geworfen werben. Es ist Pflicht jedes Dolksgenos- fen, die Felle unverzüglich noch dem Abziehen dem nächsten Rohprodukten- bzw. Fellhändler zuzuführen oder, falls ein solcher nicht bekannt sein sollte, die Felle. in der nächsten Wildbrethandlung abzukiefern.
Gefahren des Eises.
Alljährlich fordern zugefrorene -Seen, Teiche, und Bäche Opfer. Es muß daher immer wieder auf die Gefahren aufmerksam gemacht werden, die ein zu frühzeitiges Betreten des Eises oder bei Tauwetter, besonders aber, wenn man allein ist, mit sich bringt. Nicht eindringlich genug können die Kinder vor dieser Gefahr gewarnt werden.
Wer im Eis eingebrochen ist, schwebt in Lebens- gefahr. Das kalte Wasser erschwert die Bewegungen des Eingebrochenen. Als erster Ratschlag gilt, die Arme weit auszubreiten, damit sie dem Cinge- brochenen einen -alt gewähren und er nicht unter die Eisdecke gerät. Hilfe bringt man dem im Eis Eingebrochenen durch Zureichen von Brettern, langen Stangen usw., auch durch ein Seil oder eine Leine, die mit einer Schlinge versehen sein muß. Ist solches Hilfsgerät nicht vorhanden und persönliche Hilfe notwendig, dann versuche man, tn die Nähe der Cinbruchstelle zu kriechen. Bei brüchigem Eis muß natürlich auch der Retter schr vorsichtig sein und wenn irgend möglich ein Brett als Unterlage benutzen. Wohl die schwierigste Art der Ret- tuirg ist die durch Tauchen unter Äe Eisdecke. Diesen Weg der Hilfe für den Eingebrochenen darf man nur wagen, wenn man angeseilt ist. Ist die Rettung des Verunglückten gelungen, so bringe man ihn nicht in einen warmen Raum, sondern zunächst in einen kalten.
Um die Gefahr, die jede Eisfläche in sich bergen kann, richtig zu erkennen, muß man wissen, wann das Eis trägt. Eine Eisdecke von zwei bis drei Zentimeter ist für einen Erwachsenen noch äu schwach und nicht tragfähig. Erst bei fünf bis sechs Zentimeter Dicke darf das Eis betreten werden. Sorglos anvertrauen kann man sich einer Eisdecke von acht Zentimetern. Hat sich gar eine Eisdecke von zehn bis zwölf Zentimeter gebildet, dann ist schon das Befahren mit leichteren Fuhrwerken möglich. *
** Justizpersonalien. Der Gerichtsassessor Dr. Ludwig Faber in Mainz, aus Gießen stammend, wurde zum Landgerichtsrat beim Landgericht Mainz ernannt. — In den Ruhestand versetzt wurden auf ihren Antrag der Oberlandesge- richtsrat Hans Küchler beim Oberlandesgericht in Darmstadt, früher als Landgerichtsrat beim Landgericht in Gießen tätig, sowie der Justizassistent Jo- Hannes Eifert beim Amtsgericht in Ulrichstein.
** Sterbefälle in Gießen. Es verstürben in Gießen: 19. 12. Heinrich Schaub, Fuhrmann, 75 Jahr, Hammstraße 16; 19. 12. Christian Dunkel, Invalide, 79 Jahr, Anneröder Weg 32; 20. 12. Marie Naselewski, geb. Nagel, o. B., 79 Jahre, Grüner Weg 10; 22. 12. Karl Haas, Postassistent a. D., 79 Jahre, Hofmannstr. 7; 26. 12. Luise Preu, geb. Römer, o. B., 39 Jahre, Gießen-Wieseck; 26. 12. Friedrich Lehrmund, Denttst, 77 Jahre, Grabenstr. 3; 28. 12. Rudolf Nowack, Kaufmann, 76 Jahve, Friedenstr. 49; 28. 12. Alois Kube, Kul- turaufseher im Ruhestand, 80 Jahre, Aulweg 100; 29. 12. Adalbert Bindewald, Grobhandelsvertreter und vereidigter Dolmetscher, 73 Jahre, Walltorstraße 73; 29. 12. Lina Heimer, geb. Haas, o. B., 76 Jahre, Alicenstr. 10.
