Nr. 241 Zweiter Blatt
Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefsen)
Zrettag.ll. Oktober 1940
Aus der Stad« Gietzen.
Der Baum des Heils.
Don U A. v. Lütgendorff.
Wer jetzt die schwarzglänzenden Holunderbeeren ernten will, braucht nicht allzu weit zu gehen, denn auch in der Stadt zwängt sich der buschige Strauch da und dort in eine Ecke im Hof, druckt sich an eine Mauer oder grünt da, wo Schutt abgetanen wird. Ohne den mindesten Anspruch auf Pflege wächst der Holunder kräftig und schnell in die Höhe, blüht und fruchtet, und daß man chn einst den „Baum des Heils" nannte, war wirklich berechtigt. Er war die „Hausapotheke" unserer Borsahren, war der gute Geist des Hauses, weil in ihm die segenbringende „Hollermutter" wohnte. Wer es verstand, der konnte sich aus den Blüten dufttge Strauben backen und aus den Beeren eine gute Suppe oder ein feines Würzmus.
Zweierlei muß bei der Holunderbeeren-Ernte beachtet werden. Erstens, daß man nur bei ttockenem Wetter und zweitens, daß man nur Vollreife Beeren pflückt. Ist der Vorrat größer als der augenblickliche Bedarf, so kann man die schönsten Dolden an den Stengeln an Fäden reihen und an einem luftigen Ort ttocknen lassen. Am besten zum Kochen eignen sich die Beeren freilich frisch vom Strauch — auch bei der Marktware muß man darauf sehen, daß sie möglichst frisch sind —, aber ein paar Küchenkniffe gehören immerhin dazu, wenn sie schmecken sollen.
Die Holundersuppe, in manchen Gegenden auch als Fliedersuppe bekannt, verlangt unbedingt einen würzigen Beigeschmack, wie etwa einen Schuß Rotwein und ein wenig Kuchengewürz. Die gekochten und gezuckerten Beeren werden mit Milch und Mehl angerührt, und wenn die Suppe fertig ist, gibt man noch in Fett geröstete Semmelwürfelchen dazu. Uebrigens schmeckt sie kalt fast besser als warm.
Sollen Holunderbeeren als süßes Gemüse zubereitet werden, so kocht man frische Pflaumen, Aepfel oder Birnenschnitten mit ünb bestreut das gut gezuckerte fertige Gericht mit gerösteten Semmelbröseln; ein paar Spritzer Likör oder Rum zu allerletzt geben dem Gemüse noch ein besonders gutes Aroma. Ein echtes und rechtes, wohlschmeckendes und bekömmliches Herbstessen ist auch das Holunderbeeren-Kompott, das man mit Zitronenschalen würzt — auch mit ein wenig Zimt, wenn man noch ein Nestchen im Vorrat hat — und dann wie die Suppe zuckert und mit gerösteten, würfelig geschnittenen Semmeln anrichtet. Zu Tisch soll das Kompott weder kalt noch warm, sondern lauwarm gebracht werden.
Zur Marmelade, zu der die Beeren sehr reif und trocken fein Müssen, dünstet man sie weich, treibt sie durchs Sieb, zuckert und kocht sie unter fortwährendem Rühren eine Viertelstunde lang, worauf man die Masse noch warm in die Einmachgläser füllt. Auch die Marmelade läßt sich verfeinern, wenn man Aepfel, Birnen ober Pflaumen ober alle drei Früchte gleichzeitig, mitkocht. Beim Hollermus kann man das Angenehme zudem noch mit dem Nützlichen verbinden, da es lindernd auf Husten wie überhaupt Katarrhe einwirkt. Damit beginnt auch schon das Kapitel „Hausapotheke", denn im Holunderstrauch stecken wirklich allerhand Heilkräfte.
