Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Nr. (58 Zweiter Blatt
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England und seine Verbündeten.
Von Dr. Hermann Dreyhaus.
Es gibt ein altes französisches Sprichwort, das besagt: „Wer von dem Papste ißt, stirbt daran!" In entsprechender Abwandlung könnte man das auch von England sagen, ipie sein Verhältnis zu denen beweist, die es nicht umgehen konnten, der Ehre, ein britischer Verbündeter zu sein, teilhaftig zu werden. Eine kleine Auswahl von Beispielen aus der Geschichte mag die Richtigkeit des Satzes dartun.
Das moderne England hat sein geistiges Gepräge in der kurzen Regierungszeit Oliver Cromwells (1649—1658) erhalten. Er flößte seinem Volke den Gedanken der Auserwähltheit durch Gott ein, und seitdem fühlt es sich nicht allein zur Weltherrschaft berufen, es nimmt auch das Recht in Anspruch, sich in alle Ereignisse auf dem Erdball schiedsrichterlich «inzumischen. Zwar wird es die letztere Tatsache niemals als solche zugeben. Vielmehr kämpft es stets für die höchsten Güter der Menschheit. Deshalb fand es auch stets Völker, die sich von den gleißenden Kampfzielen betören ließen und gern ein englisches Bündnisangebot annahmen. Zu spät merkten sie dann, wie sie »um den Siegespreis betrogen worden waren.
Eines der markantesten Beispiele bietet der Spanische Erbfolgekrieg 1701—1714. Cromwells geistiger Nachfolger, der Dränier Wilhelm 11L, organi- ierte ihn, um Europa vor der endgültigen franzö- ischen Vorherrschaft zu bewahren. An seiner Seite tanden das Deutsche Reich, Habsburg, Portugal und Savoyen gegen Ludwig XIV. Und was wurde erreicht? Das verkündete Kriegsziel allerdings: mit Frankreichs Vorherrschaft in Europa war es vorbei! Jeder der Beteiligten hatte auch einen kleinen Vorteil davon getragen. Aber das Ziel der Habsburger, die Herrschaft in Spanien zu behalten, wurde durch eine Schwenkung der englischen Politik zum Schluß verhindert. Diese bewirkte ferner, daß sich Europa mit dem sogenannten „europäischen Gleich- gewicht" abfand, das auf einer Spannung unter den Hauptmächten beruhte, wodurch England sich ungestört dem Ausbau seines Weltreiches in Uebersee widmen konnte. Es hatte schon während des Krieges damit angefangen. Der Frieden bestätigte seine Eroberungen in Nordamerika und im Mittelmeer, darunter das so überaus wichtige Gibraltar!
Dank diesem Gleichgewicht konnte England seine europäischen Verbündeten in den Jahren 1739 bis 1763 abermals in fast ununterbrochener Folge von einem Kriege in den andern führen. Dabei nahm es bis 1748 Partei für die Habsburger gegen Frankreich, Spanien und Preußen. Von da ab bis zum Schluß unterstützte es Friedrich den Großen in seinem Daseinskampf gegen Habsburg, Rußland und Frankreich, ohne sich jedoch zu scheuen, zu allerletzt auch Friedrich zu verraten, um mit Frankreich und Spanien zu einem günstigen Friedensvertrag zu kommen. Alle diese Kriege haben den Beteiligten, die Englands Verbündete waren, mehr Schaden als Nutzen gebracht. Einzig das Genie des Preußenkönigs hat wenigstens einen ideellen Wert, die Anerkennung seines Landes als Großmacht, davontragen können. Wie hatte sich aber in dieser Zeit das englische Kolonialreich in Nordamerika, in West- und Ostindien vergrößern können! Die tatsächlich gewonnenen Gebiete sind dabei gar nicht einmal das Wichtigste, schwerer wogen die in ihnen steckenden Zukunftsmöglichkeiten.
