Auslandswissenschastliche Fakultät an der Universität Berlin.
Schäferhunde zum Auffpüren und zu erster Hilfeleistung durch den Transport von Verbandzeug eingesetzt. Auch sind Hunderte von dressierten Schäfer- hmÄen als Meldehunde tätig, wenn die Verbindungen durch Feldtelephone abgebrochen sind und es zu gefährlich ist, Soldaten als Meldegänger durch den Kugelregen zu schicken. Die finnische Presse berichtet über einen Fall, wo ein Schäferhund, obgleich ihm ein Bein abgeschossen worden war, sein Ziel erreichte und der betreffenden Truppe wichtige Informationen überbringen konnte, wodurch* vielen Hunderten von finnischen Soldaten das Leben gerettet wurde.
Roosevelts
Flotten ausrüsiungsprogramm
Alaska soll starke Flotten- und Luftbasis werden.
Washington, 9.Jan. (DNB. Funkspruch.) Wie in militärischen Kreisen verlautet, schließt der von Roosevelt eingereichte Heereshaushalt für das kommende Steuerjahr 12 Millionen Dollar für den Dau eines großen Militärflugplatzes in Auch o r a ge auf der Sibirien gegenüberliegenden, 1867 von Rußland an die USA. abgetretenen Halbinsel Alaska ein. Außerdem soll D u t ch H a r b o r aus den Aleuten-Jnseln und Unalaska zu einer großen Flottenbasis ausgebaut werden. Auf K o - d i a k und S i t k a sind bereits Flughäfen im Bau befindlich. Die oberste Heeresleitung beabsichtige, so heißt es, Alaska in eine der am stärksten befestigten Zonen der Welt zu verwandeln. Associated Preß berichtet, Roosevelts vorgeschlagene neue Flottenaufrüstung zeige, daß dem Präsidenten eine Flotte vorschwebe, die innerhalb von 5 Jahren wesentlich st ärkeralsdiebritischeund doppeltso starkwie diejapanische werden soll. Zum zweitenmal innerhalb eines Viertel- jahrhunderts biete der Krieg den Vereinigten Staaten eine Gelegenheit, die Herrschaft d e r M e e r e zu übernehmen. Diesmal werde die USA,-Manne die Gelegenheit nicht versäumen.
RumänienunddieBegegnung von Venedig.
Bukarest, 9. Januar. (Europapreß.) Abae- sehen von dem Abendblatt „Semnalul" enthält sich die Bukarester Presse am Montag noch jeden Kommentars zur Begegnung von Venedig. „Semnalul" meint, der Widerhall, den dieses Treffen in der Weltöffentlichkeit geweckt habe, weise deutlich auf die Bedeutung hin, die der Donauraum neuerdings für die Weltöffentlichkeit gewonnen habe. Die feit dem September 1939 eingetretenen Derände- rungen ließen eine U e b e r p r ü f u n g der gesamten Lage für alle verantwortlichen Faktoren dieses Gebietes nützlich und zweckmäßig erscheinen. Es sei gewiß, daß das Durchdringen eines realisttschen Geistes wertvolle Ergebnisse für die Sicherheit und die Ruhe dieses Teiles von Europa zeitigen würde. Wenn die von Italien jetzt angebahnte Aktton des erforderliche Verständnis finden werde, dann werde für Europa eine neue Epoche beginnen, eine Epoche, in der die wirkliche Verständigung und die wahre Freundschaft der Staaten des Donaubeckens endlich zur Wirklichkeit werden würde.
