Ausgabe 
8.1.1940
 
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- Das neue Mietsrecht.

Die seit Kriegsausbruch geltenden mietrechtlichen Bestimmungen sind noch nicht so allgemein bekannt, wie das bei der Bedeutung der Sache erwünscht ist. Es ist deshalb angebracht, sie nod) einmal dar­zulegen. Die Neuregelung ist so einschneidend, daß jetzt jedes Mietverhältnis dem freien Willen der Parteien entzogen ist. Die neuen Bestimmungen kommen im wesentlichen dem Mieter zugute. Sie sind in der dritten Verordnung zur Ausführung der Verordnung über Kündigungsschutz für Miet- und Pachträume vom 5. September 1939 enthalten. Danach ist die jetzige Rechtslage folgende:

Der Mieterschutz gilt jetzt nicht nur für ge­mietete Räume mit einer bestimmten Höchstmiete, sondern für alle Mieträume, ganz gleich, wie hoch die Miete ist und ob es sich um Wohnun­gen oder Geschäftsräume handelt. Das gilt auch für Mieträume in Neubauten. Daher kann der Ver­mieter grundsätzlich überhaupt nicht kündigen, son­dern nur unter bestimmten Voraussetzungen auf Aufhebung des Mietsverhältnisses klagen. Voraus­setzungen für die Aufhebungsklage sind:

1. Der Mieter ist mit der Zahlung des Mietzinses im Rückstände, oder

2. der Mieter oder eine Person, die zu seinem Hausstande oder Geschäftsbetriebe gehört, macht sich einer erheblichen Belästigung des Vermieters oder eines Hausbewohners schuldig oder gefährdet den Mietraum durch unange­messenen Gebrauch oder Vernachlässigung, oder

3. der Vermieter hat ein dringendes Interesse an der Erlangung der Mieträume.

Werden die Mieträume für kriegswichtige Zwecke benötigt, so genügt zum Nachweis des überwiegen­den Interesses des Vermieters eine Bescheinigung der zuständigen Behörde. Auf Antrag des Ver­mieters kann das Mietverhältnis dann mit sofortiger Wirkuna aufgehoben werden.

In allen Fällen zu 3 kann das Gericht auf An­trag des Mieters den Vermieter verpflichten, dem Mieter die für den Umzug innerhalb des Gemeinde­bezirkes erforderlichen Kosten ganz oder teilweise zu ersetzen. Wird ein Mietverhältnis über Geschäfts­räume lediglich aus dringendem Interesse des Ver­mieters aufgehoben, so kann das Gericht auf An­trag des Mieters den Vermieter außerdem noch zur Leistung einer angemessenen Entschädigung für die sonstigen wirtschaftlichen Nachteile verpflichten, die der Mieter durch den Verlust der Räume hat. Bis­her konnte der Hauswirt ferner auch noch auf Auf­hebung des Mietverhältnisses klagen, wenn ihm das Grundstück seit mindestens 3 Jahren gehörte und er darin keine selbständige Wohnung hatte. Dieser Aufhebungsgrund ist jetzt beseitigt. Der Mieterschutz tritt auch dann ein, wenn bei bisher zwangsfreien Mieträumen die Kündigung bereits vor dem In­krafttreten der neuen Verordnung, aber für einen nach dem 31. August 1939 liegenden Zeitpunkt aus­gesprochen war. Das gilt nur dann nicht, wenn die Räumung bereits erfolgt ist.

Da der Mieterschutz, wie das Wort schon sagt, zum Schutz des Mieters gegeben ist, so gelten alle diese Beschränkungen nur für die Aufhebung des Mietverhältnisses durch den Vermieter. Der Mieter kann auch heute noch ohne besonderen Grund und ohne Klage das Mietverhältnis unter Einhaltung der Kündigungsfristen kündigen, und zwar bei Mieträumen mit vierteljähriger Kündi­gungsfrist z. B. s-eit dem Gesetz vom 24. März 1939 zu jedem Monatsersten.

