Ausgabe 
9.10.1940
 
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Nr. 239 Zweiter Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)

Mittwoch, 9. Oktober 1940

Aus -er Stadt Gießen.

Das Soldbuch meines Vaters.

Ich fand es, verkramt zwischen Papieren, alten Akten und Schriftstücken, nach langen Jahren wie­der. Ich beachtete es anfangs nicht, fo es einem dünnen Notizbuch glich, etwas versteckt und am Rücken eingerissen, und ich öffnete es erst am Abend, als alle Papiere fein säuberlich geordnet auf dem Schreibtisch lagen.

Dann aber war es so, daß mir die Gestalt mei­nes Vaters wieder erschien, wie ich sie im Gedächt­nis hatte, aus einer Zeit, da er einmal auf Urlaub gekommen war. Er hatte mir einen Malkasten und den Don Quichotte mitgebracht, ich hatte Wiesen­blumen für ihn gepflückt und stand dem fremden Manne im feldgrauen Rock fassungslos gegenüber. Don den wenigen Bildern meiner Jugend, die in mir lebendig sind, ist dies wohl, das eindrucksvollste.

Ich sah es wieder, als ich nun sein Soldbuch , in der Hand hatte. Da war alles aufgezählt, was der Untereffijier in jenen nahezu fünf Jahren er­lebt hatte. Oft ist es ja so, daß aus dem Leben un­serer Väter uns viele Dinge unbekannt sind, denn Väter sprechen nicht gerne davon zu ihren Söhnen, und so bleibt uns der Vater meist eine Gestalt, die ein wenig geheimnisvoll erscheint, fast umweht vom Hauch fremder, nur geahnter Geschehnisse. Doch diese fünf Jahre waren hier ausgeschrieben, vom ersten Krieg Stage bis zur Entlassung. Ich holte mir eine Karte und verfolgte alle Dege und alle Schlachtorte, zu denen mein Vater seine Gruppe geführt hatte. Da waren sie alle wieder, die uns heute so geläufig sind, jeder einzelne Ort und Hügel war wieder umstritten und genommen worden. Vielleicht hat der Unteroffizier schon damals im gleichen Wald gelegen, aus dem jetzt heraus die Söhne die Fahne vorantrugen. Der Wald wird gleich geblieben fein, denn was find die wenigen Jahre zwischen damals und heute im Pendelschlag der Geschichte, im Atem unserer unruhevollen Welt.

Er hat nie zu uns Kindern von seinen Erleb­nissen gesprochen. Er blieb uns verschlossen, so daß wir kaum etwas ahnen kannten, aber ich denke mir nun, daß er als aufrechter Mann durch das Feuer geschritten ist, ich sehe wieder ein neues Bild von ihm: ein hageres, blasses Gesicht unter dem Stahlhelm, eine Handgranate oder die Pistole in der Hand, umzuckt vom Feuer und dem heißen Wehen des Todes.

Es steht im Soldbuch, daß er immer seine Pflicht getan habe. Wir haben gut daran getan, ihn zu verehren und zu lieben, denn er war tapferer Mann. E. H.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Stadttheater: 19 Uhr:Die Macht des Schicksals". Gloria-Palast, Seltersweg:Iud Süß". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Liselotte von der Pfalz".

Stadttheater Gießen.

Am heutigen Mittwoch wird die große OperDie Macht des Schicksals" von Giuseppe Verdi, die sich bei ihreit Erstaufführung am Sonntag einen starken Erfolg errungen hat, zum erstenmal wiederholt. Die musikalische Leitung hat Otto Söllner, die Spiel­leitung Intendant Hans Waldemar Klein.-Die Büh­nenbilder stammen von Karl Löffler. Nadine Galla hat die Chöre einstudiert, der Extrasingchor wurde von Otto Söllner geleitet. Tanzleitung: Irmgard Trömel. 4. Mittwoch-Miete. Die Vorstellung beginnt bereits um 19 Uhr. Um den auswärtigen Be­suchern Gelegenheit zu geben, den Vorstellungen bis z Schluß beiwohnen zu können, hat die Reichsbahn sich auf Ersuchen bet Intendanz bereiterklärt, den regulär 22.32 Uhr nach Wetzlar abfahrenden Zug bis 22.50 Uhr zurückzuhalten, in den dringendsten Fällen bis 23 Uhr.

