ttr.107 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Donnerstag, 9. Mai M0
Aus der Stad« Gießen.
Pilze im Frühlingsgrün.
Von M A von Lütgendorff.
Nicht der Vorfrühling, sondern erst der richtige Frühling lockt sie aus der Erde und auch nur da, wo der Boden etwas sandig ist. Ihre liebsten Standorte sind Nadel- oder Laubwälder und Waldwiesen. Mitten auf einer zartgrünen Lichtung stehen sie eines Tages da, und wer sie sieht, freut sich, denn die Morcheln sind feine Speisepilze und ein schmackhaftes Frühlinasessen.
Zu erkennen sind sie leicht, lieber einen dicken, Hellen und hohlen Stiel stülpt sich der braune oder graubraune, nach oben zu spitzzulaufende S)ut, der aus zellen- oder wabenförmigen Gruben zusammengesetzt ist. Diese Waben mit ihren deutlich aus- . gebildeten Seitenwänden sind und bleiben das sicherste Kennzeichen der Morchel. Wie die meisten Speisepilze ist auch die Morchel reich an Pilzstickstoff, und da dieser Stickstoff vom Körper fast restlos ausgenutzt wird, spendet sie 'neben ihrem guten Geschmack auch Nährstoffe, namentlich auch ourch ihren Gehalt an Vitamin D. Nur soll sie beim Essen gut gekaut werden. Auch schmecken die kleineren Morcheln feiner als die größeren, da auch für ,die Morcheln die alte Pilzregel gilt, daß die Jungen und Jüngeren den Alten vorgezogen werden müssen.
Die Zubereitung der Morchel ist einfach. Die sehr gut gewaschenen Köpfe werden entweder ganz oder in Ringe zerschnitten, in Fett weichgedünstet, worauf man sie mit Mehl stäubt und noch etwa eine Diertel- rstunde weiter kochen läßt. Durch feingewiegte Petersilie, Zitronensaft oder gar ein zerklopftes Eigelb läßt sich das wohlschmeckende Gericht sehr verfeinern. Ganz vortrefflich paßt sich der Geschmack der Morchel der Kartoffel an, weshalb sie sich ganz besonders gut als Beigabe zu Kartoffelklößen oder Kar- ftoffelbrei eignet ober auch zu einer Kcrrtoffelspe^e, hu der die gekochten Kartoffeln und die bereits weichgedünsteten Morcheln schichtenweise übereinander liegend zusammengebacken werden.
’ Zur gleichen Zeit wächst im frühlingsjungen Nadelwald auch eine Verwandte der Morchel, nämlich -die Frühlings- oder Speiselorchel. Wer mit aufmerksamen Augen auf die Pilzsuche geht, wird Morchel und Lorchel jedoch niemals verwechseln und soll es auch nicht, denn was für die Morchel gilt, gilt für die Lorchel nicht mit. Die Morchel ist ohne weiteres eßbar. Die Verwendung der Lorchel dagegen erfordert ein paar Vorsichtsmaßregeln, die unbedingt befolgt werden müssen. Von der Morchel unterscheidet sich die Lorchel sehr deutlich dadurch, daß die grubigen, zellenartigen Vertiefungen des Hutes fehlen. Der schwärzlichbraune Kopf der Lorchel sieht, abgesehen davon, daß er nicht spitz zuläuft, anders aus. Er besteht aus dicken Falten, die sich darmoder gehirnförmig umeinanderschlingen, während ein paar dickte Lappen nach unten hin dem S*el anliegen.
Eßbar ist auch die Lorchel, aber nicht ohne weiteres. Erstens darf sie nicht in nassem Zustand, wie etwa kurz nach einem Regen, gepflückt werden und nur, so lang sie jung ist. Dann genügt nicht, wie bei der Morchel, ein gründliches Auswaschen aor der Zubereitung. Die Pilze müssen vielmehr uach dem Waschen zuerst zerkleinert und hierauf mindestens zwei bis fünf Minuten lang in kochendem Wasser liegen, weil die im frischen Zustand in ihnen enthaltene giftige Helvellasäure nur auf )iefe Weise gelöst und unschädlich gemacht werden bann, daher man denn auch das Kochwasser nicht weiter verwenden darf, sondern weggießen muß, veil ts nunmehr die Giftstoffe enthält.