Der Mieterschutz kommt auch nicht demmö­blierten" Untermieter zugute, d. h. dem Untermieter, der die Möbel des Mieters, also seines Vermieters benutzt. Hat jedoch der Untermieter die Räume ganz oder mit eigenen Einrich- tungsgegenständen ausgestattet, oder führt er in den Mieträumen mit seiner Familie eine selbständige Wirtschaft oder Haushaltung, so steht er nach der neuen Verordnung wieder unter Mieterschutz. Kündbar ist daher nur der sog. möblierte Herr" oder diemöblierte Dame". Neu ist auch die Bestimmung, daß der Vermieter die erforderliche Erlaubnis zur Untervermietung nur

Von Amisgerlchisrat Or. Bergmann.

aus einem wichtigen Grund verweigern kann. Auf Antrag des Mieters kann das Mieteinigungsamt die Erlaubnis ersetzen.

Nicht unter Mieterschutz fallen auch weiterhin die nur für besondere Zwecke zum vorüber­gehenden Gebrauch vermietäen Räume und eMich die Mieträurne in einem Gebäude, das im Eigentum oder in der Verwaltung des Reichs oder eines Landes, einer öffentlichen Körperschaft, Stif­tung und dergleichen steht und öffentlichen Zwecken oder zur Unterbringung von Angehörigen der Ver­waltung bestimmt ist .

Beim Tode des Mieters tritt sein Ehegatte oder ein volljähriger Verwandter bis zum zweiten Grade (z. B. Eltern, Kinder, Großeltern, Geschwi­ster), die bei dem Tode des Mieters zu dessen Hausstand gehörten, ohne weiteres in die Rechte und Pflichten des Mieters ein. Der Eintritt gilt nur für solche Angehörige als nicht erfolgt, die binnen einer Woche nach Kenntnis von dem Tode des Mieters dem Vermieter gegenüber erklären, daß sie das Mietverhältnis nicht fortsetzen wollen. Jeder Erbe des Mieters kann aber auch das Mietverhält-

Aus der eng

Einlagen der Aaiffeisenkassen seit 1933 fast verdoppelt.

NSG. Bei den ländlichen Genoffenschaftskassen in unserem Gau ist die Entwicklung gleichlaufend gewesen. Ende 1933 betrugen die Gesamteinlagen bei den ländlichen Spar- und Darlehenskassen im Gaugebiet 95 403 000 RM, Ende 1937 waren die Einlagen auf 142 477 000 RM., Ende 1938 auf 162 300 000 RM. gestiegen, um Ende 1939 aus 174 807 000 RM. anzuwachsen. Am Kriegsspartag wurden bei den Raiffeisenkassen 35 350 Ein^ahlun- gen angenommen, das sind rund 10 v. H. mehr als am Deutschen Spartag im Vorjahr. Gleichfalls fan­den am Kriegsspartag 1750 neue Sparer den Weg zu den ländlichen Genossenschaften.

Oer Licher Haushaltsvoranschlag.

J) Lich, 6. Jan. In einer Ratsherren­sitzung unter dem Vorsitz von Bürgermeister Geil stand die Beratung des Voranschlages für das Rechnungsjahr 1939/40 auf der Tagesord­nung. Der Voranschlag schließt in Einnahmen und Ausgaben mit 536 751,64 RM. ab, von denen 502 516,03 RM. auf den Betrieb und 34 235,61 RM. auf dos Vermögen entfallen. Der Voranschlag für das städtische Wasserwerk schließt mit 28 453,30 RM. ab, wobei seitens der Stadt ein größerer Betrag aufgubringen ist.

Mit dem Rodelschlitten gegen ein Auto.

Drei verletzte.

Lpd. Niddo, 7. Ian. Beim Rodeln inmitten des Nachbardorfes Kohden fuhr ein mit drei jungen Leuten besetzter Rodelschlitten, der eine steil abfallercke Rodelbahn herunterkam und in scharfem Tempo die Hauptstraße überqueren wollte, g e - gen ein gerade vorüber fahr en des Auto. Bei dem Zusammenprall wurden die drei jungen Leute, zwei Burschen und ein Mäd­chen, so schwer verletzt, daß sie nach Schotten in das Krankenhaus eingeliefert werden mußten. Ein mit dem verunglückten Schlitten zusommengebunde- ner zweiter Schlitten mit ebenfalls drei Insassen kam gerade noch an dem Kraftwagen vorbei.

postomnibus

im Gchuhhaus-Schaufenster.