Sie erhielten einen neuen Auftrieb durch den Verlust des östlichen Nordamerika, wo sich seit 1776 die Vereinigten Staaten von Amerika entwickelten. Ihre Gründung war unterer tätigen Mitwirkung Frankreichs erfolgt. Infolgedessen kam es zu dem letzten großen Ringen mit diesem Lande um die Weltherrschaft. Vom festländischen Standpunkt nennt man es das Zeitalter Napoleons I. Es hat fast ein Vierteljahrhundert gedauert, von 1793 bis 1815. England lag in diesen Jahren in einem ununterbrochenen Kriege, immer mit mehr oder minder vielen europäischen Staaten verbündet. Gewiß hat es zuletzt ihnen allen geholfen, die napoleonische Fremdherrschaft zu beseitigen. Aber dafür hat sich das Britenreich sehr reichlich entschädigt. Es erreichte für Europa eine lange Friedenszeit, die gesichert war durch die ungeheuere wirtschaftliche Schwäche aller Staaten. England allein besaß noch
eine Handelsflotte, und zwar in der stattlichen Zahl von 20 000 Schiffen, dazu eine Unzahl neuer Stützpunkte im Atlantischen und Indischen Ozean aus holländischem, französischem und spanischem Besitz. In absehbarer Zeit war also niemand in der Lage, ihm politisch und noch weniger wirtschaftlich Konkurrenz zu machen. So kam denn die gewaltige Ausdehnung und wirtschaftliche Entwicklung des britischen Weltreiches, wie sie sich im 19. Jahrhundert fast hemmungslos vollzog.
Wer sonst noch Kolonialpolitik treiben wollte, konnte es, abgesehen von Rußland, den Vereinigten Staaten und Japan, die durch ihre Lage geschützt sind, nur noch mit englischer Zustimmung tun. Wie teuer diese manchmal erkauft werden mußte, hat vor allem Italien erfahren. Dieses mag als letztes Beispiel zu dem Thema „England und seine Verbündeten" genannt wer-
NSK., ... da standen wir am 3. September, nachmittags um 5 Uhr, in Saarbrücken mit der Uhr in der Hand und — ich möchte sagen — mit der Ueberzeugung, daß die ganze Hilfe Frankreichs für Polen von diesem Augenblick an wirksam wird. Was aber geschah zum großen Erstaunen vieler? Es blieb nach 5 Uhr so ruhig wie vor 5 Uhr! Ursprünglich glaubten wir, bei den Franzosen ginge die Uhr nach ...! Der Negus und Benesch haben sich wohl damals gegenseitig die Bemerkung zuge- flüstert: Haben wir es nicht schon immer gesagt?! —
Plastisch schildert Gauleiter B ü r ck e l mit diesen Worten die Situation in den Städten, in den letzten Dörfern am Westwall an dem historischen Sonntagabend, der das Schicksal Europas entscheiden sollte, jenemIllbend, an dem die Perfidie ihren letzten Trumpf ausspielte, mit der ein Vierzigmillionenvolk einem Achtzigmillionenvolk das Recht zum Dasein streitig machen wollte. Hunderttausende mußten die Heimat verlassen, weil die Mündungen französischer Kanonen auf ihre Städte, auf ihre Arbeitsplätze gerichtet waren, mußten wandern, um der Wehrmacht freie Hand für ihre militärischen Maßnahmen zu geben. Millionen mußten unter die Waffen treten.
Das war der einzige und letzte Trumpf, den das blutarme Frankreich ausfpielen konnte! Aus der Defensive wollten die alten Männer das Reich zerstückeln. Für jeden Schuß fürchteten sie die Vergeltung. Deshalb blieb Saarbrücken, blieben die Hüttenwerke im Saartal, blieben die Zechen und Gruben, blieb das auf feiner Höhe vor den Kanonen von Bitsch wie auf dem Präsentierteller liegende Pirmasens verschont! Deshalb krepierten die Granaten aus der Maginotlinie im Vorfeld des Westwalles!