*♦ Städtische Bücherei. Im Dezember sind 1929 Bände ausgeliehen worden. Davon kamen auf: Zeitschriften 30, Gedichte und Dramen 12, Erzählende Literatur 1153, Jugendschriften 285, Länderund Völkerkunde 136, Kulturgeschichte 1, Geschichte und Biographien 188, Kunstgeschichte 1, Naturwissen, schäft und Technologie 44, Heer- und Seewesen 41, Haus- und Landwirtschaft 8, Gesundheitslehre 6, Religion und Philosophie 2, Staatswissenschast 22 Bande.
jRunhfunfyrogramm
Donnerstag, 4. Januar.
6 Uhr: Morgengruß. 6.10: Morgengymnastik. 6.30: Frühkonzert. Es spielt ein Gaumusikzug. 7: Nachrichten. 8: Landvolk merk auf! 8.10: Gym
nastik. 9.15: Das wir Frauen heute wisien müssen. 9.30: Frohe Weisen. 11: Konzert. Das Jahr laßt uns beginnen. Es singt die Rundfuntspielschar 8 Frankfurt der RIF. 11.50: Stadt und Land — Hand in Hand. 12: Mittagskonzert. Es spielt das Orchester des Reichssenders München. 12.30: Nachrichten. 14: Nachrichten. 14.15: Der fröhliche Lautsprecher. 15.50: Bücher für unsere Soldaten. 16:
Nachmittagskonzert. 17: Nachrichten. 18: Ruf ins Land: Berichte des Landesernährungsamtes. 18.25: „Herz, aufglühe dein Blut". Eine besinnliche Sendung für unsere Kameraden am Westwall. 19: Unterhaltungskonzert. 19.10: Berichte. 19.45: Politische Zeitungsschau. 20: Nachrichten. 20.15: Ueber- tragung vorn Deutschlandsenüer. 22: Nachrichten. 24: Nachrichten.
Postamt Gießen an Weihnachten und Neujahr.
Wie in all den Jahren vorher, ergab sich für die Beamten unserer Gießener Postämter auch in diesem Jahre zu Weihnachten und Neujahr wieder eine Fülle von Arbeit, die es diesmal unter man« cherlei ungünstigeren Umständen zu bewälttgen galt, als in vergangenen Jahren. In weiser Voraussicht war von der Reichspost angeregt worden, die Weih- nachtspakete in tüesem Jahre besonders frühzeitig aufzugeben. Die Bevölkerung befolgte diese Aufforderung um so lieber, als dadurch mit hoher Wahr- scheirmchkeit die Weihnachtsfreude in Gestalt der Weihnachtspak-ete zu rechter Zeit kam. Für unsere Gießener Postämter ergab sich dadurch, daß in den Tagen um Mitte Dezember eine Hochflut von Paketen hereinbrach, wie sie sonst erst tn den Tagen vom 18. bis zum 221 Dezember aufzutreten pflegte. Hinzu kam, daß in diesem Jahre, nach grober Schätzung, erheblich mehr Pakete aufgeliefert wurden, insbesondere Feldpostpakete, da ja sehr viele Geschenke, die sonst unter dem Weihnachtstisch zu Hause lagen, diesmal erst ein* große Reise antreten mußten. Dabei war es für die Post ein Gesetz, daß gerade die Soldaten, die ihr Weihnachtsfest fern der Heimat feiern mußten, ihre Pakete rechtzeitig erhielten. Und dieser Aufgabe wurde die Post gerecht.
Die Aufgaben, die der Post im einzelnen er
wuchsen, waren ungemein vielseitig. Es galt, die in unseren beiden hiesigen Postämtern aufgelieferten Pakete zu sortieren und auf die Züge zu verteilen; es galt, die eingegangenen Pakete auf die Staat umzuschlagen, und oftmals reichten die kleinen Paketwagen nicht aus, so daß an einigen Tagen auch Omnibusse zu Hilfe genommen werden mußten. Freundlicherweise wurden von der Wehrmacht Helfer zur Verfügung gestellt, die mit viel Luft und Liebe an der Arbeit waren. Der Umschlagverkehr im Gießener Bahnhof mußte auch bewältigt und schließlich durste auch die Landzustellung nicht vernachlässigt werden. Alle Arbeit aalt es zu (elften, obwohl eine stattliche Anzahl Gießener Postbeamter unter den Fahnen steht ober der Feldpost zugeteilt ist. In den Tagen vor Weihnachten hals bei leichterer Arbeit verschiedentlich die Hitler-Jugend aus, und viele der Jungen waren mit allem Ernst bei der Arbeit.