König Carol feierte das Fest der Heiligen Drei Könige in C h i s i n a u (dem früheren Kischinew), der Hauptstadt Bessarabiens, inmitten der Soldaten und der bessarabischen Bevölkerung. Der König traf in Begleitung des Großwoiwoden Michael ein und wurde begrüßt vom Ministerpräsidenten la« tarescu, dem Marineminister General Jlcus und weiteren Mitgliedern der Regierung. Unter dem Jubel einer großen Menschenmenge begab sich der König und sein Gefolge in die Kathedrale, wo er durch die hohe Geistlichkeit empfangen wurde und der traditionellen Weihe des Wassers beiwohnte. Nach den Ansprachen des Chefs des Armeekorps und der Vertreter der deutschen, ukrainischen und russischen Minderheiten hielt der König eine Rede, in der er auf die D e r b u n d e n h e i t B e s s a r a - biens mit Rumänien einging und die Loyalität der Minderheiten hervorhob.
Berlin, 8. Januar. (DNB.) Am 15. Januar eröffnen an der Universität Berlin eine neue Fakultät und ein neues Institut ihre Pforten: die Aus - l a n d w i s s e n s ch a f t l i ch e F a k u l t ä t und das Deutsche Auslandswissenschaflliche Institut.
Schon in den Jahren der Bismarck'schen Reichsgründung kamen Bestrebungen auf, der Kunde von fremden Völkern und ihren Sprachen und der Untersuchung der Außenbeziehungen des Reiches eine Forfchungs- und Lehrstätte zu schaffen und dabei besonders den mannigfachen Bedürfnissen nach außenpolitisch und cmslandstundttch ausgebildeten Fachkräften Rechnung zu tragen. Die erste, vom Altreichskanzler selbst angeregte Maßnahme in dieser Richtung war die Gründung des „Seminars für orientalische Sprachen" im Jahr« 1878, das 1936 in die „Auslandshochschule an der Universität Berlin" umgewandelt wurde. Unabhängig hiervon hatte sich die 1920 gemündete und 1937 neu konstituierte „Hoä) fchul« für Politik" allmählich von einer Anstatt mit betontem Volkshochschulcharakter zu einer wissenschaftlichen Anstalt eigener Art entwickelt, die neben der Lehre auch die Forschung pflegte und dabei mehr und mehr ihr Augenmerk den gleichen auslands- kundlichen und außenpolitischen Fachgebieten zuwandte, die an der Auslandshochschule der Berliner Universität gepflegt werden.
Die neue Auslandswissenschaftliche Fakultät tritt zugleich an die Stelle der bisherigen „Auslandshoch, schule an der Universität Berlin" und der bisherigen „Hochschule für Politik" und führt deren reiche Tra-
Der Leiter der Arbeitseinsatzorganisatton im Reichsarbeitsministevium, Staatssekretär Dr. Syrup, Nimmt im Reichsarbeitsblatt zu der günstigen Entwicklung des Arbeitseinsatzes in den ersten Kriegs- monaten Stellung. Im Gegensatz zum August 1914, wo die Hundertzahl der Arbeitslosen sprunghaft von 2,9 auf 22,4 stieg, war der Uebergang zur Kriegswirtschaft im September 1939 trotz der Umschichtungen von vielen Tausenden Arbeitskräften nicht mit nennenswerten Betriebsstillegungen ver- buNden und führte insbesondere nicht zu einer bemerkenswerten Arbeitslosigkeit. Im Gegenteil be- steht nach wie vor in fast allen Wirtschaftszwei- gen ein Mangel an Arbeitskräften. 128 000 Arbeitslose wurden im Gesamtreich im Dezember gezählt, nur 18 000 von ihnen waren voll einsatzfähig und ausgleichsfähig. Zum Vergleich fei bemerkt, daß im Dezember 1938 im Altreich 456 000 Arbeitslose gezählt wurden. Diese geringfügige Ar- beitslosigkett entfällt zur Hälfte auf die acht Großstädte Wien, Hamburg, Berlin, Köln, Breslau, Dresden, Leipzig und München. Wien steht mit 30 000 an der Spitze, Hamburg hat 10 000, Berlin knapp 8000. Unter den 128 000 Arbeitslosen beftn-
