Nr. 5 «es Blatt
190. Jahrgang
Samstag, 6./$onntagJ.3anuar 1940
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Gietzener Anzeiger
General-Anzeiger für Oberhessen
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Oer finnla'nvische Kriegsschauplatz.
Von unserem ll St.-Äerichierstatier.
Helsinki, Januar 1940.
Finnland unterschreitet im Süden nur wenig den 60. Breitengrad, im Norden reicht es hoch in die 21 s hinauf. Dort, wo es im Sommer immer Tag um) im Winter ewige Nacht ist, wo.nur das Nordlicht mit seinem kalten violetten, purpurnen und gelb-grünen Feuer bis zum Zenit aufflammt und uferlose, weiße Flächen erleuchtet. Wenn der Sturm über den Schnee fegt, so treibt er der Sage nach die Flocken bis zum Palast der Schneekönigin hinauf. Im Dezember setzen die großen Fröste ein. Dann bedeckt eine dicke Eisschicht das „Land der tausend Seeil", unter denen es einen Giganten von 11000 Quadratkilometer gibt, den Ladoga-See, der die Grenze mit Rußland durchschneidet. Im Winter ziehen Fischer in die schneeverwehte Oede hinaus, hacken in das meterdicke Eis Löcher und legen dort ihre Netze aus. Wenn der Frost auf 20 Grad und mehr unter den Nullpunkt sinkt, so berstet das Eis unter gewaltigem Krachen, das ähnelt bann Kanonensalven. Dazwischen läuten schrill die Glocken des Klosters von Walaam, auf einer Insel im See, um den Verirrten im trüben Dunkel die Richtung zu weisen.
Unter den Donner des berstenden Eises mengt sich nun heute der Donner der Geschütze. Denn der Ladoga und seine Ufer sind ebenso wie die Front am Eismeer Kriegsschauplatz. Die Sonne erhebt sich nur für wenige Stunden über den Horizont, und da die Schneenebel steigen, so ist auch in den kurzen Tagesstunden die Sicht sehr behindert. Die finnischen Soldaten sind in der Schnee- und Eisöde unsichtbar, weil sie weiße Umwürfe über ihren pelzgefütterten Uniformen tragen. Wenn es auch keine Schützengräben zu stürmen gilt, so müssen doch andere tückische Hindernisse überwunden werden. So sind z. B. Eisspalten ausgesägt, die der Nachtfrost mit einer dünnen Schicht bedeckt hat und über die dann der 'Schnee hinweggefegt ist. Man kann diese Spalten nicht von der restlichen Fläche unterscheiden. Wehe dem, der sich unvorsichtig auf diese dünne Eisschicht wagt, er versinkt und wird unbarmherzig in hie Tiefe gezogen.
Schon vor mehr als zwei Jahrhunderten haben zwischen Peter dem Großen und Karl XII. erbitterte Kämpfe auf dem Ladoga- See stattgefunden. Die Finnländer, die damals unter den schwedischen Fahnen standen, schickten ihre Segler gegen die andrängende russische Flotte, an der Zar Peter selbst mitgezimmert hatte. Man siegt noch heute in der Nähe der Inseln von Walaam, wo das Wasser seichter ist, auf dem Grunde die Reste von alten Wracks, um die heute Robben spielen. Dort hatte schon im 13. Jahrhundert der Fürst Alexander Newsky von Nowogorod die Truppen des^ englisch-schwedischen Bischofs Thomas geschlagen und sich im Frieden von Schlüsselburg den Zugang nach dem Norden gesichert. In den lebten Jahrzehnten ist Schlüsselburg ein Gefängnis für die politischen Gefangenen gewesen. Dort saßen die am Mord des Zaren Alexander verwickelten Nihilisten 25 Jahre gefangen, ehe sie die Amnestie vom Jahre 1905 befreite. Heute erstrecken sich längs der Newa, von Petersburg bis zum Ladoga, d i e großen Industrien Rußlands, ein Fabrik- fchlot erhebt sich neben dem anderen, und es versteht sich von selbst, daß dieser Raum besonders sorgsam militärisch gesichert werden muß. Parallel mit dem Ladoga liegen waldumsäumt Hunderte von „Järvis" (d. h. Seen), die jetzt alle mit dickem Eis bedeckt sind, unter ihnen der große S a i m a - S e e , an dessen Uefern hübsche Dillen liegen, sowie der berühmte Jmatra-Wasserfall, der im Winter einem Dom aus Eis gleicht.
