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Nr. 209 Zweites Blatt

Gietzener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)Mittwoch, 4. September 1940

Die Lagd im September.

Heber 5 Meter hoch aus einem Samenkorn.

notgedrungen schießen, falls er irgendwie durch Schaden etwa an Geflügel unangenehm ausfällt. Denn in wenigen Wochen ist sein Balg wertvoll und volkswirtschaftlich willkommen. Dagegen wird- man­cher Jäger seinen Dachsabschuß jetzt durchfüh­ren, weil es ihm an geeigneten Erdhunden oder auch an zum Graben geeigneten Bauen fehlt.

Im September setzt auch der Vogelzug stärker ein, obwohl er an sich schon seit Juliende im Gang zu sein pflegt. Die Waldschnepfe findet sich dann häufiger in unseren Revieren, und ihre Be- jagung beim Treiben oder Buschieren gilt im Gegensatz zum' Frühjahr jetzt nicht als verpönt. Da sie auch im Abend- oder Morgendämmern streicht, können Freunde des Striches auch im Herbst aus' ihre Rechnung kommen. Gewöhnlich treten um diese Zeit auch allerlei Raubvögel als Durchzügler auf. Die meisten von ihnen sind als Naturdenkmäler, die reine Nützlichkeitsfanatiker in die Gefahr der Aus­rottung brachten, geschützt. Zu den stets dem Jäger freien Räubern, dem Habicht und dem Sper­ber, ist der Mäusebussard während des Herbstes und Winters hinzugekommen. Ein großer Teil der Niederwildverluste des letzten Winters gin­gen auf fein Konto, weil einzelne Bussarde Fütte­rungen für Hühner und Fasanen geradezu belager­ten. Der Jäger hat also überall, wo der Mauser oder sein rauhfüßiger Vetter sich zu zahlreich für den Winter einrichten, die Möglichkeit, ihre Zahl mit den Bedürfnissen des Reviers in Einklang zu bringen.

Ueber das Jagen wird der weidgerechte Jäger nie die Hege vergessen. Sie macht vor allem Vorsorge für den Winter nötig. Dazu gehört die Ausnutzung der Druschzeit, um Abfälle bei der Dreschmaschine zu sammeln und für die Winterfütterung von Hüh­nern und Fasanen aufzuheben. In gleicher Weise können die auf dem Heuboden anfallenden Gras­samen verwendet werden. Es ist im kommenden Winter nicht damit zu rechnen, daß Futtermittel für das Niederwild,^. B Mais,'gekauft werden können. Darum ist diese Vorsorge des Sammelns dringend geboten. Es zeigt sich auch immer wieder, daß vor allem Rauhfutter-dadurch verschwendet wird, daß es dem Wetter vollkommen ausgesetzt, dem Wild geboten wird und bald verdirbt. Dem beugen feste, überdachte Fütterungen an solchen Stellen vor, an denen das Wild erfahrungsgemäß gern wechselt. Zweckmäßig ist es auch immer, wenn in ihrer Nähe nach Möglichkeit Futtermittel gestapelt oder einge­mietet werden. Denn der Transport dorthin voll-

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Im Garten des Dipl.-Jng. Karl Ott, Frankfur­ter Straße 95 Ecke Am Steg, kann man eine über 5 Meter hohe Sonnenblume sehen, die einem Sa­menkorn entsprossen ist, das im verflossenen Früh­jahr bei der Winterfütterung der Vögel vom Bal­kon im ersten Stock in den Garten herabgefallen war und dort Wurzel geschlagen hatte. Das Bild (Aufnahme privat) zeigt die über 5 Meter hohe Pflanze vor dem Balkon des Hauses.

zieht sich im Herbst oft leicht, während er bei hoher Schneelage an Mensch und Pferd oft unerhörte An­forderungen stellt und unterbleibt. Vorher gescheute Mühe und vermeintlich ersparte Kosten werder dann durch hohe Wildabgänge meist längst über­troffen. Hubertus.

Zweckmäßige Kleidung im Lustschuhraum.

