Ausgabe 
8.2.1940
 
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Das Volksdeutsche Martyrium in polnischen Internierungslagern. Unter sadistischen Torturen zu Tode gequält.

In Erlebmsschilderungen war verschiedentlich schon die Rede von Beresa Kartuska, dem früheren berüchtigten polnischen Konz en- trationslager. Beim Ausbruch des deutsch- polnischen Krieges wurden Tausende von Minderheitenangehörigen in dieses La­ger gebracht. Dm September waren siebenmal so viel Menschen zusammengepfercht, als das Lager zu fassen vermochte. Menschen jeden Alters, vom Kind bis zum Greis, Frauen und Männer, Ge­sund und Kranke, Krüppel und Menschen, die sich ihr Leben lang nicht um Politik gekümmert hatten. Wenn der Trupp der Internierten" vollkommen ermattet vor dem Tore des Lagers ankam, nmßte eine 500 Meter lange Strecke durchlaufen werden, die von Polizisten flankiert war. Diese hielten G e wehre, Gummiknüppel und Holzkeu- len in den Händen, mit denen sie wie wahnsinnig auf die aufschreienden Durchlmifenden e i n s ch l u - gen. Fiel einer von diesen hin, so schlug man ihn so lange und trat ihn mit Füßen, bis er wieder aufstand und weiterlief. An den Folgen dieses Rutenlaufens starb mancherInternierte , viele trugen Schäden davon, an denen sie Zeit ihres Lebens zu leiden haben werden.

Die Gefangenen wurden in Trupps zu je 140 Mann in Sälen untergebracht, die dieses Fas- sungsvermögen bei weitem nicht besaßen. Als Schlafstellen dienten dreistöckige Holzstellagen ohne Stroh oder Heu. In der Ecke des Saales befand sich ein Kübel mit Deckel, der den nötigsten Bedürf­nissen während der Nacht diente. Don 4 Uhr mor­gens bis gegen 10 Uhr vormittags wurden ununter- brochen militärische Formationsübungen, Wendun­gen, Hinlegen usw.geübt", die von Strafgefange­nen, also Verbrechern, die man den Sälen als Kommandeure vorgesetzt hatte, kommandiert wur­

den. Um 10 Uhr wurde Essen ausgegeben. Je Mei Mann erhielten eine flache Emailleschussel voll hei- ßem Wasser mit Kleie. Nach dem Essen wurden die Exerzitien wieder ausgenommen bis zur zweiten Essenausgabe" um 5 Uhr nachmittags. Zwischen 5 und 6 Uhr wurden die Gefangenen zur Latrine und in die Säle gesagt.

Außer diesen täglichen Quälereien gab es noch den ,Larzer". Dunkle Einzelhaft in einem ab­seits stehenden fensterlosen Haus«. Von den Unglück- liehen, die dies« Einzelhaft erhielten, hat keiner mehr das Lager lebend verlassen können. Man band dort dem Betreffenden, der sich niederhocken mußte, Arme und Beine zusammen, daß die Ellenbogen- winkel gegenüber den Kniewinkeln lagen und sie das Lager einer Holzachse bildeten. Außerdem wurde der Mund fest zugebunden. Dann hängte man das Opfer auf ein höheres Gestell. Durch das Schwergewicht kippte der Oberkörper nach unten. Jetzt goß man dem Gequälten solange Wasser in die Nase, bis er ohnmächtig wurde. Durch weitere Wassergüsse aus Eimern brachte man ihn wieder zur Besinnung. Diese Prozedur wurde vier- bis fünfmal wiederholt.

Eine ander« Tortur bildete die Behandlung mit elektrischem Strom. Man setzte den einen Pol am Kinn und den anderen am Kovf an bzw. an den Augen, Ohren oder an der Nase. Durch Verstärken und Wiedernachlassen des Stro­mes und di« daraus entstehenden Zuckungen der Kinnladen sollte sich das Opfer die Zunße ab- beißen. Dm Lager Beresa Kartuska sind in Sep­tember von den sadistischen Aufsichtsbeamten allein 18 Menschen auf diese Art gemartert, und wenn sie danach noch lebten, zu Tode geprügelt, erwürgt oder erhängt worden.