Es ist ein sehr weiter und beschwerlicher Weg von der karelischen Front am Ladogasee bis zur Front am Eismeer bei Pets amo (Petschunga), wo, soweit cs die attische Nacht und die Schneeverhältnisse zulassen, zur Zeit hefttge Kämpfe stattfinden. Fröste bis zu 60 Grad unter dem Gefrier - Punkt lassen dort alles Leben erstarren. Der weiße Pulverschnee, den der Wind vor sich Vertreibt, schneidet wie glühende Nadelstiche ins Gesicht und Säht die Wimpern zusammenfrieren. Dort bei Pet- famo am Salmisee liegen die reichen Nickel- und Kupferminen, die einzigen Erzvorkommen Finnlands. Im Jahre 1927 war es einem finnischen Geologen gelungen, im nördlichen Lappland das Nickellager zu entdecken. Nach längeren Verhandlungen wurde mit Hilfe des kanadischen Nickeltrusts mit den Vorarbeiten zur Ausbeute des wertvollen Metalls begonnen; 1937 begann die richtige Ausbeute, wobei man mit einer Förderung von 200000 Tonnen jährlich rechnete. Der Abtransport der Erze erfolgte zum Eismeer, nach dem finnlän- ldischen Hafen Liinahamari, der ebenso wie Murmansk wegen einer Abzweigung des Golf- stromes eisfrei ist. Bei Salmijärvi wurde an den Stromschnellen des Paatsflusses ein Großkraftwerk errichtet, das die ganze Gegend mit elektrischem Strom versorgte. Die Kämpfe im Bergwerksbezirk und die damit verbundenen Verwüstungen dürften wohl die Anlagen zerstört haben.
Die nächste Eisenbahnstation ist 450 Kilometer von Salmijärvi entfernt. Dazwischen liegt eine große Oede, in der die Lappen ihre Renntier- 1)erben vor den Angriffen der Wolfsrudel schützen müssen. Da es weder Weg noch Steg ins Innere gibt, stößt die Zufuhr von Wafftn, Munition und Lebensmitteln sowohl bei den Russen als auch bei Iben Finnländern auf große Schwierigkeiten und verhiiÄert die Bewegung größerer Truppenteile. Setzt dann das Tauwetter im späten Frühjahr ein, jo liegt ein großer Teil des Geländes unter Was
ser, aus dem die Höhen wie Inseln hervorragen. Der Kriegsschauplatz im Norden zwingt dabei zu einer Taktik, wie sie andere europäische Kriege nicht gekannt haben. Finnland grenzt in der Arktis an Norwegen und an Schweden, und britische Intrigen machen sich auch dort bemerkbar.
„Eine gefährliche Loge für Schweden "
Stockholm, 5. Januar. (Europapreß.) Mit dem finnisch-russischen Krieg und seinen möglichen Auswirkungen auf Skandinavien beschäftigt sich die Stockholmer Zeitung „Nya Dagligt Allehanda". Das Blatt stellt fest, daß der finnisch-russische Krieg eine internationale Bedeutung erhalten habe, die man nicht unterschätzen dürfe. Der finnisch-russische Krieg habe die bis zuletzt von den Westmächten aufrecht erhaltenen Illusionen zunichte gemacht, wonach man kämpfe, um Rußland von Deutschland trennen zu können. Für Schweden ergebe sich eine gefährliche Lage, wenn es England und Frankreich gestatte, Kriegsmaterial und Truppen durch schwedisches Gebiet nach Finnland gelangen zu lassen.