Lpd. Wetzlar, 7. Ian. Um einen in der abend­lichen Dunkelheit unvermutet auf der Fahrbahn austauchenden unbeleuchteten Handkar­ren mit seinem Lenker nicht zu überfahren, bremste der Fahrer eines Postomnibusses den schwe-

nis zu dem ersten zulässigen Termin unter Einhal­tung der gesetzlichen Kündigungsfrist kündigen. Im Gegensatz zu dem bisherigen Recht ist dieses Kün­digungsrecht für den Vermieter fortgefallen. Haben Ehegatten gemeinschaftlich gemietet und sttrbt einer von ihnen, so ist der andere berechtigt, das Miet- Verhältnis zu kündigen. Auf eine abweichende Ver­einbarung kann sich der Vermieter nicht berufen. Nach altem Recht konnte der Vertrag im Falte des Todes des einen von zwei Mietern nicht ge­kündigt werden. Der Tod des Vermieters hat gar keinen Einfluß auf das Mietverhältnis. Die Erben des Vermieters treten in den Mietvertrag ein.

Man sieht also, das neue Recht erschwert das Kündigungsrecht des Vermieters ganz erheblich, er­leichtert aber anderseits das Kündigungsrecht des Meters. Die geschilderten Vorschriften gelten ent­sprechend für Pachtverhältnisse und Unterpachtver­hältnisse. Nur treten im Falle des Todes des Päch­ters oder Unterpächters nicht nur zum Haus stände gehörige Angehörige, sondern alte seine Erben in den Pachtvertrag ein.

eren Heimat.

ren Wagen im letzten Augenblick vor dem Zusam­menstoß so scharf, daß der' Omnibus von der Fahr­bahn auf den Bürgersteig und in die Schau­fensterauslagen eines Schuhhauses hinein- rannte. Dabei gab es in den Schaufensterauslagen allerleiKleinholz". Der unvorsichtige Lenker des Handkarrens aber kam zu seinem Glück mit dem Schrecken davon.

Landkreis Gießen.

5 Steinb ach, 6.Ian. Der auch in Gießen von vielen gekannte ehemalige Milchhändler und Land­wirt Peter Hahn konnte heute in guter Gesund­heit feinen 7 2. Geburtstag feiern. Unsere herz­lichen Glückwünsche.

Kreis Friedberg.

* Friedberg, 6. Ian. Den Tierärzten Dr. A. Mörler in Butzbach und E. S ch u d t in A s s e n h e i m wurde heute das ihnen vom Führer verliehene silberne Treudienst-Ehren» zeichen durch Reg.-Oberveterinärrat Dr. Stein überreicht.

Kreis Büdingen.

g. Schotten, 6. Jan. Hier wurde der in Turner, und Sängerkreisen weithin bekannte Gastwirt der Krone", Karl Zeschky, unter großer Anteilnahme der Bevölkerung zu Grabe getragen. Der Verstor­bene hatte sich durch sein unermüdliches Wirken um die Bestrebungen des Turn- und Gesangvereins, um den Anbau der Turnhalle, Errichtung des Iahn- denkmals große Verdienste erworben. Der Männer­chor fang an seinem Grabe. Dekan Widmann hielt die Grabrede, die die Verdienste des Heimgegange­nen würdigte. Auch im Ortsgewerbeverein, besonders auch in der Technischen Nothilfe, war der Verstor­bene sehr tätig. Seine kerndeutsche Gesinnung, sein offenes, humorvolles Wesen sichern ihm ein bleiben­des Gedenken in der Stadt. Viele Kränze vom Turn- und Gesangverein, vom Sängerbund Niddatal, vom Gesangverein Nidda, von der Technischen Nothilfe, dem Gastwirteverband wurden unter ehrenden Wor­ten am Grabe ntebergelegt.

Kreis Marburg.

<> Nordeck, 6. Ian. Im hiesigen Walde er­eignete sich beim Holzfällen ein schwerer U n - fall. Der Landwirt Heinrich Vogel von hier, der bei einer Holzfäller-Rotte beschäftigt ist, wurde von einem stürzenden Baum getrof­fen. Er wurde mit erheblichen Beinverletzungen, mutmaßlich Unterschenkelbrüchen, nach Hause ge­bracht und erfuhr erste ärztliche Hilfeleistuna. Der Arzt ordnete sodann seine Ueberführung in die Chirurgische Klinik nach Gießen an.

gehendabgegrast" worden war. Die Singscharen der KdF. von Watzenborn-Steinberg und Leih- gestern unter Leitung von Georg Heß unterstütz­ten das Liebeswerk am gestrigen Sonntag durch öffentliche Singdarbietungen, ebenso hatte der Eis- verein die von ihm betreute Eisfläche mit dem Er­trag des Eintrittsgeldes in den Dienst der guten Sache gestellt.

