Gondergerichi in Gießen.
Walter Gröning aus Friedberg, zur Zeit in Untersuchungshaft, war beschuldigt, in Friedberg und Bad-Nauheim im Januar und Februar d. I. unter Ausnutzung der Verdunkelung Einbruchsdiebstähle begangen zu haben. Er hatte dabei Geld und Zigarren erbeutet. Der Angeklagte, der erheblich vorbestraft ist, war im wesentlichen geständig.
Der Anklagevertreter führte aus, der Angeklagte sei zehnmal wegen Bettelns und dreimal wegen Diebstahls bestraft worden. Die Strafen hätten aber keinen Eindruck auf ihn gemacht. Der Angeklagte sei als asoziales Element anzusehen, in dem ein unsteter Wanderdrang liege. Der Umstand, daß die Vorstrafen verhältnismäßig niedrig seien (Höchststrafe sechs Monate Gefängnis), führe dazu, daß von der Todesstrafe abgesehen würde. Der Anklagevertreter beantragte eine Gesamtzuchthausstrafe von 12 Jahren und Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte für die Dauer von 10 Jahren.
Der Verteidiger führte aus, nur in einem Falle habe der Angeklagte die Tat unter Ausnutzung der Verdunkelung begangen. Die Straftaten seien der Ausfluß des lasterhaften Bettelns. Er bat, auf eine wesentlich geringere Strafe zu erkennen.
Der Angeklagte wurde wegen Einbruchsdiebstahls im wiederhosten Rückfall, wegen eines Einbruchs- diebftahls unter Ausnutzung der Verdunkelung und eines versuchten Einbruchsdiebstahls, ebenfalls unter Ausnutzung der Verdunkelung, als Dolksschäd- ling zu einer Gesamtzuchthaus st rafe von ach t Jahren verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte wurden ihm auf die Dauer von fünf Jahren aberkannt. Das Gericht folgte bei der Urteilsbegründung im wesentlichen den Ausführungen des An- klagevertteters.
Amtsgericht Gießen
Zwei Frauen aus Allendorf (Lahn) hatten sich wegen übler Nachrede zu verantworten. Sie hatten die unwahre Behauptung verbreitet, die Ehefrau L. in A. habe, als von Bezugscheinen gesprochen worden sei, gesagt „ihr Mann sitze an der Quelle, sie habe daher mit Bezugscheinen keine Last". Die Beschuldigten gaben der Beleidigten eine Ehrenerklärung ab und übernahmen die Kosten mit der Verpflichtung, die Erklärung eine Woche lang an der Ortstafel in A. öffentlich bekanntzumachen. Nach Zahlung der Kosten wird die Beleidigte den Strafantrag zurücknehmen.
Aus der engeren Heimat.
75 Jahre
Spar- und VorschußvereinOaubringen
* Daubringen, 8. Mai. Der Spar- und Dorschußverein hatte, dem Ernst der Zeit entsprechend, von einer besonderen Feier des 75jährigen Bestehens abgesehen und diese nur in kleinem Rahmen mit der diesjährigen Generalversammlung verbunden. Im geschäftlichen Teil begrüßte der Vorsitzende des Aufsichtsrats, Wilhelm Mohr, die Mitglieder, insbesondere Oberrevisor Hartmann aus Gießen, der als Vertreter des Verbandes an dem Abend teilnahm. Nachdem man ehrend der im abgelaufenen Geschäftsjahr verstorbenen Mitglieder gedacht hatte, erstattete Direktor A l b a ch den Geschäftsbericht, der auch diesmal wieder eine aufsteigende Entwicklung des Vereins nachwies. Der Umsatz ist auf über i/.2 Million gestiegen, die Spareinlagen auf rund 200 000 RM. Die Aktiva betragen 227 563 RM., der Reingewinn beläuft sich auf 1694 RM. Die satzungsgemäß ausscheidenden Aufsichtsratsmitglieder August Weimer und Adam Stein wurden auf Vorschlag des Vorstands wiedergewählt, ebenso das Vorstandsmitglied Karl Grölz II. An Stelle des verstorbenen Aufsichtsratsmitglieds Heinrich Preis trat August Kümmel.