Auch „Astonbladet" fordert von Schweden eindeutig eine vorsichtige ^Beurteilung der Finnland-Frage. Schweden nähere sich besonders dann einer Gefahrenzone, wenn die Frage eines Transits von Kriegsmaterial aus dem Westen nach Finnland aktuell werde. Man müsse die Frage stellen, ob dieses Material von ausschlaggebender Bedeutung für Finnland fein werde, und weiter, ob nicht andere Trans- portwege geschaffen werden können. „Kann nijyt das der Gedanke der Westmächte sein", so heißt es dann, „aus verschiedenen Gründen Schweden in den Krieg hineinzuziehen, einen Kriegsschauplatz im Norden zu schaffen, Deutschland des Erzes zu berauben und geeignete Flugzeugstützpunkte für einen Angriff nach Süden hin zu bereiten. Wenn das der Gedanke ist, so versteht man recht gut, welche dunklen Ziele sich hinter den schönsten Worten verbergen!"
Höre Belffha und MacMittan zurückgetreten
Amsterdam, 6. Jan. (Europapreß.) Amtlich wird am Freitagabend in London mitgeteill: Der englische Kriegsminister hore-Velifha und der Jnsormationsminisler Mac Millan sind von ihren Posten zurückgetreten. Der bisherige Handelsminister Oliver Stanley wurde zum Kriegsminister ernannt, Sir John R e l t h zum Informationsminister. Neuer Handelsminister wurde Sir Andrew Duncan. Wie Reuter ergänzend mitteilt, wurde höre Velifha nach seinem Rücktritt als Kriegsminister das Handelsministerium angeboten, er lehnte es aber ab. Dieser Wechsel vervollständige die Neubesetzung der wichtigsten Regierungsstellen, schließe aber die Möglichkeit von Aenderungen in den unteren Stellen nicht aus.
Oie Wirkung der deutschen Seekriegführung
Englands Linienschiffahrt
der Regierungskontrolle unterstellt.
Amsterdam, 5.Jan. (Europapreß.) Der englischen Regierung macht die Schrumpfung ihres Handelsschiffsraumes erhebliche Sorge. Die Verknappung des Schiffsraumes ergibt sich aus der erfolgreichen deutschen Seekriegführung und der täglich wachsenden Abneigung der neutralen Schifffahrt, nach englischen Häfen zu fahren. Nachdem die englische Regierung sich erst dieser Tage entschließen mußte, umfangreiche Requisitionen von Trampschiffen für den Transport von Getreide, Erz und Metall vorzunehmen, teilt jetzt der Minister für die Handelsschiffahrt, Sir John (Stirn o u r, mit, daß die gesamte Linienschifffahrt Englands und Der Kronkolonien ber Son« trollederenglifchenRegierungunter- stellt wird. Die Beschlagnahme der Schiffe tritt am 1. Februar in Kraft, und zwar werden die einzelnen Schiffe in dem Augenblick der Regierungskontrolle unterworfen, in dem sie zum erstenmal nach dem 1. Februar ihre Reise nach einem Hafen im Vereinigten Königreich beendet und ihre Ladung gelöscht haben. Die englischen Reeder sollen ihren Betrieb auf normale Weise fortsetzen. D a s R i s i k o für den Verlust von Schiffen und »Ladungen wird aber z u haften der Regierung gehen. Die britische Regierung beansprucht dafür das Recht, Schiffe nach ihrem Gutdünken auflegen zu können, bestimmte Routen vorzuschreiben und die Schiffe mit Ladungen zu befrachten, die für englische Staatsinteressen am dringlichsten benötigt werden.
Umbildung des belgischen Kabinetts.
