Nr. 161 Zweites Blatt
Mittwoch. 10. Juli W
Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberheßen)
„Punktverrechnung."
Eine Kriegsaufgabe beim Landratsamt des Kreises Gießen.
Aus der Stadt Gießen.
Oie Ueberraschung.
„Weißt du was", sagte mein Freund Max neulich zu mir, „du kannst mich mal am nächsten Sonntag besuchen. Ich habe eine kleine Ueberraschung für dich. Am besten wird es sein, wenn du am frühen Vormittag kommst. Morgenstunde hat Gold im Munde." Natürlich wollte ich wissen, was das für eine Ueberraschung wäre, aber Max blieb verschwiegen. „Du wirst schon sehen", meinte er vielsagend, '„steige nur nicht zu spät aus dem Bett und laß mal den Frühschoppen sein."
Ob Max etwa noch in seinem Keller ein vergessenes Fläschchen entdeckt hatte? Mir schien die Sache höchst aussichtsreich, auf alle Fälle war ich gespannt. Mit dem zeitigen Aufstehen hatte ich zwar nicht viel im Sinn, aber was tut man nicht alles einem Freunde und seinen Ueberraschungen zuliebe? Ich ging also am zeitigen Vormittag zu ihm. Er hat draußen am Stadtrand ein kleines Siedlungshaus, der Weg dorthin durch die morgenstille Stadt war eine, wahre Erquickung. „Sei gegrüßt", hieß mich mein Freund willkommen, „zieh diesen Trainingsanzug an, er wird dir ausgezeichnet passen."
Einigermaßen verwundert starrte ich ihn an: „Was soll denn das?" Statt aller Antwort machte er eine ungeduldige Handbewegung: „Etwas fixer, wenn ich bitten darf, wir haben nicht viel Zeit zu verlieren." Mir blieb nichts weiter übrig, als mich dem Gebot zu beugen. Zweifellos hing die Sache mit seiner Ueberraschung zusammen, ich war wirklich gespannt. Aber da kam auch schon Max mit einigen Geräten. „Gartengeräte, wenn ich nicht irre", sagte ich. „Ganz richtig, Gartengeräte", stimmte Max zu. „Und damit du weißt, um welche Ueberraschung es sich handelt, will ich dir auch gleich Aufklärung geben. Du bist immer ein wackerer Verehrer meiner Gartenerzeugnisse gewesen, da kann es gar nichts schaden, wenn du dich auch mal nützlich machst. Der Junge kann dieses Jahr nicht helfen, weil er draußen ist, und dir wird die Arbeit vielleicht eine ganz nette Abwechslung sein. Also sieh mal hier . . Er erklärte mir die Arbeiten, die hauptsächlich im Harken und Unkrautvernichten bestanden.
Das war also die Ueberraschung. Sehr geistreich ist mein Gesicht zunächst sicherlich nicht gewesen. Max stand etwas abseits, aber ich merkte, wie er mich verschmitzt von der Seite her betrachtete. Na, die Figur eines Hereingefallenen sollte er an mir nicht zu sehen kriegen. Ich arbeitete los, ich arbeitete derartig, daß mir' schon nach kurzer Zeit mehr als warm wurde. Gegen Mittag war das Pensum geschafft. In solcher Weise hatte ich allerdings noch nie einen Sonntagmorgen verbracht, und jedenfalls war es eine „Ueberraschung", die mich manchen edlen Schweißtropfen kostete. Aber zu guter Letzt habe ich meinem Freund Max doch vergnügt die Hand geschüttelt und ihm versprochen, mich mal wieder sehen zu lassen. Schließlich winken dafür demnächst bestimmt noch andere Ueberraschungen . ♦ • H. W. Sch.
Dornotizen.
Tageskalender für Mittwoch.
Gloria-Palast (Seltersweg): „Kennwort Machin". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Fahrt ins Leben".
Notizen für den 10. 3ulL
Sonnenaufgang: 5.15 Uhr, Sonnenuntergang: 21.45 Uhr: Mondaufgang: 11.42 Uhr, Monduntergang: 23.53 Uhr.
Notizen für den 11. Juli.