Die anschließende Feier des»75jährigen Bestehens wurde eingeleitet mit einem Begrüßungsgedicht, vorgetragen von dem Schüler Heinz Roth. Schüler der Oberklasse unserer Schule hatten die Ausgestaltung übernommen und führten ein kleines, passendes Bühnenstückchen auf. Der stellvertretende Direktor Henkel schilderte die Gründung und die Geschichte des Vereins. Oberrevisor Hartmann aus Gießen überreichte im Auftrage des Verbandes dem Verein und Direktor A l b a ch und Kassenrechner Wilhelm Braun Ehrenurkunden des Verbandes. Lehrer Wagner überbrachte die Glückwünsche der Schule, deren sämtliche Schüler Sparhefte besitzen
mit einem Kapitalbestand von mehr als 11 000 RM. Zum Schluß wurde ein Film gezeigt über Brauchtum einer entfernten Gegend. Einige gemeinsam gesungene Volkslieder vereinten alle Genossenschaftsmitglieder noch eine Stunde, worauf die schlichte Feier, auf die der Verein mit Beftiedigung zurückblicken kann, geschlossen wurde.
Landkreis Gießen.
# Mainzlar, 8. April. Am Montag fand in Anwesenheit der gesamten Gefolgschaft der Didier- Werke im großen Ausenthaltsraum eine Ehrung der Arbeitsjubilare statt. Die Arbeits- jubilare hatten an einem blumengeschmückten Tisch Platz genommen. Nach der Einbringung der Fahnen und dem Einmarsch der Werkschar wurde der verstorbenen Kameraden Wilhelm H o r m a n n aus Staufenberg und Rudolf Schnecker aus Allertshausen gedacht. In einer kurzen Ansprache beschäftigte sich dann der stellvertretende Betriebsführer Dr. Thiel mit dem Verlauf des vergan- aenen Betriebsjahres, dankte für die geleistete Arbeit und erbat auch für das kommende Arbeitsjahr den restlosen Einsatz aller Gefolgschaftsmitglieder. Herzliche Worte des Dankes widmete er den Jubi- laren Versandleiter Heinrich Pflüger, Ofen
meister Wilhelm Keßler und Ofensetzer und Vertrauensmann Otto Conrad Sommerlad. Jedem Jubilar wurden ein stattliches Geldgeschenk und eine Urkunde der Industrie- und Handelskammer Gießen überreicht. Betriebsobmann Ernst Schlapp überreichte außerdem die Ehrenurkunden der Deutschen Arbeitsfront. Anschließend wurden die Namen der neu ernannten Vertrauensmänner — Handformer Wilhelm Muhly (Alten-Bufeck), Verlader Karl Dietz (Mainzlar), Mischer Johann Kuhl (Nordeck), Feuerfestformer Paul H e r l i t s ch k e (Allertshausen) und Maschinenformer Heinrich Backhaus (Climbach) — bekanntgegeben. Nach der Feier marschierte die ganze Gefolgschaft zum nahen Wald und trat dort zu einem Waldlauf an, an dem sich die Arbeitskameraden nahezu vollzählig beteiligten. Anschließend kehrten alle an die Arbeitsstätte zurück.
Schweinemarkt in Nidda.
♦ Nidda, 8. Mai. Auf dem heutigen Schweinemarkt standen 350 Ferkel zum Verkauf. Es kosteten 6 bis 8 Wochen alte Ferkel 28 bis 35 RM., 8 bis 10 Wochen alte 35 bis 42 RM. pro Stuck. Das Geschäft verlief sehr flott, es verblieb ganz geringer Ueberftanb.
Venus im höchsten Glanze.
Von Dr. Erwin Koffinna.
