mar, diesen zu lokalisieren trachtete, hat England nicht nur durch die den Polen gewährte Garantie den Krieg überhaupt erst heraufbeschworen, sondern auch nach dem schnellen Zusammenbruch Polens stur und verbissen am Krieg festgehalten und alle Hebel in Bewegung gesetzt, um noch andere Nationen in den Krieg hmeinzuziehen. Wenn trotzdem bislang England und Frankreich allein auf weiter Flur stehen, so sind dafür nicht zuletzt die Erfahrungen des Weltkrieges maßgebend gewesen, die es den Neutralen ratsam erscheinen ließen, nicht für die Interessen anderer die eigene Haut zu Markte zu tragen. Aber mit vollendeter Brutalität und kaltschnäuziger Rücksichtslosigkeit bietet England überall dort, wo es glaubt, sich das ungestraft erlauben zu können, seine ganze Macht auf, um sich neutrale Nationen gefügig zu machen und sie zumindest für seinen Wirtschaftskrieg gegen Deutschland einzuspannen. Wir erleben diesen britischen Terror so gut auf den skandinavischen Märkten, wie in Holland, Belgien, der Schweiz und ganz Südosteuropa. Das allein genügt freilich heute nicht mehr den Leuten, die sich in Paris und London mit Recht für den Krieg verantwortlich fühlen. Sie sehen sich genau wie vor einem Dierteljahrhundert nach Hilfsvölkern um, die ihre Schlachten schlagen sollen, und nach Kriegsschauplätzen, die sie der Sorge entheben könnten, an der Westfront die militärische Entscheidung zu suchen. Ihre Blicke gehen gleichzeitig nach dem höchsten Norden, wo Finnland sich verleiten ließ, es über die auf wenige lebenswichtige Punkte beschränkte Revisionsforderung der Sowjet- union zum Kriege kommen zu lassen, und nach Südosten, wo die britischen Drahzieher durch falsche Alarmnachrichten die kleinasiatischen Mächte gegen angebliche russische Aspirationen mobil zu machen suchen. In Rußland suchen die westlichen Pluto- Tratten den deutschen Gegner zu treffen, indem sie für die mißglückte direkte Blockade durch Erweiterung der Fronten im Norden und Südosten gleichsam neue Ansatzstücke suchen.
Die Finnen hatten sich vor einigen Wochen schon an die Genfer Liga gewandt, die denn auch unter französisch-britischer Regie die finnische Sache zu der ihren machte und die Sowjetunion aus der Liga ausschloß, was man in Moskau mit Humor zu tragen gewußt hat. Auf die telegrafische Anfrage des Genfer Sekretariats, welche materielle und humanitäre Hilfe die Mitglieder der Liga der finnischen Regierung zu leisten gedächten, haben sich Frankreich und England fast drei Wochen Zeit gelassen, um eine Antwort auszubrüten, die nach viel aussieht und doch zu nichts verpflichtet. Halifax erklärt in feiner Note, daß die britische Negierung die Absicht habe, Finnland „allen Beistand zu leisten, den sie in der Lage ist zu geben und sie ergreift tatsächlich schon die hierzu notwendigen Maßnahmen". Auch Daladiers Note spricht überbetont vom „Maß des Möglichen", in dem die französische Regierung Finnland gegenüber ihre Beistandspflicht zu erfüllen bereit sei. Die Entsendung von Truppen wird vermullich für beide Westmächte außerhalb dieses Möglichen liegen und sie werden nicht grade böse darüber sein. Schon die Unterstützung Finnlands durch Kriegsmaterial, an dem es ja den Finnen gebricht, wird auf nicht geringe Schwierigkeiten stoßen, ja ist ohne die Mitwirkung der skandinavischen Mächte kaum denkbar, die sich indessen darüber im klaren sein werden, daß sie bei einer Teilnahme an solch einer Aktion ihre Neutralität auf das schwerste belasten. Doch Englands Politik steuert zielbewußt darauf hin. Nichts könnte ihr lieber sein, als neben den Finnen auch noch Schweden und Norwegen für den britischen Krieg gegen Rußland zu gewinnen. Aber vorerst scheint in Stockholm und Oslo die Vernunft groß genug, um sich nicht in einen Krieg hineinzerren zu lassen, der beide Völker mit seiner vollen Schwere treffen müßte und in dem sie ihre eigene Existenz aufs Spiel setzen würden. Daß es den Briten heute so wenig um Finnland geht, wie ihnen im September auch nur das geringste an Polen gelegen war, darüber sollte man sich in Skandinavien langsam klar geworden fein. Ihnen liegt ausschließlich an der Ausweitung des Krieges.
