flamten und Kemal Atatürk, der Schöpfer der neuen Türkei, daß sich der Balkan in außenpoltti- schon Fesseln befand, die jeder gesunden Entwicklung des eigenstaatlichen Lebens seiner Völker und der natürlichen Angliederung an den mitteleuropäischen Raum zuwideriiefen. Diese beiden Staatsmänner faßten den Entschluß, einen Balkanbund zu bilden, um damit den Süüosten aus den verschiedenen Einflußsphären herauszunehmen und politisch auf feste, eigene Grundlage zu stellen. Es erwies sich aber auch jetzt trotz aller Bemühungen dieser beiden Männer erneut, daß die Balkanstaaten für solche Lösungen noch nicht geeignet waren. Die Nachwirkungen des Weltkrieges und die Ungerechtigkeiten der Friedensverträge hatten starke poli- tische Spannungen zwischen den einzelnen Staaten aufrecht erhalten. Griechenland und Rumänien standen in einem wenig freundschaftlichen Verhältnis zu Bulgarien, Bulgarien und Ungarn andererseits hatten nicht vergessen, daß sich die übrigen -Valkanstaaten aus ihre Kosten bereichert batten. Wenn auch rein äußerlich ein Bal- kanbund entstand, so entsprach er doch keineswegs den Vorstellungen ihrer Gründer.
Inzwischen wurde König Alexander bei einem Besuch in Marseille ermordet, und man vermutete nicht zu Unrecht, daß dieses Attentat mit den Bestrebungen zusammenhing, die der König auf dem Balkan verfolgte. Auch Kemal Atatürk starb, so daß auch in der Türkei die führende Persönlichkeit, die dem Geschick des Balkans eine andere Wendung hätte geben können, ausgeschieden war. Wenn in der Folgezeit die Politik der einzelnen Staaten des Balkanbundes zunächst noch die gegebenen Richtlinien außenpolitischer Unabhängigkeit und der wirtschaftlichen Anpassung an den mitteleuropäischen Raum beibehielt, so setzte sich doch der englisch- französische Einfluß in den „Salons" der Hauptstädte wieder durch und führte bei Kriegsausbruch 1939 zu jener gefährlichen Haltung, die eine nur scheinbare Neutralität verschiedener Staaten bedeutete. Damit war das lose Band der politischen Einheit der Balkanstaaten wieder zerrissen. Wenn in den kritischen Tagen des Kriegsausbruchs
dennoch auf dem Balkan Ruhe blieb, so ist dieser Erfolg in erster Linie der schnellen Niederschlagung Polens durch Deutschland einerseits und der Wachsamkeit Italiens andererseits zu verdanken gewesen. Man erkannte im Laufe des September 1939 auf dem Balkan instinktiv die überlegene Macht der Achse, so daß man auch in den Ländern zurückhaltender wurde, die mit ihren Sympathien auf feiten der Westmächte standen.
Der weitere Verlauf des Krieges zugunsten der Achse, die Erfahrungen, die Norwegen, Holland und Belgien mit ihrer Scheinneutralität bzw. englischen „Freundschaft" gemacht hatten, wirkten stark er- nüchternd. Aber auch die zielbewußte Wirtschaftspolitik des Reiches, die den Balkan erkennen liefe, daß feine Völker in diesem Kriege ausschließlich vom mitteleuropäischen Raum abhängig waren, hat im weiten Maße die leicht entzündbaren Gemüter gewisser Balkanvölker zur Ruhe gezwungen und die Bereinigung einiger dringender Streitfragen im Zuge der kommenden Neuordnung auf friedlichem Wege ermöglicht. Einige Staaten des Balkans, R u - mänicn und Bulgarien, paßten sich der Staatsauffassung der Achsenmächte an, ihre Außenpolitik wurde vom westdemokratischen Einfluß gereinigt. Auch Jugoslawien, das bis zur letzten Zeit noch englischen Agenten freie Tätigkeit ließ und mancherlei innerpolitische Unklugheiten begangen hat, bemüht sich heute, eine streng objektive Haltung zu beweisen. Weyn Griechenland als südlichster Balkanstaat trotz der bösen Erfahrungen anderer Völker doch noch den britischen Einflüsterungen nachgab und nunmehr einer fragwürdigen Zukunft entgegengeht, so möchte man die Hoffnung aussprechen, daß Griechenland dieses Schicksal nur a 11einzu tragen braucht und damit so abschreckend wirkt, daß sich eine nachhaltige Wendung der Gesamtpolitik des' Balkanraumes ergibt, worunter in erster Linie die naturgegebene Angliederung an den mitteleuropäischen Raum zu verstehen ist. Nur mit diesem festen Willen kann der Balkan als brauchbares Staatengebilde in das neue Europa eingebaut werden.