Sonnenaufgang: 4.50 Uhr, Sonnenuntergang: 21.20 Uhr: Monoaufgang: 12.32 Uhr, Monduntergang: 24.04 Uhr.
Notizen für den 12. Juli.
Sonnenaufgang: 5.36 Uhr, Sonnenuntergang: 20.32 Uhr: Mondaufgang: 16.21 Uhr, Monduntergang: 1.14 Uhr.
Feuermelder sind nur bei Fliegeralarm außer Betrieb.
NSG. In Publikumskreisen besteht vielfach, trotz gegenteiliger Hinweise in der Tagespresse, noch die irrige Auffassung, daß die öffentlichen Feuermelder für die Dauer des Krieges außer Tätigkeit gesetzt worden sind. Diese Annahme kann sich sehr verhäng-
,,Punktverrechnung" und „Punktverrechnungsstelle" ind ganz neue Begriffe. Sie sind aus der Zeit geboren. Ihre Geburtsstunde ließ sich dabei recht genau bestimmen, denn sie fällt zusammen mit dem Termin der Gültigkeit der „Reichskleiderkarte". Die Punktverrechnung hat also, wie sich nun leicht erraten läßt, mit der T e x t i l b e w i r t s ch a f t u n g zu tun. Genau genommen wäre eine Textilbewirt- chaftung ohne die Punktverrechnung nicht möglich.
Was es mit der Punktverrechnung auf sich hat, das wird sicherlich viele unserer Leser interessieren. Im allgemeinen geht die Kenntnis der Textilbewirt- chaftung nicht über den Umfang der Kleiderkarte und nicht über die 100 Punkte hinaus, nach denen jedermann seinen Bedarf einzurichten hat. Aber chon in den Augen des Händlers sieht die Kleiderkarte seines Kunden anders aus. Und unter wieder anderen Perspektiven beschäftigen sich mit ihr die Wirtschaftsämter sowohl unserer Stadt und des Stadtkreises, wie auch des Landkreises. Wir hielten einmal Nachfrage beim Wirtschaftsamt (beim Landratsamt) für den Landkreis Gießen und erfuhren liebenswürdig allen Aufschluß.
Nach den Erläuterungen, die uns dabei zuteil wurden, ließe sich sagen, daß alles ganz einfach sei! Auf kurze Formel gebracht, wäre es etwa so: der Händler liefert die von ihm vereinnahmten Punkte beim Landratsamt ab, erhält sie gutgeschrieben und kann — entsprechend dex Anzahl der abgelieferten und nach einem bestimmten Schlüssel gutgeschriebenen Puntte — bei seinem Großhändler wieder Textilwaren beziehen. Im Grunde ist der Gang der Dinge auch so einfach — aber es gilt doch eine ganze Reihe gesetzlicher Bestimmungen dabei zu beachten. Hier hat das Wirtschaftsamt für den Landkreis Gießen eine wichtige und verantwortungsvolle Aufgabe.
Das Wirtschaftsamt des Landkreises ist f ü r e t w a 4 0 0 Einzelhandelsgeschäfte in 84 O r - ten des Kreisgebiets zuständig. Das bedeutet also, daß in mehr oder weniger großen Zeitabständen (die das Gesetz nicht vorschreibt) 400 Einzelhändler ihre Punkte oder sonstigen Abschnitte
nisvoll auswirken und bei Feuersgefahr zu Verzögerungen in der Alarmierung der Feuerwehr führen. Darum merke sich jeder: Nur wenn die Sirenen das Zeichen Fliegeralarm geben, werden die öffentlichen Feuermelder für die Zeit des Alarms außer Tätigkeit gesetzt.
Die Luftschutzgemeinschaften haben sich dann bei eintretenden Gefahren zunächst selbst zu helfen. Reichen ihre Kräfte nicht aus, so sind die nächsten Polizeidienststellen, Polizeireviere, mündlich oder fernmündlich um Hilfe anzurufen. Die örtliche Luftschutzleitung veranlaßt dann den Einsatz der Feuerwehr.
Nach der Entwarnung sind die Feuermelder wieder in Betrieb. Die Feuerwehr kann also durch Feuermelder oder Fernsprecher wie vor dem Fliegeralarm angefordert werden. Es ist zweckmäßig, diesen Hinweis an gut sichtbarer Stelle im Hausflur oder an der Haustafel anzubringen.
