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Vom ägyptischen Kriegsschauplatz

London unter ständigem Bombenhagel

den gewaltigen Umweg um das Kap der Guten Hoffnung herum machen mutz.

Aber nicht nur in der See- und Luftkriegfüh- rung, auch im Landkriege haben die Italiener das Gesetz des handelns an sich gerissen, Huven die Eng­länder in einem Maße oerfagt, das in schärfstem Kontrast zu ihrem Anspruch auf Weltherrschaft steht. Somaliland ist im unaufhaltsamen Angriff über eine fast wasserlose Wüste von 200 km Länge und über ein Hochgebirge hinweg in 14 Tagen von den italienischen Truppen überwunden und der ent­scheidend wichtige Hafen Berbera am Golf von Aden genommen worden, womit die italienische Luftwaffe Aden, die britische Zwingburg zur Be­herrschung der Straße von Bab el Mandeb, unmittelbar bedroht. Die Räumung des ganzen So­malilandes durch Engländer ist in der nicht eng- landhörigen Welt als ein Fanal des Niederganges des britischen Weltreiches gewertet worden.

Die italienische Offensive gegen Aegypten, die erste in der Geschichte, die von Westen aus erfolgt, hat zwischen der Meeresküste und dem Rande der libyschen Wüste binnen 5 Tagen zwei starke englische Verteidigungsstellungen überrannt und mit der Einnahme von Sidi el Barani einen 100 km tiefen Brückenkopf auf ägyptischem Gebiet geschaffen. Der erfolgreiche Einsatz einer ge­waltigen Menge von Panzerkampfwagen trotz schwe­rer Sandstürme war eine Glanzleistung der Italie­ner und kam den Engländern völlig überraschend. Andererseits soll bei den Engländern, die in Aegyp­ten über viele Hunderte von Tanks und Flugzeu­gen und über ein Heer von mindestens 200 000 Mann verfügen, die Treibstoffversorgung versagt haben. Somit ist England, das bis zum Zusam­menbruch Frankreichs die günstigsten Aussichten für einen Angriff auf das zwischen französischem und englischem Herrschaftsgebiet eingekeilte Libyen ge­habt hätte, auch hier im Vorfeld des Nildeltas und des Suezkanals in die Verteidigung gedrängt wor­den.

Damit hat der Entscheidungskampf um eins der wichtigsten Bollwerke der britischen Mittelmeer- und Weltherrschaft begonnen. Nach den bisherigen Lei-

Das Ziel des ersten siegreichen Vorstoßes der italienischen Truppen an der Cyrenaika-Front über Sollum hinaus war der wichtige englische Stützpunkt Sidi el Barani im westägyptischen Grenz­gebiet. Unser Bild zeigt einen Teil von Sidi el Barani, wie es sich vom Flugzeug aus darbietet. (Scherl-Bild erdienst-M.)

zwischen den UdSSR, und Deutschland stattfinden. Die TASS ist ermächtigt, zu erklären, daß alle diese Informationen keineswegs der Wirk­lichkeit entsprechen, in allen Tellen er funden sind und zur Kategorie jener Alarmmel­dungen gehören, die zum Zwecke der Provo- k at i on verbreitet werden."

Flucht aus dem Dollar.

In einer ganzen Reihe von Ländern, besonders in der Schweiz, sind starke Verkäufe von Dollarnoten und Dollarguthaben zu beobachten. Auch werden vielfach von den Kapita­listen dieser Länder amerikanische Wert­papiere verkauft und der Erlös aus den Verkäufen aus den Vereinigten Staaten abgezotzen. In dieser ganz spontanen Bewegung liegt ein sehr merkliches Anzeichen der Beruhigung in Europa s e l b st. In der Schweiz ist der Kurs des Dollar schon um eine Kleinigkeit unter den Regelkurs gesunken. Es handelt sich dabei nicht um die Höhe des Rückgangs, sondern um die symp­tomatische Bedeutung dieses Kursverlustes. Die schweizerische Notenbank hat allein in der ersten Oktoberwoche für 73 Millionen Schweizer Franken ausländische Zahlungsmittel ausgenommen, obwohl der Ausfuhrüberschuß der Schweiz im September nur sehr gering war.