Wie gut ber „Fliedertee", d. h. ber Tee aus Holunderblüten, wirkt, wenn man eine Erkältung anrücken fühlt unb den Tee mit einem Zusatz von Zitronensaft recht heiß am Wend vor dem Schlafengehen trinkt, weiß jeder, der dieses famose Schwitzmittel einmal probierte. Der aus den Beeren gepreßte Saft, den man in früheren Zeiten auch in ber Färberei verwenbete, tut gute Dienste bei Neuralgien, unb auf dem Lande, wo sich viel altes Heilweistum erhalten hat, werden auch Blätter unb Rinde des Strauches — die Blätter vor ber
Blüte gepflückt unb bie Rinbe im Frühjahr ober Spätherbst abgenommen — in Form von Aufgüssen ober Extrakt gegen rheumatische Schmerzen ober bei Nierenerkrankungen gebraucht. Sollte Möbel- holz vor Wurmfraß geschützt werben, so rieb man es früher mit Holunberdlätter-Saft ein, unb kochte man die Blätter in Wasser, so gatt der Absud als wirksames Mittel gegen die sommerliche Fliegenplage. Ein kräftiger Schnaps aus Holunderbeeren ist, nebenbei bemerkt, auch nicht zu verachten.
Die alten Deutschen hielten vom Holunderstrauch noch viel mehr, ja sie hatten einen solchen Respekt vor ihm, daß sie, wenn sie Aeste von ihm schneiden wollten, vorher vor ihm nieberfnieten unb einen feierlichen Spruch sagten, um sich für diese Entweihung zu entschuldigen. Ein Holunderstrauch vor dem Haus, dem Stall ober ber Scheune gilt als Schutz gegen Blitzschaden. Sogar den Schatten seines Laubwerkes hielt man für segenbringend.
Im Althochdeutschen hieß der Holunder ,cholun- tar" oder „holantar", was soviel bedeutet wie „hohler Baum". Sitzt boch das Mark in den jungen Aesten tatsächlich so lose, baß jebes Kinb Röhren aus ihnen machen kann. Auch wiegen sie so leicht, als wären sie wirklich hohl.
DorNvtizen.
Tageskalender für Freilag.
Stabttheater: 19.30 Uhr ,Zvhannisfeuer". — Gloria-Palast, Settersweg: „3ub Süß". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Der Tiger von Eschna- pur".
Sladtthealer Gießen.
Am heutigen Freitag wirb bas Schauspiel von Hermann Subermann „Johannisfeuer" wiederholt. Spielleitung: Hans Albert Schewe. Bühnenbild: Karl Löffler. 4. Freitag-Miete.
Ortszeit für den 12. Oktober.
Sonnenaufgang 7.46 Uhr, Sonnenuntergang 18.36 Uhr. — Monduntergang 3.24 Uhr, Mondaufgang 17.11 Uhr.
Georg Todt 87 Jahre alt.
Am morgigen Samstag, 12. Oktober, wird der nicht nur in Sängerkreisen, sondern darüber hinaus auch in der Gießener Bevölkerung weithin bekannte frühere Verwalter des Klub, Georg Todt, Stephanftraße 43 wohnhaft, in körperlicher und geistiger Frische 87 Jahre alt. Seit 66 Jahren gehört Georg Todt dem Bauerschen Gesangverein als aktiver Sänger an, seit 1908 war er lange Jahre 1. Vorsitzender des Vereins. Nachdem er dieses Amt mit Rücksicht auf sein Alter niedergelegt hatte, blieb er weiterhin aktiver Sänger. Im Jahre 1924 wurde er anläßlich des 60jährigen Bestehens des Bauerschen Gesangvereins und im Hinblick auf seine 50jährige Zugehörigkeit zum Kreise der aktiven Sänger zum Ehrenvorsitzenden ernannt, gleichzeitig errichtete der Bauersche Gesangverein zu Ehren des Jubilars eine „Georg-Tobt-Stiftung", beren Zinsen bazu bienen, in Not geratenen aktiven, Sängern eine Unterstützung zu gewähren. Weiterhin gehört Georg Tobt seit vielen Jahren ber Gießener Kame- rabschaft ehemaliger 116er an. Dem allseits beliebten Jubilar bringen auch wir unsere herzlichen Glückwünsche zu seinem morgigen Geburtstage bar.
Arbeitsdienst kehrt nach Gießen zurück
Eine vom Einsatz in Frankreich nach Gießen zurückgekehrte Abteilung bes Reichsarbeitsbienstes wirb am heutigen Freitagmittag, 13 Uhr, auf bem Lanbgraf-Philipp-Platz empfangen unb öffentlich begrüßt werben. Den Willkommengruß ber Partei wirb als Stellvertreter bes auswärts roeilenben Kreisleiters Kreisgeschäftsführer Weber von ber Kreisleitung Wetterau übermitteln. Als Vertreter ber Stabt Gießen wirb Oberbürgermeister Ritter zu ben Arbeitsbienftmännern sprechen.
