Nr. 20Z Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Oberhessen)
Montag, 2. September 1940
Aus der Stadt Gießen.
„Mutter arbeitet..."
Dieser Tage war es, als ich einen Jungen von etwa zwölf Jahren nach seiner Mutter fragte. Der Junge sah mich aus klaren Augen bestimmt an. „Mutter arbeitet", sagte er dann mit großem Stolz, „in dieser Zeit treten doch unsere Mütter für die Väter ein." In der weiteren Unterhaltung ergab sich, daß der Vater des Jungen bei der Post angestellt war, wo jetzt seine Frau täglich ihren Dienst versieht. „Jeden Morgen geht Mutter früh zur Post", erklärte mir der Junge, „mittags ist sie aber wieder da, nur am Nachmittag bleibt sie wieder einige Stunden weg. Und ich", setzte er eifrig hinzu, „gehe ihr zu Hause tüchttg zur Hand. Da freuen wir uns dann alle beide, wenn alles hübsch in Ordnung ist."
Mir kam das Bild in Erinnerung, das ich jeden Morgen auf dem Wege zur Arbeitsstätte in der Nähe des Postamtes beobachten kann. In der zei- ttgen Frühe streben dort die Frauen mit flinken Schritten dem Eingang des großen Gebäudes zu, das sie gewöhnlich bereits in kleinen Gruppen erreichen. Ihre Kleidung läßt unverkennbar einen Rückschluß auf ihre Tättgkeit zu: es find die Briefträgerinnen, die ihren Dienst zu so früher Morgenstunde aufnehmen, damit fie zur erwarteten Zeit pünktlich die Poft in die Häuser ihres Reviers bringen können. Auch an der Bahn läßt sich ein ähnlicher Vorgang betrachten, wenn auch zu unterschiedlichen Zetten und in anders geregeltem Ablauf. Dort sind es die Schaffnerinnen, die ihren Schichtwechsel vornehmen. Ihre Berufskleidung offenbart zweifelsfrei die Art ihrer Tätigkeit. Bei der Sttaßenbahn ist es nicht anders: die weiblichen Bediensteten lösen sich regelmäßig zum täglichen Dienst ab. Die Frau in der uniformierten Berufskleidung läßt sich jedenfalls aus dem Straßenbild unserer Tage nicht mehr wegdenken, sie prägt vielmehr geradezu dieses Bild, das unserer Zeit ein besonderes Merkmal gibt.
Und doch ist die Erscheinung der Frau in Uniform nur das Kennzeichen für einen Teil des Arbeitseinsatzes der weiblichen Kräfte. Der größere Teil bleibt unsichtbar, weil er sich der zivilen Kleidung bedient. Aber nahezu überall dort, wo die Männer den Arbeitsplatz verlassen mußten, um ihren Dienst bei der Truppe aufzunehmen, sind Frauen bereitwilligst eingesprungen. In unübersehbarer Zahl stehen sie an den Werkbänken der Fabriken, zahllos ist auch das Heer der Frauen in den Büros, und in wieviel Handwerksbettieben ist es schon selbstverständlich geworden, daß die Frau tagaus, tagein ihre Tätigkeit dort verrichtet.
Aber gerade diese Selbstverständlichkeit, mit der das Schaffen der deutschen Frau nach Ablauf eines Kriegsjahres nunmehr betrachtet wird, zeugt von der großartigen Leistung, die hier vollbracht worden ist. Mit feinem Einfühlungsvermögen, für das Wirtschaftsleben ohne Stockung, ist die Frau tatfreudig an den Platz getreten, der in Friedenszeiten den Männern dorbehalten ist. „Mutter arbeitet" in zahlreichen Berufen mit einer Zuverlässigkeit, die ihr alle Ehre macht, und die den Stolz durchaus angebracht erscheinen läßt, mit dem jener Junge so bewußten Tones von dieser Tättgkeit inrarh. H. W. Sen.
