Ausgabe 
2.4.1940
 
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Aus -er Stadt Gießen.

Morgengruß.

Es ist ein Morgengruß von besonderem Reiz, der jetzt fast täglich aus dem Garten des Nachbarhauses vernehmbar wird. Das Haus steht in einer jener Straßen, in denen es auch am frühen Morgen schon lebhaft zuaeht. In Scharen eilen die Werktätigen zu ihren Arbeitsstätten. Alle Vorübergehenden aber hemmen für einen Augenblick den Schritt und heben den Kopf, wenn der Gruß ertönt. Ihr Gesicht nimmt einen fröhlich-forschenden Ausdruck an, und es scheint, als ob sie aufrechter und beschwingter ihren Weg fortsetzen, gerade so, als sei ihnen etwas besonders Erfreuliches widerfahren.

Und in der Tat ist es ein sehr erfreulicher Gruß, der ihnen zu so früher Stunde geboten wird. Don einer Amsel kommt er, die im Garten des Nachbar­hauses immer auf demselben hohen Baum sitzt und ihr frohes Lied flötet. Voll und laut erklingt die reizvolle Strophe, es ist ein Heller, jubelnder Ge­sang, der alle den Frohsinn weckenden Eigenschaften ind sich tränt. Ist es ein Wunder, wenn er auch in solcher Weise auf die Vorübergehenden wirkt? Sie recken den Hals, deuten mit den Händen nach dem Baum und nicken schließlich beglückt:Ja, ja, man merkt's, der Frühling ..

Die Amsel nimmt indessen davon keine Notiz. Sie singt und singt, als werde sie eigens dazu an- gehalten. Was weiß sie von den Vorstellungen und Wünschen der Menschen, was kümmert es sie, daß die Burschen kecker, daß die Mädchen verträumter werden? Sie singt, weil sie muß, weil das uralte Gesetz vom Wachsen und Werden in ihr lebendig ist, weil es sie an den ersten lauen Tagen dazu drängt, ihre Stimme zu probrieren, die sich plötz­lich zu den herrlichsten tönen formt Und nur, wenn sie allzusehr gestört wird, streicht sie schimp­fend ab, um nach kurzer Zeit wieder den Baum anzufliegen, von dem dann wiederum der Gesang ertönt.

Auch in den Abendstunden, wenn sich die ersten blauen Schatten der Dämmerung auf die Stadt senken, erklingt das prachtvolle Lied. Dann ist es, als sei der Abend verklärt, als berge die Luft be­reits die Ahnung kommender lenzlicher lieber« rascbungen. Aber noch schöner ist es, in aller Mor­genfrühe für ein Weilchen dem Amselgesang $u lauschen und sich von ihm einstimmen zu lassen für die drängenden Aufgaben des Werktags. Es ist eine kleine Freude des Alltags, die sich solchermaßen bietet und die gerade in dieser Zeit für viele eine beseligende Wirkung auslöst. H. W. Sch.

Tageskalender für Dienstag.

Stadttheater: 20 bis 23 UhrDer Freischütz". Gießener Kunstwoche: Ausstellung im Foyer des Stadttheaters von 17 bis 18 Uhr. Gloria-Palast (Seltersweg):Ein Mann auf Abwegen". Licht­spielhaus (Bahnhofstraße):Aus erster Ehe".

Abgangsprüfung an der Gewerbeschule Gießen.

Dom 18. bis 27. März erfolgte die staatliche Ab­gangsprüfung an der Gewerbeschule Gießen. Der Prüfungsausschuß setzte sich zusammen aus dem Direktor T i e l m a n n als Vorsitzender, da er be­auftragt war, die Landesregierung zu vertreten, dem staatlichen Prüfungskommissar Reg.-Baurat Kuhlmann vom Hess. Hochbauamt, der beauf- tragt war, auch die Handwerkskammer Darmstadt zu vertreten, und dem Lehrerkollegium. Der Vor­sitzende des Kuratoriums, Oberbürgermeister Rit­ter, war durch dringende Dienstgeschäfte verhin­dert, der Prüfung beizuwohnen. Der Prüfung un­terzogen sich 42 Prüflinge, von denen einer die Prüfung nicht bestand. Mit Auszeichnung bestand 1 Prüfling, mit gut bestanden 16 Prüflinge, mit befriedigend bestanden 14 Prüflinge, mit bestanden bestanden 10 Prüflinge. Das Wintersemester wurde von insgesamt 199 Tagesschülern besucht, die in 20 Unterrichtswochen wöchentlich 44 Stunden Un­terricht erhielten.