Auch der Neujahrsbriefverkehr wickelte sich sehr gut und rasch ab, und schon in der Nacht zum 1. Januar war in den Räumen unseres Gießener Postamts völlig aufgearbeitet.
Im großen und ganzen gelang es, allen Anforderungen gerecht zu werden, nicht zuletzt dank der Unterstützung durch die Bevölkerung, die sich in diesem Jahre einer zeitigen Auflieferung befleißigte.
Die Biehwirtschasi für 1940.
Im Verkündungsblatt des Reichsnährstandes ist die Sammelanordnuna der Hauptvereinigung der »en Viehwirtschaft für das Jahr 1940 erschiele se Anordnung Nr. 1 lehnt sich eng in ihren Grundsätzen an die für das Jahr 1939 geltende Sammelanordnung an.
Der reibungslose Ablauf in der Fleischversorguna während der ersten Kriegsmonate hat gezeigt, daß es nicht nötig ist, grundlegende Neuerungen in der Vieh- und Fleischbewirtschaftung für das neue Jahr vvrzusehen. Infolgedessen bringt die für das Jahr 1940 geltende Sammelanordnung auf dem vichwirt- schöstlichen Marktsettor keine wesentlichen Aende- rungen. Was die Preise angeht, so bleiben bei Schweinen die augenblicklich geltenden Grundpreise in Kraft. Ebenso bleibt es entsprechend dem Vorjahr bei dem saisonmäßigen Preisabschlag von 0,50 RM. je 50 Kilogramm Lebendgewicht vom 1. Januar bis zum 24. Mai 1940 und bei dem saison- mäßigen Preiszuschlag von 3 bzw. 2 RM. je 50 Kilogramm Lebendgewicht in der Zeit vom 15. Juli bis 5. Oktober 1940. Die Rinderpreise bleiben grundsätzlich aufrechterhalten. Hinzu treten auch hier, wie im Vorjahre, Zu- und Abschläge auf einzelnen Märkten, die aus saisonmäßigen Gründen festgelegt sind. Neu ist jedoch die Gewährung eines
Nüchterungszuschlages für Rinder, wie er für Schweine schon seit geraumer Zeit Geltung hat. Die Gewährung eines Nüchterungszuschlages für Rinder trägt den veränderten Transportoerhältnissen und der Notwendigkeit einer sparsamen Futterbewirtschaftung auf den Märkten Rechnung. Voraussetzung für die Gewährung des Nüchterungszuschlages bet Rindern jedoch ist, daß die Tiere nach bestimmter Transportdauer erst aus dem Wagen verwogen werden. Anden Kälberpreisen ändert sich gleichfalls nichts. Dagegen werden die Preise für Hümmel und Hammelfleisch den Qualitätserfordernisfen besser angeglichen. Die Preise der Klassen Bl und B2 werden gehoben. Das gleiche gilt für die Schafpreise der Klasse a und b, die um 2 bzw. 1 RM. heraufgesetzt werden. Eine Besserstellung der geringwertigen Qualitäten bei Härnrneln und Schafen findet nicht statt. Die guten Qualitäten sollen aus Gründen einer verstärkten Hammelfleischgewinnung und vermehrten Wollerzeugung gefördert werden. Ferner werden beim Hammelfleisch zwei Qualitätsklassen gebildet, wobei die erste Qualität öine Preiserhöhung erfährt, während die zweite Qualität gesenkt wird. Diese Maßnahme dient den gleichen Zwecken wie die Besserstellung der hochwertigen Qualitäten bei lebendem Schafvieh.
Aus der engeren Heimat.
