Aus der Stadt Gießen.
434 Erbhöfe im Kreis Gießen.
Kirschenversteigerung.
Es nxrr ein schöner, sonniger Tag, als ich mit dem Rad hinausfuhr in ein naheliegendes Dorf, um mich nach unserem kleinen Patenkind umzusehen, das geimpft worden war. „Gerade", sagte die Frau, als ich ankam, „habe ich eine Spinne gesehen und dachte: wer wird da heute noch kommen?" Es war mir gar nicht recht, daß mein Besuch mit einer Spinne in Zusammenhang stehen sollte, aber was war da zu machen! .
„Sie kommen gerade recht", sagte die Frau weiter, nachdem ich mich nach dem Kind erkundigt hatte, „heute ist Kirschenversteigerung!"
Die Gemeinde besitzt eine ganze Menge .Kttsch- bäume, die jedes Jahr, wenn die Früchte reif sind, versteigert werden. .
Wir machen uns gleich auf den Weg. Vorbei an einem alten Brunnen, geht es auf einem holprigen Weg zum Wald hinauf, vor dem das Baumsttick Liegt. Von dort hat man einen herrlichen Blick über das Dorf, das sich um seine hochgelegene Kirche schart. Soweit das Auge reicht sind Wiesen, Felder, Wasd,und in der Ferne die Berge. Gießen ist hinter einem Waldstück in einer Senke verschwunden, nur einige Turmspitzen sind noch zu sehen. Wundervoll ist die Sttlle, der Wind weht sacht und die Sonne scheint warm. _
Wir haben die Kirschbäume, die mit Nummern gezeichnet sind, alle mit Kennerblicken auf Menge und Güte ihrer Früchte geprüft, nun sitzen wir im kurzen Berggras, das nur hier und da ein Blümchen trägt, mal eine rote Kleeblume ober eine gelbe. Ganz stark duftet der Thymian. Auf einmal wird es um uns lebendig: ganze Rudel Kinder kommen wie hungrige Wölfe aus dem Wald hervor, sie wissen, daß der Feldschütz jetzt bei der Versteigerung weiter unten zu tun hat, und sie daher noch einmal ohne Gefahr einen Raubzug wagen dürfen. Da hilft kein Pfeifen ober Schelten. Erst als die hohe Obrigkeit in Gestalt des Bürgermeisters, des Ortsbauern- führers und des Feldschützen näher kommt, gefolgt von vielen Leuten, alt und jung, verschwinden sie lautlos.
Jetzt geht die Versteigerung hier weiter. Die Nummer eines Baumes wird aufgerufen unb fein feiner Größe entsprechender Bettag. Dann fängt das Bieten an, bis der Zuschlag erfolgt. Nachdem der Name des Steigerers aufgeschrieben ist, geht's zum nächsten Baum.
Ein kleines Bäumchen, übervoll mit dicken, Hellen Kirschen, wird eben versteigert; befriedigt lächelt die Frau, die es bekam. Sogar Soldaten sind unter den Bietenden. Ein Baum wird nicht versteigert, sondern von der Gemeinde den Verwundeten eines Lazarettes geschenkt.
Nun wird die Nummer aufgerufen, die wir uns gemerkt hatten. Es ist ein schöner gleichmäßiger Baum, nicht zu hoch zum Pflücken, mit großen, dunklen Kirschen. Werden wir ihn bekommen? Unsere Blicke umfassen ihn begehrlich. Es wird geboten, immer zwanzig Pfennige geht es höher. Da wird zugeschlagen: wir haben ihn, wir haben ihn!
Jetzt werden Leitern und Körbe geholt, überall auf dem Kirschenberg hat das Ernten angefangen. Das ist nun keine leichte Aufgabe: bis schon die große Leiter steht! Dann klettert man hinauf ins Grüne, und die ersten Früchte kollern in den Korb, den man an einen Haken vor sich gehängt hat. Die Kinder unten aber lauern, ob auch für sie was abfällt. Hallo! Aufgepaßt! Es kommt was!^
Dornotizen.