Die Abzeichen fanden schon am Samstag außer­ordentlich flotten Absatz, so daß am gestrigen Sonn­tag mancher Sammler hinsichtlich der Abzeichen völlig blank" mar, aber trotzdem seine Sammel­tätigkeit mit vorbildlichem Eifer fortsetzte und dabei immer wieder gebefreudige Spender fand.

Alles in allem war wiederum die erfreuliche Fest­stellung zu machen, daß unsere Volksgenossen in Gießen und im Kreise Wetterau auch bei dieser Sammlung erneut ihre schon oft bewährte Opfer­freudigkeit eindrucksvoll unter Beweis stellten und damit der Gausttaßenfammlung in unserer engeren Heimat zu einem guten Erfolg verhalfen.

Helft den Tieren in der Wintersnot!

Für die im Freien lebenden Tiere ist ein strenger Winter besonders schlimm. Unter Hunger und Kälte haben sie viel zu leiden, Tierfreunde, helft ihnen! Nehmt den H u n b in ben kalten Winternächten ins Haus! Macht bie Hunbehütten warm unb zugfrei burch warmes Lager unb burch einen bichten Vor­hang am Eingang! Futter unb Getränke müssen warm gereicht werben. Zugtiere müssen zugebeckt werben, besonbers wenn sie stehen. Nur ein pflicht­vergessener Mensch bringt es fertig, sie jetzt längere Zeit im Freien stehen zu lassen. Bei Dunkelheit müssen Hunbe an der Leine geführt werden zum Schutze von Mensch unb Tier. Hauskatzen läßt man in ber Dunkelheit am besten überhaupt nicht mehr hinaus. Häufig verirren sie sich unb werden bann oft in erbärmlichem Zustanb bei ben Tier- schutzvereinen abgeliefert. Die Vogelfütterung muß jetzt sehr sorgfältig burchgeführt werben, be­sonbers bei Schneefall. Läßt man eine sonst regel­mäßig versehene Futterstelle nur einen halben Tag ohne Futter, so kann bas für viele Vögel ben Tob bebeuten. Aber ja kein Futter verwenben, bas ge­friert! Auch bie Fütterung bes Wilbes ist jetzt notroenbig. Wer ben Tieren in ber Not bei­steht, nützt nicht nur bem ganzen Volke, fonbem be­reitet sich auch selber bie größte unb reinste Freube.

Wieder ein Fünfhunderter.

Am Freitagabend wurde bei einem Losverkäufer der WHW.-Lotterie in Gießen wieder ein Gewinn von 500 RM. gezogen. Das ist der dritte Fünfhun­derter, den die Kriegswinterhilfs-Lotterie in Gießen ausschüttete. Die Zahl der großen Gewinnmöglich­keiten ist damit aber noch nicht erschöpft.

Ilundfunkprogramm

Dienstag, 9. Januar:

6 Uhr: Morgengruß. 6.10: Morgengymnastik. 6.30: Frühkonzert. 7 bis 7.15: Nachrichten. 8: Land­volk, merk' auf! 8.10: Gymnastik. 8.25: Sendepause. 9.15^ Kleine Ratschläge für den Garten. 9.30: Vom Deuffchlandsender: Schulfunk (Oberstufe). Aufbau im Osten I. 10: Frohe Weisen. 11: Musik am Vor­mittag. Ausführung: Das große Orchester des Reichssenders Frankfurt. 11.50: Stadt und Land Hand in Hand. 12: Aus einem Rüstungsbetrieb: Werkskonzert. In Verbindung mit der NS.-Ge­meinschaftÄraft durch Freude". 12.30 bis 12.40: Nachrichten. 13: Mittagskonzert. Das kleine Unter« Haltungskonzert des Reichssenders Wien. 14: Nach­richten. 14.15: Der fröhliche Lautsprecher. 15.45: Bücher für unsere Soldaten. 16: Der Apotheker und der Doktor. Ein lusttges Singspiel. 17: Nachrichten. 17.10: Nachmittagskongert. Es spielt das kleine Orchester des Reichssenders Frankfurt. 18: Ruf ins Land: Berichte des Landesernährungsamtes. 18.25: Musik nach des Tages Arbeit. Dazwischen: 18.30: Aus dem Zeitgeschehen. 19.10: Berichte. 19.45: Poli­tische Zeitungsschau. 20: Nachrichten. 20.15: Heber- tragung vom Deutschlandsender. Dazwischen: 22 bis 22.15: Nachrichten. 24 bis 0.15: Nachrichten.