Oie Regierungsbildung in China
Tokio, 8. Januar. (DNB.) Gut unterrichtete Kreise glauben, daß die Bildung einer neuen Zen- tralregieruna in China jetzt rapide Fortschritte machen werd«. Di« Verbindungsmänner des China- ausfchusses werden am 11. Januar in Nanking zu- sammentreten, während Wang Tfching-wei, Wang Komnng und Liang Hung-tschih, die Chefs der Regierung in Peking und Nanking, am 15. Januar in Nanking oder Schanghai zusammentreten wer- den, um die Vorbereitungen für die Einsetzung der Zenttalregierung einen Schritt weiterzubringen. Der Sprecher der japanischen Regierung erklärte: lieber
dttion fort. Gegenstand ihrer Lehr- und Forschungstätigkeit sind die politischen, wirtschaftluben und kulturellen Auslandsbeziehungen des Reiches und das Gegenwartsleben fremder Völker und Staaten. Dazu gehören Grundfächer wie Außenpolitik und lhre Rechtsgrundlagen, Außenwirtschaftskunde, Kolomalgeschichte und Kolonialpolitik, politische Geographie und Geopolitik, Volkstumskunde und Volksgruppenfragen, Staats- und Kulturphilosophie usw. und die Fächer der speziellen Auslandswissenschaften, die sich mit Geschichte und Gegenwartsleben bestimmter Völker oder Volksgruppen befassen.
Das Studium an der Fakultät kann als Haupt- studium oder als Ergänzungsstudium betrieben werden, es gibt dafür eine ganze Reihe von Möglichkeiten von kurzen Spezialkursen bis zum Erwerb eines Diploms und Doktors der Auslandswiffen- schaften. Das angegliederte Institut für Spra- chen-undDolmetscherwefen wird auch be- rufstätigen Volksgenossen für das Erlernen fremder Sprachen zur Verfügung stehen. Mit der vorläufigen Wahrnehmung der Geschäfte des Dekans ist der außerordentliche Professor an der Universität Berlin ^--Standartenführer Dr. Six beauftragt worden. Zugleich mit der neuen Fakultät wird das Deutsche Auslandswissenschaftliche Institut errichtet. In ihm werden die reichen Bestände der bisherigen Auslandshochschule und der Hochschule für Politik an Lehrmitteln und For- schungseinrichtungen zusammengefaßt; darunter ist eine über 100 000 Bände umfassende Svezial- b ü ch e r e i und ein Archiv, das heute schon über 45 000 Mappen enthält.
den sich Angestellte, Gaststättenarbeiter, Verkehrs- arbeiter, Textil- und Bekleidungsarbeiter sowie Hilfsarbeiter, während in allen anderen Wirtschaftszweigen Freistellungen von Arbeitskräften gar nicht oder nur in geringem Umfange erfolgt sind. Eine frühzeitige vorbeugende Einschränkung der Konsumgüterindustrie bedeutet stets die Freistellung von Arbeitskräften. Aufgabe des Arbeitseinsatzes ist es, diese Kräfte in die Industrien einzugliedern, deren Ausweitung 'der Krieg fordert. Die Meldungen der Arbeitsämter von Ende November verzeichneten 237 800 Kurzarbeiter in 4949 Betrieben. Der Hauptanteil entfällt auf Textil- und Bekleidungsgewerbe. Die geringe Zahl erklärt sich aus der Tatsache, daß in allen Fällen nicht vorübergehender Kurzarbeit die Arbeitskräfte anderen Betrieben mit Arbeiterbedarf zugewiesen wurden. Die Landwirtschaft werde in diesem Jahr durch Hunderttausende von Arbeitskräften aus dem ehemaligen Polen entlastet. Die Landwirtschaft werde genügend Arbeitskräfte haben, die Wehrmacht werde dafür sorgen, daß in den Bestellungs- und Erntezeiten auch die Detrrebsführer und unentbehrlichen Facharbeiter zur Verfügung stehen.
