Ur. 104 Zweites Statt Siebener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)Montag, ü. Mai (940
Aus der Giadt Gießen.
Der Schuh der Fenster.
Im Auftrag des Reichsluftfahrtmimfters und Oberbefehlshabers der Luftwaffe wird von Amtsträgern des Reichsluftschutzbundes ein Merkblatt über den Schutz der Fensterscheiben bei Luftangriffen an die Bevölkerung verteilt werden. Das Merkblatt weist darauf hin, daß in der Umgebung des Einschlages von Fliegerbomben Fensterscheiben auch cnrf größere Entfernung hin häufig zerstört werden. Ein unbedingt sicheres Schutzmittel gibt es hiergegen nicht. Jedoch kann das Oeffnen der Fenster und das Schließen der Roll- oder Klappläden oder der Jalousien eine Zerstörung der Fensterscheiben bei Luftangriffen in vielen Fällen verhindern. Wegen der großen Bedeutung der Fensterscheiben für die Erhaltung gesunder und gebrauchsfähiger Wohn- und Arbeitsräume muß jedem Volksgenof- fen dringend geraten werden, wenn einmal Luftangriffe kommen, die geeigneten Schutzmaßnahmen für feine Fensterscheiben wenigstens in den unentbehrlichsten Räumen durchzuführen. Sofern es die örtlichen Verhältnisse und die Witterung gestatten, sollen möglichst viele Fenster ständig offenbleiben, bei Doppelfenstern wenigstens die inneren Fenster. Außerdem sollte man an möglichst vielen Fenstern die Roll- und Klappläden oder Jalousien dauernd geschlossen halten. Diese Maßnahmen vereint bieten den besten Schutz. Wo der Weg zum Luftschutzraum so kurz ist, daß bei Fliegeralarm die Zeit zum Oeffnen der Fenster und zum Schließen der Läden noch vorhanden ist, kann dies noch bei Fliegeralarm mit der gebotenen Beschleunigung erfolgen. Das Bekleben Der Fensterscheiben mit Streifen aus Papier usw. schützt die Scheiben nicht vor dem Zerspringen. Es empfiehlt sich weiter, in gewissem Umfange Ersatzscheiben oder wenigstens Holz- oder Papptafeln für einen behelfsmäßigen Ersatz zerstörter Scheiben bereitzuhalten.
Oie ersten Nachrichten-Scheine für HI.-Angehörige.
Die HJ.-Nachrichten-Gefolgschaft ist seit längerer Zeit dem SA.-Nachrichten-Sturm 116 zur technischen Ausbildung zugeteilt. Mit großem Eifer gingen die Jungmänner an ihre Aufgabe heran, und sie unterzogen sich vor einiger Zeit der Prüfung zum Erwerb des Nachrichtenscheines.
Standartenführer Lutter konnte nun am gestrigen Sonntag folgenden Jungmännern der HJ.- Nachrichten-Gefolgschaft 116, die vor der Volkshalle angetreten waren, den erworbenen Nachrichtenschein überreichen. Gefolgschaftsführer Willi Pfeiffer, Kameradschaftsführer Günther S u n d h e i m, Hauptscharführer Werner Schulz, Scharführer Hans Gg. Schmidt, Junggenossen Theo Schellhase, Erwin Sier, Erwin Weinandt und Hermann Lang,
Standartenführer Lutter betonte in seiner Ansprache an die Jungmänner, es sei das erstemal, daß er Angehörigen der HI. den Nachrichtenschein überreichen könne. Er wies daraufhin, daß die heutige Jugend stolz darauf sein könne, in diese Zeit hineingeboren zu sein und den Aufstieg Groß- Deutschlands miterleben zu können. Wenn die Jungen auch infolge ihrer Jugend nicht aktiv an der Front mithelfen könnten, so hätten sie doch durch den Erwerb des Nachrichtenscheines, der eine schwere Prüfung voraussetze, gezeigt, daß sie die Worte des Führers verstanden hätten, eine Jugend heranzubilden, wie sie der Führer verlange, eine Jugend, die das Werk des Führers fortsetze.
Mit dem Gelöbnis, den hehren Taten unserer Wehrmacht nachzueifern in unerschütterlicher Treue zum Führer, schloß die Feierstunde.
Tageskalender für Montag.