Sprechstunden der ft ton.

11.30 bis 12 30 Uhr, 16 bis 17 Uhr Samstagnach- mittags geschloffen.

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CARL DUNCKER VERLAG BERLIN W 35

16 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)

Eine Nacht, ein Dag und abermals eine Nacht vergehen, bis derColumbus" sein erstes Ziel, Schottland, erreicht. Die meisten Passagiere ver­schlafen die Einfahrt in den Hafen von Leith, weil es noch früh am Morgen ist. Aber einige erleben sie doch, und sie sehen, wie sich Meer und Himmel zu färben beginnen. Die Sonne geht über Schott­land auf. Es glüht und sprüht, Wolken und Wasser scheinen eins zu sein. Doch das Land zwischen ihnen liegt noch tot und welk, inmitten ber auf blüh end en Farbenpracht, Hügel und Berge gleichen versteiner­ten, geduckten Riesentteren. Nichts ist zu sehen von Wäldern, nicht ein Schimmer von grünen Wiesen und Feldern. Das Schiff liegt auf der Reede von South Queens Ferry.

Anne Wegner hat von der Einfahrt nichts ge­merkt, sie schläft ihren gesunden Kinderschlaf und wird erst wach, als alle Gänge des Schiffes von schmetternden Trompetenklängen erfüllt sind, ja, als das große Wecken der Passagiere anhebt.Freut euch des Lebens!" Trompete unb Bandoneon rufen diesen Befehl in jede Kabine, und alle Passagiere kommen ihm nach. Sie fliegen aus dem Morgen­schlaf hoch und fahren in ihre Kleider. Hoho, bas Schiff ist trotz der ftühen Stunde voll fieben von oben bis unten.

Auch Anne ist aus ihrem festen Schlaf gefahren, doch geht sie nicht gleich ans Waschbecken, nein, Anne kniet auf ihrem Bett unb sieht auch so bas fremde Land vor sich liegen. Es ift Heller Tag ge­worden, ein klarer Tag, das Ufer ist deutlich zu erkennen. Als sie bas letztemal fianb sah, war es die Niederung von Bremerhaven. Hier sind auch grüne Weiden, aber sie klettern über Hügel unb Berge. Ein Schloß mit Türmen unb Zinnen ist $u sehen, über eine mächtige Eisenbahnbrücke rollt ein Zug. Wohin fährt er? Anne hat sich noch nie so klein gefühlt.

Wer weiß, wie lange noch, Anne, an das runde Fenster geschmiegt, gekauert wäre. Doch es klopft an ihre xür, unb als sie öffnet, steht Frau Rhoder vor ihr.Nanu, noch nicht angezogen, liebes Kind? Es wird Zeit. Als ich Ihre Schuhe vor ber Tyr sah, bachte ich mir gleich, bas Kinb sitzt am Fenster unb träumt. War es jv2" Hie nickt Ann« $u und

lacht. Anne kriegt einen roten Kopf und kann dar­auf nurja" sagen.

Na, da hat die Mama Rhoder also wieder mal recht gehabt. Nun aber schnell gewaschen und an* gezogen, ich brinae Ihnen heute das Frühstück. Mund halten, nichts dagegen sagen, in fünf Mi- nuten bringe ich Ihr Essen."

Kleine, feine Mama Rhoder, wirklich wie eine Mutter ist sie. Anne ist nachdenklich. Wovor hat sie Angst? Aber plötzlich schlägt ihre Stimmung wieder um, und sie fängt an zu flöten, zu lachen und zu singen. Angst? Wie dumm! Was wird sie heute alles erleben! Fast zwölf Stunden lang wer­den sie unterwegs sein.