Brüssel, 6. Jan. (DNB.) Ministerpräsident P i e r l o t hat am Freitagmittag dem König den Gesamtrücktritt des belgischen Kabinetts überreicht. Der König erteilte Pierlot den Auftrag zur Neubildung des Kabinetts. Pierlot gab am Freitagabend die Zusammensetzung des
neuen Kabinetts bekannt. Die Ministerzahl ist von 18 auf 14 herabgesetzt worden. Ausgeschieden sind der ehemalige liberale Innenminister De» veze, Jnformationsminister Wauters, der frühere Verkehrsminister M a r ck , der frühere unabhängige Unterrichtsminister Duesberg und der frühere sozialdemokratische Minister ohne Geschäftsbereich de Man. Neu ein getreten ist der sozialdemokratische Senator Matagne als Minister für öffentliche Arbeiten. Somit setzt sich das neue Kabinett aus fünf Katholiken (bisher sechs), drei Liberalen (bisher 4), vier S o - zialdemokraten (bisher 5) und zwei U n - abhängigen (bisher 3) zusammen. Das Der- sorgungsministerium ist mit dem Wirtschaftsministerium vereint worden. Das viel kritisierte Infor- mationsminifterium unter dem Sozialdemokraten Wauters ist mit diesem in der Versenkung verschwunden, ebenso zwei Ministerien ohne Geschäftsbereich.
Der Et -Lorenz-Strom soll ausgebaut werden.
Washington, 5. Januar. (Europapreß.) Das in den Vereinigten Staaten ebenso wie in Kanada ' seit längerer Zeit heiß umstrittene Projekt einer Ausweitung und Elektrifizierung des großen St. Lorenz-Sttomes ist nach monatelangem Stillstand durch eine Bekanntmachung des Staatsdepartements der Vereinigten Staaten wieder aufgelebt. Ein Regierungs-Ausschuß der Vereinigten Staaten unter Führung des Unterstaatssekretärs B e r I e wird sich bereits am Samstag nach Kanada begeben, um den angestrebten Vertrag über die Vertiefung und Erweiterung der Fahrrinne des St. Lorenz-Stromes und über die Errichtung von Kraftwerken an diesem Strom vorzubereiten. Die Stromerzeugung der neuen Kraftwerke soll den angrenzenden Industrien sowohl der Vereinigten Staaten als auch Kanadas zugute kommen. Der Hautpwiderstand gegen das Projekt geht von der kanadischen Provinz Quebec aus, die in der geplanten Verlängerung der schiffbaren Strecke des St. Lorenz-Stromes eine ernste Gefährdung der wirtschaftlichen Bedeutung der Häfen Quebec und Montreal erblickt.
AiisweiivW des Krieges.
Engländer und Franzosen, die, da es ihnen nicht gelungen war, die Sowjetunion in ihre Einkreisungspolitik gegen Deutschland einzubeziehen, den Krieg von einer ganz anderen Ausgangsstellung aus hatten beginnen müssen, als ihnen vorgeschwebt hatte, sehen nun, daß auch der Kriegsablauf ein ganz anderer ist, als sie es sich gedacht hatten. Der Wirtschaftskrieg, auf den sie ihre größten Hoffnungen gesetzt hatten, um einen schwerste Opfer erfordernden Einsatz an der Wellfront so lange wie möglich hinauszuschieben, hat sich als höchst zweischneidige Waffe erwiesen. Denn die Blockade des deutschen Handels, durch die Rückenfteiheit Deutschlands diesmal im Unterschied zum Weltkrieg von vornherein nur von zweifelhafter Wirkung, ist mit einer Gegenblockade beantwortet, die die ganz auf überseeische Zufuhren angewiesene Versorgung der britischen Inseln bereits erheblich beeinträchtigt. So ist man in Paris und London vom Gang der Dinge enttäuscht und in dieser beklommenen Stimmung werden auch in der Presse Stimmen der Kritik lauter vernehmlich, als es sonst der Zensor erlaubt, und Pläne werden erörtert, die nicht ausschließlich die Phantasie des Publikums von den Mißerfolgen des See- und Luftkrieges in eine andere Richtung . ablenken sollen, sondern doch sichere Hinter- 1 gründe zu haben scheinen. Den heute maßgebenden Kreisen der westlichen Plutokratien ist es anscheinend klar geworden, daß dieser von ihnen frivol vom Zaun gebrochene Krieg nicht wirtschaftlich, sondern nur militärisch gewonnen werden kann. Aber sie wissen, daß ein Angriff auf den Westwall Ströme von Blut kosten würden und mit einer Katastrophe für sie enden müßte. So suchen sie, um ihre eigenen Völker zu schonen, nach neuen Kriegsschauplätzen.