Dornotizen.
Tageskalender für Alonlag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Die Geierwally". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Casanova heiratet".
Ortszeit für den 3. September.
Sonnenaufgang 6.39 Uhr, Sonnenuntergang 20.09 Uhr. — Mondaufgang 8.20 Uhr, Monduntergang 20.25 Uhr. Mond in Erdnähe.
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Das neue kdA.-2Nonalsheft
ist erschienen. Es bringt auf 32 reich bebilderten Seiten einen ausführlichen Ueberblick über das Feierabendprogramm für das Winterhalbjahr 1940/41. * ' 3898D
Auf dem Wege zu einem neuen Europa.
Kundgebung der Partei in Gießen.
In der vollbesetzten Aula der Universität fand am Samstagabend eine von der Kreisleitung Wetterau veranstaltete Kundgebung statt, die sich zu einem starken Bekenntnis des Siegeswillens unseres Volkes gestaltete. Die Werkskapelle der Buderusschen Werke leitete den Abend mit Marschmusik ein. Nach der Eröffnung der Kundgebung durch Kreispropa- gandaleiter Rahner sprach der
Reichsstoßtruppredner Weimer
in etwa Inständigen Ausführungen zu der Versammlung. Nack) einem kurzen Hinweis auf die Notwendigkeit solcher Versammlungen gerade im Kriege, in denen die Volksgenossen immer wieder neue Aufschlüsse über die aktuellen politischen Fragen erhalten, betonte der Redner den Nutzen der durch den Führer geschaffenen Volksgemeinschaft für das ganze deutsche Volk. Er beschäftigte sich Dann in weitem, Rückblick mit den Ursachen des jetzigen Krieges und wies dabei u. a. darauf hin, daß England schon bei dem Aufschwung des Deutschen Reiches nach dem Kriege von 1870/71 die Hetze gegen das deutsche Volk begann, die sich noch steigerte und geradezu zum Haß gegen Deutschland wurde, als dieses sich ein Kolonialreich aufbaute. Die englischen Intrigen und Hetzen gegen uns in aller Welt waren denn auch die Ursache zum Ausbruch des Krieges im Jahre 1914, wie sich jetzt wiederum England als Kriegshetzer und Kriegsurheber gegen Deutschland erwiesen hat. Unter stürmischer Zustimmung der Versammlung betonte der Redner, der jetzige Krieg werde der letzte sein, den England gegen Deutschland anzetteln und führen konnte; es werde dafür gesorgt werden, daß in Zukunft England tu derartigen Dingen nie mehr die Kraft haben werde.
Sodann stellte der Redner die wichtigsten Taten des großen Aufbauwerks des Führers in den Vordergrund, die den Beweis dafür erbrachten, daß unser Volk in Adolf Hitler den größten Staatsmann der Welt an feiner Spitze hat. Er wies dann auf den Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund, auf die Rückkehr des Saargebiets in das Reich, die Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, die Wiederherstellung der deutschen Souveränität über die Rheinlande und deren Inschutznahme durch die deutsche Wehrmacht, ferner auf die Errichtung des Westwalles, vor allem aber auf die Schaffung des Großdeutschen Reiches durch den Führer hin. Er erinnerte daran, daß in all den Jahren dieser Aufbauarbeit der Führer stets seine Friedensliebe bekundet hat, wie er auch vor Ausbruch des jetzigen Krieges sich bis zum letzten Augenblick um die Erhaltung des Friedens bemühte. Hierauf würdigte' der Redner in warmen Worten die Opfer- und Einsatzbereitschaft des deutschen Volkes für die ihm vom Führer gestellten Aufgaben, wobei er insbesondere auf die gewaltigen Leistungen für die deutsche Rüstung und auf die Schaffung des Westwalles hinwies. Der deutsche Arbeiter namentlich habe das große und unvergängliche Verdienst des Baues des Westwalles aufzuweisen, und das ganze Volk habe die Pflicht, diese Leistung des deutschen Arbeiters niemals zu vergessen. Die Versammlung stimmte dem Redner lebhaft zu, als er betonte,
der Westwall werde für ewige Zeiten das Ehrenmal des deutschen Arbeitsmannes sein.