Werdendes Leben ...
Werbenbes Leben muß rücksichtslos sein, um zu werben! Es nimmt von feiner Mutter all bie Stoffe, bie es notwenbig zum Wachstum braucht, ohne zu fragen, ob bie Mutter selbst genug von ben lebenswichtigen Stoffen hat. Die Mutter muß biefe Zusammenhänge kennen, um sich richtig zu ernähren, damit sie unb ihr Kind gesund bleiben. Bei unrichtiger Ernährung entstehen Schöben bei der Mutter unb oftmals auch noch beim roerbenben Kinb, bie zuweilen nur schwer wieber auszumerzen sind unb beim Kind bleibenden Schaben bewirken können. Darum ernährt euch gesunb, ihr bient euch unb dem Kind! Diese Forderung wird vom Vollkornbrot erfüllt, denn es enthält fast alle wichtiaen Lebensstoffe, die der Mensch zu seinem körperlichen Wohlbefinden braucht, in natürlicher Harmonie. Eßt also Vollkornbrot, doch achtet auf das Gütezeichen mit der Gesundheitsrune!
Erbkranke und Unfruchtbare können heiraten.
NSG. Erbkranke müssen auf Nachwuchs verzichten, weil das Wohl des Volkes es von ihnen verlangt. Es gibt aber auch erbgefunbe Menschen, bie keine Kinber haben können, weil sie aus irgenb- welchen Gründen unfruchtbar sind. Sowohl Erbkranke, als auch Unfruchtbare brauchen aber trotz- bcm nicht auf die Ehe zu verzichten. Die Ehewahl ist allerdings nicht so leicht wie für die meisten anderen Menschen, da Ehen zwischen einem unfruchtbaren und einem fruchtbaren Partner heute nicht mehr geschlossen werben bürfen. Die Beratung für
Erbkranke unb Unfruchtbare erfolgt burch bas Rassenpolitiscbe Amt ber (Bauleitung Hessen-Nassau, Gießen, Friedrichstraße 18. Durch bas Gauamt erfolgt auch eine Vermittlung berartiger Ehen zusammen mit einer für bas ganze Reich eingerichteten Ehevermittlungsstelle.
Kein »Karpfenfest" - kein Wettangeln.
Das vor einigen Tagen geplante „Karpfenfest" mit Wettangeln ber Gießener Sportfischer in bem Teiche an ber Schlageter-Anlage, bem sog. Karpfenteich, kann aus oerschiebenen Grünben nicht statt- finben. Das Wasser bes Teiches wirb nun in ber nächsten Zeit abgelassen unb ber Teich ausgefifchl werden. Die Ausbeute bes Fanges soll burch bie hiesigen Fischgeschäfte an bie Gießener Bevölkerung zur Abgabe kommen. Eine Lieferung nach auswärts wie bei bem Abfifchen vor einigen Jahren unterbleibt biesmal.
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** Kriegsauszeichnung. Dem (Befreiten Wolf Grämlich, Robheimer Sttaße 49 wohnhaft, würbe für Tapferkeit vor dem Feinde das Eiserne Kreuz 2. Klasse verliehen.
** Dienstjubiläum. Beim Versorgungsamt Gießen beging am gestrigen 10. Oktober der Der- wattungsasjistent Wilhelm Rinn sein 25jähriges Dienstjubiläum. Dem Jubilar wurde in würdiger Weise von dem Leiter des Versorgungsamts Gießen das vom Führer verliehene Treudienst-Ehrenzeichen in Silber mit ben besten Glückwünschen ausgehän- bigt unb ihm zugleich ber besondere Dank für seine dem Reiche geleisteten treuen Dienste ausgesprochen.
Gießener Vortragsring.
3um Vortragsprogramm 1940/41 des Goethe-Bundes, Kaufmännischen Vereins und der NGG. »Kraft durch Freude", Volksbildungsstätte Gießen.
Don Dr. Otto Henning.
