Dienstag, Y.ZanuarMO
Gießener Anzeiger tGeneral-Anzeigrr für Oberhessen)
Nr. 1 Zweites Blatt
Die Führerin im Reichsarbeitsdienst.
Die Rechtsstellung festgelegt.
Aus der Stadt Gießen.
Sparen bringt Freude und Nutzen.
Sparsamkeit ist die Grundbedingung zu jeder gesunden und erfreulichen Wirtschaftsführung. Dabei ist es nebensächlich, ob es sich um kleine oder große Summen handelt. Vielleicht sagt da einer: „Ach, bei meinen paar Kröten lohnt es sich bestimmt nicht, ich komme doch zu nichts!" Diese Einstellung geht nicht nur von falschen Voraussetzungen aus, sondern ste zeugt von Verantwortungslosigkeit und unproduktiver Trägheit. Derselbe Mensch, der gedankenlos so etwas hinsagt, ist oft leicht geneigt, an einem vergnügten Abend mehr auszugeben, als es wirklich fernen Verhältnissen entspricht. Es ist eine alte Wahrheit, daß diejenigen, die sich „etwas leisten" könnten, bescheidener leben als die anderen.
Aber auch die, die über weniger Geld verfügen, könnten sich schöne Dinge kaufen, wenn sie es gut einteilen und nicht an unzweckmäßiger Stelle ausgeben würden. Sogar eine richtiggehende Pfennig- wirtfchaft ist keineswegs eine schändliche Angelegenheit: sie führt vielmehr oft zu erstaunlichen Ergebnissen. Manchmal wird es sich machen lassen, einen Weg zu Fuß zu gehen, statt die bequeme Bahn zu benutzen, nicht in mehreren Zimmern gleichzeitig das elektrische Licht brennen zu lassen; die Kleidung mehr zu schonen und dadurch ihre Lebensdauer zu erhöhen. Wichtig ist dabei allerdings, über alle, auch die kleinsten Beträge Buch zu führen; nur auf diese Weise ist es möglich, sich selbst zu überprüfen und zu vergleichen, wo man vielleicht noch etwas einsparen könnte. An unrechter Stelle ausgegebenes Geld ärgert einen nämlich sehr, wenn man es bei dieser Aufstellung aufschreiben muß. Beim nächsten Mal wird man nicht mehr ganz so leichtsinnig sein. Dieses psychologische Moment ist sehr entscheidend bei einer solchen Selbsterziehung. Und wenn mit einer noch so geringen Summe, dafür aber um so ernsthafterem Willen erst einmal der Anfang gemacht ist, erwacht der Ehrgeiz zum Sparen.
Der Sinn der Sache ist allerdings nicht der, das Geld gleich wieder auszugeben, wenn sich etwas angefammelt hat. Genau genommen macht es auch viel mehr Spaß, zu überlegen, was man sich kaufen könnte, als wirklich ZU kaufen. Dazu ist es ein besonders angenehmes Gefühl, eine langsam anwachsende Summe auf der Sparkasse zu wissen. Wenn sich dann zum Jahresschluß noch Zinsen da- zugesellen, so ist dies auch keine betrübende Nach- richt; und je größer die Summe wird, um so größer werden die Zinsen. Abgesehen davon macht auch das Bewußtsein einer gewissen geldlichen Rückversicherung in vielen Lebenslagen freier und unab- bängiger. Zudem weiß man ja nie, was das Leben an tückischen Dingen aufbewahrt und wie man im Notfall schnell eine Summe flüssig haben nruß.
Wenn nun einer sagt: „Ja, in Friedenszeiten...! Da hätte das alles Sinn und Verstand! Aber fetzt!?", so ist das keineswegs ein überzeugender Gegenbeweis. Schließlich ist auch dieser Krieg einmal vorüber und das Leben geht in seinen gewohnten Bahnen weiter. Gerade im Kriege ist es aber von unschätzbar großer Wichtigkeit, in jeder Beziehung das friedensmäßige Denken beizubehalten. Bei einer großen Maschine darf sich keine, auch nicht die unscheinbarste Schraube lösen, ohne einen unheilvollen Einfluß auf das Ganze zu haben. Die innere Einstellung des Volkes ist aber keineswegs die geringste, sondern mit eine der wichti^b-n Schrauben in dem Gefüge des Staates. H. K.