Tageskalender für Samstag.
Die Deutsche Arbeitsfront NSG. „Kraft durch Freude": 20 Uhr im Stadttheater Hochzeitsreise ohne Mann". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Fuchs von Glenarvan". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ein ganzer Kerl". — Artilleristen-Kame- radschaft von 1895: 20.30 Uhr Kameradschafts- Appell mit Dorttag.
Tageskalender für Sonntag.
Gloria-Palast (Seltersweg): 11 Uhr Wochenschau- Sondervorstellung „Waffenruhe im Westen". — „Ser Fuchs von Glenarvon . — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Ein ganzer Kerl". — Oberhessischer Gebirgsverein: 8.25 Uhr Abfahrt nach Niederwalgern zur Hauptversammlung in Marburg.
Interessante statistische Erhebungen.
In sieben Jahren nationalsozialistischer Agrar- Politik wurden rund 90 000 neue Erbhöfe geschaffen. Bei diesen und allen übrigen Bauernhöfen handelt cs sich um nur wirklich leistungsfähige Höfe, die nicht nur krisenfest sind, sondern ihre volksbiologi- chen und volkswirtschaftlichen Aufgaben in weitestem Umfange erfüllen. Das Reichserbhofgesetz setzt als Mindestgröße eines Erbhofes nicht eine bestimmte Bodenfläche fest, sondern verlangt, daß der Erbhof mindestens eine „Ackernahrung bilden soll, um eine Familie unabhängig vom Markt und der allgemeinen Wirtschaftslage zu ernähren und zu bekleiden, sowie den Wirtschaftsablauf des Erbhofes zu erhalten hat". Die obere Grenze für den Betriebs- umfang eines Erbhofes ist dagegen mit 125 ha festgesetzt und sie wird nur in Ausnahmefällen überschritten.
Zu Beginn des Wirtschaftsjahres 1939 verzeichnete die Erbhöferolle für unseren Kreis Gießen folgendes Ergebnis. Diese letzte amtliche Erhebung des Statistischen Reichsamtes ist in zehn Größengruppen aufgeteilt. Von den insgesamt 434 Erbhöfen m t t einer Gesamtfläche von 4 6 44 ha waren 57 Erbhöfe unter 7,5 ha mit
wir, daß inner*
An dieser Aufstellung erkennen halb unseres Kreisgebiets zahlenmäßig die Erbhofe mit einer Betriebsgröße von 7,5 bis 10 ha am stärksten vertreten find. Jrn großen ganzen kann die Aktion der Schaffung von Erbhöfen im Altreich als abgeschlossen betrachtet werden, wenn auch hier und dort noch vereinzelte Gehöfte als Erbhöfe nachträglich anerkannt werden, die durch Landaufteilung ober Landzukauf die erforderliche „Ackernahrung für eine Familie" erhielten. E. C—s.
einer Gesamtfläche von 395 ha. Erbhöfe über 125 ha gab es nicht. Die übrigen Betriebsgrößengruppen hatten an Höfen und an Gesamtfläche folgendes Ergebnis aufzuweisen:
Hofgruppe:
Hofzahl:
Gesamtfläche:
7,5—10 ha =
215
mit
1838 ha
10—15 „ =
133
,,
1573 „
15—20 „ =
21
„
359 „
20—25 „ -
2
„
43 „
25—50 „ -
2
72 „
50—75 „ --
1
w
51 „
75—100 „ -
1
n
91 „
100—125 „ -
2
n
222 „
Die NSV. und ihre Aufgaben.
Werbung durch einen Rechenschaftsbericht des Gaues Hessen-Nassau.