Beginn der Aktion „Heize richtig".
NSG. Am nächsten Montag (15. Juli 1940) beginnen im Gau Hessen-Nassau die ersten Lehrgänge der wichtigen Aktion ,„Heize richtig!", die die Deutsche Arbeitsfront durchführt, um einen sparsamen Verbrauch von Kohlen in den Heizungsanlagen sicherzustellen. Insgesamt werden in unserem Gaugebiet über 7 0 0 Lehrgänge durchgeführt, in denen etwa 26 000 Menschen erfaßt werden. Zur Durchführung der Lehrgänge sind 6 0 Kreisübungsleiter eingesetzt. Die Lehrgänge finden in ungefähr 100 verschiedenen Orten statt. Die Dauer der Lehrgänge beträgt jeweils 5 Tage, und zwar immer von Montag bis Freitag. An jedem dieser Tage wird 2V2 Stunden Unterricht erteilt, und zwar an drei Tagen theoretischer und an zwei Tagen praktischer Unterricht. Da die Lehrgänge von den' neuesten Erfahrungen ausgehen, bedeuten sie für jeden, der eine Heizungsanlage zu bedienen hat, eine wertvolle Bereicherung seines Wissens.
der Kleiderkarten ihrer Kundschaft, aber auch die Bezugscheine, einliesern, 0. h. persönlich abgeben, oder — was dem Wirtschafts amt lieber ist — durch die Post einschicken. Die Punktabschnitte sind nach Art und Farbe säuberlich aufgeklebt. Mit raschem und sicherem Blick überprüft die damit beauftragte Mitarbeiterin des Wirtschaftsamts die einzelnen Bogen, um nachzusehen, ob nicht etwa Abschnitte aufaeklebt sind, die noch nicht von der Kleiderkarte abgetrennt werden durften. Bei den eingelieferten Bezugscheinen für die verschiedenen Textilwaren, die nicht auf Kleiderkarte-, sondern eben auf Bezugscheine abgegeben werden, wird eine Punktzahl errechnet, and zwar nach einer genauen Punktbewertung der einzelnen Waren. Auch die aus den Bezugscheinen errechneten Punktzahlen werden dem Einzelhändler gutgeschrieben. Der Einzelhändler erhält also ein „K 0 nt 0", genau so wie er ein Bank- oder Postscheckkonto hat, nur geht es eben nicht um Mark und Pfennige, sondern nur um Puntte, die aber für den Händler einen großen Wert besitzen. Sie sind entscheidend für den Umfang seines Geschäfts in den kommenden Monaten.
Für die vielen Konten, die im Kreis Gießen zu führen sind, lag es nahe, für den Geschäftsverkehr mit Punkten eine richtiggehende Bank zu finden. Im Kreis Gießen find die 'Bezirkssparkassen Gießen, Grün berg und Laubach dazu ausersehen worden. Das Wirtschaftsamt meldet nun diesen Stellen die Gutschriften der einzelnen Textilgeschäftsinhaber, der Kontoinhaber erhält Schecks und weist seinem Lieferanten, also dem Großhändler oder Fabrikanten, jeweils die erforderlichen Punkte an, wenn er sein Lager auffüllen will. Nur eines gibt es nicht bei dieser Punktverrechnung — es gibt keinen Kredit. Es darf also kein ungedeckter Scheck ausgestellt werden! Zu diesem Scheckverkehr kommt aber noch eines hinzu: es muß genau angeneben werden, für welche Artikel die Punkte angewiesen werden, und außerdem muß der Lieferant dem Händler bestätigen, daß er die geforderten Waren auch liefern kann. Man sieht, alles greift sorgfältig ineinander!
Ungestörte Nachrichtenübermittlung für Gaststättenbesucher.
NSG. Die Nachrichtendienste und die Sonder- meldungen des Großdeutschen Rundfunks haben in diesen Tagen weltgeschichtlicher Entscheidungen eine so hervorragende Bedeutung gewonnen, daß es die politische Rundfunkführung für ihre Pflicht ansieht, jedem Volksgenossen unter Einsatz sämtlicher zur Verfügung stehenden Mittel das Abhören der Rundfunkmeldungen zu ermöglichen.