Hat man die Lorcheln so vorbereitet und auf einem Sieb gut abtropfen lassen, steht ihrem Genuß nichts mehr im Weg. Sie können zubereitet werben wie bie Morcheln und schmecken sehr gut, ei es als Gemüse ober als pikant angerichtete Soße. Siete Menschen, bie keine Pilzkenner sind, ver- vechseln Morcheln unb Lorcheln anbauernd, aber chon rein äußerlich ist eine Verwechslung eigentlich o gut wie ausgeschlossen. Auch der Volksglaube nacht diese Verwechslung mit unb nennt eine böse frau eine „Giftmorchel", obwohl bie Morchel völlig mgiftig ist. Wer aber die Lorchel richtig behandelt md sie durch gründliches Abkochen entgiftet, für len wird auch ein Lorchelgericht eine wohl- chmeckende und nahrhafte Speise sein. Nur allzu
Empfang der Italiener in Gießen.
Am gestrigen Mittmochvormittag wurden, wie wir gestern bereits berichteten, etwa 400 italienische Landarbeiterinnen und Landarbeiter durch den Kreisleiter in Gießen begrüßt. Im Bilde links sieht
fr
man. eine Gruppe junger Italienerinnen, das Bild rechts zeigt den Kreisleiter bei seiner Ansprache an die Helfer und Helferinnen aus Italien. (Aufnahmen (2): Neuner, Gießener Anzeiger.)
I
Altpapier ist kriegswichtiger Rohstoff.
Der Gaubeauftragte für Altmaterialerfassung des 'Gaues Hessen-Nassau, Gauwirtschaftsberater E ck a rd t, gibt bekannt: ■—
Vom 16. bis 19. Mai findet im Gau Hessen- Nassau eine Stoßaktion zur Erfassung von Altpapier statt. Gesammelt wird von der Hitlerjugend in allen Haushaltungen, unb zwar glattes Papier, Zeitungen, Zeiffchriften, alte Schulhefte, Bücher u. dgl., ferner sauberes Knäuelpapier unb Pappkartons aller Art (auch Zigqrettenschachteln)
Ich bitte alle Volksgenossen des Gaues Hessen- Nassau, diese Sammlung dadurch zu unti stützen, daß rechtzeitig vorher alles irgendwie greifbare und entbehrliche Altpapier zusammengetragen wird unb am Sammeltage bereit liegt. Zur Erleichterung der Sammelarbeit der Hitlerjugend wird das Altpapier aus dem ganzen Hause, bas glatte Papier für sich unb bas Knäuelpapier mit ben Pappkartons für sich, in ber Haussammelstelle zusammengeschichtet.
Aber Altpapier soll burch diese Aktion nicht nur in ben Haushaltungen, sonbern ebenfalls bei ben Behörden unb gewerblichen Unternehmungen erfaßt werben. Sammelaktionen, bie vor kurzem in einigen Kreisen des Gaues burchgeführt würben, haben klar erwiesen, baß gerade bei ben Behörden und in den Betrieben noch ungeheuere Mengen von Altpapier in Form von alten Zeitungen, Zeitschriften, Broschüren, Formularen erfaßt werden können, die bis
her jahrzehntelang und darüber hinaus aufbewahrt wurden und nutzlos dalagen, anstatt der Wiederverwertung zugeführt zu werden. Gewiß gilt es, die juristische Aufbewahrungsfrist in allen Fällen zu beachten, ebenso ist es zweifellos angebracht, wichtige Geschäfts- und Behördenakten für eine spätere Zeit aufzubewahren. Allein noch wichtiger ist im deutschen Freiheitskampf die Versorgung ber Kriegswirtschaft mit dem Rohstoff Altmaterial, nicht zuletzt mit Altpapier!
Ich bitte daher die Behördenleiter und gewerblichen Unternehmer, ihre Registraturen und Büros auf alles entbehrliche Altpapier hin zu prüfen, und bin davon überzeugt, daß nicht nur die Beteiligung an der Altmateriglaktion und die dabei herauskommenden Mengen, sondern in demselben Maße die Befreiung von einem ungeheuren, raumver- schwendenden Ballast bei ben Beteiligten ein be- frtebigenbes Gefühl ber Genugtuung hinterlassen wird. Die einzelnen Erfassungsmaßnahmen bei ber Altmaterialaktion werben nach meinen Anweisungen von ben Kreisbeauftragten für Altmaterialerfassung in Verbindung mit der örtlichen HJ.-Füh- rung getroffen.