Volkstümliche Vorträge und Vorlesungen der Ludwigs-Universität Gießen: 20.15 Uhr Vortrag Professor Rauch über „Deutsche Dome" I. mit Lichtbildern, im Kunstwissenschaftlichen Institut, Ludwig- straße 34. — Stadttheater: 20 bis 22.45 Uhr „Die Primanerin". — Gloria-Palast (Seltersweg): „Der Postmeister". — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Der Stammbaum des Dr. Pistorius". _____
Die Bezirkssparkaffe Gießen im Jahre 1939.
Vor einigen Tagen hielt die Bezirksspar- kasse Gießen ihre ordentliche Mitgliederversammlung für das Geschäftsjahr 1 9 3 9 ab. Die rege Teilnahme der Vertreter der Mitgliedsgemeinden zeigte wiederum das nach wie vor große Interesse an dem Gedeihen des von ihren Gemeinden garantierten grüßten heimischen Geldinstituts. Die Aufsichtsbehörde war durch den Landrat Dr. Lotz vertreten.
öireffor Or. Hopfenmüller
gab der Versammlung den Geschäftsbericht und die Bilanz und Gewinn- und Derlustrechnung für 1939 bekannt. Nach einleitenden Worten, in denen er darauf hinwies, daß trotz Ausbruch des Krieges die Entwicklung der Sparkasse auf Grund der gesunden wirtschaftlichen Verhältnisse des Geschäftsbezirks und der engen Verbundenheit der Sparkasse mit allen Schichten der Bevölkerung erfreulicherweise weitergegangen ist, ging er ausführlich auf die Entwicklung der einzelnen Geschäftssparten ein.
Insgesamt erhöhten sich die Einlagen der Sparkasse gegenüber dem Vorjahr von 28 832 039,56 RM. auf 32 067 768,78 RM., was eine Zunahme von 3 235 729,22 RM., oder 11,2 v. H. des Vorjahresbestandes bedeutet. Die Bilanzsumme der Sparkasse stieg von 30 285 040,26 RM. auf 33 614 903,58 RM. Maßgeblich ist diese Steigerung der Bilanzsumme durch die Entwicklung der Spareinlagen beeinflußt worden, die sich um insgesamt 1 933 101,35 RM. erhöhten. Dieser Zugang setzt sich zusammen aus einem Einzahlungsüberschuß von 1 112 433,88 RM. und einer Zinsgutschrift von 820 667,47 RM. Der Einlagenüberschuß verteilte sich fast auf alle Monate des Geschäftsjahres. Lediglich in den Monaten Juli,
August, September war ein im Hinblick auf den Gesamteinlagenbestand geringfügiger Rückgang zu verzeichnen, der jedoch nicht, wie allgemein angenommen, auf starke Abhebungen, sondern nur auf einen durch die Zeitumstände bedingten Einzahlungsrückgang zurückzuführen war.
Insgesamt unterhielt die Sparkasse am Ende des Geschäftsjahres 50 882 Sparkonten, von denen etwa 20 300 Stück lediglich einen Bestand bis zu 20 RM. aufweisen, was daraufhin deutet, daß die Sparkasse — ihrer Aufgabe entsprechend — bestrebt ist, auch die Spartätigkeit der kleinsten Sparer zu fördern. Das Kleinsparwesen wurde wie seither mit der gleichen, Sorgfalt gepflegt und erstmals vor dem abgelaufenen Geschäftsjahr das Gefolgschaftssparen in größerem Umfange eingeführt. Das Gefolgschaftssparen soll das einzelne Gefolgschaftsmitglied in die Lage versetzen, regelmäßig an Zahltagen einen bestimmten Teil seines Arbeitseinkommens im Betrieb durch Lohn- bzw. Gehaltsabzug zu sparen, ohne deswegen jeweils selbst zur Sparkasse gehen zu müssen. Die Ergebnisse des Reisesparens der NS.- Gemeinschaft „Kraft durch Freude" liegen nur geringfügig unter denen des Vorjahres.
Neben dem Spargeschäft zeigte der «Spargiro» und Kontokorrentverkehr eine starke Ausweitung. Die Giroeinlagen erhöhten sich um rund 1,3 Millionen RM. auf 4 793 783,39 RM.
Auch die Debitoren erfuhren eine Erhöhung, so daß zum Ende des Berichtsjahres 788 355,96 RM. ausgemiefen werden konnten. Entsprechend der Erhöhung der Einlagen erhöhten sich auch die Umsätze und die Postenzahlen; so hat sich der Umsatz im Konto-Korrentverkehr um 15 v. H. auf rund 92 Mil
lionen RM., der Umsatz im Bankverkehr um 35 vorn Hundert, auf rund 126 Millionen RM. erhöht.
