Ausgabe 
6.11.1940
 
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flamten und Kemal Atatürk, der Schöpfer der neuen Türkei, daß sich der Balkan in außenpoltti- schon Fesseln befand, die jeder gesunden Entwicklung des eigenstaatlichen Lebens seiner Völker und der natürlichen Angliederung an den mitteleuropäischen Raum zuwideriiefen. Diese beiden Staatsmänner faßten den Entschluß, einen Balkanbund zu bilden, um damit den Süüosten aus den verschiede­nen Einflußsphären herauszunehmen und politisch auf feste, eigene Grundlage zu stellen. Es erwies sich aber auch jetzt trotz aller Bemühungen dieser beiden Männer erneut, daß die Balkanstaaten für solche Lösungen noch nicht geeignet waren. Die Nachwirkungen des Weltkrieges und die Ungerech­tigkeiten der Friedensverträge hatten starke poli- tische Spannungen zwischen den einzelnen Staaten aufrecht erhalten. Griechenland und Rumänien standen in einem wenig freundschaft­lichen Verhältnis zu Bulgarien, Bulgarien und Ungarn andererseits hatten nicht vergessen, daß sich die übrigen -Valkanstaaten aus ihre Kosten be­reichert batten. Wenn auch rein äußerlich ein Bal- kanbund entstand, so entsprach er doch keineswegs den Vorstellungen ihrer Gründer.

Inzwischen wurde König Alexander bei einem Besuch in Marseille ermordet, und man vermutete nicht zu Unrecht, daß dieses Attentat mit den Be­strebungen zusammenhing, die der König auf dem Balkan verfolgte. Auch Kemal Atatürk starb, so daß auch in der Türkei die führende Persönlichkeit, die dem Geschick des Balkans eine andere Wendung hätte geben können, ausgeschieden war. Wenn in der Folgezeit die Politik der einzelnen Staaten des Balkanbundes zunächst noch die gegebenen Richt­linien außenpolitischer Unabhängigkeit und der wirt­schaftlichen Anpassung an den mitteleuropäischen Raum beibehielt, so setzte sich doch der englisch- französische Einfluß in denSalons" der Hauptstädte wieder durch und führte bei Kriegs­ausbruch 1939 zu jener gefährlichen Haltung, die eine nur scheinbare Neutralität verschiedener Staa­ten bedeutete. Damit war das lose Band der poli­tischen Einheit der Balkanstaaten wieder zerrissen. Wenn in den kritischen Tagen des Kriegsausbruchs

dennoch auf dem Balkan Ruhe blieb, so ist dieser Erfolg in erster Linie der schnellen Niederschlagung Polens durch Deutschland einerseits und der Wach­samkeit Italiens andererseits zu verdanken gewesen. Man erkannte im Laufe des September 1939 auf dem Balkan instinktiv die überlegene Macht der Achse, so daß man auch in den Ländern zurück­haltender wurde, die mit ihren Sympathien auf feiten der Westmächte standen.

Der weitere Verlauf des Krieges zugunsten der Achse, die Erfahrungen, die Norwegen, Holland und Belgien mit ihrer Scheinneutralität bzw. englischen Freundschaft" gemacht hatten, wirkten stark er- nüchternd. Aber auch die zielbewußte Wirtschafts­politik des Reiches, die den Balkan erkennen liefe, daß feine Völker in diesem Kriege ausschließlich vom mitteleuropäischen Raum abhängig waren, hat im weiten Maße die leicht entzündbaren Gemüter ge­wisser Balkanvölker zur Ruhe gezwungen und die Bereinigung einiger dringender Streitfragen im Zuge der kommenden Neuordnung auf friedlichem Wege ermöglicht. Einige Staaten des Balkans, R u - mänicn und Bulgarien, paßten sich der Staatsauffassung der Achsenmächte an, ihre Außen­politik wurde vom westdemokratischen Einfluß ge­reinigt. Auch Jugoslawien, das bis zur letzten Zeit noch englischen Agenten freie Tätigkeit ließ und mancherlei innerpolitische Unklugheiten begangen hat, bemüht sich heute, eine streng objektive Haltung zu beweisen. Weyn Griechenland als süd­lichster Balkanstaat trotz der bösen Erfahrungen anderer Völker doch noch den britischen Einflüste­rungen nachgab und nunmehr einer fragwürdigen Zukunft entgegengeht, so möchte man die Hoffnung aussprechen, daß Griechenland dieses Schicksal nur a 11einzu tragen braucht und damit so abschreckend wirkt, daß sich eine nachhaltige Wendung der Ge­samtpolitik des' Balkanraumes ergibt, worunter in erster Linie die naturgegebene Angliederung an den mitteleuropäischen Raum zu verstehen ist. Nur mit diesem festen Willen kann der Balkan als brauch­bares Staatengebilde in das neue Europa eingebaut werden.