Ortszeit für den 10. Oktober.

Sonnenaufgang: 7.42 Uhr, Sonnenuntergang: 18.41 Uhr; Mond Untergang: 0.16 Uhr, Mondauf­gang: 16.20 Uhr.

Zwischen Riesenrad und Mondrakete.

Nachmittag auf der Gießener Messe.

Schon in der Gegend der Stadlkirche vernimmst du die aus vielen Melodien zusammenfließende Mu- ik der Messe: sie steigert sich, wenn du angelangt )ist an der Stätte totgesagter Romantik, zur brau­enden Symphonie des Rummelplatzes, und die vox Humana, die menschliche Stimme, mischt sich hinein mit einer bezaubernden Tonleiter, aufsteiaend vom hungrigen Quäken des Säuglings über das helle Gelächter schaulustig entzückter Fräuleins und den seriösen Baß bedächtiger Familienväter zu den yeiser gellenden Beschwörungen anpreisender Aus­rufer vor märchenhaft lockenden Buden von großer Farbenpracht. Hier ist gut sein, hier dreht sich das Riesenrad, hier schweben farbige Luftballone gen Himmel, hier riecht es nach Fischbrötchen, hier kann man einen halben Nachmittag zubringen, Kinder ogar noch länger.

Gewaltig ist der Andrang zum Hippodrom. Das höchste Glück der Erde liegt auf dem Rücken der Pferde, sagt ein alter, weiser Reiterspruch. Die Pferde traben geduldig zu einer schmetternden und feurigen Musik rund um die bescheidene Manege, und kaum ist eine Tour beendet, da hebt man scbon wieder ein halbes Dutzend kleiner Menschen in den Sattel; die Allerkleinsten werden zuhauf in die bei­den Wägelchen verpackt, die den Schluß der Ka­valkade bilden, und den Müttern, welche dos Schau­spiel umstehen, macht es nicht viel weniger Spaß als den Kindern, deren Beinchen allermeist nicht bis zum Bügel hinunterreichen. Aber die Pferde wissen auch ohnedies ihren Weg und sind sanft und gutartig von Gemüt.

Wer mehr für die Motorisierung und für die letzten Errungenschaften der Technik ist, kann natür­lich auch am Volant eines ohne Führerschein eigen­händig gesteuerten Miniaturautos die Freuden des kommenden Volkswagens im voraus genießen: das kostet nicht viel, und selbst Zusammenstöße auf die- ser Autobahn verlaufen völlig unblutig; weder der Arzt noch die Haftpflicht brauchen bemüht zu wer­den.

Wem das noch nicht genügt, dem wird für ge­ringes Geld eine Raketenfahrt- zum Mond geboten; da schießt man in einem atemversetzenden Tempo über die nördliche Halbkugel der alten Erde, und die Sphärenmusik, die einem dabei entgegentönt, geht nach der beliebten MelodieAm Abend auf der Heide"; außerdem ist da noch ein windbewegtes, leichtgeschürztes Fräulein, das flatterhaarig auf einer enormen Rakete in entgegengesetzter Richtung davonschießt; sie ist schon ganz grün und gelb im Gesicht, was kein Wunder ist, und es gewährt dem Vergnügungsreisenden auf Jules Vernes Spuren eine gewisse Beruhigung, wenn er entdeckt, daß die über Länder und Meere durch den Aether rasende

Jungfrau gar. nicht lebendig, sondern nur ein über­aus realistisches Abbild der Natur ist. Auf besonde­ren Wunsch kann diese Fahrt auch rückwärts ge­macht werden, was dasselbe kostet und besonders genußreich ist, zumal die Musik soeben ein schönes Volkslied anstimmt:Es wollt' ein Mädchen früh aufstehn, dreiviertel Stund' vor Tag ..."

