Nr. 208 Zweiter Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberheffen)
Dienstag, S. September 1940
Das Lichtband der Milchstraße.
Oer Sternenhimmel im September.
Von Dr. Erwin Koffinna.
Die fterbftmonate sind die günskigftv Jahreszeit zur Beobachtung der Milchstraße. Treten mir an einem klaren, mondlosen Seplembsvabend gegen 22 Uhr ins Freie, so sehen wir die Milchstraße als zartes Band von wechselnder Breite Im Nord ost en steil emporsteigen. Bon der hell funkelnden Kapella im Fuhrmann zieht das Lichtband durch die Sternbilder Perseus, Kassiopeia und Kepheus zum Schwan im Zenit. Hier teilt e» sich in zwei Sinne, die wir über die Sternbilder Adler und Schild des Sodieski zum Schützen am südwestlichen Horizont verfolgen können.
Durch die Verdunkelung wird die Beobachtung der Milchstraße außerordentlich erleichtert. Ihn störenden Lichtquellen zu entgehen, braucht man sich nicht erst aufs Land zu begeben. Auch der Städter kann sich vom Balkon feiner Wohnung aus den Genuß des Anblicks dieser über-irdischen Naturerscheinung verschaffen. Vorbedingungen sind die völlige Abwesenheit künstlichen Lichts und ausgeruhte, an die Dunkelheit gewöhnte Augen. Einen wunderbaren Anblick gewährt die Milchstraße bereits in einem lichtstarken Fernglas. Da erscheint sie als ein reiches Gewebe glitzernder und strahlender Diamanten auf dunklem Samtteppich. In bunter Mannigfaltigkeit finden wir neben hell leuchtenden Sternen schwache Lichtpunkte bis herab zu den eben noch wahrnehmbaren Pünktchen. Durch besonderen Sternenreichtum zeichnen sich aus die helle, langgestreckte Sternwolke im Schwan und die ebenfalls sehr auffällige schildförmige Sternwolke im Sternbild „Schild des Sobieski", südlich vorn Adler, die an klaren Spätsommerabenden Im Südwesten steht und diesem Teil des Himmels ein charakteristisches Gepräge verleiht. Neuere Forschungen haben ergeben, daß die Schildwolke über eine Million Sterile umfaßt rind rund 9000 Lichtjahre von uns entfernt ist (1 Lichtjahr == O’/s Billionen Kilometer).
Neben diesen Anhäufungen von Sternen 311 großen Wolken von besonderem Glanz gibt es schwane Sternleeren. Dunkle, undurchsichtige Massen kos- mischen Staubes in feinster Verteilung, aber von gewaltiger Ausdehnung, schirmen das Licht der dahinterstehenden Sterne ab. Diese Dunkelwolken bestimmen weitgehend das Aussehen der Milchstraße im einzelnen und sind auch die Ursache für Sie — scheinbare — Teilung des leuchtenden Bandes in zwei Arme.
Die Erscheinung der Milchstraße wird bnrd) die linsenförmige Gestalt unseres Fixsternsystems bedingt, das einen Durchmesser von 70 000 vis 80 000 Lichtjahren besitzt bei einer Dicke von^ nur etwa
10 000 Lichtjahren in der Mitte. Das ganze Milch- straßensystem dreht sich verhältnismäßig rasch um den Kern, der eine gewaltige Anhäufung von Sonnen da ist eilt, in der Nicht ung des Sternbildes Schütze liegt und leider durch ausgedehnte Dunkelwolken unseren Blicken größtenteils entzogen ist. Die Sonne befindet sich sehr weit, etwa 30 000 Lichtjahre, vom Zentrum entfernt und benötigt für einen Umlauf rund 200 Millionen Jahre. Die sehr lange Umlauszeit der Sterne macht es uerjtünblid), warum das Bild der Milchstraße In historischen Zeiten sich nicht merflid) ändert. Die genaue Beschreibung, die Ptolemäus vor zwei Jahrtausenden von der Milchstraße entwarf, stimmt mit dem heutigen Bild in allen Einzelheiten überein.
