©olöcne Wolfe übccRcnate.
Roman von horst MM.
25. Fortsetzung. (Nachdruck verboten!)
Dann löste Parker sich als erster ab. Er steckte die Hände in die Manteltaschen und hob mit einer überlegenen und gelangweilten Bewegung die Schultern. „Sie können wirklich nicht von mir verlangen, daß ich mich mit jedem eifersüchtigen Narren auf der Straße herumprügele ... Gute Nacht, Herr Doktor Menzel! Er hob grüßend die Hand, winkte dem Doktor zu und ging quer über die Straße zum Droschkenpai^platz hinüber.
Der Doktor nickte und öffnete den Mund mit einem leisen Knall. „Gute Nacht, Mister Parker!" sagte er nachdenklich und zündete sich eine Zigarette an. In der aufzuckenden Flamme stand sein Gesicht für einen Augenblick rot beleuchtet über dem gestreiften Kragen. „Der Abgang war vorschriftsmäßig — hätte ich wahrscheinlich genau so gemacht. Aber das Rätsel ist nicht gelöst, und ich fürchte, ich werde mir doch noch eine falsche Nase und eine blaue Brille kaufen müssen ..."
*
Renate saß mit angezogenen Knien fröstelnd und übernächtig in dem großen kardinalroten Sessel vorm Bücherbord.
Der Tag war grau, die Wolken jagten über den Himmel und schütteten Wasserschwalle herab, und der Sturm schüttelte die ersten herbstlich verfärbten Blätter von den Bäumen. Der Regen trommelte laut auf das Blechdach und stürzte in Kaskaden über das große Fenster; er zog einen rinnenden. Vorhang vor die Welt, buckelig und blind wie weißes Kathe- dralglas. In der Schrägwand neben dem Fenster hatte sich ein großer feuchter Fleck gebildet, von dem es tickend, wie der Pendelschlag einer trägen Uhr, auf den Fußboden tropfte. Ein Kastanienblatt, von einer Bö hochgewirbelt, klatschte gegen die Scheibe und blieb, vom Winde an das Glas gepreßt, wie eine aus den Wolken gefallene Hand eines vorweltlichen Tieres liegen.
Das Atelier sah noch genau so au5 wie gestern, als Parker sie zu dem Ausflug nach Nymphenburg
abgeholt hatte. Auf der Nähmaschine lag das winzige Spitzenröckchen einer kleinen nackten Puppen- tänzerin noch immer halbfertig unter der Nadel, und der große Korb mit bunten Flicken, Stoffresten, Flitter und Seidenbändern stand nebenbei. Nur das Licht war kalt, und die Farben hatten keine Leuchtkraft. Gestern noch hatte der Raum bunt ausgesehen, heiter und betriebsam — jetzt war er einfach unaufgeräumt.
Mit ein paar Handgriffen hätte man Ordnung schaffen können, aber Renate brachte die Entschlußkraft nicht auf; die Nähmaschine zu schließen, den Flickenkorb wßgzustellen und die verstreuten Nadeln und Fäden zusammenzukehren.
In dem kleinen eisernen Ofen, dessen silberbronziertes Rohr fast über die ganze Wand lief, ehe es hinter einer blanken Rosette im Kamin verschwand, lag die Post eines ganzen Sommers. Viele Briefe, ein paar Sprottenkistchen, Einwickelpapier — genug, um ein hübsches Feuerchen anzumachen und den großen Raum behaglich zu durchwärmen. Aber Renate fehlte die Kraft, diese geringen Dinge zu bewältigen.
Nach langem Warten ertönte die Flurglocke. Renate hörte die schlurfenden Schritte ihrer Wirtin, das Klirren der Sicherheitskette und dann — Parkers Gruß und Frage, ob sie daheim sei. Eine kurze Unterhaltung, Frau Holzschuhs Entrüstung über „das Sauwetter, das miserablige", und ihr etwas öliges „Klopfen S' nur selber an, Herr von Parker!"; das „Von" war ihr nicht abzugewöhnen.
Renate stand langsam auf, mit einer Bewegung, als koste es sie eine ungeheure Anstrengung, sich aus dem Sessel zu erheben.
Parker näherte sich der Tür. Er klopfte leise an.
Renate schloß sekundenlang die Augen — und vernahm das feine Knistern und Rascheln von Seidenpapier. Blumen ... Sie sah plötzlich die ganze Szene, die jetzt sich abspielen würde, und bog den Kopf mit einer abwehrenden Drehung zur Seite.
Sie hörte, wie Parker halblaut ihren Namen rief, und bemerkte, wie die Türklinke zögernd sich senkte. Einen Augenblick lang war sie versucht, ihn mit irgendeinem Zuruf zurückzuhalten, Zeit zu gewinnen, eine halbe Minute, ein paar Sekunden nur für ein kurzes Atemschöpfen; es war, als suche sie gehetzt nach einem Fluchtweg... Dann schüttelte sie
mit einem kurzen Straffen der Schultern die Angst ab und ging Parker entgegen.