Mal schießen der Herr?" Wer könnte sich so ernsthaft-lockender Aufforderung entziehen? Hier werden die Gesichter der Männer sachlich, hier er­innern sie sich vertrauten Handwerks, gelernt ist ge­lernt, und überdies grbt's was zu gewinnen:Wer die Rose vom Pfeifenkopf schießt, darf dieselbe be­halten." Aber auch solide, beständige und nützliche Dinge können gewonnen werden, gläserne, kristal­lene und metallene, über welche die Mutti daheim sich nicht minder freuen wird als die Kinder über Teddybären, Püppchen und allerlei Leckerei. Auf Schritt und Tritt klopft einem die Göttin Fortuna lächelnd und einladend in mancherlei Gestalt auf die Schulter: wer nicht schießen will, kann zum Beispiel eine Fahrkarte lösen; wir fuhren einmal nach Mün­chen und einmal nach Düsseldorf und wurden je­weils bei der Ankunft mit Schokolade beschenkt. Manche hatten fogar freie Wahl und entschwanden genießerisch mit einer Flasche Sekt.

Unter den Klängen der weltumspannenden Don­key-Serenade, bei Gongschlag, exotischer Trommel­musik und schmelzenden Gitarrenweifen öffnet sich das tropenbunte Wunder der Märcheninsel: für 30 Pfennig, Kinder die Hälfte, betretet Ihr, meine Lieben, das singende, klingende, tanzende Hawai. Fünfundzwanzig dressierte Affen sieht man hier (das Affenbaby, sieben Tage alt, auf der Reise von Leipzig nach Gießen geboren, ist allein schon den Eintrittspreis wert) man sieht sie in vielen Kün­sten, seiltanzend, radfahrend, musizierend und schie­ßend, und nicht genug damit, erblickt Ihr im zwei­ten Teil die betörenden Tänze der Mädchen von Hawai.

Nebenan gibt es auch gelehrige Hündchen, und noch ein Stück weiter erklettert man das zweistöckige Panorama, wo man im Guckkasten die gegenwär­tige Weltgeschichte bestaunen kann in großen, sehr farbenprächtigen Malereien, die an krassem Realis­mus nichts zu wünschen übrig lassen.

Ein« Stunde auf diesem Platz vergeht im Nu, eine Stunde ist überhaupt nichts, du bist außer aller Zeit, wenn du hier wandelst und dich treiben läßt auf den Wogen brausender Musik, im Strudel lachender, schwatzender und neugieriger Menschen, die gerne einen Groschen opfern, das Glück im Spiel zu versuchen oder einen bunten Luftballon in den hellen Oktoberhimmel steigen zu lassen. *r

Frohe Stunden in Lazaretten.

Im Rahmen der vorbildlichen Betreuungsarbeit durch die NSG.Kraft durch Freude" wurde den Verwundeten eines hiesigen Reservelazaretts Ge­legenheit gegeben, den russischen Sänger Konstantin S a d k o , einen hervorragenden Tenor, zu hören. Der Künstler, der sich auf einer Konzertreise be­findet und auf der Durchfahrt hier verweilte, fang den aufmerksam lauschenden Soldaten Lieder in deutscher, russischer, italienischer und spanischer Sprache. Sein Begleiter übersetzte die Texte der fremdsprachlichen Lieder in die deutsche Sprache. Der Sänger bereitete mit seiner prächtigen Stimme den Hörern einen besonderen Kunstgenuß, für den sie mit herzlichem Beifall dankten. Frau R i e t - schel aus Gießen war dem Sänger eine feinfüh­lige und verständnisvolle Begleiterin am Klavier. Am Sonntagmorgen bereitete der Männerge­sangvereinEintracht", Watzenborn-Steinberg, un­ter Leitung des Ehormeisters G. Harnisck den Verwundeten eines Lazaretts ein schönes Gesangs­konzert, bei dem Lieder vom deutschen Volkstum, von der Heimat, Vaterland und Soldatentum zu