** Jahrestagung des Vogelsberger Höhen-Clubs. Die 59. Hauptversammlung des Gesamt-Vogelsberger Höhen-Clubs (VHC.) findet als Vertreteroersammlung am 19. Mai auf dem Hoherodskopf statt. Damit verbunden wird eine Sternwanderung aller Zweigoereine des VHC. zum Hoherodskopf.

Die Jagd im April.

Dem Jäger haben der auf dem Gartenzaun knick­sende Rotschwanz und die am Mühlenwehr wip­pende Bachstelze den Frühling verraten, und als abends die Schwarzdrossel oom Dachfirst ihr Abend­lied fang, da zog es ihn hinaus in seinen Wald, wo nun die Waldschnepfe streichen muß, des Weidmanns Frühlingsbote. Zeitig schon verläßt er das Haus, den treuen Hund zur Seite. Denn unter Busch und Gras liegen die ersten Junghäschen, und wenn sich der Hund den im Abendämmern feldern- ben Kater um die Behänge schlägt, bann ist dies ein Stückchen Hege im Frühjahr. Arn Waldrand aber stehen im Abendsonnenschein auf grüner Saat ein paar Rehe. Das gute Glas zeigt dem Weidmann Bock und Ricke, Abschuß-, Zukunfts- und Erntebock. Er merkt sich den Sprung, trägt ihn ein in sein Taschenbuch, überprüft feine Beobachtungen an einem anderen Tag bei anderer Beleuchtung immer wieder einmal und schafft sich so eine sichere Grund­lage für seinen Abschußplan, den er bis zur Monatsmitte seinem Kreisjägermeister vorzulegen hat.

Sein Weg zum gewohnten Stand, wo er seit Jahren in jedem Frühjahr der Schnepfe harrt, führt ihn unweit einer Kanzel vorbei. Der Winter­sturm hat an ihr gerüttelt, Nägel haben sich ge­lockert, eine Sprosse ist ausgebrochen. Hammer, Fuchsschwanz und Nägel sind im Rucksack. Bald ist der Schaden beseitigt. Schadhafte Leitern und Kan­zeln haben schon über manche Familie schweres Leid gebracht. Man hat von diesem Hochsitz aus, un dem sich manche schöne Erlebniserinnerung knüpft, den Blick frei auf eine junge Schonung, auf die gar gern das Rehwild austritt. Noch ragen die alten, morschen Stubben aus Gestrüpp und Gras, und es ist nur eine kleine Mühe, ein paar Hände voll Viehsalz über sie auszustreuen.' Der Regen besorgt das weitere, und gierig leckt das Wild den salzigen Mulm.

Wenn die Zeit im Monat weiter fortschreitet, ist es auch gut, an die Pirschpfäde zu denken, die das Beobachten und Jagen so sehr erleichtern. Die schönste Kanzel verliert einen Großteil ihres Wer­

tes, wenn man sie nicht erreichen kann, ohne vor­her das Wild zu vergrämen, weil das Laub unter dem Fuß knistert und rauscht ober Fallholz kracht. Dielen Jägern ist es unbekannt, daß auch im Mor­gendämmern derVogel mit dem langen Gesicht" streicht. Das ist so um die Stunde, wenn der wil­dernde Hund nach durchjagter Nacht müde und scheinbar harmlos dem Dorfe wieder zustrebt. Ihm das Blei zwischen die Rippen zu setzen, ist Hege­arbeit im Frühjahr.