die Grundlagen der neuen Zentralregierung müsse China natürlich selbst entscheiden. Die neue Regierung müsse auf eigenen Füßen stehen. Die japanische Regierung werde dann Verträge mit ihr ab schließen. Einen Zeitpun kt über die Einsetzung der neuen Regierung könne man noch nicht angeben; sie werde jedenfalls in naher Zukunft erfolgen. Di« japanische Presse betont, daß der japanischen Wehrmacht in ihrer Zusammenarbeit mit dem Zentralamt für China bei der Durchführung des chinesischen Konfliktes weiterhin eine entscheidende Rolle zufällt. Deshalb müsse die Wehrmacht darauf bestehen, daß die jetzt an einen entscheidenden Wendepunkt angelangte Chinapolitrk Japans von einem stärkeren Kabinett geführt werde. Wie verlautet, haben bisher 276
mm 466 Reichstagsabgevrdneten die EnftMetzung der Oppositionsgruppe unterzeichnet, dre den Rücktritt des Ministerpräsidenten Abe fordert.
Oer Wehrmachtsbericht für Montag.
Berlin, 8. Januar. (DNV.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
3m Westen wurde im Grenzgebiet westlich Merzig ein feindliches Spähtruppunternehmen unter Verlusten für den Feind abgewiesen.
Deutsche Volksschulen im Generalgouvernement.
Im Di st ritt Warschau konnten bisher 17 deutsche Schulen eröffnet werden. Die Eröffnung weiterer 25 Schulen steht bevor. Allem im Kreise Lowicz befinden sich sechs deutsche Schulen. Im Kreise Grojec haben fünf deutsche Schulen den Unterricht bereits ausgenommen, insgesamt sind in zwölf Ortschaften des Kreises deutsche Volksschulen in Aussicht genommen. Für den Kreis Skierniewize sind sechs Schulen vorgesehen, von denen zwei bereits den Unterricht ausgenommen haben, während die übrigen noch im lausenden Monat eröffnet worden. Im Kreis L y s ch k o w i tz befindet sich eine deutsche Volksschule, und ebenso ist in Zyrardow eine deutsche siebenklassige Volksschule eröffnet worden. Die deutsche Schule in W a r f ch a u, eines der schönsten Schulgebäude der ehemaligen polnischen Hauptstadt, wird in nächster Zeit durch einen Turnsaal und durch ein Schwimmbecken noch vervollständigt werden.
Ein Amt für freiwillige Feuerwehren.
Der Reichsminister des Inneren hat im Einvernehmen mit dem Stellvertreter des Führers dis Bildung eines „Amtes für freiwillige Feuerwehren" verfügt, das alle Fragen, die den inneren technischen Dienst und den Geschäftsbetrieb d«r freiwilligen Feuerwehren betreffen, einheitlich selbstän- d i g regelt. Das Amt für freiwillige Feuerwehren ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechtes mit dem Sitz in Berlin und aehört zum Geschäftsbereich des Reichsführers ff. und Chefs der deutschen Polizei, dem Hauptamt Ordnungspolizei angegliedert. Der Chef des Amtes für freiwillig« Feuerwehren wird vom Reichsminister des Inneren ernannt. Er ist für die Erfüllung der Aufgaben des Amtes dem Reichsminister des Inneren verantwortlich und untersteht feiner Dienstaussicht. Mit dieser Verordnung hat ein Zustand, der in der Praxis schon seit einiger Zeit bestand, und der im Rahmen der Gesamtorganisation der Polizei für die freiwilligen Feuerwehren die selbständige und für das gesamte Reich einheitliche Bearbeitung technischer Fragen vorsieht, seine gesetzliche Anerkennung gesunden.
Pflichtjahr gehört zur Berufsausbilduna.