Gehör gebracht wurden. Dabei fand auch das schöne Volkslied, ebenso wie der volkstümliche Männer­chor, seinen gebührenden Platz. Den Sängern und ihrem künstlerischen Leiter wurde für ihre ausge­zeichneten Darbietungen durch starken Beifall der herzliche Dank unserer Soldaten bekundet, der auch der NSG.Kraft durch Freude" galt, die diesen schönen Sonntagvormittag vorbereitet hatte. Das Streichorchester eines MusikkorPS der Wehrmacht erfreute die Verwundeten an einem anderen Tage durch ein Instrumental-Konzert, bei dem Walzer­kompositionen, Operettenmelodien und Märsche zu Gehör gebracht wurden. Auch hier war es KdF., das den Soldaten die schöne musikalische Feier­stunde, die dem Orchester mit herzlichem Beifall gedankt wurde, bereitet hatte. Vertreter der Partei, von MF. und von der NSKOV. wohnten den Ver­anstaltungen bei.

Die Lichtschleuse.

Mit der Abnahme der Tageslänge fällt auch ein Teil der Ladengeschäftszeit in die Dunkelheit. Es ist daher notwendig, rechtzeitig das Augenmerk auf die vorschriftsmäßige Verdunkelung der Ladenge­

schäfte zu lenken. Neben der Ausschaltung jeglicher Reklamebeleuchtungseinrichtungen und der Ver­dunkelung der Schaufenster muß besonders die so« genannte Lichtschleuse an der Eingangstür der Ge­schäfte, worunter auch die Gaststätten, Eisdielen usw. zu rechnen sind, mit aller Sorgfalt fo angelegt werden, daß auch bei nachlässigem Verhalten der ein- und ausgehenden Kunden kein Lichtschein nach außen dringen kann. Ob die Abblendung des Laden­einganges durch lichtundurchlässige Vorhänge, durch Einbau einer zweiten Tür ober auf irgend eine an­dere Weise bewerkstelligt wird, ist dem einzelnen! Geschäftsinhaber überlasten. Er ist aber dafür ver­antwortlich, daß seine Lichtschleuse einwandfrei wirksam ist und ständig in diesem Zustand erhalten! bleibt. Der Reichsluftschutzbund steht mit seinen Er­fahrungen allen Ratsuchenden bei der Anlage oon Lichtschleusen zur Verfügung.

Wenn KriegSgefanaene erkrankt sind.

Im landwirtschaftlichen Betrieb bereitet es meist Schwierigkeiten, erkrankte Kriegsgefangene zu pflegen und au beaufsichtigen. Es besteht daher im allgemeinen die Neigung, die nicht arbeitsfähigem Kranken unverzüglich in ihr Stammlager einzu- weisen. Aber empfehlenswerter ist es zumeist, leicht erkrankte Kriegsgefangene dem Betrieb zu er«

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ein feststehender Begriff erfolgreicher Kosmetik

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halten. Sie werden während der Erkrankung als Revierkranke" behandelt. Für die Krankheitstage braucht nach der Anordnung des Oberkommandos der Wehrmacht kein Barlohn gezahlt zu werden. Wohl ober ist der Betriebsführer entsprechend der eingegangenen Vereinbarung verpflichtet, dem er« ' krankten Kriegsgefangenen Unterkunft und freie Verpflegung zu gewähren. Für den Betrieb besteht der Vorteil derRevierbehandlung" darin, daß der Kriegsgefangene nach Wiederherstellung seiner Gesundheit sofort wieder zur Arbeitsleistung be­reitsteht, während bei Inanspruchnahme des Stamm­lagers oft Zeitverluste entstehen. Selbstverständlich müssen schwer erkrankte Kriegsgefangene in das Stammlager oder in ein Kriegsgefangenenlazarett überführt werden. In Fällen von ansteckenden: Krankheiten ist sofort die Zurückziehung der Kriegs­gefangenen beim Stamm lager zu beantragen, das Anweisung hat, die unverzügliche Ueberführung in ein Lazarett vorzunehmen.

Wann dürfen Kriegsgefangene Zugmaschinen führen?