Dornotizen.
Tageskalender für Dienstag.
Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Cavalleria rufticana" und „Der Bajazzo". — Gloria-Palast (Seltersweg) „Der singende Tor". — Lichtspielhaus lBahnhofstraße): „Das Gewehr über".
Stadttheater Gießen.
Am heutigen Dienstag werden die Opern „Cavalleria rusticana" von Pietro Mascagni und „Der „Bajazzo" von Ruggiero Leoncavallo wiederholt. Musikalische Leitung: Richard Boeck. Spielleitung: Bernhard Schmitz. Bühnenbild: Karl Löffler. Chöre: Richard Boeck. 14. Vorstellung der Dienstag-Miete.
RSG. Rach der Durchführung der Reichsapbsits- dienstpflicht der weiblichen Jugend Anfang September sind inzwischen auch die Pflichten und Rechte der weiblichen Angehörigen des Reichs- arbeitsdienstes geregelt und die Rechtsstellung der Reichsarbeitsdienstfuhrerinnen festgelegt worden.
Die Reichsarbeitsdienstführerinnen bilden jetzt zusammen mit den Reichsarbeitsdienstführern eine neben den Offizieren und Beamten stehende Gruppe von Staatsdienern.
Die neue Verordnung baut die Rechtsstellung der weiblichen Angehörigen des Reichsarbeitsdienstes dadurch weiter aus, daß im Falle einer Erkrankung nicht nur während der Dienstzeit, sondern darüber hinaus — ohne Versicherung — gesorgt wird, solange eine Betreuung notwendig ist. Neben der umfassenden Heilfürsorge wird ein Dersehrtengeld gegeben. Zu der allgemeinen Betreuung bei der Uebersührung in einen anderen Beruf tritt wäh-
Gfs. Auch im Monat Dezember fanden in den einzelnen Ortsgruppen die Gemeinschaftsabende der NS.-Frauenschast statt. Die Ortsfrauenschaftsleite- rinnen waren vor allem bemüht, wieder neue Worte der Stärkung und der Aufrichtung für ihre Frauen zu finden. Auch der stets wiederkehrende Gedanke der Lichtwende und des Sieges des Lichtes über die Finsternis, die leuchtenden Tannen- kränze als Symbol des immer sich wieder erneuerten Lichts trugen viel zur inneren Erhebung der Frauen bei und ermahnten zu neuer Tatkraft.
Die Jugendgruppe mußte ihre Sonnwendfeier in den Saal des UC. verlegen. Aber es gelang, sie auch hier zu einer erhebenden Feier des Lichtes zu gestalten.
Die Kindergruppen im ganzen Kreis Wetterau hielten vor Weihnachten ihre Elternnachmittage ab, die den Eltern Einblick in die Jahresurbeit der Kinder gaben. Neben allerhand kleinen Bastelarbeiten aus Papier, Holz oder Bost waren sogar I warme, bunte Soldatendecken ausgestellt, die von l den eifrigen kleinen Händen aus vielen Vierecken'
Bei der Niederlegung des Torhäuschens am Selterstor wurden das Reisebüro und die Städtische Oeffentliche Lesehalle ausquartiert. Die Lesehalle ist einstweilen — bis das neue Gebäude im Zuge der Umgestaltung des Selterstores errichtet ist — in dem Liebigbau (Liebigstraße) untergebracht worden, wo sie im Erdgeschoß des linken Flügels einen stattlichen Raum erhalten hat, in dem Platz für sechs große Tische und 24 Stühle ist. Täglich ist die Lesehalle von 10 bis 21 Uhr geöffnet. Ein großer Ofen steht im Raum und verbreitet eine gleichmäßige, behagliche Wärme, so daß es sich dort gut aushalten läßt.
