ein Kind mitgenommen, obgleich der Wagen noch nicht erneut zugelassen war. Gegen den Strafbefehl legte er Einspruch ein. Mit seinem Einwand konnte er aber nicht gehört werden. Dem Antrag des Awklagevertreters entsprechend wurde er zur gleichen Strafe wie im Stafbefehl (50 RM.) verurteilt.
Strafkammer Gießen.
Heinrich Michel aus Hochweisel, zur Zeit in Untersuchungshaft, war angeklagt, im Dezember 1939 und im Januar 1940 aus einem Heim in Warburg den Betrag von 20 RM. und anläßlich eines Besuches bei einer Familie in Eberstadt eine Geldbörse mit 15 RM. Inhalt entwendet und eine Handtasche, die zum Transport von Nahrungsmitteln für den Bruder des Auftraggebers übergeben worden war, für sich behalten zu haben. Ferner war er wegen siebe» Fällen des Rückfallsbetrugs im Januar 1940 angeklaat. Der wiederholt und einschlägig vorbestrafte Angeklagte war geständig.
Wegen der Diebstähle beantragte der Anklagevertreter eine Gesamtgefängnisstrafe von acht Monaten. Der Angeklagte wurde des Diebstahls im wiederholten Rückfall in zwei Fällen, unter Freisprechung wegen Unterschlagung der Handtasche, zu einer Gesamtgefängnisstrafe von sieben Monaten verurteilt.
Anschließend -wurde über die Betruasfälle verhandelt. Der Sachverständige vertrat die Ansicht, daß der Angeklagte das Unerlaubte feines Tuns ein- sehen könne. Er sei nur im Willen gehindert. Es fehle ihm der Halt zum Widerstehen, er sei ein haltloser Psychopath. Der Angeklagte werde immer wieder zu Straftaten neigen. Die Sicherungsverwahrung sei wohl das einzige Mittel, den Angeklagten unschädlich zu machen. Der Angeklagte fei
ganz raffiniert vorgegangen, indem er sich stets an Verwandte von Anstaltsinsassen (er war in der Heil- und Pflegeanstalt untergebracht) herangemacht und diese betrogen oder bestohlen habe.
Der Anklagevertreter beantragte, dem Angeklagten den Schutz des § 51II StrGB. (vermindert zurechnungsfähig) zuzubilligen und ihn unter Einbeziehung der vorerwähnten Strafe zu einer Gefamt- gefänanisstrafe von drei Jahren zu verurteilen und ihm die bürgerlichen Ehrenrechte für die Dauer von drei Jahren abzuerkemren sowie die Sicherungsverwahrung anzuordnen.
Der Verteidiger beantragte, von der Aberkenmmg der bürgerlichen Ehrenrechte und der Anordnung der Sicherungsverwahrung abzusehen. Die Unterbringung in einer Heil- oder Pflegeanstalt reiche vollständig aus, um den Angeklagten auf andere Wege zu bringen. Weiterhin beantragte er, dem Angeklagten, der geständig sei, die Untersuckungs- haft anzurechnen und auf eine nicht allzu hohe Gefängnisstrafe zu erkennen, wenn der Angeklagte im Anschluß an die verbüßte Strafe doch irgendwo untergebracht würde.
Der Angeklagte wurde des Betrugs im wiederholten Rückfall in sieben Fällen und eines versuchten Betrugs sowie eines Diebstahls im wiederholten Rückfall als gefährlicher Gewohnheitsverbrecher schuldig erkannt und unter Einbeziehung der durch das vorerwähnte Urteil der Strafkammer erkannten Strafe zu einer G e s a m tge f ä n g n i s st r a fe von vier Jahren, auf die vier Monate der Untersuchungshaft in Anrechnung kommen, sowie zu acht Geldstrafen von je 20 RM. verurteilt. Gleichzeitig wurde die Sicherungsverwahrung des Angeklagten angeordnet.
Das Gericht schloß sich bei der.Urteilsbegründung den Ausführungen des Sachverständigen an.
S.Ji.-i'port
Um den Lahnpokal im Handball.