Das gleiche gilt auch für den Süd osten, wo man 8war vorerst noch um einen Vorwand für einen ?rieg gegen Rußland verlegen ist, aber hofft, ihn im rechten Augenblick durch irgendwelche Tatarennachrichten über russische Truppenkonzentrationen rm Kaukasusaebiet und Grenzzwischenfälle konstruieren zu können. Inzwischen scheinen hier rm Gegensatz zum Norden die militärischen Dorberei- tungen schon im vollen Ganae. In Syrien soll sich bereits eine britisch-französische Armee versammeln, die auf eine Stärke von ein bis zwei Millionen Mann gebracht werden soll. Das Hauptkontingent sollen französische Kolonialtruppen aus Afrika und Jndockina und daneben arabische Hilfsvölker aus dem Irak und Aegypten, schließlich noch indische Regimenter stellen, die gegen den Protest des indischen Nationalkonaresses |a schon zu Beginn des Krieges nach dem Irak, Palästina und der Suez- Tanalzone verfrachtet worden waren. Den Oberbefehl soll General W e y g a n d übernehmen, der frühere französische Generalstabschef, der in Da- maskus und Beirut bereits Besprechungen mit General Wavell hatte, dem Befehlshaber der britischen Truppe im Mittleren Osten, der seinen Sitz in Kairo hat und dem sämtliche Streitkräfte in Aegypten, dem Sudan, Palästina und Zypern, sowie die Truppen der mit England verbündeten Länder Aegypten, Irak und Transjordanien unter» stellt sind. Die Frage, wie sich die T ü r k e i zu einer tnilifärifdjen Zusammenarbeit mit den beiden west- Eichen Plutokratien gegen Sowietrußland stellen wird, scheint trotz mehrmaliger Besuche Weygands «und Wavells in Ankara noch immer offen zu fein. Die Türkei hat sich zwar bereitgefunden, den gegenseitigen Garantiepakt mit den Westmächten einzu- gehen, aber sie hat sich damals ausdrücklich Vorbehalten, gegen ihren alten russischen Verbündeten nicht antreten zu brauchen. So ist hier vorerst noch 'eine wesentliche Lücke, Die zu schließen die französischen und britischen Diplomaten wie Militärs emsig bemüht find.
Das Ziel der milttärischen Anstrengungen der Westmächte, die durch die Aufstellung der britisch- französischen Armee in Syrien eingeleitet werden sollen, sind die russischen Petroleumfel- d e r zwischen dem Kaspischen und Schwarzen Meer, die man durch einen Vorstoß über Erzerurn erreichen will. Daß das Oel in diesem Krieg eine ganz über« ragende Rolle spielt, ist zweifellos, wenn man weiß, daß England in den letzten Jahrzehnten seine Kriegs- und Handelsflotte zu einem wesentlichen Teil auf Delfeuerung umgestellt hat, ganz abgesehen davon, daß noch in keinem früheren Kriege der Motor zu einer solchen Bedeutung gelangt ist wie jetzt. Transkaukasien mit feinen reichen Oelquellen bei Baku und der Oelleitung nach Baturn, von wo das russische Oel über das Schwarze Meer den Anschluß <m den Weltmarkt erreicht, war in den beiden letzten Jahrhunderten der wichtigste Schnittp'.-.nkt der Großmachttnteressen Englands und Rußlands. England ist es freilich nie gelungen, hier
Auf Minensuche in Ostende.
23on unterem M. K.-Korrespondenien
Brüssel, an der Jahreswende.