Im weiteren Verlaufe zog der Redner die großen außenpolitischen Fragen in den Kreis seiner Betrachtungen, wobei er unter lebhafter Zustimmung auch der vorbildlichen Bündnispolitik des Duce und der treuen Waffenbrüderschaft mit Italien gedachte. Der vom Führer und dem Duce allezeit bis zum Ausbruch des Krieges mit großer Beharrlichkeit verfolgten Politik des Friedens stellte er das kriegslüsterne und verbrecherische Treiben der englischen Plutokraten gegenüber, die in Frankreichs plutokrattschen Machthabern willige Helfershelfer fanden. Durch die geniale Feldherrnkunst unseres Führers und die unvergleichlichen Waffentaten unserer Wehrmacht wurde aber der englisch-französische Vemichtungsplan gegenüber Deutschland zerrissen. In diesem Zusammenhang erwähnte der Redner auch die unauslöschliche Kulturschande Frankreichs, das, wie 1914/18 und nach dem Weltkrieg, auch jetzt wieder schwarze und andere farbige Soldaten gegen unser Volk vorschickte; die Schandtaten dieser Farbigen, die unter englisch-französischer Führung in der Zeit der Rheinland-Besatzung gegen deutsche Männer und Frauen begangen wurden, seien vom deutschen Volke nicht vergessen worden und würden auch nie vergessen werden. Der Führer und die deutsche Wehrmacht würden dafür sorgen, daß es England und Frankreich für die Zukunft unmöglich gemacht werde, jemals wieder Schwarze und andere Farbige gegen Deutschland in einen Krieg zu schicken.
Am Schlüsse seiner oft von starkem Beifall unterbrochenen Rede wandte sich der Redner besonders den Aufgaben der Heimat zu. Er gab dabei dem aufrichtigen Wunsche aller Volksgenossen Ausdruck, daß der Herrgott immer, und besonders in den Gefahren an der Front, den Führer behüten und gesunderhalten und uns auch gegen England einen vollen Sieg schenken möge. Das deutsche Volk, das in engster Gemeinschaft mit feiner Wehrmacht in Treue geschlossen hinter seinem Führer stehe, empfinde täglich aufs neue die beglückende Tatsache der wahren Volksgemeinschaft. Jedermann im Volke fei sich bewußt, daß dieser Krieg über die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder entscheide. Daraus ergebe sich die Verpflichtung für alle Volksgenossen, die dem einzelnen übertragenen Aufgaben und Pflichten stets so zu erfüllen, daß alle Handlungen einst vor den prüfenden Augen der jungen Generation bestehen können.
Solange das deutsche Volk einen solchen Obersten Befehlshaber an der Spitze des Reiches und der Wehrmacht habe wie Adolf Hitler, werde es immer unbesiegbar fein. Die aufs engste verschworene Gemeinschaft des deutschen Volkes sei dem Führer immer wieder eine neue Quelle der Kraft und der Stärkung. Die enge Gemeinschaft zwischen Führer und Volk werde sich auch jetzt im Kampfe gegen England bewähren und die völlige Niederwerfung dieses.Hauptfeindes unseres Volkes herbeiführen.
Nach der mit langanhattendem Beifall aufgenommenen Rede sprach Kreispropagandaleiter Rahner noch ein kurzes anfeuerndes Schlußwort. Dann wurde die Kundgebung in üblicher Weife geschlossen.