Es ist interessant, einmal eine Stunde in der Öffentlichen Lesehalle zu verbringen und dabei die Aufmerksamkeit nicht nur den Zeitungen zuzuwenden, sondern auch den Gästen, die sich zwanglos hier einfinden. Meist find es ältere Männer, die von dieser zweckmäßigen Einrichtung Gebrauch machen, die schon bei ihrem Eintritt nach dem Zeitungshaken gucken, um zu sehen, ob ihr Lerb- und Magenblatt „frei" ist oder ob es gerade gelesen wird. Mancher dieser regelmäßigen Besucher sitzt mit Beharrlichkeit über sein Blatt gebeugt, und es hat den Anschein, als lese er die Zeitung vom Anfang bis zum Ende. Nur das Rascheln der Zeitungsblätter ist in dem Raum zu hören, und wenn ein neuer Gast ankommt, so setzt er sich still auf einen Stuhl, ohne etwa durch einen Gruß die
rend einer Umschulung eine Uebergangsunter- stützung. Bei starker Versehrtheit wird neben anderen besonderen Hilfen laufende Rente mit weiteren Zulagen unter Berücksichtigung des Dienstgrades gegeben.
Wenn Reichsarbeitsdienstführerinnen ausscheiden, um zu heiraten oder um einen Beruf auszuüben, tritt neben die allgemeine Betreuung eine laufende Unterstützung und eine einmalige Ueberganashstfe, die sich nach der Zahl der Dienstjahre im Reichsarbeitsdienst richtet. Die bevorzugte Eingliederung in ein Angestelltenverhältnis im öffentlichen Dienst oder in ein Beamtenverhältnis vermitteln ein „Angestelltenschein für Reichsarbeitsdienstführerinnen" und ein „Reichsarbeitsdienstschein". Reichsarbeits- dienstführerinnen, die früher Lehrerinnen, Beamte oder mit entsprechender Aussicht im öffentlichen Dienst waren, erhalten Ruhegehalt oder sonstige Versorgung wie Beamte.
hergestellt waren. In kurzen Stegreifspielen traten liebe, alte Märchenfiguren lebendig vor die Augen der Zuhörer. Auch Volkstänze und Flötenspiel legten Zeugnis ab von dem schönen Zusammenarbeiten unter den Jüngsten im Deutschen Frauenwerk. Bei Lichterschein und volkstümlichen Weisen kam der Julklapp und hatte manch' schöne Ueberraschung für die kleinen Kameraden.
Die Abteilung Volkswirtschaft - Hauswirtschaft brachte Rezepte für die Weihnachtsbäckerei, wies auf die Verbrauchslenkung hin und hielt die dritte Leistungsprüfung für Haushaltslehrliinge ab.
Von den schönen Wolldecken der Frauen des Deutschen Frauenwerkes wurde schon an anderer Stelle berichtet. Es konnten nun 260 Decken ihrer Beistimmung zugeführt werden. Auch die hübschen Puppenbettchen brachten an Weihnachten viel Freude. .
Viele, viele Hände sind ständig an der Arbeit, aber noch viel mehr Hilfskräfte werden benötigt für den Ernst der Zett. So hilf auch Du noch mit im Deutschen Frauenwerk!
bereits Anwesenden zu einer Antwort herauszu- fordern und damit in der Lektüre zu unterbrechen. Leise wirb die Tür auf- und zugemacht, auch wird nicht lange mit dem Stuhl gerückt; so bestimmt das ungeschriebene Gesetz der Lautlosigkeit den Publikumsverkehr in der Lesehalle. Willig fügt sich jedermann gerne in diese Drbnuna ein, von der alle gleichmäßig Vorteil haben. Auch Unterhaltungen werden hier nicht gepflegt. Unter den Alten Herren, die hier manche Stunde chres Ruhestandes verbringen, begegnet uns manches markige Gesicht, aus dem das lebhafte Interesse an den Ereignissen der Gegenwart spricht.
