Ausgabe 
2.4.1940
 
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habe. Herr Hudson berief sich, als er seinen Opti­mismus in Bezug auf die Ergebnisse seiner Ber­liner Unterredungen begründete, u. a. auf folgende Mitteilung, die ihm der neue rumänische Gesandte in London, Herr Tilea, machte: Von deutscher Seite wurde Ungarn noch vor einigen Wochen für eine Regulierung der gegenseitigen Wirtschaftsbe­ziehungen und für eine Sicherung der Abnahme der ungarischen landwirtschaftlichen Erzeugnisse die Bedingung gestellt, auf die Einrichtung neuer Werkstätten in den Industrien, die die deutsche Ausfuhr interessieren, zu verzichten. Letzthin soll man deutscherseits von dieser Forderung abgesehen und die Aenderung der Haltung damit begründet haben, daß eine baldige Wirtschaftsverständigung zwischen dem Reich und Großbritannien gewiß sei. Herr Hudson behauptet, daß er die Richtigkeit dieser Nachricht von Herrn Tilea auf anderem Wege prüfen konnte.

Indem Herr Hudson an dieser Stelle in charak­teristischer Weise seinem Vertrauen auf eine gün­stige Entwicklung der Ereignisse Ausdruck gab, sagte er:Jetzt verhandeln wir auf wirtschaftlichem Ge­biet und werfen das deutsche System der zwei­seitigen Tauschtransaktionen um! Im Herbst ziehen wir Göring nach London, in einem Jahr werden wir es zu einem die Rüstungen beschränkenden Vertrag gebracht haben, in 18 Monaten aber wer­den wir die schmerzhaften Kolonial-Rohstoff-Ge- schwüre restlos erledigt haben, und auf diese Weise sichern wir den Frieden und stellen das erschütterte politische Gleichgewicht wieder her."

Politik der Widersiandsmittel."

Das sich in diesen Worten offenbarende Ver­trauen von Herrn Hudson auf das Ergebnis seiner Unterredungen in Berlin hindert ihn nicht, an eine Politik der Entwicklung der Wider- st a n d s m i t t e l" zu denken und davon zu reden. Indem er selbst die Stellungnahme seines Landes charakterisierte, behauptete er, die britische Politik habe jetzt die Methoden und Parolen der letzten 20 Jahre auf gegeben und an die kämpferische Epoche Ende des 19. Jahrhunderts an geknüpft, d! h. an die Epoche von Josef Chamberlain, not­wendigerweise an die Tradition:Jingo!"

Charakteristisch waren die Bemerkungen, die er zu dem Thema Rußland machte. Er fragte mich insbesondere: 1. wie wir die Macht Rußlands be­urteilten; 2. welche Bedeutung wir der letzthin mit der Sowjetunion geschlossenen Handelsüberein- kunst beilegten; 3. ob es denkbar wäre, daß unsere Beziehungen zu den Sowjets vertrauter würden; 4. ob ich glaubte, daß den Sowjets an einem freundschaftlichen Verhältnis zu Großbritannien ge­legen sei, was günstige Aussichten für seine Unter­redungen über Wirtschaftsthemen während seines Besuches in Moskau eröffnen würde. Auf diese Fragen antwortete ich in einem mehr diploma­tischen Stil. Insbesondere auf die Frage 4 an- knüpfend bemerkte ich, daß die jetzigen Sowjetver­treter sich bemühten, große Selbstsicherheit zumar­kieren" und behaupteten, da, soweit eine Kriegs­gefahr bestehe, sie auf dem Abschnitt desgering­sten Widerstandes", d. h. im Westen bestehe. Die Sowjetunion, wie sie mit viel Selbstsicherheit be­haupteten, sei so stark, daß sie ohne Sorge in die Zukunft blicken könne. Hudson sagte mir darauf, daß er erst gestern von dem Botschafter Maiski wörtlich dasselbe hörte.

Diese interessante Wendung, die Herr Hudson

dem Gespräche gab, weist darauf hin: 1. daß er von dem Sowjetabschnitt seiner Reise sehr in An­spruch genommen ist; 2. daß er ihm sehr viel Be­deutung beilegt; 3. daß es nicht wie bisher eine gewisse Moskauer Gegenliebe gebe Man muß sich dabei dessen eingedenk sein, daß die von Herrn Hudson beabsichtigten Unterredungen in Moskau, abgesehen von der politischen Bedeutung, über die er anscheinend zu sprechen liebt, konkrete Wirt­schaftsangelegenheiten betreffen werden und daß man englischerseits vor allem verlangen wird, dem russisch-englischen Umsatz ein vom englischen Ge­sichtspunkt aus besseres Gleichgewicht durch Ver­stärkung der englischen Ausfuhr in die Sowjetunion zu verleihen.