Wenn auch am letzten Sonntag nicht alles programmgemäß verlief, so stehen nunmehr bereits drei Staffelsieger fest, die zusammen mit den noch fehlenden beiden Mannschaften den Endsieger ermitteln werden, und zwar in einer einfachen Runde. Teilnahmeberechtigt sind bis jetzt:
Staffel 2: Tv. Dornholzhausen
„ 3. Tv. Garbenheim „ 4: Tv. Katzenfurt.
Mtv. Gießen und Tv. Heuchelheim tragen am Sonntag ein Entscheidungsspiel aus, während die Spiele der Staffel 1 noch weiter zurückliegen. Zum Austrag kamen, nachdem Großen-Buseck und Münchholzhausen ihten Gegnern die Punkte kampflos überließen, nur zwei Spiele, die folgende Ergebnisse hatten:
Tv. Garbenheim — Tv. Dutenhofen 12:7 (8:2)
Tuspo. W.-Niedergirmes — Tv. Katzenfurt 6:8.
Garbenheim war auch diesmal wieder stärker als Dutenhofen, das sich offenbar etwas vorgenommen hatte. Mit der diesmal gezeigten Leistung ist allerdings schlecht etwas zu machen. Der Anschluß ist nunmehr endgültig verpaßt.
Katzenfurt hatte seine Vertretung der 1. Jugendmannschaft übertragen. Trotzdepi gelang es, den Sieg, der gleichzeitig auch die Staffelmeisterschaft eiu- brachte, sicherzustellen.
Huhball der r. Klaffe.
VfV.-Reichsbahn II — Großen-Buseck I 1:5 (0:3).
Wie nicht anders zu erwarten war, konnten sich die Grün-Weißen gegen den Tabellenführer nicht behaupten und mußten eine weitere Niederlage einstecken. Die Gäste waren verdiente Sieger, denn die Mannschaft war in Schnelligkeit und Wucht den Grün-Weißen haushoch überlegen. In der ersten Spielhälfte fanden sich die Grün-Weißen nie zurecht. Der Gegner drückte seine Ueberlegenheit durch drei Tore aus. Nach dem Wechsel hatten die Platzherren etwas mehr vom Spiel, doch die Schußunsicherheit der vier Stürmer ließ nur einen Erfolg zu. Dann rafften sich die Gäste wieder auf, und zwri Tore mußte der Torhüter der Grün-Weißen noch passieren lassen.
(Brimingen I — Garbenleich I 2:6 (2:4).
Diesmal hatten die Platzherren eine weit stärkere Elf aufgestellt, sie machten den Gästen den Sieg schwer. Die Gäste kamen kurz nach Beginn zum
Führungstor, doch wenig später fiel schon der Ausgleich. Die Platzherren waren stark überlegen, nachdem sie einen Elfmeterball verschossen hatten, konnten sie sogar den Führungstreffer erzielen. Das war der Auftakt für die Gäste, das Spiel in die Hand zu nehmen, und bis zur Pause führten sie mit 4:2. Nach dem Wechsel ließen die Platzherren nach, die Gäste schossen zwei weitere Tore.
Heuchelheim I — Steinbach I 5:3 (1:3).
Dieses Spiel endete mit einer Ueberraschung. Die Heuchelheimer legten de» Gast gründlich herein und konnten damit den ersten Sieg, feiern. In der ersten Halbzeit hatten die Steinbacher den Wind zum Bundesgenossen und konnten eine 3:1-Führung erreichen. Dann wandte sich das Blatt: die Gastgeber kamen stark auf und konnten nicht nur gleichziehen, sondern noch durch zwei Tore den Sieg sicherstellen, während der Gegner leer ausging.
Klein-Linde» I — Hungen I kampflos für Klein- Linden.
Der Stand der Spiele.
Großen-Buseck
Spiele Gew. Unentsch. Verl. Pkte.
8
8
0
0
16:0
Garbenteich
9
7
0
2
14:4
Steinbach
8
4
1
3
9:7
Hungen
7
3
0
4
6:8
Mein-Linden
8
3
0
5
6:10
Heuchelheim
3
1
0
2
2:4
DfB.-R. II
7
0
1
6
1:13
(Brimingen
4
0
0
4
0:8
Wohlfahrtsverband „Haffia".