Ehrung für Bürgermeister Or.VSlsing
A 211 s f e I b , 3. Jan. Gestern wurde durch Landrat Dr. Schönhals das goldene treu« dienstehrenzeichenfür 40jährige treue Dienste an Bürgermeister Dr. V ö l s i n g im festlich geschmückten Standesamtszimmer des alten, historischen Rathauses in Gegenwart der städtischen Beigeordneten und der Abteilungsleiter der Verwaltung überreicht. Landrat Dr. Schönhals wies in feiner Ansprache darauf hin, daß Bürgermeister Dr. V ö l - fing bereits über 40 Jahre tm öffentlichen Dienst stehe, davon 30 Jahre als Bürgermeister der Stadt Alsfeld. Zugleich mit seinen Glückwünschen gab er der Hoffnung Ausdruck, daß es dem Jubilar vergönnt
sein möge, noch recht fange segensreich für die Stadt Alsfeld zu wirken. Stadtinspektor S e i p p e l sprach namens der städtischen Gefolgschaft deren Glückwünsche aus. Bürgermeister Dr. Völsing dankte für die ihm zuteil gewordene Ehrung und versicherte, daß er auch fürderhin feine ganze Kraft einsetzen werde im Dienste für Führer, Volk und Vaterland und für die von ihm seit 30 Jahren geleitete Stadt Alsfeld. Landrat Dr.S ch ö n h a l s schloß die würdige Feier mit dem Treugelöbn^s an den Führer.
Landkreis Gießen.
* Watzenborn-Steinberg, 2. Jan. Der Gesangverein „Germania" Watzenborn-Steinberg hielt im Vereinslokal feine
Jahreshauptversammlung ab. Den Jahresbericht erstattete der Vereinsführer Th. Jung. Aus dem Bericht ging hervor, daß der Verein auch im vergangenen Jahre lebhaft darum bemüht war, das deutsche Lied zu pflegen. Der Verein trat bei den verschiedensten Anlässen öffentlich in Erscheinung. Die Kassenverhältnisse können als gesund angesehen werden, wenngleich die Gegenwart große Anforderungen auch an die Kasse stellt. Der Vereinsführer fand anerkennende Worte für die Tätigkeit des Vereinsrechners K. Pitz, dem einmütig Entlastung erteilt, wurde. Im weiteren Verlaufe des Abends konnte der Vereinsführer fünf Ehrenmitglieder für 50jäh- rige Zugehörigkeit zum Verein und drei Sänger für 25jährige Mitgliedschaft auszeichnen. In der Aussprache über die Gestaltung des Dereinslebens in der nächsten Zukunft wurde man sich darüber einig, nunmehr die Gesangsstunden wieder aufzunehmen, und zwar unter der bewährten Leitung von Chormeister Harnisch. Mit Freude nahm die Versammlung davon Kenntnis, daß der Vereinsführer und seine Mitarbeiter auch weiterhin im Amt verbleiben.
ch Lich, 2. Januar. Im Alter von fast 85 Jahren wurde am Samstag, 30. Dezember, Frau Magdalene O ß w a l d, geb. Dietz, zu Grabe getragen. Sie war die Witwe des vor einigen Jahren verstorbenen und in Turnerkreifen weithin bekannten Schuhmachermeisters Philipp Oßwald. Noch vor wenigen Wochen konnte der hochbetagten Frau das Ehren- kreuz der deutschen Mutter verliehen werden.
> Laubach, 2. Jan. Der Feldwebel der Luftwaffe Erich Högel wurde als erster Laubacher für Tapferkeit vor dem Feinde mit dem Eisernen Kreuz 2. Klasse ausgezeichnet.
Wirtschaft.
Khein-Mainische Börse.
Tendenz: Jeff.
Frankfurt a. M., 2. Jan. Die Börse begann im neuen Jahre mit sehr ruhigem Geschäft, was in erster Linie darauf zurückzuführen war, daß die Erneuerung der Limite noch nicht restlos durchgeführt war. Seitens der Kundschaft hielt die Anlagetätigkeit an, so daß die Haltung am Aktien- und Rentenmarkt fest blieb.
Im Großverkehr des Aktienmarktes traten durchschnittliche Erhöhungen von 0,50 bis 1 v. H. ein, doch führte der starke Materialmangel in manchen Papieren stärkere Steigerungen herbei. Im Vordergrund standen Scheideanstalt, die mit 234 (230) nur beschränkt zugeteilt werden konnten. Me- tallgesellschaft gewannen 1,50 v. H. auf 130, Harpen er Bergbau 2,50 v. H. auf 160,50. Sonst kamen vorerst noch Verein. Stahl mit 104,65 (103,75), Nheinstahl mit 136,25 (136) und Holzmann mit 153,25 (152,50) etwas höher, dagegen JG.-Farben mit 165,50 (166) und Rheinmetall mit 125,75 (126) knapp gehalten zur Notiz.