Ich richte nunmehr an jeden Volksgenossen die Bitte, diese Altpapieraktion wie jede Altmaterialsammlung als Kriegsdienst zu betrachten und seine Pflicht zu tun.
viel und allzu häufig — zum Beifpiel zweimal kurz hintereinander — davon zu essen, ist nicht anzuraten, da sich bei manchen Menschen daraufhin eine Art von Idiosynkrasie einstellt. Daß ebenso wie bei der Morgel auch bei der Lorchel, wie überhaupt bei allen Speisepilzen, ber Nährstoffgehalt durch gutes Kauen besser ausgenützt wird, versteht sich von selbst.
vorrwtrzen
Tageskalender für Donnerstag.
Volkstümliche Vorlesungen und Vorträge der Universität: 20.15 Uhr, Vortrag von Professor D. Weidenbach über „Freiheit und Notwendigkeit", (2. Vortrag), im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwigstraße 34; Abendvorlesung von Professor Vogelsang über „Deutscher Soldatenglaube in ben letzten brei Jahrhunderten", im Großen Hörsaal bes Physikalischen Instituts, Stephanstraße 34. — Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Postmeister". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Meine Tante — deine Tante".
Notizen für den 10. Mal.
Sonnenaufgang: 5.39 Uhr. Mondaufgang: 7.57 Uhr. Sonnenuntergang: 21.05' Uhr. Monduntergang: 23.44 Uhr. Mond in Nordwende.
Bückersammlung für die Front.
In diesen Tagen wird in allen Städten des Gaues Hessen-Nassau die Büchersammlung für die Wehrmacht wiederholt werden. Obgleich die Gebk- freudigkeit in ganz Großdeutschand zufriedenstellend war, reichten doch die gesammelten Büchermengen und die aus ihnen zusammengestellten Truppen- büchereien bei weitem nicht,, um allen Anforderungen zu genügen. Wie begehrt der Lesestoff bei den Soldaten an der Front ist, beweisen die immer von neuem bei der Gauleitung eintreffenden Briefe mit der Bitte um Ueberlassung von Truppenbüchereien. Dieser Wunsch der Frontsoldaten soll für uns in der Heimat ein Ansporn sein, ihnen durch neue Bücher- sendungen Freude zu bereiten und ihnen in Stunden der Ruhe eine seelische Entspannung und Zerstreuung zu bieten. Die Reichsleitung hat nun einige wenige Gaue zu einer erneuten Büchersammlung aufgeforbert. Die organisatorisch sorgfältige und schnelle Durchführung ber ersten Sammlung im Gau Hessen-Nassau hat volle Anerkennung gefun- ben unb dies ist der Hauptgrund, daß der Gau erneut zur Büchersammlung antritt.
Arbeitstagung der Bannführer des Gebietes Heffen-Naffau
NSG. Zu einer'Arbeitstagung hatte die Gebietsführung die K.-Bannführer in Wiesbaden zusam- mengezogen. Die Tagung diente u. a. der Besprechung der Maßnahmen für die Sommerarbeit. Trotz der starken Inanspruchnahme durch die vormilitärische Ertüchtigung und die sonstigen kriegswichtigen Spezialaufgaben der HI. werden auch in diesem Jahre die Bannsportfeste in der Zeit vom 15. Juni bis 7. Juli zur Durchführung gelangen. Die Gebietsentscheidungen sind in der Zeit vom 13. Juli bis 11. August zu erwarten. Die im Dienstbetrieb der HI. nicht zu missenden Sommerfahrten werden gegenüber dem vergangenen Jahre zeitlich und räumlich gekürzt in das eigene Heimatgebiet führen. Die Arbeitstagung ergab im übrigen in ihrer Aussprache ein erfreuliches Ergebnis in .der Bewältigung kriegswichtiger Aufgaben durch die Hitler-Jugend.
Tagung
der Ausstellungsaeflügelmchter.