Feindlicher Widerstand in Epirus gebrochen.
Oer Fluß Vojuffa erreicht. — Intensive Aktionen der Luflwaffe.
MienischerWehrmachtberichi.
Rom, 5. Roo. (DRB.) Der italienische Wehr- Machtbericht vom Dienstag hat folgenden Wortlaut:
Die Aktion unserer Einheiten Im Lpirvs- Seftot, wo unsere Verbände den feindlichen Widerstand gebrochen und den Heber- gang des Vojus sa-Aluss es erreicht haben, geht weiter.
Unsere Luftwaffe hat in Verbindung mit den Operationen zu Lande während des ganzen Tages intensive Aktionen durchgeführt, wobei sie verbiu- dungsstraßen, Truppen- und Autokolonnen, Lager uyd Verteidigungsstellen in den Zonen von Florina, fiafforia und Janina bombardierte. Außerdem wurden im Sturzflug Batterien und andere Ziele am Höhenzug im Norden Janinas und auf der Straße Janina—kalibaki wiederholt bombardiert. Unsere Flugzeuge haben ferner die Häfen von Dolos, Prevesa und Patras bombardiert. Im Verlauf der Luftkämpfe ist ein feindliches Jagdflugzeug abgefchossen worden, ein weiteres ist wahrscheinlich abgeschossen worden. Aus weiteren Feststellungen ergibt sich, daß während der Luftaktionen vom 2. November weitere sechs feindliche Flugzeuge neben den bereits lm gestrigen Heeresbericht gemeldeten vernichtet wurden. Die Zahl der an diesem Tage abgeschossenen feindlichen Flugzeuge betrug somit 11, sowie ein wahrscheinlich abgeschossenes. Liner unserer Iagdverbände hat bei einem Anfklärungsflug auf Malta einige große Wasserflugzeuge, die im Hafen vor Anker lagen, überrascht und beschossen. Alle unsere bei dieser Aktion angesehten Flugzeuge sind zu ihren Stützpunkten zurückgekehrt.
In Ostafrika hat unsere Artillerie Panzerverbände beim Sciusceib-Berg (kassala) vernichtet.
Feindliche Flugzeuge haben Bomben auf Lheren
abgeworfen, wobei ein Eingeborener getötet und vier Eingeborene, darunter eine Frau und ein Kind, verwundet wurden. Bei einem Einflug auf Veghelli gab es weder Opfer noch Sachschaden. Lin feindliches Flugzeug ist von der Flak abgefchossen und feine Besatzung gefangen genommen worden.
Unsere im Atlantik eingesetzten U-Boote haben 24 000 Tonnen Schiffsraum oetfenFL
Griechenland seinem Schicksal überlassen. Rom, 6. Rov. (DNB. Funkspruch.) Agen^ia Stefani schreibt: Wie man logische rwei.se erroarfen mußte, befindet sich Griechenland bereits unter dem Eindruck der Isolierung. Die Leiter der griech'.-schen Polittk hatten den Konflikt provoziert in der Illusion, von England und einigen Balkanistaaten o i r e k t e Hilfe zu erhalten. Aber die Lage ist im Begriff, sich $u stabilisieren und die Hoffnungen der Athener Regierung verwandeln sich in Enttäuschungen. Die Londoner Presse erMart bereits, daß Griechenland sich allein verteidigen könne, was gleichbedeutend ist mit der Feststellung, daß England nicht vor hat, Griechenland irgendeine Hilfe zu gewähren. Die britische Flotte könne einige griechische Inseln besetzen, aber die ganze Last des Widerstandes gegen die italienischen Streitkräfte muß vom griechischen Heer getragen werden. London üb erläßt Griechenland seinem Schicksal, genau so, wie es schon Polen, Norwegen, Holland, Belgien und andere Länder verraten hat, die es vorgab, schützen zu wollen.