scheint doch die britische Lustverteidigung in erheb-1 ginn des vergangenen Jahres gab es nämlich im lichem Grade zu versagen. Beso-ders bezeichnend da-englischen Oberhaus eine erregte Debatte, einige r Lords hatten den Außenminister Halifax scharf'an-

sür sind die italienischen Lufterfolge im ö st l i ch e n M i t t e l m e e r . wo Italien zwar die Zwölfinsel- gruppe mit R h o d o s als Basis besitzt, wo aber die britische Luftverteidigung, gestützt auf C y v e r n, die Palästina-Küste, Port Said und Alexandria, sehr stark ausgebaut ist. Trotzdem konnte der innerhalb dieses Raumes liegende, für Englands Ölversor­gung so unendlich wichtige Hafen Haifa durch die italienischen Bomber so nachhaltig zerstört werden, daß die britische Oelversorgunq von hier aus zum mindesten zeitweise vollständig hat eingestellt werden müssen. Ebenso empfindlich beeinträchtigt wird die britische Gesamtkriegführung dadurch, daß infolge der ständigen Bedrohung durch Italiens U-Boote und Kampfflieger die britische Handels­schiffahrt im Mittelmeer fast vollkomme ruht und die überseeische Zufuhr aus Indien und Australien

gegriffen, weil die Regierung Seiner Majestät sich der ehemaliaen Tschecho-Slowaken nicht angenom­men habe. Lord Halifax verteidigte die Polittk der Regierung und fragte schließlich den Lord, der ihm am meisten zusetzte, er möge ihm liebenswürdiger­weise sagen, wo die tschecho-slowakische Republik liege und an welche Staaten sie an- grcnze. Worauf der so zur Rede gestellte Lord be­treten schwieg. Abschließend bemerkt das tsche­chische Blatt, es sei eine törichte Annahme, Großbritannien werde sich um die Wiederherstel­lung der Lage in Mitteleuropa bemühen.

Ein scharfes Dementi aus Moskau.

Moskau, 10. Ott (DNB.) Die TASS-Agentur nahm scharf gegen üble Hetzmeldungen Stellung, die in provokatorischer Absicht verbreitet worden waren. Sie erklärt:Die ausländische Presse und insbeson­dere die englische ZeitungDaily Telegraph and Morningpost", das Nachrichtenbüro United Preß und die griechische ZeitungVradini" veröffent­lichen von Zeit zu Zeit Nachrichten, wonach die Sowjetregierung von der deutschen Regierung die Rückgabe der ehemals polnischen Ge­biete gefordert habe, die an Deutschland über­gegangen sind, und Besprechungen in diesem Sinne

stungen der italienischen Kriegführung und dem Mangel an strategischem und organisatorischem Können auf britischer Seite dürfen wir auf einen vollen Endsieg Italiens fest vertrauen.

England und die Tschechen.

Prag, 10. Okt. (Europapreß.) Im ,^enkov" verweist der tschechische Universitätsprofessor Dr. Musil darauf, daß bereits 1919 in Paris die En­tente die Tschecho-Slowakei nicht mit den historischen Grenzen Böhmens, Mährens und Schlesiens aus» statten wollte, und daß Lloyd George von Anfang an eine skeptische Haltung gegenüber oer tschechischen Staat annahm. Vor Jahren hatte Professor Musil, wie er berichtet, während eines Londoner Aufent­haltes eine Unterredung mit einem britschen Poli­tiker über die Frage, ob sich der tschecho-slowakische Staat in seinen damaligen Grenzen erhalten werde. Benesch, so hatte Professor Musil dem Engländer gegenüber ausgeführt, behaupte, diese Grenzen seien durch die Bündnisverträge ausreichend gesichert. Der britische Politiker verwies dagegen auf die Taffache, ein internationaler Vertrag oder eine Ga­rantie stütze sich immer aus die öffentliche Meinung. Die französischen Patrioten rechneten immer bloß, wieviel tschecho-slowakische Divisionen in Deutsch­land einfallen könnten, wenn es zu einem Kampf Frankreichs mit Deutschland käme.Ich zweifle", so sagte der Engländer, daß jemand in Frankreich daran denkt, den Tschechen zu Hilfe zu kommen." Seine Ausführungen schloß der englische Politiker mit der Feststellung,übri­gens kennen wir euch gar nicht". Zu Be-

