Ausgabe 
2.4.1940
 
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Frankreichs Beziehungen zu Polen

Betracht ziehen, Ende Dezember

machte.

Kritik an Sonnet

polnische Sesriedigimg.

Sonnet und Daladier über Polen

Englands Wirtschastsinlereffen

Paris, den 1. Februar 1939. Streng geheim.

Auf Re- wir Un-

Botschaft der Republik Polen. Nr. 1/57.

An den Herrn

Außenminister

in Warschau.

Dokument 8.

Bericht des polnischen Botschafters in Paris, Jules Lukastewicz, an den polnischen Außenminister in Warschau vom 1. Februar 1939.

Politischer Bericht Nr. IV/1.

Dokument 10.

Bericht des polnischen Botschafters in London, Graf Edward Raczynski, an den polnischen Außen­minister in Warschau vom 9. März 1939.

Politischer Bericht Nr. 6/2.

Botschaft der Republik Polen. Geheim! Er/Mr Nr. 57/Tjl22

London, den 9. März 1939.

An den Herrn Minister für auswärtige Angelegen­heiten in Warschau.

Herrn Hudsons Wirtschaftsmission.

Heute war bei mir zum Frühstück Herr Hud­son,der parlamentarische Sekretär für den Außenhandel", den ich zugleich mit einigen Mit­arbeitern sowie Beamten der Foreign Office und des Schatzamtes zu mir gebeten hatte, im Zusam­menhang mit meiner beabsichtigten Reise nach Warschau in der zweiten Hälfte dieses Monats. Dieses gesellschaftliche Zusammenkommen gab mir Gelegenheit, schnell und freundschaftlich ein Miß­verständnis zwischen mir und den Engländern zu beseitigen, das hinsichtlich der britischen Einfuhr nach Polen (Zuteilung der Kontingente) aufge­taucht war. Ich schrieb darüber in einem beson­deren Bericht vom 10. März Nr. 57/Tj/123.

Die zufriedenstellende Wendung dieser Angelegen­heit schuf gute Bedingungen für einen sehr freund­schaftlichen Gedankenaustausch. Herr Hudson, den ich schon seit einigen Jahren, allerdings nur ober­flächlich kenne, machte auf mich einen starken Ein­druck durch seine etwas primitive, aber mit Energie geladene Gradlinigkeit und durch das offene Her­angehen sogar an heikle politische Themen, eine Methode, die sich von der Diskretion der Beamten des Foreign Office ja sehr unterscheidet. Diese Methode wird wahrscheinlich teilweise bewußt und absichtlich angewandt und beruht auf dem Entschluß der hiesigen Regierung, nach außen die Kraft, die Entschlossenheit und den Optimismus Großbritan­niens zu zeigen, um auf kontinentale Gesprächs­partner Eindruck zu machen. Außerdem ergibt sie sich sicherlich aus der individuellen Veranlagung Herrn Hudsons, der entschlossen zu sein schemt in die Rolle einesReisenden" im Auftrage von White- hall aufzutreten, in der Auswahl der angebotenen Waren, an denen die für Großbritannien sich erkla- renden Kontrahenten tellhaben sollen, viel Platz für

erinnern, deren Gegenstand wir nach der Münche­ner Konferenz waren, und welche mit einem eigent­lich allgemeinen Vorschieben der ukrainischen Frage in der französischen Presse und öffentlichen Mei­nung endeten, wenn wir ferner in *"t*"**

daß im Grunde genommen bis Ende

die überwiegende Mehrheit der französischen Poli­tiker nicht nur Mitteleuropa, sondern auch uns als ein vom Westen als solches anerkanntes Gebiet der