Zu den englischen Drohungen, England wolle von seinen neuen in Griechenland errichteten Stützpunkten großangelegte Luftangriffe gegen Italien unternehmen, schreibt der „Corriere della Sera": Man glaubt, durch berartige Manöver das italienische Volk demoralisieren zu können. In Wirklichkeit stehen die griechischen Stützpunkte nicht
„Falsche Informationen nnb schlechte Ratschläge"
Oie Holle Amerikas bei dem Eintritt Frankreichs in den Krieg.
Paris, 5. Nov. (DNB.) Der neuernannte französische Botschafter Graf Ferdinand de Bri - non erklärte der Agentur International News Service, daß die Zusammenarbeit mit Deutschland bei-der Errichtung einer neuen europäischen Ordnung das Ziel der französischen Politik sei. Deutschland, das heute als Sieger dasteht, hat das Recht und alle Möglichkeiten, die Führerschaft in einem neuen Europa zu übernehmen. Wir haben allen Grund anzunehmen, daß dies das aufrichtige Bestreben Hitlers ist, und daß es ihm gelingen wird, dieses große Werk durchzuführen. Daher ist es wesentlich, daß unsere ameritanifd)en Freunde die augenblickliche Lage Frankreichs richtig verstehen. Wir bedauern es sehr, feststellen zu müssen, daß man dc^u neigt, die Sage so hinzustellen, als ob die Petain-Regierung nicht volle Freiheit besitze, ihre eigene Politik zu verfolgen. Diese falschen Informationen sind das Ergebnis einer Propaganda, deren Inspirationen bereits mehrmals die Vereinigten Staaten veranlaßt haben, Verpflichtungen zu übernehmen, die sich nachteilig auf die französischen Interessen auswirkten.
Es ist nicht zu bestreiten, daß wir durch Einflüsse in den Krieg hineingezogen wurden, die nicht ausschließlich französischen Ursprungs waren. D a - lädier wurde kurz nach dem Münchner Abkommen das Opfer eines mächtigen Einflusses, dem er sich nicht entziehen konnte. Frankreich wandte, veranlaßt durch niedrige Motive der Innenpolitik und einem Druck von außen dem Münchner Abkommen den Rücken, und daraus ergab sich, daß es in verhängnisvoller Weise in den Krieg hineingezogen wurde. Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Zusammenkunft in meinem Hause zu Beginn des Frühjahrs 1939 zwischen Pierre Laval und dem polnischen Botschafter Lukasiewicz. Laval beschwor den polnischen Botschafter, seine Regierung zu einer
klugen und vorsichtigen Polttik zu veranlassen. Der polnische Botschafter erwiderte verächllich: „SB ir werden Sie zwingen, Krieg zu füh» renl"
Auch der amerikanische Botschafter Bullitt übte einen großen Einfluß auf Daladiers Entscheidungen aus, in Form von Informationen und Ratschlägen, die falsch und schleckt waren. Eknige Tage vor Ausbruch des Krieges yatte der englische Botschafter in Berlin eine Unterredung mit Hitler, nach der nach London ein Plan gesandt wurde für eine friedliche Beilegung aller englisch-deutschen Streitfragen. Das englische Kabinett beriet 48 Stunden lang und schien geneigt, eine positive Antwort darauf zu erteilen. Von den Polen erfolgte daraufhin sofort eine lebhafte Reaktion gegen ein sogenanntes „Imstichlassen"; ich glaube, daß in dieser Reaktion die Spur eines starken Einflusses zu entdecken ist, der von einer hohen amerikanischen Persönlichkeit ausgeübt wurde. Außerdem wurde dem Chef der französischen Regierung, der noch immer zögerte, von denselben Kreisen aus täglich erzählt, er riskiere nichts, wenn er sich in einen Krieg einlasse, da das nationalsozialistische Regime keinen wirklichen Widerstand leisten könne und der Sieg sicher sei.