Stockholm, 11. Okt. (Europapreß.) Nach den schweren Angriffen, die in den Morgenstunden des Donnerstags gegen Südengland und London gerichtet wurden, setzte die deutsche Luftwaffe in den Nachmittagsstunden ihre Akttonen fort. Es kam zu verschiedenen einzelnen Angriffen, von denen einer besonders heftig gewesen sein muß. Der Nach­richtendienst erklärte, daß sowohl in London als auch in anderen Gebieten erneut Bomben abgewor- fen worden sind. In der Nacht zum Donnerstag waren nicht weniger als 40 Bezirke der Stadt unter Feuer, so daß sich die Bevölkerung wieder viele Stunden in den Luftschutzkellern auf« halten mußte. London hat, wie der englische Nach­richtendienst mitteilt, zur Zeit 72 provisorische große Unterkunftsplätze für Obdachlose geschaffen, und man ist fieberhaft damit beschäfttgt, die Zahl zu vervielfachen. Neben London, das wieder das Hauptziel der deutschen Bomber war, waren Wa­les, die Midlands, Südost-, Südwest- und Süd­england das Ziel schwerer deutscher Luftangriffe.

Der König ist am Mittwoch von deutschen Bombenmaschinen überrascht worden. Er war dabei, einen Truppenübungsplatz zu besichtigen, als der Uebungsplatz von deutschen Maschinen an­gegriffen wurde. Es wurde Luftalarm gegeben, der die Besichtigung des Königs unterbrach. Fast zur gleichen Stunde mußte der jüngere Bruder des Königs, der Herzog von Kent, Schutz vor deutschen Bombenmaschinen an der englischen Süd­küste suchen. Er besichtigte dort Verteidigungs­anlagen und wurde ebenfalls von deutschen Maschi­nen überrascht, die in nördlicher Richtung die Küste der Grafschaft Kent überflogen, um ihren Kurs nach

London zu nehmen. Auch die Besichtigungsreise des Herzogs wurde durch Luftwarnungen unterbrochen.

Der brttifche Nachrichtendienst meldet am Don­nerstag, daß die Bibliothek des neuen Gebäudes der Universität London getroffen und über 100 000 Bücher vernichtet wurden. Vom englischen Nachrich­tendienst wird allerdings nicht mitgeteilt, daß es sich bei dem getroffenen Gebäude um das große Hoch­haus handelt, in dem sich auch das Informa- tionsminifterlum befindet. Das Gebäude be­findet sich nicht weit von dem Britischen Museum am Russel-Square im Londoner Stadtteil Bloomsbury. Direkt neben dem Universitätsgebäude liegen zwei große Ausbesserungswerkstätten der A u t o m o b i {- werke von Ford.

Die Kellernot in London.

Die Erbitterung der englischen Erörterungen über die Kellernot ist gar nicht zu verstehen, ohne die Grundtatsache, daß die allerwenig st en Häu­ser Londons Keller haben. Das alte Lon­don liegt innerhalb der Flußniederungen, die sehr sumpfig sind und bei denen man ein tiefes Aus­schachten des Bodens der Kosten wegen vermied. Die Kostenfrage spielt überhaupt eine ganz andere Rolle beim englischen Hausbau als bei uns, obwohl auch in Deutschland die Baukosten eines Hauses natürlick wichtig sind. Die englische Besonderheit beruht Darauf, daß der Grund von dem Bau­herrn nicht gekauft, sondern auf rund 50 bis 100 Jahre gepachtet wird. Der Pachtzinsfuß ist an sich verhältnismäßig niedrig; aber nach der Pacht- zeit fällt der Grund mit allem, was darauf steht, ohne weitere Enffchädigung an den Grund-

Der Führer hat den Leiter der Abteilung Deutsche Presse, Ministerialrat Hans Fr i tz s ch e, zum Mini­sterialdirigenten im Reichsministerium für Dolks- aufklärung und Propaganda befördert (Scherl-Bilderdienst-M.)