England fehlt die historische Perspektiv"

10. März 1939.

Gleich nach der Abfassung dieses Berichts hatte im Gelegenheit, mich auf dem gestrigen Abend- empfang bei Hofe mit dem Botschafter Maiski zu unterhalten. Dieses Gespräch befestigte in mir diS Ueberzeugung, daß meine Beurteilung der Begeg­nung Hudson-Maiski zutreffend war.

Herr Maiski meint, daß Herr Hudson, wenn er die politische Bedeutung seiner Sendung betont, damit rechnet, auf diesem Wege die gewünschten Wirtfchaftsergebnisse um so leichter zu erlangen. Außerdem wirft Herr Maiski den Engländern vor, daß ihnen die notwendige historische Perspektive fehle und daß sie das Gleich­gewicht der Kräfte in Europa nicht zu­treffend beurteilten. Er meint, daß die Engländer sich die Macht Großbritanniens so wie im Jahre 1870 vorstellen. Sie erwarteten, daß die bloße Tatsache der Absendung einer englischen Wirt­schaftsabordnung nach Moskau von den Sowjets enthusiastisch und mit glühender Dankbarkeit will­kommen geheißen werde. Indessen, wie er Ge­legenheit gehabt habe, Herrn Hudson zu sagen, werde er in Moskau sehr höflich empfangen und

durchaus mit gebührender Aufmerksamkeit angehört werden. Eine Beurteilung jedoch, ob die Sendung nützlich sei und welche Bedeutung sie besitze, be­halte man sich sowjetischerseits bis zu dem Augen­blick vor, wo Herr Hudson sich konkret äußern werde. Schließlich bemerkte Herr Maiski, daß der englische Einwand, es mangele dem englisch-sowjeti­schen Umsatz an Gleichgewicht, unbegründet sei. Wenn die Sowjets nicht mehr in England einkauf­ten, so vor allem deswegen, weil eine ganze Reihe Rüßland interessierender englischer Fabri­ken wegen der Aufrüstung überlastet und nicht imstande sei, die vorgeschlagenen Bestel­lungen anzunehmen.

Diese meine Unterredungen mit Herrn Hudson und Maiski werfen ein interessantes Licht auf die, jetzigen englisch-sowjetischen Beziehungen, über die man hier letzthin so viel spricht, allerdings wenig konkret, gefärbt von der Ueberzeugung des jeweili­gen Informators. Sie erlauben mit ziemlicher Wahr­scheinlichkeit zu folgern, daß ein näherer politischer Kontakt LondonMoskau bisher nicht hergestellt wurde und daß solche Tatsachen, die die öffentliche Meinung in Erstaunen setzen, wie z. B. das un­erwartete Erscheinen des Premiers auf einem Abend in der Sowjetbotschaft, besonders auf äußer­liche Wirkung berechnet waren, nicht aber aus dem früheren vertraulichen Kontakt zwischen den beiden Mächten sich ergeben. Der erste konkrete Zug Eng­lands ist die Ausdehnung der Sendung Hudsons nach Moskau. Diesen Zug hat man sowjebischerseits wie bisher mit Zurückhaltung ausgenommen.

lieber seine geplanten Unterredungen in War­schau sprach Herr Hudson nicht viel und in all­gemeiner Weise, wobei er betonte, daß er für sie kein vorbereitetes starres Programm habe. Sein Ziel ist es, eine Erhöhung des gegenseitigen Um­satzes zu veranlassen und zur Stärkung der pol­nischen Ausfuhr nach den devisenfreien Märkten beizutragen bei gleichzeitiger Erhöhung der eng­lischen Ausfuhr nach Polen und bei eventueller Hilfe durch den englischenExportkredit".

Edward R a c z y n s k i, Botschafter der Republik Polen.

ÜSA.-VoWaster ZMl eniwilteli Kriegspläne.

Dokument 4.

Bericht des Polnischen Botschafters in Washington, Grafen Jerzy P o t o ck i, an den Polnischen Außen­minister in Warschau vom 21. November 1938. Botschaft der Republik Polen in Washington.

Washington, den 21. 11. 1938.

Betr.: Unterredung mit Botschafter Bullitt.

