Ausgabe 
5.6.1940
 
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131 Zweites Blatt

Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)

Mittwoch, 5. Juni 1940

Keine Spur von Hauck.

Aoman von Charlotte Kaufmann.

8. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)

Es war im Frühjahr gewesen, es ging eben so longsam in den Vorsommer hinein. Wochenlang war liegen ins Meer gefallen, und alle Büsche oben auf 1km Rain über Teek waren gesprenkelt mit neuen Blättern, da schien endlich die Sonne wieder. Es rar ein Sonntag, kurz vor Pfingsten. Vormtttags. eibylle lag im Sand auf dem Rücken, und chr Mann tetlef lag neben ihr. Sie lagen oft im Sand draußen, sie hatten ja nicht viel zu tun. Das kleine hius zu besorgen und gelegentlich ein Bud zu malen. Die Aufträge waren spärlich, und die Lust icht allzu groß. Sibylle sah einem Zitronenfalter ntd), der aufs Meer hinausflog. Sie dachte nicht ni>[. Sie hatte Lust, einzuschlafen. Die Sonne war Io «arm. Und, genau genommen, war sie sehr glücklich.

Da richtete sich Detlef mit einemmal auf. Er be- trrchtete einen kleinen, blanken Kieselstein, den er Qis dem Sand gewühlt hatte, und mit dem er schon eiie geraume Weile spielte. Plötzlich sagte er:Ich v?rde dich malen." Dies nun war etwas Besonderes Idylle erinnerte sich nicht, daß er je zu ihr gesagt i)ctte:Ich werde dich malen." Sie hatte ihm nie Modell gestanden, und er hatte sie nie gemalt Der Bedanke, sie zu zeichnen oder zu malen, schien ihm in den Jahren, die er sie kannte, nie gekommen ju fein. x

Sibylle gab keine Antwort. Sie war schläfrig und iriumte. Er legte sich auch gleich wieder zurück in len Sand und spielte mit dem Kiesel und blickte in bin Himmel. Aber nach einer Weile sah er sie wieder üt. Er hatte ich herübergebeugt und blickte m ihr glicht.Ja", sagte er leise,ich werde dich malen. Beib so, wie du bist ... diesen Ausdruck, dieses i cheln ... vergiß es nicht." t .

Sr stand auf und schlenderte durch den Sand zum hrus hinüber. v .

I Sibylle dachte, er würde Kohle und Zeichenblock 5(len. Irgend etwas. Sie sah in den HlUNNel hinauf uld bemühte sich, den Ausdruck, das Lächeln zu ve- bckten. Das war schwer, denn neue Gedanken kamen, öunn mußte sie eingeschlafen fein. Als sie erwachte.

war es Mittag. Sie lag allein im Sand. Sie wartete, und dann dachte sie, daß er wohl über dem Weg zum Haus sein Vorhaben vergessen haben mochte. Vielleicht war ihm ein neuer Gedanke gekommen. Sie stand auf und ging zurück. Die Haustür stand offen ... es war niemand da.

Und seitdem hab^n Sie ihn nicht mehr gesehen?" Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen." Und Sie haben Nachforschungen angestellt?" Ja, natürlich. Alles, was in meinen Mitteln stand."

Die Polizei...?"

Hat nichts gefunden."

Vielleicht ist er einfach weggegangen."

Sie zuckte die Schultern.Vielleicht. Aber es ist so zweifelhaft. Als er im Sand lag, war er barfuß. Er trug nur eine Hose und ein Hemd ohne Kragen. Indes fehlte nichts von seinen Sachen, als ich nach­sah. Er müßte barfuß davongegangen sein. Es war Sonntag. Man kannte ihn in Stein und Teek und der ganzen Umgegend. Niemand hatte ihn gesehen, und kein Mann ohne Strümpfe und Schuhe ist mit einem der kleinen Badedampfer in die Stadt ge­fahren."

Es fehlte nichts im Haus?

Nein, nichts. Es ist gewesen, als wäre er gar nicht mehr ins Haus gegangen. Kein Körnchen Sand lag im Flur."

Und ein Unglücksfall?"

Es waren nur hundert Meter bis zum Haus durch weichen Sand. Es waren keine Spuren da. Und das Meer ist so seicht bei uns. Man muß lange waten, bis es tief wird."

Was denken Sie?"