Nachdem sich im abgelaufenen Jahr die Konten- zahl um 349 Stück erhöht hat, verwaltet die Sparkasse nunmehr 4063 Kontokorrentkonten.
Trotz einschränkender Bestimmungen war die Ausleihtcktigkeit im Hypothekendarlehen- und sonstigen Darlehensgeschäft recht rege. Es wurden im Berichtsjahr 1 423 668,81 RM. Neuausleihungen getätigt, von denen der größte Teil der Gelder zu Wohnungsneubauten verwandt wurde, während ungefähr 20 v. H. zur Ablösung zinsteurer Darlehen dienten.
Recht erfreulich hat sich die Einführung der Tilgungsvereinbarungen bei Hypothekendarlehen im Interesse der Schuldner und auch der Sparkasse im Geschäftsjahr 1939 ausgewirkt. Der Bestand an Darlehen gegen sonstige satzungsmäßige Sicherheiten hat sich gegenüber dem Vorjahr geringfügig erhöht. Trotz Ausbruch des Krieges kann die bemerkenswerte Feststellung gemacht werden, daß die Zinsrückstände gegenüber dem Vorjahre weiter zurückgegangen sind.
Die Ausweitung der Passivseite der Bilanz zeigte sich auch auf dem Wertpapierkonto, duf dem ein um etwa 930 000 RM. erhöhter Bestand ausgewiesen wird.
Die Umsätze im Effektengeschäft sind zwar rückläufig gewesen, jedoch sind sie noch als verhältnismäßig rege zu verzeichnen, während im Wechseldiskontgeschäft gegenüber dem Vorjahre etwas erhöhte Zahlen ausgewiesen werden konnten.
Nach wie vor ist die Zahlungsbereitschaft der Sparkasse gegeben, und die Bestände an flüssigen
Kaninchen kommt zu Ehren.
Angora-Häsin mit ihrem Nachwuchs auf der Wiese. - (Aufn.: Neuner, G. A.)
zuvor! Aber die Kaninchenhaltung hat auch eine freundliche Seite. Wie schon die Namen der Tiere klingen: Klein- und Groß-Chinchilla. Blaue und Weiße Wiener, Angora, Deutsche Widder, Groß- Silber, Hermelin, Schwarze Alaska, Rex usw. Es
Die Aelteren unter uns wissen noch sehr gut, daß während des Weltkriegs das Kaninchen zu hohen Ehren kam. In vielen Gärten, Höfen und in Scheunen wurden damals die Ställe aufgestellt, die sich mit den „Stallhasen" rasch bevölkerten und zu gegebener Zeit manchen guten Braten lieferten. Jetzt ist das genau wieder so! Die Kaninchenzuchtvereine, die bisher ein Leben in der Stille führten und nur hin und wieder in Ausstellungen zeigten, was von den Züchtern geleistet wird, rücken jetzt mehr und mehr in den Vordergrund der Oeffentlichkeit. Viele Volksgenossen, die sich auch jetzt wieder mit dem Gedanken tragen, Kaninchen zu halten, haben viele Fragen auf dem
Herzen. Da erkundigt man sich bei den Mitgliedern der Kaninchenzuchtvereine nach den Wirtschafts- raffen, nach Stallbauplänen, nach Zuschüssen für den Stallbau, nach der zweckmäßigsten und billigsten Fütterung und manche fragen gar nach den Möglichkeiten einer Zucht. Und gerne geben die passionierten Kaninchenzüchter Auskunft, denn es liegt ihnen sehr an ihrer Sache und sie sind erfreut darüber, daß ihre bisher stille Arbeit plötzlich so wichtig geworden ist.
lieber die wirtschaftliche Seite der Kaninchenzucht und Kaninchenhaltung braucht hier kaum gesprochen zu werden: das Fell, das Fleisch, die günstige Verwertung von Abfällen aus Küche, Garten und Haus — das alles ist heute wichtiger als je
§ibt viele Arten Kaninchen; manche werden aus iebhaberei gehalten und gezüchtet, aber die Liebhaberei als solche wird nicht mehr so groß geschrieben wie früher. Wirtschaftsrassen sind heute Trumpf!