NSG. Nach einer grundsätzlichen Entscheidung des Reichsfinanzministers wird die Teilnahme am weiblichen Pflichtjahr als Ausbildung für einen künftigen Beruf anerkannt. Dieser Grundsatz erhält auch für die Bere chnung des Schulgeldes Geltung, das für Geschwister von Pflichtjahrteilnehmerinnen beim Besuch höherer Schulen zu entrichten ist. Ein Kind, das das Pflichtjahr ableistet und desien Einkommen weniger als 40,— RM. monatlich beträgt, kann bei der Feststellung der Zahl der Geschwister berücksichtigt werden, nach der sich die Ermäßigung des Schulgeldes berechnet. Diese Entscheidung umfaßt jedoch nicht die Kinder, die das Landjahr besuchen das im Anschluß an die Volksschule absolviert werden kann.
Gesundheitsschutz in der Zuqenderholung.
Der Reichsinnenminister hat Durchführungsbestimmungen für die Richtlinien zur Verhütung übertragbarer Krankheiten in Kinderheimen erlassen. Danach haben di« Gesundhetts- ämter nicht nur die Kinderheime zu überwachen, sondern auch die Familienpflegestellen
Oer Arbeitseinsatz in -en ersten Kriegsmonaten. Nur 128000 Arbeitslose im Dezember.
Kleine Tragödie.
Von Hans B. Wagenseil.
Die Landstraße nach Pähl sttea im Walde so stark an, daß ich mein Rad schieden mußte. Als ich dann di« Höhe der Straße erreichte, endete auch der Wald. Auf der Höhe waren hier und da halb verborgen im Wipfelgrün, altersbraune Dächer des versteckten Dorfes zu sehen; nur ein einziges Haus lieh sich in seiner Einsamkeit ganz erblicken: der obere Wirt, bei dem ich ein kehrte.
Ein paar Wespen schwirrten eifrig um eine auf dem Holztisch vergessene Bierflasche. Von der Keael- bahn her dröhnte manchmal das dumpfe Rollen der Kugeln; dort übten sich die Wirtsbuben in dieser handfesten Kunst. Sonst herrschte eine ungebrochene Stille. Bald verfiel ich denn auch neben meinem Bier in eine besinnliche Träumerei, als ich plötzlich folgendes sah:
An einem der Fensterläden zu ebener Erde war kunstvoll ein riesiges, kreisrundes Spinnennetz angebracht. In dieses Spinnennetz fiel unvermutet aus dem Nichts ein ungewöhnlich großer Käfer. Ich weiß noch, daß mir zugleich mit einer Erinnerung an die Knabenjahre einfiel, daß es sich hier um ein seltenes Exemplar handeln müsse, eine Art Rosenkäfer, wenn ich mich nicht irre; fein Pan« 3«r schimmert grün und exottsch im Sonnenglast. Aber schneller, als ich alles das zu denken vermochte, schoß schon di« Spinne aus ihrem Gespinst — blieb aber dann plötzlich ratlos wie vor den Kopf geschlagen vor dem stämmigen Kerl stehen. Sie umkreiste den armen Schächer einmal wütend wie eine Tarantel, gab dann aber klein bei und huschte sichtlich verärgert in ihr« trichterförmige Röhr« zurück. Dort saß sie nun und sah vergrämt dem Schauspiel zu, das ich mit ehrlicher Freude verfolgt«.
Der stramm« Kerl nämlich gab den Kampf nicht verloren. Er wehrt« sich ehrlich gegen die zähen Fäden, die immer wieder nach seinen schwarzbehaarten Beinen griffen, strampelte, schlug Purzelbäume, unb von seinem stattlichen Eigengewicht unterstützt, gelang es ihm, sich gleichsam stufenweise aus der Umklamemrung zu befreien. So fiel er in mehrfachen Sattis von einer Netzmaschin« in die andere, zappelte wieder und riß sich ruckweise abstürzend aus der gefährlichen Netzmitt«. Jetzt war
er aus dem gröbsten heraus und verschnauft« ein wenig, während mir unleugbar der Atem schneller ging. Wird er es schaffen? Als wollte er mich beruhigen, gab sich der wackere Vierschröter einen verzweifelten Ruck, er überschlug sich dreimal ... das ganz« Netz schaukelte, er fiel .... verfing sich hing an einem Faden ... und siel mit hörbar schepperndem Chitinpanzer zu Boden.