Der Kampf um die Lebensmittelkarte in Frankreich.

auf Irland, Palästina, Indien, Südafrika. Und nun verstehen wir plötzlich auch, warum Cham­berlain, Churchill und ihre Gesinnungsgenossen sich so sehr für die Polen einsetzen. Der Freibrief Eng­lands hat Polen damals Nicht nur in den Krieg ge­hetzt, sondern es hat auch zu den furchtbaren Greuel- taten veranlaßt. Mit dem verlorenen polnischen An­sehen möchten die Briten jetzt auch chr eigenes ret­ten. Wir aber sehen hier wie dort nur die selbe Lust am Quälen und Morden, wir erkennen unter den gleichen Kappen die gleichen Brüder, die gleichen Mordgesellen. Wahrlich, sie sind einander wert.

H. Ev.

Oer Mißerfolg der Besprechungen mik Gandhi.

Bestürzung in London.

Amsterdam, 7. Febr. (Europapreß.) Der voll- stänbige Mißerfolg der Besprechungen zwischen Gandhi und dem Dizekömg hat in englischen Re­gierungskreisen große Enttäuschung, ja beinahe Be­stürzung hervorgerufen. Obwohl kaum jemand an eine schnelle Lösung der Schwierig ketten geglaubt hatte, war doch vielfach die Hoffnung gehegt wor- den, daß dies« Besprechungen den Auftakt zu einer allmählichen Annäherung der beiden Standpunkte bilden würden. Gandhi hat jetzt aber in seinen Kom­mentaren zum amtlichen Kommunique keinen Zwei­fel daran gelassen, daß trotz aller schönen Redens­arten tatsächlich überhaupt nichts erreicht worden ist.

Die Kongrehpartei ist von ihren Forderungen auch nicht eine Handbreit abgegangen, und diese Forderungen lauten auf vollständige Unab­hängigkeit von England und dem Empire. Das indische Volk will später selbst bestimmen, welches seine Beziehungen zu England fein sollen. Die Engländer wollen demgegenüber Höch st «ns den Dominion st atus gewähren, und auch diesen erst, nachdem es zu einer innerindischen Einigung gekommen sein wird. Sie berufen sich dabei auf die, Meinungsverschiedenheiten zwischen der Konareßpartei einerseits, den Moslems und den irischen Fürsten andererseits, die nicht die indische Unabhängigkeit, sondern lediglich den Domini onstatus fordern und sich sogar bereiterklärt haben, für die Dauer des Krieges auch dies« For­derung aufschieben zu wollen.

3n der britischen Todeszone.

Amsterdam, 8. Febr. (DNB.) Reuter berichtet, daß der Passagier- und FrachtdampferMun­ster" (4305 Brt.) gesunken ist. Sämtliche Passagiere und di« Bemannung befinden sich in Sicherheit. Die Munster", das größte Kanal-Motor- schiff der Welt, war das Führerschift für den Passagierverkehr über die Irische See. Es wurde 1937 in Dienst gestellt und konnte 425 Passagiere 1. Klasse aufnehmen. Das Schift sank nach einer Ex­plosion. Das britische TankschiffBritish Councillor" (704 Brt.) lief m der Nordsee auf eine Mine auf. Die 47köpfig« Besatzung ist an Land gebracht worden. Der estnische Fracht­dampferA n u" (1421 Brt.) stieß an der enAischen Ostküste auf eine Mine. Von der aus 19 Mann be­stehenden Besatzung fanden drei den Tod. Drei weitere, darunter der Kapitän und seine Frau, wer­den vermißt. Unter den Ueberlebenden befinden sich zwei Frauen. Das 400 Brt. große hollärttnsche SchiftFlore s" ist in der Näh« der englischen Ostküsteauf eine Sandbank gelaufen". Das Schiff hatte eine Ladung Alteisen an Bord und befand sich auf der Fahrt von Rotterdam nach Swansea in Südwales.