Das ist es, was wir als falsche Informationen und schlechte Ratschläge bezeich. nen. Wir wissen heute, wohin uns das geführt hat. Ein vollkommenes Mißverstehen der wirklichen Verhältnisse sollte nicht zu einer Verlängerung des Konfliktes und zu neuen Katastrophen führen. Aus diesem Grunde hoffen alle wahren Franzosen, die ihr Vaterland lieben und wirkliches Verständnis für den Verlauf der Geschicke aufbringen, daß das amerikanische Volk die gegenwärtige Situation gerecht beurteilen und allen schlechten Ratschlägen und falschen Nachrichten mißtrauen wird, die in der Vergangenheit so viel Böses angerichtet haben.
e r ft |eit heute den Engländern zur Verfügung. Warum soll man daher von einer veränderten Lage sprechen. Das italienische Volk läßt sich durch Drohungen dieser Art nicht einschüchtern. Es weiß, daß die italienische Luttabwehr äußerst wirksam ist, so daß es den englischen Fliegern nicht leicht fallen dürfte, die Drohungen in die Tat umzusetzen.
DasSomhardemenlvonSaioniki
Mailand, 5. Nov. (Europapreß.) Die Blätter geben Berichte von Flüchtlingen aus Griechenland wieder, die an der jugoslawischen Grenze ein» getroffen sind. Sie versichern, Saloniki nach der viertägigen Bombardierung gern verlassen zu haben. Besonders a m l e tz t e n Sonntag sei der Luftangriff schrecklich gewesen. Sobald die ersten Bomben emgoschiagen seien, habe sich die Bevölkerung in die größeren Gebäude im Hafenviertel geflüchtet, well diese einen größeren Schutz böten als die übrigen meist einstöckigen Häuser. Die Angriffe hätten sich hauptsächlich g e g cn den Bahnhof gerichtet, der schwer beschädigt worden sei. Ferner seien die Hauptpost und die Vorortbahn- Höfe zerstört worden. Das Leben fei in Saloniki sehr schwer geworden. Die Bevölkerung verlasse die Häuser nur noch für die dringendste ©infäivfe. Man könne nur wenige Fahrzeuge au [treiben, da Privat- kraftwagen und Taxen für das griechische Heer requiriert seien. Der Eisenbahnverkehr sei eingeschränkt. Sell mehreren Tagen sei kein Schiff mehr im Hafen eingelaufen. Kaffee und Zucker feien aus allen Läden der Stadt verschwunden und Fleisch werde nur noch an zwei Tagen der Woche verkauft.
Die ifalienifdjen A-Voote im Atlantik.
R om, 5. Nov. (Europapreß.) Die Zusammenarbeit Deutschlands und Italiens auf maritimem Gebiet behandelt Gayda im „Giornclle d'Jtcllia". Die Zusammenarbeit spiele fick vor allem im Atlantischen Ozean ab und sei gegen den englischen Seeverkehr sowie gegen die Lieferungen nach der englischen Insel gerichtet. Den italienischen
U-Booten falle nun die Ausgabe zu, jene See* gebiete zu kontrollieren, die am weitesten entfernt von den deutschen Operationsgebieten liegen. Diese italienischen U-Boote kontrollierten daher die Schiffswege von England nach Jbero. arnerika. Natürlich seien oiese Wege von England verlegt worden. Aufgabe der italienischen 11- Boote fei es daher zunächst gewesen, die neuen Schifssweae festzustellen und die Gebiete abzugrenzen, in denen sich der Hauptteil des englischen Schiffsverkehrs nach Iberoamerika abfpielt. In vielwöchiger Arbeit sei diese Aufgabe vollständig gelöst worden.