Und wenn dann die Sonne die Wipfel der hohen Fichten bescheint, bann sitzt dort oben mit metal­lisch schimmernber Brust der Ringeltauber und ruft fein sehnsuchtsvollesO du, du, du" über den Wald, über ben er sich kurz darauf mit klatschen­den Schwingen zum Balzflug emporschwingt. Ver­sonnen blickt der Jäger ihm nach und kann gerade noch den Schuß los werden auf ben grauen Schat­ten, der jählings und tief um die Waldecke huschte und auf den bunten Fasanenhahn stieß, der dort auf seine Art mit rauhem Rus das Frühjahr ver­kündete. Mit dem starken Habichtsweib, das er vom Boden aufhebt, ist ein weiteres Stück Hege im Frühjahr geleistet. Laut schimpften die Krähen über den Schuß, die schon seit Tagen fleißig Reisig und altes Gras zu ihrem Nistbaum, einer alten Kiefer, trugen. Wenn demnächst der Brutvogel fest sitzt, werden grobe Schrote Nest, Eier und Krähe un­schädlich machen.

An einer alten Kiesgrube führt der Weg vorüber. Schon lange lag sie nutzlos und brach da. Allmäh­lich verhüllen die Brombeeren, die der Weidmann hier einpflanzte, das häßliche Bild, die Weiden, die er an der tiefsten, nassen Stelle steckte, schlugen schon aus, bald folgen die großen Büsche der Lu­pinen, und nun sät er auch hier und dort noch ein paar Hände voll vorgeweichter Ginstersamen aus. Hier sollen Fasan und Huhn brüten, hier fin­den sie im Winter Schutz und Fütterung, hier setzt die Häsin, hierher kommen weder Sense noch Mäh­maschine und Walze. Hege im Frühjahr ist Jagd im April! Hubertus.

Der Tierschutz im Kriege.

Der Tierschutzverein Gießen und Um- g e b u n g hielt am Montag imFrankfurter Hof" feine Jahreshauptversammlung ab, zu der der Vor- sitzende, Schlachthofdirektor Dr. Keller, eine An­zahl von Männern und Frauen begrüßen konnte. Zunächst gedachte der Vorsitzende des verstorbenen Ehrenmitgliedes, Apotheker Th. Schmieder, der sich zeit seines Lebens als Tierschützler be­tätigte und der es durch seine persönliche Eignung verstanden hat, den Gedanken des Tierschutzes in weite Kreise der Bevölkerung zu tragen. Auch als Mitglied der Pserdekommission der Stadt hat er in aleicher Richtung gewirkt. Ihm werde ein ehrendes Andenken gewahrt bleiben.

In einem Rückblick auf das abgelaufene Jahr führte Dr. Keller u. a. aus, daß durch die Kriegs­zeiten die Versammlungstätigkeit eingeschränkt wurde, was allerdings nicht heißen sollte, daß der Tierschutz in den Hintergrund getreten sei. Der Verein beteiligte sich an zwei Vorträgen während der Hochschulwoche der Universität. An beide Vor­träge schlossen sich Besichtigungen an. Die Mitglie­der bekundeten reges Interesse. Dem Bericht war weiterhin zu entnehmen, daß für ein in Serbin- buhg mit den Deterinärkliniken zu errichtendes T i e r h e i m oom Tiershutzverein rund 500 RM. angesammelt wurden. Weitere Spenden hier- für werden gern entgegengenommen. Außerdem wurde die Eintragung des Vereins in das Ver­einsregister vorbereitet. Für die Winterfütterung der gefieberten Sänger hat ber Verein rund 120 Pfund Kornerfutter beschafft und verwendet.

Der vom Kassierer Leidner erstattete Kassen­bericht gab Ausschluß über geordnete Verhältnisse, sodaß ihm der Dank für seine vorbildliche Kassen­führung ausgesprochen wurde. Die Mitgliederzahl von rund 150 hat sich auch im letzten Jahr gehal­ten. Dem Vorstand wurde Entlastung erteilt und dem Vereinsführer das Vertrauen ausgesprochen, der seinerseits seine Mitarbeiter erneut in ihren Aemtern bestätigte. Dr. Keller dankte besonders dem stellvertretenden Vorsitzenden Professor Dr. Küst für die Unterstützung während seiner Er­krankung und Tierschutzinspektor Haas für seine nimmermüde Arbeit.