Hoho, hoho, Anne singt, als ob sie mit Koni weit draußen auf den heimatlichen Feldern wäre. Wie die Windsbraut singt sie. Fertig!!! Nun ins Hemd geschlüpft, Anne trägt noch am liebsten ein Leibchen, wie es bie Kinder tragen. Die Schmitten hat es genäht, und Anne ist so allmählich in dieses viel zu weite Ding hinein gewachsen. Es ift es ge­rade richtig, und nun lacht Kläre sie aus. Laß sie lachen, das Leibchen gehört zu Anne, nur die Strippen sind nicht mehr dran, weil sie jetzt seidene Strümpfe trägt Eine feine Frau, seidene Strümpfe, oha, Klarissa hat ihr Leben lang wohl nur Strümpfe getragen, die aus eigener Schafswolle aestrickt waren, unb ist doch Klarissa, die Frau vom Birken­hof. Die Strümpfe machen es also nicht, nein, Kläre, da kannst du sagen, was du willst.

Als bie Stewardeß kommt, wird gerade das Un­terkleid übergeftreift. Frau Rhoder hilft, so geht es schnell wie der Blitz. Nur eine Tasse Kaffee und ein Brötchen das fremde Land lockt, geheimnis­voll und merkwürdig, weil es fremd ist. Angesichts dieses Landes soll der Mensch essen wie alle Tage? Ausgeschlossen. Diel wichtiger rft die Frage, ob sie noch mitkommt?

Keine Sorge, Anne Wegner, du kommst auf jeden Fall mit, denn auf dem Promenadendeck geht schon lange einer hin und her, der dich holen würde, wenn es Eile hätte. Es rft nicht eilig, die kleine Führe hat gerade erst angelegt, und augenblicklich hat auf ihr noch ber Oberkoch das Wort. Er steht mit feiner weißen Mütze und Schürze da wie ein strahlendes Licht. Man soll nun nicht etwa denken, daß er nicht anpackt, o nein, er bricht selbst mit einer mächtigen Brechstange die Fischkisten auf, ob­wohl er der Koch ist, so, so, und er prüft die Lachse und untersucht die Schollen. In großen Tragen wer­den sie auf denColumbus" geschafft. Fertig nun, bie Planken der Fähre sind noch glitschig von den vielen Fischen»

Auf einer Empore sitzt eine kleine Kapelle, die viel Spektakel macht, und oben auf dem großen Schiff spielt die Stewardkapelle. Sie lösen sich gegenseitig ab, schingtara von oben, rumbaba von unten. Ein luftiger Morgen. Schottlands Küste liegt unter strahlender Sonn« und milder Wärme.

Als Anne das Promenadendeck betritt, fangen die Passagiere gerade an, hinunterzusteiaen, um auf bie Fähre zu kommen. Jemand ruft ihr zu:Blei­ben Sie gleich da, ich komme schon, wir müssen doch nach unten." Und jetzt stehen Christtan Schwertfeger und Anne sich gegenüber, reichen sich die Hände und lachen. Warum sollen sie nicht lachen? Sie haben von einer Trompete und einem Bandoneon den Befehl bekommen:Freut euch des Lebens!" Der Morgen ist sttahlend, sie haben eine fremde Küste vor sich unb viele Stunden, die sie mitsammen durch dieses Land fahren werden, Grund genug, zu lachen.