Es gibt nichts hübscheres, als ein sauber gehaltenes schneeweißes Angora-Kaninchen! Makellos ist bei guter Pflege das Weiß der seidigen Wolle des edlen Tieres. Eigenartig und warm leuchten die roten Augen. Wie anders wieder das Kaninchen „Deutsche
Widder"! Wie gedrungen und kraftvoll ist der Leid, wie kraftvoll und sympathisch das Braun und Grau des Felles mit dem reichen Unterhaar! Wer dächte nicht angesichts eines solchen Tieres an Albrecht Dürers bekannten farbigen Stich, der in vielen deutschen Häusern in einfachem Rahmen die Wand schmückt!? Es muß schon etwas sein an einer Kreatur, wenn sich ein bedeutender Künstler mit solcher Liebe und Sorgfalt, wie es Dürer tat, darum bemüht.
Und für die Kinder sind Kaninchen immer ein besonderes Vergnügen. Für die älteren unter ihnen, für die 8-, 10- und 14jährigen bedeuten sie aber nicht nur ein Vergnügen, sondern auch eine Pflicht. Da muß dafür gesorgt werden, daß die Tiere Futter haben, da gilt es, den Stall sauber zu halten, da müssen die Tiere in den Ställen vor Nässe, vor Kälte oder aber vor allzu starker Sonne behütet werden. Unter Freunden wurde schon manches Kaninchen zum wertvollen Tauschobjekt. Um Kaninchen ranken sich kleine Geschichten, alltägliche Begebenheiten und Erinnerungen, die von der Jugend bis in das Alter bewahrt werden.
Wenn die Kaninchen an schönen Tagen gar auf den Grasplatz am Haus genommen werden dürfen, Dann ist es nett, mit anzusehen, wie Kinder und Häschen durcheinanderhüpfen, wie von den Kindern Futter für die Tiere gerupft wird, obwohl das gar nicht nötig wäre, und wie schließlich mehr ooer weniger zaghaft das weiche Fell gestreichelt wird. Nur darf Dabei Die FreunDfchaft nicht allzu innig roerDen. Sehr rasch kommen Die Kleinen dahinter, Daß es z. B. nicht ganz einfach ist, ein Kaninchen befonDers liebevoll "auf Den Arm zu nehmen. Die Tiere scheinen Dies auch gar nicht sonderlich gerne zu haben, sie machen von ihren scharfen Krallen Gebrauch und schmerzhafte Kratzer auf der Hand Des Kindes sind Die Folge.
Kaninchen werden nun also wieder in größerem Maße Mitglieder Der Haus- und Gartengemeinschaft. In der Nützlichkeit für den Menschen erfüllt sich, aus unserer "Perspektive betrachtet, ihre Existenz. Durch gute Behandlung sollten sie belohnt werden. Kaninchen bedeuten auch jetzt wieder einen wichtigen Bruchteil in Der Summe aller Dinge, die unsere Volksgemeinschaft über eine schwere Gegenwart hinweghelfen sollen. N.
Mich du ki schaffen, Lmu?
Roman von Martina ikckort-yelm
20. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Nie war der Saal so voll wie zur diesjährigen Kirmes! Die Autobahner sind dabei, der Kippmeister, Der Schachtmeister, Die Vorarbeiter und Die Landvermesser. Keiner hat den weiten Weg gescheut! Ja, und die Gräfekinder sind natürlich auch mitten drunter. Auch der Hermann. ,
„Na, prosit, Gräfe-Christoph! Sei Großer läßt ja o nischt abbrennen!"
lieber Gräfes Gesicht fliegt roter Zorn: der Große, der Hermann, der ist wohl ganz und gar aus dem Häuschen? Steht da an Der Theke und hält den halben Saal frei!
Halber Saal ist natürlich übertrieben. Aber daß Hermann ausfällt, beweist, daß Lena Christoph Gräfe jetzt an Den Familientisch hinüberholt. Don Dort kann man Die Theke nicht sehen.
„Willst Du dich nicht auch mal zu uns setzen, Christoph?"
Gräfe geht brummend mit. Wozu der Tlsch- wechsel, denkt er. Meine Sorgen schleppe-ich doch Überall mit herum? Er sitzt mit Lena allein. Die anderen tanzen. Rudolf mit Jutta. Gottfried Bon- Hoff mit Erni. Schon wieder mit Erni! Warum auch nicht. Ist Erni nicht viel beschwingter als Lena? Sie ist jung, ist voller Leben. Lena kommt sich alt vor, wenn sie den Tanzenden zusieht.
Von der Theke her bringt Lärm. Man sieht zwar nichts, aber man hört Hermanns Stimme. Und daneben die vom Belzig-Karl.
Christpoh Gräfe fährt hoch. „Was? Mit dem laßt er sich ein?" ,
Lena muß schon wieder beruhigen. „Ach, laß doch. Es ist ja Kirmes heute! Da findet sich das ganze Dorf zusammen."