Der Berichterstatter, der sich in den Kopf gesetzt hat, aus nächster Nähe den Fang und die Vernichtung einer angetriebenen Mine an der belgischen Küste mitzuerleben, hat es nicht ganz leicht. Denn wer glaubt, er brauche sich nur auf die Bahn zu sttzen und nach O st - ende zu fahren, um das mit eigenen Augen zu sehen, wovon er täglich in den Brüsseler Zeitungen lesen kann, der hat sich geirrt. Schon der erste Eindruck in Ostende ist nicht ermunternd. Der vom Bahnhof kommende Fremde meint, er besuche einen von feiner Einwohnerschaft verlassenen Ort. Die Straßen, die Fenster, die Läden und die Restaurants sind leer. Die lebenden Seelen aber, die der Reisende trifft, tragen Khaki und patrouillieren nicht zum eigenen Vergnügen durch die grauen, frostigen Straßen. Im Hasen und auf dem Meere ist es ebenso tot. Man sieht keine Fischerkutter. Was man sieht, sind große, sonderbare graublaue Ungetüme, die auf dem Wasser liegen. Ihre Umrisse ragen in den unwirtlichen Nebel, der über diesem verlassenen Badeort lagert.
Sie sollen — fo erzählt ein kleiner Knabe mit blaugefrorenen Händchen, den neugierigen Fremden —. „auf d i e Flieger auf passen", den neutralen Himmel Belgiens also beschützen und dafür sorgen, daß der „kürzere Weg" von den praktischen Söhnen Albions umgangen wird. Er weiß noch mehr, her kleine Flamenjunge, der sich in die zitternden Fäustchen haucht — um sie zu erwärmen. Er weiß, warum der Vater auf die „Engelschmans" flucht, und mürrisch und böse ist. wenn er so selten nur zum Fischfang herausfährt. Die Tage, in denen der kleine Junge zusah, wie die reichen Ferienkinder in dem schönen gelben Sand am Strande spielten, sind nicht nur der Jahreszeit nach vorbei. Im Juli noch konnten da die großen Preise gewonnen werden, welche alljährlich für die schönste Burg mit den höchsten Türmen ausgeschrieben werden. Jetzt ist dieser gelbe Spielsand in Tausende von Säcken gefüllt, und diese lehnen sich hochausgesck'--'-tet an b-ie Fassaden der Häuser, um sie bei einem Luftangriff zu schützen. Als der kleine Junge den Weg zum „Stadthuis" gezeigt hat und dafür einen Frank bekommt, leuchten seine Augen. Er schließt den Frank fest in die kleine Faust und rennt davon. Ein Frank ist heute viel Geld in Ostende...
Im Stadthuis sehen die Beamten die ausländische Journalistin mit großen Augen an und vergessen den Federhalter aus der Hand zu legen. So, auf ein Schiff wolle sie und zusehen, wie die Minen gefangen werden. Da könnten sie leider nichts helfen. Für derartiges fei die Militärbehörde allein zuständig. Aber wenn die Dame Auskünfte haben wolle, wie es jetzt in Ostende aussehe, bann sei man hier zuständig und zu Auskünften gern bereit. Auch" in früheren Zeiten habe die .Königin der belgischen Seebäder" sich zur Winterszeit ausgeruht. Doch habe es damals immer noch Frachtverkehr gegeben; die Fischer seien ausgefahren und hätten das Geld gehabt, um des Abends ihr Bier zu trinfen. Auch die Fremden, die nach England gefahren ober von dort gekommen feien, hätten sich einige Stunden in Ostende aufgehalten, etwas gegessen und getrunken, Ansichtskarten geschrieben und ein Paar Erinnerungen gekauft. Heute h-n- gegen? Anstelle der 10 864 im November 1938 hätten 1939 genau 1248 Personen Ostende auf der Durchreise nach England passiert. Der Frachtverkehr fei in dem gleichen erschreckenden Maße zurückgegangen. Doch man wolle die Dame mit diesen Geschichten nicht mehr aufhalten, denn sie müsse ja noch ihre Mine fangen, und dazu sei wohl einige Vorbereitung erforderlich...
Die Journalistin ist' ein wenig nachdenklich geworden. Sie ertappt sich bei der Idee, daß sie jetzt mehr an das Schicksal der Bevölkerung von Ostende dachte, als an ihre schöne Minensensation, auf die sie sich von Herzen gefreut hatte. Die Eindrücke auf der Straße tragen nicht dazu bei, die Gedanken aufzuheitern. Rechts wie links kleben die gelben Schilder „Zu vermieten", „Zu verkaufen" an den Fenstern der Läden und Kaffeehäuser. Trotz des Angebots starker Preisermäßigungen für Personen in Uniform wollen sich auch diese nicht einstellen;
und selbst der zuftiedenste Gast eines jeden belgischen Restaurants und Kaffeehauses, die am Fenster liegende bucklige Katze, schaut mißmutig drein. Diel- leicht stört es sie, daß sie jetzt zu einem einsamen Gast geworden ist...