Lpd. F r a n k f u r t a. M., 11. Juni. Der im Jahre 1874 gegründete Wohlfahrtsverband der NS.-Krie- gerkameradfchaft „Hassia", Sitz Darmstadt, hielt am Sonntag in Frankfurt a. M. unter dem Vorsitz des stellvertretenden Präsidenten Linden st ruth (Darmstadt) und in Gegenwart des Generals W a i tz als stellvertretenden Gaukriegerführer feine diesjährige Jahreshauptversammlung ab. Der Verband bezweckt zusätzliche Unterstützungen und die Gewährung von Kuren für die Mitglieder der NS.- Kriegerkameradschaften. Der Verband hat seit seinem Bestehen auf diesem Gebiete bereits außerordentlich segensreich gewirkt und ist auch heute durch entsprechende Verträge in der Lage, seine Aufgaben in weitem Umfange zu erfüllen.
Aus der engeren Heimat.
Einmachen ohne Zucker.
Nur wenige Wochen, und wir ernten in unseren Gärten viele Früchte, die wir für den Winter haltbar machen wollen. Manches leicht verderbliche Obst oder Gemüse wird auch plötzlich in größeren Mengen auf den Markt kommen und schnelle Verarbeitung verlangen. Was ist dann selbstverständlicher, als daß die Hausfrau' zuareift.
Wie aber soll sie in diesem Jahre Gemüse und Obst haltbar machen? Auf die altgewohnte Weise geht es nicht mehr immer, es sind entweder nicht genügend Gläser oder Gummiringe vorhanden oder es fehlt an Zucker. Das sind allerdings keine Hindernisse für die geschickte Hausfrau. Wer keine oder nicht genügend Gläser besitzt, verfügt vielleicht über ein paar Flaschen und Steintöpfe und kann sich auch noch einige Mullbeutel nahen. Je nachdem, was wir haben, wählen wir die Einmachmethoden, das Trocknen, das Einlegen und Einsalzen oder das Eindünsten, und je nach dem Zuckervorrat das Einkochen mit oder ohne Zucker.
Am bekanntesten ist das Einkochen von Obst mit Zucker und von Gemüse in Gläsern. Fast alle Früchte können wir aber auch ohne Zucker einkochen. Für die kleinen Früchte, Stachelbeeren, Kirschen, Heidelbeeren, Johannisbeeren, aber auch -kleingeschnittenen Rhabarber, verwenden wir Flaschen. Sogar Marmelade können ohne Zucker eingemacht werden. Zucker spart man auch, wenn man säuerliche mit süßen Früchten zusammen verarbeitet.
Weniger gebräuchlich ist im Stadthaushalt das Dörren von Obst und Gemüse, wozu sich vor allem Heidelbeeren, Preißelbeeren, Kernobst, Pilze und grüne Bohnen, Kohlrabi, Sellerie und die verschiedenen Suppenkräuter eignen. Beim Dörren wird dem Gemüse und Obst lediglich das Wasser entzogen, alle Nährwerte bleiben erhallen. Das Verfahren ist sehr einfach. Zum Trocknen genügt eine einfache, selbst herzustellende Horde. Getrocknet wird mit der Herdwärme. Das Einsäuern ist am bekanntesten für Gurken, man kann aber auch Gemüse einsäuern. Das Einlegen der Früchte ist eine sehr alle Art des Konservierens. Gurken, Pflaumen, Birnen, Kürbis und Gemüseallerlei z. B. werden in Essig gelegt.
Jede Hausfrau wird also eine Art der Haltbar
machung finden, die ihr zusagt und es ihr mit den zur Verfügung stehenden Mitteln erlaubt, etwas einzumachen.
Jener in Leihgestern.