Nichts. Ich verstehe es nicht. Ich habe ihn geliebt und er mich wohl auch. Wir haben manchmal Sor­gen gehabt und wenig Geld ... es hat uns jedoch wenig bekümmert."

Und nun warten Sie darauf, daß etwas ge­schieht. Nach dem Gesetz sind Sie verheiratet, solange Sie keine Scheidungsklage einreichen, und eine Todeserklärung erfolgt erst nach vielen Jahren. Ich verstehe. Man müßte etwas tun, um Ihnen zu helfen. (£inen Rechtsanwalt ... einen Detektiv an­stellen." Joachim sah auf die Straße hinaus zu der aufflackernden Lichtreklame, die seine Augen blen­dete. Er konnte das Gesicht der Frau nicht mehr

Oeutsche Inf anterie hielt den Brückenkopf bei Amiens

Jeden Bissen gründlich kauen

auch das ist ein wichtiges Gebot

der richtigen Zahnpflege.

Durch deutsche Angriffe überrascht

CHLO RO DO NT

Generaloberst von Brauchitsch beim Frontflug.

Das blieb von einer durch deutsche Stukas auf dem Rückzug vernichteten sranzösischen Kolonne bei Peronne übrig. (PK.-Kindermann-Scheri-M.)

mer noch einzelne Schwarze versteckt hielten. Trotz zum Teil schwerer Verwundungen sprangen sie den, Deutschen, die ihnen helfen wollten, noch an die Kehle, so daß der Soldat zur Notwehr schreiten mußte. Und drinnen in Amiens schlägt Salve auf Salve der Franzosen ein. Noch sind über 10 000 Einwohner in den Trümmern der schwer mitgenommenen Stadt verborgen. Sie sind feindselig und verschlossen und unterhalten alle mögliche Verbindungen zu den feindlichen Batterien, die in den schwer erkennbaren Schluchten und Tä­lern stehen. Dann bricht plötzlich ein Feuer- überfall aus schweren und schwersten Geschützen auf die Stellen los, wo deutsche Truppen und deutsche Stäbe liegen, Amiens sinkt immer mehr in Trümmer, zerstört von den eigenen Landsleuten.,

Aber der Brückenkopf Amiens steht. Damals, in den entscheidungsreichen Stunden des 27. Mai, mußte ein einziges Regiment die weite Linie des Brückenkopfes decken. Das waren für die einzelne Kompanie mehr als 1500 Meter, und das gegen einen massierten Angriff französi­scher Panzer und Kolonialsoldaten. Der Heldenmut und die Standhaftigkeit des deutschen Infanteristen haben auch in dieser kampfumtosten Stätte über den Materialeinsatz des Gegners ge­siegt. Und bei den Infanteristen herrscht, obwohl mancher lieber Kamerad fehlt, große Freude. Die

Der Oberbefehlshaber des Heeres, Generaloberst von Bra.uchitsch während der Leitung der Operationen auf einem Frontflug. (PK.-Habe- dank-Scherl-M.)

Enaländer haben ihnen zwei Verpflegungslager urit versehrt hinterlassen, und man schwelgt in genieße, rischer Freude in englischem Rollschinken, in konden­sierten Früchten und in englischen Zigaretten. Sie dürfen sich auch mit Recht freuen, denn hinter ihnen steht heute eine schwer massierte deutsche Artillerie, und rings auf den Sttaßen im Morden von Amiens kommt es in langen, endlosen Kolonnen heranmarschiert, deutsche Hilfe. Sie haben es versprochen: der deutsche Brückenkopf Amiens wird gehalten. Sie haben dieses Versprechen im blutigen Einsatz gehalten, auf einsamer Wacht gegen erdrückende feindliche Uebermacht, und nurt dürfen sie auf die Stunde hoffen, die sie alle un­bändig herbeisehnen: auch im befreienden Angriff, im Vorwärtsstürmen, sich als Meister zu beweisen, Friedrich Schulz.

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(Sine Zngenieuroffizierlaufbahn in der Lustwaffe.