Auf keinen Fall in den ersten Linien.-

G e n f, 8. Febr. (DNB. Funkspruch.) In der fran- zösischen Bevölkerung herrscht große Empöruna über folgende Meldung der Pariser Presse aus Lon- d o n: ,Ln Kürze werden sich 35- bis 50jährige Männer nach Frankreich begeben, um die Ver­kehrswege, Munitionslager usw. zu bewachen. Auf diese Weise werden sie jüngere Männer ersetzen, die in die vorderen Linien der Front geschickt werden können. Vier Fünftel dieser Engländer sind ehemalige Kriegsteilnehmer. Au keinen Fall werden sie in den er st en Linien Dien st tu n." Jeder Kommentar zu dieser Meldung wäre eigentlich überflüssig, aber die Empörung der französischen Mütter über dieseher­vorragende Kriegstätigkeit" der englischen Bundes- genossen aus französischem Boden kann man leicht

verstehen, wenn man berücksichtigt, daß alle Fran­zosen im Alter von 20 bis 50 Jahren, darunter ebenfalls viele Kriegsteilnehmer, an der Front tehen.

Haussuchung in der pariser Sowsethandelsvertrelung.

Moskau, 8, Febr. <DNB) Sie laß berichtet von einer allen internationalen Gebräuchen wider- prechenden Haussuchung, der die Handelsvertretung ter Sowjetunion in Paris von der französischen Polizei unterzogen wurde. Diese Aktton dürfte um so schwerwiegender zu beurteilen fein, als die lei­tenden Beamten der sowjetrussischen Handelsvertre- tungen im Ausland dieselbe Stellung ge­nießen, wie die Beamten der diplomatischen Mis­sionen. Der Botschafter der Sowjetunion in Paris, S u r i tz , enftandte zwei Beamte der Boftchaft nach der Handelsvertretung mit der Forderung, das Gebäude sofort frei zugeben und die kon­fiszierten Dokumente zurückzuerstatten. Da die Polizei diese Forderung ablehnte, erhob Bot­schafter Suritz bei der französischen Regierung Protest gegen die Aktion der Polizeibehörden, wobei er auf Einstellung der Haussuchung und Rück- gäbe aller dabei konfiszierten Dokumente bestand.

Vom finnisch-russischen Kriegsschauplatz

Helsinki, 7. Febr. (DNB.) Der finniscke Heeresbericht vom 6. Februar berichtet von hef­tigen russischen Angriffen auf der karelischen Landenge zwischen Hajolahden- järvi und Summa. Der Angriff erfolgte nach Arttl- lerievorbereitung und wurde durch über 100 Tanks unterstützt. Bis Mitternacht sollen di« Angriffe an allen Stellen unter schweren Verlusten für die Ritt­en abgewiesen worden sein. Weitere Angriffe nordostwärts des Ladogasees, die auf die Schären und di« Küste von Pitkärcmta gerichtet waren, tonnten ebenfalls aufgehalten werden. An anderen Frontabschnitten erfolgten in Richtung Lieksa und Kuhmo sowie im Norden auf Salla und Märkä- ärvi schwächere russische Angriffe, die zurückgeschlagen worden seien. Die finnischen Städte Kajaani und Kaskinen waren russischen Luftangriffen ausaesetzt. Russische Fallschirmjäger sollen in Nordfinnland abgesprungen fein.

Amerikanische Flottenmanöver im Stillen Ozean.

Washington, 7. Febr. (DNB.) Die Motzen amerikanischen Flottenmanöver werden im Stillen Ozean in der ersten Aprilwoche beginnen und zwei Monate dauern. 130 Kriegsschiffe und 350 Flug­zeuge sollen teilnehmen. Bei dem Manöver sollen die in den gegenwärtigen Kampfhandlungen zwi- schen Deutschland und England zur See und Luft angewandte Takttk und gewonnenen Erfahrungen besonders berücksichtigt werden. Ein Hauptmanöver - Problem ist wieder di« Erprobung der Stärke des angenommenen Verteidigungsdreiecks AlaskaHawaiPanama, wobei diesmal in noch größerem Umfange als bisher die Lang­streckenbomber eingesetzt werden sollen. Die Verteidigungsflotte soll unter dem Oberbefehl von Admiral S n y d e r, die angreifende Flotte, die be­reits zum großen Teil bei Hawai zusammengezogen ist, unter dem Oberbefehl von Vizeadmiral An­drews stehen.