Deftlid) der Milchstraße sind um 22 Uhr die H e r b st st e r n b i l d e r Pegastto, Andromeda und Widder heraufgekommen. Den Pegasus erkennen wir leicht an dem großen, von vier Hellen Sternen gebildeten Quadrat, an das fid) links oben die leicht geschwungene Sternreihe der Andromeda anschließt. Hier suchen wir uns über dem zweiten Stern von links den berühmten Andromedanebel auf, ein fernes Sternfysiem von der Größe nufere» Milchstraßensystems, zugleich der einzige, mit freiem Auge sichtbare Spiralnebel. Er erscheint als ellip- Uscher Lichtsleck. Ein Fernglas zeigt beutlid) die Verdichtung der Materie nach der Mitte 311. 700 000 Jahre muß das ßidyt wandern, bis es von jenen fernen Welten zu uns gelangt.
Am Westrande der Milchstraße strahlt die bkiue Wega, welche die Zenitstelliing bereits über- schritten hat. Die Sonunerstembilder sind stark nnd) Westen gerückt: Arklur ist im Begriff unterzu- gehen. Im Nordwesten bietet der abwärts rollende Himmelswagen einen besonders fd)önen Anblick.
Aber mehr noch wird das Auge gefesselt durch das eindrucksvolle Nebeneinander von Jupiter und Saturn. Die beiden Großvlaneten gehen Anfang September um 22 Uhr, Ende des Monats um 20 Uhr Sommerzeit auf und bef)errfd>en mit ihrer Lichtfülle den Osthimmel. V e n n s ist Morgenstern: sie geht vier (Shtnben vor der Sonne auf. Am 5. September erreicht Venus ihre größte westliche Ausweichung von der Sonne.
Die Sonne über [dieltet am 23. September 6 Uhr 46 Min. Sommerzeit den Himmelsäquator und) Süden (Tag- und Nachtgleiche), womit astro- nomifch der Herbst beginnt. Der Mond zeigt folgende Lichtgestalten: Neumond am 2., erstes Vier'- tel am 8., Vollmond am 16., letztes Viertel am 24. September.
Aus der Stadt Gießen.
Fleisch aus der Erde.
Von M. A. v. Lütgendorff.
Noch vor dreißig Jahren wurden nur 5 bis 10 0. H. der in den deutschen Wäldern wachsenden Pilze ausgenützt, während der übrige Teil einfach verfaulte und umkam. Seither ist der Pilwer- brauch wesentlich gestiegen, aber nach einer im Vorjahr Dorgenomnitmen Schätzung muß man immer noch mit einem vollen Drittel ungenutzter Pilzmassen rechnen, was einem Umsatzverlust von nahezu 20 Millionen RM. gleichkommt. Die Japaner legen zur Gewinnung der bei ihnen sehr beliebten Baurn- ülze eigens kleine Waldungen an, in denen wegen nefer an den Baumstämmen wachsenden und vor- orglid) gepflegten Pilze kein Holz geschlagen werden darf. Der öeutfdje Wald dagegen spendet das „Fleisch aus der Erde" ohne jede Pflege und Vorsorge und in wahrhaft ungeheueren Mengen. Deshalb sollte sich jeder, dem es möglich ist, seinen Teil selbst aus dem Wald holen.
Das Pilzsammeln ist ein Vergnügen. Voraussetzung hierzu ist aber, daß man weih, was man davon wissen muß. Wer die eßbaren und die Giftpilze nicht ganz genau kennt, soll eines der vielen, un Handel überall erhältlichen Pilzmerkblätter oder ein Pilzbuch mit naturgetreuen farbigen Abbildungen rnitnehmen, die Bilder mit der Wirklichkeit vergleichen und sich vor allem die Merkmale der paar Giftpilze fest einprägen. Doch noch etwas anderes sollte sich der Pilzsammler merken. Wenn er einen größeren Pilz aus der Erde reiht, so zerreißt er damit auch das den Boden durchsetzende Fadengeflecht, dem der Pilz entsprossen ist, und das Die eigentliche „Pilzpflanze" Darstellt. Dieses Ocflcdjt, das unterirdisch ständig weiterwächst, muh erhalten bleiben, weil es noch viele Pilze liefern kann. Deshalb also ist ein Pilz nicht einfach auszureihen, fou- bern sorgfältig abzuschneiden.