Dieser Tage wurde mitgeteilt, daß Kriegsgefan­gene nunmehr auch zur Führung von Zugmaschi­nen herangezogen werden dürfen. Diese für zahl­reiche landwirtschaftliche Betriebe außerordentlich wichtige Erleichterung ist durch den Ernährungs- minifter veranlaßt worden. Bei der Auswahl der Kriegsgefangenen ift darauf zu achten, daß nur ausgebildete, als zuverlässig zu beurteilende Per­sonen berangezogen werden. Diese Vorschrift scheint teilweise mißverstanden worden zu sein. Es ist jedenfalls versucht worden, unausgebildete Kriegs­gefangene zur Ausbildung als Zugmafchinenführer anzumelden, damit sie nach erteilter Genehmigung zur Bedienung der Zugmaschinen des Hofes aus­gebildet werden könnten. So ist dies nicht gedacht. Die Kriegsgefangenen, die für den Dienst eingesetzt werden sollen, müssen die entsprechenden technischen Kenntnisse bereits besitzen. Selbstverständlich ist ha­bet zu erwarten, daß sie schon früher Zugmaschinen bedient haben. Nur unter diesen Voraussetzungen kann die Erlaubnis erteilt werden. Die Zulassung

Der Fischer.

Don Bruno Wolfgang.

Die Menschen in Hinterpetzluckau sind hart und rauh. Selten nur gelingt es, ein Körnchen Liebe in dem tauben Gestein zu entdecken. Es ist dort schwer zu leben. Für Fischer freilich ist hier das Paradies. Der Pensionist Alois Stettelberger hat ein kleines Häuschen in der Rüdigerftraße. Im Winter verläßt er das Zimmer fast gar nicht. Denn eine alte Verletzung der Wirbelsäule erschwert ihm das Gehen sehr. Er ist ein riesiger Mann und durch das viele Sitzen noch umfangreicher geworden. Seine kleine, rundliche Frau betreut ihn wie eine Gluck­henne.

Wenn das Frühjahr kommt, wird der alte Stettel- berger unruhig. Da muß die Frau das Fischzeug vom Boden holen, die Stöcke und Schnüre überprüfen, das kleine Blechgefäß für Köderfische Herrichten, ein größeres für die allenfalls zu fangenden Fifche und eine Zigarrenschachtel für die Würmer. Schwitzend sticht sie im Garten die Erde um und sammelt die Würmer. Stettelberger sitzt auf seiner Bank und sagt: Nur fest, Alte, das bringt das Blut durcheinander. Sie haßt die Fischerei, aber sie sagt kein Wort und trägt diese Last demütig mit den andern.

Um halb vier Uhr früh ift Abmarsch. Auch wenn es leicht regnet. Das stört den Stettelberger nicht. Es ist eine gute Stunde bis zum G'schirrwasfer, wo die besten Fische sind, und wo der Sage nach ein Huchen von 30 Kilogramm steht, der bisher noch jede Angel abgerissen hat. Stettelberger braucht für diesen Weg zwei Stunden. Er ist dunkelrot im Gesicht, wenn er ankommt. Aber trotzdem geht er sofort ans Werk. Seine Frau zieht ihm die Schuhe aus und krempelt ihm die Hofen bis über die Knie hinauf. Dann geht er an dem steil abfallenden Wurf über die wackligen Steine fo weit als möglich vor, fo daß er mit den Füßen schon im kalten Wasser steht, dann wirft er die Angel aus und sagt zu seiner Frau: Und jetzt, Rest, halt's Maul."

So vergeht Stunde um Stunde. Frau Stettel­berger fitzt im Gras, und die Feuchtigkeit kriecht ihr durch die wollenen Hofen bis in die Seele. Wenn sie seufzen dürfte, würde sie es tun. Daheim liegt die Wäsche zum Bügeln und Flicken, es ist nicht abge­staubt, und die Fliegen machen jetzt ungestört ihre schwarzen Punkte auf die weißen Vorhänge. Es ist

ein schweres Leben. Sie denkt:Hoffentlich ver­macht er's nächste Jahr mit die Füß nicht mehr. Dann wird Ruhe fein."