Ich erlaube mir, persönlich die Aufmerksamkeit des Herrn Ministers auf eine gewisse Veränderung zu lenken, welche anscheinend in der französischen Politik bei der Ausrichtung ihres Verhältnisses zum Bündnis mit uns und zum Pakt mit Sowjet- rußland eintritt. Obwohl Minister Bonnet die Charakterisierung des Verhältnisses zu den Ver­trägen mit uns und mit der Sowjetunion in einer Aeußerung zusammenfaßte, kann man mit aller Gewißheit feststellen, daß unsere Lage sowohl in der französischen politischen Auffassung, wie auch in maßgebenden Regierungskreisen unvergleichlich besser ist als die der Sowjetunion, wir st e h e n sozusagen an erster Stelle. So sehr auch vor dem September Sowjetrußland als wichtig­ster Bündnispartner in Osteuropa angesehen wurde, welcher eventuell auf uns einen Druck ausüben sollte, so ist die Lage doch jetzt umgekehrt. Polen tritt in d i e Rolle des hauptsächlich st en Partners Frankreichs, Sowjetruß­land gilt jetzt mehr als ein Hilfs fak- t o r bzw. als ein nur formaler, welcher den Rücken Polens decken soll. Auch auf diesem Gebiet sind wir also Zeugen einer wünschenswerten und gesunden Entwicklung, die mit dem realen Kräfteverhältnis in Osteuropa in Uebereinstimmung steht.

Wenn wir alles das Obige zusammenfassen, möch­ten wir unserer Ueberzeugung Ausdruck geben, daß wir in unserem Bestreben nach einem voll­kommenen Ausgleich und einer Normalisierung der Bündnisbeziehung zu Frankreich letzthin einen recht großen Schritt vorwärts getan haben, vor allem was die Wendung in den hiesigen Anschauungen und der Presse betrifft. In der allernächsten Zu-, kunft haben wir wahrscheinlich mit zwei E v e n - tualitäten zu rechnen:

Sicherheit und Vertrauen" bereit zu halten. Diese Sachlage mindert keineswegs die Bedeutung der Reise Herrn Hudsons nach einigen europäischen Hauptstädten, sondern legt meines Erachtens eine vorsichtige und eher schmälernde Deutung der Er­klärungen Herrn Hudsons nahe, soweit sie nicht konkrete Versicherungen oder Verpflichtungen, son­dern mehr allgemeine und unverbindliche Aeuße- rungen von eher propagandistischem Wert sind.

Englands Handelsneid gegen Deutschland.

Dank der impulsiven Art und der Unmittelbar- feit von Herrn Hudson war die Unterhaltung mit ihm allerdings besonders interessant. Er verhehlte nicht seine Ueberzeugung, daß die ganze grundsätzliche Anstrengung Englands von dem Gesichtspunkt geleitet ist, sich der deutschen Drohung entgegen- zustellen. Die Gefahr, die von feiten Italiens drohen kann, schätzt Herr Hudson gering. Er meint, daß Italien wirtschaftlich so erschöpft sei, daß es sich kein für England bedrohliches selbständiges Vorgehen erlauben könne. Aber auch in der Be­urteilung des deutschen Problems offenbarte er viel Optimismus. Er sagte mir, daß seines Er­achtens:Wir uns schon fast hinter dem Stadium der Gefahr befinden." Insbesondere wünsche Deutschland sehr ein wirtschaftliches Einverständ­nis, dessen Fürsprecher u. a. Herr Funk sei. Dazu mache die Deutschen die schwere Wirtschaftslage geneigt, die wie Herr Hudson meint jetzt bei der abnehmenden Ausfuhr usw. eine starke Der- schärfung erfahre, und die sich besonders im Som­mer dieses Jahres verschlimmern solle. Herr Hud­son glaubt, daß eine englisch-deutsche Wirtschafts. Verständigung am wahrscheinlichsten im Rahmen von Kartelloerträgen sei, die jedoch jede Ausschließ- lichkeit auf Kosten der wirtschaftlich schwachen Staaten unmöglich machen würden. Außerdem sei die britische Regierung entschlossen, von keinem europäischen Markt -urückzuweichen und auf seinen Besitzstand nicht zu Gunsten des Deutschen Reiches zu verzichten. Das bedeute jedoch nicht, daß Großbritannien Deutschland den ersten Platz streitig machen wolle, den es aus natürlichen, geopolitischen usw. Grün- den auf einigen mitteleuropäischen Märkten inne-