An den Herrn Außenminister in Warschau.

Vorgestern hatte ich eine längere Unterredung mit dem Botschafter Bullitt, der hier in Ur­laub ist.

Eingangs bemerkte er, daß sehr herzliche Be­ziehungen ihn mit dem Botschafter Lukasiewicz in Paris verbinden und daß er mit ihm sehr gerne verkehrt*

Da Bullitt den Präsidenten Roosevelt über die internationale Situation in Europa ständig informiert, und vor allem über Rußland, werden seine Mitteilungen vom Präsi­denten Roosevelt und dem Staatsdepartement mit großer Aufmerksamkeit ausgenommen. Bullitt spricht lebhaft und interessant. Jedoch entspricht seine Re­aktion auf die europäischen Ereignisse mehr der Ansicht eines Journalisten als Politikers, da er in

feiner Unterhaltung die ganze Skala der sehr ver­wickelten europäischen Fragen berührte. Aus ihnen zieht er sehr negative Folgerungen.

Bullitt zeigte in seiner Unterhaltung im allge­meinen einen großen Pessimismus. Er sprach da­von, daß das Frühjahr 1-939 zweifellos wiederum sehr aufregend sein wird, verstärkt noch durch das ständige Aufblitzen der Kriegsmöglichkeiten und der Drohungen von feiten Deutschlands, sowie der Ge­fahr der ungeklärten Verhältnisse in Europa.

Er stimmte mit mir überein, daß der Schwer­punkt der europäischen Frage sich vorn Westen nach dem Osten verschoben habe, da die Kapi­tulation der demokratischen Staaten in München ihre Schwäche gegenüber dem Deut­schen Reiche offenbart hat.

Sodann sprach Bullitt über das vollständige Nichtvorbereitetsein Großbritanniens zum Kriege und über die Unmöglichkeit, die englische Industrie auf die Massenkriegsproduktion, insbesondere auf dem Gebiet des Flugzeugwesens, umzustellen. lieber die französische Armee äußerte er sich mit unge- wöhnlichern Enthusiasmus, bestätigte jedoch, daß das französische Flugwesen überaltert sei. Nach

dem, was die Militär-Experten Bullitt während der Herbstkrise des Jahres 1938 gesagt haben, würde ein Krieg mindestens 6 Jahre dauern und würde nach ihrer Ansicht mit einer völligen Zer­schlagung Europas und mit dem Kommunismus in allen Staaten enden. Zweifellos würde Sow­jetrußland am Schluß davon den Nutzen ziehen^ lieber Sowjetrußland sprach er mit Ge­ringschätzung. Er redete davon, daß die letzte Reinigung, und insbesondere die Beseitigung Blüchers, eine vollständige Desorientierung in der Roten Armee hervorgerufen habe, die zu keiner kriegerischen aktiven Anstrengung fähig sei. Im allgemeinen ist Rußland, wie er sagte, gegenwär­tig der Kranke Mann von Europa. Er verglich es mit dem ottomanischen Vorkriegsstaat.

lieber Deutschland und den Kanzler Hitler äußerte er sich mit größter Vehemenz und mit st a r k e m haß. Er sprach davon, daß nur Stärke, und zwar am Schluß eines Krieges, der wahnsinnigen Expansion Deutsch­lands in Zukunft ein Ende machen könne.

Auf meine Frage, wie er sich diesen kom­menden Krieg vorstelle, erwiderte er, daß vor allem die Vereinigten Staaten, Frankreich und England gewaltig auf­rüsten müßten, um bdr deutschen Macht die Stirn bieten zu können.

Dann erst, wenn der Augenblick reif ist (sprach Bullitt weiter), wird man zu der letz­ten Entscheidung schreiten können. 3d) fragte ihn, in welcher Weise die Auseinandersetzung erfolgen könne, da Deutschland vermutlich nicht England und Frankreich als Erster angreifen werde. Ich sehe einfach nicht den anhakenden Punkt in dieser ganzen Kombination.

Bullitt erwiderte, daß die demokratischen Staaten absolut noch zwei Jahre bis zur voll­ständigen Aufrüstung brauchten. In der Zwi­schenzeit würde Deutschland vermutlich mit sei­ner Expansion in östlicher Richtung vorwärts- schreilen. Es würde der Wunsch der demokratischen Staaten sein, daß es dort im Osten zu kriegerischen Aus­einandersetzungen zwischen dem Deut­schen Reich und Rußland komme. Da das Kräfte-Potential der Sowjetunion bisher nicht bekannt fei, könne es fein, daß sich Deutschland zu weit von seiner Basis entferne und zu einem langen und schwächenden Krieg verurleill werde. Dann erst würden d i e demokratischen Staaten, wie Bullitt meint, Deutschland attackieren und es zu einer Kapitulation zwingen.