Seit Dezember vorigen Jahres, also bereits fünf Monate lang, schmückt Venus als Abendstern den westlichen Himmel. Wir sahen sie im Februar dicht am Jupiter, im Märß am Saturn, im April am Mars vorbeiziehen und konnten dabei ihren einzigartigen, alle anderen Planeten weit übertreffenden Glanz bewundern. Aber noch immer wächst die Helligkeit des Aber.dsterns, da er sich der Erde rasch nähert. Im Laufe des Mai verringert sich die Entfernung der Venus von 90 auf 57 Millionen Kilometer, also täglich um mehr als eine Million Kilometer. Gleichzeitig tritt jedoch eine Veränderung der Gestalt des beleuchteten. Teiles des Planeten ein. Zeigte Venus bisher nahezu die volle erleuchtete Scheibe, so verschmälert sich diese mehr und mehr zur Sichel.
Da die Venusbahn zwischen Erde und Sonne
wird durch den hellen Stern Deneb bezeichnet, der Kopf durch den Doppelstern Albireo.
Aber dem Schwan strahlt die Wega in blau- weißem Licht. Nächst ©irius, der jetzt nicht mehr sichtbar ist, ist Wega der hellste Fixstern unseres Himmels. Ihr Abstand beträgt 26 Lichtjahre, ihre Leuchtkraft das 50fache der unserer Sonne. Nahezu ebenso hell wie Wega leuchtet der gelbe Riesenstern Arktur im Bootes, der hoch im Südosten steht. Wir finden diesen auffallend hellen Stern leicht, wenn wir die Deichsel des Großen Wagens vom Zenit aus nach Süden verlängern. Setzen wir diese leicht gekrümmte Linie nach unten fort, so stoßen wir auf die weiße Spika in der Jungfrau. Links von Spika leuchten die beiden hellen Sterne der Waage, am Südhorizont bemerken wir das Sternviereck des Raben und rechts von der Jungfrau
den Großen Löwen mit Regulus als Har tftem. Die sehr hellen Sterne Pollur, Regulus und Spika geben uns die Lage des Tierkreises oder der scheinbaren Sonnenbahn (Ekliptik) am Himmel an. Den Raum zwischen Wega und Arktur nehmen Herku- les und Nördliche Krone ein, die keine Sterne erster Größe aufweisen, aber im Feldstecher einen schönen Anblick gewahren. An klaren, mondlosen Abenden,
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MARYL.A1V dn feststehender Begriff erfolgreicher Kosmetik
also im ersten Drittel des Monats, suchen mir uns mit dem Feldstecher den Kugelsternhaufen auf der rechten Seite des oberen Sternvierecks im Herkules auf, der dem bloßen Auge nur als verwaschener Lichtfleck erscheint, in Wirklichkeit aber eine Ansammlung von mehr als 100 000 Sonnen in 33 000 Lichtjahren Entfernung darstellt.
Der Mond zeigt im Mai folgende Lichtgestalten: Neumond am 7., erstes Viertel am 14., Vollmond am 21., letztes Viertel am 29. Mai.
Frankfurter Schlachkviehmarkt.
Frankfurt a. M., 8. Mai. Nottert wurden je 50 kg Lebendgewicht in RM.: Kälber a) 61 bis 65 (zuletzt 62 bis 65), b) 55 bis 59 (55 bis 59), c) 42
bis 50 (45 bis 50), d) 25 bis 40 (20 bis 40). Häm-
mel a2) 51 (50 bis 51), b2) 48 (48 bis 49), c) 32
bis 44 (32 bis 44). Schafe a) 44 (44), b) 40 (34
bis 40), c) 20 bis 32 (20 bis 32). Schweine a) 55,50 (55,50), bl) 55,50 (55,50), b2) 55,50 (55,50), c) 54,50 (54,50), d) 51,50 (51,50), e) 49,50 (49,50), Sauen gl) 55,50 (55,50). Marktverlauf: Kälber und Schafe und Schweine zugeteilt.
verläuft, muß unser Nachbarplanet genau wie der Mond einen Phasenwechsel aufweisen. Die Zunahme der Helligkeit infolge der Annäherung an die Erde wird schließlich durch die Phasenwirkung, d. h. durch die immer schmäler werdende Sichel ausgeglichen. Die höchste Leuchtkraft erreicht Venus am 20. Mai; sie ist dann rund 200mal Heller als ein Stern erster Größe. In der Skala der Größenklassen beträgt ihre Helligkeit minus 4,3. Die Sichtbarkeitsdauer ist im Mai ebenfalls am größten. Venus geht erst nach Mitternacht unter. Am Abend des 10. Mai finden wir die Mondsichel unter dem Abendstern, während Mars als rötlicher Lichtpunkt rechts unterhalb der Venus steht.