Sammelt Schallplatten für die Soldaten
Die Schallplattensammlung im Dienste der Freizeitgestaltung unserer Soldaten brachte bereits gute Erfolge. Aber noch ist der Bedarf nicht gedeckt. Das Oberkommando der Wehrmacht wendet sich daher erneut an alle Volksgenossen, Schallplatten zu sammeln und der Wehrmacht zur Verfügung zu stellen. Auch schon vollkommen abgespielte oder beschädigte Platten werden gern angenommen, da sie zur Herstellung neuer Platten verwendet werden können. Die Sammelstelle des Oberkommandos der Wehrmacht
ist die Reichsanstalt für Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht, Berlin W 62, Kleiststraße 10/12, wohin die Platten zu senden sind.
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** Von der Universität. Der Rektor der Ludwigs-Universität Gießen hat gemäß § 4 der Reichsassistentenordnung vom 10. Juli 1940 den Dr. med. Friedrich Boemke zum Oberassistenten, den Dr. med. August Rothmann zum Oberarzt, den Dr. mpd. Karl-Oskar Herrmann, Dr. med. vet. Karl Lenz, Dr. med. Hans-Georg Rietschel, Dr. med. Rudolf Rühl, Dr. med. vet. Werner Schäfer und Dr. med. Bruno Schwemmler
durch Urkunde vom 20. August 1940 zu wissenschaftlichen Assistenten ernannt.
** Finanzamtspersanalien. Dem Obersteuersekretär Karl Hartmann beim Finanzamt Gießen wurde das Treudienst-Ehrenzeichen für 25jährige Dienstleistung verliehen. Die Steuerassistenten Franz Brenner und Ferdinand Schmitt, ebenfalls am Finanzamt Gießen, wurden zu Steuer- fefretären ernannt
** Gefangskonzert für unsere Verwundeten. Die Sängervereinigung Lollar weilte gestern vormittag in einem hiesigen Reservelazarett, um den dort untergebrachten Verwundeten durch ihren Männerchor mit Liedvorttägen eine Freude zu bereiten. Mit Volksliedern und volkstümlichen Liedern, welche die stark verttetene Sängerfchar schön zu Gehör brachte, wurde den Verwundeten eine Stunde guter Unterhaltung geboten. Die lieber» reichung einer kleinen Rauchwarenspende der Sänger an die Verwundeten beschloß den Lollarer Besuch.
** Städtische Bücherei. Im August sind 1581 Bände ausgeliehen worden. Don diesen Bänden kommen auf: Literaturgeschichte 1, Zeitschriften 17, Gedichte und Dramen 19, Erzählende Literatur 903, Jugendschriften 311, Länder- und Völkerkunde 88, Kulturgeschichte 6, Geschichte und Biographien 119, Kunstgeschichte 5, Naturwissenschaft und Technologie 45, Heer- und Seewesen 24, Haus- und Landwirtschaft 2, Gefundheitslehre 3, Religion und Philo- fophie 9, Staatswiffenschaft 29 Bände.
Aus der engeren Heimat.
70 Jahre auf seinem Arbeitsplatz.
Heinrich Winter. — (Aufn.: Boller.)
Arn heuttgen 2. September 1940 vollenden sich 7 0 Jahre, seitdem der Hofmeister Heinrich Winter auf dem Hof Neuhof bei Leihgestern tätig ist. Heinrich Winter, am 4. September 1856 geboren, trat am 2. Sept. 1870 im Alter von 14 Jahren als landwirtschaftlicher Arbeiter auf dem Hof Neuhof ein und hat sich dort im Laufe der Jahre durch treue Pflichterfüllung und tiefe Liebe zu feiner Arbeitsstätte bis zum Hofmeister emporgearbeitet. In den sieben Jahrzehnten seines Wirkens auf dem Neuhof ist er mit dem Familienkreis des Besitzers fo eng verwachsen, daß er als zur Familie gehörig betrachtet wird. Der alte Herr versieht seinen Posten als Hofmeister auch heute noch in Gesundheit uni) Frische und mit unermüdlichem Fleiß.
Vorbereitungen zum Gallusmarkt.