Der Geist des Führers, der die Nationalsozialistische Deutsche Arbeiter-Partei erfüllt und ihr immer neue Impulse verschafft, wirkt sich auch in allen ihren Gliederungen aus. In vielfältiger Weise und für fast alle Gebiete unseres völkischen, nationalen und wirtschaftlichen Lebens ist dieser Geist von ausschlaggebender Bedeutung und bestimmt das Ausmaß und die Art aller Arbeit. Dies gilt insbesondere auch für die NS.-Volkswohlfahrt, die es sich seit Jahren angelegen sein läßt, unmittelbar praktisch im Dienst der Volksgemeinschaft zu stehen. In einer Zeit, in der der Arbeitsbereich der NSV. sich immer mehr erweiterte, nicht zuletzt dadurch, daß deutsche Volksgenossen jenseits der Reichsgrenzen in das Mutterland einbezogen wurden, tritt nun die NSV. mit einer großzügigen Werbung hervor und gibt vielen Volksgenossen ein Heft mit vielen Bildern an die Hand, aus dem in aufschlußreichen Zahlen zu erkennen ist, in welch großem Umfang die NSV. in den vergangenen Jahren für die Volksgemeinschaft wirksam gewesen ist. Der Schrift, der ein Vorwort des unlängst vor dem Feind gefallenen Gauamtsleiters Haug vorausgeschickt ist, sei das Wesentlichste entnommen.
An erster Stelle wird das Hilfswerk „Mutter und Kind" genannt. In 1264 Hilfsstellen der NSV. im Gau Hessen-Nassau wird den Müttern, wie auch den werdenden Müttern, jeglicher Rat gegeben und praktische Hllfe zuteil. Das Hilfswerk „Mutter und Kind" dient vor allem der Fürsorge für Mütter, Säuglinge und Kleinkinder, es betreibt die Fürsorge für ledige Mütter, arbeitet mit in der Jugenderholungspflege und kümmert sich außerdem um die Erholung für überanstrengte Mütter. Im Gan Hessen- Nassau gibt es allein sechs eigene Mütter-Erholungsheime, von denen drei sich im Taunus, zwei im Odenwald und eines im Kreis Gelnhausen in landschaftlich wie auch klimatisch bevorzugter Lage befinden.
Eine umfangreiche Arbeit wird für diejenigen Kinder geleistet, deren Mütter sick durch angestrengte berufliche Arbeit oder durch die Arbeit in der Landwirtschaft nicht genügend um ihre Kinder bemühen können. Im Gau Hessen-Nassau werden dafür 320 Dauer-Kindergärten, ferner 66 Ernte- Kindergärten und in weiteren 120 Gemeinden sog. „Spielringe" unterhalten. Für die Schuljugend wird eine eifr ge Jugenderholungspflege betrieben. Für diesen Zweck sind sechs eigene Jugend- Erholungsheime geschaffen worden, die sämtlich neuzeitlichen Ansprüchen genügen. Außerdem ist ein Knaben-Uebungslager eingerichtet worden („Rim- didim" i. O.), in das jeweils 60 Knaben ausgenommen werden können. Die Besonderheit dieses Heimes liegt darin, daß hier körperlich behinderte Kinder zur vollen Wiederherstellung ihrer Leistungsfähigkeit sportlich durchgebildet werden. Sechs Wochen lang blieben die Knaben in diesem Lager.
Einen außerordentlichen Umfang hat die Kinder- landverschickung angenommen. Die Transporte für die Kinderlandverschickung werden seit dem Frühjahr 1934 betrieben. Der Gau Hessen-Nassau steht dabei in der Aufnahmefreudigkeit an der Spitze. Insgesamt wurden bisher 72940 Kinder auS fremden Gauen aufgenommen. Aus dem eigenen Gau wurden 43400 Kinder verschickt. Darüber hinaus wurden aber auch die Zeltlager der Hitler-Jugend und die Sommerlager des BDM. durch finanzielle Mittel, sowie durch die erforderlichen Zelte unterstützt. Seit 1934 wurden dabei 126530 Jungen in den Zeltlagern der Hitler-Jugend und 44245 Mädchen in den Sommerlagern des BDM. durch die NSV. betreut.
Für die Ad olf-Hitler-Freiplatz-Spende wurde ebenfalls viel getan. Im Gau Hessen-Nassau wurden bis jetzt rund 20000 Urlauber verschickt. Im Jahre 1938 waren im Gau Hessen-Nassau allein 6321 Gastplätze zur Verfügung gestellt worden.