Man hat lange Zeit geglaubt, die physikalischen und chemischen Verhältnisse auf der Venus wären denen der Erdoberfläche ähnlich, da Venus nahezu ebenso groß wie die Erde und von einer dichten Atmosphäre umgeben ist. Aber vor einigen Jahren konnten Adams und Duncham im Spektrum des Planeten starke Banden im Ultrarot nachweisen, die dem Kohlendioxyd angehören. Kohlensäure scheint demnach den Hauptbestandteil der Venusatmosphäre zu bilden. Eine. Kohlensäurehülle aber wirkt wie ein Treibhaus. Damit stehen die Demperaturmes- sungen in Einklang, die für die Wolkenhülle bereits ch 50 Grad Celsius ergaben. Am Boden wird es noch bedeutend wärmer sein, so daß dort die physikalischen Bedingungen von den irdischen doch sehr abweichen.
Betrachten wir gegen 22 Uhr Sommerzeit den Fixsternhimmel, so finden wir im Westen als letzte sichtbare Wintersternbilder den Kleinen Hund mit Prokyon, die Zwillinge Kastor und Pollux und den Fuhrmann mit der hell funkelnden Kapella. Rechts anschließend folgt der Perseus mit den hellen Sternen Algenib und Algol, und genau im Norden zeichnen die fünf hellsten Sterne der Kassiopeia ein lateinisches W an den Himmel. Im Nordosten hebt sich der Schwan über den Horizont empor. Sechs helle Sterne bilden ein großes Kreuz, dessen Längsachse ungefähr waagerecht verläuft. Die Griechen sahen in diesem Sternbild einen nach rechts herabfliegenden Schwan mit sehr langem Hals, breit ausgreifenden Flügeln und kurzem Schwanz. Dieser
GJl.-fpont
Kußball der heimischen Mannschaften.
Watzenborn-Steinberg I — Ehringshausen I 7:0 (2:0).
Auf dem Sportplatz an der Neumühle standen sich unter der aufmerksamen Leitung von Schiedsrichter B ö cher (Gießen) obige Mannschaften gegenüber. Die Platzmannschaft trat mit O. Burger; Fett, K. Schmandt; Hirz, Luttner, Brückel; Hämisch, Schmitt, F. Lang, Arnold und Wehrum an.
Mit dem Anstoß verlegten sich die Gäste sofort auf das Verteidigungsspiel und vermochten vorerst noch alle Angriffe des einheimischen Sturmes abzuwehren. Nach einem Postenschuß brachte Harnisch die Platzmannschaft 1:0 in Führung. Arnold blieb es vorbehalten, das Resultat kurz vor.Halbzeit auf 2:0 zu stellen. Nach Seitenwechsel erwehrte sich der Gästetorhüter mit viel Geschick der zahlreichen Torschüsse des einheimischen Sturmes. Einen Elfmeterball verwandelte Fett sicher. Dann stellte Schmitt das Resultat auf 4:0, und als der Gästeverteidiger im Tore stehend einen scharfen Schuß von Arnold nur noch mit den Händen abwehren konnte, stand es durch einen von Fett abermals verwandelten Elfmeter 5:0. Schmitt erhöhte dann auf 6:0, und eine Vorlage von Lang verwandelte Harnisch zum 7. Erfolg.
fileinJ-Cinben Jgd. — Allendorf a.b.£.3gb. 2:4 (1:3).
Allendorf schoß im Verlauf der ersten Halbzeit drei Tore. Klein-Linden konnte nur einmal erfolg, reich sein. In der zweiten Halbzeit gelang es dem Halblinken der Klein-Lindener zum zweiten Tor für Klein-Linden zu verwandeln. Das letzte Tor der Gäste war für den Torwächter unhaltbar.
Klein-Llnden I. — Garbenteich L 2:4 (1:2).