In den Tanzpausen ist um Den Gräfetisch eine laute Aufgeräumtheit. Das junge Volk ist lustig. Juttas Humor nötigt selbst Dem finsteren Schwiegervater ein Lächeln ab. Aber wenn Die Musik von neuem losschmettert. Dann ist Die TafelrunDe roieDer
Lena tanzt jetzt auch. FreD SchneiDer hat sie auf» gefordert Er spielt Drüben am Tisch Der Autobahn- leute Den großen Mann-
„FreD, hast Du Das Große Los gewonnen?" fragt Lena Den JugenDfreunD, unD ihre Stimme klingt seltsam trocken. WieDer beschäftigt sie jener Verbucht bes alten Gräfe.
„Hach, großes Los!" Schneiber lacht laut. „Was braucht unsereiner bas Große Los. Wer was in feinem Fach versteht, bem steht bie Welt auch so offen!"
Er würbe gern noch ein bißchen mehr prahlen, ber Herr Schneiber, aber ba bricht sich jemanb mitten burch bie Tcmzenben Bahn unb holt ihm bie Lena Oetteking einfach weg. Hermann Gräfe! Sein Schritt ist nicht mehr ganz sicher.
„Ich will auch mal mit bir tanzen!" Seine Augen flackern. Er nimmt Lena einfach in ben Arm. Schneiber will aufbrausen, aber ba kommt ihm eine geputzte Schwarzhaarige in ben Weg. Die tanzt bestimmt verwegener als bie Lena Oette
king! Ä v _
Hermann zieht Lena fest an sich. „Du, baß man auch mal was von bir hat
„Wollen wir nicht lieber aufhören zu tanzen, Hermann? Ich bin müde."
„Aufhören? Müde? Jetzt, wo es gerade erst angeht! He, Musik — weiter geht's! Ich zahle eine Runde!" v
Die Musikanten entlocken den Instrumenten noch lautere Töne — rumtata — rumtata ...
„Extra-Tour für Gräfe-Hermann!" ruft da einer. Wirklich, der Saal leert sich. Händeklatschend stehen alle im Kreise. In ihrer Mitte Hermann und Lena als das einzige tanzende Paar.
Fester pressen sich seine Arme um sie. Sem Atem ist heiß, seine Augen glühen. Lena ist rote erlöst, als die anderen auch wieder zu tanzen beginnen.
Du du — wollen wir nicht tanzen bis ans Ende Der Welt? Fort von Den anDeren? Allein fein möchte ich mit Dir!" ,
Ist er toll geroorDen, Der Große vom Grafehof? „Hermann, du hast zu viel getrunken!" Hart klingt Lenas Stimme.
Hermann steht mit einem Male still. Er ist plötzlich ernüchtert. „Ja, man muß schon betrunken sein, ehe man sich erlauben darf, an dich zu denken , sagt er bitter.
Lena krampft es das Herz zusammen. Er fuhrt sie an den Tisch zurück, wendet sich ab, als wolle er niemals wieder zurückkehren
Um Lena dreht sich der Saal. Sie steht kaum, wie Gottfried zu ihr kommt, sich neben sie setzt und ihre Hand nimmt Seine Morte versieht sie nicht-
„Magst du nicht auch mal mit mir tanzen, Lena? Ist dir nicht gut?"
Sie rafft sich auf. „Wir wollen einen Augenblick hinaus ins Freie gehen — der Rauch, der Lärm.."
Gottfried nickt. Aber Lenas Miene stimmt ihn mißvergnügt. Kann sie denn niemals mit ihm fo richtig fröhlich fein?
Auch Christoph Gräfe steht auf. Nein, dieser Nudeltopf ist nichts für ihn. Lieber will er still in der Gaststube sitzen bei einem „Rodaer Gold". Aus dem Wege durch den Saal sieht er, wie Fred Schneider einen Zwanzigmarkschein auf den Tisch wirst und den Bauarbeitern zuruft:
„Hier — losgelegt! Würste und Bier! Ein jeder soll heute mal einen guten Tag haben!"
Unverhohlenes Mißtrauen fliegt über Gräfes Ge- sich. Und an der Theke sieht er feinen Großen, wie er den Arm um die Hüfte der Kantinenpaula legt, jenes schwarzen Frauenzimmers, das schon den ganzen Saal verrückt gemacht hat. Neben den bei- den steht der Belzig-Karl, auch betrunken.