Feindlicher Widerstand in Epirus gebrochen.

Oer Fluß Vojuffa erreicht. Intensive Aktionen der Luflwaffe.

MienischerWehrmachtberichi.

Rom, 5. Roo. (DRB.) Der italienische Wehr- Machtbericht vom Dienstag hat folgenden Wortlaut:

Die Aktion unserer Einheiten Im Lpirvs- Seftot, wo unsere Verbände den feindlichen Widerstand gebrochen und den Heber- gang des Vojus sa-Aluss es erreicht haben, geht weiter.

Unsere Luftwaffe hat in Verbindung mit den Operationen zu Lande während des ganzen Tages intensive Aktionen durchgeführt, wobei sie verbiu- dungsstraßen, Truppen- und Autokolonnen, Lager uyd Verteidigungsstellen in den Zonen von Florina, fiafforia und Janina bombardierte. Außerdem wur­den im Sturzflug Batterien und andere Ziele am Höhenzug im Norden Janinas und auf der Straße Janinakalibaki wiederholt bombardiert. Unsere Flugzeuge haben ferner die Häfen von Dolos, Prevesa und Patras bombardiert. Im Ver­lauf der Luftkämpfe ist ein feindliches Jagdflugzeug abgefchossen worden, ein weiteres ist wahrscheinlich abgeschossen worden. Aus weiteren Feststellungen ergibt sich, daß während der Luftaktionen vom 2. November weitere sechs feindliche Flugzeuge neben den bereits lm gestrigen Heeresbericht gemeldeten vernichtet wurden. Die Zahl der an diesem Tage abgeschossenen feindlichen Flugzeuge betrug somit 11, sowie ein wahrscheinlich abgeschossenes. Liner unserer Iagdverbände hat bei einem Anfklärungsflug auf Malta einige große Wasserflugzeuge, die im Hafen vor Anker lagen, überrascht und beschossen. Alle unsere bei dieser Aktion angesehten Flugzeuge sind zu ihren Stützpunkten zurückgekehrt.

In Ostafrika hat unsere Artillerie Panzer­verbände beim Sciusceib-Berg (kassala) vernichtet.

Feindliche Flugzeuge haben Bomben auf Lheren

abgeworfen, wobei ein Eingeborener getötet und vier Eingeborene, darunter eine Frau und ein Kind, verwundet wurden. Bei einem Einflug auf Veghelli gab es weder Opfer noch Sachschaden. Lin feind­liches Flugzeug ist von der Flak abgefchossen und feine Besatzung gefangen genommen worden.

Unsere im Atlantik eingesetzten U-Boote haben 24 000 Tonnen Schiffsraum oetfenFL

Griechenland seinem Schicksal überlassen. Rom, 6. Rov. (DNB. Funkspruch.) Agen^ia Stefani schreibt: Wie man logische rwei.se erroarfen mußte, befindet sich Griechenland bereits unter dem Eindruck der Isolierung. Die Leiter der griech'.-schen Polittk hatten den Konflikt provoziert in der Illu­sion, von England und einigen Balkanistaaten o i r e k t e Hilfe zu erhalten. Aber die Lage ist im Begriff, sich $u stabilisieren und die Hoffnungen der Athener Regierung verwandeln sich in Enttäu­schungen. Die Londoner Presse erMart bereits, daß Griechenland sich allein verteidigen könne, was gleichbedeutend ist mit der Feststellung, daß England nicht vor hat, Griechenland irgend­eine Hilfe zu gewähren. Die britische Flotte könne einige griechische Inseln besetzen, aber die ganze Last des Widerstandes gegen die italienischen Streit­kräfte muß vom griechischen Heer getragen werden. London üb erläßt Griechenland seinem Schicksal, genau so, wie es schon Polen, Norwegen, Holland, Belgien und andere Länder verraten hat, die es vorgab, schützen zu wollen.