Mitten im Kriegsgeschehen, mitten in der Stunde höchster weltpolitischer Kämpfe und Entscheidungen rufen wir die Volksgenossen unserer Universitätsstadt Gießen zum Besuch bes vielgestaltigen Dor- tragsprogramms. das der Goethe-Bund, der Kaufmännische Verein unb bie Volksbildungsstötte Gießen im Gießener Vortrags ring zusammengestellt haben. Ein kühnes Unternehmen unb bennoch eine bringenb erforderliche Aufgabe, bie zugleich bem Gießener Vortragsring Daseinsberechtigung, ja Da- feinsnotwenbigkeit gibt. Das beutsche Volk hat in biefer großen unb roeltengeftaltenben Epoche seine ganze Kraft, Zeit unb Begeisterung in bie Waagschale biefer einmaligen Entscheibung zu werfen. Wir alle, bie wir biefe große Zeit miterleben unb an ber Erfüllung biefer großen Entscheidungen mit« zukämpfen haben, müssen immer wieber und wieber aus bem ewigen Quell beutschen Kulturschaffens und deutschen Geisteslebens neue Kraft und unbeugsame Entschlossenheit schöpfen. So gilt es in ben Stunben ber Besinnung unb der gemeinsamen Einkehr der Dichter, ben Schriftsteller, den Wissenschaftler unb Gelehrten zu uns sprechen zu lassen, um damit feste und dauerhafte Brücke« vom Volksgenossen zur Dichtung, zu den geistigen Kraftquellen und zu unserem deutschen Buch zu schlagen. Das ist Inhalt, Zweck und Aufgabe des Vortragsprogramms 1940/41 des Gießener Vortragsringes.
Wie in jedem Jahr, so steht auch diesesmal wiederum die Reihe ber Dichterlesungen im Mittelpunkt ber neuen Vortragsfolge. Ingber ersten Dichterlesung, die zugleich als Gießener Kundgebung aus Anlaß ber Woche des deutschen Buches 1940 statt- findet, wird ber Ostmärker Bruno Brehm, Träger bes Nationalen Buchpreises 1939, aus feinen Werken lesen. Brehms große Kriegstrilogie ist zu
ben stärksten Werken vom Weltkrieg zu rechnen. Es ist daher in diesen Tagen von ganz besonderer Bedeutung, diesen Dichter zu uns sprechen zu lassen. Zur zweiten Dichterlesung ist Marie Hamsun, die Gattin des großen norwegischen Dichters Knut Hamsun, gewonnen worben, um aus ben Werken von Knut Hamsun unb aus eigenen Büchern zu lesen. Die Lesung von Frau Marie Hamsun, bie auf Einladung der Abteilung Schrifttum bes Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda unb der Norbischen Gesellschaft eine längere Nor- tragsreise durch das Reich unternimmt, dürste sicherlich für unsere Universitätsstadt Gießen ein besonders seltenes Ereignis bedeuten. Es folgt eine Dichterlesung des siebenbürgischen Dichters Heinrich Zillich, der für feinen hervorragenden Roman .Zwischen Grenzen und Zeiten" 1937 mit bem Literaturpreis ber Reichshauptstadt Berlin ausgezeichnet mürbe. Eine bofonbere Freube wird ben Gießener Schrifttumsfreunben bie Lesung bes Dichters Hans Carofsa bereiten, besten tiefgründiger unb feinsinniger Vortrag aus Anlaß ber 25-Jahr-Feier bes Goethe-Bundes Gießen noch in aller Erinnerung stehen wird. Diesmal wirb ber Dichter aus feinen Werken lesen. Ein literarisches Erlebnis von nicht geringerer Bedeutung ist bie Lesung von Erwin Guibo Kolbenheyer,. bie bereits für ben vergangenen Winter vorgesehen war und wegen Verhinberung bes Dichters verschoben werben mußte. Schließlich ist noch der bekannte Dichter Heinrich Spoerl zu einem Dichterabenb nach Gießen eingeladen worden. Der Name des Dichters ist auch in unserer Stadt durch seine. Bücher unb seine Filme bestens bekannt.
Nicht minder bebeutfam ist die Reihe ber allgemeinen Vorträge, die Goethe-Bund, Kaufmännischer
(Nachdruck verboten.)
