Ausgabe 
2.4.1940
 
Einzelbild herunterladen

Der Blick hinter die Knüffen der Kriegshetzer.

Aus der Dokumentensammlung des Auswärtigen Amtes im neuen deutschen Weißbuch bringen wir heute die Dokumente 5, 8, 10, 16, 4 und 9 zur Veröffentlichung

Frankreich und Osteuropa.

Dokument 5.

Bericht des polnischen Botschafters in Paris, Jules Lukasiewicz, an den polnischen Außenminister in

Warschau vom 17. Dezember 1938. Politischer Bericht Nr. X1/3.

Nr. 1 f/38. Paris, den 17. Dezember 1938. Bett: Stellung Frankreichs zu Osteuropa.

Vertraulich.

An den Herrn Außenminister in Warschau.

In Ergänzung meiner telegraphischen Berichte, die ich die Ehre hatte, Herrn Minister, im Laufe der letzten Wochen zu übersenden, gestatte ich mir, hier, mit zusammenfassend meine Meinung über die Außenpolittk Frankreichs nach der Konferenz von München und dem Besuch Ribbenttops darzulegen.

Das wichtigste Ereignis dieses Zeitraumes war natürlich die von Minister Bonnet und Ribbentrop im Paris am 6. Dezember d.J. unterzeichnete fran­zösisch-deutsche Deklaration.

Der französische Wunsch, die Beziehungen zu Deutschland nach der Münchener Konferenz zumindest in dem Maße auszuglei- chen, wie das England durch die Derkündung des bekannten Kommuniques ChamberlainHitler ge­tan hat, war zweifellos deutlich und stark. Wie es scheint, ist die konkrete Initiative jedoch von Kanzler Hitler in seiner Abschieds­unterredung mit Botschafter Francois Poncet aus­gegangen. Französischerseits wurde diese Initiative sehr wohlwollend mit unverborgener Zufriedenheit aufgenommen, ja sogar mit dem Wunsche einer sofortigen Realisierung. Als ich Ende Oktober nach Warschau reiste, kündigte mir Minister Bonnet an, daß die Unterzeichnung und Verkündigung der Deklaratton jeden Tag erfolgen könne.

Diese Annahmen haben sich jedoch aus zwei Gründen nicht bewahrheitet: Die Vereinbarung des Textes ist angeblich nicht ohne Schwierigkeiten vor sich gegangen und andererseits hat die Ermordung des deutschen Botschaftsattaches in Paris von vorn­herein eine zweiwöchige Unterbrechung der Ver­handlungen nach sich gezogen. Wie es scheint, sind die Schwierigkeiten bei der Vereinbarung des Tex­tes auf das Streben Minister Bonnets zurückzu- führen, der Deklaration eine solche Abfassung zu geben, die nicht nur die europäische französisch- deutsche Grenze, sondern auch die Integrität der imperialen Besitzungen Frankreichs anerkennen würde. Der endgülttge Text der Deklaration berück­sichtigt in gewissem Grade das von Minister B o n - n e t gestellte Ziel oder kann zumindest in dieser Richtung ausgelegt werden.

Ribbentrops Besuch in Paris.

Im Augenblick, da der Text der Deklaration end­gültig festgesetzt war, ergriff die deutsche Regierung die Initiative zu einem Besuch Ministers Ribbentrop in Paris. Minister Bonnet hat diese Initiative sofort günstig ausgenommen, wollte er doch sowohl mit Rücksicht auf die innere Lage, wie die ausländische Propaganda, der Deklaration einen möglichst feierlichen Charakter verleihen und um dieses Ereignis herum eine Atmosphäre schaf­fen, die eine tiefere Entspannung der Beziehungen zum westlichen Nachbar erwarten ließ. Wegen des Generalstreiks, der in Frankriech von den Organi­sationen und Arbeiterparteien für den 30. Novem­ber angekündigt worden war, mußte das beinahe schon festegesetzte Datum des Besuches des Ministers Ribbentrop einer Verzögerung von einigen Tagen unterliegen. Der Besuch kam am 6. Dezember in einer Atmosphäre ruhiger Courtoisie von Seiten der Regierung wie der französischen politischen Kreise zustande. Lediglich von der extremen oppo­sitionellen Presse wurde er ungewöhnlich scharf kommentiert. Man gewann den Eindruck, daß die gewaltige Mehrheit der französischen politischen Welt an die Möglichkeit dauerhafter Resultate einer Entspannung mit Deutschland glauben wollte. Das Mißtrauen war aber doch tiefer und stärker und hat im Endergebnis in den Gemütern überwogen. Zur Stärkung dieses Mißtrauens trug natürlich in bedeutendem Maße die italienische antifranzösi­sche Kampagne bei, die auf deutscher Seite keine ernstere Reaktion gefunden hat. Gegenwärtig, das ist kaum eine Woche nach der Abreise Minister Ribbentrops aus Paris, sind sogar die Echos die­ses Besuches verstummt. Sie wurden durch eine neue Unruhe ersetzt, die sowohl durch die italieni­sche Kampagne wie durch die Memelfrage und die Angelegenheit der Ukraine entstanden ist. Man kann mit völliger Sicherheit feststellen, daß die feierlich unterzeichnete Deklaration die französische Meinung dort beruhigt hat, wo es am wenigsten notwendig war, nämlich in der Angelegenheit der französisch-deutschen Grenze. Sie hat dagegen nichts Neues oder Beruhigendes auf dem Gebiet der expansiven Tendenzen Deutschlands und Italiens gebracht, die die hiesige Meinung eigentlich am meisten aufregen. Man muß jedoch gleichzeitig be­tonen, daß, wenn es sich um die Stellung der fran- zösischen Regierung gegenüber dem Parlament, der Börse und der öffentlichen Meinung handelt, die Unterzeichnung der deutsch-französischen Deklaration zweifellos die Lage der Regierung gegenwärttg ge­stärkt hat und ferner die Gegensätze zwischen der Regierung des Ministerpräsidenten Daladier und den extremen Linkselementen, mit den Kommunisten an der Spitze, hervorgehoben und vertieft hat.