Aus der Stadt Gießen.

Holländer, Dschunken und Pantinen.

Der Holzschuh ist keine deutsche Erfindung wäh­rend des Krieges von 1939/40, ebensowenig wie er eine Entdeckung des Weltkrieges 1914/18 war. Aus hartem Holz gefertigtes. Schuhzeug mit und ohne Verschnürungen aus Bast, Stoff oder Leder ist bei­nahe so alt wie die zivilisierte Menschheit, ja es ist die eigentliche Urform menschlicher Fußbeklei­dung. Sie ist aber nicht etwa Urform vergangener Zeiten geblieben, sondern sie findet sich außer bei den Griechen und Römern der Antike auch in der Blüte des Mittelalters, und sie hat sich in vielen Gegenden Europas, so in den Cevennen, in Flan­dern, Holland, Nordwestdeutschland, Dänemark und anderswo als die tägliche Gebrauchsform bis in un­sere Tage erhalten. Daß der Holzschuh bzw. die Holzsandale in Kriegszeiten plötzlich aus der Abge­schiedenheit ihrer Heimatbezirke herausmarschiert und ganze Länder erobert, ist wegen des reichlich vorhandenen Rohmaterials erklärlich.

Diesmal ist der Siegesmarsch des Holzschuhwerks aber mehr als die Bestätigung einer Zweckmäßig­keit. Während es noch im vorigen Krieae kaum mehr alsHolzsandalen" gab, die ohne Anspruch auf Formschönheit nur ihrer nützlichen Aufgabe dienten, scheinen diesmal alle Epochen und alle Landschaften unseres Erdteils zur stilgerechten Holzbeschuhung sonnenbrauner Mädchen- und Frauenbeine beitragen zu wollen, und das bedeutet: die Gegenwart hat den Holzschuh zum Modegegen­stand erhoben!

Ein Rundblick durch die Schuhgeschäfte, ein Bum­mel über städtische Promenaden bestätigen diesen Eindruck. Moderne Holzsandalen sind kokett! Sie erfüllen ihren Sinn für das Ewig-Weibliche ebenso wie ein bunter Schal oder ein zierlicher Gürtel, ja sogar ihr monotones Klipp-Klapp scheint Anspruch auf modische Geltung zu erheben. Im Weltkrieg trug manHolzsandalen", weil das Lederschuhwerk knapp war. Heute trägtman" je nach Geschmack und Gelegenheit entwederHolländer" mit blauen und roten Riemen am rohen Naturholz, feinlackierte Dschunken" mit schalldämpfenden Gummi- und Korkeinlagen, oder schlichtePantinen" aus einem Stück mit bunter Verschnürung. Man trägt sie nicht nur, weil das meiste Leder zu soliden Soldaten­stiefeln verarbeitet wird, sondern weil die sommer­liche Mode des nackten braunen Beins, die übri­gens viel älter ist als der Mangel an Naturseide, nun auch die Mode der Holzsandale auf den Thron erhoben hat. Selten ist wohl in solch' wohltuender Form aus der Not eine Tugend gemacht worden. Natürlich kann man nicht erwarten, daß die Lei­stungsfähigkeit des Fußes auf starrer Holzgrund­lage die gleiche ist wie auf Leder, obwohl die luftige Beweglichkeit der Zehen manche gesundheitlichen Vorteile bietet. Aber auch hier ist schon allerlei Fortschritt zu bemerken. Die einfache Pantine mit starrer Sohle, Urbild der antiken Sandale, findet sich in vielerlei Formen abgewandelt. Die schon erwähnte Weltkriegssandale, die auch heute noch als billigstes Modell zu haben ist, hat eine dreigeteitte Sohle, deren Abschnitte durch Lederscharniere zu­sammengehalten werden. Ihre modernere Form, die heute die größte Verbreitung hat, ist in zahlreiche schmälere Querrippen unterteilt, die durch eine dünne Auflagesohle aus Leder oder einem biegsamen Werkstoff miteinander verbunden sind. Außerdem hat sie einen modischen Absatz. Unter den Sandalen mit starrer, dicker Holzsohle sind dieDschuttken" und die Holländer" die beliebtesten. Sie verleihen ihren Trägerinnen einen anmutig wippenden Gang, der wahrhaftig die Vorstellung von rollenden Schif­fen auf See erweckt!

