kraft schien völlig erloschen. Wiederum wie damals ist heute der Krieg ein Ausdruck weltanschaulicher Auseinandersetzungen. Anders aber als damals hat sich jetzt die Entwicklung ergeben. Während damals am Ende des Kampfes die Auflösung stand, erkennen wir heute in den letzten Phasen des Ringens die Festigung der Bluts- und Schicksalsgemeinschaft des deutschen Volkes, die Durchsetzung einer biologischen und artgemäßen ^Lebensanschauung und die Entstehung einer Macht und deutschen Größe, wie sie noch nie bestanden hat.
In diesen stolzen Tagen des Ruhmes und des Sieges und am Vorabend der Abrechnung mit England, glauben wir die kommende Entwicklung ahnen zu können: Wir stehen mitten in der Vollendung des gewaltigen Werkes unseres Führers, d. h. des größten deutschen Heroen, den die Nachwelt noch nach Jahrhunderten nennen und bewundern wird. Ein gewaltiges unzerstörbares Reich aller Deutschen wird entstehen, in dem ein hochbegabtes, mit wertvollsten Anlagen ausgestattetes Volk die Hände regen und Werte schaffen wird wie nie ein, Volk zuvor in dieser Welt. Die letzten Bausteine zu diesem Reich fügen in diesen Tagen und Monaten die in hundert Schlachten siegreichen nationalsozialistischen Heere des Führers und die Kräfte seiner Partei.
In dieser Arbeit kulturellen Auf- und Neubaues und der Aufrichtung einer neuen europäischen Ordnung möge auch das zukünftige Wirken unserer Universität sich entfalten. Möge sie alle Zeit im Dienste der nationalsozialistischen Idee als Auftraggeberin ihre Pflicht erfüllen und beitragen zur Ewigkeit unseres Volkes.
Der Inhaber des Lehrstuhls für klassische Archäologie (einer der ältesten Lehrstühle dieser Art in Deutschland),
Professor Or. Zschiehschmann hielt sodann den Festvortraa über das Thema „Die Blütezeit der griechischen Kunst". In seinen Ausführungen legte der Vortragende u. a. dar:
Es ist vorwiegend deutsche Wesensart, sich immer wieder zu bemühen über das Ausgraben, Sammeln und Katalogisieren hinaus in den Wesenskern der griechischen Kunst einzudringen.
Die Blütezeit der griechischen Kunst ist die des 5. Jahrhunderts, die Zeit des Phidias und Perikles, nahezu vollkommen verkörpert in dem einzigartigen Werk der A t h e n a P a r t h e n o s des Phidias. Es stellt die Vollendung dar im Künstlerischen, Geistigen und Religiösen, indem in ihr alle Ströme grauer Vorzeit und griechischer Vergangenheit münden: dieses Werk enthält schlechthin alles, was an Glaubensvorstellungen in jener Zeit (Bültigfßit und Bedeutung befafj. In diesem Sinne verkörpert sie gleichzeitig und mit voller Absicht den Staat, dem sie in der Idee seine Entstehung verdankt.
Die Parthenos wurde 448 errichtet, im gleichen Jahre, in dem Perikles sich anschickte, die aus dem Erlebnis der Perserkriege gewonnene geniale Konzeption von einem großen, einheitlich alle griechischen Stämme und Stadtstaaten umfassenden Reich zu verwirklichen, zunächst durch Erweiterung des sog. Seebundes zum attischen Bände. Die Einberufung eines panhellenischen Kongresses im Jahre 447 deutet die Richtung seines letzten Zieles an. In diese Jahre fällt die Blütezeit der griechischen Kunst, von 448 bis 430, bis zum Ausbruch des Peloponnesischen Krieges, der verhängnisvollen Auseinandersetzung mit Sparta, bis zum Tode des Perikles, der 429 der Pest erlag.
Wie die Parthenos in geistigem Sinne den Staat verkörpert, so stellt der Bau der. Propyläen, die den Abschluß der Wiederaufbauarbeiten der von den Persern zerstörten Akropolis bildeten, den Gesamtorganismus des Staates selber dar, verkörpert die perikleische staatliche Zielsetzung ganz rein. Dies wird offenbar, wenn wir erkennen, daß dieses Gebäude in der Ueberordnung des Mittelteiles über
flankierende Seitenteile ein Gruppenbau ist, als Bau etwas vollkommen Neues in der griechischen Baukunst, wie die Staatsidee des Perikles selbst. Aber wie die staatliche Konzeption des Perikles unvollendet blieb, letzten Endes scheiterte an der erfolgreichen Rivalität Spartas, so ist der Bau der Propyläen aus dem gleichen Grunde ein Torso geblieben. Die einheitliche Gesamtkomposition eines vielteiligen Baukomplexes hat erst in hellenistischer Zeit seine Ausgestaltung erfahren, wie die tatsächliche Vereinigung ganz Griechenlands zu einem einheitlichen Weltreich erst Alexander dem Großen gelungen ist..