Es heißt, daß nasse Jahre gute Pilzjahre sind, was aud) wirklich stimmt. Aoer Pilze sammeln sollte man bei Negenwetter unter keinen Umständen, weil jid) die Pilze unter dem Einfluß der Feuchtigkeit leichter zersetzen und selbst sonst eßbare Pilze dadurd), daß das Pilzplasma im Innern der Zellen infolge der zu reichlichen Wasseraufnahme geschädigt wird, unbrauchbar wird: auf den Genuß solcher Pilze stellen sich nämlich häufig schlimme Verdauungsstörungen ein.'
Alte oder angesressene Pilze läßt man unbedingt stehen, denn nahrhaft und wohlschmeckend ist ein Pilz nur, so lange er jung und fest ist. Auch von Frost oder Reif befallene Pilze sind ungenießbar. Außerdem gibt es noch eine Regel: nur frische, wenn möglich am selben Tage geerntete Pilze verwenden — länger als 24 Stunden darf kein zum Kochen beftimmer Pilz liegen bleiben —, ferner das Kochwasser weggiehen und die Pilze nicht im rohen Zustand genießen.
Die Zahl der Pilzfreunde würde sehr zunehmen, wenn jeder, der Pilze sammelt oder 'kauft, aud) wüßte, zu welcher Zubereitungsart die einzelnen Pilzarten sich eignen. Es schmecken nämlich keineswegs alle Pilze am besten in der üblichen Form als Gemüse gebürrftct. Eine ganze Anzahl, darunter Ziegenbart, Brätling, Täubling -und Reizker, lassen sich sehr gut zu Salat verwenden. Gebraten munden Brätling und Reizker gleichfalls ausgezeichnet, außerdem aber auch der Champignon und der Pfifferling oder Eierschwamm. Aiis feinzerschnittenen Korallenschwämmen oder Pfifferlingen, wie überhaupt aus den mehr festfleischigen Pilzarten, lassen sich ferner pikante Haschees bereiten, die man durch Zugabe von Ei und Zitrone aud) frlkassieren kann. Größere, zartfleischige Pilze, in fingerdicke Scheiben geschnitten und in einen Eiermehlteig getaucht, eignen sich besonders gut zum Backen. Der bis spät in den Herbst hinein an den Baumstämmen wachsende Hallimasch oder Honigpilz läßt sich über- Haupt fast in jeder Form zubereiten, als Suppen- einlage so gut wie gebraten ober gebacken, da sein scharfer Geschmack beim Kochen völlig verschwindet. Der Hallimasch ebenso wie auch der Habichtspilz kann übrigens auch so wie sauere Leber oder
Lunge gekocht werden. Pilztunken, zu denen fid) die meisten Speisepilze nerweubcn lassen, schmecken vor allem sehr gut zu Kartoffelgerichten, wobei frcilid) zu beachten ist, daß alle Tunken aus Pilzen mit pikantem Eigengeschmack nicht besonders gewürzt und auch nur schwach gesalzen werden dürfen. In Essig oder Salzwasser konserviert oder aud) getrocknet, geben alle besseren Speisepilze aud) einen nährstoffreichen und schmackhaften Vorrat für den Winter.
Unsere Vorfahren waren keine Pllzfreuirde, nannten die Pilze noch im Mittelalter „Teufelsbrot" und warnten vor ihrem Genuß, weil man damals der wenigen Giftpilze wegen audi den eßbaren mißtraute. Sie würden große Augen mad>en, wenn sie wüßten, daß allein in München alle Jahre 8000 Zentner Pilze im Werte von einer Viertelmillion in den Handel kommen. (9a 113 abgesehen von den Massen, die sich die ungezählten Pilzfreunde selber im Wald suchen.
Dornottzen.
Tageskalender für Dienstag. ,
Gloria-Pqlast (Seltersweg): „Die (Beierroalh)''. — Lichtspielhaus (Bahnhofstraße): „Casanova heiratet."
Ortszeit für den 4. September.
Sonnenaufgang 6.41 Uhr, Sonnenuntergang 20.06 Uhr. — Mondausgang 0.42 Uhr, Monduntergang 20.54 Uhr.
Oie (SHürftütnäimcr sind wieder da.