Der Führer hat eine Verordnung über die Bit» bung einer Ingenieuroffizierlaufbahn in der Luft­waffe erlassen. Es handelt sich um eine Ingenieur- offizierlaufbahn des F l u g z e u g w e s e n s. Die Jngenieuroffiziere führen die Dienstgradbezeichnung der Offiziere der Luftwaffe mit dem Zusatz: (Jng.)< Sie unterliegen den für die aktiven Offiziere gül­tigen Gesetze und Vorschriften. Sie ergänzen sich aus Schülern höherer Lehranstalten mit Reifezeug­nis, die als Fahnenjunker (Jng.) in die Lüftwaffe eingestellt werden. Sie erhalten bis zur Beförde­rung zum Leutnant (Jng.) die gleiche Ausbildung wie die Fahnenjunger der Fliegertruppe. Anschlie­ßend bekommen sie in Sonderlehrgängen ihre tech-

PK. Amiens! Vier Jahre lang im Weltkrieg die tzehnsucht und das Ziel der deutschen Armeen und der deutschen Angriffe. Diesmal fiel die reiche 6tabt mit ihrem herrlichen altgotischen Dom schnell in unsere Hand, als Frankreichs 9. Armee zerschla- !en wurde, und der deutsche Ansturm mit unge- eurer Kraft immer weiter nach Westen bis zum anal griff. Dann aber wandten sich die deutschen Armeen nach Norden, um die abgerissenen heeresteile der Engländer, Franzosen und Belgier h Flandern endgültig einzukesseln, und es galt, die Südflamke unseres Angriffes so schnell vie möglich zu schützen. Hüben wie drüben wußte man, was auf dem Spiele stand.

Frankreichs stärkste Panzer, seine besten Kolonial- fruppen traten an, um dem schnellen harten Gegner len tödlichen Stoß in die offene Flanke zu ver­letzen. Ihr Ziel war Amiens. Hier, wo die Krücken über die breite behäbige Somme und die ßtraßen wie ein Strahlenbündel sich nach Norden verbreiten, winkte der stärkste und nachhaltigste Er­folg. Aber man hatte sich verrechnet.

Unsere schnellen motorisierten Einheiten wurden durch die Infanterie abgelöst. So übernah­men die Hessen am 25. Mai den ungeheuer wichtigen deutschen Brückenkopf Amiens, der die Wacht halten sollte gegen Süden. In der Kocht zum 26., als man versuchte, die taktisch wenig ausreichenden Stellungen nach Süden aus- zuweiten, schlägt den J-nfanteristen.schwerstes Abwehrfeuer aller Waffen entgegen. Maschinengewehre, Artillerie, Tanks, Granatwerfer richten ein geradezu irrsinniges Feuer auf die vor- liickenden Deutschen. Sie haben schnell erkannt, daß drüben Schwarze liegen.Die müssen wir haben", ist der Angriffsplan einer von unbändigem jorwärtsdrang erfüllten Kompanie, die in vorder­ster Linie liegt. Aber während noch am frühen Mittag der Kompaniechef, ein junger Oldenburger Leutnant, das Unternehmen vorbereitet, die schwe­ren Waffen zur Unterstützung anfordert, bricht der turm des Feindes schon los.

Aus den Höhen und Wäldern gegenüber bricht eine Welle von schweren Tanks hervor, hinter denen sich in dichten Rudeln die Senegal- Echützen der Kolonialdivision bergen. Kaum ist die erste Welle ein paar hundert Meter im Freien, folgt ßr die zweite. Ebenfalls von schweren Panzern ge­deckt, und so stürzt sich Welle auf Welle auf die Linien der deutschen Infanteristen. Aber hier hat man d i e Gefahr rechtzeitig erkannt, schnell die schweren Maschinengewehre flankierend in Stellung gebracht, und schon prasselt der deutsche Hcuerstrom los mitten in die Reihe der Schwarzen. Furchtbar ist die Wirkung des deutschen Feuers. Da sind Schwarze, die schon Waffen und Koppel von sich werfen und auf die deutschen Linien zustürmen, um sich zu ergeben, aber immer wieder reißt die Signalpfeife des weißen Korporals die Weichenden und Erschöpften zurück. Immer wieder sammeln fte sich von neuem und bringen unter dem Schutz der Panzer, die vorsichtigerweise halt gemacht haben, als sie die Infanterie hinter sich weichen sahen, von neuem vor. Und nun entwickelt sich ein Nah» kampf von unerhörter Wucht. Da nahen die schweren Tanks, ununterbrochen aus ihren 7,5- md 10,5-Zentimeter-Geschützen Feuer speiend. Vor der schwachen deutsches Linie stürmen die Se­negal-Schützen hoch, mit vertiertem Gesicht, zähnefletschend, das breite Buschmesser als Bajonett an Gewehr ... hundert, achtzig, siebzig Meter (Ent« Innung, aber der deutsche Infanterist be­wahrt seine Ruhe. Gegen die schweren Panzer l).it er nichts ausrichten können, aber jetzt, wo sie so nihe h«an sind, daß sie selbst beim tiefsten Nei- ipngswmkel ihrer Geschütze, auf 30 und 40 Meter Entfernung, ihn nicht mehr zu fassen vermögen, er- hibt er sich aus den Löchern, die ihm kümmerlich irr dem Artilleriefeuer Schutz gaben, zu schneidi- Lm Gegenangriff. Er hebt sich das MG. auf einen InneU herbeigeholten Holzsockel, reißt die Knarre hoch und feuert in den anstürmenden Haufen hinein, was die Waffe nur hergibt.