In Deutschland ist der Kauf von Holzsandalen an keinerlei Bezugserlaubnis gebunden. Die riesige Nachfrage nach diesem Schuhwerk, und besonders nach den teueren Modellen, die von Serie zu Serie immer vollkommener werden, hat auch schon Schnitt­muster zum Selbstanfertigen entstehen lassen. Es sollen sogar schon Männer mit Holzsandalen na­türlich schlichten Musters gesehen worden fein. Auch der reine Holzschuh und der Holzpantoffel für Arbeitszwecke sind im Vordringen._________________

' Die Getreideernte ist beendet, die Grummeternte meist auch, die Hackfruchternte beginnt bald; kurz, die Felder und Wiesen werden leer und leerer und geben in ihrer Weite den Rahmen für das herbst­liche Weidwerk, das in seiner ganzen Vielseitigkeit den Jäger immer wieder hinauszieht.

Der Feldjäger muß in diesem Jahre länger warten, ehL er zum erstenmal wieder den Hund auf Hühner üyren darf. Die Verluste des letzten Notwinters waren doch so groß, daß der Reichsjägermeister sich veranlaßt sah, die Schußzeit für das Rebhuhn erst mit dem 16. September beginnen zu lassen. Schußreife Hühner sind es dann, die der Hund seinem Herrnbringt". Inwieweit die Jagd ausgeübt wer­den kann, wird davon abhängen, wie stark in den einzelnen Revieren der Besatz ist. Wer dem nicht Rechnung trägt, wird im kommenden Jahre u. 11. noch schlechtere Verhältnisse vorfinden.

Neben dem Feldhuhn sind es die Ringeltau­ben, die beim Feldern oft zur Beute des Jägers werden, und die auch ein planmäßiges Besagen, etwa an ihren Ruhebäumen während der Mittags­tunden oder an der Tränke, lohnen.

Der S t o ck e r p e l hat feine Mauser beendigt und trägt wieder sein Prachtkleid, in dem er dem Jäger eine besonders liebe Beute ist. An buschbestandenen Bächen, im Schilf der Flüsse und Teiche jagt der Weidmann die Breitschnäbel. Ihre Zahl nimmt all­mählich zu, da im Norden schon der Zug gen Süden einsetzt. Auch manche bei uns nicht häufige ober nicht als Brutvogel vorkommende Ente wird dann geschossen.

Für den Waldjäger hat der September seine be­sondere Bedeutung, besonders wenn der edle Hirsch in seinen Revieren noch seine Fährte zieht. Nach einem alten Weidmannsspruch tritt anAegidi" (1 September) der Hirsch im die Brunft. Das soll nicht heißen, daß dann der Schrei des Königs der Wälder schon des Jägers Herz höher schlagen läßt. Aber während der Hirsch in der Feistzeit allein ober mit seinesgleichen seinen Einstanb wählte unb bas Mutterwild sich zu Kahlwildrudeln zufammenfand, tritt nunmehr der Hirsch zum Rudel, die Brunft­rudel bilden sich und wechseln allmählich, auf uralten Wechseln oft, den alten Brunftplätzen zu. Es gibt Reviere, die reine Feisthirschreviere sind, und in denen während der Brunft kein Stück Rotwild steht. In der zweiten Hälfte des Monats kündet dann in kalter Nacht der Kampfrüf des Hirsches zum ersten- mal an, daß die hohe Zeit des Rotwildes be­gonnen hat.