Die Los-vertäufer der Reichslotterie der NSDAP, haben jetzt aud) in (hießen ihre Tätigkeit wieder ausgenommen. Diese Lotterie imirbe auf Wunfch bes Führers burd) beu Reichsschatzmeister für befonbere Zwecke angeorbnct, sie gilt ber Förberung ber nationalen Arbeit. Neben ben kulturellen Aufgaben sinb es zahlreiche reichswichtige Arbeiten, bie aud) im Kriege nicht ruhen bürfe» und mit Hilfe biefer LoitÄie burd)gcfül)rt werben sollen. Daran mögen alle Volksgenossen benken, wenn bie Losverkäufer an sie herantreten unb zum Kauf ber Lose auf- forbern.
Stadttheater Siehe»
Aus dem Stadttheaterbüro wird uns geschrieben: Auf Grund neuerlicher Anordnung beginnt bie Spielzeit — wie vorgesehen — am 17. September mit der festlichen Ausführung ber bra malisch en Ballade „Sieger" von Christian Siemens. Die Spielleitung hat Intendant Hans Walter Klein. Zuvor
wird in der Woche vom 8. bl» 15. September eine Werbespielzeit durchgeführt. Diese Werbespielzeit beginnt mit ber Ausführung der Operette „Pago- nlnl" in neuer Inszenierung. (Musikalische Leitung: Otto Zöllner; Spielleitung: Harry 01 r ü n e k e.) Es folgen bie angekündigten Lustspiele zu kleinsten Preisen. Die versandten Ehrenkarten für die Lustspiel wache behalten dazu ihre Gültigkeit Abgeschlossen wird die Woche mit einer Festausfühning ber Operette „Paganinl" zum 70. Geburtstag des Komponisten Franz Lehär am Sonntag, 15. September.
Keine Passierscheine bei weisen nach Oanzia und Kattowih.
Für den Reiseverkehr mit dem Regierungsbezirk Danzig ijt der Passterschelnzwang mit sofortiger Wirkung ausgehoben worden. Da» gleid/e gilt für teile des Regierungsbezirks Kano nütz ab 1. September 1940. Nähere Auskünfte erteilen die zuständigen Kreispolizeibehörden (Paßbehörden).
SthR. sucht Laienkräfte
für seine Volkaiums«ruppen.
RSG. Tag für Tag ziehen die Volkstumsgruppen der NS.-Genreinschaft „Kraft burd) Freude" hinaus, um bei der Betreuung unserer Lazarette mltzmvlrken. Immer häufiger werben sie angeforbert. So hat es fid) als notmenbig erwiesen, bie Gruppen unb Spiel-
ELASTOCORN
Schon >yieder zu spät zum Dienst! i fine unangenehme Geschichte, be- landens dann, wenn immer „nur" das Hühnerauge schuld war. Wae macht man daV Elaslocorn mit dem Pjlzring di auflegen I Gleich kann man wieder laufen, und in ein paar Tagen ist das Hühnerauge weg.
chnren noch weiter auszubauen und neue aufzuteilen. Die NS.-Gemeinschast „Kraft burd) Freude" ud)t daher geeignete Lalenkraste. Es kommen Spieler von Akkordeon, Laute, Klampfe, Zither und sonstigen Volksmusiklnstrumenten sowie gute Sprecher unb Laienspieler in Frage. Melbungen nimmt bie Abteilung Fvierabenb Volkstum-Brauchtum ber Gan- bienflftelle Hessen-Nassau ber NS.-Gemelnschast „Kraft burd) Freude" In Frankfurt a. M. entgegen.
Prüfte ans dem Feld.
Aus dem hohen Naiven senden die nachstehend genannten Pollzeiwachtmelfter der Nefeove der Heimatstadt Gießen und ihrer Bevölkerung im einem Schreiben an uns herzliche Grüße: Ernst Büttner, Georg Döring, Ludwig Daubertshmiser, Fritz Funk, Rudolf Günther, Friedel Henßinger, August Haßen- pflüg, Wilhelm Magold, Willi Stiihler, Hellmut Wagner.
2111» Frank reich senden die nachgenauntekl Gießener Kameraden einer RAD.-Abteilung der Heimat ebenfalls in einem Schreiben an uns beste Grüße: Bormann örld) Dietz, Bormann August Dillfer, Vormann Hans-Karl Hahn, Arbeitsmann Willi Jung, Arbeitsmann Friedrich Büttner, Arbeitsmann Walter Hamel, Arbeitsmann Erwin Rockel.