Der Wehrmachtsbericht vom Mittwoch

Berlin,?. Februar. (DNB.) Das OKW. gibt be­kannt: Seine besonderen Ereignisse.

Aufstellung eines Forstschuhkommandos.

Der Reichsarbeitsminister hat für besondere for st technische Arbeiten und Zwecke des Forstschutzes ein Forstschutzkommando gebildet, das sich je nach der Dienststellung aus For st beam­te n und Waldarbeitern retrutiert. Der erste Einsatz dieses Forstschutzkommandos wird i n d e n besetzten O st gebieten stattfinden, wo es gilt, die Bevölkerung mit einer normalen Waldarbeit und einem geordneten Forsftchutz bekannt zu machen. Mit der Waldarbett vertraute Personen können sich beim nächsten staatlichen Forstamt über alle Einzelheiten dieses freiwilligen Dienstes im Forstschutzkommando unterrichten.

Frankreich steht vor der 'Entscheidung, ob es L e - bensmittelkarten einführen soll. Die Ka­pitolswächter des altenLiberalismus", wie der Temps" und auch derMattn" toben gewaltig gegen diesen Anschlag auf diefreie Wirtschaft". Es ist aber soziologisch ganz interessant, daß die For- derung nach Lebensmittelkarten sowohl von den Blättern erhoben wird, die in den breiten Massen ihre Leserschaft haben, wie auch von rechtsstehenden Zeitungen, Die sich eng an den französischen General­stab anlehnen.

Für uns hat dieserPrinzipienstreit" den Bei- geschmack einer leicht verstaubten Komik. Aber es ist doch sehr bezeichnend für die Stärke des pluto- kratisch-libevalisttschen Wirtschaftssystems in Frank­reich, daß diese Probleme mit so kolossalem Eifer gewälzt werden. Ueber den besonderen Verhältnissen des englischen Großkapitals ist niemals $u vergessen, daß jene freie Wirtschaft, die dem Einzelmteresse den Vorrang vor dem Gesamtinteresse zubilligt, noch ganz stark in Frankreich verwurzelt ftt. Wir schwärmen nicht für eine bürokratisierte Wirtschaft, aber das deutsche Wirtschaftssystem, das dem Lei­stungswillen und der Leistungskraft grurchsätzlich freien Spielraum läßt, spannt doch dielen Leistungs. willen und dies« Leistungskraft in das staatlich­soziale Gesamttnteresse ein. Von diesem Zustand ist Frankreich noch weit entfernt und eben darum ftrei­ten sich die französischen Zeitungen so hesttg über triefe Prinzipienftage.

Der unmittelbare Anlaß dieser heftigen Aus­einandersetzungen sind die Preis st eigerun- ge n. Ochsen fleisch ist um 100, Butter um 50, Speiseöl um 65 und der für Frankreich so wichtige Dischwein um 40 v. H. seit Anfang September ge­stiegen. Das ist schon etwas happig, besonders da die Unterstützungssätze für die Frauen und Kinder der eingezogenen Soldaten unglaublich niedrig sind und von einer Bedürftigkeitsprüfung abhängig ge­macht werden.