So lesen wir aus Bild und Bau der klassischen Kunst die Geschicke dieser Zeit manchmal deutlicher als die urkundliche Ueberlieferung erkennen läßt.
Es kam mir darauf an, die Voraussetzungen für eine Darstellung der klassischen Kunst zu geben, für eine Betrachtung von der Geschichte her, dich Gleichmäßigkeit der verwirklichten Ideen in der Politik wie in der Kunst an zwei Beispielen, Parthenos und Propyläen, aufzuzeigen, sowie die engste Verbundenheit von Staat und Kunst.
Das Collegium musicum bereicherte hierauf die Feierstunde durch ein Zwischenspiel. Sodann sprach der
Studentenführer Stein.
Er wies einleitend darauf hin, daß diese Feier im Augenblick des größten deutschen Sieges, der sich vor unseren Augen mit monumentaler Wucht vollende, stattfinde.
Was deutscher wissenschaftlicher Geist, deutsche Technik und die geschickte und fleißige Hand des deutschen Arbeiters als Schild und Schwert der deutschen Heimat geschaffen haben, das stand und steht nun in der Stunde der Bewährung. Der Geist der größten Zeiten unserer Nation ist herrlich und strahlend wiederauferstanden unter dem siegreichen Banner Adolf Hitlers.
In einem zähen Ringen und in einem einmaligen Siegeslauf erfaßte die Bewegung Adolf Hitlers das ganze deutsche Volk. In vorderster Front dieses Kampfes stand Schulter an Schulter mit dem deutschen Arbeiter der deutsche Student, die deutsche Hochschule. Was in langen Zeitläuften an geistig- sittlichen Werten aus reinstem deutschen Wesen in ernster Forschung und idealem Wollen entstanden war, das feiert mit Werk und Tat unserer Tage seinen vollständigen Triumph.
Tageskalender für Dienstag.
Gloria-Palast, Seltersweg: „Der Fuchs von Glenarvan". — Lichtspielhaus, Bahnhofstraße: „Das Glück wohnt nebenan". In beiden Häusern Wochenschau-Sondervorstellung „Siegesfahnen über Deutschland".
Soldaten musizierten für das Deutsche Rote Kreuz.
Angehörige eines Jnfanterie-Ersatz-Bataillons (Offiziere, Unteroffiziere imb Mannschaften) veranstalteten zu Gunsten des Kriegshilfswerks für das Deutsche Rote Kreuz in Marburg eine „Abendmusik" mit Werken von I. S. Bach, mit Lesungen und Dichtungen deutscher Dichter des Weltkrieges sowie in Gießen eine „Feierstunde" mit Musik aus großer Zeit und Lesungen aus Werken deutscher Dichtung und Geschichte.
Die Veranstaltung ergab in Marburg einen Reinertrag von 1156,13 RM. und in Gießen von 1023,65 RM., so daß das Bataillon dem Kriegshilfswerk für das Deutsche Rote Kreuz die beachtliche Summe von insgesamt 2179,78 RM. überweisen konnte. Beide Veranstaltungen waren besuchermäßig, künstlerisch und finanziell ein Erfolg und ein schöner Beweis für Die Pflege deutschen Kulturgutes innerhalb der Wehrmacht auch während des Krieges.
Aufgerufen vom leidenschaftlichen Erleben unserer Zeit schicken wir gerade in dieser großen Stunde den Blick zurück über die Jahrhunderte und finDen uns vor allem hingezogen zum Geist stürmischen Vorwärtsdrängens im Zeitalter der Befreiungskriege und den nachfolgenden Jahren des begeisterten nationalen Einheitsstrebens, eines Geistes, Der auch in Gießen seine Heimat hatte, wie wir uns verpflichtet fühlen den Kämpfern von Langemarck und dem harten Einsatz Gießener Studenten innerhalb der Freikorps in den dunkelsten Tagen Versailler Zwingherrschaft. Im gleichen Geiste traten in den Jahren des deutschen Ausbruchs Die jungen und Jüngsten der Gießener Studentenschaft zum Kampf um die innere Einheit und Kraft des Vaterlandes an, so wie sie in diesen Tagen der Gegenwart an allen Fronten den Feind niederwersen helfen. Eine der Kameradschaften der Gießener Hochschulgruppe steht geschloßen in den Reihen der feldgrauen Regimenter.