An praktischer Tierschutzarbeit wurde einer Reihe von gemeldeten Mängeln nachgegangen. Gewöhn­lich genügte die Aufklärung zu ihrer Abstellung. In der Aussprache wurden auch die Fragen des Tierluftschutzes besprochen. Dabei wurde betont, daß es nicht Ausgabe des Tierschutzvereins sei, den Tier- luttschutz zu organisieren, sondern daß dafür die örtlichen Leiter des Tierluftschutzes zuständig seien. Für die Stadt Gießen sei Regierungsoberveterinär­rat Dr. M o n n a r d örtlicher Tierluftschutzleiter. Wie Direktor Dr. Keller feststellte, ist der Tier- luftschutz in Gießen bereits organisiert und einsatz­bereit. Durch den Tierschutzverein sind wiederholt Unterkünfte von Tieren einer Besichtigung unter­zogen worden, wobei viele Mängel abgestellt wer­den konnten. Die Beiratsmitglieder Tierschutzinspek­tor Haas und Bauinspektor a. D. Philippi sind mit weiteren Besichtigungen der Tierunterkünfte beauf­tragt worden. Mit großer Freude kann festgestellt werden, daß sich die Sodaten als ausgezeichnete Tierfreunde und Tierschützler erweisen. Während des Krieges sei den Gemeinden die Unterstützung der Bestrebungen zum Schutze der Tiere zur be­sonderen Aufgabe gemacht worden, damit durch Tierschutz und Tierpflege dem Volke große Werte erhalten bleiben und der Volkswirtschaft gedient werde. Nach lebhafter Aussprache wurde die Ver­sammlung mit dem Treugruß an den Führer ge­schlossen.

Gießener Woche für Kunst und Literatur.

Von ewiger deutscher Kunst."

Im Rahmen der unter der Schirmherrschaft des Herrn Oberbürgermeisters der Stadt Gießen statt- findenden Gießener Woche für Kunst und Literatur veranstaltet der Goethe-Bund und Kaufmännische Verein, in Arbeitsgemeinsck-aft mit der Dolksbil- dungsstätte Gießen der NS.-GemeinschaftKraft durch Freude", am Freitag, 5. April, 20 Uhr, in der Neuen Aula der Unioerfität eine Feierstunde unter Mitwirkung des Städtischen Orchesters unter Leitung von Kapellmeister Paul W a l'ter. Zu Beginn der

Veranstaltung wird ber stellvertretende Leiter der Abteilung Schrifttum des Reichsministeriums für Dvlksaufklärung und Propaganda, Dberregierungs« rat Hein Schlecht, sprechen über diePflege der Dichtung als Kulturaufgabe". Den Festoortrag hat der bekannte Literaturhistoriker Dr. Reinhard Buchwald (Heidelberg) mit dem ThemaSchiller und die Gegenwart" übernommen. Dr. Buchwald ist der Verfasser der hervorragenden zweibändigen Schiller-Biographie. Es ist ein. bedeutsamer Vortrag zu erwarten.

Am Samstag beginnt um 20 Uhr in den Räumen des Gesellschaftsvereins ein Festlicher Abend, in dessen Mittelpunkt die Lesung des ostmärkischen Dichters Karl Heinrich Waggerl stehen wird. Der Dichter wird Heiteres aus feinen Werken lesen. Mit der Einladung des Dichters, der bereits im vorigen

schon

Vor Erkältung schützen Bei Husten nützen

mehrmals täghen

U1-RM

Jahre anläßlich der Gießener Goethe-Festwoche Gast des Goethe-Bundes war, wird ein aüfeitiger Wunsch der Gießener Literatur- und Bücherfreunde erfüllt. Im zweiten Teil des Abends wird die Tanz­gruppe des Gießener Stadttheaters unter Leitung von Ballettmeisterin Thea Maaß Solo- und Gruppentänze bringen.

Die Bürgerschaft unserer Stadt ist zu diesen Ver­anstaltungen besonders eingeladen.

Auszeichnung eines verdienten Ruderers.

Im Zusammenhang mit demTag des deutschen Rudersports" am 7. April, also am kommenden Sonntag, wird ein Gießener Ruderer, und zwar der nach dem Weltkrieg so überaus erfolgreiche Skuller Karl I ö d t eine besondere Auszeichnung erfahren. Er erhält den Ehrenbrief des N S R L.-B e r e i ch s XII, eine hohe Auszeichnung also, die eine schöne Anerkennung für sportliche Leistungen und für den Einsatz um den deutschen Rudersport darstellt.