Zu diesen enormen Preissteigerungen mögen die Ruckwirkungen der Kälte beigetragen

haben, die Frankreich, das durchaus an ein mAdes Winterklima gewöhnt ist, noch sehr viel härter all uns getroffen hat. Es wurde auch in diesem Sinne berietet, daß die Beschickung der Pariser Markt­hallen erheblich zurückgegangen ist. Entscheidend für di« Teuerungswelle war aber sicherlich der ganz ge­mein« Eigennutz, der die Menschen eben zum Geld-machen" antreibt, wenn Vater Staat nicht verteufelt genau aufpaßt. So ist in Frankreich eine Teuerung und Knappheit an Leben snttt- Mn entstanden, obwohl noch vor einem Jahr die Landwirtschaft Stein und Bein Nagte, daß sie für Weizen, Wein, Butter, Del, Fleisch und Gemüse nicht nur schlechte Preis«, sondern überhaupt keinen Absatz habe. Es wurde schon damals in der französischen Presse viel gerügt, daß die Preis­spanne zwischen dem Erlös des Landwirts und dem vom Kunden geforderten Kleinhandelspreis enorm groß ist. Diese Verhältnisse dürften sich kaum geändert haben, und eben daraus erklärt sich, daß die Einführung der Lebensmittelkarte auf so star­ken Widerstand stößt. Denn in dem Augenblick, wo die nationale Erzeugung an Lebensmitteln zu be­stimmten Mengen und Preisen für die Gesamtbe­völkerung aufgeteilt wird, wird selbstverständlich auch das leidige Problem überhöhter Preisspannen unmittelbar attuell.

Aus aller Meli.

Cin neues Südpol-Gebirge.

Admiral Byrd, der sich auf einer neuen Süd­polfahrt befindet, hat dem amerikanischen Marine- Ministerium mitgeteilt, daß er bereits wertvolle Er­gebnisse erzielt habe. Bei seinem ersten Erkundungs- flug 450 Kilometer an der Küstenlinie nordöstlich von der Walftschbuch entlang hat er zwei Fels- gipsel entdeckt, von denen man bisher feine Kunde hatte. Das neue Bergmassiv wird nun von den Technikern unb Gelehrten der Expedition ge­nauer untersucht werden. Nach diesem ersten Be-

Roman von Frank F. Braun

Copyright by Deutscher Verlag, Berlin

9. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Das wären die schönsten Stunden des Tages, fand Ludwig Carlottt; es waren im Grunde di« Stun­den, für die er lebte.

Julia ... Jwanka ... Frauen, lebendig, unfertig mit halben Gesichtern: liebe Menschen sicherlich, aber nichts, das man lieben konnte, wenn man die Madonna des Baroccio ansah ober die kleine Lack­skulptur der Gottheit Kwannon, die in Kyoto ein Unbekannter schnitzte und mit seinem Herzblut malte und die nicht mehr menschliche, sondern wirklich schon göttliche Schönheit aufwies. Nein, es gab nichts, dem zu vergleichen. Die Stunden waren ein­gehüllt in Glück

Indes hatten sich Zibilla und fein Kunde Der- abredungsgemäß getroffen.

Während der Perser mit langen, federnden Schritten, gleichsam tierhaft graziös, ausschritt, mußte Zibilla jedesmal zwei kleine, hopsende Schritte machen, um neben ihm zu bleiben.

Sie bogen in die Nettelmannstraße ein. Dor einem großen grauen Haus, das sich kaum von den Nachbargebäuden unterschied, blieb er stehen. »Hier ist es."

Aber es ist alles zu", sagte der Perser und starrte auf die heruntergelassenen Rolljalousien. Er klopfte mit dem Nagel eines Fingers dagegen. Ersen", stellte er feft.

Natürlich. Hier kommen Sie nicht herein. Sie sehen, wie gut es ist, daß Sie mich haben."

Er wandte sich nach links, durchschritt einen Tor­weg und gelangte mit seinem Begleiter auf den Hof.

Eine Laterne brannte, aber ihr gelblicher Schein reichte nicht weit. Aus etlichen Fenstern fiel Licht. Ein Mädcyen fang in der Küche bet offenem Fen­

ster bas unsterbliche Lied von dem verlassenen rot­blonden Mariechen, deren Kind im Grase schlum­mert. Aus dem ersten Stock, es war bei Frau Hen- riette Carlotti, ertönte über Radio Orchestermusik, nicht sehr laut, aber man erkannte mühelos den Pilgerchor. Aber dann mußte der Apparat eine Störung erfahren haben. Die Musik wurde schnar­rend, es pfiff noch einmal grell und dann ver­stummte der Apparat mit einem knallenden Ge­räusch gänzlich.