Wenn von der sozialen Betreuung im Rahmen der NSV. gesprochen wird, so darf dabei die Schwe- fterntätigfeit nicht übersehen werden. Die NSV. setzt die NS.-Sch Western in erster Linie dort ein, wo Notstände besonderer Art ihre Hilfe erforderlich machen. So bestehen im Gau bereits 120 NS.- Schwestern-Stationen. Zur Ausbildung des Nachwuchses stehen der NSV. vier Schwestern- Pflegeschulen und zur Unterbringung der Jung- schwestern zwei eigene JungschWesternheime zur Verfügung.
Die NSV. hat aber darüber hinaus ihren Einfluß auch auf das Gebiet der Krankenpflege ausgedehnt. Im Reichsbund der Freien Schwestern und Pflegerinnen werden durch die NSV. alle diejenigen Schwestern erfaßt, die in der freien und privaten Krankenpflege tätig sind. In der Krankenpflege sind es zur Zeit rund 300 und in der Säuglingspflege rund 150 Schwestern.
Durch das Rhön-Hilfswerk wurden in Notstandsgebieten fünf Gemeindehäuser errichtet, in denen Schwesterstationen und Kindergärten untergebracht sind. Die NSV. schaltete sich außerdem in das Siedlungswerk ein. Mit ihrer Unterstützung wurden 70 Siedlerstellen finanziert. Durch die Siedlerhilfe der NSV. wurde außerdem in 260 Fällen die Restfinanzierung ermöglicht.
Eine weitere große Aufgabe sieht die NSV. in der Gesundheitsbetreuung, im Kampf gegen Rachitis, Tuberkulose Und Zahnkrankheiten. In diesem Zusammenhang wird durch die NSV. auch die Jugendhilfe betrieben, die insbesondere in der Betreuung der Kinder und der Jugendlichen besteht, die durch eine unzulängliche Erziehung des Elternhauses gefährdet sind, oder infolge Erziehungsschwierigkeiten einer besonderen Führung bedürfen.
Ein wesentlich anderes aber nicht weniger wich
tiges Kapitel ist die Aufgabe, die die N^vV. als zusätzliche Maßnahme zur Ernährungswirtschaft mit dem „Ern äh rungs Hilfswerk" übernommen hat. In rascher Entwicklung ist es im Gau Hessen-Nassau auf einen vorbildlichen Stand gebracht worden. 68 Mästereien sind bereits im Betriebe, 12 neue Mästereien sind im Bau. Alljährlich können 12 000 Schweine laufend zur Mast eingelegt werden. Im Jahre 1939 konnten rund 24 000 Schweine im Gau Hessen-Nassau zusätzlich gemästet werden, da im Durchschnitt und im Verlauf eines Jahres mit zwei Mastperioden gerechnet werden
Aber auch in anderer Form hat sich das Winterhilfswerk in den Dienst der Dolksernährung gestellt und insbesondere minderbemittelte Volksgenossen unterstützt. Die NSV. hat im Laufe der vergange-
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nen Jahre insgesamt 100 115 000 Pfundspenden an Nahrungsmitteln im Werte von über 25 Millionen Reichsmark erfaßt und verteilt. An Brennmaterial wurden 8 060 000 Zentner im Werte von 10 Millionen Reichsmark den minderbemittelten Familien zugewiesen. An Kleidungsstücken, Wäsche und Betten wurden Hunderttausende einzelner Stücke vergeben, die einen Wert von nahezu 15 Millionen Reichsmark repräsentierten.
Der große Rechenschaftsbericht der NSV. läßt eindeutig erkennen, daß die soziale Arbeit der NSV. allein schon im Gau Hessen-Nassau eine Einmaligkeit darstellt, und eine Leistung bedeutet, die jeden unvoreingenommenen Volksgenossen mit aller Hochachtung erfüllen muß. In der Leistung dokumentiert sich eine nationalsozialistische Gersteshal- tung, die nicht nur die Organisation an sich ehrt, sondern auch ein schönes Zeugnis der Opferbereitschaft unserer Volksgemeinschaft darstellt, auf der sich diese Leistungen aufbauen.