eigentümer zurück. Ganze Stadtteile von London gehören einzelnen hochadligen Familien, die auf diese Weise unerhört reich wurden und auch heute noch zur Quintessenz der englischen Pluto- kratie gehören. Nach dieser knappen Erläuterung wird jedermann in Deutschland, ob er nun Haus­besitzer oder Mieter ist, sich selbst seinen Reim auf die englische Bauweise machen können. Es wird so billig wie nur irgend möglich gebaut, weil der Bau­herr eben damit rechnen will, daß er innerhalb der Pachtfrist sowohl die Baukosten wie seinen Gewinn hereinholl! Nun gibt es in London auch viele Stadt­teile, die ähnlich wie in Berlin oder in Puris an dcn Hügelketten empörst eigen, die in einem gewissen Abstand zur Themse den Fluß begleiten. Auch hier wurde Überwiegend aus Keller verzichtet: eben um billig bauen zu können. Das erklärt nebenbei auch die schreckliche Einförmigkeit der Londoner Straßen, weil zur Verbilligung des Bauens ein Haus genau so wie das andere, also mit denselben Größenver­hältnissen für Fenster, Türen und Treppen gebaut wurde. In diesen wohlhabenderen Stadtvierteln ist vielfach die Küche, teilweise auch das Speisezimmer in dasSouterrain" gelegt worden. Die durch­schnittliche Londoner Hausfrau vermißt den Keller nicht, weil sie sowohl in der Versorgung mit Nah­rungsmitteln, wie mit Kohlen von der Hand in den Mund lebt, ein Umstand, der noch eine sehr erhebliche Rolle spielen kann, wenn die Zufuhren nach London weiter erschwert werden. Dr. Ho.

Roboier-phaniasien.

Die Dauerangriffe der deuttchen Luftwaffe auf England und die dabei zum Ausdruck kommenden Kampfformen haben amerikanische Journalisten in London dermaßen überwältigt, daß sie wahre Phan» tasieberichte über die deutsche Luftwaffe ihren Zei­tungen vorlegen. Die amerikanischen Journalisten haben in England Gelegenheit gehabt, die unge­heure Kampfkraft der deutschen Luftwaffe Tag und Nacht zu beobachten. Sie haben dabei festgestellt, daß die deuffchen Kampfflugzeuge wie Habichte, ohne irgendwie chren Kurs, ihre Höhe und sonsti- aen Flugformen zu ändern, auf die gegebenen Ziele losstießen und sie vernichteten. Diese Tatsache sei, so berichten die amerikanischen Journalisten, umso seltsamer, da die englische Flakabwehr geradezu eine Feuerwand errichtet habe, die zu durchstiegen als unmöglich gegolten habe. Die deutschen Flieger durchstießen aber diese Feuerwand, ohne Schaden zu nehmen, und führten ihre Aufträge trotz aller Abwehr hundertprozentig durch. Selbst militärische Sachverständige seien der Ansicht, daß dieses nicht mehr mit rechten Dingen zugehen könne. Es müsse sich bei den Flugzeugen entweder umRoboter" handeln, die an Stelle von Flugzeugführern den ihnen gegebenen Auftrag mechanisch durch führ­ten, oder es könnten auch ferngelenkte Flug- zeuge sein. Jedenfalls müsse man es als ausgeschloi»

Gießener Konzeriverein.

I. Orchesterkonzert.

Die Entwicklung der dramatischen Ouvertüre war bei Beethoven durch die Leonoren-Ouvertüre gekennzeichnet als ein ständig stärkeres Sichlöfen von der szenischen Handlung zur Darstellung der Konflikte im seelischen Verlauf hin. In derC o r i - olan"-Ouvertüre (nach dem Trauerspiel von Josef v. Collin) läßt Beethoven nur noch die cha­rakterlichen Grundkräfte in ihrem Kampfe gegen­einander auftreten und führt das Drama im musi­kalischen Sinne durch. Dieser scharfen Konzentration des Vorgangs unter Ausschaltung jeglichen Bei­werks entspricht die knappe Fassung dieser Ouver­türe wie auch der äußerste Gegensatz in der In­dividualität der Szenen: trotzig, krastbewußt und wiederum sehnend, nachgiebig flehend.