deutschen Expansion behandelt haben wollten, kann man feststellen, daß in der politischen Anschauung der Franzosen in bezug auf uns eine recht tiefe und wesentliche Wendung vorgegangen ist. Die deutliche Abneigung gegen Polen wird durch ein Verständnis dafür ersetzt, daß wir auf dem Kontinent der einzige Staat sind, welcher bei der Entwicklung des Problems der französischen Sicher­heit eine wichtige und positive Rolle spielen kann. Obiges ist natürlich die Folge einer bedeutenden Verschlechterung der französischen Lage, außerdem wird Frankreich von Gefahren bedroht, welche die Menschen hier nervös machen und beunruhigen. Doch glaube ich nicht, daß diese Wendung nur das Symptom einer Konjunktur ist.

Die Haltung der französischen Deff entlief) feit gegenüber Polen, welche hier unlängst einen Be­

standteil ihrer Tendenz, sich gegen Deutschland offensiv zu verteidigen, darstellte, ist jetzt durch eine Einstellung ersetzt worden, die zwar immer noch auf der Verteidigung beruht, aber jetzt schon eines jeden offensiven Charafters entfleidet ist.

Es wäre aber gefährlich und unrichtig, zu be­haupten, daß die französische Regierung das Bünd­nis mit Polen schon in seinem vollen Wert würdigt und entschlossen ist, aus diesem ein wesentliches Element seiner Politik zu machen. Vorläufig kann man nur feststellen, daß die französische Regierung, die es vermeidet, sich allzu kategorisch festzulegen, bezüglich der Verträge zwischen Frankreich und Polen ihren guten Willen bezeugt und für die Aus- rechterhaltung guter Beziehungen zu uns Sorge trägt.. Dies ergibt sich nicht nur aus dem gewissen Defaitismus, welcher Frankreichs offizielle Politik nach der Münchener Konferenz charakterisiert, son­dern auch aus dem Mangel irgendeines neuen positiven Plans in dieser Politik.

Eine weitere günstige Entwicklung der franzö­sischen Politik uns gegenüber kann entweder bann erfolgen, wenn sich die Gefahren, die Frankreich bedrohen, verschärfen, ober wenn sich unsere Lage in Ostmitteleuropa weiterhin konsolibiert und unser Einfluß dort wächst. In der französischen Politik kämpfen zwei Tendenzen, das alte, unter dem Ein­fluß der letzten Ereignisse merklich verringerte Streben, ihren Einflüssen die sogenannten kleine­ren Staaten des europäischen Kontinents unterzu- ordnen bzw. sie als Handelsobjekte mit Deutschland zu benutzen, außerdem aber das immer kräftige Bestreben, sich, selbst in Europa den Frieden zu sichern.

Es ist natürlich, daß mit dem Augenblick, mit dem sich im Maß der Entwicklungen der allgemeinen, und unserer im besonderen, Situation zeigt, daß eine Zusammenarbeit mit Polen nicht nur vom Gesichtspunkt einer Sicherung der elementaren Sicherheitsbedingungen, natürlich auf Kosten eines gewissen Risikos, von Bedeutung werden kann, die Haltung zu dem Bündnis mit uns, welche bis jetzt noch nicht entschieden und voll innerer Vorbe­halte ist, einer positiven wünschenswerten Entwick­lung unterliegen kann.

Hierauf wird aber immer der Standpunkt der englischen Regierung von Einfluß sein, welcher sicher noch für lange Zeit für die französische Politik maßge­bend sein wird.

Unter diesen Umständen sowie auf Grund der Verschlechterung von Frankreichs internationaler Lage wurde Ihr mehrtägiger Aufenchalt, Herr Mi­nister, in Monte Carlo und Ihr Besuch beim Kanzler Hitler in Berchtesgaden für die ganze französische Presse und viele hiesige Politiker zum Ausgangspunkt für eine Kritik an der Politik von Minister Bonnet gegenüber Polen, man forderte von ihm eine Klärung seiner Haltung zum Bündnis mit Polen.