45. Fortsetzung.
Springer empfing sie Frau Röhl und lehnte die Bitte ab. Sie verließ die Wohnung — Leuten? die sie sahen, fiel ihr verstörtes Aussehen auf. Zu ihren Angehörigen ist Fräulein Ellrich nicht zurückgekehrt, fonbern — nun, Sie wissen ja burch eigene Beteiligung, wie es weiterging ..." Er stützt leicht bie Arme auf unb legt bie Hanbflächen aneinanber. „Nun hat ja bas Schicksal selbst, so hart es bie beiben Menschen traf, bennoch alle Hinbernisse zwischen ihnen beseitigt. Tjaben wird wieberkom- men. Der Haftbefehl gegen ihn ist zurückgenommen." Bergholz* steht auf, um sich zu verabschieben.
„Hoffentlich kommt er halb", sagt er noch.
2 2. Kapitel.
Pahl hat in ber Abenbbämmerung seine Gemüsebeete begossen. Er stülpt bie Kanne neben dem Brunnen um, hott aus ber Tasche sein Steingutfläschchen mit bem Schnupftabak, nimmt bebächtig eine Prise unb niest banach ein paarmal. Vom Nachbararundstück her ruft einer „Prost!" — „Dante T ruft Pahl zurück unb schnäuzt sich ge- roaltig in sein rotbuntes Taschentuch. Dann seufzt er unb stapft langsam zur Vorlaube, in ber seine Frau sitzt. Er setzt sich auch unb greift nach ber Zeitung, legt sie jeboch wieber auf ben Tisch zurück. „3s schon zu schummrig zum Lesen", brummt er.
„Ooch zum Stricken", ergänzt seine Frau, steckt bie Nabeln fest unb rollt ben Strumpf, an bem sie arbeitet, um das Wollknäuel. Ihr Blick schweift hinaus über bie blühenben Büsche — halb wirb bie Flieberpracht hin fein. Da sieht sie einen Mann bie kleine Gartenpforte öffnen. „Guck mal, Vater, wer kommt benn ba noch?" sagt sie.
August Pahl breht sich um. Dann schnellt ber sonst so Schwerbewegliche förmlich empor. „Mutter, bet is ja Klaus! ..."
Er tritt bem Näherkommenben entgegen, packt ihn bei ben Armen. „Mensch, ba biste ja!" Sein bickes rotes Gesicht strahlt vor Freube. „Na, benn komm man, setz dir man."
Klaus reicht ihm die Hand, streckt sie dann der alten Frau hin. „Guten Abend, Mutter Pahl!"
„Juten Abend, Klaus! ... Sie hält seine Hanb fest. „Sind Sie bet benn wirklich? Janz abjemagert sehn Se aus! ... Der Anzug, ber schlottert man so um Ihnen ... Det is boch berJute Blaue, den Se sich erst im Winter jefooft hatten, und nu alle Tage uff 'n Leibe, nid) wahr? ... Janz vertragen siehta nu aus! Wo roarnfe benn bloß so lange?"
„Nu frag nicht so Dille! Er kann bir bet alles nachher ja erzählen. Jeh un hole wat zu effen für Klaus; mach ihm 'n paar Rühreier!" sagt Pahl, ihren Wortschwall hemmenb.
Sie dreht sich auch sogleich um. „Ja, ja, ick mach ja schon! Aber ..." Sie tritt wieder zu Klaus, legt ihm bie Hände auf die Schultern. „Wie wir uns freuen, bet Se nu enblich jekommen sind!" sagt sie.
Bergholz starrt ben Untersuchungsrichter an. „Un- ausdenkbar!" murmelt er.
„Für mich nicht", sagt Herr von Hanke unb setzt sich wieber an feinen Schreibtisch. „Der Mann war sowieso am Enbe." - _ . e
Sie schweigen beibe eine Weile. Ihre Gebauten halten vor dem letzten Dunkel, hinter bem bie Tat verhüllt bleibt. „Nun fehlt uns noch immer der Tjaben", sagt bann der Untersuchungsrichter.
„Ja", nickt Bergholz, „käme er nur balb!" „Das ist boch für Sie nicht mehr bringenb?" .
„Aber für Fräulein Ellrich ... Noch ist sie un Krankenhause unb nicht außer Lebensgefahr. Man mochte ihr so gerne helfen."