Auch die Stunden, von denen hier die Rede ist, kosten Blut. Auch sie verlangen rücksichtslosen Einsatz des einzelnen. Spähtruppunternehmen bringen ihre Erkundungen ein, halten die Waffe scharf. Frontarbeiter tragen Stahlhelme, bauen weiter am Westwall, begraben ihre ersten Opfer. Notbelegschaften halten unter ständiger Bedrohung aus. Die Männer der Partei aber, soweit sie nicht den braunen Rock des Führers mit dem grauen Rock für den Führer vertauschen durften, sind aus Gliederungen und Organisationen der Partei in den frei gemachten Gebieten von der ersten Stunde der Räumung an eingesetz t worden: In engster Zusammenarbeit der Partei mit der Wehrmacht und allen staatlichen und sonstigen beauftragten Stellen wird d i e Bergung aller volkswirtschaftlich wichtigen, beweglichen Güter aus dem Feuerbereich der Maginotlinie vollzogen, ständig von dem zu erwartenden Feuerüberfall bedroht.
Noch ziehen die Menschen von der Grenze ihre Straße. Neben den Städten sind über 200 Dorfgemeinden geräumt. Das Vieh, oft losgebun- den, freigelaffen, irrt durch die Dörfer, brüllt in den Ställen. Es ist Hochsommer. Es kann keinen Tag ohne Wartung bleiben. 9000 Pferde, 56 000 Stück
den. Nach ungeheueren Versprechungen Englands und Frankreichs trat Italien im Mai 1915 in den Krieg gegen die Mittelmächte. Es brachte gewaltige Opfer, aber in Versailles muhte es sich mit einem bescheidenen Anteil aus dem Habsburger Erbe begnügen. Die Adria wurde auch jetzt kein „mare nostro", und der Kolonialgewinn war gleich null. Italien hat aus den Erfahrungen gelernt und durch Mussolini seine Politik zur Achse Berlin— Rom orinetiert, die ihm seitdem die Erwerbung von Abessinien und Albanien gestattet hat.
Wie lange noch werden andere Völker ihr Schicksal an das britische Weltreich knüpfen? Seine von Cromwell geprägte und in Jahrhunderten erhärtete Politik, die neuerdings auch Frankreich zum Verhängnis wurde, sollte Warnung genug fein. Das Deutschland von heute ist jedenfalls entschlossen, mit dem englischen Gimpelfang endgültig Schluß zu machen.
Rindvieh, Kleinvieh, 70 000 Schweine, 37 000 Ziegen, 14 000 Schafe — fast restlos der Gesamtbestand — werden von ff, SA., NSKK. und Hitler- Jugend und den Männern der Landesbauernschaft, ost weite Strecken durch Kriegsgebiet getrieben, zurückgebracht. Tag und Nacht find die endlosen Viehherden quer durch das weite Gebiet des Pfälzerwaldes unterwegs, werden in Melklagern zusammengetrieben, gefüttert, gemolken, Frauen der NS.-Frauenfchaft, Helferinnen der NSV. griffen auch hier neben den Bauersfrauen zu, Frauen, die hier das Melken gelernt haben ... Rund 1 000 Helfer der Partei find allein im „Viehstrich", dem Höhenfleckoiehzuchtgebiet der Kreisbauernfchaft Landau eingesetzt.
Allein 12 000 Stück Großvieh werden an einem Bahnhof verladen; mit Spezialwagen des Heeres holt man die 60 Stiere aus diesem Gebiet. Die Verluste, das ist ausdrücklich feftzustellen, sind sehr gering und übertreffen kaum die auch sonst bei Großtransporten von Tieren unvermeidlichen. Ortsgruppenleiter und Ortsbauernführer brachten die Tiere nach der Bergung unter. Kaum ein Stall der angrenzenden Gebiete, der nicht geborgenes Vieh ausgenommen hätte. Die Partei übernahm die Verantwortung. Die Landesbauernschaft Saarpfalz richtete Diehverkaufsstellen ein. Der Erlös wurde auf einem Sonderkonto sichergeftellt.
Es war September. Die Scheunen waren gefüllt. Auf den Feldern stand die Herb ft ernte. Die Erntebergung Letzte den gleichen vorbildlichen Ge- meinfchaftseinsatz voraus. Die Erträge von 90 000 Hektar Nutzland wurden geborgen. 30 000 Tonnen (Betreibe, 30 000 Tonnen Stroh und Heu, 42 000 Tonnen Kartoffeln, 4000 Zentner Tabak, fast die gesamte Weinernte des Weinbaugebietes der südlichen Weinstraße wurden unter Verantwortung der Landesbauernschaft — also roieberumber Partei — geborgen. 3000 Mann zivile Erntehelfer — zumeist aus ben Reihen ber Partei — 5000 Mann der Militärkommandos waren zur Erntebergung in zusammen 400 000 Arbeitstagen eingesetzt!