Streiflichter vom westlichen Kriegsschauplatz.
Die neue Fronkwochenschau.
Die jüngste Frontwochenschau, die ab heute in den beiden Lichtspielhäusern gezeigt wird, bringt, nachdem die Kampfhandlungen abgeschlossen sind, noch einmal einige Streiflichter, die erkennen lassen, mit welcher Gewalt der Krieg über Frankreich hinweg- ging und wie vollständig der Sieg war, der in 39 Tagen über das phantastisch gerüstete Frankreich erfochten wurde. Die Bilder führen uns nun an die Straßen der Flüchtlinge, an die Stätten des Elends, das die Plutokraten über das französische Volk gebracht haben. Man sieht die vielen heimatlosen Frauen und Kinder an den Straßenrändern sich ihr schmales Essen kochen — und diesen Bildern folgen bann die Aufnahmen vom Einsatz der NSV., die die vorgefundenen Lebensmittelvorräte gerecht verteilt und so dazu beiträgt, die Not zu lindern. Und diesen Bildern wieder folgen die Aufnahmen von den enlosen Kolonnen der Luxusautos der Plutokraten, die sich zu retten versuchten und zu Fuß über die Grenzen gehen mußten, weil ihnen das Benzin für ihre Kraftwagen ausgegangen war.
Ein Stück Weltgeschichte erlebt man in den Bildern von der Fahrt des Führers durch Paris. Mit Erschütterung sieht man anderseits wieder die Auswirkungen der englischen Fliegerangriffe auf deutsche Städte, auf Wohnviertel, auf nichtmilitärische Ziele. Noch viele andere Einzelheiten bringt diese neueste Wochenschau, die sich würdig den vorhergegangenen anreiht und das Bild rundet, das der Film überhaupt von diesem gigantischen Feldzug vermitteln konnte. 1 H. L. Neuner.
Keine Spur von HM.
Roman von Lharlotte Kaufmann.
35 Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
„Steigen Sie ein, Frau Krug."
Die Bettina sprang leichtfüßig in den Kahn. Sie besaß ttotz ihrer fünfunddreißig Jahre noch alle chre Behendigkeit von früher.
Langsam knüpfte Sibylle das Tau los. Ihre Gedanken wanderten hinter Joachim und feiner fürsorglichen Angst her. Dann erinnerte sie sich plötzlich, daß sie hier, an derselben Stelle, an der nun .Wassili' so getreulich schaukelt, vor Jahren mit Detlef Krebse gefangen hatte, kleine runbe Taschenkrebse. Im Spätsommer im September, mit Dem Kescher eines Fischerbootes. Detlef ... war es je möglich, ihn zu vergessen? War es je möglich, diese Liede zu vergessen, die ihr Herz angefüllt hatte bis zum Rande? War es je möglich, zu vergessen, wie glücklich sie gewesen war?
Der Motor schnurrte. Der Bug des Bootes preßte das Eis zur Seite. Die Bettina steckte die Hände in die Aermel ihres Mantels.
„Häßliche Kälte", sagte sie.
Sibylle nickte. Langsam drehte sie das Steuerholz.
„Haben Sie etwas besorgt in der Stadt?"
Die Bettina nickte. „3a. Ich habe mich ein wenig umgesehen. Ich will mir einen Laden kaufen, wissen Sie. Gleich hinter der Klinke. Neben der Post."
„Einen Laden?" staunte Sibylle. „Ja, Sie haben doch so einen netten Laden in Sörup?"
„Ja, ach ja. Das schon." Die Bettina neigte den Kopf zur Seite und lächelte im Wind. „Aber der in der Stadt ist eben doch schöner. Und größer, viel größer. Der wirst auch mehr ab."
„Natürlich." Sibylle nickte.
Langsam stieß sich der Kahn durch das Eis, das auf den Wellen schaukelte.