Der Lesestoff, den man jeden Morgen neu in der Lesehalle antrifft, ist gut und reichlich. Berliner, Münchner, Frankfurter, Mainzer, Darmstädter und Gießener Zeitungen liegen aus, d.h. sie hängen in Haltern und an Haken, die mit entsprechenden Schildern versehen sind. Ordentlich werden die Zeitungen von jedem der Leser wieder an ihren Platz gehängt. Selbstverständlich fehlen auch die Blätter unserer oberhessischen Heimat nicht. Wer von den Lesern aus Nidda, Schotten, Grünberg, Hungen, Friedberg oder Butzbach gebürtig ist, wirb immer auch die Blatter dieser Städte vorfinden und auf diese Weise enge geistige Verbindung mit seinem Heimatsort haben können. Auch manche illustrierte Zeitschrift liegt aus, und in einem vielfach unterteilten Regal findet man in festen Mappen auch die
Zeitschriften mancher Organisation, die hier ebenfalls ihre Leser finden.
Am Abend erhellen vier große Kugellampen mit gleichmäßigem, weichem Licht den Lesesaal. Einige Bilder schmücken den Raum. Es herrscht hier eine angenehme Stimmung, die einer geruhsamen Stund- entgegenkommt. , N.
BOM.-Llutergau 116 Gießen.
Velr.: Führerinnenschulung.
Die Schulung für die Führerinnen des BDM> Werkes Gießen findet am Mittwoch, 10. 1., um 19.30 Uhr im Moeser-Heim statt.
Die Schulung für die Führerinnen der Gruppen 1/116 bis 5/116 findet am Freitag um 19.30 Uhr im Moeser-Heim statt.
Dachböden müssen entrümpelt sein.
Bei Kriegsbeginn waren die Dachböden von allen entbehrlichen Gegenständen weitgehend aeräumt Es besteht Veranlassung, darauf hinzuweisen, daß es den gegebenen Bestimmungen widerspricht, wenn nach und nach wieder eine Belegung der Dachböden, z. B. mit Möbeln, stattfindet. Es muß daran erinnert werden, daß nicht entrümpelte Dachböden bei Luftangriffen eine ernste Gefahr für die Hausbewohner und die benachbarten Häuser darstellen und die Arbeit der Hausfeuerwehr unnötig erschweren.
Dachfenster und Küche sorgsam verdunkeln.
Noch immer kann beobachtet werden, daß die Verdunkelung der Dachfenster, die besonders wichtig ist, an manchen Stellen nicht mit der nötigen Sorgfalt vorgenommen wird. Die gleiche Beanstandung ist hinsichtlich mancher rückwärtiger, insbesondere Kü- dienfenfter zu machen. Es muß deshalb erneut darauf aufmerksam gemacht werden, daß früh morgens die Verdunkelungsvorrichtung erst entfernt werden darf, wenn der Bewohner das Zimmer verlassen will und vorher das Licht ausgeschaltet hat, damit kein Lichtstrahl nach außen fällt. Umgekehrt darf abends das Licht erst dann eingeschaltet werden, nachdem die Verdunkelungsvorrichtung wieder angebracht worden ist. Gleiches gilt bei der Benutzung der Küche.
Ehestandsdarlehen und Familienunterhalt.
Um Zweifeln zu begegnen, fei darauf hingewiesen, daß die Rückzahlung der Teilbeträge für Ehestandsdarlehen solcher Familien, deren Ernährer zum Heeresdienst einberufen ist, bis jetzt nicht auf den vom Staat gewährten Familienunterhalt an- gerechnet werden kann. Es empfiehlt sich, in diesen Fällen einen Stundung santrag bei dem Finanzamt zu stellen, von. dem das Ehestandsdarlehen ausgezahlt wurde und an das die Teilbeträge bis-- her zurückzuzahlen waren. Bei einem derartigen Antrag sind die Familienverhältnisse kurz darzulegen, auf die Einberufung des Ehegatten ist hinzuweisen, ferner ist die Höhe des gewährten Familienunterhaltsgeldes anzugeben. Es ist damit zu rechnen, daß großzügig verfahren und in allen begründeten Fällen die erbetene Stundung gewährt wird. Damit wäre dem Wunsche der in Betracht kommenden Familien bis zu einer endgültigen Regelung durch die Reichsregierung Rechnung getragen.
