkel be­ruhte nicht darauf, daß die beiden Herren etwa unverträgliche alte Ekel gewesen wären, sondern rein auf verwandtschaftlichen Gefühlen. Vielleicht spielten bei Parkers wenig liebevoller Einstellung zu seinen Onkeln auch jene Gründe mit, die Männer in den gereiften Jahren mitunter veranlassen, die Faust heimlich in der Tasche zu ballen, wenn sie einem alten, gramgebeugten Lehrer begegnen, der sich einstmals aus rem erzieheriscken Gründen gegen ihre Versetzung ausgesprochen hatte ...

Jeremias Watson blickte nicht auf, als sein Neffe eintrat; er streckte nur die Linke aus, während seine reckte Hand weiter den Rand eines Akten­blatts mit dünnem Gekritzel bedeckte.Geben Sie her, Fräulein Skelton! Und kommen Sie das nächste Mal etwas schneller, wenn ich--"

Parker hustete!Ich bin's!"

Ah, Allan, du?" Watson nickte seinem Neffen einen flüchtigen Gruß zu und sah ihn über den Brillenrand hinweg aus geröteten, überanstrengten Armen an.

Parker beugte sich über den Schreibtisch und reichte ihm die grüne Mappe aufgeschlagen zu.

Watson zog sie schreibgerecht näher und griff nach einem Halter, einem dicken Korkhalter nut spitzer Feder, die täglich erneuert wurde. ,Hat es 'nen besonderen Grund, daß du mir heute die Briefe bringst?" fragte er leichthin, bereits in den Inhalt seiner Korrespondenz vertieft.

Parker steckte eine Hand in die Hosentasche und lehnte sich mit der Hüfte leicht gegen die Tischkante. Ja", antwortete er in einem etwas unbestimmten Tonfall.Aber laß dich, bitte, nicht aufhalten! Meine Sache eilt nicht."

Nimm inzwischen Platz! Es macht mich nervös, wenn mir jemand auf die Hände fleht, und außer­dem stößt du andauernd an den Tisch ..."

Parker kniff die Lippen zusammen und ließ sich in einem der beiden Ledersessel nieder, die auf seiner Seite dem ungepolfterten Arbeitsstuhl seines Onkels gegenüberftanoen. Zehn Minuten vergingen, in denen er dem leisen Rascheln der Papiere lauschen durfte und Muße hatte, sich die Züge sei­nes Onkels fest einzuvrägen.

(Fortsetzung folgt.)

Derbindungstür zu dem Vorzimmer abgeschlossen habe, getraute er sich ohne weiteres standzuhalten.

Darauf ging er in aller Gemütsruhe daran, die Schreibtischschublade zu öffnen. Na also! Da lag ja der Brief aus Deutschland! Jawohl, er konnte sich auf seine Augen verlassen. Aber was für einen Grund, zum Teufel, hatte Parker, ihn so geheim­nisvoll wegzulegen? Für einen Augenblick stieg ein fürchterlicher Argwohn in Spikes Herzen auf: Um's Himmels willen, Parker hatte doch nicht etwa selber Geschmack am Briefmarkensammeln gefunden?

Quatsch! Dem lag natürlich nichts an den Mar­ken! Denn wozu hätte er wohl sonst den Brief selber in dem Umschlag gelassen? Ein Geheimnis steckte da auf jeden Fall dahinter. Aber welches?

Spike fchnüffelte unsicher und bohrte sich tief in der Nafe, als erwarte er von der mechanischen Er­weiterung seines Riechorgans wichtige Ausschlüsse. Der Brief war nicht etwa an Parker persönlich, sondern an die Kanzlei der Anwälte Watson, Wat- jon & Sones gerichtet. Spike zog das Schreiben mit spitzen Fingern aus dem Umschlag. Aber verflucht! er verstand nicht eine Silbe vom In­halt. Der Brief war in deutscher Sprache geschrie­ben. Er stolperte über die Worte hinweg; ein paar gesperrt geschriebene Namen fielen ihm auf, ein mehrmals erwähnter Dr. Arthur Naumann, zwei Daten, eine Jahreszahl, das Wort München ... Damit war nicht viel anzufangen.

Spike steckte den Brief mißmutig und enttäuscht in den Umschlag zurück, warf einen letzten Blick des Verzichtes auf den prächtigen Stempel über den Marken und legte alles miteinander sorgfältig wieder genau an die Stelle zurück, wo er es ge­funden hatte. Dann schloß er die Schublade ab, vergaß auch nicht, den Schlüssel abzureiben, und zwar wegen der Fingerabdrücke, die schon manchem Mann aus seiner Familie zum Verhängnis geroor- den waren, und steckte den Schlüssel darauf in die Seitentür zurück. Zuletzt sperrte er mit bemerkens- werter Gewandtheit die verschlossenen Türen nahe­zu geräuschlos wieder auf, entsann sich feiner Auf­träge, murmelte:Zwei weiche Gier im Glas und eine Scheibe Schinken!" und verschwand nach rück­wärts, woher er gekommen war.

Jeremias Watson saß hinter seinem riesigen