Ausgabe 
9.10.1940
 
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Mittwoch, y. öffoberWO

Gietzener Anzeiger

19«. Jahrgang Br. 259

General-Anzeiger für Oberhessen

neuen W.W Japan und der ostasiatische

Ober-

ihren

Schwarze Tage für London

eng- finb hoch

Schriftiettung «nd SefchäftrsteNe: Gießen. Schnlftrahe 7-9

Vergeilungsangriffen am gestrigen Tage in Lon­don zahlreiche Bombentreffer schwe­ren Kalibers auf Bahnanlagen westlich des Themsebogens sowie auf die Lommerclal- und West- India-Docks. hierbei zeichneten sich besonders die leichten Bombenkräfte des Generalfeldmarschalls Kesselring aus. 3n Südengland wurden Rü­st ungsanlagen und militärisch wichtige Ziele wirkungsvoll bombardiert.

Auch während der ganzen Rächt belegten in rol­lendem Einsatz Kampfflugzeuge Verkehrsan­lagen. Versorgungsbetriebe und andere Ziele in der b r l t i s ch e n h a u p t st a d l mit Bom­

ben mittleren und schweren Kalibers. Zahlreiche Brände im Stadtgebiet waren die Folge. Bei Nacht­angriffen gegen Manche st er, Liverpool und Edinburgh konnten besonders starke Schaden­feuer beobachtet werden. Das Verminen briti­scher Häfen wurde fortgesetzt.

In der letzten Nacht flogen britische.Flugzeuge an mehreren Stellen nach Deutschland ein. Ihr Hauptangriffsziel war Berlin. Durch Abwehr- matznahmen gelang es, die Mehrzahl abzu­drängen, während ein Teil die Reichshauptstadt erreichte. Bomben trafen wiederum mehrere Kran­kenhäuser, ferner Wohngebäude, Lagerschuppen so­wie Gleisanlagen und richteten an einigen Stellen Sachschaden an. Unter der Bevölkerung sind zahl­reiche Tote und Verletzte- zu beklagen. Zwei bri­tische Flugzeuge wurden beim Anflug auf die Reichshauptstadl durch Flakartillerie abgeschossen.

Insgesamt verlor der Gegner gestern 3 2 Flug­zeuge. 13 eigene Flugzeuge werden vermißt.

England eröffnet wieder die Burmastraße.

Tokio, 9. Ott (DRB. Funkspruch.) Der eng- lische Botschafter teilte dem japanischen Außen­minister Matsuoka am Dienstag mit daß die Burma st ratze am 18. Oktober wieder er­öffnet werden würde. Sie ist die letzte Zufahrt- stratze, die Marschall Tschiangkaischek und der Tschungking-Reglerung nach dem japanisch-franzö­sischen Uebereinkommen über Jndochina für die Materialtransporte von der See her geblieben war. England hatte sich im Sommer unter dem Druck der verzweifelten Situation in Europa auf Verlangen Japans dazu verstehen müssen, in eine Schliehung der Skratze durch Britisch-Burma zu willigen. Die Ankündigung der Wiedereröffnung dieser Strahe bedeutet eine scharfe Brüskierung Japans.

vrvckmid vertag:

Vrühlfche Uni oersttätLd ruderet H. Lange

Faruk als Kalif?

Von unserem ^.-Berichterstatter.

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Neue Vergeltungsangriffe auf London.

Schadenfeuer auch in Manchester, Liverpool und Edinburgh. - Am Montag 32 englische Flugzeuge vernichtet.

Stockholm, 8. Oft. (Europapreß.) Die lischen Verluste an Sperrballonen in den letzten 36 Stunden überdurchschnittlich , , gewesen. Einerseits haben deutsche Jagd­maschinen im Lame des Sonntags und Mon­tags verschiedene Angriffe auf die Sperrketten an der Südküste, u. a. bei Dover, unternommen. Aus

Wie ein gewaltiger Riese erscheint hier der Heinkel- Bomber 111, der über die englische Küste in das britische Land einfliegt. (PK.-Scherl-Bilderdienst-M.)