Am festverzinslichen Markt erstreckte sich das Interesse vornehmlich auf den Pfandbrief» marft, doch zeigten auch die übrigen Gebiete in Auswirkung des Zinstermins erhöhte Nachfrage. Reichsaltbesitz gewannen 0,65 v. H. auf 139,25, Reichsbahn-VA. unter Berücksichtigung des Kupon« abgangs 0,25 v. H. auf 124 (127,40). Liquidationspfandbriefe zogen bis 0,40 v. H. an. Industrie-Obligationen lagen uneinheitlich, 5 v. H. Hoefch 100 (100,75), anderseits 4,50 o. H. Voigt & Haeffner 95,50 (94,75). Staatsrenten und Statttanleihen blieben gut behauptet.
Bei anhaltend kleinem Geschäft war die Börse auch im Verlaufe fest, was sich auch in teilweise weiter anziehenden Kursen ausdrückte. JG.-Farben 166,50 nach 165,50, Gesfürel 146 nach 145,50, Vereinigte Stahl 104,75 nach 104,65, AG. für Verkehr 120 nach 119,50. Bei den später notierten Papieren überwogen Erhöhungen bis 1 v. H., sehr fest Rhein. Elektro mit 128 (125.25), anderseits BMW. 147,50 (149). Auch der Einheitsmarkt verkehrte überwiegend fest.
Schweinemarkt in Alsfeld.
* Alsfeld, 2. Januar. Auf dem heutigen Schweinemarkt kosteten bis zu 8 Wochen alte Ferkel 20 RM., 8 bis 12 Wochen alte Tiere bis 25 RM. pro Stück. Der Handel verlief schleppend, es verblieb Ueberftartb.
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CARL DUNCKER VERLAG • BERLIN W 85
12 Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
Laut zieht sie die Tür hinter sich zu, und ihre schweren Schritte hallen draußen im steingepflasterten Flur. Man hört, wie die Frau vom Birkenhof von dannen wuchtet, aber keiner von denen, die im Krankenzimmer Zurückbleiben, ahnt, wie sie den Oberarzt bittet. „Bester Doktor, tun Sie, was irgend möglich ist, aber flicken Sie mir den Jungen zusammen. Wollen wir ihn und seine Frau nicht in ein Bad schicken? Bitte, raten Sie mir, es soll alles Menschenmögliche getan werden."
Nein, das ahnt keiner. Da steht Klarissa vor dem Mann im weißen Kittel und schüttelt ihm die Hand, als solle sie aus dem Gelenk gerissen werden. Eine harte, starkknochige, grobschlächtige, alte Frau, die Klarissa Wegner, dieses Teufelsweib vom Birkenhof. —
*
Am Nachmittag komntt Anne in Bremen an, am Nachmittag ist plötzlich der Betrieb einer großen Stadt um sie her. Sie steht in der Bahnhofshalle, m der alle Geräusche übertrieben laut und unwirk- lich sind. Schreien und Gelächter fremder Menschen, Zischen und Rollen der Züge. Alles ist nahe beieinander, es verwirrt und bedrückt. Anne steht auf dem Bahnsteig und schmeckt den Rauchgeruch auf der Zunge. Er kratzt sie im Hals, er ist ihr ungewohnt, wie alles hier.
Ein Gepäckträger geht vorüber, Anne ruft ihn an und gibt ihm chren Schein für das große Gepäck, und sie sagt, daß es zum Bahnhof vom Norddeutschen Lloyd geschafft werden soll. „Das werden wir gleich machen, Frollein, kommen Sie man mit. Zuerst müssen wir zur Zollkontrolle gehen."
„Zollkontrolle". Das ist nun ein Wort, das Anne ob ich sie alle verzollen muß? Aber dann habe ich ja gar nicht genug Geld bei mir!' Sie erschrickt, sie zürnt Kläre, die hätte chr das sagen müssen. Der Gaumen ist chr trocken vor Schreck.
Indes steigen sie die Bahnhofstteppe hinurtter. Jetzt öffnet der Mann eine Tür. „Kommen Sie, Fräulein." Die Tür schließt sich hinter Anne, sie steht im Gepäckraum. Da sind auch ihre Koffer schon, und nun führt der Weg zum Llo^)-Vahnhof
durch wette, hallende Gänge. Vor chr schaukelt der Träger mit den schweren Koffern her, und endlich befördert ein Fahrstuhl sie wieder in Licht und frische Luft.
Sie schüttelt sich. Wie ein Hund schüttelt Anne sich, die Schächte da unten waren ein Alpdruck für sie.