Schon bei dieser ersten, der Aufklärung dienenden Phase habe es, so fährt Gayda fort, die italienische U-Bootswaffe nicht an Angriffen fehlen lassen. So habe der Bericht vom 12. September die Versenkung von 27 000 BRT. feindlichen Schiffsraumes im Atlantischen Ozean melden können. Am 13. September sei von weiteren 18 000 BRT. berichtet.worden und am 19. September habe man von 5800 BRT. melden können. Schließlich sei nun Dienstag die Versenkung von weiteren 24 000 BRT. be» fanntgegeben worden. Die zweite Phase der Tätigkeit der italienischen U-Boote im Atlantischen. Ozean habe begonnen.
Intensivierung des rumänischen Ackerbaus.
Bukarest, 5. Nov. (Europapreß.) Die rumänische Regierung hat einen deutschen Vorschlag, Rumänien tausend Traktoren zu liefern, angenommen. Wie der Generalsekretär im Landwirtschaftsministerium, Chirulescu, Pressevertretern erklärte, wird, damit im Frühjahr kein Stück Land unbebaut bleibt, eine große Feldbestellungskampagne durchgeführt werden. Schon jetzt werde mit der Ausbildung von Traktorenführern in einer großen Schule, die mit Hilfe deutscher Unternehmungen am Stadtrand von Bukarest eingerichtet worden sei, begonnen. Für jeden Traktor würden fünf bis sechs Führer ausgebildet, um im Frühjahr — notfalls in Tag- und Nachtarbeit — die drei Millionen Hektar Ackerboden, über die Rumänien verfüge, zu bestellen.
Holländisches Glockenspiel.
Von $. M. Huebner, im ßaag.
Die Holländer sind kein sangesfreudiges Volk. „Frisia non cantat“ (Die Friesen singen nicht) ist eine Feststellung schon ans dem Mittelalter. Das Leben verläuft hier zu mühsam, auch zu eintönig, als daß die Menschen verlockt wären, frank und frei ihre Arbeit, ihre Verrichtungen mit Gesang zu begleiten. Wenn die deutschen Häusdedienten, die seit oem Kriegsende in Scharen nach Holland strömten, bei ihrer Händearbeit fingen, nämlich um sich die Mühsal zu versüfeen oder gar sie vergessen zu macken, so erregt das bei den holländischen Hausstandsangehörigen immer wieder Verwunderung.
Was sie selber nicht tun, das haben die Holländer ihren Kirchentürmen übertragen, denn ohne Gesang, ohne Musik und Wohlklang kann der Mensch nun einmal nicht leben. Sie haben in den Kirchtürmen, den Rathaustürmen, den Beifrieden Glockenspiele aufgehängt, diese tun innerhalb der niederländischen Landschaft Dienst als Wohlklangverteiler. Sie tun es viertelstündig, aber es gibt Türme, wo auch die Hälfte der Viertelstunde durch Glockenmusik bekannt gegeben wird. Infolge der Zusammenkopplung dieser Musik mit dem Gang der Weiser auf dem Zif- ferblatt steht es also so, daß sich in den Niederlanden der Gang der Stunden musikalisch verlautbart. Die Zeit singt. Das Beängstigende, was im Dahinrinnen und dem Niewiederkehren der Zeit beschlossen liegt, wird auf diese Weise überdeckt und beinahe aufgehoben. Der Mensch, nach dem Stundenschlag lauschend, empfängt zu diesem ein kleines Lied, einen Strauß von Wohlklang als tröstende Zugabe.
Es war in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts, da die Türme in den Niederlanden von Friesland bis nach Dünkirchen mit Glockenspielen ausgerüstet wurden. Auch vorher gab es natürlich schon Glocken, aber diese wurden mit einem Seil in schwingende Bewegung gebracht, bis der Klöp. pel anschlug. Beim Glockenspiel sind die Glocken fest und unbeweglich aufgehängt. Der Klang wird ihnen nicht durch einen klöppel entlockt, sie haben gar keinen. Die Rolle des Klöppels wird hier von Hämmern übernommen, die, fei es von innen, fei es von außen auf den Glockenmantel aufschlagen. Die Hämmer sind wieder mit Drähten verbunden,
die ihrersetts zu der Betriebsstelle laufen, von wo aus an den Drähten gezupft unb dadurch bas Hämmerwerk in Bewegung gefetzt wird.