Vom Rundfunkamt der Reichspropagandaleitung der NSDAP, sind daher in Zusammenarbeit mit der Rundfunkabteilung des Propagandaamtes der Deutschen Arbeitsfront, dem Fachamt Fremdenverkehr der Deutschen Arbeitsfront und der Wirtschaftsgruppe Gaststätten- und Beherbergungsgewerbe unter anderem umfangreiche Maßnahmen eingeleitet worden, die auch für alle Gaststättenbesucher die ungestörte Uebermittlung der Rundfunknachrichten sicherstellen sollen. Es gehört zur Aufgabe be£ Leiters einer Gaststätte, seinen Gästen das störungsfreie Abhören der Rundfunknachrichten und Sondermeldungen zu ermöglichen.
Darüber hinaus wird gemäß einer Anweisung des Stabsleiters der NSDAP., Hugo Fischer, dafür Sorge getragen, daß auch die öffentlichen Uebertragungsanlagen sowie die Anlagen der Gemeinden und des Gemeinderundfunks sowie im Rahmen des möglichen die Uebertragungsanlagen der Rundfunkfachgeschäfte für die Durchgabe wichtiger Sondermeldungen bes Großdeutschen Rundfunks eingesetzt werden.
Es ist auf diese Weise dafür gesorgt, daß nun auch der letzte Rundfunkempfänger, der letzte Lautsprecher .und die letzte Uebertragungsanlage im Dienste der Allgemeinheit für die Uebertragung der Sondermeldungen des Großdeutschen Rundfunks an alle Volksgenossen nutzbar gemacht wird.
Zur Deckung der Unkosten, die beim Landratsamt, wie bei den Bezirkssparkassen entstehen, wird für jedes Scheckformular ein Betrag von 12 Rpf. erhoben.
Neben dem Scheckverkehr über die Punktkonten bei den drei erwähnten heimatlichen Bezirkssparkassen gibt es aber auch eine Punktverrechnung beim Wirtschaftsamt des Landkreises. Das Amt gibt „K l e i n st - P u n k t s ch e ck s" aus, Schecks also über kleinere Mengen von Punkten, die von solchen Geschäftsinhabern bzw. Handwerkern angefordert werden können, deren Geschäftsbetrieb sich im Nahmen eines gewissen jährlichen Umsatzes bewegt. Im „Kleinst-Punktscheckverkehr" ist es möglich, daß der Geschäftsmann vom Lande morgens feine aufgeklebten Punkte in Gießen ab liefert und wenn er die Bestätigung seines Lieferanten beibringt (daß er die erbetenen Waren liefern kann), so wird der Scheck sofort ausgestellt und der Kaufmann kann die Waren sofort beim Großhändler holen. Hier also leistet das Amt einen „Dienst am Kunden", der eine rasche und reibungslose Erledigung der Punktoerrechnung ermöglicht, lieber die anderen Punktverrech- mmgsstellen vollzieht sich der Punktscheckverkehr kaum weniger rasch und reibungslos und im Prinzip nicht anders als der bargeldlose Zahlungsverkehr.
Das ganze System der Punktverrechnung hat sich bereits ausgezeichnet eingespielt und praktisch bewährt. Den weitaus meisten der Beteiligten sind die einschlägigen gesetzlichen Bestimmungen geläufig. Die unmittelbar beteiligte Mitarbeiterin am Landratsamt weiß Hunderte von Punktbewertungen der verschiedenartigen Textilwaren längst auswendig, und ihrem geübten Auge entgeht in der Fülle der eingelieferten aufgeklebten Punkte ab schnitte kaum ein Abschnitt, der nicht das rechte Datum trägt.
In der gegenseitigen guten Willensäußerung der amtlichen Stellen, wie auch der Geschäftsinhaber,, hat ein ursprünglich kompliziert erscheinender Modus seine Form gefunden und ist in Fleisch und Blut übergegangen.