Zu den englischen Drohungen, England wolle von seinen neuen in Griechenland errichteten Stützpunk­ten großangelegte Luftangriffe gegen Ita­lien unternehmen, schreibt derCorriere della Sera": Man glaubt, durch berartige Manöver das italienische Volk demoralisieren zu können. In Wirk­lichkeit stehen die griechischen Stützpunkte nicht

Falsche Informationen nnb schlechte Ratschläge"

Oie Holle Amerikas bei dem Eintritt Frankreichs in den Krieg.

Paris, 5. Nov. (DNB.) Der neuernannte fran­zösische Botschafter Graf Ferdinand de Bri - non erklärte der Agentur International News Service, daß die Zusammenarbeit mit Deutschland bei-der Errichtung einer neuen europäischen Ord­nung das Ziel der französischen Politik sei. Deutsch­land, das heute als Sieger dasteht, hat das Recht und alle Möglichkeiten, die Führerschaft in einem neuen Europa zu übernehmen. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß dies das auf­richtige Bestreben Hitlers ist, und daß es ihm ge­lingen wird, dieses große Werk durchzuführen. Da­her ist es wesentlich, daß unsere ameritanifd)en Freunde die augenblickliche Lage Frankreichs rich­tig verstehen. Wir bedauern es sehr, feststellen zu müssen, daß man dc^u neigt, die Sage so hin­zustellen, als ob die Petain-Regierung nicht volle Freiheit besitze, ihre eigene Politik zu verfolgen. Diese falschen Informationen sind das Ergebnis einer Propaganda, deren Inspirationen bereits mehrmals die Vereinigten Staaten veranlaßt haben, Verpflichtungen zu übernehmen, die sich nachteilig auf die französischen Interessen aus­wirkten.

Es ist nicht zu bestreiten, daß wir durch Ein­flüsse in den Krieg hineingezogen wurden, die nicht ausschließlich französischen Ursprungs waren. D a - lädier wurde kurz nach dem Münchner Abkommen das Opfer eines mächtigen Einflusses, dem er sich nicht entziehen konnte. Frankreich wandte, veranlaßt durch niedrige Motive der Innenpolitik und einem Druck von außen dem Münchner Abkommen den Rücken, und daraus ergab sich, daß es in verhäng­nisvoller Weise in den Krieg hineingezogen wurde. Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Zusammen­kunft in meinem Hause zu Beginn des Frühjahrs 1939 zwischen Pierre Laval und dem polnischen Botschafter Lukasiewicz. Laval beschwor den polnischen Botschafter, seine Regierung zu einer

klugen und vorsichtigen Polttik zu veranlassen. Der polnische Botschafter erwiderte verächllich:SB ir werden Sie zwingen, Krieg zu füh» renl"

Auch der amerikanische Botschafter Bullitt übte einen großen Einfluß auf Daladiers Entscheidun­gen aus, in Form von Informationen und Rat­schlägen, die falsch und schleckt waren. Eknige Tage vor Ausbruch des Krieges yatte der englische Botschafter in Berlin eine Unterredung mit Hitler, nach der nach London ein Plan gesandt wurde für eine friedliche Beilegung aller englisch-deutschen Streitfragen. Das englische Kabinett beriet 48 Stun­den lang und schien geneigt, eine positive Antwort darauf zu erteilen. Von den Polen erfolgte dar­aufhin sofort eine lebhafte Reaktion gegen ein so­genanntesImstichlassen"; ich glaube, daß in dieser Reaktion die Spur eines starken Einflusses zu ent­decken ist, der von einer hohen amerikani­schen Persönlichkeit ausgeübt wurde. Außerdem wurde dem Chef der französischen Regierung, der noch immer zögerte, von denselben Kreisen aus täglich erzählt, er riskiere nichts, wenn er sich in einen Krieg einlasse, da das nationalsoziali­stische Regime keinen wirklichen Widerstand leisten könne und der Sieg sicher sei.