Gräfe kennt seinen Aeltesten nicht wieder. Zorn verschlägt ihm fast die Stimme, als er Hermann barsch aufforbert, an ben Familientisch zu gehen. Hermann lacht schallenb über ben Wunsch bes Vaters. „3a, ja, bamit unsereins zugucken kann, wie anbere in den Wolken spazierengehen."
Daß er damit Gottfried unb Lena meint, bavon weiß Christoph Gräfe nichts. Kopsschüttelnb verläßt er ben Saal.
Lena unb Gottfrieb gehen eine Weile vor bem Kretscham auf unb ab. Die Nacht ist warm unb trocken, ber Himmel hat zu guter Letzt boch noch ein Einsehen mit biesem Kirmestag gehabt. Wäh- renb ihre Gebauten noch brinnen im Saal sinb, reben sie gute unb beruhigenbe Worte. Sie fühlen es beibe nicht, wie leer ihr Gespräch ist, nur bazu bestimmt, ihre Hilflosigkeit zu verbergen.
Gottfrieb ist noch ganz von ber allgemeinen Fröhlichkeit eingefangen, sieht Ernis lachenbes Gesicht vor sich. Für Lenas Ernst hat er jetzt wenig 23er» ftänbnis.
Aber für Lena ist es wohltuenb, an Gottfriebs Seite auf unb ab zu gehen. „In beiner Nähe wirb mir besser", sagte sie leise. „Bei bir wirb alles klar unb einfach. Wirklich, Gottfrieb, beine Art ist für mich bie beste."
Glaubt sie, was sie sagt? Sie weiß es nicht. Sie fühlt, wie Gottfrieb hastig ihre Hänbe nimmt nnb sie drückt. «So [oU es Jein"« jagt es.
„Ja, bas wirb gut werben, mit uns beiben, ba draußen in der Einsamkeit. Ich wollte, es wäre schon so weit!"
Lena sieht zu Gottfried auf. Sein Gesicht ist hell. Seine blauen Augen haben einen guten Schein. Er sieht aus wie ein großer Junge, der willig ist, alles recht zu machen. Sie drücken sich nochmals fest die Hände, aber sie küssen sich nicht.
„Und nun wollen wir zusammen tanzen", sagt Lena plötzlich. Eine Welle von Lebenslust hat sie unvermutet überfallen. Im Trubel des Saales aber wird sie wieder schwerfällig. Gottfried fühlt, wie sehr sie sich zwingt, ein fröhliches Gesicht zu machen.
„Wir gehen bald heim", versucht er zu trösten.
Lena sieht sich vergeblich nach Hermann um. Aus dem kleinen Seitenzimmer dringt Lärm. Das Kreischen einer Frauenstimme. Gegrohle und Gesang aus Männerkehlen. Fred Schneider erscheint in der halboffenen Tür. Sein Gesicht ist hochrot. Lena sieht weg. Ihr Herz schlägt schnell und hart.
Endlich rüsten bie Gräfeleute zum Heimgehen. Hermann ist nicht babei. Vater Gräfe fragt nach ihm, aber Jutta unb Rubols zucken adlehnenb bie Achseln.
„Ach, laß boch ben", sagt Erni unb lacht ausgelassen. „Der sitzt schön warm!"
Lena mag nichts bavon hören. Sie brängt zur Tür. Christoph Gräfe geht wie selbstverstänblich an ihrer Seite. Die anberen sinb halb um ein paar Schrittlängen voraus.
„Muß viel Gelb haben, biefer Schneiber", bricht Gräfe enblich bas Schweigen. „Kriegt benn einer bei ber Autobahn fo viel bezahlt?"
Lena weiß, mit welchen Gebauten ihr Schwager sich roieber herumschlägt. Sie ist beinahe froh, baß er bavon anfängt. Sie mag jetzt nicht an Hermann benfen, nicht von ihm sprechen.
Das Sparkassenbuch, bas ausgezahlte Gelb, Schneiber! Lenas Kopf schmerzt.
Die anberen vorn fingen ein altes Lieb, es klingt wie aus einer anberen Welt. Rubolf, Jutta, Erni, Gottfrieb, zu vieren eingehakt, schmettern bas Lieb vom jungen Jäger, ber bas Möbel gehen lassen soll, weil es bie Mutter verbrießen würbe.
Die ganze Nacht hinburch wird Lena ben einfältigen Liebervers nicht los. Dabei horcht sie auf Hermanns Schritte, aber bie sinb noch nicht einmal im ersten grauen Morgenlicht zu vernehmen.