<£ Leihgestern (Kreis Gießen), 12. Juni. In der letzten Nacht gegen 23.30 Uhr erscholl in unserem Dorfe Feueralarm. Es brannte in der Scheune und in dem Schuppen des Wilh. Arnold VII, und der Familie M ö b u s an der Ecke Wilhelm- ftraße/Haingasse, am Südausgang des Dorfes. Die in hervorragender Weife tätige Ortsfeuerwehr in Gemeinschaft mit zahlreichen Ortseinwohnern mußte sich auf den Schutz dreier stark gefährdeter Wohnhäuser beschränken. Vorsorglich und im Hinblick auf eine weit von der Brandstelle entfernt liegende Was- serbeschaffungsmöglichkeit waren die Motorspritzen von Großen-Linden, Lollar und Grünberg an die Brandstätte gerufen worden, sie brauchten jedoch zum Glück nicht in Tätigkeit zu treten. Es gelang, den Brand auf seinen Herd zu beschranken. Mit der Scheune sind einige Heu- und Strohvorräte, mit dem Schuppen kleinere Holzmengen den Flammen zum Opfer gefallen. Die Entstehungsursache des Feuers ist noch unbekannt, die Ermittlungen sind noch im Gange. Der Feuerwehrdezernent des Landkreises Gießen, Regievungsrat Dr. Fuhr, der Kreis« feuerwehrführer Bouffier und der Leiter des Gendarmeriekreises Gießen, Leutnant der Gendarmerie Gunkelmann, trafen bald nach dem Feueralarm an der Brandstätte ein, um die Lösch- arbeiten zu leiten bzw. die polizeilichen Ermittlungen über die Brandursache aufzunehmen.
Schweinemarkk in Laubach.
* Laubach, 11. Juni. Auf dem heutigen Schweine-markt standen 22 Ferkel zum Verkauf. Es wurden 30 bis 35 RM., vereinzelt auch 40 RM. pro Stück bezahlt. Der gesamte Auftrieb wurde verkauft.
Frankfurter Schlachtviehmarkt.
Frankfurt a. M., 12. Juni. (Dorbericht.) Kälber 20 bis 65 RM., Hämmel 30 bis 51, Schafe 20 bis 44, Schweine 50 bis 56 RM. Marktverkauf: Kälber, Schafe, Schweine zugeteilt.
Heilpflanzen — Kräuter —Teesorten.
Die Hagebutte als Bitaminträger.
Auf dem Gebiete der Heilpflanzenkunde und der Heilpflanzenbeschaffung ist in den letzten Jahren eine umfassende, tiefschürfende Arbeit geleistet worden. Heute ist es weitesten Kreisen bekannt, welche Rolle die Heilpflanzen in der Medizin und für die allgemeine Gesunderhaltung spielen. Gerade im Spätfrühling ist die Zeit gekommen, in der man wieder viele Heilpflanzen im Wald und auf dem Felde sammeln kann. Zu den ersten gehören die Schlehdornblüten, die Queckenwurzeln, das Lungenkraut und die Misteln. Ueberall gibt es sachkundige Personen, z. B. Lehrer, Förster und Apotheker, die sich in den Dienst der Arbeit zur Bergung und Verwertung der Heilkräuter und Pflanzen stellen. Die Schulen, die HI. und andere Personenkreise von Erwachsenen beschäftigten sich mit dieser Tätigkeit unter sachkundiger Führung, die deshalb besonders angebracht ist, weil bei dem Einsammeln nach wie vor die Naturschutzbestimmungen eingehalten werden müssen. Nur sachgemäßes Einernten und Trocknen der Heilkräuter und Pflanzen bringt den gewünschten Erfolg.
Die große Aktion zur Erfassung der Heilkräuter, zu denen neben den Medizinalpflanzen auch die verschiedeysten heimischen Teesorten gehören, ist vor fünf Jahren von dem inzwischen verstorbenen Reichsärzteführer Dr. Wagner erstmalig veranlaßt worden, der die Reichsarbeitsgemeinschaft für Heilpflanzenkunde und Heilpflanzenbeschaffung gegründet hat. Zu den Aufgaben der ersten Abteilung gehören die pflanzengeographischen Erhebungen, die Schulung der Sammler und die Klärung der sachgemäßen wissenschaftlichen Verwertung. Gegenwärtig läuft ein Photowettbewerb des NS.-Lehrerbun- des, der die Aufgabe stellt, farbige Aufnahmen von Heilpflanzen in der Größe von 24X36 mm zu gewinnen, damit im Schulunterricht entsprechendes
Anschauungsmaterial zur Verfügung steht. Für diesen Wettbewerb, der bis zum 15. Oktober 1940 durchgeführt wird, stehen Preise bis zu 10 000 RM. zur Verfügung. Die Wettbewerbsbedingungen so- wie eine Liste der aufgenommenen Heil- und Teekräuter sind vorn NS.-Lehrerbund in Bayreuth, Hans-Schernrn-Platz, zu beziehen. Die zweite Arbeitsgemeinschaft beschäftigt sich vorwiegend mit den wirtschaftlichen Fragen und steht deshalb mit dem Reichsamt für Wirtschaftsausbau, mit dem Drogengroßhandel, mit der Gartenbauwirtfchaft und mit anderen Wirtfchaftskreifen in Verbindung.