Aber der alte Stettelberger hat Riefenkräfte. Und wenn's drei Stunden dauert, er kommt doch hin. Noch nie das könnte die Frau beschwören, wenn sie dürfte hat er einen Fisch herausgezogen. Aber er wird einmal den Riesen-Huchen kriegen. Das weiß er, das ist fein Glaube. Doch er hat noch nie etwas anderes gekriegt als einen Riefenschnupfen.

Und wieder sind sie ausgerückt. Schwer ist's ge­gangen. Er war schon fast blau im Gesicht. Die Frau zwickt es furchtbar im Kreuz, aber sie muß es verschweigen. Da steht er nun stundenlang, die Sonne ist schon tief. Plötzlich reckt er sich auf, die Augen treten ihm heraus.Pst", macht er,er ift da." Die Hände beginnen ihm zu zittern und wohl auch die Beine. Er sucht festeren Stand, da kippt ein Stein ganz wenig, und schon wälzt sich der Stettelberger in seiner ganzen Mächtigkeit ins Wasser.Verfluchtes Luder", gluckst er noch. Meint er den Fisch oder die Frau? Sie springt hin und erwischt ihn gerade noch bei der Ferse. Die Angel­schnur hat sich in den Kleidern des Mannes ver­fitzt. Sie zieht und zieht, er erwischt einen festen Block, die Beine tasten nach einem Halt. Es gelingt; endlich hat er sicheren Stand. Schwer pustend und triefend kriecht er auf allen Vieren aus dem Wasser.

Saudumm", keucht er,jetzt ift er weg. Ich hab' ihn g'fehn."

Spät nachts kommen sie endlich daheim an. Stet­telberger muß sofort ins Bett, feine Frau macht ihm Umschläge und kocht einen Kamillentee. In der Eile hat sie das verdammte Fischzeug ins Vor­zimmer hingeworfen. Die Gefäße sind aufgegangen. Die Köderfischchen Hüpfen auf dem Fußboden, und die Würmer schleichen leise unter die Möbel.

Am nächsten Morgen fühlt sichrer Stettelberger recht schwach.Ich glaub', Rest", sagt er,mit dem Fischen ist's aus."

Gott sei Dank!" erwidert die Frau.Ich bin zu­frieden. Ich hab wenigstens einen mit 110 Kilo her- äusgezogen. Und einen rechten Stockfisch noch dazu."

Der Stettelberger versucht ihr mit seiner mächtigen Hand hinten eins herüberzuziehen. Aber er ist zu schwach.Der Huchen!" stöhnt er. Das ist sein großer Schmerz. Denn er hat ihn gesehen.

Im nächsten Jahre zieht der Förster bei tiefem Wasferstand an dieser Stelle ein altes Faltboot aus dem Wasser. Vielleicht war es der berühmte Huchen.

Doch der Stettelberger erfährt es nicht mehr. Er ift schon im Paradies, wo der Fischer, auf weichen Wolken sitzend, aus dem leuchtenden Aethermeer himmlische Fische angelt nach Herzenslust.

Der verdrehte Büchmann.

Es ist merkwürdig, wie viele gerade der beliebte­stenZitate" falsch zitiert werden. Sehr häusig hat ein Dichterwort im Volksmund, sei es aus Gedächt­nisschwäche oder um es mundgerechter zu machen, manchmal auch um des Witzes willen Umformun­gen und Veränderungen erfahren, bis es in einer Prägung allgemein verbreitet ift, die sich von dem ursprünglichen Text öfter sehr weit unterscheidet. Büchmann wird also verdreht, seinegeflügelten Worte" haben längst nicht mehr die Genauigkeit, mit der sie dieser Vater der Zitatenkunst aufzeich­nete.