Nur im kleinsten Rahmen konnte und muhte aber auch während dieses gewaltigen Kampfes um Die äußere Freiheit des Reiches die Erziehung des wissenschaftlichen Nachwuchses fortgesetzt werben, um der kommenden Zeit des europäischen Aufbaues die so dringend benötigten Kräfte stellen zu können. Allen denen, die unter dem Schutz der deutschen Waffen ungestört ihre Ausbildung fortsetzen, ist es ernste Pflicht, sich des Opfers würdig zu erweisen, das die kämpfenden Einheiten unter Einsatz ihres Lebens bringen. ,r, m rjr r
lieber das fortdSuernde kriegerisch* Geschehen hinaus richten wir unseren Blick in eine hellere Zukunft, die erfüllt ist von friedlicher Arbeit, zugleich aber soldatisch und wach das einmal Gewonnene immer wieder aufs neue erwirbt. »
Se. Magnifizenz der Rektor Professor Or. Kranz
gedachte abschließend unserer ruhmreichen, in vielen Schlachten glänzend bewährten Wehrmacht und ihres genialen Obersten Befehlshabers, unseres großen Führers Adolf Hitler, dem das erneute Gelöbnis der Treue, der Liebe und der unbedingten Gefolgschaftstreue mit freudigem Herzen dargebracht wurde.
Mit dem Ausmarsch der Fahnengruppen, des Senats und des Lehrkörpers fand die Feierstunde ihren Abschluß.
Englischer Fliegerangriff.
In der näheren Umgebung von Gießen warfen in der Nacht von Sonntag auf Montag britische Flugzeuge mehrere Bomben ab. Der hierbei entstandene Sachschaden ist äußerst gering. Personen wurden in keinem Fall verletzt.
Llmzug der Leihbücherei.
Da demnächst die Torhäuschen an Der Neuen Bäue als Umformerstationen für Die Oberleitungs- Omnibusse umgebaut, werden, ergab sich für Die Leihbücherei Die Notwendigkeit eines Umzugs. Der Umzug ist bereits im Gange, und Tausende von Büchern wurden schon von Der Neuen Bäue nach Der Lonystraße transportiert. Es gilt,, insgesamt etwa 9000 Bücher in Die neue Unterkunft zu verbringen. StäDtifche Arbeiter fassen kräftig mit zu unD stehen der Verwalterin der Bibliothek und ihren beiden jugendlicken Helferinnen zur Seite. Da die Bibliothek für den Zeitraum von 3 Wochen geschlossen bleibt, wurde die Leserschaft ausreichend mit Büchern versehen; viele der treuen Leser haben gleich drei oder vier Bücher mitgenommen, um für diese Zeit ausreichend mit Lesestoff versehen zu fein. Die Arbeit Des Umzugs der Bibliothek muß mit großer Sorgfalt geschehen, denn die systematische Ordnung der Bücher muß gewahrt bleiben.
Auf dem Wege in die Heimat.
Da alle deutschen Kriegsgefangenen aus Frankreich demnächst in die Heimat zurückkehren, werden die Angehörigen dringend gebeten, ab sofort weitere Postsendung an Briefen, Karten, Paketen und Päckchen zu unterlassen. Eine Zustellung an die kriegsgefangenen Kameraden in den verschiedenen französischen Lagern ist feit einigen Tagen nicht mehr möglich, Da Die Abtransporte bereits zusarn- mengeftellt wurden. Verwundete und Kranke genießen den Vorzug der beschleunigten Rückkehr. Die schon aufgegebene Kriegsgesangenenpost wird daher an die Absender zurückgeschickt.
Für die Postsendungen an deutsche Kriegsgefangene in England werden neue Wege'beschritten. Es wird daher gebeten, auch Postsendungen für unsere kriegsgefangenen Kameraden in England erst dann aufzugeben, wenn weitere Mitteilungen durch Rundfunk und Presse erfolgen.
Gießener Wochenmarktpreise.