Das ist es, was wir als falsche Informa­tionen und schlechte Ratschläge bezeich. nen. Wir wissen heute, wohin uns das geführt hat. Ein vollkommenes Mißverstehen der wirklichen Verhältnisse sollte nicht zu einer Verlängerung des Konfliktes und zu neuen Katastrophen führen. Aus diesem Grunde hoffen alle wahren Franzosen, die ihr Vaterland lieben und wirkliches Verständnis für den Verlauf der Geschicke aufbringen, daß das amerikanische Volk die gegenwärtige Situation ge­recht beurteilen und allen schlechten Ratschlägen und falschen Nachrichten mißtrauen wird, die in der Vergangenheit so viel Böses angerichtet haben.

e r ft |eit heute den Engländern zur Verfügung. Warum soll man daher von einer veränderten Lage sprechen. Das italienische Volk läßt sich durch Dro­hungen dieser Art nicht einschüchtern. Es weiß, daß die italienische Luttabwehr äußerst wirksam ist, so daß es den englischen Fliegern nicht leicht fallen dürfte, die Drohungen in die Tat umzusetzen.

DasSomhardemenlvonSaioniki

Mailand, 5. Nov. (Europapreß.) Die Blätter geben Berichte von Flüchtlingen aus Griechen­land wieder, die an der jugoslawischen Grenze ein» getroffen sind. Sie versichern, Saloniki nach der viertägigen Bombardierung gern verlassen zu haben. Besonders a m l e tz t e n Sonntag sei der Luftangriff schrecklich gewesen. Sobald die ersten Bomben emgoschiagen seien, habe sich die Bevölke­rung in die größeren Gebäude im Hafenviertel ge­flüchtet, well diese einen größeren Schutz böten als die übrigen meist einstöckigen Häuser. Die Angriffe hätten sich hauptsächlich g e g cn den Bahnhof gerichtet, der schwer beschädigt worden sei. Ferner seien die Hauptpost und die Vorortbahn- Höfe zerstört worden. Das Leben fei in Saloniki sehr schwer geworden. Die Bevölkerung verlasse die Häuser nur noch für die dringendste ©infäivfe. Man könne nur wenige Fahrzeuge au [treiben, da Privat- kraftwagen und Taxen für das griechische Heer re­quiriert seien. Der Eisenbahnverkehr sei einge­schränkt. Sell mehreren Tagen sei kein Schiff mehr im Hafen eingelaufen. Kaffee und Zucker feien aus allen Läden der Stadt verschwunden und Fleisch werde nur noch an zwei Tagen der Woche verkauft.

Die ifalienifdjen A-Voote im Atlantik.

R om, 5. Nov. (Europapreß.) Die Zusammen­arbeit Deutschlands und Italiens auf maritimem Gebiet behandelt Gayda imGiornclle d'Jtcllia". Die Zusammenarbeit spiele fick vor allem im At­lantischen Ozean ab und sei gegen den eng­lischen Seeverkehr sowie gegen die Lieferungen nach der englischen Insel gerichtet. Den italienischen

U-Booten falle nun die Ausgabe zu, jene See* gebiete zu kontrollieren, die am weitesten ent­fernt von den deutschen Operationsgebieten lie­gen. Diese italienischen U-Boote kontrollierten da­her die Schiffswege von England nach Jbero. arnerika. Natürlich seien oiese Wege von Eng­land verlegt worden. Aufgabe der italienischen 11- Boote fei es daher zunächst gewesen, die neuen Schifssweae festzustellen und die Gebiete ab­zugrenzen, in denen sich der Hauptteil des englischen Schiffsverkehrs nach Iberoamerika abfpielt. In vielwöchiger Arbeit sei diese Aufgabe vollständig gelöst worden.