Wieder englische Sperrballone über Schweden.

Der Wehrmachlsbericht vom Dienstag.

Berlin, 8. Ott (DRV. Funtfpruch.) Das tommando der Wehrmacht gibt betannt: Stärtere Kampffliegerverbände erzielten bei

Stockholm, 8. Okt. (Europapreß.) Nach Be­richten neutraler Beobachter aus London war der Montag ein besonders schwarzer Tag für die bri­tische Hauptstadt. Im Verlauf des längsten Flie­gerangriffs, den Groß-London Montagnacht erlebte, ging ein wahrer Bombenregen über der Stadt nieder. Aber nicht nur London, der ganze Süden und Südosten Englands wurde in ständig sich folgenden Wellen überflogen. Erst in den Nach­mittagsstunden des Dienstags wird von amtlicher Londoner Stelle bestätigt, daß die englische Haupt­stadt in der Nacht zum Dienstag den l ä n g st e n Luftalarm sei Kriegsbeginn durchmachte. Tausende von Spreng- und Brand­bomben wurden über London und den Außen­bezirken der Stadt abgeworfen, so daß der ange­richtete Schaden als größer denn je bezeichnet wird. Zum ersten Male stellte die englische amtliche Nachrichtenagentur Reuter in einem Kommunique fest, daß die letzte Nacht umfassende Angriffe auf ganz England brachte und unzählige Bomben auf London und seine Vororte und auf Städte in West­england abgeworfen wurden. Auch Schottland und Wales, die Industriegebiete in Südostengland, in den Midlands und anderen Gegenden, die nicht mit Namen genannt find, wur­de» heftigen Angriffen unterzogen. Der deutsche Luftangriff setzte bereits in den frühen Abendstun­den ein und währte die ganze Nacht über bis in die frühen Morgenstunden des Dienstags. Amtlich wurde festgestellt, daßLondon in den letz­ten zwölf Stunden die gewaltige Abwehr in Gang setzen mußte, um sich vor den Angriffen der deut­schen Luftwaffe zu schützen".

In den Vormittagsstunden des Dienstags begann weittragende deutsche Artillerie von der französischen Kanalküste aus die Gegend von Dover mit Granaten zu belegen. Die Bom­bardierung dauerte etwa eine Stunde. Nach eng­lischen Angaben wurden in einem Abstand von drei Minuten zahlreiche Granaten über den Kanal ge­feuert. Auch die deutsche Luftwaffe richtete am Dienstagvormittag weitere Angriffe auf London und Südostengland. Ueber der englischen Haupt­stadt wurden verschiedentlich Bomben abgeworfen. Ueber die angerichteten Schäden gibt der englische Nachrichtendienst vorläufig keine Einzelheiten.

der anderen Seite hat das stürmische Wetter am Sonntag und in der Nacht zum Montag sein übriges getan. Den ganzen Montag über trieben zahlreiche losgerissene Ballone mit langen Stahltrossen über Schweden hinweg und haben dabei in nicht wenigen Fällen^ der schwedischen Luftwaffe erneut die Möglichkeit ge­geben, sich zu üben. Wie zahlreich die Ballons aus­getreten sein müssen, geht aus dem Umstand her­vor, daß Montag der Luftverkehr über Schweden zum Teil eingestellt werden mußte.

Nach den australischen Wahlen

Gegen die Kriegspolitik Menzies.