In diesen Bemühungen wirkt sich die gleiche Tendenz aus, die schon ihre Einkreisungspolitik bestimmt hatte. So sind auch hierin Deutschland und seine westlichen Gegner absolute Antipoden. Denn während die deutsche Politik bemüht war, die deutsch-polnischen Probleme durch zweiseitige Abreden aus der Welt zu schaffen, und als der Konflikt trotz aller deutschen Geduld durch die frechen polnischen Provokationen nicht mehr zu vermeiden
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Jugoslawische Reiseskizzen.
Von Or. Paul Rohrbach.
Gedanken am Wege.
Das Reisen in den Randländern unsrer europäischen Zivilisation hat darin seine besondere Note, daß man beobachten kann, wie überall Altes, Ursprüngliches und Neues, aus den Gebieten einer vorgeschrittenen, uniformierten Technik Herangebrachtes sich durcheinander schiebt. Das fällt zuerst auf bei den Transportmitteln und Unterkünften. Man wundert sich nicht, wenn man in Zagreb (Agram) oder Belgrad in Hotels ersten Ranges wohnen kann und auf den durchgehenden Eisenbahnlinien nach Konstantinopel und Saloniki Schlaf- und Speisewagen findet. Jetzt aber dringt der Bahnbau auch in entlegene Gegenden vor, und wo die Bahn nicht hinkommt, tut es der Autobus. Man kann auf Autobuslinien kreuz und quer durch ganz Jugoslawien reisen. Der Autobus nimmt die schärfsten Kurven und abenteuerlichsten Steigungen, für die kein Bahnbau in Frage kommt, und ich habe oft die Geschicklichkeit der serbischen Fahrer bewundert. Man fängt gar- nicht erst an „ängstlich" zu werden.
Die Oesterreicher haben sich in Bosnien in einer Zett, die noch nichts vom Auto wußte, mit Schmalspurbahnen geholfen. Tunnels, Brük- ken und eingelegte Zahnradstrecken wechseln in rascher Folge. Den Kosten- und Zeitaufwand für den Bau solcher Strecken kann man sich jetzt öfters sparen. Eine für Autos, auch für schwere Lastwagen, fahrbare Straße ist billiger, namentlich wenn an die Konstruktion des Straßenbahnkörpers keine großen Ansprüche gestellt werden. In den entwaldeten Gebirgen Südserbiens führen selbst kleine Rinnsale nach heftigem Regen unglaubliche Masten von Schotter, Kies und Sand herab. Wollte man die Fahrbahn auf einen hohen Damm mit breiten Durchlässen legen, so würde das zu teuer kommen. Stattdesten läßt man die ganze Mure möglichst breit über die ganze Straße laufen und räumt sie weg, wenn der Regen auf gehört hat. Zwischen Bitolj und Ochrida waren diese frischen, noch ganz von Wasser durchtränkten Muren aufregender, als jede Haarnadelkurve. Mit einem donnernden Anlauf stürzte sich unser schwerer, 24 sitziger Wagen in den Schlamm und Grus, aber jedesmal riß ihn der Mistor durch.
Ich hatte mich auf gewisse Lebewesen, für die der Spanier das liebevolle Wort „a n i m a 1 i t o s“ braucht, in den Hotels der kleinen Städte im Innern gefaßt gemacht, aber ich wurde durchweg angenehm enttäuscht. Ich war manchmal einfach, aber stets vollkommen sauber untergebracht, und überall und ohne Ausnahme habe ich irgend jemand vom Hotelpersonal gefunden, der deutsch sprach, sei es den Wirt selbst, sei es die Beschließerin, die die Zimmer verwaltet, sei es einer der Kellner. Wem es Vergnügen macht, der kann auch immer noch auf Saumpfaden, von Führer und Packpferd begleitet, ins Gebirge reiten. Auf manchem Gipfel, so wurde mir erzählt, steht schon eine ganz komfortable Hütte für Schifahrer. Dieser Sport dringt auch in Jugoslawien vor, und
an Gebirgsromantik findet auch der anspruchsvollste Aloinist seine Befriedigung.