Neben dem männlichen Rotwild haben auch Tiere unb Kälber von der Monatsmitte an Schußzeit, um dem Jäger genügend Zeit zu geben, den gebotenen Abschuß durchzuführen, was in Revieren vor allem wichtig ist, wo das Rotwild weniger Standwild ist, aber oft zu Schaden geht. ,

Nach Beendigung der Brunft war der Rehbock heimlicher und faul, aber im September hält er wieder regelmäßig Wechsel und Zeit und kann des­wegen noch leicht bejagt werden, wenn der Abschuß noch nicht durchgeführt ist. Um die Monatsmitte geht bann auch bie Jagd auf Ricken unb Kitze auf. Vor allem gilt es, schwache Stücke wegzunehmen. Den Abschuß im Anfang grundsätzlich in Schmal­rehen erfüllen zu wollen, um bie Kitze stärker wer­den zu lassen, wäre verkehrt, weil ja die Schmal­rehe Nachwuchs aus einem Jahrgang barstellen, ber schon der nunmehr fünf Jahre laufenben Auslese unterlegen hat. Sie sind also vermutlich zum Teil bie Träger guter Erbanlagen, worunter auch rein männliche wie gute Gehörnbildung der Vorfahren sein können. Wer daher nach bem manchmal ge­rühmten Rezept verfährt unb bie Töchter ab schießt, wenn sie noch Schmalrehe sinb, der macht bas hin­fällig, was er bei bem W ah lab schuß unter den Böcken erreichen wollte. Geringe führende Ricken gehören samt Kitz in erster Linie weggeschossen, denn ein starkes und widerstandsfähiges Wild ist das Ziel unserer Hege.

Neben bem Nutzwild, zu bem in manchen hei­mischen Revieren noch Damhirsch und Muffel- widder treten können, die ab Monatsbeginn be­sagt werben bürfen, gilt bie Jagb bem Raub- wild. Zwar wird man jetzt den Fuchs nur noch

Kaum hat bie Alarmsirene ihr aufreizendes Lieb begonnen, kaum ist ber erste Flakschuß über die schlafende Stabt dahingerollt, ba wird Überall so­fort ber Luftschutzraum ausgesucht. In allen mög­lichen Aufzügen erscheinen bie Hausbewohner. Im Nachthemd, im Schlafanzug, mit Morgenrock, Bade­mantel ober sonst leicht bekleidet stehen sie herum und fangen mit ber Zeit langsam aber sicher an zu frieren. Ein tüchtiger Schnupfen ist bie Folge, wenn nicht schlimmere Krankheiten ausgelöst wer­ben. An sich braucht- bas die anderen Hausgenossen nicht zu bekümmern, aber auch der Selbstschutz hat hier ein Wort mitzureden. Bekanntlich kann jeher, ber körperlich bazu in ber Lage ist, im Selbstschutz eingesetzt werben, und zwar auch bann, wenn er an keinem Luftschutzkursus teilgenommen hat. Man stelle sich ben praktischen Einsatz eines solchen Leichtbekleideten" bei ber Brandbekämpfung vor. Es ergibt sich barau$ baß jeder sorgfältig über­legen muß, was er vor allem in der Nacht bei plötzlichem Fliegeralarm anziehen muß. In ber Sirene" werben bafür einige Ratschläge erteilt, bie von allen Volksgenossen beachtet werden sollten.

1. Im Luftschutzraum muß man sich, ohne zu stie­ren, unter Umständen mehrere Stunden lang auf- alten können. Die Kleidungsstücke dürfen also nicht bünn sein. Alte Wintersachen sinh gerabe bas rich­tige.

2. Die Kleibung soll praktisch sein. Enge Kleider

sind unpraktisch. Dasselbe gilt für Kleidungsstücke, die umständlich anzulegen sind. Auch Schlips unb Kragen sinb nicht vonnöten. Wichtig ist für bas schnelle Ankleiden, baß alles bereit liegt.