Das Riesenbukett, vor dem sie sich fast am meisten gefürchtet hatte, bestand aus drei wunderbaren langstieligen dunkelroten Rosen mit wächsern-blanken, zartgeäderten Blättern. Parker trug sie behutsam in der Hand — so behutsam, daß Renate aufmerksam wurde und das kleine dunkelblaue Kästchen bemerkte, das zwischen die langen Stiele geschoben war ... Sie ließ die schon erhobene Hand sinken.
Parker hob überrascht den Kopf: „Was ist, Renate? Noch immer — Kopfschmerzen?"
Sie lächelte verzagt und tastete sich einen kleinen Schritt zurück.
Er schloß die Tür hinter sich.
„Nein, Allan!" sagte sie plötzlich, nach einer kurzen gespannten Pause, voller Hast und starrte auf die schweren, halbgeöffneten Blüten, deren Duft sich zart im Atelier verbreitete. „Keine Kopfschmerzen — weder gestern noch heute ..." Ihr Atem ging rasch, aber sie spürte deutlich, daß die seelische Unruhe der letzten Stunden nachließ. Ihr Blick, der hinter Schleiern geständen hatte, wurde frei. Sie sah Allan voll an, und es war etwas in ihren Augen, das ihm zu versprechen schien, daß sie es kurz machen und ihn nicht quälen werde. „Es ist etwas anderes, Allan", sagte sie mit kleiner, aber fester Stimme. „Ich muß Sie um Verzeihung bitten! Ich habe mich gestern überrumpeln lassen — nein, nicht von Ihnen, sondern von mir: von meiner Feigheit, von einer jämmerlichen Angst vor dem Leben, von meiner Selbstsucht ..."
Parker stand fast regungslos da; nur die Rosen beschrieben einen roten Halbkreis nach unten. Sein Gesicht war unbewegt.
Sie sah nicht, was für Gedanken hinter seiner Stirn umgingen. „Mein Gott, es ist alles so schwer zu sagen, so schwer, Sie zu enttäuschen — aber ich kann nicht, ich kann nicht Ihre Frau werden!"
„Und weshalb nicht?" Er bewegte kaum die Lippen. Seine Stimme war spröde, und sein Gesicht blieb starr.
Renate preßte die Hände mit einer verzweifelten Bewegung zusammen. „Sie haben mich so sehr verwöhnt, Allan, Sie haben mich mit Aufmerksamkeiten aller Art überschüttet, daß mich gestern der Gedanke, alles das wieder verlieren zu müssen, einfach kopflos gemacht hat. Ich habe Ihre Werbung an
genommen, nicht, weil ich Sie liebe, sondern weil das sorglose, reiche Leben an Ihrer Seite mich ver- lockt hat, weil es mir unmöglich erschien, nach diesen hellen Tagen, die für mich so neu und wunderbar waren wie ein Märchen, wieder in mein altes kleines Dasein zurückzutauchen ..." Sie schüttelte den Kopf: „Ich war unsicher, unentschlossen, feige — gestern, heute, ach, bis zu der Sekunde, als Sie hier ein- traten; aber ich kann Sie nicht belügen, Allan, und wenn ich mein Ja jetzt noch wiederholen wollte, es wäre Verrat, es wäre Lüge — Lüge vom ersten Augenblick an ..."
Parkers Blick irrte von Renate ab, wanderte ziel- los durch den Raum und traf wieder ihre Stirn.
Er sah verwirrt und hilflos aus und so unglücklich, daß Renate für einen Augenblick mit dem Wunsch kämpfte, hinzugehen und ihn zu trösten, zu streicheln, seinen Kopf in ihre Hände zu nehmen; nur fürchtete sie, er könne diese Regung falsch deuten, und neue Verwirrungen könnten daraus erwachsen. Und dann sah sie in seinen Augen und an seiner Haltung, daß er noch ungläubig war, daß er noch einmal sprechen wollte, daß er sie noch nicht aufgab. „Mein Entschluß steht fest, Allan!" sagte sie leise, um ihm und sich selbst weitere Peinlichkeiten zu ersparen.
Parker nickte. Nach einer kleinen Weile ging er langsam zum Tisch und legte die Blumen vorsichtig darauf nieder, als wären sie aus hauchdünnem Glase geblasen. Er nestelte das Schmucketui aus den Stielen, öffnete es und schloß es, ohne hineingesehen zu haben, mit einem leisen Knacken des Verschlusses wieder zu. „Ich verstehe — ich verstehe ...", sagte er tonlos und versenkte das kleine Kästchen in der Tasche. Verloren —! Er preßte die Lippen zusammen. Eine heiße Welle überflutete sein Gesicht und brannte unter seiner Haut. Verloren —!
Und in diesem Sekunde brach etwas wie eine verschüttete Quelle in ihm auf — nein, es drang zuckend in ihn ein wie die Klinge eines Schwertes durcb eine stählerne Rüstung: kalt, scharf und tödlich. Plötzlich wußte er mit dem schrecklich deutlichen Vorstellungsoermögen eines Ertrinkenden, daß nicht der Verlust des Spieles und nicht das Verstummen der goldenen Glocke, deren Klang er einmal nachgelaufen war, ihn erschütterten, sondern nur der Verlust dieser Frau, die er liebte!
(Fortsetzung folgt.)
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