Auch der Mensch selbst modernisiert sich in den Bal'kanländern. Auf diesem Gebiet möchte man manches bedauern, aber die Dinge lassen sich nicht aufhalten. Für die ursprüngliche Wirtschaft der slawischen Völker ist typisch die Zadruga, die geschlossene Lebens-, Arbeits- und soweit möglich auch Wohngemeinschaft der aus mehreren Generationen und Verwandtschaftsgruppen bestehenden G r o ß f a m i l i e. In früherer Zeit wurde innerhalb dieses Kreises so gut wie alles hergestellt, was der Dauer zum Arbeiten und Leben braucht: das Haus, das Ackergerät, alle Werkzeuge, Tisch und Bank, der Webstuhl, die ganze Männer- und Frauenkleidung. Im Museum für Volkskunde in Agram findet man das alles eindrucksvoll zusam- mengestellt. Das Schaf trug die Wolle, sie wurde gesponnen und gewebt, der Flachs wurde gesät, geerntet, gebrochen, gehechelt, gesponnen, das Leinen zum Hemd gewebt. Der hölzerne Hakenpflug, der bei kräftiger Ausführung für die Feldarbeit besser ist, als sein Ruf, war ein Hauptarbeitsstück des Bauern.
Ganz wunderbar ist der Farbensinn, der sich in Der Einfärbung der bäuerlichen Gewebe mit echten Naturfarben, besonders aber in der Pracht der weiblichen Kleidung zeigt. Sie ist fast von Dorf zu Dorf verschieden, jede Landschaft hat ihre besonderen Muster im Schnitt, in der Farbenwahl der verschiedenen Stücke und in der Stickerei. Sie ist überall von erlesenem, natürlichem Geschmack, mitunter märchenhaft schön. Man glaubt es aber auch gern, wenn man erzählt bekommt, daß an den Staatsstücken Frauen- und Mädchenhände in der Zadruga Monate, ja Jahre gearbeitet haben. Rock, Bluse, Schürze, Mieder, Gürtel, Kopftuch, alles was zur Tracht aehört, ich farbig und mit einer unendlichen Sorgfalt und Feinheit bestickt.
Dahinein fällt nun der neue Vorrat des Kaufladens im Dorf an importierten, bedruckten Kattunen und Tüchern, an Modebild er n und Schnittmustern, wie sie die europäische und internationale Mode auf den Markt bringt. Es ist so viel einfacher, aus diesen fertigen Stoffen ein Kleid zusammenzuschneidern, als die schöne aber mühsame und zeitraubende Arbeit der alten Zeit zu leisten! Die Burschen sind beim Militär gewesen, bringen einen oerftäbterten und verschlechterten Geschmack mit, finden ein „städtisch" angezogenes Mädchen begehrenswerter als eine in der alten Tracht. Einerseits verführt die Billigkeit, andererseits lockert sich die Großfamilie mit ihrer festen Tradition durch die Gelegenheiten auf, die sich bei der großen Erleichterung des Verkehrs für die Abwanderung in die Stadt, den städtischen Verdienst und damit auch für die städtischen Vergnügungen darbieten. Bargeld hält seinen Einzug, Hausrat und Ackergerät sind nicht mehr Eigenarbeit, sondern werden fertig gekauft. Schneller noch als die Frauentracht erliegt die männliche der nivellierenden Nüchternheit unserer städtischen Zivilisation. Die Stadt wird zur Mörderin des Naturgewachsenen, natürlich Schonen und kraftvoll Originalen. Wir wissen Das schon, und eine Generation später werden es vielleicht auch die Balkanslawen wissen.