80 Maschinen droschen, oft unter direktem Feindbeschuß, das Getreide, in den verlassenen Dörfern, hart hinter unseren Linien. Soldaten bargen aus den letzten Dörfern des Vorfeldes unter Feuerüberfällen Maschinen und Geräte, Bindemäher, Eggen, Pflüge. Sie durften nicht verkommen, wenn Dauern mit ihnen unsere Ernährung sichern helfen konnten!
Und drüben, jenseits der rotweißblauen Grenzpfähle, die ein in seinen Famlien und deren Besitztümern verzahntes Bauernland zerschneiden, oft Stall und Scheune unter zwei Länder verteilen? Zwischen der Front hin- und hergetrieben Flüchtlinge, vom Hunger verzehrt, denen man bas Vieh nieberstach, bie Pferde abschlachtete, denen man bas Trinkwasser für Mensch unb Vieh entzog, um eine Wüste zwischen sich und bie vorwärtsstürmenden beutschen Armeen zu legen! Das geschah zwar zehn Monate später. Es geschah aber unter ben gleichen Vorzeichen eines drohenden Angriffes!
Die wirtschaftliche Räumung erstreckts sich ferner auf gewaltige Millionenwerte, die aus ben Wirtschaftsunternehmen, aus großen unb mittleren Werken, aus Groß- und Einzelhan» belsunternehmen, aus Werkstätten unb Hanbwerks- betrieben herausholt und in Sicherheit gebracht wurden. Neben den staatlichen und wirtschaftlichen Stellen hatte wieder die Partei die Füh« r u n g: Sie bestimmte das Gesetz des Handelns^ Sie rief alle Kräfte auf. Nichts durfte verlorengehen, was allen gehört, was dem wirtschaftlichen Existenzkampf unseres Volkes dienen konnte und mußte! Woche um Woche waren neben den Männern der Betriebe die Helfer aus den Gliederungen der Partei fast Tag und Nacht
Der Führer sagte: „Ich rufe das deutsche Volk auf, durch Spenden für das kriegshilfs- werk sich der Opfer der Soldaten würdig zu erweisen."
bei der Arbeit. Wer sich diese Arbeit auch nur annähernd vorzustellen vermag, der weiß, welche Rie- enorganisation, welche unendliche Menge von Arbeit die Wiederbesiedlung allein von Saarbrücken mit seinen 130 000 Einwohnern, von Pirmasens mit rund 50 000 Einwohnern — um nur die beiden größten Städte zu nennen — voraussetzt!
70 v. H. der handelsgerichtlich eingetragenen Betriebe des Saarlandes, 18 v. H. der Betriebe des ;esamten pfälzischen Bereiches wurden zurückge- ührt, darunter allein 600 Großhandelsbetriebe und iber 4000 Einzelhandelsgeschäfte. Fast alle Jndu- trie- und Wirtschaftsunternehmen schufen im Reiche Ausweichbetriebe. Sie fielen nicht aus in der deutschen Wirtschaftsbilanz, allen Schwierig» leiten, allen Opfern zum Trotz!
So hat ein Großhandelsunternehmen — um nur ein Beispiel zu nennen —, dessen 500 Gefolgschaftsmitglieder, zum größten Teil in alle Winde zerstreut, da und dort schon wieder neu in den großen Arbeitsprozeß eingegliedert, zum Teil in der Wehrmacht, zum Teil in den Parteigliederungen ihren Dienst versahen, seine Bestände in zwölf verschiedenen Unterkünften der Stadt Kaiserslautern notdürftig untergebracht. Wieder halfen dabei, wie allenthalben, Kreisleitungen und Stadtverwaltungen Hand in Hand. Lager — und Verwaltungsräume wurden — in unserem Beispiel — in Frankfurt a. M. eröffnet, um einen Abnehmerkreis von
Schickt Illustrierte an die Front!