Schon bei dieser ersten, der Aufklärung dienenden Phase habe es, so fährt Gayda fort, die italienische U-Bootswaffe nicht an Angriffen fehlen lassen. So habe der Bericht vom 12. September die Ver­senkung von 27 000 BRT. feindlichen Schiffsraumes im Atlantischen Ozean melden können. Am 13. Sep­tember sei von weiteren 18 000 BRT. berichtet.wor­den und am 19. September habe man von 5800 BRT. melden können. Schließlich sei nun Diens­tag die Versenkung von weiteren 24 000 BRT. be» fanntgegeben worden. Die zweite Phase der Tätigkeit der italienischen U-Boote im Atlantischen. Ozean habe begonnen.

Intensivierung des rumänischen Ackerbaus.

Bukarest, 5. Nov. (Europapreß.) Die rumä­nische Regierung hat einen deutschen Vorschlag, Rumänien tausend Traktoren zu liefern, angenommen. Wie der Generalsekretär im Land­wirtschaftsministerium, Chirulescu, Pressevertretern erklärte, wird, damit im Frühjahr kein Stück Land unbebaut bleibt, eine große Feldbestellungskampagne durchgeführt werden. Schon jetzt werde mit der Ausbildung von Traktorenführern in einer großen Schule, die mit Hilfe deutscher Unter­nehmungen am Stadtrand von Bukarest eingerichtet worden sei, begonnen. Für jeden Traktor würden fünf bis sechs Führer ausgebildet, um im Früh­jahr notfalls in Tag- und Nachtarbeit die drei Millionen Hektar Ackerboden, über die Rumänien verfüge, zu bestellen.

Holländisches Glockenspiel.

Von $. M. Huebner, im ßaag.

Die Holländer sind kein sangesfreudiges Volk. Frisia non cantat (Die Friesen singen nicht) ist eine Feststellung schon ans dem Mittelalter. Das Leben verläuft hier zu mühsam, auch zu eintönig, als daß die Menschen verlockt wären, frank und frei ihre Arbeit, ihre Verrichtungen mit Gesang zu be­gleiten. Wenn die deutschen Häusdedienten, die seit oem Kriegsende in Scharen nach Holland ström­ten, bei ihrer Händearbeit fingen, nämlich um sich die Mühsal zu versüfeen oder gar sie vergessen zu macken, so erregt das bei den holländischen Haus­standsangehörigen immer wieder Verwunderung.

Was sie selber nicht tun, das haben die Holländer ihren Kirchentürmen übertragen, denn ohne Gesang, ohne Musik und Wohlklang kann der Mensch nun einmal nicht leben. Sie haben in den Kirchtürmen, den Rathaustürmen, den Beifrieden Glockenspiele aufgehängt, diese tun innerhalb der niederländischen Landschaft Dienst als Wohlklangverteiler. Sie tun es viertelstündig, aber es gibt Türme, wo auch die Hälfte der Viertelstunde durch Glockenmusik bekannt gegeben wird. Infolge der Zusammenkopplung die­ser Musik mit dem Gang der Weiser auf dem Zif- ferblatt steht es also so, daß sich in den Nieder­landen der Gang der Stunden musikalisch verlaut­bart. Die Zeit singt. Das Beängstigende, was im Dahinrinnen und dem Niewiederkehren der Zeit beschlossen liegt, wird auf diese Weise überdeckt und beinahe aufgehoben. Der Mensch, nach dem Stundenschlag lauschend, empfängt zu diesem ein kleines Lied, einen Strauß von Wohlklang als trö­stende Zugabe.

Es war in der Mitte des siebenzehnten Jahrhun­derts, da die Türme in den Niederlanden von Friesland bis nach Dünkirchen mit Glockenspielen ausgerüstet wurden. Auch vorher gab es natürlich schon Glocken, aber diese wurden mit einem Seil in schwingende Bewegung gebracht, bis der Klöp. pel anschlug. Beim Glockenspiel sind die Glocken fest und unbeweglich aufgehängt. Der Klang wird ihnen nicht durch einen klöppel entlockt, sie haben gar keinen. Die Rolle des Klöppels wird hier von Hämmern übernommen, die, fei es von innen, fei es von außen auf den Glockenmantel aufschlagen. Die Hämmer sind wieder mit Drähten verbunden,

die ihrersetts zu der Betriebsstelle laufen, von wo aus an den Drähten gezupft unb dadurch bas Hämmerwerk in Bewegung gefetzt wird.