3. Die Kleidung muß so beschaffen fein, baß man in ihr auch bedenkenlos Selbstschutzarbeiten verrich­ten kann. Wer weiß, wo man im Verlaufe einer Schadenbekämpfung überall herumkriechen muß. Also: Keine guten Stücke anziehen! Selbstschutz­kräfte sollen, sofern sie nicht über einen Schutzanzug ober einen Trainingsanzug verfügen, grundsätzlich alte, derbe Hosen tragen. Das gilt auch für die Frauen! Die sogenannten Sttanbhosen sinb jedoch nicht geeignet! Aus ben Kopf ber Selbstschutzkräfte gehört nach Möglichkeit ein Luftschutzhelm, zumin­dest aber ein alter Filzhut. Das letztere gilt übri­gens für alle Hausbewohner.

Zum Schluß noch einen guten Rat. Es kann vor­kommen, daß es einem boch sehr zweckmäßig er­scheint, sofort ohne bie geringste Verzögerung in ben Lustschutzraum zu verschwinden. Gut! Dann nimm benAlarmanzug" unter ben Arm unb ziehe dich unten in Ruhe an.

Dornotizen.

Tageskalender für Mittwoch.

Gloria-Palast,Seltersweg:Geierwally". Licht­spielhaus, Bahnhofstraße:Casanova heiratet".

Weisheit an der Straße.

Von Walter v. Molo.

An ber verlassenen Gebirgsstraße, auf der auch Goethe nach Italien gefahren sein soll, stehen vor dem weiten Halbkreis der erhabenen Berge, bie er erblickte, wie wir sie heute noch sehen, große, sehr alte Bäume. Man kann ihre Stämme mit beiden Armen nicht umfassen. Ost habe ich darüber nach- gebacht, was diese Bäume erzählen könnten, wenn sie in Worten unserer Art sprächen. Was ist auf biefer Straße nicht alles vorübergewandert, gerollt und geritten? Straßen sind so wenig Zufälligkeiten wie Wasserläufe, auch sie unterstehen ber tiefen Gesetzlichkeit.

Eines Tages war ber alte Schreiner babet, einen dieser Riesenbäume zu fällen. Er schlug mit der Axt auf ben Stamm ein, unb eine große, gefährliche Säge lag bereit. Ich trat hinzu und sagte, ehrlich erschrocken: Aber Mensch, warum denn? Es ist doch schabe um ben Baum!

Der Alte hielt ein, starrte zu mir verwunbert auf unb verstand mich in keiner Weise; er gab zur Ant­wort: Ja, warum benn? Es wachsen doch wieder neue?!

Darauf konnte ich nichts erwidern, denn er hatte unbestreitbar recht. Oft habe ich überlegt, die gelieb­ten Bäume in meinem Grundstück betrachtend: Wie hoch, wie stark werden sie sein, wie weit werden ihre Schatten reichen in der Stunde, in der ich sterben muß? Das Ergebnis war stets: Die Bäume werden etwas dicker fein, die Kronen voller, aber nicht um viel. Denn ein Baum sieht zahlreiche Men­schenleben kommen unb verschwinben. Unser Leben währt nach dem Zeitmaß der Bäume, wenn es lange bauert, ein paar Jahre.

Gewiß wachsen wieher neue Bäume, gewiß wer­den auch sie groß unb stark werben; aber ich kann sie nicht mehr sehen? Ich werbe an ihnen nicht mehr Freude haben. Der Schreiner bachte an keinen be­stimmten, an keinen eigenen Baum, er dachte nicht an sich. Er war im Ganzen unb kümmerte sich nicht um hie vergängliche Zeit; mein Denken war klein.

Aber wenn es biete Liebe zu Bestimmtem nicht gäbe, verlöre bas Ganze Wert; es hat ihn nur durch uns. Der Alte umfing mit Vertrauen biete Unend­lichkeit und gewann Bauholz für fein Geschäft.

Immer gabelt sich die Rune; sie greift von Der Erde doppelt zum Himmel auf und doppelt in die

Erbe hinein. Es gibt keinen Himmel ohne die Erbe und keine Erbe ohne Himmel.