Am Sonntaanachmittag hielt die Kreisfachgruppe Gießen der Ausstellungsgeflügelzüchter im Hotel Hopfeld ihre Jahreshauptversammlung ab. Kreis- fachgruppenvorsitzender Ludwig Heß (Watzenborn- Steinberg) erstattete den Jahresbericht. Die Kreisvereine hatten die allgemeine Ausstellung in Gießen- Klein-Linden stark beschickt. Vereinsführer Lenz (Klein-Linden) gab bann einen Bericht über die allgemeine Schau am 20. und 21. Januar in Kleiw- Linden. Von allen Seiten, namentlich von den Kreis- fachgruppenvorsitzenden, wurde dem Verein Klein-
Gesunde, blendend weiße Zähne durch storkwirksame Zahnpflege mit
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Gesunde Zähne
Linden Dank für die mustergültige Durchführung der Ausstellung ausgesprochen. Für den kommenden Herbst ist wieder eine Kreisausstellung geplant. Das Amt des Kreisfachgruppenvorsitzenden bleibt weiter in Händen des seitherigen Vorsitzenden. Als stellv. Kreisfachgruppenoorsitzender wurde Vereinsführer May (Lang-Göns) berufen, lieber die Hauptversammlung ber Landesfachgruppe Hessen-Nassau berichtete Mitglied May (Lang-Göns). Anschließend wurde noch über einige interne Fragen gesprochen.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 9. Mai. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Vs kg 1,80 RM., Matte 30, Käse 6 bis 10, Kartoffeln 50 kg 4,— RM, Gelberüben, Vs kg 12, Roterüden 14, Spinat 25 bis 35, Spargel 50 bis 86, Unterkohlrabi 8, Zwiebeln 12 bis 14, Meerrettich 30 bis 90, Schwarzwurzeln 35, Aepfel 15 bis 35, Salat, das Stück 30 bis 35, Salatgurken 1,— bis 1,20, Lauch 5 bis 15, Sellerie 10 bis 40, Radieschen, Bund 20 bis 25.
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** Silberne Hochzeit. Am morgigen Freitag, 10. Mai, begehen der Kaufmann Heinrich Becker und Frau Wilhelmine, geb. Brüning, Marburger Straße 15 wohnhaft, das Fest der silbernen Hochzeit. Dem Jubelpaar, das feit langen Jahren zu dem treuen Leserkreis des Gießener Anzeigers gehört, bringen auch wir unseren herzlichen Glückwunsch zur Silberhochzeit bar.
** Schwerer Verkehrsunfall am Kirch e n p l a tz. Gestern mittag gegen 12.30 Uhr ereignete sich an ber^Ecke Marktplatz/Kirchenplatz ein schwerer Unfall. Der Eilbote ber Reichspost Otto Martini aus Leihgestern, ber auf bem Motor- rab vom Marktplatz her in der Richtung nach dem Kirchenplatz fuhr, sah sich plötzlich vor einem schweren Lastkraftwagen, der im gleichen Augenblick von der Kirchstraße nach dem Marktplatz zu einbiegen wollte. Der Zusammenstoß war, trotz sofortigen Bremsens auf beiden Seiten, unvermeidlich. Martini stürzte so unglücklich vom Motorrad, daß er einen Oberschenkelbruch erlitt und sofort durch die Bereitschaft des Deutschen Roten Kreuzes in die Chirurgische Klinik gebracht werden mußte.
II----
Indianer greifen ein!
Von Werner Jörg Lüddecke
Ursprünglich sollten die Indianer gar nicht Mitspielern Sie waren unzureichend bewaffnet und Überdies hatten die meisten Arm-, Bein- und sogar Genickbrüche. Franz schob sie mir zu mit dem Bemerken, ich könne sie ja einsetzen, wenn Not am Mann wäre. Eventuell ließen sie sich auch für den Bau von Etappenstraßen verwenden.
Ich hatte nichts dagegen und stellte die Rothäute hinter einem Sofakissen auf. Es waren neunzehn bleierne Sioux. Vielleicht war es nicht übel, wenn sie den Feind in der Flanke faßten und die Schützengräben von der schwachen Stelle am Klavier aus aufrollten. Nun, man würde sehen!
Franz eröffnete den Krieg. Er provozierte mit bem Hammer feiner Werkzeugkiste einen Grenz- zwischenfall. Das heißt, er schlug meine an sich schon invalide Grenzwache platt. Dann erklärte er, baß er zu Verhandlungen und Bußgeldern keineswegs bereit fei. Wenn ich die Grenzverletzung rächen wolle, müsse ich angreifen.