Die Betriebsstelle, das ist entweder eine mit Stif­ten stachelig besetzte Walze die sich dreht unb beim Drehen mit den Stiften an den Drähten reißt (Zylinderglockenspiel) ober es ist eine Klaviertasta­tur. Im ersten Falle handelt es sich um eine mecha­nisch arbeitende Betriebsstelle, denn die Walze dreht sich wie bei einer Spieluhr, wenn sie aufgezogen wird, von allein. Im zweiten Falle wird die an­treibende Kraft durch den Menschen geliefert, durch einen Musiker, der die Tastatur und die darunter angebrachten Pedale mit Fingern und Füßen trak­tiert. Die Tastatur umfaßt zumeist drei Oktaven. Die Pedale stehen mit den größten, also den tiefen Baßglocken in Verbindung, denen Töne zu entlocken ein besonders kräftiger Anschlag nötig ist.

Die mechanische Anschlagweise findet ihre Ver­wendung für die Hervorbringung jener Musik, die alle Viertelstunden oder in noch kleineren regel­mäßigen Abständen aufklingt. Es sind Kirchenlieder, Volksgesänge, Teile aus klassischen Musikstücken, mit welchen die Zeit in Holland ihren, Fortgang ver­kündet. Alle Vierteljahre werden die Lieder durch neue ersetzt, was in der Weise geschieht, daß man den Stiften auf der Walze neue Plätze gibt. Zu diesem Behufe sind die Walzen mit Löchern ver­sehen, deren Zahl bei einigen Walzen bis in die Fünfzigtausend geht. An ihren neuen Plätzen brin­gen natürlich die Stifte, indem sie beim Drehen der Walze an den Zuführungsdrähten zu den Häm­mern zupfen, neue Weisen hervor.

Die Inbetriebsetzung des Glockenspiels durch Men­schenhand erfolgt an den Markttagen des betref- senden Ortes und an den hohen kirchlichen und vaterländischen Festtagen. Dann ersteigt der Orga­nist, der gewöhnlich den Dienst an der Orgel zu versehen hat und in der Stadt anderen musirpäda- gvgischen Pflichten nachgeht, den Turm und gibt eine Stunde lang und länger ein Glvckenkvnzert. Sein Platz ist dabei die Glockenstube unterhalb des Gestühls, wo die Glocken aufgehängt sind, zu diesen führen die Derbindungsdrähte von der Tastatur aus rechtwinklig empor.

In Holland sieht man es häufig, daß die Glocken nicht in ihrem eigenen Glockenraum sondern an der Außenseite des Turms, wie ein Kranz um die- fen herum, angebracht sind. Die Glocken erfüllen

agf diese Weife eine Obliegenheit als bauliches Schmuckstück, leiden jedoch dabei binsichllich chrer eigentlichen musikalischen Aufgabe. Denn außen und kreisförmig aufgehängt, können die Glocken kein rechtes Zusammenspiel entwickeln; die Töne zerstreuen sich; sie werden vom Winde je nach der Windrichtung entführt, in der sie angebracht sind. Anders bei den innerhalb der Kuppel aufgehängten Glocken. Hier kann der Organist die Glockentöne zu wirklichen Akkorden binden \inb die Akkorde als einzige dröhnende Klangmasse in den Raum hin­aussenden. Aus diesem Grunde sind in letzter Zeit in Belgien sowohl wie in Flandern die Spieltürme zum Teile umgebaut und die Glocken in das In­nere der Turmlaterne hineingenommen worden. Dies ist vor allem auf Betreiben von Ief D e n i \ n geschehen, des anerkannt besten Glöckners (Klokke- nist), den die Glockenspielkunst heute besitzt.