Bei der am Sonntag mit der Eröffnung des Rudersportjahres 1940 wird, wie wir schon kurz be­richteten, das Boot, das dem Graudenzer Ruderver­ein gestiftet worden ist, getauft. Es erhält nach neuerem Beschluß nicht den NamenDeutfdje Treue Gießen", sondern die Bezeichnung Deutsche Treue GR G. 1877 Gieße n". Durch diese Kennzeichnung soll der Spender des Bootes kenntlich gemacht werden.

Wie wir von zuständiger Seite hören, hat sich die Gießener Rudergesellschaft bereit erklärt, bann, wenn sich Rudermannschaften zur Verfügung stellen und Meldungen abgeben, eineKrieasregatta abzuhalten. Der GRG. wäre diese Abhaltung am ersten möglich, weil sie über einen stattlichen Bvotspark von insgesamt 24 Booten verfügt, der ben meldenden Mannschaften den Transport ber eigenen Boote ersparen würde. Falls diese Regatta zustande kommt, berichten wir zu gegebener Zeit darüber.

Mit Dank und Anerkennung hat es die Gießener Rudergesellschaft ausgenommen, daß sich die Tech­nische Nothilfe zur Verfügung gestellt hak und bereit ist, die große Bootspritsche (Bootslände) vor dem Bootshaus auf das Wasser zu bringen, nachdem es der GRG. selbst nicht möglich ist, diese Arbeit auszuführen, da die meisten aktiven Ruderer unter den Fahnen stehen.

*

** Treuer Mitarbeiter. In diesen Tagen konnte der .Handelsvertreter Franz S z c z e p a niak, Bückingstraße 3, auf eine 25jährige Tätigkeit im Dienste der Firma Tabakwaren-Groß- und Klein­handel Wilhelm Möser (Seltersweg 38) zurück­blicken. Der Jubilar hat sich durch seine nimmermüde Mitarbeit allgemeine Anerkennung erworben. Zu seinem Ehrentag fand eine schlichte Betriebsfeier statt, bei der ihm Geschenke ber Mitarbeiter und ber Inhaber ber Firma überreicht mürben.

MteWolMMenott.

Homan non tjorfl Bicrnath.

22 Fortsetzung (Nachdruck verboten!)

Menzel nannte seinen Namen und fragte, ob er Fräulein Naumann sprechen könne.

Es kam ihm vor, als sei sein Name Frau Holz­schuh nicht fremd. Aber sie schüttelte ihr stacheliges Haupt.Fräulein Naumann?"

Die gedehnte Wiederholung des Namens mit dem deutlichen Fragezeichen dahinter gab dem Doktor zu verstehen, daß er sich doch nicht einbilden solle, Fräu­lein Naumann hätte nichts anderes zu tun, als bis zur Schlafenszeit auf ihn zu warten.

Fräulein Naumann ist heute den ganzen Tag über unterwegs gewesen und vorner halben Stunde nur auf einen kurzen Sprung heimgekommen, um sich umzuziehen, zum Konzert. Und bann hat ber Herr von Parker sie im Automobil abgeholt!" Da sie münchnerisch sprach, saate sieAutvmobui"; sie sagte es übrigens mit befonberem Nachbruck und fügte nach einer kleinen Weile hinzu:Mei das ist halt ein Schentelmenn, wie er im Buch steht, der Herr Mister Parker!"

Also Parker heißt der Kerl! dachte der Doktor mit einem merkwürdig erlösten Gefühl, als wäre ein schemenhafter Gegner, ber bislang unangreif­bar gewesen mar, plötzlich in einen Menschen aus Fleisch und Blut verwandelt worden. Und obwohl es ihn nach nichts heftiger gelüftete, als dieser von Herrn Parker so eingenommenen Dame einen Backenzahn ohne Betäubung zu ziehen, zwang er sich zu äußerer Liebenswürdigkeit und erkundigte sich geradezu geschraubt höflich, ob sie wohl im­stande sei, ihm zu sagen, welches Konzert denn die Herrschaften besucht hätten.

Er erfuhr, daß Parker ein wirklich reizender Herr und gar nicht stolz bei seinem vielen Geld in der Küche bei Frau Holzschuh auf Renate ge­wartet und dabei erzählt habe, daß sie zur Sere­nade in ben Brunnenhof gehen würden ...