Eine besonders wertvolle Heilpflanze ist, wie von wissenschaftlicher Seite einwandfrei teftgeftellt wurde, die Hagebutte. Reichsgesuudheitsführer Staatssekretär Dr. Conti hat deshalb die verstärkte Anpflanzung von Hagebutten befürwortet, zumal bei den letzten medizinischen Tagungen darauf hingewiesen worden ist, daß die Hagebutte als Träger des Vitamins C die Zitronen und Apfelsinen, die diese Eigenschaft gleichfalls besitzen, weitaus übertrifft Die Hagebutte besitzt das acht- bis zehnfache dieses wichtigen Lebensstoffes, der immer mehr von der Medizin angewandt wird. In diesem Zusammenhang ist es interessant, daß kürzlich die Neichsbahn- kleinwirtschaft, die sich um die landwirtschaftlich« Ausnutzung des Geländes an den Bahnen besondere Verdienste erworben hat, den Beschluß faßte, 100 000 Hagebuttenpflanzen zum Anbau ihren Mitgliedern zur Verfügung zu stellen. Auch sonst wird der Anbau von Hagebuttenpflanzen und das Ein- sammeln der wildwachsenden Früchte in erheblichem Umfange gefördert. Die wirtschaftlichen Werte, die durch den ganzen Sektor der Heilkräuter, Pflanzen und Tees geborgen werden, lassen sich zahlenmäßig kaum angeben; es handelt sich aber um Werte von vielen Millionen.' Bü.
Keine Spur von Hauck.
Roman von Lharlotie Kaufmann.
14. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Alles, was sich Huich erhoffte, hatte Joachim Keit bekommen. Kognak und Tee und Sibylles Lächeln. Im übrigen sprachen sie durchaus belanglose Dinge, als Huith ungesehen vor dem Fenster stand. Sie unterhielten sich über die Malerei des Mittelalters und waren eben bei Hans Memling angekommen. Joachim hatte in Brügge ein Madonnenbild von ihm gesehen, an das er sich nun erinnerte. Dieses Brügge war übrigens auch so eine Stadt, die einmal ein großer Handelsplatz gewesen und inzwischen fast vergessen war.
„Es gibt viele solche Dinge, die einmal groß und stark gewesen sind, und dann versinken."
„3a , erwiderte Sibylle, „und mehr, als wir wissen."
„Es ist alles sehr vergänglich."
„Man kann nichts daran ändern."
Joachim ftreifte die Asche seiner Zigarette ab. „Die Kunst ist das, was noch am längsten vorhält. Haben Sie das kleine Bild nun fertig, an dem Sie das letztemal arbeiteten?"
„Meinen Sie die leeren Aecker und die kahle Birke?"
„3a, die Spätherbftlandfchaft."
„3ch habe sie weggelegt."
„Weshalb?"
„Oh, ich habe den Spaß daran verloren."
„So?" Joachim lehnte sich zurück. Die Rauchkringel der Zigarette zerflossen im Raum. Es gefiel ihm hier. 3etzt, in der gemütlichen Wärme war es doppelt schön,. Das Rauschen der Wogen drang durch die Wände und mischte sich mit der Stille, die das Haus sonst umgab. Es wurde eine Symphonie Der Heimat daraus, inmitten der eine Frau stand, die, er merkte es von Tag zu Tag mehr, so war, wie er sich eigentlich eine Frau wünschte, ohne daß er dies bis letzt genau zu sagen gewußt hätte. Sie war heiter und lebhaft, still und verschlossen, wie der Tag es brachte. Man konnte mit ihr sprechen über die Dinge der Welt, und man konnte mit ihr schweigen. Sie war der erste Mensch, mit dem er auch schweigen konnte, ohne daß er es peinlich empfand.