Auf dem Holzzaun, der bas Nachbargrunbstück abteilte, saß eine große weiße Katze und beobachtete mit grünschillernden Augen bie beiben Männer, ob sie vielleicht die Deckel der Müllkasten öffnen wür­den. Jemand hatte Fischabfälle hineingetan und der Katze Witterung gegeben.

Zibilla trat an das Fenster im Erdgeschoß des Vorderhauses. Es war von innen verhängt, ließ aber einen schwachen Lichtschimmer erkennen. Er klopfte an di« Scheibe. Zweimal kurz, einmal lang. Es war bas aber fein verabredetes Zeichen, sondern Zibilla wollte sich wichtig machen. Das gelang ihm vor dem Begleiter auch zum guten Teil. Der Perser riß die Augen auf. Er kam sich vor, als nehm« er an einer Verschwörung teil Würde auch ein Lo­sungswort gefordert werden?

Carlotti hatte bas Klopfen gehört. Er gab es auf, Asmus Nüsse zu knacken, traute bem Vogel zum letztenmal den Schopf und ging dann, um bie Hof­tür seines Labens zu öffnen.

Der Perser war in ben Schatten zurückgetreten. Zibilla grüßte devot.Entschuldigen Sie die späte Störung, Herr Carlotti, aber mein Kunde drängte mich."

Kommen Sie nur herein, ich wußte ja, daß Sie es sein würden. Sie stören nicht."

Die Tür schloß sich wieder.Nehmen Sie Platz, Herr Zibilla", Carlvttt setzte sich selber wieder hinter seinen Schreibtisch. Der Raum war durch eine Por­tiere gegen ben eigentlichen Laden abgeteilt. An der Wand stand ein alter, schwerer Geldschrank. Daneben auf seiner Stange saß Asmus. Er begrüßte den Besucher mit gesträubten Federn, stieß ein Gurgeln aus und schwieg wieder.

Nehmen Sie eine Zigarette? Bitte, bedienen Sie sich. Und dann schütten Sie Ihr Herz aus." Carlotti war freundlicher, als es sonst seine Art war. Er

I reichte selber bas brennend« Streichholz über den

Disch. Dafür blies ihm Zibilla den Rauch ins Gesicht, daß er sich durch Handfächeln Lust schaffen mußte.

Es ist wegen der Buddhafigur", hob Zibilla an. Dieser indische Buddha in dem Schnitzkästchen, das ich Ihnen gestern verkaufte, scheint ein Familien­heiligtum zu sein. Der Mann, der es mir brachte, möchte es zurückhaben. Er bietet ..."

Carlotti unterbrach ihn.Der Preis interessiert mich nicht, Zibilla", sagte er.Ich möchte den Kasten mit der Figur nicht verkaufen. Jedenfalls vorläufig nicht. Ich sagte Ihnen bas schon. Haben Sie sich des­halb den Weg gemacht?"

Eigentlich nur deswegen", bekannte der Händler ehrlich.

Carlotti sah ihn aufmerksam prüfend cm.Sagen Sie mir doch lieber bie Wahrheit, Zibilla", forderte er,was ist mit dem Kasten oder der Figur los?"

,^ch weiß es selber nicht. Der Mann, ein Perser, bedrohte uns mit Mord und Totschlag, wenn wir ihm ben Kasten mit der Figur nicht zurückgeben." Er übertrieb maßlos; vielleicht half das? Dann fügte er noch lockend hinzu:Er will ihn übrigens um jeden Preis kaufen."

Carlottt schüttelte ben Kopf.Wenn mir jemand droht, nein! Dann erst recht nicht!" Er sah hin­über zur Wand; da stand auf einem Bord neben japanischen Lackkästchen auch der geschnitzte Behälter des Buddha.Sie haben ihn doch aufgefrischt, Zi­billa, ich konnte das deutlich feststellen. Sie haben ihn also lang« genug in Händen Qefyabt. Fiel Ihnen nichts daran auf?"