Der Untersuchungsrichter sagt daraus nichts, blickt zu Bergholz mit einem kleinen nachdenklichen Lächeln hin. Ohne den Kopf zu heben, fährt dieser fort: „Sie war eigentlich schon über bie Grenze, als ich sie zurückhotte ... war völlig leblos. Und nun ... ich könnte über bas Gelingen ber Rettung — dieser Tat, bie mir selber etwas war wie eine Anerkennung ... etwas, das mir meine Selbstachtung miebergab — ich könnte nicht mehr froh darüber sein. Wie sollte diese Frau das Lriien weiter ertragen, wenn sie erfuhr, daß Klaus Tjaden als Mörder verfolgt wurde?"
,Za", sagt der Untersuchungsrichter leise. „Ja, ja." Er blättert bie Seiten ber vor ihm liegenden Akten um, räuspert sich und streicht mit dem Handrücken über ein Blatt. „Also hier haben wir es
Tjaden hatte sich an einen Anwalt gewandt 'zwecks Scheidung feiner früheren Ehe, die aus einem nicht ersichtlichen Grunde rechtlA ungetrennt blieb " Er blickt auf und wendet das Gesicht wieder Bergholz gu. „Öder wissen Sie da eine Erklärung?
Bergholz schüttelt leicht den Kopf. ..Wie sollte ich? Wer kannte die Frau, wie sie wirküch Bar?7. Vielleicht war der Rest eines echten Ge. fübls noch wach? ... Sie galt als launenhaft. Kann nicht biefe Launenhaftigkeit einen inneren Widerstreb verraten haben, e.ne Auflehnung des Besseren in ihr, das non dem anderen, dem Schlim- Terr "ante E°mit der Schulter blickt fp;ne Akten. „Fräulein Ellrich hat am läge der Tat, vormittags, Frau Röchl^ausgesucht, U^von ihr die Emmi« erbitten", fährt er fachlich fort. „Im -veisem oer
KlansfängteinneuesLßbenaii
Roman von Helene Kalisch
Copyright 1939 by Prometheus-Verlag Dr. Eichacker, Gröbenzell bei München
„Unb beine kleine Kammer haben wa bir natürlich frei jehatten, unb ber Schecke tieft ooch immer nach be Stalltüre, bet bu nid) mehr bei ihm kommst", ergänzt Pahl noch bie Begrüßungsworte.
„Morgen früh füttre ich ihn wieber!" sagt Klaus.
„Is jut", nickt Pahl, schiebt ihm bann bas auf bem Tisch stehenbe Weißbierglas hin. „Trink aus! Is bloß noch 'n Rest drin, aber ick hab' hier noch 'ne Flasche."
Klaus trinkt das Glas leer, unb Pahl gießt wieber ein. „Nimm man jleich noch ’n Zug, wirft ja mäch- tijen Durscht haben ..."
Nachbem Klaus noch einmal getrunken hat, labt sich Vater Pahl auch am Weißbier, setzt bas Glas auf ben Tisch unb wischt sich ben Schaum aus bem grauen Schnurrbart. „Wieber ziemlich warm heute", fährt er bann gemächlich fort, als wäre bas Gleichmaß ber Tage nie unterbrochen worben. „Jestern sah et nach Jewitter aus, kam aber nischt, et zog wieber ab."
„Bei mir baheim, an ber Küste, kam es ’runter", entgegnet Klaus.
„So? — Unb ba warste? — Det habe ick mir ja jebacht! Unb ba willste wohl ooch wieber hin?"
„Ja — fobalb es geht", stimmt Klaus zu.
„Unb ba kannten sie mich noch", fährt er nach kurzem Schweigen mit Sprechen fort. Er erzählt, wie er von bem Lehrer Klaaß, einem alten Freunbe seines Vaters, aufgenommen worben war. „Die alten Leute haben sich sogar bereiterklärt, mir beizustehen, wenn es soweit sein wirb, baß ich mich ba wieber ansässig machen kann", sagt er.
„So? — Unb nu meenfte, du müßtest erst wieder dahin, um solche zu finden? — Und von uns weeßte nischt, die dir bet ooch schon jeflüftert Ham, bet se nid) bie Tasche zuknöppen woll'n, wenn et jilt, wat 'rauszurücken für euch zum Anfang?" läßt sich Pahl gekränkt vernehmen.