Kameradschaft ehem. 115er.
Unter Leitung des derzeitigen Kameradschastsfühi rers, Kriminal-Obersekretär Oehlenschlager, hielt die Kameradschaft ehemaliger Hess. Leibgar- disten (115er) im „Schipkapaß" ihren Monatsappell ab. Wie Kamerad O e hle n s chl ä g e r mitteilte, ist der stellvertretende Kameradschaftsführer Kam. Stein nach Großen-Buseck verzogen. Dadurch kann er sich nicht mehr in gewohnter Weife für die Kameradschaft einsetzen. Kamerad Oehlenschläger sagte ihm Dank für die Förderung, die die Kame- raschaft durch ihn erfahren hat. Die Monatsappelle werden wieder regelmäßig durchgesührt. Dom Karn e r ad sch afts führer, Krei shandwerksmeister Stüh-
Viele Hände ständig an der Arbeit.
Oie Tätigkeit der NS.-Frauenschast in den letzten Wochen.
Geruhsame Stunde in der Gießener Lesehalle.
I
Nas Meisje.
Von Richard Euringer.
Zur Zeit da die Holländer anfingen, Leghühner zu züchten, wurden die Eier nicht etwa billiger, sondern teuer. Alles ließ brüten. Da also wenig auf den Markt kam, zogen die Preise entsprechend an.
Nun stand da auf dem Markt zu Utrecht eine dralle junge Deem, die nach wie vor ihre Eier feilhielt. Unter Gemüse- und Blumenhändlern, rechts einen Korb, links einen Korb, stak sie in ihren heftigen Holzschuhen, ein blankes Schürzchen um die Hüsten, ein Mieder um die junge Brust, das Flachshaar durch ein Häubchen gefaßt. So entdeckte sie ein junger Fant aus Gekderiand, der zu dem Zweck nach Utrecht gekommen, um dort Ge« schäfte anzuspinnen. Nie, meinte er, ein so gesundes Geschöpf, zwei so erquickliche Weiberarme ut& solch ein Hälschen gesehen zu haben, das unter keuschem Busenlatz noch zartere Schätze ahnen ließ.
Er entbrannte denn sogleich und versuchte auf mancherlei Art, sich dem schönen Kind zu nähern. jßXi da gab es nichts zu nähern. „Wieviel?" war bas einzige, was das Meisje als Antwort gab, wenn er, statt ihre Eierkörbe, die Händlerin zu bewunöern anfing. Dann mußte er sagen: „Zwei" oder „vier" oder „ein Dutzend", ob ihm auch gar nicht danach der Sinn stand; denn außer Eiern — er sah es bald ein — wurde hier nichts feilge- boten.
Nun konnte es nicht fehlen, daß der Fant den jungen Leuten, mit denen er umging, eines Tages gestehen mußte, warum er, der beim Wohnwirt aß, immer wieder Eier kaufte, obschon er kaum wußte, wohin damit. Während er sie denn verschenkte, sang er seiner Liebsten Lob samt dem Kummer, daß sie taub sei für sein Flehen.
Da fehlte es nicht an Gelächter, Spaß und Spott und gutem Rat. Ja, einer der herzhaften Herrchen verwettete auf einen Kuß, den er der Spröden rauben werde, gleich fünf Gulden. Wer fo zerbrechliche Ware handelt, der muß doch — und er auf den Tisch — im rechten Moment noch zu küssen sein! ... „Fünf Gulden! Wer wettet? Wo steht die Kleine?"
Ihr Liebhaber wußte, wo sie stand. Aber es ging ihm ja nicht um fünf Gulden, noch darum, daß sie einer küsse; es sei denn, daß er selbst sie küsse. Also
schlug er die Wette aus. Nicht freilich schlug er den guten Rat aus.