Eine knappe Viertelstunde später zerschnitt der Doktor, sonst überaus zurückhaltend und zart in solchen Dingen, gefühllos die hoffnungsvollen Fäden, die sich auf einer Bank des Hofgartens zwi­schen einem Jüngling auf der einen und einem

Fräulein auf der anderen Bankseite gerade ange- spönnen hatten, indem er sich rücksichtslos zwischen die beiden jungen Leute setzte.

Diese Bank, im Schatten einer Kugelakazie und nahe der Straße, lag dem Eingang zum Brunnen­hof der Residenz schräg gegenüber. Mit einem Pro­viant von fünfundzwanzig Zigaretten ausgerüstet, hoffte der Doktor, auch eine lange Wartezeit auf seinem Posten zu überstehen. Wie er wußte, pflegten die Konzerte im Brunnenhof für gewöhnlich kurz vor elf beendet zu sein. Er streckte die Beine in ben Kiesweg hinein und hängte die Arme über das Rückenbrett der Bank.

Mit der Zigarette im Mundwinkel, den Kopf schief zur Seite geneigt, betrachtete er die langge­streckte dunkle Front der Residenz, die vorüber­gleitenden Wagen und Bummler und lauschte dem Stundenschlag ber Turmuhr der Theatinerkirche. Wenn er sich vorbeugte, konnte er zwischen zwei Bäumen über die Arkaden hinweg ihre patinierten Kupferkuppeln erblicken, die, von Scheinwerfern angestrahlt, in wunderbarer Klarheit der architek­tonischen Linie wie auf ein riesiges Reißbrett gegen den tiefschwarzen Nachthimmel gespannt waren.

Dreiviertel zehn drei Schläge ... Er wandte kaum den Kopf, als drüben das Tor geöffnet wurde. Sein Blick glitt flüchtig über die Straße und über bas Paar hinweg, bas sich bort aus ber Schwärze des Tores loste und zwischen ben nie­drigen Buchsbaumhecken die Richtung zu den Ar­kaden einschlug. Die Gestalten schwammen als un­deutliche Lichtreflexe über den kurzgeschorenen Wegeinfassungen. Ein Helles Jäckchen über einem dunkleren langen Kleid: dem Mann an ihrer Seite webte ein hellgrauer Mantel vom Arm herab jetzt warf er ihn sich über die Schulter . .

Der Doktor wurde plötzlich sehr aufmerksam. Diese Bewegung, diese Art. den Mantel über der Schul­ter zu tragen, kam ihm merkwürdig bekannt vor. Er spie die Zigarette von den Lippen und starrte angestrengt hinüber. Ganz ohne Zweifel: Sie waren es. Renate und Parker! TO05 nur mochte sie ver­anlaßt haben, das Konzert so früh .zu verlassen?

Sie überquerten den Platz von der Feldherrn- Halle und schlugen die Richtung ein, in der Parkers Hotel lag, ben TOeg, den der Doktor diesem Parker damals, bei dem ersten Zusammentreffen, beschrie­ben hatte. Er gewahrte, daß Renate ihre Hand in

Parkers Arm legte, und verspürte plötzlich eine lähmende Schwere in den Gliedern; sein Herz häm­merte so heftig, daß er die Hand gegen die Brust pressen mußte. Zu spät! dachte er betäubt. Mein Gott, weshalb hast du so lange gezögert? Jetzt geht sie zu ihm ...

In weitem Abstand folgte er ihnen, mit blindem Gesicht und leerem Kopf. Wie durch ein Wunder kam er über zwei Straßen hinüber, ohne in cm Auto hineingelaufen zu sein. Ein paarmal stieß er vor, um sie einzuholen, zu grüßen, anzusprechen, den Ueberraschten zu spielen und sich einfach einzu- hängen ... Beim Ueberholen? Unmöglich! Zufäl­liger sah die Begegnung aus, wenn er ihnen ent­gegen f am.

Parker und Renate bogen zum Maximillarsplatz ein; sie ließen die Anlagen links liegen.