Der Frontsoldat wird dafür dankbar sein.
über 10 000 Einzelhandelsgeschäften befriedigen zu können, in München wurde ein weiteres Ausliefe- rungshaus errichtet: Es galt zu zeigen, daß man nicht nur Wirtschaftsunternehmen, sondern bewährtes Glied der Volkswirtschaft war! Auch hier zeigte sich wieder, wenn auch indirekt, die Erziehungsarbeit der Partei und ihrer Beauftragten, der Deutschen Arbeitsfront. Solcher Beispiele gibt es unzählige!
Und jenseits der Grenzpfähle? Sie trennten zwei Welten, ob auch Sprache und Dialekt, Sitte und Brauch so wenig verschieden sind, wie Wiesen und Wälder! Dort überließ man es Sene- g a I n e g e r n und Kongoniggern in den Grenzstädten des Elsaß und Lothringens „aufzuräumen". Es wurde gründlich besorgt! In Saargemünd, in Forbach, in St. Avold oder Püttlingen mag man sich überzeugen! Selten kann man Arbeit und Leistung der Partei, des nationalsozialistischen Deutschlands, mit so handgreiflichem Gegenbeispiel belegen. Hier steht das Chaos gegenüber der Ordnung! Eine Erkenntnis, die auch über bereits gefallene Grenzen hinweg schon zu reifert beginnt ... Karl Heinz.
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Grenzland in der Feuerprobe.
Ernte, Viehbestand und Wirtschaftsweise für die Gemeinschast gerettet und erhalten. — Beispiellose Leistungen der Partei.
Kleine Liebeserklärung an eine alte Frau.
Von Tibor Ayiri.
Die Straßenbahn war im Nu bis auf den letzten Platz besetzt, und auf einen der besten Eckplätze hatte sich ein junger Mann hingesetzt. Um ihn herum standen im Gedränge mehr oder weniger hübsche Frauen, doch er schien sie nicht zu bemerken. Er blickte durchs Fenster in die Nacht hinaus und lächelte zuweilen. Ein Menschenkenner hätte sogleich erraten können, daß er in Gedanken ein Gespräch mit jemandem führte, und das glückliche Lächeln des etwa Fünsundzwanzigjährigen hätte ihn auch unschwer darauf gehracht, wem seine Gedanken galten.
Der Wagen war gedrängt voll; auch war es schon spät, und die meisten Fahrgäste sehnten sich nach häuslicher Ruhe — das Lächeln des jungen Mannes blieb daher unbemerkt. Andererseits ärgerten die Leute sich, daß. dieser trotz seiner bestimmt gesunden Beine nicht daran dachte, seinen Platz einer der ihn umstehenden Frauen, die alle schon älter waren, an- zubieten.
Ungefähr nach der fünften Haltestelle stieg eine alte Dame mit schneeweißem Haar in den Wagen.
9 Sie war von kleinem Wuchs, zart gebaut und hatte ein vornehmes, ein wenig faltiges Gesicht. Ihre lebhaften braunen Augen strahlten in so ungereimt heiterem Glanz, daß man fast versucht war, zu glauben, die äußeren Zeichen ihres Alters seien nichts als die Folge einer augenblicklichen zufälligen Ermüdung, die gleich vorübergehen würde. Obgleich fie sich ziemlich anstrengen mußte, um vom Eingang durch das Gedränge in das Wageninnere zu gelangen, war ihre Miene und ihr ganzes Gehaben von einer fast lächelnden Heiterkeit. Sie blieb in der Mitte des Wagens stehen. Ihr Blick streifte auch den jugendlichen Inhaber des bequemen Platzes, ohne ein Zeichen von Mißbilligung. „Ach!" sagte sie plötzlich, weil jemand ihr zufällig einen Stoß versetzt hatte, behielt jedoch ihren heiteren Gesichtsausdruck bei. Sie hob den Arm nach den über ihr baumelnden Halteriemen, doch so sehr sie sich auch streckte, ihre dünnen Finger berührten ihn kaum, so daß sie ihn nicht fassen konnte. Trotzdem behielt sie den Arm noch oben und sah mit einem
leichten Lächeln zu ihrer Hand empor, als wollte sie sagen: „Nun, bin ich denn jetzt im Alter wirklich so klein geworden? Dann ließ sie langsam die Hand wieder sinken.