Ein sehr bedeutender Teil der Presse warf Mi­nister Bonnet vor, daß er Ihren Besuch in Süd- frankreich nicht dazu benutzt hat, um sich mit Ihnen zu treffen und unmittelbar politischen Kontakt auf­zunehmen. Als die Nachricht von Ihrer Abreise nach Berchtesgaden bekannt wurde, erschienen nicht nur nicht in der französischen Presse die früheren kriti- scheu Aeußerungen weiter, sondern im Gegenteil alle Vorwürfe richteten sich an die Adresse von Mi­nister Bonnet. Letzterer versuchte, wie es scheint, die Angriffe unschädlich zu machen, denn er verbreitete in Gesprächen mit einigen Parlamentsmitgliedern die Ansicht, daß in Polen die innere Lage sehr schwierig sei und daß uns von Deutschland Gefah­ren drohen. Doch unterlagen meine Beziehungen sowie die meiner Mitarbeiter, zu einer großen An­zahl von Deputierten ebenso wie zu den Presse­leuten in der Zwischenzeit einer so bemerkenswerten Berbefferung, daß es für uns nicht schwierig war,

waren.

Bei gllen Gelegenheiten, und zwar noch ganz kürzlich, hat die polnische Regierung uns die Versicherung erneuert, daß die französische Freundschaft eine der wichtigsten Grundlagen der polnischen Politik darstellt.

So sollte man, meine Herren, endlich mit der falschen Darstellung Schluß machen, daß unsere Politik die Abmachungen gestört hätte, die wir in Osteuropa mit der UdSSR, ober mit Polen getroffen haben.

Diese Abmachungen bestehen immer noch, und sie müssen mit dem Geist angewandt werden, in dem sie begonnen sind."

Obige Erklärungen von Minister Bonnet wurden dann noch in der Rede des Premierministers Da­ta d i e r, die der Abstimmung über das Vertrauens­votum in der Kammer vorausging, vervollständigt. Nach einer kurzen Charakteristik der Beziehungen Frankreichs zu seinen Nachbarn und zur UbA. äußerte der Premierminister nämlich folgendes:

, .. ist es notwendig hinzuzufügen, daß es keineswegs in dem Gedanken der Regierung liegt, die Pakte abzufchwächen, die Frankreich mit anderen Völkern verbinden? Im Gegenteil, wir find entschlossen, sie aufrechtzuerhalten. Wenn ich dann auf eine Analyse der genannten Erklärungen des französischen Premierministers und des Außenministers eingehe, muß ich als erstes be­merken, daß die Rede von Minister Bonnet von Anfang bis zu Ende den Charakter einer Ver­teidigung vor Kritiken trug, auf die feine Politik ebenso eitens der Presse wie der Parlamentsredner gestoßen war. Seine Rede war mehr cm Referat, als eine politische Rede, aus demselben Grunde wurde auch bas Expose des Außenministers durch die Kammer gleichgültig ausgenommen und ziemlich allgemein als ungemein blaß und ausdruckslos kritisiert. Erst die Rede des Premierministers, die in ihrem Inhalt und Ton energisch und politisch weit bedeutender war, ließ die lange parlamenta­rische Debatte über Frankreichs Außenpolitik in einer Atmosphäre stärkeren Interesses eitens der Kammer und gleichsam einer aufgeruhrten patrio­tischen Stimmung zu Ende kommen.

Sicher ist aber, daß die Rede von Minister Bon­net für ihn keinen Erfolg darstellte und feine feit längerer Zeit geschwächte Position tn keiner Weise

Zweifellos verteidigte sich Minister Bonnet mehr vor den Angriffen, als daß er positive Limen der franwsifchen Außenpolitik umritz dieses fetzte aber die Bedeutung feines Exposes als eines Dokumen­tes der Politik der von ihm reprafenherten Regie­rung herab.

Aach her Münchener Konferenz.