Die Berichterstatterin kommt an den Strand. Die pompösen Hotels, das Grand Hotel, das Bristol, das Majestic, das Littoral haben mit den Fensterläden ihre Augen geschlossen. Sie träumen vom vorigen Sommer und wagen es nicht, an den nächsten zu denken. Ein einsamer Soldat patrouilliert auf und ab. Als et eine andere lebende Seele sieht, setzt er eine Amtsmiene auf und fragt nach dem Woher und Wohin. Die Amtsmiene glättet sich jedoch, als er französische Laute hört. Denn er ist aus Mons, einen Katzensprung von der französischen | Grenze. Er tut hier Dienst, bewacht die flandrische Küste und hält Ausschau nach Minen und verdächtigen Fremden. Am schwersten bei der Erfüllung seiner vaterländischen Pflichten empfindet er die Einsamkeit. Denn was nützen ihm die Kameraden, wenn er sich nicht mit ihnen verständigen kann? „Nicht ein Wort französisch sprechen sie, diese Flamen! Des Abends, wenn ich in die Kaserne komme, habe ich noch ein paar Wallonen, mit denen ich 1 reden kann. Aber den Tag über stehe ich hier und kann nicht einmal den Mund auftun." Langeweile, Kälte und ein seltsames Schweigegebot, das tft für diesen Wachsoldaten an der belgischen Küste der Krieg von 1939.
Der Weg zur Kommandantur geht weiter, und schon nach einigen hundert Metern stößt die Repor- terin auf eine andere Wache. Diesmal ist sie flämischen Ursprungs. Doch ebenso blaugesroren wie der dunkelhaarige Kamerad aus Mons schaut dieser blauäugige und blonde Flame mit seinem roten Bauern gesicht auf den dichten grauen Nebelvorhang, der das Meer dem Auge versperrt und unter dem, in regelmäßigen zeitlichen Abständen, pünktlich zwei schmutzige Schaumwogen aufklatschend an den Küstenrand rollen. Die ganze Küste von La Panne bis Le Zoute gehen in kurzen Abständen solche Wachen auf und ab, so weiß dieser Soldat zu be- richten. Es sei heute wohl nicht ganz einfach, unbemerkt an der belgischen Küste zu landen, beim an diesen achtund sechzig Kilometern ist ein einziges militärisches Gatter errichtet.
Der Weg geht weiter. Endlich landet man bei einer militärischen Stelle, die sagt, daß die Erlaub- nis zur Durchführung eines derartigen Planes nicht in Ostende, sondern nur in Brügge erteilt werden forme. Die Berichterstatterin fährt nach Brügge. Steht dort vor einem General, einem älteren, freundlichen, grauhaarigen Herrn, der ihr versichert, das ganze Geschäft des Minensanges sei h ö ch st e s militärisches Geheimnis. „Ihre Fragen können wir uns denken. Sie werden wissen wollen, wieviel Minen wir bischer unschädlich gemacht haben, welche Nationalität diese Minen hatten, und auf welche Weise wir sie vernichteten. Alle diese Fragen können wir Ihnen aber nicht beantworten, denn, wie der Generalstab in Brüssel neulich bei einem ähnlichen Fall sagte: „Belgien kann sich nicht durch derartige Veröffentlichungen einer Statistik einzelne kriegführende Parteien zum Feinde machen."