Immer wachsen die Bäume von der Erde dem Himmel zu, nehmen sie ihre Kraft aus Luft und aus dem Boden, und keiner.erreicht die Ferne. Sie sind Mittler zur Erkenntnis: Wer alles für sich er­halten will, verliert; wer dieses Wollen opfert, steht stark im Tag und nützt. Alles wächst immer wieder neu.

Ich grüßte zustimmend den- Schreiner, er hatte recht. Er grüßte zurück, wir waren einig.

Die Heuernte.

Von Wilhelm Scharrelmann.

Als Gerd das Dorf hinter sich gelassen hatte, lag noch der Tau der Nacht auf den Wiesen, aber der Osten erglühte bereits unter der schweigenden Herr­lichkeit des wiedergeborenen Lichtes.

Die Stille um ihn war unermeßlich. Nur em paar Lerchen trillerten verloren in der klaren Morgen­luft, und ein Kuckuck rief trotz der frühen Morgen­stunde eifrig und unermüdlich vom Walde herüber.

Bei feinem Wiesenstück angekommen, zog er seinen Kittel aus und begann bie Sense zu streichen.

Es war so wunderbar, nach dem Erleben ber letzten Monate nun als Urlauber wieder den Frie­den zu atmen, der über ber heimatlichen Lanbschast lag.

Ein herrliches Gras, bas da gewachsen war! Die Halme gingen ihm weit über hie Knie, unb bas Untergras war dicht wie ein Polster. Das würbe ein Heu geben, wie es reichlicher unb schöner kaum zu denken war.

Allenthalben, baß man schon mit ber Ernte be­gonnen hatte. Nur das Stück des Mutzbauers neben dem seinen lag noch unberührt. Kein Wun­der, da der Hannes im Felde war ... Seit bald zehn Jahren nun, daß er mit bem im Streite lag. Es war Sannas, Hannes Frau, wegen gekommen. In ihren Jungmäbchentagen hatte auch er um sie gefreit, sich aber bann hoch für Lohmanns Anne­gret entschieden. Aber nie, daß der Hannes feine Eifersucht auf ihn hatte überwinden können. So waren sie sich feind geblieben bis auf ben heutigen Tag. Darum war er auch nicht gerabe bös barum geroefen, baß er bem Hannes jetzt nicht zu begeg­nen brauchte hatte er hoch gestern von Annegret gehört, daß ber Hannes, in Frankreich verwundet, noch auf lange Zett nicht auf Urlaub kommen

werde. Nun, durchkommen würde er schon wieder. Die Mutzbauern waren zäh, Aalhaut war nichts dagegen.

Aber ein Unglück kam selten allein, unb da war es gerabe kein Wunder, daß Sanna nach einem verfrühten Kindbett gleichfalls monatelang hatte liegen müssen. War es aber zu begreifen, daß sie Annegret, die sich als Nachbarin verpflichtet gehal­ten hatte zu chr hinüberzugehen unb ihr oeizu- stehen, aus chrer Kammer wieder hinausgewiefen hatte? Stolz unb abweisend war sie fteilich schon immer gewesen, aber eine hilfsbereite Hand von sich zu weisen, bloß weil bie Männer sich nun ein­mal nicht aufs Fell gucken konnten? Annegret hat­ten bie Tränen in ben Augen gestanden, als sie ihm gestern von dem Aufttitt erzählt hatte, ben sie mit Sanna gehabt hatte.

Da, kaum daß er zweimal am Stück hinunter ist mit ber Sense, kommt bie Sanna wahrhaftig ben Wiefenweg herauf unb hat auch bie Sense auf ber Schulter. Will sie vielleicht selber barangehen, ihr Wiesenstück zu mähen? Nun, ein Frauenmensch kann viel, mehr als manche glauben mögen. Aber ein Tagwerk Gxasland umlegen, unb bas, wenn man erst von einem schweren Kindbett wieder auf- gestanden ist?

Wirklich macht die Sanna vor ihrem Stück Halt, schürzt sich ben Rock noch um ein Stück höher unb beginnt ihre Sense abzustreichen, als müßte bas so sein.