* Gießen, 2.Juli. Auf dem heutigen Wochenmarkt kosteten: Markenbutter, Vi kg 1,80 RM., Matte 30 Rpf., Käse, das Stuck 6 bis 10, Kartoffeln, neue, % kg 15, Wirsing, grün 20, Weißkraut 20 bis 24, Gelberüben, das Bund 15 bis 20, Roterüben, % kg 15, Spinat 15, Römischkohl 15, Bohnen, grün 60, Erbsen 32, Mischgemüse 15, Tomaten 36, Rhabarber 10, Himbeeren 50 bis 70, Kirschen 45 bis 50, Stachelbeeren 22 bis 25, Johannisbeeren 30 bis 35, Erdbeeren 45 bis 50, Blumenkohl, Das Stück 20 bis 70, Salat 8 bis 10, Salatgurken 30 bis 70, Oberkohlrabi 8 bis 15, Rettich 10 bis 15, RaDieschen, das Bund 10 bis 15 Rpf.
** Konzert für Verwundete. Am vergangenen Sonntag gab die Hauskapelle eines hiesigen Kaffeehauses aus eigener Initiative in einem Gießener Refervelazarett ein Konzert, Das nahezu zwei StunDen lang Die verwunDeten SolDaten und Das Personal ausgezeichnet unterhielt. Die Kapelle brachte klassische Musik unD gute Deutsche Operetten» musik zum Vortrag unD erntete Dafür* reichen Beifall. Soweit Die Verwundeten gehen konnten, nahmen sie am Konzert unmittelbar teil, während für Die übrigen Verwundeten Die Türen zu Den Krankenzimmern geöffnet wurDen unD so Der größte Teil Der Patienten an Dem musikalischen Genuß teil» haben konnte.
** Rückgeführter Säugling wird gesucht. Das am 24.6.1939 im Michaelkrankenhaus in Völklingen (Saar) geborene Kind Joh. Himbert wurde bei Kriegsausbruch von Schwestern nach St. Wendel gebracht, von wo es vermutlich einem Krankenhaus im Innern des Reiches, ober einem Privathaushalt zugeführt worden war. Seitdem fehlt jede Spur von dem Säugling. Volksgenossen, Die irgenDwelche Auskunft über Das KinD geben können, werden gebeten, sich bei Der nächste« PolizeiDienst- stelle zu melDen.
** Schwarzamfelnest im Kandelaber. In einem Kandelaber im Einganastor einer hiesigen Klinik Hot sich ein Schwarzamselpaar häuslich eingerichtet und fühlt sich auch Durch Den regen Fußgängerverkehr nicht belästigt. Zur Zeit ist Das Nest große Kinderstube. Die Schwarzamseln haben bereits ihre zweite Brut gelegt. Da in Anbetracht Der VerDunkelung Die Kandelaber nicht benützt werden, Hausen Die Vögel Darin ungestört.
** StäDtische Bücherei. Im Juni sind 1998 Bände ausgeliehen worden. Von diesen Bänden kommen auf: Literaturgeschichte 5, Zeitschriften 20, Gedichte und Dramen 20, Erzählende Literatur 1140, Jugendfchriften 441, Länder- und Völkerkunde 101, Kulturgeschichte 11, Geschichte und Biographien 137, Naturwissenschaft und Technologie 36, Heer- und Seewesen 40, Haus- und Landwirtschaft 5, Gesundheitslehre 1, Religion und Philosophie 2, Staatswissenfchaft 35, Sprachwissenschaft 4 Bände.
Keine SW von Hauck.
Homan von Lharlotte Kaufmann.
31. Fortfetzung. (Nachdruckverboten!)
Oh, ich will nicht, daß sie mich noch länger an» starrt. Ich will nicht. Ich will nicht.
Sie warf den Kops zurück und reckte fick. „Ach", sagte sie gedehnt, „ich kann nicht mehr. Ich glaube, es ist genug für heute. Es ist anstrengend, so stillzusitzen und zu lächeln. Es dämmert auch schon, Und wir haben noch weit zurück. Nicht wahr, Eva- maria?"
„Wie sie wollen", sagte Sibylle still, „ganz wie Sie wollen."
„Wann kann ich wiederkommen?" Jngeborg wärmte ihre Hand neben der kauernden Studentin und betrachtete den leinwandbespannten Rahmen, auf dem außer einem Kopf aus Farbe nicht viel zu sehen war.
„Wann Sie wollen. Wann Sie Zeit haben. Ich bin tagsüber immer zu Hause." Sie führte die Mädchen zurück ins Zimmer und fragte, ob sie auch genügend warm seien für den Weg über Die Dünen.
„Ach, ich wollte, ich säße erst im Auto", stöhnte Die StuDentin. „Wir haben Den Wagen in Stein stehen lassen. WerDen wir auch zurücksinDen?"