Die Betriebsstelle, das ist entweder eine mit Stiften stachelig besetzte Walze die sich dreht unb beim Drehen mit den Stiften an den Drähten reißt (Zylinderglockenspiel) ober es ist eine Klaviertastatur. Im ersten Falle handelt es sich um eine mechanisch arbeitende Betriebsstelle, denn die Walze dreht sich wie bei einer Spieluhr, wenn sie aufgezogen wird, von allein. Im zweiten Falle wird die antreibende Kraft durch den Menschen geliefert, durch einen Musiker, der die Tastatur und die darunter angebrachten Pedale mit Fingern und Füßen traktiert. Die Tastatur umfaßt zumeist drei Oktaven. Die Pedale stehen mit den größten, also den tiefen Baßglocken in Verbindung, denen Töne zu entlocken ein besonders kräftiger Anschlag nötig ist.
Die mechanische Anschlagweise findet ihre Verwendung für die Hervorbringung jener Musik, die alle Viertelstunden oder in noch kleineren regelmäßigen Abständen aufklingt. Es sind Kirchenlieder, Volksgesänge, Teile aus klassischen Musikstücken, mit welchen die Zeit in Holland ihren, Fortgang verkündet. Alle Vierteljahre werden die Lieder durch neue ersetzt, was in der Weise geschieht, daß man den Stiften auf der Walze neue Plätze gibt. Zu diesem Behufe sind die Walzen mit Löchern versehen, deren Zahl bei einigen Walzen bis in die Fünfzigtausend geht. An ihren neuen Plätzen bringen natürlich die Stifte, indem sie beim Drehen der Walze an den Zuführungsdrähten zu den Hämmern zupfen, neue Weisen hervor.
Die Inbetriebsetzung des Glockenspiels durch Menschenhand erfolgt an den Markttagen des betref- senden Ortes und an den hohen kirchlichen und vaterländischen Festtagen. Dann ersteigt der Organist, der gewöhnlich den Dienst an der Orgel zu versehen hat und in der Stadt anderen musirpäda- gvgischen Pflichten nachgeht, den Turm und gibt eine Stunde lang und länger ein Glvckenkvnzert. Sein Platz ist dabei die Glockenstube unterhalb des Gestühls, wo die Glocken aufgehängt sind, zu diesen führen die Derbindungsdrähte von der Tastatur aus rechtwinklig empor.
In Holland sieht man es häufig, daß die Glocken nicht in ihrem eigenen Glockenraum sondern an der Außenseite des Turms, wie ein Kranz um die- fen herum, angebracht sind. Die Glocken erfüllen
agf diese Weife eine Obliegenheit als bauliches Schmuckstück, leiden jedoch dabei binsichllich chrer eigentlichen musikalischen Aufgabe. Denn außen und kreisförmig aufgehängt, können die Glocken kein rechtes Zusammenspiel entwickeln; die Töne zerstreuen sich; sie werden vom Winde je nach der Windrichtung entführt, in der sie angebracht sind. Anders bei den innerhalb der Kuppel aufgehängten Glocken. Hier kann der Organist die Glockentöne zu wirklichen Akkorden binden \inb die Akkorde als einzige dröhnende Klangmasse in den Raum hinaussenden. Aus diesem Grunde sind in letzter Zeit in Belgien sowohl wie in Flandern die Spieltürme zum Teile umgebaut und die Glocken in das Innere der Turmlaterne hineingenommen worden. Dies ist vor allem auf Betreiben von Ief D e n i \ n geschehen, des anerkannt besten Glöckners (Klokke- nist), den die Glockenspielkunst heute besitzt.