Verstohlen blickt Gerb zu ihr hinüber unb hebt banji bie Hand zum Gruß. Aber Sanna ermibert ihn nicht. Die Lippen aufeinanbergeprefct, steht sie ba, bie Falte auf ber Stirn, bie sie immer hat, wenn sie Gerb ober feiner jungen Frau in den Weg kommt.

Verlegen beugt sich Gerd wieder über seine Ar­beit. Nun ja, wenn sie nicht antworten will auf seinen Gruß, läßt sie es bleiben, denkt er ärgerlich. Zum zweitenmal grüßt er nicht wieder.

Es mäht sich nicht allzu schwer in hem butter­weichen Gras, aber auf bie Dauer merkt auch einer wie er, was mähen heißt. Da geht es ihm im stillen erst recht ans Herz, wie sich Sunna ba drü­ben mit ihrer Senfe quälen muß ... Zu dumm eigentlich, bie ganze Feindfchaft. Wenn ihn auch ber Hannes nicht leiben kann, was hat er mit ihr gehabt, bie hoch Hannes Frau geworben ist, haß sie so fremb tut unb Annegret gekränkt unb beleb bigt fjat ganz ohne Ursache eigentlich, wie sie sich ja selber sagen muß?

Sirrenb gehen bie Sensen burch bas tauige Gras.

O, sie kann schon mähen, bie Sanna! Das muß ihr ber Reib lassen. Aber nun sie das Wiefenstück einmal hinunter ist mit ihrer Sense, muß sie hoch einhalten unb Luft schöpfen.Ja, Sanaa, du hast dir doch wohl ein wenig zuviel zu getraut, wie?" sagt Gerd zu sich selber.

Nein, was ist denn das? Hat Gerd vielleicht schon einmal jemand gesehen, der nach kaum einer Viertelstund die Sense von sich geworfen und sich hat ins Gras sinken lassen?

Erft zögernd, dann schneller geht Gerd zu ihr hinüber. Sie hat das Kinn auf die Brust gesenkt und blickt kaum auf, als er zu ihr tritt.

Ja, siehst du, bas hier ist keine Arbett für dich, Janna", redet er sie an.Geh lieber nach Hause zu deinen Kleinen. Das Stück hier ich schaff's schon, mähe es morgen für dich mit ab. Hab ja Urlaub barum gekriegt."

Darum?" fragt Janna und muß sich Mühe geben, baß er ihr bei bem höhnischen Wort bie Atemnot nicht anmerkt, von ber sie befallen wurde. Wie kämst bu wohl bazu?"

Ich meine, ich wäre als Nachbar doch wohl ber Nächste bazu, erst recht, nun ber Hannes im Lazarett liegt, wie ich gehört habe. Also steh auf unb geh nach Haus. Wenn bie Sonne erst hoch ist, wirb bir bas Mähen erst recht zu sauer werben. Dies hier ist Männerarbeit, unb wenn bu Anne­gret neulich auch beinahe hinausgeworfen hast, als sie aus gutem Herzen heraus zu dir kam ich laß mich nicht so bei Seite schubsen, ich nicht, Janna!"

Wirklich erhebt sie sich, steht noch einen Augen­blick und fühlt feinen Blick, bann geht sie. Sie spricht kein Wort, aber sie geht. Gerd wundert sich im stlllen selber. e

Zu Hause aber läßt es ihr keine Ruhe. Immer wieder, daß sie sich dagegen wehrt, aber bann kann sie einfach nicht anbers, sie muß hinüber ins Nach­barhaus, bas sie seit so vielen Jahren nicht mehr betreten hat, unb muß Annegret bie Worte ab­bitten, mit benen sie vor Wochen die ausgestreckte Hand von sich stieß.

Und nun sollen auch die Männer sich endlich vertragen", sagt sie,und wenn bem Hannes erst bas Bein wieder heil ist unb er kommt heim, soll sein erster Weg zu euch herüber sein, bafür laß mich nur sorgen", sagt sie und häll der jungen Frau beide Hände hin.