„Doch sicher. Es ist ja noch hell." Sibylle lächelte. Sie gaben sich Die HanD. Es war, als hätten Die MäDchen plötzlich ungeheure Eile. Hastig liefey sie Davon.
♦
Der Sturm hob Den AbenD aus Dem Meer.
Sibylle stanD hinter Den breiten Fenstern Des Ateliers unD starrte in Die Weite. Nun hasteten sie wohl über Die weißen Dünen, Die fremDen MäDchen aus Der StaDt.
Ties zogen Die Wolken.
Ich fürchte mich, Dachte Sibylle. Ick bin so allein! Seit Jahren so allein. Ich kann nicht mehr. Nein, ich kann nicht mehr.
Was hatte bas blonde Mädchen gesagt? Ihr Mann lebt ja noch. Er ist wohl schon auf Dem Wege hierher ...
War es ihr nicht selbst seit Wochen so, als wäre er auf Dem Wege hierher?
Aber wie kam Das MäDchen Dazu, solches zu precken? Woher wußte sie von all Dem? Hatte Joachim neue Nachricht erhalten von Dem alten Rechtsanwalt?
Die Dämmerung wuchs aus dem Horizont, schob sich höher, höher, drohend. Eine Wolke von Krähen flog über den Strand. Schwarz lagen ihre breiten Flügel in der Luft. Der Sturm jagte sie.
Ich will es wissen, sagte Sibylle laut. Die beiden Fensterscheiben seufzten im Luftdruck, als wollten sie Antwort geben. Aus dem Feuerloch des runden (Eifenofens bleckte roter Schein und malte ein Blut- viereck auf den Boden neben Sibylles Füße.
„Ich will alles wissen!"
Sie drehte sich um, stieß gegen den Rahmen des skizzenhaft umriffenen Mädchenkopfes, der in der Dämmerung Leben bekam, das Kinn senkte und lächelte ... lächelte, wie eigensüchtige Kinder lächeln.
Sie warf die Ofentür zu, so daß der Blutfleck auf dem Boden erlosch, Dann lief sie Die Treppe hinauf ins Schlafzimmer.
Hier oben war es falt. Die Kälte tropfte förmlich aus Dem Dach in den Raum hinein. Sie nahm ihren dicken Mantel aus dem Schrank und die Del» haut. Durch das Fenster sah sie Die ersten Lichtzeichen Des Leuchtturms von Bülk. Als sie die Handschuhe aus Dem Fach nahm, streifte sie zwei Taschentücher zu BoDen, Die Detlef gehörten. Sie bückte sich hastig, verschloß Den Schrank, in dem ihres Mannes Wäsche und Anzüge aufbewahrt waren, als wäre er immer noch hier.
Der Sturm empfing sie mit Heiho vor dem Haus, warf ihr den weißen Gischt hoher Wellen ins Gesicht.
Der Kahn mit dem Außenbordmotor, den sie „Wassili" genannt hatte, kauerte am Strand, wie ein treuer Hund. Schwarzbraun, ergeben.
Sie schob ihn ins Wasser, sprang hinein und warf Den Außenbordmotor an. Gehorsam begann er zu brummen.
Sibylle fuhr in die Stadt. Sie würde Joachim fragen.
Sie brannte Das Licht im Bug Des Bootes an und kauerte sich zusammen wie ein winziges Bündel. Die Kälte strich über Die Glätte ihres Del-
mantels und verbiß sich in Die Hand, Die Das Steuer hielt. Aber ihre Gedanken waren ganz ruhig.
Hinter Dem Leuchtturm von Perl trieben Eisschollen im Wasser. Das Boot rourDe auf urtD nieDer geworfen von Den harten Wellen.
Sie kam in Den Binnenhafen. Hier staute sich Das Eis, scheuerte gegen Den Kai unD Die schwarzen Rümpfe der Schiffe. Schwer stießen Die Schollen gegen Sibylles Boot.
Von einem Schiff im Hafen wurde sie angerufen. Sie verstand nicht. Es war eine fremde Sprache. Sie sah den Mayn, wie er sich über Die Reling beugte. Zerzaustes Haar hing ihm unf . Der Mütze hervor. Er lackte breit in Die Kälte.
Sie lenkte „Wassili" in Die Beuge Der Fischereibrücke. Der Motor „Barinja" schluchzte ein letztes Mal auf. Sibylle griff mit erstarrten Fäusten nach den Planken Der Brücke und zog sich hinauf.