Die Lage für mich war nicht einfach. Franz ist ber kleine Bruder einer Same, die ich über alle Maßen verehre — und zu diesem Zwecke oft und gern besuche. Mitunter komme ich, ehe sie aus dem Büro zurück. ist Dann muß ich mit Franz So^ baten spielen. Wenn ich besiegt werde, habe ich fünf Pfennige Tribut zu zahlen. Schlage ich aber seine Truppen in die Flucht, so rächt er sich, indem er nachher unablässig unsere Besprechungen stört. Andererseits war ich selbst als Junge ein glanzender Bleisoldatenstratege und habe begreiflicherweise ^Also^ eröffnete ich den heutigen Konflikt, indem ich starke Truppenkontingente zusammenzog und eine Patrouille vorschickte. Dummerweise achtete ich nicht darauf, was sie anhatten. Sie waren aus Kiste Nr. 7 „Das Rokoko". Franz nahm sie gefangen und ließ sie als Spione erschießen. Wen sie nämlich in Zivil waren.
Das machte mich wütend und ich überschritt mit Infanterie, Tanks und Panzerspähwagen die Grenze. Die Schlacht war entbrannt. Franz setzte seine neuen Flakgeschütze mit ungeschälten Erbsen zum Erdbeschuß ein und schoß mir ein Auge blau.
Ehe ich mich von ber Wirkung dieses Volltreffers erholt hatte, surrte mir ein Flugzeug mit Gummipropeller an den Schädel. „Man muß die moralische Verfassung des Hinterlands unterminieren", erklärte mein großer Gegner und rieb, während ich meine Beule kühlte, völlig meine Infanterie auf.
Nun hielt ich es für höchste Zeit, zum Angriff überzugehen und zog das Flugzeug auf, um es zum entscheidenden Gegenstoß einzusetzen. Aber Franz nahm es mir weg.
„Geht nicht", sagte er. „Deine Leute sind für Blindfluggeräte nicht geschult". Doch den Augenblick, den er benötigte, das Ding für einen Start zu richten, benutzte ich, um meine neunzehn Indianer in Stellung zu bringen, und mit ihnen unvermutet die Flanke des Gegners anzugreifen. Ich kassierte heimlich drei Maschinengewehrnester, stülpte einen Tank um und verschanzte meine Rothäute in dem eroberten Bunker. Gleichzeitig nahmen meine Panzerspähwagen, gefolgt von der mir verbliebenen Infanterie ein Umfassungsmanover vor. Sie stürmten die Stellung am dritten Stuhlbein und schnitten die Verbindung zum Nachschub ab.
„Jetzt.mußt du kapitulieren", triumphierte ich, Fränzchen sah mich an, wie ein Arzt einen armen Geistesumnachteten. Voll freundlicher Nachsicht und mitleidigem Begreifen.
„Sag mal, Onkel, hast du deine acht Wochen bei den Preußen eigentlich schon abgemacht?"
„Nein, mein Jahrgang ist noch nicht gezogen", sage ich entschuldigend.
„Dachte ich mir" nickt Franz nachsichtig. „Na, dann wollen wir erst mal dieses Murks repane- ren!"
Mit spitzen Fingern langte er sich meine motorisierte Infanterie und legte sie zu den Toten.
,Von Hügel VII bis zu der roten Schlummerrolle hatte ich Sperrfeuer gelegt", erklärte er. „Da kommt fein Aas durch." .
„Diese Bauklötze, die du mit deinem Tank beiseite geschoben, sind Höckerhindernisse. Da kommt kein Tank durch. Er ist von meiner Pak zusammengeschossen."
Mein Tank verschwand.
„Deine Panzerspähwagen sind in Fallen geraten. Gräben und so, verstehst du?"
„Nein, das verstehe ich nicht."
„Das macht nichts, das lernst du noch."
Meine Spähwagen wurden kassiert. Mit ihnen meine Pioniere aus Kiste 6: „Biedermeier" (sie wurden wegen mangelhafter soldatischer Bekleidung erschossen) — desgleichen ein E-Bataillon aus Kiste 5: „Die Ritterzeit". (Wurden gefangen genommen.) Dann erhob sich Franz.
„Du hast verloren", sagte er lakonisch.
Ich hohnlachte. „Verloren? Meine Indianer stehen vor den Toren deiner Hauptstadt. Der ganze Süden und Westen deines Landes ist in meiner Hand!"
Franz runzelte die Stirn und sah sich suchend um. Er entdeckte die verzweifelte Lage an der Südfront.