So sagt man allgemeinDem Glücklichen schlägt keine Stunde", aber bei Schiller heißt es im dritten Akt derPiccolomini":Die Uhr schlägt keinem Glücklichen." Wir zitieren allgemein:Laß, Vater, genug sein des grausamen Spiels", aber in Schillers Taucher" stehtdas grausame Spiel". Ebenso wird stets jene komische Stelle aus Müllners Schicksals­drama >/D1e Schuld" falsch angeführt. Es heißt näm­lich nichtErkläret mir, Graf Oerindur, doch diesen Zwiespalt der Natur", sondern:Und erklärt mir, Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur." Bisweilen ist der Wunsch, einen ursprünglich unrhythmischen Ausspruch rhythmischer zu gestalten, an diesen Veränderungen schuld. Allgemein sagt ntan:Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan", in Schillers Fiesko" aber lautet die Stelle im dritten Akt um­ständlicher:Der Mohr hat feine Arbeit getan, der Mohr kann gehen." Ebenso ist ein bekanntes Zitat aus demDon Carlos" etwas vereinfacht worden. Es wird nämlich stets zitiert:Der Knabe Karl fängt an, mir fürchterlich zu werden", während in der sechsten Szene des ersten Aktes des Schillerschen Dramas dem spanischen Hofzeremoniell entsprechend Don Karl" steht.

In manchen Fällen verliert eine Aeußerung, die aus dem Zusammenhang gerissen ist, ihre eigentliche Bedeutung. Bei Goethe lautet imWestöstlichen Divan" die Aufforderung an die Huri, die vor dem Paradies Wache hält:Nicht so vieles Federlesen, laß mich immer nur herein, denn ich bin ein Mensch

gewesen, und das heißt ein Kämpfer fein." Heute wird vielfach zitiert:Machet nicht viel Federlesen, schreibt auf meinen Leichenstein", wobei die ur­sprüngliche Situation des Gedichtes vollkommen ver­gessen ist. Eine ungenaue Anführung ist auch das Zitat aus dem berühmten Monolog Hamlets in der Übersetzung Schlegels:Von des Gedankens Blässe angekränkelt." Die Verse heißen richtig:Der ange« borenen Farbe der Entschließung wird des Gedan« kens Blässe angekränkelt."

Neben dieser unabsichtlichen Entstellung bekannter Aussprüche^ gibt es aber auch bewußte Umformun« gen, die meistens zu komischen Zwecken vorgenom­men werden. Wer ahnt heute noch, daß bas oft ver. wendete Wort:Wo du nicht bist, Herr Organist, da schweigen alle Flöten", aus einem Kirchenlied stammt, und zwar aus der zweiten Strophe eines Gesanges des Barockdichters Erdmann Neumeister? Herr Jesu Christ, wo du nicht bist, ist nichts, was mir erfreulich ist." Da hat der unbekannte Weiter­dichter fchon recht selbstherrlich gehandelt, und ähn« 'lief) ift es mit andern komisch verdrehten Zitatem Wenn die bekannten Worte aus Goethes Ballade Der König von Thule" umgestaltet werden und man stattDie Augen gingen ihm über, so oft er trank daraus", sagt:So oft trank er daraus", so ift das eine absichtliche Verballhornung des Dich« fers, um eine komische Wirkung zu erzielen. C. IG

Oos Lamm auf dem Tornister.

In einer Abhandlung über die in der heutiges Medizin häufig und erfolgreich ausgeführte Blut­transfusion geht der Münchener Gelehrte Dr. Fritz Schörcher auch auf die Anfänge dieses Verfah­rens ein. Er erzählt im Oktoberheft von Beila­gen 6c Klafings Monatsheften, daß man im Kriege 1870/71 schon siebenunddreißio Bluttrans­fusionen mit gutem Erfolg ausführte. Doch wurde noch damals von ärztlicher Seite empfohlen, ein Lamm, dem die Halsschlagader frei gelegt worben war, auf dem Tornister mit in die Schlacht zu neh­men. Da auch bei Transfusionen von Mensch zu Mensch Zwischenfälle nicht ausblieben, wurde im­mer wieder auf die Transfusion mit Schafblut zu- rütfgegriffen. Auf dem Chirurgenkongreß 1874 in Berlin berichtete Hasse über Transfusionen mit Hammelblut. Damals wurde während der Tagung der Witz erzählt, daß zu einer Bluttransfusion bm Schafe gehörten, eines als Spender, eines als Emp« jünger und eines, das die Transfusion ausführt-