Madrid, 8. Okt. (Europapreß.) Die letzten Nach­richten aus Melbourne über das Endergebnis der australischen Wahlen lassen nunmehr den Rück­tritt der Regierung Menzies als fast unvermeidlich erscheinen. Nach dem vorläufigen Endergebnis halten die vereinigten Austra- lienparteien und die ßanb partei, die zu­sammen die Regierung Menzies bildeten, insgesamt 37 Sitze, die Arbeiterpartei dagegen 36 Sitze. Da die Regierungsparteien den Präsidenten des Abgeordnetenhauses zu stellen haben, der von seinem Stimmrecht keinen Gebrauch machen kann, hat die bisherige Regierungskoalition also keine Mehr­heit mehr. Der von Menzies gemachte Versuch, die Arbeiterpartei zum Eintritt in einenationale Regierung" unter seiner Führung zu bewegen, scheint bei dem Führer der Arbeiterpartei, Cur- tin, auf keinen guten Boden gefallen zu sein. Die Arbeiterpartei wünscht vielmehr die Bildung einer aus allen Parteien bestehenden Regierung unter Führung Curtins, doch wird die Partei ihre endgültige Haltung in der Frage der Regierungs­bildung erst auf einer Parteikonferenz am kommen­den Montag festlegen. Man muß in London ein­gestehen, daß die Wahlen keineswegs die Zustim­mung der Wählerschaft zu der Kriegspolitik des Kabinetts Menzies zum Ausdruck bringen, sondern auf starke Unzufriedenheit der australischen Be­völkerung mit dieser Politik schließen lassen.

Britischer Tanker im Kanal von deutscher Fernkampfartillerie getroffen.

Berlin, 8. Okt. (DNB.) Dienstag morgen be­schoß deutsche Fernkampfartillerie von der Kanal­küste aus einen britischen Tankdamvfer, der i m Geleit von mehreren britischen Zer­störern fuhr. Die Beobachtung ergab eine gute Trefferlage. Die Zerstörer nebelten den Tankdamp­fer ein und entzogen sich dadurch auch selbst der Sicht. Es ist jedoch damit zu rechnen, daß der Tank- dampfer seinen Bestimmungsort nichterreichen wird.

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sammenberufen, man nimmt an, ...

seine Ministerkollegen von den neuen englisch... Forderungen nach der ägyptischen Kriegserklärung an Italien in Kenntnis setzte. Nach einem Bericht desAftondladet" wur­den zwei wichtige Beschlüsse gefaßt, die jedoch streng geheimgehalten werden. Der Umstand, daß bei der neuen englischen Initiative der englische Botschafter in Aegypten, Sir Miles Lampson, durch Militärs ersetzt wurde, gewinnt ein beson­deres Gewicht. Man rechnet damit, daß Gra- z i a n i in den nächsten Tagen von Rom nach Libyen zurückkehren wird, um die Durchführung der neu erhaltenen Befehle in Angriff zu nehmen. Man hofft in England, das Jnselreich möge nun ein Kriegsschauplatz zweiten Ranges werden. Die stark zensierten Auslandsbeobachter in London mel­den die Verstärkung der englischen Garnison in Aegypten nach dem Flug General Wavells nach London.Alle Anzeichen deuten daraufhin", schreibt Daily Expreß, daß sich kommende Ereignisse im Mittelmeer zutragen werden.

nicht einen Schritt weitergekommen. Die Türkei wandte sich im Jahre 1939 ganz offiziell geaen bie Bestrebungen, die von Kairo ausgingen, und zwar hauptsächlich aus politischen Gründen. Allerdings ist die türkische Ansicht, der Kalif müsse aus dem Stamme Mohammeds sein, eine gerade aus dem Munde moderner türkischer Staatsmänner sehr sett- am klingende Auffassung, da ihre früheren Sul­tane, die gleichzeitig Kalifen waren, ja auch nicht aus dem Stamme des Propheten waren. Ebenso ist der Einwand, König Faruk als Kalif könne doch unmöglich in das Freitagsgebet der Moscheen aller Länder eingeschlossen werden, nicht stichhaltig, da es sich hier doch nicht um eine untergeordnete Frage handelt. Die Türkei erhob Einspruch gegen die ge­plante Ausrufung des Kalifen hauptsächlich aus englischen Gründen heraus, denn der Kalif würde ohne weiteres die jetzt durch englische Maß­nahmen zersplitterten Araber des Orients wohl nicht nur religiös vertreten wollen. So ist die jetztige Aufwerfung der Kalifenfrage in Kairo durch­aus als Zeichen einer antibritischen Stimmung in den Massen zu werten. Der Kalif sott B renn punkt eines arabischen Imperiums ein, und das zu fürchten haben die Engländer und die Türken alle Ursache.