Es ist bereits fast völlig bunfel in ber Vorlaube, er kann nicht mehr ben Ausbruck im Gefickt Klaus Tjabens erkennen. Der legt feine Hand auf bie bes Fuhrmanns. „Ja, ihr!" sagt er nur leise. Unb nach einem kurzen Schweigen setzt er hinzu: „Ihr wart bie ersten — Maria unb ihr — bie wieber ben Menschen in mir sahen unb nicht ben Strolch! Glaubst bu, bas vergesse ich jemals?" Er hat wieber ben eigentümlich schweren Ton, bei bem es Pahl immer komisch zumute wirb. Er wehrt sich jetzt ba- gegen unb brummt: „Na, so schwer war bet ja nu nid), ben anftänbijen Kerl in bir zu erkennen."
„Es war jetzt aber ein Steckbrief nach mir erlassen!" fährt Klaus mtt verhaltener Erregung fort. „Daß sie mich nicht schon unterwegs geschnappt haben, begreife ich kaum. Unb vor solchem Verfolgten sperren boch bie anberen — die anerkannt Anständigen — ihre Türen zu!"
rau Pahl kommt unb bringt ihm zu essen; sie auch eine Lampe in die Vorlaube. Auf feine
Frage nach Maria erzählt bie alte Frau, in welch schweren Sorge sie gewesen seien. „Immer Fieber über vierzig Grab hatte se unb kannte feenen, war janz wirr. Unb jlooben Se, Klaus, bet ick Angst bavor hatte, wenn se wieber klarer sein unb zu fragen anfangen würbe? — Unb richtig, als ick letztens Hinjing, ba war fe besser unb kannte mfr, freute sich ooch ’n bißken, bet ick bei ihr kam. Und bann fragte se: Wo is benn ber Klaus? — Wett sollte ick nu sagen? — Man wußte boch jar nischt — bloß, bet bie Kriminalpolizei nach Ihnen suchte, weil Sie bet jewesen sein sollten, ber bie Theater» batne, die Ihre frühere Frau war, dotjeschossen hat. Und da sagte ick: Der Klaus is weg, in feine Heimat — und bet stimmt ja nu woll-ooch? Die Maria foh mir bloß an, unb ihre Augen waren traurig. Nach ’ne Weile sagte se janz leise: ,Ob er mal roieberfommt?' ,Det wirb er schon, Martekeiti, sagte ick, unb mir war zum Heulen. Zum Ilück kamen da bet Fräulein Weber unb der Doktor Bergholz zu Maria ans Bett; und die waren so nett zu ihr und freuten sich, det se feen Fieber mehr hatte ..."
„Was sind bas für Menschen?" fragt Klaus.
„Feine Leute!" entgegnet Mutter Pahl mit Ueberzeugung. „Es is ’n Zahnarzt unb sie ’ne Lehrerin. Und fe woll'n sich beebe beiraten, ^aber er muß erst von seiner Frau jeschieben werben — beinah so wie Sie, Klaus, aber bei Ihmn is bet ja nu nich mehr nötig! Is et nid) so, als verstehn bie jungen Leute bet nich mehr, sich ben richtijen Lebensjefährten zu suchen? ... So ofte steifen fe erst baneben!"
„Na, nu schweife nicht zu weit ab, Mutter, Klaus weeß boch nich, wie bet alles zusammenhängt", mahnt Pahl.
Sie erzählen dann abwechselnb von allem, was sich währenb seiner Abwesenheit zugetragen hat. Das anfänglich für Klaus Verworrene klärt sich allmählich, und bas Ereignis, das ihn wieber hinaus auf bie Lanbstraße getrieben hatte, ersteht noch einmal mit ber Deutlichkeit vor ihm. Er sieht Di et» muthe unter bem Licht der Deckenkrone — schön, aber ihm fremb geworden, wesenlos für ihn. Er sieht einen Mann auf sich zuspringen — den schlanken blonben Mann mit der Brille ... Er schlägt nach ihm, sieht ihn taumeln und fallen, zugleich krachen hinter ihm die beiden Schüsse, der Luftdruck schlägt gegen sein Trommelfell, macht ihn für Sekunden taub ... Er sieht Dietmuthe die Arme hochwerfen und vomüberstürzen ...
Jetzt muß er hören, daß dieser Mann, den er zu Boden schlug, zuerst als ber vermeintliche Täter verhaftet worben ist. Er mürbe am Tatort angetrof. fen, währenb er selbst unb der anbere, der die Schüsse abgegeben hatte, aus der Wohnung geflohen waren...
(Schluß folgt!)