Die Journalistin dankt für diese Auskunft und ist befriedigt. Sie erinnert sich, daß vor nicht all- aulanger Zeit die Brüsseler Wochenschrift „Eassan- dre" bekanntgab, die bisher angespülten Minen seien fast ausschließlich englischen Ursprungs. Jetzt fährt sie zurück nach Dftenbe und denkt sich ihr Teil. Sie sitzt in einem dieser leeren Restaurants, Höri, daß die Wirtin bereit ist, das Haus mit dem Restaurant und seinen sechs eingerichteten Hotelzimmern für 5000 Francs sofort zu verkaufen. Ein Derzweislungspreis, der etwa einhundertsechzig Dollars entspricht. Vor der Tür des Restaurants prallt sie auf einen Sergeanten. Doch mir für wenige Sekunden ist es ein fremder belgischer Sergeant, dann sieht sie, es ist ein alter Bekannter aus Antwerpen. Er ist ein weitgereister Mann, klug und gebildet. Doch jetzt ist er eingezogen und verkörpert einen Teil des wehrwilligen und zur Verteidigung bereiten Belgiens. Daß ihm das Uniformtragen eine Freude wäre, kann man
länger Fuß zu fassen, obwohl es von Per- sien aus oft genug den Versuch dazu machte. Schließlich kam es 1907 zur Abgrenzung der beider- seitigen Interessensphären. Im Weltkrieg gelang es erst im April 1918 den Türken, Votum zu besetzen. Im Wettlauf mit deutschen und türkischen Trupp'en gelangte ein britisches Detachement im August 1918 nach Baku, in den folgenden Jahren förderte England von hier aus den Kampf gegen die russische Revolutton, räumte jedoch 1920 wieder Baku und Transkaukasien vor den siegreichen Truppen der Sowjets. Nun versuchte England es auf diplomatischem Wege, zum Ziel zu kommen. Es stellte sich hinter die großen Oelgesellschaften, die nach dem Kriege private Anteile an den transkaukasischen Oelfeldern erworben hatten. Aber der Versuch, auf diesem Umwege Konzessionen in die Hand zu bekommen, mißlang ebenso wie in dem nordpersischen Ocldistrikt Fuß zu fassen. Die nationale Erhebung Riza Khans machte all diesen britischen Bemühungen im heuttgen Iran ein Ende. Iran fand in der Sowjetunion den stärksten Förderer seiner nationalen Entwicklung und seiner Unabhängigkeit. Der unter iranischer Führung 1937 zustandegekommene Block der vier vorderasiatischen Mächte Iran, Afghanistan, Türkei und Irak konnte von der Sowjetunion als Bollwerk gegen irgendwelche neuen britischen Aspirationen auf das transkaukasische Erdölgebiet begrüßt werden. Es ist also auch kaum denkbar, daß diese Mächte, die alle wissen, was sie von England zu erwarten haben, die Lehren ihrer eigenen Geschichte soweit vergessen könnten, um sich England in die Arme zu werfen. Den Irak freilich, das alte Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris mit der Hauptstadt Bagdad und den wertvollen Delfelbem von Mosul, hält England unter eiserner Faust, aber ohne die Türkei und den Iran wäre ein britisch-französischer Vorstoß gegen Transkaukasien unvorstellbar. Die britischen Bemühungen hier und in Finnland, die dem Versuch eines umfassenden Flügelangriffs auf Deutschland und Rußland gleichkommen, haben eine in die Augen springende Aehnlichkeit mit der britisch-französischen Interventionspolitik in den ersten Jahren der russischen Revolution. Was damals unter weit günstigeren Umständen in einem durch die Niederlage im Weltkrieg zermürbten, durch die Revolutionswirren zerrütteten Lande gegen ein noch um seine nackte Selbstbehauptung kämpfendes Regime nickt gelungen ist, ist heute ein gänzlich hoffnungsloses Unterfangen, das einzig und allein dem verzweifelten Bemühen entspringt, angesichts
der Erfolglosigkeit der bisherigen Kriegführung andere Mittel und Wege zu finden, die den eigenen Völkern die furchtbaren Vlutopfer eines Angrifts auf den Westwall ersparen. Fr. W. Lange.
Oer Wehrmachisberichi vom Freitag.
V e r l l n. 5. Jan. (DJIB.) Das Oberkommando der
Wehrmacht gibt bekannt:
An der Westfront geringe, an einzelnen Stellen etwas lebhaftere Artlllerietaligkeit.
Die Aufklarungstatigkeit der Luftwaffe gegen Großbritannien und Frankreich wurde planmäßig fortgesetzt.
Der heutige Wehrmachlsbericht.
v e r l i n. 6. Jan. (DJIB. Aunkfpruch.) Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt: Seine befonderen Ereignisse.
Oer ungarische Außenminister in Venedig.