Trotz allem zeugen sowohl die Parlaments­debatte, wie auch die Aeußerungen der Regierungs­mitglieder, von denen oben die Rede war, unwider­leglich von einem großen Schrittvorwarts

Die Diskussion über die Fragen der französischen Außenpolitik, welche gestern im hiesigen Parlament mit einem Vertrauensvotum für die Regierung des Herrn Daladier mit 379 gegen 234 Stimmen ab­geschlossen wurde, veranlaßt mich, Ihnen, Herr Minister, meine Ansichten oorzutragen, und zwar in erster Linie über den gegenwärtigen Stand der Beziehungen von Frankreich zu uns über die es mit Polen verbindenden Verträge.

Wie ich schon in meinem früheren Bericht vom 17. Dezember 1938 erwähnte, wurde in den politi­schen Kreisen Frankreichs das Problem der Be­ziehungen zu Polen nach den Septemberereignifsen durch die Tatsache der Unterzeichnung der fran­zösisch-deutschen Nichtangriffserklä­rung aktuell. Seit dieser Zeit begann die fran­zösische Presse, den Beziehungen zu Polen mehr Platz und Aufmerksamkeit zu widmen. Es war auch möglich, bei einer Reihe von Politikern sowohl der Rechten, wie auch der Linken ein stärkeres, leb­hafteres Interesse an diesem Problem zu beobach­ten bezw. ein solches wackzurusen. Es wurde offen­bar, daß die Abneigung hinsichtlich Polens, die auf Grund der Septemberereignisse entstanden war, zu verschwinden begann und einer vernünftigen, ob­jektiveren und realistischeren Einstellung Platz

in der Entwicklung von Frankreichs politischen Anschauungen seit der Zeit ihres vollkommenen Zusammenbruches nach der Katastrophe der Münchener Konfe­renz. In erster Linie bezieht sich dies auf das Problem des Verhältnisses zu Polen. Was näm­lich die Beziehungen Frankreichs zu England, den' Vereinigten Staaten, Deutschland und Italien und sogar die spanischen Fragen anbetrifft, fo haben in dieser Beziehung weder die Parlamentsdebatte, noch die Erklärungen der Regierungsmitglieder irgend etwas neues gebracht. Die mitteleuropäischen Fragen wurden im Vorbeigehen und unpolitisch be­handelt, ebenso wie der Ferne Osten. Ein tatsäch­liches Novum bildete aber die Feststellung der Aufrechterhaltung der Verpflich­tungen gegenüber So w j etrußland und Polen, wobei das Gewicht deutlich auf die Beziehungen mit Polen gelegt wurde. Diese entwickelten sich letzthin in Form eines freundschaft­lichen informatorischen Kontaktes auf* Grund von Unterredungen und Verhandlungen mit Deutschland.

Wenn man sich vergegenwärtigt, welches unsere Lage in den Anschauungen der Franzosen vor kaum vier Monaten war, wenn wir uns an die Angriffe

diesem übrigens recht naiven Manöver entgegen­zuarbeiten.

Im übrigen waren die Resultate Ihres Treffens, Herr Minister, mit dem Kanzler in sich fo beredt, daß sie die Kritik an Minister Bonnet sehr wesent­lich verstärkten. Man verstand in Frankreich, daß nicht nur die unmittelbaren polnisch-deutschen Be­ziehungen keiner Verschlechterung unterlagen, son­dern daß wir sogar mittelbar nicht bedroht sind, weder durch die sogenannte ukrainische Aktion des Kanzlers Hitler, noch durch irgendwelche feiner Ge° waltmaßnahmen in Mitteleuropa. Auf die Zeit der Beunruhigung folgte die hier nach der Münchener Konferenz vorherrschende Furcht vor einem Siche inlaffen in Fragen O st - und Mit­teleuropas, welche durch unmittelbare Kriegs­gefahren aufgeputscht war. Obschon das Treffen in Berchtesgaden zu einer bedeutenden Entspannung der Lage in Ost- und Mitteleuropa führte, kann die Gefahr einer expansiven Aktivität Deutschlands sich leicht in Westeuropa fühlbar machen, und das im Zusammenhang mit der brutalen anti-französischen Kampagne, die von Italien geführt wird und die die Hoffnungen der Franzosen verminderte, daß dieses sich in den Rahmen der sogenannten impe­rialen Politik einschließen würde. Die Resultate der englischen Ministerbesuche in Rom verminderten diese Beunruhigung nicht im geringsten.