Das Landratsamt erfüllt mit seinem Wirtschafts, amt auch in diesen neu erwachsenen Aufgaben eine Pflicht gegenüber der Volksgemeinschaft, eine Pflicht, die einem Stein im Mosaik der sorgfältig durchdachten deutschen Krieg- und Kriegs-Wirtfcyaftsfüh- rung vergleichbar, ist. N.
Saarabend bei der NS.-Frauenschast.
Die Frauenschaft von Gießen hat die Saardeut-- schen zu einem fröhlichen Abend eingeladen. Auf allen Gesichtern der Rückgeführten stand die Freude, daß sie nun bald wiederein ihre schöne Heimat zurückdürfen und Vieles, was sonst schwer erschien, wird nun auf einmal leicht. Die Frauenschaft wollte diesen Frauen die Schönheiten der näheren und weiteren Umgebung vermitteln, damit sie einmal den richtigen Eindruck von unserem schönen Hessenland bekommen. Die Ungunst der Zeit hat. wohl die meu
Schickt Illustrierte an die Front!
Der Frontsoldat wird dafür dankbar sein.
sten daran verhindert, sich Land und Leute näher anzusehen. So zeigten ihnen nun Bilder die feinen Fachwerkbauten von Gießen und Umgebung, die Burgen des Landes und zuletzt die Trachten. Dazu wurden Gedichte in hessischer Mundart Dorgetragen, die sehr viel Freude machten. Dazwischen fang die Iugendgruppe des Deutschen Frauenwerks frische fröhliche Lieder und einige Kanons. Zu aller Freude brachten auch die Saarländer Verse in ihrer Mundart. In heiterer Weise erzählten diese von ihren Erlebnissen in Gießen und wie sehr sie doch die Stammesunterschiede gespürt haben. Gar so zugeknöpft feien ihnen die Hessen vorgekommen, aber bei längerem Hiersein habe sich doch eine gute Kameradschaft herausgebildet. Hell erklang das Saar« lied durch den Saal und freudig stimmten alle mit ein.
Das Schlußwort sprach Kreisleiter Backhaus, bei? als Gast zu dieser Feier gekommen war. Er gab seiner Freude Ausdruck, daß die Saarländer wieder in ihre Heimat zurückdürfen und ermahnte, daran
Rach Mainz.
Lon Dorothea Hollah.
Am Bahnübergang im Westen der Stadt war bas neue und pfeilartig zugespitzte Schild „Mainz" so tief aufgestellt worden, daß ein Achtjähriger sich bequem wie auf einem Fußgeländer setzen konnte und mit den Beinen baumeln. Und das tat Friedrich, den sie seiner dünnen Beine wegen Piepel nannten, denn auch sofort und knallte begeistert gegen die schwarzen Buchstaben auf dem gelben Lack, und der Kamerad mußte es natürlich auch versuchen. Sie hatten beide ein namenlos schlechtes Gewissen dabei, denn sie wußten genau, wie wichtig solch ein Schild war, aber sie konnten gegen bas dose Tier in ihrem Innern einfach nicht an. „Ich kann auch drauf stehen", erklärte Piepel, und der andere: „Ph, stehen ist keine Kunst! Mußt drauf entlanggehen. Guck mal, so ..." Und er tanzte mit genagelten Stiefeln über die Kante hin, sprang ab und höhnte: „Kriegst du nie im Leben hin, du mit deinen zwei dünnen Stecken! Wetten?" Klar, daß gewettet wurde! Wer darf sich solches sagen lassen? fignges Besinnen und schließlich, da es sich ja nur um eine Formsache handelte: „Kriegst meinen Tankwagen." Piepel kniff ein Auge zu: was sagte der bar „Den Tankwagen, den neuen?" Der andere warf einen verächtlichen Blick auf Piepels Gebeine, steckte die Hände in die Taschen und zog ab. „Ja, wenn du weggehst, kannst du's ja nicht sehen", schrie Piepel wütend hinter ihm her. „Will ich auch gar nicht", spuckre der andere aus.