+ Grünberg, 1. Sept. Der Gallusrnarkt-Aus- schuß hielt eine Sitzung im Rathaussaale ab. Vorsitzender Schreinermeister Geh ringer gab eine kurze Rückschau über den vorjährigen Gallusmarkt, außerdem berichteten er und Bürgermeister König über ihre Eindrücke vom Besuch des Schottener Sommermarktes. Der Ausschuß war einmütig der Meinung, den Gallusmarkt abzuhalten. Der
3ug 312.
(Sine aufregendeGefchichie von Christian Munk
Jeden ttienstagmittag um V2I zog Pete sein rotes Taschentuch. Damit winkte er aus seinem Bremserhäuschen, wenn der Zug 312 über die gelb glühenden Höhen von Virginia, USA., donnerte und die Weiche bei Pellow Town passiert hatte. Und im Kampgras vor der Farm „Silberwind" stand das Mädchen Mae und winkte ebenfalls, und sie lachte mit weißen Zähnen und schwenkte ihr Halstuch, bis der alte Green aus den Stangenbohnen, unter seinem alten Sttohhut 'rüberschrie, er werde ihr jetzt aber verdammt Beine machen, wenn sie nicht im Handumdrehen die Gießkanne hole.
Pete sah ihr noch lachend nach, kratzte sich dann vergnügt hinter dem Ohr. „Das is ein Mädchen, Junge, wie ein offener Himmel! Wird einem heiß, wenn man ihr in die goldbraunen Augen sieht!" Pfeifend drehte er sich wieder um, um an den Wagen- entlang wieder nach vorn zu klettern, als er plötzlich eine Hand vor sich sah. Sie lag auf der hölzernen Seitenwand des letzten Waggons, der offen war.
Das genügte, damit Pete den armlangen Brems- fchlüffel hervorzog und sich an die sonderbare Hand heranarbeitete. Der Fahrwind riß an seinen Haaren, Staub und Steine flogen vorbei, und man hörte nichts als das Donnern und Rattern der leeren Waggons. Als Pete den letzten Waggon erreicht hatte, war die Hand verschwunden. Pete lugte vorsichtig über den Rand und zog schnell feinen Kopf wieder zurück. Der Blick genügte. Eilig kletterte er nach vorn, um Lofty zu holen, den alten zähen Nkemser, der schon so manche Keilerei mit Tramps auf der Südbahn hinter sich hatte. Er berichtete ihm, daß drei Tramps im letzten Waggon Karten spielten.
„Denen machen wir die Hose heiß!" erklärte Lofty entschlossen. Beide kletterten bis zum vorletzten Waggon zurück. Diesmal würde es sicher nur eine kleine Sache werden, aber Lofty hatte schon mal mit einem Dutzend Tramps zu tun gehabt. Es besteht ein alter Haß zwischen Tramp und Bremser, und der Kampf wird mit größter Erbitterung geführt, wo immer in Amerika die beiden Parteien aufeinanbertreffen. Pete berichtete, daß der wilde Cop darunter fei, der in allen Keilereien wegen seiner Kaltblütigkeit und seiner Umsicht berühmt war. x
Als die beiden Bremser sich gerade über die Kuppelung zum letzten Wagen ^nüb er arbeiten wollten, tauchte drüben ein Kopf im Wind auf, der mißtrauische, windumwehte Kopf eines Tramps, der sofort feine beiden Kumpane alarmierte. Im Nu faßen die drei Tramps auf der Stirnwand des letzten Wagens und wehrten mit ihren eifenbefchla- genen Stiefeln die Versuche der Bremser ab. Diese schlugen mit ihren schweren Bremsschlüsseln nach den Beinen, trafen aber selten. Die Sache wurde schweigend und mit kaltblütiger Energie geführt, während der Zug 312 die Höhen der Pellow Mountains hinaufdonnerte.