Infolgedessen wurden die Stimmen, welche eine Klärung der Beziehungen zu Polen und eine ver­nünftige Politik diesem gegenüber forderten, immer häufiger, im wahrsten Sinne des Wortes tägliche. Sehr wichtig war die Tatsache, daß die Aktion der Kritiker von Minister Bonnet nicht auf einer vor­sorglichen Beunruhigung bezüglich der Lage Polens beruhte, sondern daß sie durch eine gesunde Fürsorge wegen der sich ständig verschlechternden internatio­nalen Lage Frankreichs und durch die Einsicht, daß ein französisches Desinteressement an den Fragen Mittel- und Osteuropas unsere Lage gegenüber Deutschland erschwert, hervorgerufen wurde.

In dieser Atmosphäre der Angriffe seitens der Presse vor allen Dingen wegen polnischer Fragen und einer gewissen ungeschickten Verlegenheit von Minister Bonnet begann in der Deputiertenkammer die Debatte über Frankreichs Außen­politik. Die Stimmung der Presse über trug sich eigentlich vollständig auf die Tribüne des Parla­ments. Mit wenigen Ausnahmen E. Flandin war die bemerkenswerteste gab es kaum einen De­putierten, welcher in seiner Rede die Beziehung zu Polen nicht erwähnte oder wenigstens nicht Minister Bonnet vorhielt, daß er die Gelegenheit zu einem Treffen mit Ihnen, Herr Minister, so kurzsichtig oorübergehen ließ. Diesmal waren es nicht nur mehr die Stimmen der Russenfreunde, welche in der Verteidigung der Beziehungen mit Polen eine günstige Annäherung zu der Ihnen am Herzen liegenden Zusammenarbeit mit Moskau sahen, son­dern auch zahlreiche Stimmen entschiedener Gegner des französisch-russischen Paktes.

So kann man ganz objektiv feststellen, daß die Frage der Beziehungen zu Polen durch bte Mit- glieder der Deputiertenkammer sehr aktuell getpor- - den ist, und zwar, von uns aus gesehen, in einer , sehr positiven Weise. Es war klar, daß dank diesem > und leider wahrscheinlich nur dank diesem die Re- i gierung sie nicht wird mit Schweigen übergehen , können.

über seine Unterredung ins Bild zu setzen, diese Weise sind wir mit der Warschauer gierung immer im Kontakt geblieben und haben, jedesmal wenn es nützlich war, die terrebungen mit ihr gehabt, die durch die beson- deren Beziehungen der beiden Länder und durch

die Entwicklung der Ereignisse gerechtfertigt

1. Intweder die Bedrohung Frankreichs seitens Italiens und Deutschlands wird wachsen, in diesem Falle werden wir das Objekt eines Drucks von Frankreich sein, das sich die Lage dadurch zu er­leichtern sucht, daß man Deutschlands Handlungs­freiheit in gewisser Weise lähmt,

2. oder aber man wird versuchen, Möglichkeiten zu finden, um zu einer dauerhaften Entspannung der Lage in Europa zu kommen. Dies stellt uns vor die schwierige Aufgabe, die Ergebnisse und Möglichkeiten unserer konstruktiven Friedensarbeit zu verteidigen und aktiv auszuwerten.

Meiner Meinung nach wird diese Aufgabe wirk- lich schwierig sein, denn bis jetzt hat man im 23 e ft en unsere Rolle in der Befrie­dung Ostmitteleuropas noch nicht er­kannt. Die französischen Politiker, wie auch die hiesige Oeffentlichkeit (in England, nehme ich an, wird es genau so sein) sind geneigt, die bisherigen positiven Resultate unserer Friedenspolitik als Er- gevnis eines augenblicklichen guten Willens, oder vielmehr der vorübergehenden Pläne des Kanzlers Hitler, nicht aber als Resultat unserer eigenen Ak­tivität und Machtstellung zu behandeln. Aus eben diesen selben Gründen scheint ihnen unsere Lage ständig in Frage zu stehen, und unsere Möglich­keiten ihnen sehr zweifelhaft zu sein. Unter dem Einfluß der letzten Ereignisse und Ihrer Maßnah- men, Herr Minister, nur ist das Vertrauen zu der wirklichen Selbständigkeit und Unabhängigkeit un- serer Politik gewachsen. Doch ist das noch nicht mit einem Vertrauen in unsere Chancen und Macht­möglichkeiten gleichbedeutend.