Christtan und Anne steigen Treppen hinunter und wandern durch bie Gänge. Vor ihnen stehen Mar­got Wenzien und Willem Schönemann. Sie haben schon wieder viel miteinander geredet. Chrfftian hat es wohl gehört, aber bei dem Reden ist weiter nichts dabei herausgekommen, als daß Margot nun ihre wildesten Augen hat. Sehr wilde und unge­bärdige Augen. Willem Schönemann hat keine wilden Augen, das kann man von ihm nicht sagen. Er ist im Grunde gutmütig, ein ruhiger und gut­mütiger Mann, ein bißchen schleppend, ein bißchen langweilig. Man sagt, daß er tüchtig ist, weiter gibt es über ihn nichts zu sagen. Aber er hat so feine eigenen Gedanken unb einen harten Kopf. Dies paßt dem Mädchen nicht. Es verlangt wohl, daß er sich ändern soll, und es redet viel drum­herum. Doch er denkt nicht daran, sich zu ändern, und so verderben sie sich die Tage unb die Stunden. Das Mädchen Margot ist nicht dumm, bewahre, keine dumme Frau und auch kein Kind mehr. Vier­undzwanzig Jahre ist sie alt, da muß der Mensch schon Verstand haben, wenn er ihn überhaupt in seinem Leben haben soll. Sie ist Malerin, und sicher ist sie begabt. Eine tüchtige Malerin, die viel über allerlei zu reden weiß, über bie alte unb neue Kunst, über Tempera- und Pastell färb en. Trotzdem sindet sie sich im Leben nicht zurecht, das ist es. Aul der einen Seite ist sie das Enkelkind der Marktfrau Manda Wenzien, das gesund unb gerade aus dem gesunden Volk stammt. -Aber auf der anderen Seite fühlt sie sich als Künstlerin über alle Menschen weit erhaben. Sie fühlt sich auch über Willem erhaben, den sie liebt. Sie ist krank vor geiftiaem Hochmut. Und Willem merkt es unb wehrt sich dagegen. In seiner schleppenden Art,

wehrt er sich gegen ihre Ueberlegenhett, die sie ihn oft fühlen läßt. So ist der Streit der beiden tiefer, als er bei oberflächlicher Bettachtung scheint. Die Großmütter sind sozusagen der Vorwand. Willem und Margot bekämpfen sich selbst. Sie stehen nicht nebeneinander, sondern voreinander im Kampf. Sie sind gereizt, weil keiner sich ändern will.

Es riecht immer noch nach Fischen, als die Paffd- giere bie Fähre betreten. Anne rutscht aus, und sie wäre gefallen, wenn Christtan sie nicht gehalten hätte. Er hält sie fest, sie sehen sich in die Augen und lachen. Sie sind vergnügt und lachen. Der Morgen ist frisch, es riecht nach guten und frischen Fischen, und zwischen diesen beiden ist keine Rede von Ueberlegenheit und so. Sie sind jung und voll Neugier. Sie werden ftemdes Land sehen, sie kom­men ihm näher unb näher, wie schön! Die Jazz­band spielt flott und mit großem Krach. Ein Mann geht umher und sammelt. Er sieht wie ein Künstler aus, hat einen fliegenden Schlips und eine lange Tolle.

Jetzt sieht man die ersten Häuser schon, es finb nicht viele, es gibt in South Queens Ferry nicht viel Häuser, und sie sehen grau aus wie die Felsen dieses Landes, denn die Steine zum Bau wurden aus dem Fels gebrochen. Dor den Häusern stehen bunte Wagen, nehmen Reisende auf unb sollen sie zur Bahnstation bringen. Die Fähre legt an. Fri­scher Wind streicht über Schottlands Küste. Anne steht mit dem Gesicht bem Meer zugewandt. .(Sie spürt Salzgeruch im Wind, oh, und den Dutt blü­hender Wiesen.Jetzt ist bald die Zeit des Grum- met", sagt sie.Wie schnell doch ein Jahr vergeht."

5a, der Landmann rechnet von einer Ernte zur anderen, und er tut recht daran."

Anne sieht immer noch über das Meer.Was wissen Sie vom Land?"

Denken Sie?" Er lacht ein munteres Jungen- lachen neben ihr. ,Zch bin aber Landwirt, sogar einer, der mit dem Kühehüten anfing, von Der Pike auf, also. Jetzt sitze ich allerdings in Berlin in einer Versuchsstation, am grünen Tisch, wie es fo schön heißt. Immerhin, Fräulein Anne Wegner, werde ich Ihnen wohl noch manches über Pferde­zucht, Schweinemast unb vor allen Dingen über Moorkulturen sagen können."

Ach", ihr Gesicht fährt herum. Sie sieht khn an wie einen neuen Menschen. Ihre Lippen sind ein wenig geöffnet, bie zartgerollten Rosenblätter schim­mern über den kräfttgen Zähnen.Dann wissen Sie ja auch, wie solch ein Morgen ist, wenn man über die Wiesen reitet, die noch naß vorn Tau find?"

(Fortjetzung folgt)