Jes Denijn ist in Mecheln auf dem dortigen St. Romoaldsturm tätig. Er hat seine Kunst und seinen Posten von seinem Vater übernommen, der an der gleichen Stelle Organist war. Hier hat Denijn die Reformen für die vielfach vergessenen oder in Geringachtung geratene Kunst des Glockenspiels ausgearbeitet, hier hat er auch die erste Lehranstalt für das Glöcknerfach ins Leben gerufen. Die Lehrlinge werden außer in der Kenntnis ihres Jn- ftruments in der Geschichte desselben unterrichtet, so daß sie auch um die Kunst des Glockengusses Bescheid wissen müssen.
Die schönsten Glockenspiele der Niederlande stammen von den Brüdern H e m o n y , zwei von Lochringen abkünftigen Glockengießern, die in der Mitte des 17. Jahrhunderts die meistgesuchten Lieferanten für Glockenspiele waren. Die Kunst geriet jahrelang in Vergessenheit und ist erst kurz vor dem Weltkrieg neu ausgenommen worden.
Zur vollen Entfaltung der Glockenmusik gehört ein feiner, möglichst ebener Umkreis. Und eben der findet sich in den weiten Niederungsflächen der Niederlande. Hier im grenzenlosen Raume kann sich das andere Grenzenlose, die Zeit, klanglich ausleben. Hier kann sie fingen, hier kann Gesang von den Ohren der Menschen vernommen und in ihrem Gemüte bewegt werden. Denn um den Gescmg der Zeit zu vernehmen, muß man selber Zeit haben. Diese aber hat man auch heute noch m Holland mehr denn anderswo.
Merkwürdiger Fischfang.
Eigenartige Formen der Fischerei, die aber von einer guten Beobachtung der Tierwett zeugen, haben sich in den verschiedensten Gegenden der Welt entwickelt, von denen Dr. Rudolf H. Fritsch in einem Aufsatz über biologische Beobachtungen in der Fischerei, den er in der Frankfurter Wochenschrift ,/Die Umschau" veröffentlicht, einige Beispiele anführt. Eine der seltensten Erscheinungen dürfte der Fang durch Darbieten einer geeigneten Wohnung bilden. Italienische Fischer legen, um Kraken zu fangen, die als Nahrung sehr geschätzt werden, abends auf dem Meeresgrund an langen Seinen reihenweise Tonvasen auf, die im Laufe des Vormittags wieder eingezogen werden. Die Polypen suchen diese Gefäße, die teilweise mit einigen lockeren Scherben gefüllt sind, als Willkommens Verstecke auf und werden darin heraufgezogen. Dasselbe Fangverfahren wird auch an der Küste Süd- faliforniens in der Gegend von Corona del Mar viel geübt, wohin es ausgewanderte Italiener mitgebracht haben. Ebenso machen sich die Japaner den starken Hang der Oktopoden zum Versteck zunutze, indem sie größere Tonurnen an Tauen auf den Seegrund lassen.
Die Neapolitaner betreiben in ihrem Golf den Fang männlicher Tintenfische mit Hilfe eines angeleinten Weibchens. Das Weibchen schwimmt scheinbar frei herum und lockt die in der Nähe vorüber- kommenden Männchen an, sich an ihm festzuhalten, worauf jene mit ihm ans Boot gezogen werden. Auf dem gleichen Grundsatz beruht ein Fangverfahren auf Karettschill^röten, das Dominikanische Fischer an den Küsten Haitis ausüben. Sie bieten Öen umherschwimmenden Schildkrötenmännchen aber nur noch ein genau nachgebildetes Holzphantom eines Weibchens an. An ihrer Küste dehnen sich bei Puerto Plata lange Strecken von Sandstrand in stachen Buchten, die durch vorgelagerte Riffe vor schwerer See geschützt sind. Hier wird das Modell des Schildkrötenweibchens zu Wasser gebracht und in Sichtweite vom Lande verankert. Rings herum werden feine, aber sehr feste Netze vom Grunde aus bis dicht unter die Wasseroberfläche ausgespannt. Bemerkt nun der Fischer von seinem Beobachtungsstande aus ein Schildkrötenmännchen, bas sich um das vermeintliche Weibchen bemüht so rudert er schnell darauf zu, und die männliche Schildkröte verfängt sich wegtauchend in den Netzens