Der Botschafter der Republik Polen: L u k a s i e w i c z.

Minister Bonnet, ber Presse- und Parlaments­attacten gegenüber besonders empfindlich ist, horte noch am Ende der vorigen Woche anscheinend mit kleinen Diversionsmanövern gegenüber seinen An­greifern nicht auf, doch entschloß er sich, sich über die französisch-polnischen Beziehungen zu äußern. Ich hatte z. B. unerhörte Schwierigkeiten, um Die Pari er Presse dazu zu bringen, das Interview, das Sie der North American Preß Alliance erteilt haben, zu wiederholen in d-iefer Sache arbeitete mir der Quai d'Orsay deutlich entgegen. Wie Ihnen, Herr Minister, bekannt ist, informierte er mich darüber in einem im übrigen zufälligen Gespräch am vergangenen Freitag, dem 20. d. M. In feinem Expose, das er am 26. d. M. in der Deputiertem fammer verlas, erwähnte Minister Bonnet uns zweimal. Die diesbezüglichen Absätze feiner Rede waren folgende: -

1. Bei Besprechung der französisch-deutschen Er- """Ich habe nicht nötig zu sagen, meine Herren, daß wir von unseren Verhandlungen die wich- tigften Länder, mit denen uns Freundschaften verbinden, informiert haben: Polen, Belgien, England, die UdSSR., die Vereinigten Staaten von Amerika. . ,

Wie haben diese das Abkommen aufgenom­men? Im Unterhaus hat Herr Neville Chamber- Iain erklärt, daß die englische Regierung eine besondere Genugtuung darüber empfunden habe, daß Frankreich -in der Lage gewesen fei, em Ab­kommen mit Deutschland abzuschließen. In Ame­rika haben die Leitartikel der drei größten Zei­tungen von Neuyork und Wafhington ihr vol es Verständnis für die französische Politik zum Ausdruck gebracht. Polen ^t mitgeteilt, daß feine Regierung über den glücklichen Abschluß der französisch-deutschen Deklaration sehr befrie- 2^ Beider Besprechung der Beziehungen mit Rußland und mit Polen: .

Was die Beziehungen mit Sow,etrußland und Polen anbetrifft, so haben mit diesen Staa­ten wiederholte Konsultationen stattgefunden. So bin ich während her Septemberkrise in engem Kontakt bald mit Herrn Litwinow gewesen, den ich mehrmals in Senf und inJPans «eHen habe, bald mit dem BotMMer der UdsSR^ ,n Paris, um gemäß dem Pakt von 1935 die An sichten unserer beiden Regierungen auszutau- ^Frankreich hat auch seine traditionellen Freund- fchaftsbeziehungen mit Polen unterhalten. Ge­legentlich der französisch-deutschen Deklar^ian vorn «.Dezember hatte ich. g-maß dem Geist unserer Verträge, den polnischen Botschafter über unsere Absichten ins Bild gesetzt. D'e polnische Regierung hat mir dafür gedankt, daß ich 6 aus dem Laistenden gehalten habe und Hai: mtr mitgeteilt, datz Sie sich über eine Tat deren Ziel, Bedeutung und Tragweite El- hoch em schätzen, nur freuen können. Ebenso hat Herr Beck mich vor seiner Abreise aus Monte Carlo über di- Einladung informiert, die «om Kanzler Hitler erhalten hat. Ich bitte nbr gens das Haus, nicht zu vergessen, dast 1»W" Deutschland und Polen ein Abkommen besteht, das im Jahre 1934 unterzeichnet worden »tönt Beck hat Wert daraus gelegt, unseren Botschafter