Gar nichts. Ich war, offen gesagt, froh, daß Sie ihn kauften." Er grinste. Carlottt beachtete ihn nicht. Er sann nach.Nein", entschied er sich,ich bin über­zeugt, der Mann ist nicht übervorteilt worden. Sie haben ihm, schätze ich, fünfzig Mark gegeben", er nahm das überraschte Kopfnicken wahr,mehr ist der Buddha kaum wert. Aber wenn dieser Perser ein armer Schlucker ist, geben Sie ihm auf meine Rechnung noch einmal zwanzig Mark, damit er zu­frieden ist."

Ich will es versuchen", sagte Zibilla,aber ich habe so das Gefühl, das ist es nicht. Der Mann ist nicht arm. Er bietet selber schon mehr, als er be­kommen hat."

Carlottt zuckte unwirsch die Achseln.Ja, bann kann ich ihm nicht helfen." Er manbte sich ab. Zi- j billa machte einen letzten Versuch. Carlottt war ein

guter Abnehmer, keineswegs wollte er ihn ver­ärgern. Was ging ihn diese verrückte Geschichte über­haupt an! Ein Geschäft war nicht zu machen, wenn Carlottt den Kasten behielt. Also blieb auf ihm nur die Unannehmlichkeit sitzen, den Perser irgendwie beruhigen zu müssen. Das gedachte er Carlotti auf­zuhängen. Er sagte behutsam:

Herr Carlotti, der Perser steht im Hof und war­tet. Er wird mir nicht glauben, daß ich Sie in sei­ner Sache gefragt habe. Er nimmt, glaube ich, von uns an, wir arbeiteten Hand in Hand, um ihn zu betrügen. Könnten Sie nicht einmal ein paar pas­send« Worte mit ihm reden? Er steht wie gesagt auf dem Hof und wartet. Kann ich ihn Ihnen einmal hereinschicken? Sie haben doch keine Angst, Herr Carlottt?"

Also gut", sagte Carlottt,lassen Sie ihn herein- kommen. Ich werde ihm kurz sagen, daß ich mit ihm überhaupt nichts zu tun habe, fonbern ben Buddha von Ihnen erwarb."

Jawohl", dienerte Zibilla,das sagen Sie ihm nur. Und nichts für ungut, Herr Carlottt. Ich wünsche eine gute Nacht."

Ach, Sie kommen nicht noch einmal mit herein? Nun schön. Also gute Nacht, Herr Zibilla."

Er gab ihm die Hand. Dann machte er seine Tür hinter dem Hinausgehenden erst noch einmal zu, öffnete rafch die Schreibtischschublade und zog den Revolver heraus, der da zur Vorsicht schon immer geloben bereit lag. Er legt« ihn unauffällig hinter ein Buch und beckte ein paar Schriftstücke darüber. Dann wartet« er auf ben Perser, ben An- tek Zibilla schicken wollte. Er war seiner Meinung nach für alle Fälle gerüstet und sogar für die etwas unwahrscheinliche Möglichkeit, baß der Mann rabiat werden könnte.

Er wartete. Er wußte nicht, ob er lange so saß. Er war nicht sonderlich gespannt, eher ärgerlich.

Unerwartet öffnete sich nach einer Weile die Tür. Vielleicht hatte Carlottt ein kurzes Anklopfen über­hört. Ein Mann trat ein, den er nicht konnte. War bas der Perser? Der Mann schloß bi« Tür hinter sich. Er machte jedoch sodann, Carlottis leichtes Erschrecken bemerkend, eine begütigende Handbe­wegung und sagte:Entschuldigen Sie. daß ich bei Ihnen eindringe, aber ich sah Licht in Ihrem Zim­mer ober was das hier ist und ich habe dringend mtt Ihnen zu sprechen? (Fortsetzung folgt)