Es stand nicht gut um die Bremser. Darum machte Pete plötzlich einen entschlossenen Vorstoß. Mit einem Riesensatz sprang er auf den letzten Wagen, an dessen Wand er sich festklammerte ungeachtet der Tritte und Hiebe, die auf ihn nieder- fielen. Der alte Lofty machte Miene, hinterherzuspringen. Die Lage wurde für die Tramps schlecht, da Tramps nie wissen, ob nicht noch mehr Bremser auf dem Zug sind und eingreifen können. Pete schlug um sich wie ein Berserker. Er hatte den jüngsten der iratips nach hinten in den Wagen gekippt und bekam jetzt Luft.
Da war es der wllde Cop, der mit eiserner Ruhe die Lage rettete. Er bückte sich über die Kuppelung, und trotz der Schläge Loftys, die auf ihn nieder- praffeiten, löste er die Kuppelung. Lofty verschwand mit dem davonratternden Zug 312, er wurde immer kleiner und drohte immer wilder herüber. Jetzt fielen die drei Tramps über Pete her, den sie in den Wagen zogen und trotz feiner heldenmütigen Gegenwehr fesselten.
Die Tramps hatten mehr auf ihre Keilerei geachtet als auf die kleine Tatsache, daß der Waggon, in dem sie sich befanden, weitergerollt und einen Moment stehengeblieben war. Dann aber begann er nach rückwärts zu rollen, immer schneller und unaufhaltsamer, denn der Zug hatte eben schon fast die Pellow Mountains erklommen, bevor der wilde Cop den letzten Wagen abgekoppelt hatte.
Als die Tramps verwundert über den Wagenrand blickten, stellten sie fest, daß sie mit rasender Geschwindigkeit ohne Bremse zu Tal fuhren. Sie sahen sich an, und ihr Kampfesmut erlosch wie ein ausgeblasenes Licht. Sie wußten, daß sie sich jetzt in Gefahr befanden, und sie waren hilflos wie kleine Kinder, und noch hilfloser war der gefesselte Bremser...
Als das Mädchen Mae die Gießkanne zu den Stangenbohnen getragen hatte, hörte sie ein sonder
bares Poltern auf den Schienen, und sie sah den einsamen Güterwagen, der in rasender Fahrt die Schienen herabdonnerte.
Das Mädchen Mae war an dieser Eisenbahnlinie groß geworden und wußte, daß der Ueberlandex- preß unterwegs war, der den Güterwagen wie ein Flaumflöckchen von den Schienen blasen würde. Als sie in ihrem braungelockten Köpfchen so weit gekommen war, erblickte sie drei verzweifelt winkende Gestalten auf dem Güterwagen. Dagegen sah der alte Green nicht viel, er spürte nur etwas, denn die Gießkanne voller Wasser ergoß sich über seine Beine, und Mae war verschwunden.
Sie saß bereits auf dem Pferd des Postteiters, der drinnen in der Küche eine Taffe Kaffee trank, und galoppierte neben den Schienen her. Sie mußte den Wagen vor der Weiche überholt haben, und sie flog dahin, daß die Hufe des Pferdes einen Trommelwirbel schlugen. Langsam holte sie auf; sie erreichte den Güterwagen, der in sausender Fahrt war, und blieb eine Zeitlang auf gleicher Höhe mit ihm.
Zwei der Tramps hatten die Haltung verloren, nur der wilde Cop lehnte mit feinen Armen auf dem Wagenrand und blickte mit eisernem Gesicht auf die Reiterin, ob fie gewinnen würde ober der Tod. Nur einmal vergaß er sich und versuchte bei diesem Fahrtwind eine Zigarette anzustecken. An diesem sinnlosen Versuch hätte vielleicht jemand eine Art von Nervosität erkennen können. Aber sehr rasch begriff er das und steckte sich die Zigarette gelassen hinter sein Ohr.