Wird England Aegypten zur Kriegserklärung zwingen?

Stockholm, 8. Oktober. (DNB.) Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die englische Regierung ihre Vorstöße in Aegypten verschärfen wird. Der ägypti­sche Ministerpräsident Sabri) Pascha empfing den obersten Befehlshaber der in Aegypten stehenden englischen Truppen, General Wavell, und den ägyptischen Generalstabschef. Nach den beiden Kon­ferenzen wurde der Ministerrat überraschend zu-

Wirtschastsraum.

Der Dreimächtepakt zwischen Berlin, Rom und Tokio ist sicherlich zunächst eine Konsequenz des Krieges i aber nicht nur bas. Der letzte Grund ba> für liegt tiefer. Er ist darin zu sehen, daß Japan in Ostasien eine gleiche ober boch ähnliche Aufgabe zu erfüllen hat, wie bie beiden Achsenmächte in Europa, nämlich bie Ordnung eines Wirtschafts­raumes, dessen natürliche Zusammenhänge durch die egoistische Politik Englands und seiner Anhänger seit langem zerrissen worben sinb. Mit welcher Schnelligkeit Japan ben Weg vorn mittelalterlichen Feudalstaat zum modernen Industrie- und Handels­staat zurücklegte, ist bekannt. Immerhin war bis zur Besetzung von Mandschukuo die japanische In­dustrie in der Hauptsache erst eine verarbeitende Industrie, während eine ausgesprochene Schwerin­dustrie zwar bereits vorhanden war, aber bei wei­tem nicht den politischen Notwendigkeiten genügte. Seitdem hat Japan erkannt, daß es seine politischen Ansprüche nur durchsetzen kann, wenn es seine inbuftrielle Leistungsfähigkeit in dem dazu erforderlichen Ausmaße erhöht. Diese Aufgabe war insofern doppelt schwierig, als weder die finan- zielten noch die rohstoffmäßigen Voraussetzungen dafür vorhanden zu sein schienen. Das ist der Grund dafür, warum England mit arroganter Ueberheb» lichkeit den japanischen Versuchen nach dieser Rich­tung hin zusah. Japan mußte ja nach englischer Ansicht scheitern, weil es ihm sowohl am Gelbe, wie auch an den erforderlichen Rohstoffen zum Aus­bau einer genügend leistungsfähigen Schwer- und Rüstungsindustrie fehlte. Die britischen Plutokraten begingen hier denselben Fehler, den sie gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland in Europa machten. Der hundertmal' vorausgesagte Bankrott Japans ist noch immer nicht eingetreten, und die Rohstofflage Japans ist, wenn auch keineswegs gün­stig, so doch erheblich besser als vor einigen Jahren.

Auch Kautschuk fehlt den Japanern. Er wird vor allem aus der Südsee bezogen. Die künst­liche Erzeugung ist ebenfalls in Angriff genommen worden, wozu vor allem die Wasserkräfte des Palu und des Sungari herangezogen werben sollen. Zu beachten ist auch die Kautschukproduktion Franzü- sisch-Indochinas, die etwa 60 000 Tonnen jährlich beträgt. Hier könnte Japan fick notfalls eine Be­zugsquelle verschaffen, bie verhältnismäßig wenig gefährdet werben kann. S t a h 11 e g i e r u n g s- metalle, wie Wolfram, Mangan, Molybbän, Antimon sowie Zinn und Blei werden in vielen Gebieten Chinas produziert, sind also für Japan leicht erreichbar. Baumwolle könnte zukünftig 3um größten Teil aus China gedeckt werben, ebenso Wolle. Werben boch in Norbchina schätzungsweise 30 Millionen Schafe und Ziegen gehalten. Für die Zellstoffprobuktion kommt in erster Linie bas Sojabohnenrohr Manbschukuos in Frage.