Akzenfftark in den Eingangsakkordschlägen, sich steigernd in der inneren Bewegtheit, dann aber blühte in Schönheit schmiegsam das gesangsreiche Seitenthema auf. Professor Temesoary ließ die einzelnen Absätze in ihrer organischen Einglie­derung sich abprägen, die großen Steigerungen sich mit dramatischer Kraft entfallen. Dazu im Gegen­satz stand der Abklang nach dem Höhepunkt, sich im Nichts verlierend. Die Streicher verdienen ge­rade hier besondere Anerkennung, Celli und Brat­schen für ihr sauberes Passagenwerk und die Blä­ser für ihre sicheren Akzente.

Unter den Klavier-Konzerten aus der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts gehört Peter Tschaikowskys Konzert Nr.l in B-moll neben den Werken von Franz Liszt zu den am meisten gespielten. Seiner Gestalt nach und nach seinem inneren Wesen ist es bezeichnend für den Stil Tschaikowskys mit seiner sensiblen Art der Erregbarkeit und fast unbegrenzten Aufsteigerungs­fähigkeit. Dazu kitt gemäß dem Tschaikowskyschen musikalischen Schönheitsbegriff die Sinnfälligkeit des Melodischen und der Reiz des Klanglichen, eben jenes Pikante und Brillante, worin die neue symphonische Musik aller europäischen Schulen ihre

Stärke sucht", wie es Tschaikowsky einmal selber bezeichnet. Es liegt etwas Urwüchsiges in dem Werk ähnlich wie in seinen Symphonien; zum andern aber vermag er, im Großen gesehen, bei aller Freiheit des formalen Aufbaues dennoch eine organisch sich entwickelnde Form erstehen zu lassen. Besonders aber die Verwebung des Solistenpartes mit einzelnen Jnstrumentengruppen gibt diesem Werk den Vorzug der Unmittelbarkeit, des lln- restektterten und des hinreißenden Schwunges.

Die starke klaoieristische Vitalität des Werkes war das Lebenselement für Konrad Hansen (Berlin), vielen schon bekannt durch die Rundfunk- überkagungen. Ein Pianist mit außerordentlichem technischen Können, mit einem gelösten, schwingen­den Anschlag, der jeder dynamischen Modulatton Ausdruck zu geben vermag, der in der Fülle des Tonrausches ebenso bezwingt, wie er durch die Feinheit und zarte Getöntheit des Klanges den einzelnen gefangen nimmt und für sich gewinnt. Hämmernden Oktaven steht ein bestechend fein ge­gliedertes, perlendes Passagenspiel gegenüber; das Ganze aber wird beherrscht von einem musikalischen Impuls, der dem Komponisten bis zum letzten nachgibt und seinen Willen restlos zu offenbaren vermag.

So wurde dieses Konzert zu Momenten groß­artigster sttahlender Klangfülle in der Einleitung, rhythmisch temperamentvoll beschwingt im Al­legro con spirito, von zartester Empfinosamkeit im zweiten Satze, glitzernd in der Prestissimo-Episode, markig und rassig im Finale, von eigner Note in den zahlreich eingestreuten Kadenzen. Ein bewun­derungswürdiges Zusammengehen mit dem Orchester im gegenseitigen Geben und Nehmen und im Auf­steigern. Don besonderer Wirkung aber waren die einzelnen eng verknüpften Jnstrumentalsoli des klangprächttgen Orchesters.

Eine ganz andere Welt als bei Tschaikowsky tritt uns bei Brahms entgegen, und der Russe hat es verschiedentlich selber bekannt, daß er den Weg zum letzten Verständnis der Werke von Johannes Brahms nicht finden konnte. Und gerade in der D-dur- Symphonie liegt unendlich viel Beglückendes; sie ist der Widerschein und Niederschlag schaffens-t

glücklicher Tage in Pörtschach am Wörther See und Der Eindrücke der Schwarzw aldlandschatt, während der Meister in Lichtental bei Baden-Baden dem Ganzen die letzte Formung gab. Die Naturverbun­denheit dieser Symphonie hat ihr verschiedentlich die BezeichnungPastorale" eingekagen. Wenn man jedoch in ihr nur das Liebliche und Idyllische erkennen möchte, so übersieht man dabei jene Mo­mente, die uns den innersten Kern Brahmsscher Wesensart zeiaen. Denn hinter dem zunächst freund­lich Anmutenoen schwingt immer wieder ein ele­gischer Unterton mit, wenn er sich auch manchmal nur andeutungsweise an kündet. Im zweiten Satz aber bricht das menschlich Schicksalshafte mit seiner düste­ren Gestalt hervor als ein Bekenntnis und innerste Seelenschau des Schaffenden.