Ihr vergebliches Bemühen hatte auch der junge Mann mit angesehen, dessen Verhalten schon Anstoß erregt hatte. Er erhob sich. „Mütterchen", sagte er, „bitte setzen Sie sich!" Die weiblichen Fahrgäste begriffen nicht, warum er aus gerechnet dieser Frau seinen Platz anbot, und ärgerten sich darüber. Einer der Herren sah ihn gleichfalls mit Mißbilligung an, weil er fand, daß die alte Dame, wie er sie in Gedanken nannte, durchaus nicht so aussah, daß man sie mit „Mütterchen" ansprechen konnte. Sie war sorgfältig und geschmackvoll gekleidet und trug vornehmen Schmuck. Doch die in Gedanken so ritterlich vertretene alte Frau schien die Ungehörigkeit des jungen Mannes nicht weiter übel zu nehmen, sie lächelte ihm vielmehr mit den Augen zu und faßte nach seiner Hand, die er ihr als Stütze bot.
Unterdessen holperte die Elektrische unverdrossen weiter. Die Mitfahrer versanken jedoch nach diesem Platzwechsel nicht mehr in ihre frühere teilnahmslose Schläfrigkeit. Der Grund hierfür war wieder der junge Mann, der fein Lächeln nicht mehr dem nächtlichen Dunkel, sondern der alten Frau zu- wandte. Und obgleich dieses Lächeln nicht mehr so unbestimmt und verträumt war, sondern verliebter Natur zu sein schien, galt es doch zweifellos der jetzigen Inhaberin des Eckplatzes.
In den weiblichen Fahrgästen regte sich eine gelinde Empörung angesichts dieses ... Mienenspiels. Ihre Entrüstung steigerte sich noch dadurch, daß die „alte Schachtel" sich keineswegs abwandte oder sich die zudringlichen Blicke verbat, sie vielmehr verständnisvoll erwiderte. Der Bursche schien das beglückt zur Kenntnis zu nehmen, denn sein Gesicht rötete sich, und seine Augen begannen in naiver Freude zu erstrahlen.
Die anderen Fahrgäste hatten ihrem Aerger bislang noch keinen lauten Ausdruck gegeben; als jedoch die der Würde ihres Alters nicht achtende Frau mit kindlichem Erschrecken ausrief: „Ach, sind wir schon in der Jnselstraße?" und der junge Mann im Hinblick auf die Dunkelheit und das Glatteis sich anbot, fie zu begleiten, begannen die Umstehenden zu murren. Der weitere Verlauf der skandalösen Begebenheit war jedoch nicht zu verhindern. Zugleich mit der alten Hexe verließ auch ihr Kavalier
den Wagen. Es war schon von Anfang an mcht viel Gutes von ihm zu erwarten gewesen, aber eine solche Verderbtheit konnte man doch nicht voraussetzen, wenn er auch keiner der Frauen seinen bequemen Eckplatz an geboten hatte.
Die Straßenbahn fuhr weiter. Die beiden standen noch bei der Haltestelle. Die alte Frau trat auf den Gehsteig, bevor sie jedoch den ersten Schritt tat, probierte sie mit dem Fuß, ob das Pflaster wirklich so glatt war. Und tatsächlich, man hätte fast Schlittschuh laufen können. „Erlauben Sie, daß ich Ihren Arm nehme?" wandte sie sich an den Begleiter.
„Aber gern", rief der junge Mann und bot ihr erfreut den Arm, als sei die Frau neben ihm nicht siebzig, sondern siebzehn. „Bitte, halten Sie sich nur recht fest", bat er sie und fühlte, wie er ihren Arm an sich preßte.
„Wissen Sie, ich komme von meiner Enkelin", erzählte die alte Dame, und in ihrer schon ein wenig zittrigen Stimme schwang eine zärtliche Note. Der junge Mann lachte. „Warum kochen Sie?" fragte sie, ohne gekränkt zu sein.