Zwei Männer mit Sweatern sahen ihr zu, wie sie Das Tau durch einen eisernen Ring zog.
Auf Der Straße fragte Sibylle einen Schutzmann nach Der nächsten Fernsprechzelle.
„Im Seegartenrestaurant", erhielt sie Bescheid.
Es war jetzt sechs Uhr.
Sie griff nach Dem Telephonbuch, ließ sich mit Den Scheffield-Werken verbinden, fragte, ob Herr Kett noch in Der Werft sei.
„Einen Augenblick, ich will anfragen." Im Hörer summte es. Sie mußte Drei Minuten warten, wäh- rend Deren sie in ihre HänDe hauchte. Ihr ganzer Körper war gefühllos vor Kälte.
„Herr Kett ist noch Da", meldete Das Fräulein, „ich verbinde Sie."
„Nein, ich Danke", sagte Sibylle. „Es ist nicht nötig, daß Sie verbinden, ich wollte nur wissen, ob Herr Kett noch im Werk ist." Sie hängte ein. Eine Sekunde blieb sie stehen, an Die Holzwand gelehnt. Es war ganz still. Nichts vom Wind zu hören.
Er war noch im Werk. Sie würde also auf ihn märten. Er mußte mit Der Fahre über den Hafen kommen. Es war gut, Daß er noch nicht zu Hause war.
Als Sibylle am Fährponton anlangte, zeigte die Uhr auf dem Fahrkartenhäuschen sechs Uhr fünfzehn. Am Kai lag ein finnischer Segler. Hoch ragte fein hölzerner Bauch über Die Hafenmauer hinaus. Er hatte Holz geladen. Der größte Teil war schon verstaut auf Güterwagen, Die auf Den Gleisen am
Hafen entlang standen. Die schwarze Nacht lag auf Den Decksaufbauten. In Den Nahen unD gezurrten Segeln pfiff Der Wind.
Vor vier Tagen hatte Sibylle Den Segler übers Meer hereinkommen sehen, mit prallem, grauweißem Tuch, schräg geneigt im Zug Der Wogen. Jetzt lag er Da, still und verträumt. Sie liebte ihn. Sie liebte alle Schiffe, Die hier lagen, die übers Meer kamen und tagsüber vorbeizogen an ihrem weißen Strand.
Die Fähre stieß Drüben von Gulden ab, glitt über Den Hofen, schien klein zuerst, wurde Dann groß und bauchig. Tag und Nacht pendelte sie über den Hafen, von der Stadt nach Gulden und zurück. Tag und Nacht, ohne Pause.
Die Fahre schob sich an Den Ponton heran. Das Wasser wurde zwischen Die Bohlen gepreßt, rauschte unwillig unD kochend herauf. Hundert Menschen Drängten sich an Land. Hundert neue Menschen, die am Kai warteten, fliegen ein. Das Gitter schloß sich, Die Fähre glitt hinüber nach Gulden.
Tag und Nacht. Sie war Der Pulsschlag dieser kleinen Stadt, wie das vochende, nie ruhende Herz.
Es war fast sieben Uhr, als Joachim kam.
Sibylle trat aus dem Schatten, Den Der Rumpf Des finnischen Seglers auf Den Kai malte.
„Joachim", sagte sie leise. Sie hatte plötzlich Furcht, es könnten Leute von Der Werft auf Der Fähre gewesen sein, Die ihn kannten. Vielleicht wollte er mit ihr nicht gesehen werden.
Joachim blieb stehen und sah sie an.
„Sibylle, mein Gott, Sibylle, wo kommst Du her?" Er faßte sie am Arm und griff nach ihrer Hand. „Was ist geschehen?"
Sie lächelte. „Ich wollte ... ich bin hier in der Stadt. Ich hätte gern mit Dir gesprochen. Hast Du
„Natürlich habe ich Zett. Bist Du krank?"
„Nein, nein."
„Du bist weiß wie eine KalkwanD. Vollkommen erfroren." Ein Mann ging hinter ihnen vorbei und grüßte. Joachim gab den Gruß zurück. Es schien ihm nicht unangenehm zu sein, daß man ihn mit Sibylle sah. „Komm", sagte er. Er legte ihren 2lrm in den feinen, aber sie zog ihn zuruck.
„Nicht", sagte sie. „Ich sehe so komisch aus in meinem dicken Oelmantel. Ich bin mit Dem Boot .Wassili' gefahren."
___________ (Fortsetzung folgt.)
i*t 1 O-Mimtien, mii Opekta I