In diesem Augenblick dreht« eines der weißen Bauernhühner den Kopf. Es lief herzu, und Mit einem einzigen Schnabelhieb war mein .Rosenkäfer verschwunden.
Adagio.
Von Geno Ohlischlaeger.
Um zwei Uhr rief die kleine tapfere Frau Carla noch einmal von ihrem Bett in der Klinik aus an.
„Die Schwestern und die Aerzte sind-alle furchtbar nett zu mir", sagte sie, bemüht, ihrer Stimme die Aufregung nicht anmerfen zu lassen, in der sie sich befand. „Nebenan liegt eine Dame, die auch vor drei Tagen operiert worden ist. Sie sieht ganz vergnügt aus und hat schon ein Buch vor. Es soll wirklich nicht schlimm sein, diese Operation, das sagen sie alle."
„Natürlich, Kindchen", antwortete Jürgen, feiner- feits bemüht, die Erregung zu verbergen, in die ihn dieser Anruf versetzte. „Wenn man so rechtzeitig hin geht wie du, und einen so guten Arzt hat, ist es wirklich eine Kleinigkeit; du wirft eingeschlä- fert, und wenn du aufwachst, ist alles vorbei, und du wirst schnell wieder gesund. Wann — wann wird es denn sein?"
,Heute abend, hat der Professor gesagt, so nach sieben, denke ich. Also, Jürgen, ich muß jetzt Schluß machen; ich wollt« nur noch einmal mit dir sprechen, damit du weißt, daß alles in Ordnung ist und du dir gar keine Sorge zu machen brauchst. Du weißt ja, der Professor wird dich anrufen, wenn die Operation vorüber ist. Also, leb' wohl! Und ängstig« ( dich nicht!"
„Leb' wohl, mein« liebe Carla! Kopf hoch, das brauche ich dir ja kaum zu sagen. Leb' wohl!"
Das Herz schlug ihm bis zum Hals, als er einhängte. Ich hätte ihr doch noch mehr Liebes sagen sollen, schatt er sich; aber dann schüttelte er den Kopf: nein, es war besser, daß er jede Sentimen
talität vermieden hatte, um Carla das Herz nicht schwer zu machen; sie hatte sich ja auch so wacker gehalten bei diesem Anruf, der vielleicht — er mochte den Gedanken nicht zu Ende denken — das letzte Gespräch zwischen ihnen gewesen war. Denn darüber konnte alle Zuversicht, die er sich einredete und die sie offenbar auch besaß, nicht hinwegtäuschen: mochte die Kunst der Aerzt« heut« auch noch so groß fein, ihr Leben stand nun in Gottes Hand.
Es war ein Glück, daß Jürgen nicht sehen konnte, wie Carlas Tapferkeit sie nach dem Amuf, für den sie all« Kräfte zusammengenommen hatte, plötzlich verließ, wie sie jetzt in ihre Kissen weinte und mit sich kämpft«, um ihre Fassung wiederzufinden. Jürgen empfand jetzt, was seine Mutter ihm einmal vor Jahren gesagt hatte, als er aus dem Urlaub wieder ins Feld zog: daß die Dual, um einen anderen bangen zu müssen, von dem man fern ist, i fast schlimmer sei als selbst Schweres durchzumachen.
Er wußte kaum, wie er diese Stunden des Wartens verbringen sollte. An Ruhen oder gar Schlafen nach Tisch war überhaupt nicht zu denken. So setzte er sich an den Schreibtisch und versuchte zu arbeiten, aber es gelang ihm einfach nicht, sich zu konzentrieren. Da machte er sich daran, die Schubladen, in denen Ordnung zu machen war, aufzuräumen, und das lenkte ihn, weil er auf alte Briefe und längst vergessene Fotografien stieß, ein wenig ab. Aber nach einer Stunde war er damit fertig, und seine Unruhe wurde nun noch stärker. Ge- danken drängten sich vor, wie sie in solchen Stunden natürlich sind: Zweifel, ob er dem Menschen, den er verlieren konnte, auch genug Liebes angetan habe. Reue über Schlechtigkeiten und dumme Krachs, Vorsätze, die Liebe zu verdoppeln und Freuden auf sie zu häufen, wenn das Schicksal ihm ihr Leben wiederschenke.