Der Doktor nützte die günstige Gelegenheit aus. Er eilte, im Schutz der Dunkelheit und eines end­losen Wagenparks, auf der andern Straßenseite an den Verfolgten vorbei, bis er einen Vorsprung von gut hundert Schritten herausgeholt hatte; bann ging er über die Straße hinüber, drehte sich um und schlenderte ben beiden entgegen langsam und rote ein Mann, ber nicht schlüssig ist, was er mit sich und einem angebrochenen Abend an fangen solle.

Ader fein Plan ging fehl. Als er sich ihnen etwa auf Rufweite genähert hatte, schwenkten sie rechts ab und verschwanden rn der Seitentür eines Der- gnügungspalastes, die zu den Tanzräumen und zur Bar hinunterführte.

Der Doktor blieb stehen und atmete tief auf. Der quälende Druck, ber ihm den Hals zugeschnürt hatte, wich einem Gefühl ber Befreiung und einer leisen Scham über feine eifersüchtige Einbildungs­kraft.

Er wartete eine kleine Viertelstunde und gab bann in dem zu ebener Erde gelegenen Garderobe- raum fernen Hut ab.

Die Bar. von der aus man ein Stück der Tanz- fläche überblicken konnte, war fast leer. Der Doktor schwang sich auf einen Schemel und nahm einen Kognak. Auf dem Parkett bewegten sich nur wenige Paare. Die Kellner an den 'Mitteltischen hatten noch nicht viel tu tun, und die Logen schienen auch nur schwach besetzt zu sein. Die Musik machte lange Pausen.

Der Doktor schob den Aermel zurück und sah auf feine Uhr, wie ein Offizier, der die Minute des Sturmangriffs erwartet. Vielleicht lenkte ihn die Beobachtung des Zifferblatts von seiner Nervosität ab, oder vielleicht wartete er eine willkürlich ange« setzte Zeigerstellung ab, um noch eine Galgenfrist ZU gewinnen und sich gleichzeitig durch eine Art Orakelspruch zur Befolgung eines unangenehmen Entschlusses zu zwingen. Jedenfalls sprang er ziern- u.ch unvermittelt von seinem Schemel herab, verließ bie Bar und strich langsam an den Logen vorbei.

In der vorletzten Nische entdeckte er sie. Ein Kell­ner beugte sich gerade über ihren Tisch, um die ®e- decke abzuraumen; sein weißer Rücken verdeckt« Renates Kopf. Der Doktor sah nur Parkers Profil, d" gebräunte Farbe seines Gesichts, die kurz ge­ratene dreiste Bubennase, den sorgfältig gezogenen! Scheitel, das glatte, weiche Kinn.

Keinen Dämon erblickte er, keinen Oger einen gesitteten, gut erzogenen und fast etwas zu hüb­schen Allerweltsjungen ... Eine Gefahr für Renats Naumann? Höchstens die Gefahr einer Liebelei. Uno was gingen ihn die Herzensgeschichten dieses Mädchens an? Wußte der Teufel, wie Parker dazu gekommen war, Renate aufzusuchen! Vielleicht hatte er sie auf der Straße gesehen, war ihr gefolgt, wie man halt einem hübschen Mädel nachsteigt,' und hatte durch einen Zufall ober eine Nachfrage im Hause herausbekommen, daß sie Kunstgewerblerin war, was bann leichte Anknüpfungsmöolichketten ergab ...

Sin Sekundenbruchteil hatte dem Doktor für diese Ueberlegungen genügt. Seine Absicht, sich an ihren A'ch M drängen, erschien ihm plötzlich so unver­schämt, dumm, taktlos und durchsichtig, daß es für ibn nur noch eins gab nämlich: das Lokal schleu­nigst zu verlassen.

In diesem Augenblick trat der Kellner vom Tisch zurück. Der Doktor, eben im Begriff, bie Kelfft- roenbung zu machen, sah Renates Blick voll auf sich gerichtet. Er konnte Unmöglich noch so tun, als er» kenne er sie nicht. Er verbeugte sich also, fest ent­schlossen, dann eben nach seinem Gruß zu verschwin­den, und sah, während er den Kopf wieder hob, daß sie ihm die Hand entgegenstreckte. Und für einen Moment glaubte er, aus ihrer Haltung und aus ihrem Ausdruck etwas herauszulesen, als käms lhr jein Erscheinen nicht ungelegen. (Forts, folgt)