Die Heimat erwidert diese Grüße aus dem Feld herzlich und wünscht allen Kameraden Gesundheit und glürflldje Heimkehr.
„Oer deutsche Wald und seine c5>chiitze.-
Heber dieses Thema sprach Pg. Prof. Funk bei ber gemeinschaftlichen Zusammenkunft des Deutschen Frauenwerks her Ortsgruppe Gleßen-Nord. Damit stand dieser Abend aud) lin Zeichen des Kriegsbilfs- werks der beiit|d)cn Frau. „Helft deutsche Heilkräuter fummelnI" Hierzu müssen aber bie Kräuter bekannt sein, und der schöne Vortrag verhalf ba,yu. Deutsche Waldkräuter unb Pflanzen schmückten das Podium des Hörfaals des Forftlnftltuts, um ben äußeren Rahmen zu verschönern. Viele elnbrucks- volle Lid)tbllber zeigten die großeil, vielseitigen Schätze des beutfd>en Walbeo, und Interessante Erklärungen wiesen auf ihre Anwendung zur Ernäh-
Insekten — Nachfolger des Menschen.
Von Annie Hranc^-Harrar.
Man stelle sich das einmal vor! Käfer In ihrem Panzer, Heufchrecken mit ihren langen Beinen, Spinnen mit den acht haarigen Klauen unb dem mit ebenso viel Augen besetzten Kopfbruftstück — ie alle müßten ein steter Schrecken für ben Meuchen fein, wenn sie ihre jetzige Gestalt vlötzlich zu einem Maß vergrößern könnten. Aus Der Steinkohlenzeit kennt man vorzeitliche Libellen, die über einen Meter klafterten, ebenfo Küchenschaben unb eirtlge andere altertümliche Infekten, von für unsere Begriffe ungeheuerer Große. Man kann an sie, die lange vor bem Menschen vergingen, nicht benken, ohne einen leisen Schauber zu fühlen. Unb bas ist gerechtfertigt, denn bei ber wütenden Angriffslust und Erbarmungslosigkeit aller räuberisdi lebenden Insekten unb bei ber Gefräßigkeit der pflanzenverzehrenden wäre bie Welt voll von nicht auszudenkender Schrecken. Sehr viele andere, friedlich (ebenbe Tiere würben rasch ausgerottet werben Die Bogel bis hinauf zu den Ablern und Geiern vermöchten sich burch ihre Fliegerkünste nicht zu retten, denn Libellen, Wespen, Hornissen, vor allem Nachtschmetterlinge, fliegen besser als sie. Sie hätten (wenigstens bie nach Kerfen jagenden) nicht nur keine Nahrung, sonoern auch keine Ruhe zum Nestbau und zur Aufzudst der Jungen. Wenn es heute schon von ben Ameisen heißt, baß sie bas Entsetzen weit größerer Oieschöpfe sind, die sich gegen ihre Flinkheit unb Bissigkeit fast wehrlos fühlen, so wäre das noch viel mehr ber Fall, wenn eine Ameise nur zehnmal, geschweige denn gar hundertmal - gröher wäre. Es ist anzunehmen, baß sie dann bei einem Tiaffenangriff (wie sie das lieben) ohne weiteres eine Herbe Rinder und Pferde überfallen und töten könnten.
Man betrachte doch nur einmal das „Gesicht" einer Wespe! Es ist ganz starr und bis auf Fühler und Kiefer unbeweglich. Kein Ausdruck eines Empfindens kann es verändern oder verschönern, denn es besteht aus hartem Chitin. In allem ist es anders als das unfrige. Die mächtigen Fassettenaugen teilen den Kopf in ein doppelseitiges Gerüst. Es ist kaum eine bemerkbare Stirn vorhanden. Dafür
sind die Freßwerkzeuge gewaltig nad) Art zweier gegen einander arbeitender Scherenflügel gcftaltet. Aber bie Schneibe ist zackig und greift in ein a aber, fo daß alles, was zwischen diese Hebel gerät, unerbittlich zermalmt werben mutz.