„Einmal hat man es eben satt, immer allein in seinem Haus zu sitzen", sagte die Bettina erklärend, „mein Mann ist ja schon so lange tot. Und Sörup.. immer nur Darup. Ach nein, man ist zu einsam."
Wieder nickte Sibylle.
„Sie können mir das sicher nachfühlen. Und das bißchen Arbeit, das man yat, genügt einem dann nicht mehr."
„Was wird denn Huich sagen, wenn Sie plötzlich Ohr Haus und Ihren Laden in Sörup aufgeben und
in die Stadt ziehen? Wer wird denn seinen Haushalt führen?"
„O Gott", die Bettina vergaß die Kälte, nahm die Hände aus den Aermeln und machte eine weite Handbewegung. „Gott ... Huich muß dann eben heiraten."
„Haben Sie ihm das gesagt?"
„Ich werde es ihm noch einmal sagen."
„Nun ja, er sollte wohl heiraten. Sie haben schon recht." Sibylle starrte geradeaus. Sie lenkte „Wassili" in eine freie Fahrrinne. Sas Eis schimmerte von rechts und links. Bei der Schwentinemündung knatterte ein großes Motorboot. Sonst war wenig Leben auf dem Wasser.
Auf der Steuerbordseite sah man am Ufer Lichter. Sas waren die Villen von Heikendorf und Möltenort.
„Wir bauen uns ein Haus in Heikendorf, oder wo du sonst willst!" hatte Joachim gesagt. Joachim! O ja, sie liebte ihn. Aber hatte sie ein Recht dazu, seine Frau zu werden? Das Recht?
Sie Bettina hatte ihre Hände wieder im Mantel versteckt.
„Sie Leute in Sörup reden davon, daß er Weihnachten mit der Gesine Wing in der Stadt aus gewesen sei."
„Wer?" fragte Sibylle. „Ach so, Huith. Karsten Huith. Mit der Gesine Wing?"
„Aus Teek. Jawohl. Das ist doch ein nettes Mädchen."
„Sie Leute reden immer soviel. Sie reden so viele Singe auseinander."
„Das mag wohl stimmen", gab die Bettina zu, „aber manchmal reden sie auch etwas zusammen." Sie saß groß und stark auf der Ducht und schaukelte hin und her. „Manchmal reden sie auch etwas zusammen", wiederholte sie sicher. „Sie haben auch etwas Gutes, die Leute. Man kann nun eben einmal nicht immer alles im Leben tun, was man will."
„Was man will...", sagte Sibylle leise. „3a, was man will, das kann man fetten tun."
„Das ist auch gut so. Das Beste im Leben sind die Pflichten."
Sibylle lächelte bescheiden. „Sie haben strenge Ansichten, Betttna."
„Die bekommt man mit der Zeit."
„Und fühlen sich wohl dabei?"
„Doch, natürlich."
Schon schob sich das Licht des Leuchtturms von Perl heran. Seine Scheinwerfer griffen wie Polypenarme in die Dunkelheit hinein. Sibylle fror
längst wieder. Ihr Blut gerann zu Eis unter dem scharfen Ostwind.
Aber auch Bettina saß mit rotem Gesicht da und zitterte, während sie hinaufstarrte zu dem Turm. Nun würde sie also einen Laden kaufen drinnen in der Stadt. Ser Schlachter von Sörup hatte bereits Interesse für ihr kleines Haus. Er würde es übernehmen. Sas Haus, in dem sie verheiratet gewesen mar, in dem sie mit ihrem Mann viele Jahre gelebt hatte. Das war dann vorbei. Sie Erinnerung würde vergehen.
Breit dehnte sich hinter dem Leuchtturm von Perl die Forde. Wild pfiff der Sturm über das hüpfende Boot Sonst war kein Schiff und kein Kahn mehr hier draußen.
„Wir müssen nach rechts hinüber halten, nicht wahr", sagte Bettina und drehte sich um.
Es war jetzt in den Pausen des Scheinwerfers sehr dunkel um sie. Nur ganz in der Ferne waren winzige Pünktchen zu erkennen. Sas Leuchten aus Bülk drang noch kaum bis zu ihnen.