Mailand, 5. Ian. (Europapreß.) Der unga- rftche Außenminister, Graf C s a k y , ist am Frei- tagvorrnittag In Venedig eingetragen, wo er am Samstag mit dem italienischen Außenminister, Graf C i a n o , eine Zusammenkunft haben wird, die im historischen Palazzo Dandolo stattsinden soll. Graf Csaky wurde am Bahnhof vom Chef des Protokolls des Ministeriums des Aeußeren, Graf Celesio, dem Präfekten, dem Bürgermeister, sowie den Vertretern der Militärbehörden der Stadt empfangen. Nach dem Abschreiten der Front einer faschi- Üischen Ehren ormation begob sicy der Minister im Motorboot auf dem Canäle Grande ins Hotel.
Zur Italienreife des ungarischen Außenministers schreibt der Budapester Korrespondent des „Corriere dello Sera", Ungarn sehe sich drei großen politischen prägen gegenüber: dem Problem der u n g o r i s ch. rumänischen Grenzen, dem ungarisch- jugoslawischen Verhältnis und der Frage der Beziehungen zwischen Un-
nicht gerade behaupten. „Wer was wollen Sie machen? Ich bin weiß Gott keine kriegerische Nattir. Wenn wir Belgier uns aber jetzt nicht nach allen Seiten hin verteidigungsbereiit zeigen, dann ist es schon am Anfang aus mit der ganzen Unabhängig- feit des belgischen Staates. Natürlich sind die Leute da draußen im Nebel wütend, daß sie hier frieren müssen und zu Hause ihr Geschäft kaputgeht. Aber wenn es zu einem Konflikt kommen sollte, bann vergessen die einen, daß sie die Sprache der anderen nicht verstehen, daß diese Uniform drückt und unbequem ist, und daß man gestern noch auf die Offiziere geflucht hat, weil man nicht genug Urlaub bekam. Wenn es losgeht, dann schlagen sie sich alle zusammen für Belgien. An der einen Grenze genau so wie an der anderen."
Dann aber berichtet er von den Minen. Er schildert, wie die runden Kugeln mit ihren spitzen Hörnern etwa einen halben Meter aus dem Wasser herausragen und ein Angsttraum und Schrecken der belgischen Fiscydr sind. Die Ausfahrt bei Nacht ist jetzt streng verboten, und die alten Fischergründe der Krabben- und Sprottenfischer werden garnicht mehr besucht. Man ftscht am Tage und bleibt in der Nähe der Küste. Ein mageres, aber sicheres Gebiet, soweit man hier von Sicherheit überhaupt noch reden kann. Die Fahri der hundert belgischen Fischerboote in die Nähe von Dünkirchen, wo sie sich plötzlich in einem Minenfeld wiederfan- den, es rechts und Vinks in den Netzen explodierte und die Fischer ihr Leben nur einem Wunder zu danken hatten, dürste wohl für lange Zeit die letzte Fahrt in diese Gegend gewesen sein.
Für die Minensuchmannschaften, denen der freundliche belgische Sergeant jetzt angehöri und die jeben Tag vier bis fünf Minen, deren Zahl sich bei Unrmtter rapide erhöht, unschädlich machen, sind die Fischer als eine Art Hilfstruppe eingesetzt worden. In jedem Fftcherboot müssen jetzt bei der Ausfahrt zwei Leute am Bug stehen, deren einzige Ausgabe es ist, nach Minen Ausschau zu halten. Sobald sie eine Mine gesichtet haben, hissen sie am Hinteren Mast eine Flagge, unter der zwei Körbe hängen. Dies ist für die Minensuchmann- jchaften das verabredete Zeichen, und sofort wird in der angebenen Richtung nach der gesichteten Treibmine gesucht. Die Vernichtung der Mine im Wasser geschieht durch Schüsse aus einem Maschinengewehr ober aus einer 7,5 cm fafihrigen Kanone, mit der die Minensuchboote ausgerüstet sind. Der Gedanke, hierfür Zivilisten anzuwerben, wurde bald nach Kriegsbeginn wieder fallengelassen. Die an der Küste stationierten Truppen sind mit dieser Arbeit der Minensuche betraut und auch schon vertraut geworden. Noch unangenehmer als die Minen im Wasser sind die Minen am Strand. Hier haben sich schon mehrere gefährliche Explosionen ereignet. In einem Fall wurden bei dem Militärkrankenhaus von Ostende große Schäden angerichtet. Ein anderes Mal bekamen die Insassen einer Bäckerei die Scher- den der Schaufensterscheibe in die Gesichter, in einem dritten Fall bekam ein Offizier einen Orden, weil er kaltblütig seine Umgebung vor einem noch größeren Unglück behütet hatte.