Unb plötzlich begreift man bie Unterschiede von Funktionsform zur Funktionsform. Versieht, batz es hier nur ein Nacheinander des Lebenskreises geben könnte, aber niemals ein Nebeneinander. So lange ber Mensch mit seinem Intellekt, seiner Oleschicklich- feit, Vielfältigkeit und erstaunlichen Anpa|suugs- fähigkeit eine Herrschaft der Leistungen über Die Erde ausübt, so lange ist für eine Größenzunahme der Insekten kein Raum. Aber es wäre unbedingt das Ende des Menschen, wenn sie sich ansdstcken würden zu einem Aufstieg, fo wie es vor ihnen die Echsen, die Ammoniten und die Säugetiere getan haben, bie alle einst ihre Mitwelt unter ihre Bedürfnisse zwangen. Und jedesmal zeigte bas Leben ein besonderes Gesicht, solange, bis die Tyrannei dieser jeweiligen Seinsform in sich selber
Jnsektenherrschaft anbräcste, er ohne die Vernichtung des Meirschen unb seiner Werke nicht zu denken märe.
Wir wissen es nicht, ob überhaupt eine Zukunft in diesem Sinne hinter der starren Maske bes In- sektengesichtes schlummert. Wir wissen nur, baß es uns im Tiefsten fremb ist, rätselhaft, unbegreiflich. Unseren Lebensbegrissen entgegengesetzt, auch dort, wo sich hinter ihm bie Verwirklichung eines Staatssozialismus verbirgt, der so vollendet unb in sich geschlossen ist, wie jener der Bienen, Ameisen und Termiten. Denn selbst da, wo sich burd) sie menschliche Ideen zu öcrmirflld)en scheinen scheiden sich die Wege zwischen Mensd) und Insekt für Immer, und jeder geht, feinem Gesetz gehorchend (wer sagt wie weit?) in die Zeitlosigkeit yl-naus.
„Die Geierwatly."
an ber Kamera ijn Sinne ber Regie ausgezeichnete Arbeit geleistet. Seine Ausnahmen vom Hodigevirge
gegenüber, noch weniger irgenbeine Andeutung der Einfügung in seine Lebenswelt. So läßt sich denn
12/1 n।uguiig in ll'llie «trutiiuiveu. öu lUfli Ul-Illi «iuvii «U|iiui/nu.n uum .lyuujjp UHJJV
folgern, daß, wenn wirklich einmal jener Tag der I sind von großer künstlerischer Geschlossenheit und
Ein Hnns-Lteinhoff-^ilm der Tobiü.
Das Hochgebirge und seine Bewohner haben auf die Literatur ungemein befruchtend gewirkt, und ber Film ist Ihren Spuren getreulich gefolgt möbel er leider ber Versuchung nicht hat lviberstehen können, sich mit besonderer Liebe ber literarischen Vorwürfe anzunehmen, bie zwar ein großer Privkl- fumserfolg gewesen waren, aber mit echter Kunst nicht mehr allzuviel gemein hatten. In diese Kategorie gehört aud) ber einst viel gelesene Roman „Die Geierwalln" von WilyelMine von Hillern (1836—1916), einer Tochter ber bekannteren Charlotte Birch-Hfeiffer, unb es ist ein Glück, baß ein so begabter unb selnsühllger Spielleiter wie Hans Stelnhoff bleien gefährlichen Stoff in bie Hanb bekam unb daraus ein wirkliches Kunstwerk schuf. Er hat sich bie Mühe nicht verdrießen lassen, aus der grandiosen Landschaft des Oetzlals, aus feinen sturmumwehten Almhütten oben im ewigen Schnee, aus den niedrigen, raud)lgcn Siuben 1 einer Gehöfte und Wirtshäuser und schiietzlid; aud) aus dem Leden und Treiben seiner Bewohner Pilder und Szenen von einem natürlichen Kolorit hinzustellen, das den Film aller falschen Ronrantik entkleidet und ihn aus der großen Reihe ähnlicher Unternehmen vorteilhaft heraushebt. Dabei hat Rid)ard Angst
ausgeroirft und zerbrochen war.