„Oh ... , meinte er; doch seine Stimme stockte.
„Sagen Sie es ruhig — ohne Scheu."
„Wie sonderbar! Sie haben eine Enkelin und sind selbst noch so mädchenhaft."
„Was Sie nicht sagen!" lachte die alte Frau.
„Sie waren wohl immer so?"
„Ja, das ist wahr. Man wollte in meiner Jugend nie glauben, daß ich schon Frau sei."
„Sehen Sie", triumphierte er, wie ich das richtig gefühlt habe!"
„Was hat Sie denn darauf gebracht?"
„Ich kenne jemand, dem Sie sehr ähnlich sehen. Dieser jemand ist zwar erst einundzwanzig, aber Sie gleichen einander auffällig."
Die alte Frau fügte nichts, und fie gingen schweigend weiter wie ein verliebtes Paar, mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht.
Vor einem Haustor blieb die alte Frau stehen; sie waren vor ihrer Wohnung angelangt. Sie wandte sich an ihren Begleiter, dankte jedoch nicht für seine Dienste, sondern fragte: „Sie lieben sie wohl sehr, nicht wahr?"
Der junge Mann sah mit einem verklärten Lächeln zu den Sternen auf. „Sehr — oh, sehr!" Seine Hand machte eine unbestimmte Geste. „Wollen Sie wissen, wie 6 .?" Er sah der alten Frau plötzlich
in die Augen, beugte sich rasch zu ihr nieder und drückte einen Kuß auf ihre weiche, faltige Wange.
Es folgte ein Augenblick erschrockener Stille, „Sehen Sie, so liebe ich sie!" Schwärmerisch rief er es aus. „Bitte, seien Sie mir nicht böse ... Man ist eben närrisch, wenn man verliebt ist."
Die alte Frau wollte ihm noch sagen, sie wiss^ ja, daß dieser Kuß nicht ihr, sondern jemand anderem gegolten hatte, doch es kam nicht mehr dazu, denn der junge Mann war schon fortgerannt. Sie blickte ihm nach, und es schien ihr, als sehe er sich nochmals nach ihr um. Dann läutete fie an und trat ins Haus. Ihr Herz pochte heftig, und sie dachte noch lange an den närrischen jun'gen Mann, bessert Brust mit Seligkeit so voll gesogen war, ganz wie ein Kindermund mit süßer Muttermilch.
(Aus dem Ungarischen von Hans B. Wagenseil.)
Fahne des Opfers.
Von Max Zunqnickel.
Napoleon, der Cäsar der Franzosen, liegt im Jnvalidendom. Ein Kaiser, der mit heftigem Blick die Völker unterjochte- Um die Räder seines Kriegskarrens spritzte das Blut aller Völker Europas. Und sein Name flattert noch heute durch die Gehirne wie Trompetenstöße.
Da liegt er nun, umringt von seinen Standarten, die ihren Namen an den französischen Himmel rauschten. Aber mitten, im bunten Gewimmel der Fahnen, steht eine unsichtbar, fremd und abweisend. Sie ist eingerollt in schwarzes Leinen. Es ist die Fahne von Dijon. Die einzige deutsche Fahne, deren Geschichte eine große heroische Ballade ist. Sie wurde nicht besiegt, auch nicht erobert. Sie wurde von ben Franzosen gefunben unter einem Berg toter preußischer Grenadiere, bie sie bis zum letzten Hauch ihres Lebens verteidigt hatten. Eine heldenhafte Fahne, eingekerkert im Grabgewölbe eines Mannes, ber unter seinen glorreichen Ablern begraben liegt.
Unb boch wirkt bie eingerollte, frembe, gefundene Fahne hier geradezu wie ein Symbol. Sie hat bie strahlenben Namen seiner Siege verbunkelt und zur Geschichte werden lassen. Sie, die von den namenlosen preußischen Grenadieren bis zum letzten Blutstropfen umklammert wurde, blieb, im fremden Haus, bas Zeichen einer Tat, bie meitermirtte, immer weiter, bis hinein in unsere Tage.