Klein-Linden kam nach zehn Minuten frei vor das Gästetor und der Mittelstürmer schoß das erste Tor. Garbenteich kam aber zum Ausgleich und
konnte bis zur Halbzeit ein weiteres Tor buchey. Nach der Pause glich Klein-Linden aus. Dann aber zeigte sich, haß die mit nur zehn Mann spielende geschwächte Mannschaft der Gastgeber dem harten Ansturm von Garbenteich nicht mehr stand- halten konnte.
Wiesecker Kanuten beim Marburger reichsoffenen Kajak-Slalom
Eine stattliche Schar von Kameraden und Kameradinnen des Wiesecker Kanuklubs unternahm am Sonntag eine Fahrt nach Marburg, um dort an dem reichsoffenen Kajak-Slalom affin teilzunehmen. Der Wettbewerb, der reichsoffen ausgeschrieben war, sah die besten.deutschen Kanuten am Start. Die Wiesecker Kanufahrer ließen sich aber davon n chi abschrecken und beteiligten sich trotzdem in verschiedenen Klassen. Wenn ihnen auch erste Siege nicht vergönnt waren, so konnten sie doch die Genugtuung mit nach Hause nehmen, sich in der schweren Konkurrenz gut gehalten und in Ehren bestanden zu haben. Die Strecke, die zu befahren war und die Prüfungen, die es dabei abzulegen galt, stellte hohe Anforderungen an das Können der Paddler. In der Männerklasse A (Anfänger) starteten 16 Kanuten, darunter 6 Wiesecker. Karl Sommerlad (Wieseck) konnte 6. und Hugo Kreiling (Wieseck) 7. werden. Verschiedene Kameraden kenterten und schieden aus. In der Klasse D (Damen, Anfängerinnen) starteten Lotte Kling und Herta Walther (Wieseck). Die Strecke erwies sich für die Frauen als zu schwer. In der Klasse der Hitler- Jugend B konnte Walter Schmidt (Wieseck) 3. und Hans Schmidt (Wieseck) 4. Sieger werden. Neun junge Kameraden waren am Start. Die Hitler-Jugend hielt sich sehr tapfer. Den Abschluß der Veranstaltung bildete die Siegerehrung. Die Sieger erhielten Ehrenurkunden und außerdem als Erinnerungsgeschenk ein „Marburger Dippercher".
MstölmschGiiFena?
Vornan von Martina lkckari-kjelm
23 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Lena, die selbst schwer genug an ihrem Geschick zu trauen hat, läßt sie der innere Zwiespalt doch kaum mehr zur Ruhe kommen — Lena geht auf ihn zu, blickt ihn mitleidig an, will sprechen. Aber es ist völlig unmöglich, vor diesem gebrochenen Mann ein einziges Wort herauszuoringen.
„Aus", sagt er dumpf, „alles aus!"
Lena erschauert. Sie weiß, daß seine Hoffnungslosigkeit sich nicht nur auf die äußeren Ereignisse bezieht, daß mehr in ihm wankt als die Vorstellung von der unsicheren Zukunft des Gräfehofes. Hilflos ficht sie sich in der Runde um. Dort Hermann, da Erni, Gottfried — feiner sagt ein Wort. Selbst Juvps flinke Zunge schweigt. Vaters chrlicher Schmerz geht auch ihm zu Herzen. Schließlich kann er aber doch nicht an sich halten, seine kindliche Frage ist die Erlösung für alle: „Und Hesenfranz, was wird mit dem? Was soll denn der anfangen, wenn wir zumachen?"
Hermann antwortet auffallend ruhig, von den Spuren der vergangenen Nacht merkt man nichts mehr. Straffer Denn je sitzt er am Tisch. „Den Hesenfranz behalten wir!"
In Gräfes Gesicht zuckt es. „Mag sich kümmern — so wie wir uns kümmern müssen. Wird schon anderswo Unterkommen!"
Wie verbittert er ist, dentt Lena. In ihm ist fein Raum mehr für die Sorgen anderer Leute — jetzt nicht.
Hermann steht auf, läuft um den Tisch herum. Er macht ein Gesicht, als wollte er etwas Wichtiges sagen. Lena verfolgt ihn mit den Blicken.