Jes Denijn ist in Mecheln auf dem dortigen St. Romoaldsturm tätig. Er hat seine Kunst und seinen Posten von seinem Vater übernommen, der an der gleichen Stelle Organist war. Hier hat Denijn die Reformen für die vielfach vergessenen oder in Geringachtung geratene Kunst des Glocken­spiels ausgearbeitet, hier hat er auch die erste Lehr­anstalt für das Glöcknerfach ins Leben gerufen. Die Lehrlinge werden außer in der Kenntnis ihres Jn- ftruments in der Geschichte desselben unterrichtet, so daß sie auch um die Kunst des Glockengusses Bescheid wissen müssen.

Die schönsten Glockenspiele der Niederlande stam­men von den Brüdern H e m o n y , zwei von Loch­ringen abkünftigen Glockengießern, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts die meistgesuchten Lieferan­ten für Glockenspiele waren. Die Kunst geriet jahre­lang in Vergessenheit und ist erst kurz vor dem Weltkrieg neu ausgenommen worden.

Zur vollen Entfaltung der Glockenmusik gehört ein feiner, möglichst ebener Umkreis. Und eben der findet sich in den weiten Niederungsflächen der Niederlande. Hier im grenzenlosen Raume kann sich das andere Grenzenlose, die Zeit, klanglich aus­leben. Hier kann sie fingen, hier kann Gesang von den Ohren der Menschen vernommen und in ihrem Gemüte bewegt werden. Denn um den Gescmg der Zeit zu vernehmen, muß man selber Zeit haben. Diese aber hat man auch heute noch m Holland mehr denn anderswo.

Merkwürdiger Fischfang.

Eigenartige Formen der Fischerei, die aber von einer guten Beobachtung der Tierwett zeugen, haben sich in den verschiedensten Gegenden der Welt ent­wickelt, von denen Dr. Rudolf H. Fritsch in einem Aufsatz über biologische Beobachtungen in der Fischerei, den er in der Frankfurter Wochen­schrift ,/Die Umschau" veröffentlicht, einige Bei­spiele anführt. Eine der seltensten Erscheinungen dürfte der Fang durch Darbieten einer geeigneten Wohnung bilden. Italienische Fischer legen, um Kraken zu fangen, die als Nahrung sehr geschätzt werden, abends auf dem Meeresgrund an langen Seinen reihenweise Tonvasen auf, die im Laufe des Vormittags wieder eingezogen werden. Die Poly­pen suchen diese Gefäße, die teilweise mit einigen lockeren Scherben gefüllt sind, als Willkommens Verstecke auf und werden darin heraufgezogen. Das­selbe Fangverfahren wird auch an der Küste Süd- faliforniens in der Gegend von Corona del Mar viel geübt, wohin es ausgewanderte Italiener mit­gebracht haben. Ebenso machen sich die Japaner den starken Hang der Oktopoden zum Versteck zu­nutze, indem sie größere Tonurnen an Tauen auf den Seegrund lassen.

Die Neapolitaner betreiben in ihrem Golf den Fang männlicher Tintenfische mit Hilfe eines an­geleinten Weibchens. Das Weibchen schwimmt schein­bar frei herum und lockt die in der Nähe vorüber- kommenden Männchen an, sich an ihm festzuhalten, worauf jene mit ihm ans Boot gezogen werden. Auf dem gleichen Grundsatz beruht ein Fangver­fahren auf Karettschill^röten, das Dominikanische Fischer an den Küsten Haitis ausüben. Sie bieten Öen umherschwimmenden Schildkrötenmännchen aber nur noch ein genau nachgebildetes Holzphantom eines Weibchens an. An ihrer Küste dehnen sich bei Puerto Plata lange Strecken von Sandstrand in stachen Buchten, die durch vorgelagerte Riffe vor schwerer See geschützt sind. Hier wird das Modell des Schildkrötenweibchens zu Wasser gebracht und in Sichtweite vom Lande verankert. Rings herum werden feine, aber sehr feste Netze vom Grunde aus bis dicht unter die Wasseroberfläche ausge­spannt. Bemerkt nun der Fischer von seinem Be­obachtungsstande aus ein Schildkrötenmännchen, bas sich um das vermeintliche Weibchen bemüht so rudert er schnell darauf zu, und die männliche Schildkröte verfängt sich wegtauchend in den Netzens