Entsatz ist schon da, wenn auch bescheiden, wie Überall an diesem Tage, da deutsche Härte gegen ländliche Uebermacht stehen muß. Pak von der i :s(ÜAniwAHk 'T'inr (d-nFiafblhmphpl

bringt zwei Geschütze vor. Bei dem einen schägt ein Volltreffer ein, alle von der Bedienungsmannschaft fallen aus, aber der Stabsfeldwebel zusammen mit einem Schwerverletzten, den es am Bein getroffen hat, harren aus, bringen das Geschütz neu inStellung und feuern mit Panzergranaten und Sprenggranaten, die die vordersten Panzer zer­stören und zum Teil zum Abdrehen zwingen, auf den Feind. Als die Panzer immer noch nicht weichen wollen, obwohl die Schwarzen geschlagen unter schweren Verlusten zurückweichen, und immer noch das Dorf S a l e u x, den wichtigsten Vorposten der Deutschen, unter flankierendes Feuer nehmen, ruft man schließlich die F l a k zu Hilfe, die sich in diesen Tagen schon überall Lorbeeren geholt hat, wo es darauf ankam, einen hartnäckigen und in Panzer­schutz stehenden Gegner niederzukämpfen. Sie hat hier wieder die Hoffnung gerechtfertigt, die man auf sie setzte. In ihrem vernichtenden Feuer blieb eine ganze Anzahl Tanks liegen, die bislang den Ver­teidigern von Saleux so schwer zu schaffen machten, und dann war der französische Angriff abgeschlagen.

Man schien drüben große Furcht vor einem deut­schen Gegen st zu haben, denn Stunden und Tage lagen die Dörfer des Kampffeldes unter schwerstem feindlichem Feuer, aber der deutsche Infanterist verzog sich mit eirfem kernigen Fluch in die schützenden Keller und räumte inzwi­schen die einzelnen Häuser aus, in denen sich im-

nische Vor- und Hauptausbildung. Für hervor­ragend befähigte Offiziere (Jng.) wird die Mög­lichkeit besonderer fachlicher Weiterbildung geschaf­fen werden. Die Offiziere (Ina.) tragen die Uni­form der Luftwaffe mit der Waffenfarberosa". Das Jngenieurkorps der Luftwaffe läuft aus. An­gehörige der Ingenieurkorps können als Ingenieur- Offiziere übernommen werden.

anblicken. Sie war so jung und verlassen und trau­rig. Als er sie zum erstenmal gesehen hatte, in ihrem KahnWassili", da war sie ihm ganz anders er­schienen: herb und ein wenig hart und sehr selb­ständig.Ich will einmal mit meinem Rechtsanwalt sprechen ...", wiederholte er.

Aber Sibylle wehrte ab.Ich habe Ihnen dies nur erzählt, weil Sie mich fragten. Ich spreche sonst nie darüber. Es ist sonderbar, daß ich hier in diesem fremden und einfachen Lokal den Wunsch hatte, davon zu sprechen. Hilfe verlange und wünsche ich nicht. Ich bin Ihnen sehr dankbar für den heutigen Tag. Sie sollen nicht denken, daß ich Sie mit meinen Sorgen behelligen will."

Er nickte.Das weiß ich. Trotzdem ..." (Er blickte in ihr Gesicht, das, eben noch so aufgelöst, jetzt plötz­lich wieder verschlossen war und herb. Es war schön, ihr Gesicht. Er empfand es zum erstenmal. Ganz rein und harmonisch. Nun, unter seinem Blick, be­gann sie zu lächeln. Es war ein seltsames Lächeln.