Inzwischen hatten die Eier preise dermaßen ärgerlich angezogen, daß die besten Kunden schimpften. Schon räumten die Blumenhändler den Markt, schon karrten die Gemüsehändler ihre leeren Kisten heim, und immer noch, mit gefüllten Körben, stand das Meisje auf dem Plan. Das taugte dem Fant. Einsam wanderte er heran, grüßte mit seinem freundlichsten Gruß, fragte so nebenhin nach dem Preis und begann sogleich die Eier, die er wünsche, auszusuchen. Das Meisje hielt gehorsam die Hand auf, erst die rechte, dann die linke. Das Aussuchen aber nahm kein End. Da die Hände nicht mehr reichten, beugte er sie ihr auf den Arm, erst den rechten, bann den linken. Sie drückte den Ellbogen an den Leib, aber der Segen hörte nicht auf; nah der Achsel war noch ein Plätzchen, und um’s Büs'chen war noch Platz.
Das Meisje aber hielt still und zählte „zweiundzwanzig, dreiundzwanzig", bis bei „fünfundzwanzig" Schluß war.
„So, für heute, meine ich, genügt’s", sagte der Fant, lachte sie an, machte aber keine Miene, ihr die Last wieder abzunehmen. Da wußte das Meisje, wieviel es geschlagen.
Aber statt Zeter und Mordio zu schreien, sagte sie nur: „Die schönen Eier! ... Das feine Wams! ... Und Eure Strümpfe! ... Wißt Ihr auch, Herr, daß die Flecken nicht wieder herausgehen?"
Da jagte der Fant: „Ach, Meisje, mein Meisje, wie denn joll ich dich sonst küssen?"
„Nehmt erst die Eier, die Ihr gekauft habt, und bezahlt sie, daß wir damit im reinen sind", beharrte das Meisje, stopfte ihm alle Taschen voll und zählte den Rest ihm in den Hut, „so will ich Euch sagen, wie Ihr es anfangt: Geht heim und schreibt auf ein sauberes Blatt, wer Ihr seid und was Ihr seid, wo Ihr herkommt, was Ihr verdient, und was Ihr die letzten Jahre verdient, habt, dazu, daß Ihr kerngesund seid! Damit kommt hinter die Buurkerk, nächsten Sonntag, nach der Predigt! Aber sprecht beileibe nicht mich an, sondern folgt meinem Vater ins Haus! Ihr braucht nicht zu reden, tretet nur mit ein, wenn er sich an den Kamin setzt, und wenn er nicht fragt, so antwortet nicht! Lädt er Euch ein, ein Schnäpschen zu trinken, so langt zu, und wenn Ihr geht, so erwartet nicht, daß er Euch einlädt, wiederzukommen. Laßt aber jedenfalls das Blatt da, so als habet Jhr's vergessen! lieber zwei Wochen möget $)r bann nach der Predigt wieder herein-
schauen, und dann nach drei Wochen wieder, ob sich allmählich etwas anspinnt. — Geht alles gut, jo mag übers Jahr schon Hochzeit sein. Geht es nicht gut, so war es besser, daß Ihr mich nicht erst geküßt hckbt."
Da kratzte der Fant sich Hinterm Ohr, zahlte ünf Gulden und ging mit dem Hute in der Hand heim, sich sagend: „Das war ein ernster Scherz." Sich fragend: „Was sagst du nun, mein Herz?"
Oer kluge Hund.
Von Karl Robert Popp.
Beim Loisl hatte ein Spitzbube in der Nacht vom Donnerstag zum Freitag den Hühnerstall ausgeräumt unb die kleine, schwarze Henne zurückgelassen, die ohnehin nicht legen wollte. Der Hallodri hatte ihr, um den Schimpf zum Schaden zu fügen, obendrein einen Zettel an den Hals gehängt und darauf geschrieben: „Ein Jahr zurückgestellt." Der Loisl raste vor Wut über den frechen Diebstahl unb die Anzüglichkeit, aber schon am Freitagabend rieb er sich die Hände, denn da hatte der Polizeihund vom Amt den Mauskopf gefunden und gestellt. Unb deswegen feierte der Loisl am Samstag hn „Bären" die Spürnase jenes Schäferhundes, und er fang so lange in so hohen Tönen das Lob des vierbeinigen Kriminalisten, daß der Förster endlich - ärgerlich auf den Stammtisch hieb und brummte, was so ein Polizeihund könne, das könne sein Waldi, der schwarze Dackel, schon lange.