Der Aerger und Mißmut unter den Küstenbewohnern ist groß. Neuerdings hat man auch in den belgischen Kanülen Minen gefunden, die bei Sturm von der Scheldemündung aus hereingetrieben wurden. Die Fischer, die von den Minen am meisten betroffen sind, schützen das Berni chtungsverfahr en durch Maschinengewehrschüsse wenig. Denn man erreicht zwar, daß die Minen untergehen, doch werden sie bei dem Fischzug oft wieder nach oben geholt. Wenn sich in einem Fischernetz oft mehr als 10 000 Kilogramm Fische befinden, dann merken die Fftcher nicht, daß sich dazwischen eine Mine verborgen hat, und sie haben Angst, daß auch solch eine Mine noch Schaden anrichten könnte.
Schon lange ist es dunkel geworden. Die Berichterstatterin must sich beeilen, um den letzten der spärlichen Züge zu erreichen, welche heute noch die Küste mit dem Landesinnem verbinden. In der übergroßen neu gebauten Bahnhofshalle, deren architektonische Ausmaße im Vergleich zu dem winzigen Verkehr unheimlich wirken, patrouiGieren ebenfalls khakigekleidete Soldaten mit umgehängten Gewehren. Der maritime Nebel begleitet den Reisenden, und der letzte Eindruck von Ostende ist fo traurig wie der Empfang.
garn und Sowjetrußland. Ungarn habe Beweise dafür gegeben, daß es geduldig und abwartend bleibe, solange feine Rechte nicht bedroht würden. Ungarn wolle stark fein; es schaffe sich deshalb ein unabhängiges Heer und strebe eine friedliche Revision seiner Grenzen an. Ungarn fei aber absolut nicht geneigt, Versprechungen auf sich zu nehmen, die für das Land neue Verzichte bedeuten würden. Es könne nicht die Grenzen gegenüber Rumänien anerkennen und fei der Ansicht, daß eine offene Ueberprüfung dieses Problems kommen müsse. Die Beziehungen mit Jugoslawien hätten sich dagegen sehr gebessert und ließen eine enge und tonale Zusammenarbeit zwischen den beiden Staaten erhoffen.
Lebensmittelkarten in Italien.
Rom, 6.Jan. (Europapreß.) Italien führt jetzt ebenfalls Lebensmittelkarten ein; allerdings vorläufig nur als te chni f che Dorfichtsmaß- n ah m e. Jedem Einwohner wird bis Mitte Januar eine Karte zugestellt werden, die es ermöglichen wird, jene Lebensrnittel zu erwerben, die etwa in Zukunft einer Rationierung unterworfen werden müssen. Die verschiedenen Abschnitte dieser Karte sind also noch nicht für bestimmte Lebensmittel aus- gestellt; vielmehr wird der Verwendungszweck der einzelnen Marken erst später bekanntgegeben, falls sich die Notwendigkeit der Rationierung des einen ober anderen Erzeugnisses ergeben sollte. Zunächst ist nur eine vorsorgliche Regelung des Kaffee Verbrauchs vorgesehen. Zu diesem Zweck müssen sich die Verbraucher bei ihren früheren Lieferanten gegen Abgabe eines Kartenabschnittes eintragen lassen. Die Blätter unterstreichen den vorsorglichen Charakter der Maßnahme. Vorläufig könne sich jedermann davon überzeugen, daß in Italien noch keine Knappheit an Lebensrnitteln irgendwelcher Art herrsche. Aber der Krieg nehme immer mehr die Form eines Wirt- schastskampfes an, der die ganze Welt umfasse. Darum müsse sich auch Italien auf alle Möglichkeiten vorbereiten, um den Einfluß dieses Krieges auf seine eigene Wirtschaft zu neutralisieren. Die Regelung des Kafteeverbrauchs mit Hilfe der Karten bringt denn auch keine Einschränkung, sondern eine Erweiterung d-s Konsums, da ja der Verbrauch von Kaftee seit Beginn des Krieges vollständig verboten worden war.