Einer der Tramps war auf die Knie gefallen, der andere schrie mit ausgestreckten Armen verzweifelt auf das reitende Mädchen ein. Mae hatte keine Ohren für ihn, fie trieb ihr Pferd immer mehr an und überholte Zoll für Zoll den Güterwagen. Schließlich sah fie die Weiche. Ihre Hoffnung wurde getäuscht, der Weichenwärter hockte in einem Apfelbaum. Sie schrie ihm zu, er solle die Weiche umstellen, aber es war zu spät. Er konnte nicht mehr rechtzeittg die Weiche erreichen, obwohl er wie eine Katze aus dem Baume sprang.
Mit einem letzten Spurt gewann Mae einen Vorsprung, zügelte das schäumende Pferd, sprang ab, rannte zur Weiche, und in dem Augenblick, in dem der donnernde Wagen die Weichenzunge erreicht hatte, flog der Handhebel herum, und der Wagen rollte auf totem Geleife aus.
Tramps haben ein sicheres Gefühl für Großherzigkeit. Sie banden Pete los und verschwanden im Wald.
Als Mae und der Weichenwärter angerannt kamen, sprang gerade Pete vom Wagen.
„Das hab' ich immer schon mal gewollt", sagte er trocken, „hier absteigen. Jetzt ist es soweit!"
„Das müssen wir ausnützen", antwortete das Mädchen. Sie setzten sich an den Waldrand.
Von der Höhe sahen die drei zerflederten Tramps das Paar unten sitzen/
„Sie gibt ihm einen Kuß", sagte der Jüngste neugierig.
Der wilde Cop, der das Leben kannte, holte gelassen die Zigarette vom Ohr, zündete sie an und fagte: „Bei einem bleibt sowas nicht."
„Du hast recht!", sagte der zweite und spähte zum Waldrand.
„Schade", knurrte der wilde Cop, „war ein prächtiger Junge; jetzt ist er verloren."
Sie standen auf, und als es dunkel war, sprangen sie auf den Nachtzug.
Zeitschriften.
— Im Septemberheft der „Kühnst" (Verlag F. Bruckmann, München) gibt Ulrich Cyristoffel ein kurzes Referat der „Großen Deutschen Kunstausstellung 1940" in München. Dem gut bebilderten Beitrag ist eine sehr schöne farbige Reproduktion der „Auffindung des Moses im Nil" von Paolo Veronese vorangestellt. Paul Sackarndt macht interessante Ausführungen über die Kunst Hans Makarts. An Hand seiner Werke wird dargelegt, daß Makart nicht der Gestalter einer imaginären Renaissancewelt war, sondern ein Neulanderoberer zutiefst verwurzelt in seiner Heimat, der Ostmark, mit ureigener Gestaltungskraft. Die Berliner Ausstellung „Meister der Plastik" zeigt Werke von Kolbe, Klimsch, Scheibe, Wackerle, Albiker, Breker und Thorak. Fritz Hellwag arbeitet das Charakteristische im Wollen dieser Bildhauer heraus. Im zweiten Teil gibt M. H. Schilling einen lehrreichen Ueberblick über die Gartengestaltung von der gotischen Zeit bis zur Gegenwart. Entwürfe der Stuttgarter Gartengestalter Aldinger und Valentten zeigen, wie hoch die Gartengestaltung der Gegenwart steht. Der Berliner Architekt K. I. Pfeiffer hat ein sehr ansprechendes Wohnhaus geschaffen in idealer Verbindung zwischen Haus und Garten, die ebenfalls das von dem Hamburger Architekten Carl Hermann gebaute Haus auszeichnet. Repräsentative Wohnräume der Firma „Meisterräume", Berlin, geben ein Bild von der hohen Kultur deutscher Inneneinrichtungen. — Dr. Franz Ottmann macht interessante Ausführungen über den Städtebau. Die 7. Mailänder Triennale zeigte Jnnenräume und Einzelmöbel, von denen einiges wiedergegeben wird.