Da er aber einmal bei diesem Thema war, begann er, von seinen Hunden zu erzählen, und Waldi, der unter dem Tische lag, knurrte zustimmend dazu oder schwieg beschämt, wenn die Taten jeiner Vorgänger die eigenen überschatteten. Der Förster erzählte von seinem „Treff", einem Vorstehhund von unerreichten Gaben, der ein Opfer feines Berufes wurde, als sein Herrchen nach der Stadt gerufen wurde, während er eben an der Waldecke einen Hasen stand. Der Förster, der nach acht Tagen zurückkehrte und seinen Treff nicht mehr sand, erinnerte sich plötzlich jener Waldecke und eilte atemlos zu ihr hinaus. Er fand aber nur zwei Leichen: Die des Hafen und die seines treuen Hundes, der noch im Tode den Vorderlauf erhoben hatte und so das Stehen markierte. Der Forster schneuzte sich bei dieser Erinnerung geräuschvoll, aber der Vorsteher hustete. Er hustete
Nicht mehr, als Waldi langsam aufstand, zu ihm hinging und ihn, die Zähne zeigend, scharf ansah.
Der Forster aber gedachte noch weiterer, wunderbarer Hunde und kam endlich auf den Großvater Waldis zu sprechen, indem er seinen Rock aufknöpfte und auf die Weste darunter zeigte. Die sei aus Haut und Haaren dieses Dackels gegerbt, sagte er mit leiser Wehmut, und er brauche einem Fuchs oder einem Hasen nur auf hundert Schritte nahe zu kommen, dann sträube diese Weste noch heute die Haare. An dieser Stelle lachte der Lehrer laut auf und fluchte anschließend herzhaft, denn Waldi hatte des geschändete Andenken seines Ahnen gerächt. „Ist recht, Waldi ..." meinte sein Herr und liebelte ihn ab, während der Lehrer wütend auffuhr: „Na hören Sie mal ..." Aber der Loisl schnitt ihm alle weiteren entrüsteten Worte mit einer Handbewe- gung ab unb kam zum Thema zurück.
„Alsdann, hier ist mein Trauring. Den versteck' i brausten im Hof, unb wann Dein Viech, Forster, soviel Gchirn hat als wie der Polüzeier, nachher zahl' i eine Runde Bock."
Das war ein Manneswort, und der Forster schlug sofort ein. Der Loisl entfernte sich, um feinen Ring zu verstecken, unb als er nach einer Weile zurück kam, sagte er spöttisch zu dem nur mäßig interessierten Waldi: „Na! Jetzt geh zua und heb bie Pfot, wann du ihn gefunden hast, den Ring!"
Aber da erhob der Förster Einspruch und rief, man könne von keinem Hunde der Welt verlangen, daß er etwas Verlorenes roieb erb ringe, ohne vorher Witterung zu nehmen. „Waldi", sagte er fast zärtlich zu seinem Dackel, „geh und riech' dem Loisl da in die Pfot!"
Der Loisl hielt ihm lachend die offene Rechte hm, Waldi stand etwas steifbeinig auf, nahm sich eine Nase voll, warf einen überaus Mißbilligenden Blick auf den Träger dieses Geruches und schlich bamt mit eingeklemmtem Schwanz zur Tür hinaus, während ihm der Förster kopfschüttelnd nachsah. Nach fünf Minuten atemlosen Wartens kam Waldi zurück. Als sie ihn sahen, erhoben sich die Männer am Tijch und brachen in ein brüllendes Gelächter aus. Der Loisl aber wurde, blutrot und knirschte ein „Mistviech!" nach dem anderen durch die Zähne.
Der brave Waldi aber trottete, völlig unberührt von solchen Kundgebungen auf ihn zu, schielte aus jeinen listigen Dackelaugen belustigt und ironisch zugleich an dem Loisl empor und wartete dann vor ihm auf. Zwischen seinen Zähnen hielt er behüt» jam ein Stück Seife.