Wieder stößt der Träger eine schwere Tür auf, und die Zollabserttgungshalle liegt vor ihnen. Anne Wegner hat Herzttopfen. Die Halle ist fast leer. Das ist irgendwie beunruhigend, wo sind die Mitreisenden? Nur ein Herr ist außer den Beamten da, das scheint Anne wenig zu fein. Ob sie einen falschen Zug genommen hat, ob der Dampfer schon fort ist? Lieber Himmel! Sie haben so wenig über alles gesprochen.
Neben ihr wird gefragt: „Haben Sie Devisen bei sich? Wertpapiere?"
Des Mädels Kopf fliegt herum, sie muß lachen. Also danach und nicht nach neuen Kleidern wird gefragt? Ihre Angst vergeht wie ein Wölkchen vor den Strahlen der Sonne. Sie hebt die Lippen von den starken, weißen Zähnen, sie sagt: „Devisen? Ach nein. Ich komme vom Lande. Unsere Wertpapiere sind Kühe und Pferde."
„5>a, ha, ha", lackt der Zöllner, und der Fremde da drüben lacht und nickt Anne verstehend zu. Er müht sich, einen übervollen Koffer zu schließen, aber ein hellgrauer Pullover wehrt fick verzweifelt dagegen. Immer wieder sieht hier oder da ein Stück heraus. Jetzt endlich hat er es geschafft, knick, das Schloß schnappt zu, der letzte Mitreisende verläßt die Halle. Anne aber wird wieder unruhig.
Allerdings, die Kontrolle ist nicht schlimm. „Bitte, schließen Sie den Handkoffer auf", sagte der Beamte, sieht hier und da hinein und klappt den Deckel wieder zu. Fertig.
Und nun kann Anne gehen, doch nein, der Gepäckträger muß entlohnt werden. Um ihre Sachen braucht sie sich nicht mehr zu kümmern, nur den Handkoffer behält sie, und als der Träger fagt: „In zehn Minuten geht der letzte Extrazug, Frollein", da stürzt sie so schnell zur Tür und wei- ter eine Treppe hinunter, daß ihr der Atem fast vergeht. Endlich trifft sie Menschen, sehr viele Menschen, eine große Hall« ist voll von ihnen und von Gelächter und Rufen. So, als wär« Anne in einen Riesenschwarm kribbelnder Ameisen geraten, ist das hier. Und der Schwann ftrömt los, durch einen Gang, über eine Treppe und verteilt sich im Zug, der rechts neben dem Bahnsteig steht. Der Zug ist lang, und dieses sind also die letzten Mitreisenden, es sollen schon zwei andere Züge abgegangen sein.
Anne sitzt in der Ecke eines Abteils. Sie ist zufrieden. daß sie endlich sitzt, es waren zuviel Menschen, sie ist ganz schwindlig von dem Gedränge. Sie sieht zum Fenster raus. Draußen läuft ein ManU in dunkelblauer Uniform mit silbernen Litzen umher. Er geht gerade so. wie Klarste geht, mit den Hacken zuerst. Klarissa! Wo mag sie fein, ob sie schon wieder mit Luise auf dem Pirkenhos ist? Liebste Klarissa, deine Anne sitzt hier sehr einsam und verlassen, und sie hat Sehnsucht nach dir, wie soll das werden?
Anne lehnt sich zurück und schließt die Augen, sie atmet in kleinen, schnellen Zügen. Bald ist sie am Meer. Wie sehr hat sie sich darauf gefreut, doch jetzt scheint es ihr, als märe es gar nicht so besonders wichtig. Wichtig ist der Birkenhos, wichtig sind Klarissa und alle, die sie liebt.
Der Zug fährt ab, und Anne öffnet die Augen wieder. Da sieht sie, daß jener Herr, der ihr in der Zollabfertigung so vergnügt zunickt, den anderen Fensterplatz im Abteil innehat. Sie sind die einzigen Fahrgäste hier. Anne denkt, daß sie nun also mit diesem Fremden ans Meer fährt. Eigentlich ein schrecklicher Gedanke, daß sie nur von fremden Menschen umgeben ist.
Der junge Mann künnnert sich nicht um Anne. Er sitzt am Fenster und liest. Er sicht erst auf, als ein Zöllner die Abteiltür öffnet und fragt, wieviel Geld die Reisenden bei sich haben. Sie zeigen beide dem Beamten ihre Barschaft vor. Der sagt: „Danke schr" und legt die Hand an die Mütze. „Kann ich Ähre Bücher einen Augenblick haben?"