„Indianer!" stöhnte er auf. „Du liebes Göttchen, nackte Männer mit einem Flitzbogen gegen meine schweren MG.-Nester! Mensch, Onkel — mit den Jungens kannst du, wenn es hoch kommt, einen Frontzirkus aufmachen".
Er griff in den von meinen Sioux besetzten Bunker und langte sich die Rothäute heraus. Doch jetzt riß mir die Geduld. Kraft der Stärke meiner männlichen Rechten nahm ich dem Bürschchen die nackten Wilden wieder ab und' setzte sie demonstrativ in den Bunker zurück. Franz aber griff munter zum Hammer. Ich wollte feiner Aktion gegen meine ^siegreichen Truppen vorbeugen und sie aus dem bedrohten Bunker nehmen, als mich schon ein mörderischer Hieb auf den Daumen traf.
In der ersten Sekunde des Schmerzes und der gerechten Empörung fuhr meine linke Hand heraus und landete an der Backe meines Feindes. Das entschied das Gefecht zu meinen Gunsten. Franz entfloh heulend durch die eine Tür, durch die andere trat seine Schwester Ingrid ein. Das tat gut und ließ den Schmerz vergessen. Wir setzten uns zusammen auf das Sofa und---dann er
schien Franz wieder auf der Bildfläche.
Wir fuhren auseinander. „Na, Franz, was gibt es?" fragte Ingrid harmlos.
Franz warf mir einen vernichtenden Seitenblick zu und wandte sich an feine Schwester.
„Ingrid, glaubst du, daß 19 nackte Indianer durch ein Sperrfeuer von Maschinengewehren kommen können?" fragte er.
„Nein", sagte Ingrid. „Das glaube ich nicht."
Franz hohnlachte und zog ab. Wir nahmen unser Gespräch wieder auf. Doch als sch gerade eine
gute Pointe anbringen wollte, öffnete sich die Tür. Franz war wieder da.
„Bei ihm ist das möglich", sagte er und deutete verächtlich mit dem Daumen auf mich. Und weg mar er wieder.
„Wo waren wir doch stehengeblieben?" seufzte ich.
„Ja, wo waren wir stehengeblieben?"
„Ach, ich weiß. Rück mal etwas näher —"
Die Tür ging auf. Franz!
„Nicht mal Gewehre hatten sie!" krähte er.
„Sie sind eben geschlichen und haben deine Leute überrascht", entgegnete ich. Aber Franz war schon wieder weg.
„Er ist ein reizendes Kerlchen", sagte Ingrid. „So eifrig/' Aber es klang nicht sehr überzeugend.
Wir nahmen abermals unser Gespräch wieder auf, die Tür öffnete sich.^ranz!
„Blosinn, geschlichen. Willst du etwa behaupten, daß sie über meine Drahthindernisse' geflogen sind?"
„Nein!" schrie ich. „Sie hatten Drahtscheren!"
Franz verschwand, wir nahmen das Gespräch wieder auf, Franz erschien. „Der Draht war elektrisch geladen!"
Mir wurde schwarz vor Augen. „Sie hatten Jsolierscheren ober so etwas ähnliches", wimmerte ich.
Franz verschwanb. Wir sprachen nicht mehr. Es hatte keinen Zweck. Wir warteten auf Franz. Fünf Minuten, zehn Minuten, eine Viertelstunbe. Nichts. — Plötzlich tönte von ber Straße herauf feine Stimme. Wir atmeten auf unb nahmen unser Gespräch mieber auf. Drei Minuten später öffnete sich bie Tür. Franz war mieber ba!
„Paul sagt, bie Jnbianer kannten noch keine Jsolierscheren!" keuchte er atemlos. „Paul ist Elektriker und rneiß das!"
Ich lachte irr. Ich mar am Ende meiner Kräfte.
„Franz, du haft recht", sagte ich matt und griff in die Börse. „Ich erkläre mich für besiegt und zahle freimiüig Reparationen. Gleich für die nächsten drei Kriege mit."
Franz kassierte. „Eine Mark", sagte er erschüttert. „Das haut mich um, auf Wochen hinaus!" Dann drückte er mir gerührt die Hand.
„Du bist zrnar ein schlechter Stratege, aber ein fairer Verlierer. Na, eine Hand rnäfcht die andere. Ich geh' jetzt in' Kintopp. Ende der Vorstellung 6 Uhr Ur Wißt BeMM" -------A—