Inzwischen ist Emi um ihren Vater bemüht, schiebt ihm den Teller zu. ,Lß doch einen Bissen!" bittet sie verschüchtert.
Christoph Gräfe hörte nicht darauf.
„Wenn es doch nun mal das Unabänderliche ist", Lenas Stimme flingt mild,, sie will beruhigen, aber nun ist doch sie es, die Hermann zum Aeußersten auf bringt.
Ulnabänberlnf)?" schreit er Lena an. „So etwas
gibt es bei uns Gräfes nicht. Wir sehen uns nach neuen Möglich feiten um, wenn uns etwas versaut wird!"
Christoph Gräfe hebt zum ersten Male den Kopf, schaut seinen Aeltesten an und sagt trocken: „Rede kein dummes Zeug, du! Neue Möglichkeiten! Du solltest am besten wissen, daß es keine gib)."
Hermann bleibt vor seinem Vater stehen. „So — gibt es feihe? Und wenn wir nun die Belzig- brauerei übernehmen? Wenn wir dort das »Rodaer Gold' meiterbrauen?"
„Belzigbrauerei!" Christoph Gräfes Lachen klingt unheimlich. „Dort vielleicht die Karre aus dem Dreck ziehen, während wir hier seit ein paar Jahrhunderten fest im Sattel sitzen? Danke für die Ehre!"
„Ja, willst du denn ...?"
„Gar nichts will ich mehr! Nichts mehr —, daß ihr es alle hört! Mir ist das Leben verleidet. Seht ihr zu, wie chr fertig werdet."
Ernis Augen füllen sich mit Tränen. Hermann ist wieder stumm. Mit eigensinnigem Gesicht rennt er in der Stube herum. Jupp sieht ihm nicht ohne Hochachtung nach. Hätt' er ihm gar nicht zugetraut, dem Großen, diese großartige Idee mit der Belzigbrauerei!
Lenas Hände liegen im Schoß. Sie kann nicht mehr weiter. Beklommen blickt sie den gebrochenen alten Mann an. Ein Unglück kommt selten allein, denkt sie verwirrt. Das Herz soll sich üben, viel zu ertragen. Nicht nur Schläge von draußen. Die tödlichsten sind die, die das eigene Blut verursackst. Ist hier einer in der Runde, der nicht ehrlich ist?
Christoph Gräfe keucht. Es ist, als ränge er mit unsichtbaren Gewalten, als wisse er nicht aus noch ein. Lena ist weiß wie ein Tischtuch. Sie glaubt es zu fühlen, wie er sich mit dem gleichen Gedanken quält wie sie. Bricht das Unwetter jetzt los. Einmal muß Christoph Gräfe die furchtbare Anklage hin- wersen, einmal wird er es tun. Sekunden voll Spannung vergehen. Alle spüren es. In Vater Gräfes Augen funkt es von blitzhellen Blicken. Aber mtt einem Male verlöschen sie. Er ist fertig. Er hat feine Kraft mehr. Seine Gesichtszüge werden schlaff. Müde steht er auf, geht wortlos und mit gefenftem Kopf aus dem Zimmer.
♦
Wie er die Nacht verbracht hat, weih keiner. Nach
dem er stumm die Morgensuppe gelöffelt hat, läßt er Hänischlob anspannen.
„Wohin fährst du?" fragt Lena besorgt.
Er schüttelt ablehnend den Kopf. „Laß das Fragen — du weißt es ja! Es ist an der Zeit, daß endlich alles klar wird. Dann fahre du fort, laß den Gräfehof! Geh' dorthin, wo dein Platz ist. Hier bet uns find die guten Tage vorbei!"
Lena hätte gern gesagt, daß sie auch die schlechten mit den Leuten vom Gräfehof teilen will. Aber hat sie ein Recht dazu? Gehört sie nicht zu Gottfried? ,
Die Mittagszeit ist längst vorüber, Christoph Gräfe ist noch immer nicht yeimgekehrt. Emi stellt die Fleischschüssel auf das Seroierbrett.
„Gerade heute ist alles so gut geraten* und nun kommt Vater nicht."
Jupp guckt hungrig nach der Schüssel.