Auf meine Frage, ob die Vereinigten Staaten an einem solchen Kriege teil* nehmen würden, antwortete er: »Zwei­fellos s a, aber erst dann, wenn England und Frankreich sich zuerst rührten!" Die Stim-

(Fortsehung im zweiten Blatt, Seite 1.)

Hauptschriftleiter: Dr. Friedrich Wilhelm Lange. Stellvertreter deS Hauptschriftleiters: Ernst Blumschetn. Verantwortlich für Politik," Feuilleton und Bilder: Dr. Fr. W. Lange; für Stadt Gießen, Provinz, und Wirtschaft: Ernst Blumschein; für Sport: Heinrich Ludwig Neuner^ Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei R. Lange K. G. Berlagdleiter: Dr.-Ing. Erich Hamann; Anzeigenleiter: Hans Beck. Verantwortlich für den Inhalt der Anzeigen: Theodor Kümmel. Pl.Nr.5.

Gießen, im April 1940.

01213

Allen denen, die unserer treuen, unvergeßlichen Mutter soviel Liebe und Verehrung während ihrer Leidenszeit und bei ihrem Ableben entgegenbrachten, sei herzlichst gedankt.

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Bekanntmachung.

Die Geschäftsstellen des Ernährungs-und Wirtschafts­amtes bleiben am Mittwoch, dem 3., und Donnerstag, dem 4. April 1940, wegen Erledigung der Vorarbeiten für Herausgabe der Zusatzkleiderkarten geschlossen.

Gießen, den 2. April 1940.

Der Oberbürgermeister. ,669c

Bekanntmachung.

Betr.: Lebensmittelbewirtschaftung.

Nach dem Erlaß des Herrn Reichsministers für Ernährung und Landwirtschaft vom 12. März 1940 sind die dem Verbraucher zustehenden Lebensmittel­mengen für die Zeit vom 8. 2Iprilz bis 5. Mai 1940 wie folgt festgesetzt worden:

I.

Lebensmiltelzuleilungen.

Die dem Verbraucher für die Zeit vom 8. April bis 5. Mai 1940 auf Karten zustehenden Lebens­mittelmengen bleiben gegenüber den Rationen der Zuteilungsperiode vom 11. März bis 7. April 1940 bis auf den Fortfall der auf die Fleischkarte erfolgten Sonderzuteilung an Kunsthonig unverändert. Auch auf die einzelnen Abschnitte der Lebensmittelkarten können dieselben Mengen wie bisher bezogen werden.

Bezug von Teigwaren.

Teigwaren werden nicht mehr auf bestimmte Ein­zelabschnitte der Nährmittelkarte aufgerufen. Die hierfür vorgesehenen Abschnitte der Nährmittelkarte sind vielmehr mit dem AufdruckT" versehen. Aus einem Vermerk auf dem Stammabschnitt ergibt sich, auf welche Abschnitte lediglich Nährmittel und auf welche Abschnitte Teigwaren oder Nährmittel be­zogen werden können. Die Teigwarenrationen bleiben gegenüber den Sätzen der vorhergehenden Zutei­lungsperiode unverändert. Können jedoch Teigwaren nicht ausgeliefert werden, so kann der Versorgungs­berechtigte hierfür sonstige Nährmittel beziehen.

Abgabe von Back- und Süßwaren unter Entgegennahme von Zucker oder Zuckerkarten.

Wie aus Kreisen der Verbraucherschaft immer wieder verlautet, gehen einzelne Bäckereien, Kon­ditoreien sowie Einzelhandelsgeschäfte dazu über, bestimmte Back- und Süßwaren nur gegen Abgabe von Zucker oder Zuckerkarten zu verkaufen. Ich weise ausdrücklich darauf hin, daß diese Handhabung unzulässig und strafbar ist. 167OC

II.

Abgabe der Bestellscheine.

Die Bestellscheine, einschließlich des Bestellscheines 2 der Reichseierkarte, find in der Woche vom 1. bis 6. April 1940 bei den Verteilern abzugeben.

Der Oberbürgermeister der Stadt Gießen.

I. V.: Nicolaus, Beigeordneter.

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