Es wurde auch in der Aufführung zur Schlüssel­stellung für das ganze Werk mit der tiefgründigen Versunkenheit, von lastender Schwere gefüllt; inner­lich packend war der Uebergang zur Wiederkehr des Themas. Dementsprechend gab sich die naive, un­verfälschte naturhafte Anmut im Ländlerhaften des dritten Satzes in Klangfreude, zumal der führen­den Oboe. Dem Eingangssatz verliehen die orgelhaft ruhig fließenden Hörner sein besonderes Gesicht; schon die erste Posaunenstelle ließ ahnungsschwer aufhorchen; in singender Breite strömten Celli und Bratschen den Gesang des zweiten Themas aus; die Zwiesprache von Oboe und Horn zu Beginn der Durchführung wie auch die herbe Posaunenengsüh- rung ließ die machtvolle Schwere der Hintergründig­keit wachwerden. Das Finale stürmte tatenbewußt und hoffnungsftarf und schwelgte in der Terzenselig- feit des zweiten Themas. So lebensnah wie dies­mal haben wir das Werk noch nicht unter Pros. Temesvary erleben können; es war eine inner­lich bereichernde Gabe für das vollbesetzte Haus.

Das, was von Herrn Oberbürgermeister Ritter bei der Eröffnung, des Abends als das Motto der kommenden Veranstaltungen gesagt worden war, war diesmal mit reicher Frucht in Erfüllung ge­gangen. Mögen die guten Wünsche auch weiterhin den gesteckten Zielen für das Gedeihen des Gieße­ner Musiklebens den Weg bahnen!

Dr. Hermann Hering.

jeiffdmften.

Für die Pflege von Geschichte, Kunst, Kultur, Volks- und Naturkunde im Raum des ehemaligen Kurhessen rft nun durch Vereinigung vonHessen­land" und hessische Heimat" eine repräsentative Zeitschrift unter Dem Titel e s s e n l a n d" ent- ftanDen, deren erstes Heft die ganze Vielseitigkeit des Aufgabengebiets zeigt, das sich der Herausgeber Landeshauptmann Traupel, der Verlag Dr. C. Hitzeroth in Marburg und die Schriflleitung Dr. W. und H. Kramm in Kassel und Dr. F. Uhlhorn in Marburg gestellt haben. Im Eröffnungsaufsatz be­handelt Walter Kramm Die WalDecker Grasen, Die als kaiserliche Generale sich in Den Türkenkriegen höchsten Ruhm erwarben. Ihre monumentalen Grabmale in Wildungen unD Korbach sprechen von ihren Taten eine bereDte Sprache RuDolf Wesen» berg ist den Spuren einer interessanten Wüstung südlich des Knüllbe^ges Holsteins Kopf" nachge­gangen, Adolf Häger untersucht die Beziehungen der Frau Holle zum Meißner und seiner Landschaft. Paul Schützer berichtet über die Franzosenherrschaft in Fulda 1806 bis 1810, Professor Karl Frölich (der Leiter des Instituts für Rechtsgeschichte an der Uni- oersttät Gießen) hat eine interessante Untersuchung über alte Maße an Rathäusern und Kirchen beige» steuert und dazu eine Reche von Bildern gegeben. E. Frölich plaudert in einem reich bebilderten Aus­satz sachkundiq und anschaulich über die Pflanzen­welt der Muschelkalkberge des mittleren Werratals. Karl von Baumbach, den Lesern unsererHeimat im Bild" aus Zahlreichen Beiträgen bekannt, spricht über die Belebung der hessischen Kratzputztechnik. Professor Edward Schröder geht der Entstehungs- geschichte des bekannten Volks- und Studentenliedes Es steht em Wirtshaus an der Lahn" nach, und Fried­rich Kück, der verstorbene, um die Geschichte Kur- Hessens hochverdiente Direktor des Marburger Ar­chivs, ist noch mit einem Aufsatz über alte Sühne­kreuze in der Marburger Landschaft vertreten. Ein Blick auf neueres volkskundliches Schrifttum be­schließt das vielseitig gestaltete Heft der stattlichen Zeitschrift. Dr. Fr. W. Lange.