„Iß du dich an Kartoffeln satt!" sagt Emi unwirsch und trägt das Fleisch in die Küche zurück, um es warm zu halten.
„Nach welcher Richtung hin ist denn euer Vater gefahren?" fragt Lena nach einer Weile. Hermann, der noch sein Kompott auslöffelt, deutet wortlos über seine rechte Schulter.
„Wahrscheinlich nach Weißenberg", erläutert Erni. Nach Görlitz, denkt Lena, aber sie sagt nichts. „Wie in einem Kloster ift's jetzt bei uns", brummt Jupp.
Gottfried sieht auf Hermann, diesen großen, schwerblütigen Menschen. Er ist ihm immer noch ein Rätsel. Er liebt seine unruhig schweifenden Blicke nicht, denn diese Blicke landen stets mit unfehlbarer Sicherheit auf Lenas Gesicht. Wüßte man nur ein einziges Mal, was hinter Hermanns düsterer Stirne vor sich geht!
Warum verlasse ich nicht einfach das Haus mit ihr? Haben wir etwa hier noch etwas zu verlieren? Oder wünscht er es vielleicht selbst nicht mehr so brennend, mit ihr allein zu sein? Hätt auch ihn etwas im Gräfehof fest?
Gottfrieds Blicke suchen unwillkürlich Ernis Augen. Er schaut auch auf ihren roten Mund. Wie jung dieser Mund ist, wie frisch! Gottftied Bonhoff hebt die Schultern, als müsse er etwas abschütteln.
Plötzlich betritt Christoph Gräfe das Zimmer. Er kommt nicht wie sonst, mit dem Hut in der Hand, fest und doch behutsam. Nein, mit wenigen
Schritten ist er vor dem Tisch, der verknüllte Filz sitzt schief auf seinem Kopf, die Adern an den Schläfen sind geschwollen, sein Blick funkelt vor Empörung.
Alle halten den Atem an. Kein Gruß, nichts.
Plötzlich steht er vor dem Großen. Hermann zuckt zusammen und biegt sich, ohne es zu wissen, zur Seite.
Christoph Gräfe haut die Faust auf den Tisch. „Du!"
Weiter nichts. Wie ein Schlag ist dieses einzige Wort. Grün stechen die Augen aus dem blauroten Gesicht des Vaters.
„Du, so einer also bist du! Du, auf den ich mir was eingebildet habe — so einer! He, nimmst das Geld einfach — das Geld deiner Schwester .. Sein Atem pfeift, die Stimme singt fast vor Wut. Beide Fäuste hämmern auf den Tisch.
„Heimlich und hinterhältig! Nimmst Geld —du — schmeißt es einfach auf den Mist, in eine Sache, für die keiner mehr einen Heller ausgibt?"
Nun sind Lenas Hände dazwischen, gute, tapfere Hände, die so gern beruhigen mochten. Aber der alte Gräfe streift sie rücksichtslos von sich. Diyrd) nichts läßt er sich von dieser Abrechnung abbringen.
..In eine Pleite das gute Geld geschmissen, über meinen Kopf weg — hinter meinem Rücken mit der Belzigbrauerei angebändelt — und das mit einem Geld, das dir nicht gehört, du, weißt du, was das ist?"
„Vater, Vater!" jammerte Erni dazwischen» „laß doch nur!"
Christoph Gräfe hort nichts. Fassungslos schreit er: „Bettug ift das! Unterschlagung! Du hast dich an den Geldern einer Minderjährigen vergriffen, eingebrochen bist Du!"
Lena umklammert feinen Arm. „Nicht weiter, Christoph, um Gottes willen!"
Gräfe schüttelt sie ab. Aber er scheint sich nun doch zu besinnen. Er reckt sich hoch. Niemals ist er ihnen so groß erschienen. Seine Stimme ist wieder fester:
,Der da — der hast du es zu verdanken, daß ich dich jetzt nicht einen Lumpen genannt habe!"
Erni hat ihr Gesicht in die Hände vergraben. ..Laßt doch das Geld, das dumme Geld! Ich brauch's ja nicht. Ich mag's ja gar nicht!"
(Fortsetzung folgt.)