Dann schaltete er den Rundfunk ein; er horchte auf einen Dorttag, dessen Inhalt ihm sonst höchst interessant gewesen wäre. Er ttank jedes Wort in sich hinein und beschäftigte sich aufmerksam mit den Ideen des Vorttagenden. Aber er konnte einfach den Gedankengängen nicht folgen. Da nahm er sich ein Buch vor; es war ein Reisebuch mit spannenden Schilderungen von der Jagd auf Orchideen im Urwald an den Ufern des Amazonensttoms; doch durch die Bilder, die der Forscher mit dichterischer Leuchtkraft zeichnete, kam dennoch immer wieder Carlas Antlitz hervor, und er legte das Buch, weil es ihm
auch nicht helfen konnte, das Warten leichter zu ertragen, beiseite.
Fünf Uhr. Noch zwei Stunden und mehr, bis er Gewißheit über Carlas Befinden haben würde. Die Zeit würde ihm wie eine Ewigkeit vorkommen. Da kam ihm ein Gedanke: wenn er es mit der Musik versuchte? Er hatte lange nicht mehr Klavier gespielt, wohl Carla beim Singen begleitet und mal zum Tanz aufgespielt, wenn Gäste da waren; aber zur ernsten Musik war er lange nicht gekommen. War sie nicht die beste Freundin der Menschen, auch in schweren Stunden?
Er holte die Beethoven-Sonaten hervor und blätterte di« „Pathötique" auf, die er immer gern gespielt hatte.
Wuchtig schlug er das „Grave" an, und die feierlichen Klänge taten ihm wohl; beim „Allegro con brio“ mußte man höllisch aufpassen, und so verttefte er sich bald ganz in die Musik. Dann begann er das „Adagio cantabile“, das Carlas Lieblingsstück war. Er spielte es wie einen zärtlichen Gruß an sie und wollte alle guten Wünsche hineinlegen. Aber plötzlich hielt er mitten im Spiel an; eine schreckliche Unruhe hatte ihn befallen, feine Hände zitterten, und erkannte einfach nicht weiterspielen. Da stand er auf und setzte sich in einen Sessel und gab es auf, sich gegen die Gedanken, di« ihn bestürmen wollten, zu wehren.
Ein« halb« Stunde darauf ging das Telephon. 1 Jürgen nahm den Hörer und meldete sich.
| „Sie können beruhigt sein, Herr Hartwig", hörte er den Professor sagen, „es ist alles gut gegangen! Sie können Ihre Gatttn heute am späten Abend schon einmal kurz besuchen, wenn Sie wollen."
„Herr Professor!" rief Jürgen, und die Freude ! erstickte ihm fast die Stimme. „Es ist alles gut gegangen? Ich bin überglücklich! Ich danke Ihnen vielmals für den Anruf. Aber sagen Sie mir nur eins: meine Frau ist schon operiert worden? Sie sagte mir doch, nach sieben er ft?"
„Dann hat sie Ihnen die genaue Zeit nicht angeben wollen!" antwortete der Professor. „Sie ist kurz nach fünf Uhr operiert worden. Nun werden Sie auch erlöst fein. Also auf Wiedersehen!"
„Ja, das bin ich!" sagte Jürgen. „Nochmalt vielen Dank und auf Wiedersehen!"
Kurz nach fünf ist sie operiert worden, wieder» holte er dann noch einmal für sich, kurz nach fünf! Nun wußte er, warum er auf einmal das „Adagio" nicht mehr hatte weiter spielen können.