Die Bücher werden ihm gereicht, und Anne sicht, daß ihr Gegenüber das gleich Buch liest, das sie sich heute in der Kreisstadt als Reiselektüre gekauft hat. Der Zöllner blättert in paar Seiten um, aber es siyid keine Geldscheine dazwischengelegt, wirklich nicht, es ist alles in bester Ordnung.
Die Bücher werden zurückgegeben, der Beamte verläßt das Abteil, und der Fremde sagt: „Sie hätten ein paar Kühe und Pferde zwischen die Seiten legen sollen, gnädiges Fräulein. Was meinen Sie, wie der junge Mann erschrocken wäre, wenn es zum Beispiel — Muh — gesagt hätte."
Sie lachen beide, sie nicken sich zu und lachen und Anne dentt, daß jener Mann sie wiedererkannt hat. Es macht ihr Freude. Merkwürdige Welt, denkt sie. Da sitzt nun dieser Fremde, sie fliegt mit ihm durch das Land, und er weiß von ihr schon diese kleine Albernheit mit der Kuh« und Pferdegeschichte. Er weiß außerdem, welches Buch sie liest.
Anne sitzt in ihrer Ecke, vom Fahren ein bißchen aufgelockert, denn der Oberkörper schwingt im
Rhythmus der rollenden Räder. Sie lächelt über ihre eigenen Gedanken. Sie hat schimmernde Augen, und der junge Mund wölbt sich wie zarte, gerollte Rosenblätter über den starken Zähnen. Er ist nicht klein, dieser Mund, aber so, wie er ist, paßt er in das eigenwillige, schmale Gesicht, das sich jetzt der Sonne und dem Land zu kehrt.
Es ist ein flaches Land, fast ohne Hügel und Erhebungen und senkt sich willig dem Mcere zu. Dörfer, kleine und größere Ortschaften rücken ins Blick- f-ld, der Sommer hat sie verschwenderisch und bunt geschmückt. Teiche und Sümpfe tauchen auf und verschwinden, und über allem steht die Sonne. Sie sieht, daß auch ihr Gegenüber zum Fenster hinausblickt.
Auf einem Stoppelfeld treibt sich eine Horde Kinder umher, sie lassen einen Drachen steigen. Er rft grün, blau, rot und gelb. „Wie bunt", sagt der Fremde. „Wie schön", sagt Anne. Sie sehen sich wieder an und nicken sich zu, und Anne findet, daß sie schon dieses und jenes mtteinander erlebt haben.
An der Stadt Bremerhaven geht es in großer Kurve vorüber, Häuser liegen unter der Sonne, ein paar Kirchtürme sind wie dunkle Arabesken in das durchsichtige Blau des Himmels gewirkt. Taubenschwärme flirren silbern durch die breite Bahn der Sonne, und dann schiebt sich sacht der Dunst der Ferne über die Stadt, daß sie in Pastellfarben getaucht rft Nahe sind jetzt die Schuppen des Lloyd.
„Man riecht das Wasser, merken Sie es", sagt der Fremde, „ich glaube, wir werden gleich da sein. Erlauben Sie, daß ich Ihren Koffer trage?"
Er hat ihn schon aus dem Gepäcknetz gehoben, hilft Anne in den Staubmantel und legt sich ohne weiteres ihren Pelz über den Arm. Anne hat sich über diesen Mantel gefreut, aber jetzt kommt es ihr vor, als wäre er viel zu neu, als müßte man sehen, oafj er juft aus dem Laden gekommen ist. .Wie ein Emporkömmling sehe ich aus', denkt sie, und wieder zürnt sie der Schwester. Sie weiß eigentlich nicht warum, aber gerade auf Kläre ist sie böse. Aber ist es nicht lächerlich, jetzt unwichtigen Gedanken nachzugehen?
Der Zug hält. Der Sttom der Reisenden ergießt sich durch einen der großen hölzernen Schuppen, und dann ist man nur noch durch die Breite des Kais von dem Dampfer Columbus getrennt, der sich viele Stockwerke hoch vor ihnen aufbaut.
Die Brücke schwankt leicht unter den Schritten der Menschen. „Vorsicht, Stufe". Ein blauuniformierter Arm greift nach Anne.
(Fortsetzung folgt)