Es kamen hier nur selten Wagen vorbei, und so konnte Piepel feine Versuche, das Schild wie einen Schwebebalken zu überqueren, ungestört wohl ein Dutzendmai wiederholen, zumal es dämmerig geworden war und er auch von den Bewohnern des Häuserblocks an der Stadtgrenze keine Störung zu befürchten hatte. Er wollte lieber sterben als dem andern eingestehen, daß er nicht das gekonnt, was der andere ohne Uebung auf ersten Anhieb glatt vollbracht hatte. Es wurde kalt und dunkel, er übte immer noch. Manchmal stieß er wütend, verzweifelt und mit der Welt zerfallen gegen die das Schild stützenden Stangen, ja, er rüttelte voller Tränen daran, als trügen sie allein die Schuld für fein Mißgeschick. Er bohrte mit den Stiefelspitzen die Erde
locker, darin sie heute morgen erst festgestampft waren, und beim zwanzigstenmal ließ das Geschick es den Achtjährigen gelingen: er torkelte drüber hin, fiel herunter, riß sich die Hand auf und schlug sich die Nase blutig. Was tat es schon? Er hatte es geschafft! Er hatte sich den roten Tankwagen verdient!
Als er sich aufzurichten versuchte, lag etwas Schweres vor ihm, er erkannte es mit Mühe und blies die Backen vor Schreck auf: das Schild, das viel und geduldig ausgehalten, hatte sich langsam zu Boden geneigt. Die riesigen Schrauben hatten nicht nachgegeben, aber die beiden Pfosten waren aus dem mißhandelten Erdreich herausgebrochen. Da lag es nun, und daneben stand Piepel, der Uebeltäter.
Ja, nun würde die Polizei kommen und ihn fassen, das war klar, man mußte sich so schnell wie möglich aus dem Staub machen. Aber da tauchten in der Dunkelheit zwei Lichter aüf, kamen näher ... waren da mit Donnergetöse. Himmel, es war ein Lastwagen mit dem gelben Dreieck auf der Stirn, es hingen womöglich noch zwei andere dran, und der Fahrer würde vielleicht in die falsche Bahn einbiegen ober gerade hier am Uebergang zurückstoßen müssen! Und womöglich waren Soldaten drin oder Pferde, die irgendwo erwartet wurden! Ach, an Fliehen war nicht mehr zu denken, jetzt galt es, seinen Mann zu stellen. Er hob mit aller Kraft das umgekippte, übel zugerichtete Schild auf und hielt es von hinten dem schwachen Licht des Wagens entgegen. Einen Augenblick glitt der Schein der Lampen über feine Beine, über den Mantelsaum, dann ratterte das Ungetüm weiter.
Nun erst ward es offenbar, wie schwarz es ringsum geworden war und wie kalt.
Gewiß suchten nun die Eltern schon und fragten herum, und Piepel überlegte, ob es wohl schon Mitternacht sein könnte, junb als es von der Stadt her acht Schläge tat, wurde ihm bang ums Herz. Geräusche ringsum, fremde, aufregende! Kein einziges Licht, in dessen Schein er für Augenblicke das veränderte Antlitz der Umwelt hätte erkennen können. Ein Auto ... er riß das Schild hoch, dann nichts mehr, nur noch tiefe, lange Nacht.
Trotz aller Gegenwehr fiel es mit Macht über ihn her, mit bleierner Schwere. War er ein Soldat auf Wache, hatte er dem Feinde Munition zuzuführen und fand den Weg nicht? Hatte er sich ein
Loch in die Erde gebohrt und horchte auf ein Klingelzeichen? Was hatten feine Kameraden denn da in der Hand? War das nicht der rote Tankwagen, der neue? Natürlich, er hatte ihn sich ja erkämpft! 22 Zentimeter war er lang und lief auf drei Achsen, bitte! Meiner! Gebt her! Laßt los! Was, ihr lacht, ihr glaubt es nicht? Streichholzbeine sagt ihr? Na wartet! Heiß vor Wut schlägt er auf sie ein — schlägt mit aller Wucht gegen den Pfosten und erwacht. Brausend, dröhnend kommt es näher, schiebt sich vorwärts/ Licht an Licht in langer Kolonne, vorsichtig die letzte Kurve nehmend und nach dem Zeichen spähend. Ist denn da nirgends ein Schild, zum Teufel?