Er nahm das Purliputzelchen auf und betrachtete es. „Warum haben Sie diesem kleinen Wesen hier so schräge Augen gegeben?" fragte er.
Sibylle lachte. „Ich finde sie hübsch."
„Hübsch?" Er hielt den Hampelmann mit gestrecktem Arm vor sich hin. „Er sieht höhnisch aus dadurch."
„Nein, das stimmt nicht. Er sieht weltweise aus. So, als wüßte er alles und jedes."
„Nun, vielleicht hat aber jemand, der ein Weiser ist, eben doch so etwas wie ein wenig Hohn in seinen hochgezogenen Augenbrauen stehen. Und dann habe ich nicht so unrecht."
„Worüber sollte er höhnen?"
„Ach, vielleicht über die kleinen Dinge, die wir wichtig nehmen, über das, worüber wir meinen oder lachen ... Was würden Sie übrigens sagen, wenn ich noch um eine Tasse Tee bäte?"
„Oh, ich habe vergessen. Verzeihen Sie." Sie schenkte ihm ein. Ihr Arm, der unter dem kurzen Aermel hervorkam, war rund und braun vom Sommer. Ein kleiner verwehender Geruch von Oel- farbe und Terpentin war im Zimmer und vermischte sich mit dem Duft der Zigarette.
„Sie müssen das Bild fertig malen", sagte er, „diese kahle Birke und die braunen Ackerfurchen."
„Nein, wer soll denn ein solches trübes Bild ansehen. 3ch male vieles nur halb und werfe es dann weg." Sie griff ordnend in ihr Haar und lächelte.
„Ich möchte das Bild aber für mich haben."
Sibylle sah Joachim forschend an. „Ich dachte, Sie lieben mehr Berabilder", meinte sie lächelnd.
„Nun ja, das auch. Aber die Birke hätte mir gefallen. Der hohe Himmel darüber ..."
„Ach nein, ich habe es weggeworfen. 3ch war trauriger Stimmung, als ich damit anfing."
„Sie find zuviel allein", stellte 3oachim fest. „Da muß man ja traurig werden."
„Ich bin zweimal in der Woche in der Schule von Sörup."
„Was ist das schön! 3eber Tag ist lang, und da haben Sie nichts um sich als höchstens ein paar Krähen oder Möwen. Die Strandschwalben sind auch längst weg."
„Manchmal besuchen mich die Fischer von Stein Wenn sie einen guten Fang haben, kommen fie~ hier vorbei und bringen mir etwas."
„Heringe?" fragte er fröhlich. „Ach ja, ich weiß, meine Heimat ist eine Heringstadt. Eine Makrelen
stadt. Früher habe ich gar nicht gewußt, daß so viele Fische hier gefangen, verkauft, verladen und verarbeitet werden. Als ich weg war, dachte ich immer an die vielen Frachtdampfer und Segel- schiffe, die in den Hafen einliefen. Und jetzt sehe ich, daß das doch eigentlich recht bescheiden ist. Die Ostsee ... sie ist sehr klein, nicht wahr?"
„Oh, mir ist sie groß genug."
Sie horchten beide hinaus auf das Brausen der Brandung und schwiegen. Sibylle hatte die Hände im Schoß übereinander gefaltet, und die Wimpern lagen halb auf ihren Wangen. Ihr Herz war merkwürdig still und zufrieden. Zedesmal, wenn Joa- chim Keit kam, war es still und zufrieden in ihr. Ein Gefühl von Geborgenfein durchströmte sie dann, das sie nie zuvor gekannt hatte, nie in ihrem ganzen Leben.
„Habe" ich Ihnen schon erzählt, daß Mjölln aus- gerissen ist?" fragte Joachim. „Sein Sekretär Fromme! hat mich ,angerufen. Er war in heller Verzweiflung."