Diese kurze Ueberficht zeigt, bah ber ostasiatische. Wirtschastsraum alle Möglichkeiten zur Erreichung einer nationalen Wirtschaftsfreiheit in sich birgt. Es kommt nur barauf an, diesen Wirtschaftsraum ent» . sprechend zu ordnen. Das ist Japans Ziel. Eine solche Ordnung lag aber nicht im Sinne Englands

(Nachdruck, auch mit Quellenangabe, verboten.) Ankara, Oktober 1940.

Der durchaus eingesichtige Islam hat sich bei den Friedensgebeten, die auf Befehl des Königs Faruk von Aegypten am Montag, dem 16. September d. I., in Kairo gelesen wurden, sehr deullich gezeigt. Der Islam ist nicht nur politisch, sondern auch religiös ein einziger und untrennbarer Begriff. Die­ser Islam aber ist anti-englisch. Die Folgen dieser anscheinend rein religiösen Kundgebung zeig­ten sich bald. Die Minister der Saabpartei, einer von der.ägyptischen und nationalistischen Wafbpartei abgesplitterten, von den Engländern gekauften unb dem König aufgezwungenen Gruppe, mußten aus dem Ministerium ausscheiden. Wenn auch der Ministerpräsident eigentlich ein Strohmann Eng­lands ist, so sind die Widerstände nicht nur des Königs, sondern auch des Volkes geaen die von ben (gnglänbern und ben Saadiften geforderte Kriegs­erklärung an Italien doch so stark, daß es bislang nicht gelungen ist, diese Abneigung zu brechen.

In der altehrwürdigen El-Kuzum-Moschee wurde das Friedensgebet bezeichnenderweise vom jungen König Faruk s e l b st verlesen. Religion und Poli­tik sind, das wurde deutlich demonstriert, im Islam eins. Die gewaltige Menschenmenge in und vor der Moschee rief begeistert aus, daß König Faruk der ,Lalif" des Islam sei, und wenn auch diese Rufe, nicht in der unter englischer Zensur stehenden ägyptischen Presse erwähnt werden durf­ten, so sind sie doch gerade jetzt interessant, da sie beweisen, daß die ägyptischen Massen genau wie 1938 hinter dem König stehen, dem 1938 die W i e - derer st ehung des Kalifats durch den Scheik ul Islam der altberühmten Hochschule und Moschee des Ahzar angeboten wurde. Unmittelbar vor seiner Hochzeit besuchte nämlich der damals achtzehnjäh- riae König Faruk diese Hochschule. Ihr Rektor be­zeichnete ihn bei dieser Gelegenheit als den neuen Kalifen, und die Schüler dieser in der ganzen islamischen Wett als die vornehmste religiöse und wissenschaftliche Lehrstätte aller Gläubigen ange­sehenen Hochschule begrüßten am folgenden Tage den jungen König gelegentlich einer Demonstration mit dem Ruf: Emir Al Mouminin Fürst der

Gläubigen.