Wenn es nun wirklich wahr wäre (wie einige Gelehrte behaupten), daß bas Insekt wiederum ber Nachfolger bes Menschen sein sollte, so würde vielleicht damit abermals eine völlige Aenderung der Lebensformen fid) herausbilden. Bisher ist das Insekt in fast allem der Feind des Menschen, wo es in feinen Kreis tritt. Die Termiten und Amelsen zernagen seine Häuser, seine Büd;er, seine Lebensmittel. Parasltisd)e Insekten zapfen ihm das Blut ab und impfen ihm töoliche Krankheiten dabei ein. Die Raupen der Schmetterlinae verzehren seine Gemüsepflanzen. Die aussaugenDen Fliegen bedrohen ihn mit Blutvergiftung ober Typhus und Tuberkulose und beschmutzen seine Speisen. Vor ihrer Brut mutz er ständig seinen Braten schützen. Nicht einmal bie Bienen hat er im Laufe der Jahrhunderte zähmen können, sondern mutz sie ihres Ho- nls wegen betäuben, um sie bann zu bestehlen. Viele andere Insekten greifen Ihn mit fdjarfem, oft giftigem Stachel an. Die Wanderheuschrecken fallen über feine Pflanzungen her. Dasselfliegen, Bremsen und andere Schmarotzer belästigen unb verfolgen seine Haustiere und machen sie krank. Die Borkenkäfer töten ihm seine Forste, unb die Klein- falter zerfressen als Maden seine Pelze unb Kleider.
Dem allen steht eigentlich kein Nutzen für ihn
Wirkung. Und aud) die Bolksszenen, der in seiner Schlichtheit ergreifende Leldrenzng des alten Fen- der-Banern, das sehr lebenvig geratene Schützen- fest und die plausdu'nben Bauern am Wirt »Usch sind ohne die saubere Arbeit ber Kamera nicht denkbar. Nico Donals Musik, nur bei Szenen von starker innerer Bewegung eingesetzt, miterftrid) das Bal- labenhaste des Kampfes der Geierwaliy mit bem eigenen Ich unb ber Umwelt besonder» eindringlich.
Die Gesdsichte der Geierwaliy ist bas Schicksal eines wilden Bauernmädels, das es an Eigensinn mit der Starrköpfigkeit seines alten Vaters aufnimmt unb der Heirat mit bem ihm ausgesuchten reichen Bauern bie Einsamkeit ber Almhütte vorzieht. Ihre Tragik ist es, baß aud) ber Mann, ben sie liebt, sie nicht versteht und sie In einen immer wilderen Trotz hineintreibt. Wenn schließlidr dod) beide burd) Irrtum und Schuld zueinanbersinden, |n entspricht dies happt end nicht bi । ।ünftlbisichtn Notwendigkeit ber auf tragische Zuspitzung angelegten Entwicklung des seelischen Konflikts.
Heidemarie Halheyer in ber Titelrolle ber Geierwaliy war von einer herben Schwerblütigkeit, mit strengen Zügen, die faum einmal das karge Lächeln inneren Frohsinns verraten. Mit den Ihren zerfallen, vom eigenen 'Blut gehetzt, fid) nicht mehr auskennend zwischen eigener Schuld unb bem Unverständnis der anderen, so läßt sie fid) von wider- streitenden Gefühlen treiben. Eduard Köck gab als ihr Vater hager unb knochig mit flackerndem Jähzorn in den bohrenden Augen eine vorzügliche Bauerntype. Sepp Rist spielt den etwas imburd)- sichtigen Charakter des Geliebten ber Geierwaliy, Leopold (ffterle den vom Vater begünstigten Vinzenz mit falschem Blick, ohne Vertrauen In die eigene Kraft unb baher auch zum Iürfifd>en ‘Dlort) bereit. Von den vielen kleineren Rollen seien (tzeorg Vogelsang unb Adalbert von Schlett 0 w als ein gut charakterisisrtss Vrubsrpgai ilgti.....V
tiger einsamer Bergbauern erwähnt.
In ber Wochenschau fah man eindrucksvolle Bilder aus deutschen Rüstungswerken, überzeugende Sd)ilderungen aus ber soldatischen Erziehung unserer Jugend unb sehr lebendige Berichte von den harten Sd)iägen, die bie deutsche Luftwaffe bei ihrer gewaltsamen Aufklärung ber britischen Infel, ihrer Verteibigung und Xkrforgung zuteil werben läßt.
Dr. Fr. W. Langem