Da begriff er, daß einem Maler die Lust an­kommen mußte, dieses seltsame Lächeln zu malen.

Wir wollen gehen", sagte sie. *

Karsten Huiih rechnete so: Das Theater war kurz nach halb elf Uhr aus. Der Wagen dieses Ingenieurs aus den Scheffield-Werken hatte sicher einen an­ständigen Motor. Wenn sie gleich losfuhren und das würden sie ja wohl, dann konnten sie schon um zwölf Uhr wieder in der Stadt fein. Um halb ein Uhr fuhr der letzte Dampfer von den Seegarten­brücken ab.

Er beschloß, Sibylle abzuholen. Um halb zwei Uhr pflegte der Dampfer in Teek anzulegen und die spär­lichen Passagiere abzusetzen, die sich einen Kinobesuch in der Stadt geleistet hatten.

Aber Karsten Huith stand schon gegen zehn Uhr auf der Mole. Er hatte aus seinen erwartungsvollen Gedanken heraus einen Strauß dunkelroter Dahlien im Garten des Lehrerhauses in Dörup gepflückt und dafür £inen merkwürdigen Blick der Bettina Krug hingenommen, den er nicht recht verstand. Indes, während er wartete und auf der Mole des kleinen Hafens auf und ab ging, war ihm der Blumen­strauß mit einemmal lächerlich vorgekommen, und nun, gegen elf Uhr lag er ganz drunten an dem einen Ende des Steinwalls neben der eisernen Leiter, die zur Lotsenstation hinaufführte, während Huith

selbst am anderen Ende auf den Planken stand. (Eine einsame Lampe brannte am Molenkopf.

Karsten Huith war allein, nachdem vor einer halben Stunde der Lotse die Lampe auf seiner Sta­tion verlöscht hatte und nach Hause gegangen war.

Am Himmel stand kein Stern, obwohl der Tag schön gewesen war. Manchmal scheuerte der Zol^ kutter, der im Bogen der Mole wie in einem zu­traulichen Frauenarm ruhte, am Kai. Dann strich sich ein Wispern durch die Nacht, und Huith drehte den Kopf.

Er wartete. Er wartete auf Sibylle Hauck. Er redete sich ein, daß es seine Pflicht sei, sie abzu­holen. Man konnte unmöglich zulassen, daß sie um Mitternacht den stundenweiten Weg über Stein nach Hquse ging ... allein. (Es konnte ihr etwas zustoßen.

Tagsüber waren verschiedene Ueberlegungen durch seinen Kopf gegangen. Zuerst wollte er das Boot Wassili" vom Strand herunterziehen und mit ihm nach Teek fahren, um sie damit zurückzubringen. Eine nächtliche Bootsfahrt den schwarzen Strand entlang dünkte ihn sehr romantisch. Dann dachte er daran, ihr Rad nach Teek zu bringen. Aber schließ­lich ließ erWassili" weiter auf dem Strand trock­nen, und das Fahrrad pumpte er lediglich frisch auf, ohne es von der Stelle zu rücken.

Er würde zu Fuß mit Sibylle gehen. Oben, auf dem schmalen Weg, über den Lehmwänden, vorbei an den schmalen Aeckern der Bauern von Teek und Stein, wo der Ginster wuchs, und der verwehte Sand der Dünen die Schuhe staubig machte. Sie würden ganz nah nebeneinander gehen müssen, um nicht zum Strand hinunterzufallen oder gar in die Stoppelfelder zu stapfen. Und ihre Schultern würden sich dabei berühren. Ja, und dann würde sie natür­lich erzählen. Sie konnte so lebhaft erzählen, wenn sie etwas bewegte.

Das Meer lief gegen die Mole an in sanften Wogey. Auf dem Rücken der Dünung brach sich das Licht der Molenlampe. Huiths Augen wanderten durch die Schwärze der Nacht. Ganz weit draußen im Nichts sah man von Zeit zu Zeit den Bulker Leuchtturm aufblitzen, während drinnen vor dem Hafen der Leuchtturm von Perl seine Zeichen gab: zweimal kurz, einmal lang. Dahinter lag die Stadt, diese kleine Stadt mit den engen Gassen und den spietzgiebeligen Häusern. Der Himmel über ihr schim­merte im Messingglanz der Lichter. (Forts, folgt.)