Kann aber König Faruk Kalif werden, und was bedeutet eigentlich diese Würde? Das Kalifat ist nicht dem Papsttum in der Christenheit ^leichzu- setzen, obgleich viele Europäer dis Kalifenwürbe mit der des Papstes vergleichen, denn während der Papst den Anspruch erhebt,Stellvertreter Gottes" zu sein und daher in Glaubenssachen endgültige Entscheidungen treffen zu können, hat der Kalif mit dem Dogma des Islams nichts zu tun. Das Wort Kalif, arabischchalifa, bedeutet eigentlich Stellvertreter" oderNachfolger". Nach dem Tode Mohammeds im Jahre 632 unserer Zeitrech­nung wurde der erste Kalif, ber sich selbst das Siegel des Propheten" nennt, der alte Abu Bekr. Auch die drei folgenden Kalifen Omar, Osman und Ali gehörten dem Kreise der mekkanischen Anhänger des Propheten an, aber die Spaltung trat bann ein, da die Schütten, die hauptsächlich in Per­sien sitzen, die drei Kalifen Asm Bekr, Omar und Osman nicht anerkannten, sondern behaupteten, nur der vierte, Ali, sei vom Propheten selbst zu seinem Nachfolger erkoren worden. Dieser Zwiespalt im Islam ist unlösbar. Einig war man sich mnächst nur in der Auffassung, daß der Kalif selbst dem Stamme entsprossen sein müßte, dem Mohammed selbst angehörte, also dem Koreisch. Als aber bie selbschukkischen Türken, bie sich den Sunniten zurechneten, die politische Erbschaft der Araber an­traten, zwang der Türkensultan Selim L, der nach ber Schlacht bei Heliopolis 1517 Aegypten eroberte, den letzten Sprößling der abassibischen Kalifen, Mut- wakhil, seiner Würde zu entsagen. Selim selbst wurde Kalif. ....

Das war ein Staatsstreich mit religiösem Ein­schlag von ungeheurer Bedeutung für den gesamten Islam: eine Revolution, etwa der gleichzeittgen Reformation Luthers im Abendland vergleichbar. Denn damit wurde die Vorschrift des Hagls, ber mohammedanischen Gesetzesquelle, wonach ber Kali aus dem Stamme des Propheten genommen werden müsse, durchlöchert. Die Spannung zwischen Sun­niten und Schitten wurde dadurch noch verschärft und auch die spanischen O m a i j a b e n unb andere westafrikanischen Dynastien erkannten die Kalifen- würbe ber Türkenherrscher nicht an, sondern nann­ten sich ihrerseits Kalifen. Die neue Türkei schafft bie Kalifenwürbe ab, wie sie auch in ihre Versa jung aufnahm, baß nicht die mohammedanische Re­ligion Staatsreligion sei und ben religiösen Eid ein­fach durch bas Ehrenwort ersetzte.

Inzwischen ging es in der arabischen Welt bunt genug zu. Unter englischem Einfluß hatte sich der Scherif Huf sein im März 1924 in Mekka den Kalifentitel angeeignet, aber sein Kalifat zerbrach schon nach einem halben Jahr, als Ibn Saud das Land des Islam mit seinen Wattfahrtsstätten Mekka unb Medina eroberte. Der Sohn Husseins, Ali, nahm den Kalifentttel nicht mehr an, aber auch Ibn Saud erkannte, daß der Uebemahme die­ser Würbe ungeheure Schwierigkeiten entgegenstän­den, denn auf einem panislamitischen Kongreß, den er schon 1926 zusammenrief, erhoben die Wernas des Islam schwere Bedenken gegen bie Uebertragung ber Kalifenwürde an Ibn Saud, der einer beson­ders orthodoxen Richtung angehört. Alle Versuche, die seit dem 3. März 1924 auch offiziell ruhende Kalifenwürbe wieder zu beleben, find seitdem er­folglos geblieben.

Wenn auch eine weitgehende Annäherung Zwi­schen den einzelnen arabischen Gruppen, den Sun­niten und auch bürd) König Faruk von Aegypten mit dem sunnitischen Iran erreicht wurde, da ber Kronprinz oon Iran. S ch - p n r P-Hlenn, nn F-. bruar 1939 sich mit ber ältesten Schwester bes Kö­nigs von Aegypten, ber Prinzessin Fawzia. ver­heiratete, fo ist doch seitdem die Frage des Kalifats

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