Jawohl, das steht wie eingemauert. Wie ein Blitz ist der Piepel aufgefahren, hat es hochgerissen und hält es umklammert. Wie ein Baum steht er, jawohl? Wagen an Wagen zieht vorüber, kleine Kanonen sind es, Zeltwagen, Gulaschküchen, Personenwagen und' hin und wieder ein Motorrad. Herrlich ist es! Der Junge hält das Schild, als hielte er die Fahne. Das Schild ist wichtig, es zeigt den Weg nach Mainz. Fast ist die Kolonne vorüber, da senkt sich langsam die beleuchtete Schranke und reißt den Faden der Fahrenden mitten durch. Die ersten sind schon nicht mehr zu sehen, während die andern mit Leerlaufgebrumm immer noch warten. Lange müssen sie warten ... kommt denn der Zug nicht? Das Schild ist schwer in der Hand des Trägers, dessen Hände vor Kälte erstarren. Wird schwer wie Eisen .. schwerer als das Leben ...
Als er fällt, hört er gerade noch den Zug vorbeibrausen. Nun können auch die andern endlich weiter, denkt er. Fahrt zu, Soldaten, daß ihr sie noch einholt, so sehr weit können sie ja noch nicht sein. „Mainz!" brüllt er, ehe er neben das Schild gleitet, das so langsam nach vorn überkippt, als wolle es unter keinen Umständen dem Jungen weh tun, der da bis zum letzten das tat, was er für feine Pflicht hielt. Und bann ist alles aus und in die Nacht getaucht, und als er nach endloser Zeit wach wird, einschläft und wieder wach wird und den Freund stehen sieht, der ihim das Tankauto hinhält, zinnoberrot und glänzend, wendet er sich ab und sucht den Blick der Mutter. „Sind sie richtig gefahren?" würgt er heraus, und als sie nickt, lächelt sein Mund das stolze und glückliche Lächeln eines Großen. Sie sind richtig gefahren. Nun komme, was da mag.
Pans 1870/71.
Als im Kriege 70/71 Paris von den deutschen Truppen belagert wurde und ein immer stärker werdender Mangel an Nahrungsmitteln in der umschlossenen Hauptstadt eintrat, entstand unter den deutschen Quartanern der damaligen Zeit blitzartig ein Knittelvers, der eine Spiel- und Abart der bekannten Genusregel auf „is“ war.
Wenn ich in den späteren Gymnasiastenjahren die verwirrende Fülle der Wörter auf „is" büffelte, überprüfte zuweilen mein Großvater, ein begeisterter Lateiner, mein Lernen. Manchmal, wenn ich glicht wußte, was das „Feuer" ober ber „Fisch" im "Lateinischen hieß, hob er bte rechte Hanb unb sprach mir taktmäßig ben Knittelvers über Paris vor. Ich habe ihn bis heute im Gebächtnis behalten, und er fyat nun roieber eine geroijfe Aktualität.
Viele Dinge finb auf „is"
Längst entschwunben in Paris:
Panis (Brot), piscis (Fisch), finb am finis (Ende)« Und von canis (Hund) blieb nur crinis (Haar), Selbst bie sauere cucumis (Gurke)
Fehlt schon längst, auch mugilis (Meerfisch).
Auch etwas ganz Rares ist
Felis (Katze) unb auch glis (Haselmaus)
Unb Paris, was ist bein finis?
Ignis (Feuer), lapis (Stein), pulvis (Staub),
[cinis (Asche), Anton Schnack.
Böcklin als Dichter.
Der Name bieses beutschen Malers bebeutet sicher soviel wie Bocklein unb ist daher auf ber ersten Silbe zu betonen. Diele Freunbe und Verehrer bes Meisters betonten — auch heute kann man es noch hören — ben Namen auf ber zweiten Silbe, so daß er etwas fremdartig klang.
Bocklin selber ließ keinen darüber im Unklaren, wie sein Name richtig auszusprechen fei, und als sogar einmal Frieda Schanz sich in einem Huldig gungsgedicht der falschen Betonung schuldig machte, setzte sich Böcklin hin unb schrieb ihr folgende Verse:
„Jetzt komm' ich, teure Frieda, mit dem Stöcklin Unb klopfe dir das Dichter-Unterröcklin!
Zum Teufel mtt Böcklin; Ich heiße Böcklilkl