Sybille schlug die Augen auf. „Doktor Mjölln? Er hat sicher viel Arbeit."
„Ach, so schlimm wird es nicht sein. Er ist ein komischer Kauz. Kein Mensch weiß, wohin er ist."
„Dieser Fromme! ist ein tüchtiger Mensch, nicht wahr? Er ist manchmal in Stein und fragt die Leute aus." Sibylles Mund lächelte noch, aber ihre Augen waren mit einemmal wieder traurig geworden, und Joachim ärgerte sich, daß er sie an die Kanzlei von Dr. Mjölln erinnern mußte und damit an die Vergangenheit, die doch endlich einmal vergessen werden sollte.
„Das muß sich erst zeige»", entgegnete er. jedenfalls bemüht er sich, und das ist allerdings etwas wert."
jch glaube nicht, daß sie noch etwas feststellen werden. Es ist so lange her, und meine Hoffnung .. . tatsächlich, ich bin daran, sie zu verlieren."
„Oh, irgend etwas werden sie schon herausbringen. Es fragt sich nur, ob Sie ein Ergebnis, wenn es traurig ist, tragen können."
„Ich bin mit jedem Ergebnis zufrieden. Wenn es nur ein Ergebnis ist."
Ihre Augen begegneten sich und gingen wieder auseinander. Das Rauschen des Meeres klang wieder durch die Wände, eine Uhr tickte verloren irgendwo, und aus der Vitrine starrte die häßliche Fratze einer balinesischen Teufelsmaske.
In diesem Augenblick kam Joachim der Gedanke, sie aus der Umgebung ihrer Erinnerung fortzunehmen. Wenn es auch nur für kurze Zeit war. Und er erzählte ihr, daß er Weihnachten in die Berge zu fahren gedächte.
„Ich nehme Sie mit, und dann werden Sie mit: ein Bergbild malen mit dick verschneiten Tannen, wenn Sie schon die kahle Birke roeggeroorfeit haben."
Ihr Gesicht wurde träumerisch.
„Ich fahre nach Oberstdorf", erklärte er, „obet! sonst irgendwo ins Allgäu. Da gibt es schon Schnee viel Schnee, und dann vergraben wir uns eilt paar Tage oben auf einem einsamen Gipfel. Ich nehme meine Schier mit, und Sie binden sich Schnee- reifen an die Füße, und dann ... ja, passen Si» auf, dann werden wir viel lachen. Ich glaube näm« lief), daß ich fchifahren verlernt habe. Es sind eilt paar Jahre her, daß ich in Norwegen war."
„Sie sollen mir nicht immer so verlockende Einladungen machen", erwiderte Sibylle. „Ich biit fähig und sage ja." r
„Das sollen Sie auch. Rasch sollen Sie ja sagen.
Und wieder begegneten sich ihre Augen. Die voir Joachim waren halb fröhlich und halb trotzig, b<r er ein wenig an Jngeborg Petersen dachte, aber bie von Sibylle waren ganz offen und klar.
„Vielleicht", sagte sie leise, und sie dachte, wi» es wohl sein würde hoch oben auf dem Ber^ nachts, ganz ohne das Rauschen des Meeres.
*
Als der Dampfer „Rapoll" aus dem Hafen glitt beruhigte sich Mjölln. Es tat ihm gut, nichts anderes mehr zu sehen als die endlose, dunkelgrüne, furchige Fläche mit den weißen Wellenkrönchen.
Der kleine Frachter fuhr nach Norden. Es war diesig und kalt, aber an Backbord in der Ferne zog die Küste mit hinauf, denselben Weg wie das alte Schiff, verschwommen, blau, wie ein Märchen.
Mjölln sah ftnnenb hinüber. Er tjatte den Mantelkragen hochgeschlagen und die Hände in beij Taschen vergraben. Der Wind zerrte an der Fahne, die hinter ihm am Heck flatterte. Er war der einzige Fahrgast, denn Rapoll war ja nichts roeiteß als eine einsame und hoch im Norden des Reiches! gelegene Ortschaft mit wenigen Häusern, einem j winzigen Hasen, ein paar Läden und viel Gärten,» Wer sollte da schon hinfahren!
(Fortsetzung folgt.)