,^Ja", erwiderte Sibylle, „bald".
„Wenn man hier draußen kentert, dann merkt das niemand", sprach die Bettina.
„Nein, niemand. Bis morgen. Morgen würden wir fehlen."
„Meinen Sie, daß wir fehlen wurden? Wir beide." Sie Betttna lachte plötzlich. „Wir beide... jede haust einsam in einem kleinen Haus. Mir scheint, es würde einige Zeit dauern, bis man uns suchen käme."
,Huith würde doch sofort merken, wenn Sie nicht aufräumen bei ihm, und die Leute von Sörup würden schauen, wenn der Laden zubliebe."
„Sesmegen vielleicht." Bettina sah plötzlich bitter aus. „Und zu Ihnen kommt ja manchmal der fremde Herr, dem Sie mich vorhin am Hafen vorgestellt haben. Ein eleganter Herr."
Das Steuerholz in Sibylles klammen Händen schlug schwer. Sie mußte ihre ganze Kraft aufwenden, um es festzuhalten. Meer und Himmel waren jetzt eins. Kein Trennungsstrich war mehr am Horizont zu erkennen. Und da tanzten sie inmitten schwarzer Unendlichkeit in einer Nußschale von einem Boot.
„3d? soll ihn heiraten", sagte Sibylle plötzlich.
„Den Herrn?"
„3°."
„Und Ihr Mann?... Ist er jetzt tot?"
„Das, Frau Krug, weiß ich nicht."
,-So... bann werden Sie sich wohl scheiden lassen?"
Bettina war nicht zu sehen in der Dunkelheit. Man hörte nur die Stimme, und die war zerrissen von den Stößen des Windes.
„Was würden Sie tun?" rief Sibylle laut, als wollte sie nicht nur die Bettina, sondern das ganze Weltall fragen.
Es kam nur ein kurzes Auf lachen zurück, das sollte heißen: Weiß ich's? Solche Singe muß jeder mit sich selber ausmachen.
Bei Gott, die Betttna mußte das ja auch. Sie konnte auch niemanden fragen in ihren Kümmernissen. Sie mußte auch fertig werden mit ihren Nöten und selbst Entschlüsse fassen.
Heulend zwang der Sturm das Meer in die weite Bucht hinein. Sie Wellen strömten gegen die Küste, warfen sich hoch hinauf auf die Ufer, rauschend, donnernd. Es war ein gewaltiges ßieb, cm- schwellend, verebbend und wieder anschwellend, der harte Schlag eines gigantischen Herzens.
„3d) glaube, da drüben ist das Licht der Mole von Teek", sagte die Betttna und starrte in die Weite.
Sibylle drehte das Steuer. „Haben Sie schon nasse Füße?" fragte sie. „3ch glaube, wir müssen ausschöpfen."
Sie Betttna nickte. ,X3ebeh Sie den Eimer her." Emsig schüttete sie das überkommende Wasser über Bord. „Sie haben wohl nie Angst, mit so einem winzigen Boot übers Wasser zu fahren."
„Angsk? Weshalb sollte ich Angst haben? Ich bin schon durch stärkere Stürme gefahren."
Sie war durch manche Stürme gefahren mit Settef, durch manche Nacht. Er war oft verwegen gewesen und oft leichtsinnig. Wenn er Lust dazu hatte, bann waren sie mit dem Kahn „Wassili" hin- ausgefahren aufs Meer, weit hinaus. Bis kaum mehr ein Streifen der Küste zu sehen war. Dort draußen war es gefährlich. Aber das Meer hatte sie nicht gewollt. Sie waren immer wieder nach Hause gekommen.
Sie wird dies alles nicht vergessen können. Und wenn 3vachims Hand noch so schützend und gut fein’ würde ... sie wird dies alles nicht vergessen können, solange ihr Herz davon spricht, daß Settef noch lebt. Nicht die Tage voll Sonne und See, nicht den brennenden Mohn unter schwarzen Gewitterwolken ... nichts, nichts.
(Fortsetzung folgt.)