Frankreichs Hoffnungen.

Was die Beurteilung der Deklaration seitens der offiziellen politischen Faktoren angeht, so ist sie äußerst vorsichtig und wird von weitaehender Re­serve gekennzeichnet. Aus der Unterredung, die ich über dieses Thema mit Botschafter Legör hatte, ging hervor, daß die französische Seite danach strebte, die französisch-deutsche Entspannung auf allgemein europäischer Basis zu behandeln, d. h. als Ausgangspunkt zu einer weiteren Befriedung der Beziehungen auf diesem Kontinent. Es ist für mich meyr als wahrscheinlich, daß Botschafter Leg6r kon­kret genommen gedacht hat und denkt, durch die französisch-deutsche und italienisch-deutsche Entspan­nung werde so oder so ein Viererpakt zustande kommen. Inwieweit sein Gedanke von Minister Bonnet und der Regierung geteilt wird, ist schwie­rig klar sestzuftellen. Die Stimmen der halboffi- ziellen Presse, die mit dem Quai d'Orsay in engem

Kontakt steht, lassen eher vermuten, daß die Pläne des Herrn LegLr der Regierung nicht fremd sind. Wichtig ist auch die Tatsache, daß Botschafter Legsr an allen Unterredungen mit den Vertretern Deutschlands, die während des Ribbentrop-Besuches stattfanden, teilgenommen hat. Anderseits kann ich jedoch auf Grund einer ausführlichen Unterredung mit Minister Bonnet mit völliger Sicherheit fest­stellen, daß die französische Seite, wenn sie tatsäch­lich danach gestrebt hat, die Entspannung mit Ber­lin auf breiter europäischer Basis zu behandeln, in dieser Hinsicht einen völligen Mißerfolg gehabt hat. Im Endergebnis muß die Erklärung Bonnet- Ribbentrop vorläufig also als zweiseitiger Akt an­gesehen werden, dessen Bedeutung die unmittelbaren französisch-deutschen Beziehungen nicht überschreitet. Don diesem Gesichtspunkt aus betrachtet, hat die Deklaration Frankreich die Anerkennung seiner Ostgrenze gebracht, wie die Bestätigung, daß es zwischen Deutschland und Frankreich keine terri­torialen Angelegenheiten gibt, die sich in der Schwebe befänden. Diese Feststellung wird fran­zösischerseits interpretiert als Anerkennung der In­tegrität des kolonialen Imperiums ohne Oie Man­datsländer. Schließlich hat die Erklärung eine Ver­besserung der Atmosphäre in den nachbarlichen Be­ziehungen gebracht, was wichtig ist im Zusammen­hang mit den Abschnitten aus dem BuchMein Kampf", in dem Hitler Frankreich als Hauptfeind Deutschland betrachtet.

Anderseits hat man jedoch festgestellt, daß die wirtschaftlichen Probleme so kompliziert sind, daß sie längere Verhandlungen erfordern bzw. daß die Verbesserung der politischen Atmosphäre nicht hin­reichend genug war, um die wirtschaftlichen Pro­bleme zu vereinfachen und in schnellem Tempo zu lösen. Was den ersten und den dritten Abschnitt der Deklaration anbelangt, so sind sie vorläufig ein primum desiderium, vielleicht sogar nur eines Partners und entsprechen nicht der Wirklichkeit.

Besondere Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, daß die Unterredungen mit Minister Ribbenttop in zwei für Frankreich wirklich wichtigen Ange­legenheiten, wie die Beziehungen zu Italien und die spanische Frage, nicht nur nichts Positives her- vorgebracht haben, sondern, wie es scheint, für die Zukunft keine Hoffnungen erweckt haben.

Wenn man das Obige zusammenfaßt, muß man konstatieren, daß bei der Ausarbeitung und Unter­zeichnung der deutsch-französischen Deklaration die französische Seite, wenn auch auf diskrete Weise, danach gestrebt hat, diesem Ereignis eine größere politische Bedeutung beizulegen, während die deut­sche Seite es auf einen eminenten zweiseitigen Akt reduzierte. Es ist daher klar, daß das weitere Schick­sal der Deklaration völlig von Berlin abhängen wird, denn man kann schwer annehmen, daß die Absichten der französischen Politik einem ernsteren Wandel unterliegen werden.

Bas Bündnis Frankreichs mit polen.

Vom Augenblick ihrer Anregung an waren die französisch.deutsche Deklaration wie der Besuch Minister Ribbenttops in Paris die er­sten politischen Ereignisse, die den Gesamtkomplex der französischen Politik nach der Niederlage von München, besonders aber ihr Verhältnis zu den Problemen Mittel- und Osteuropas beleuchteten. Die erste Nachricht von der beabsichtigten Unter­zeichnung der Deklaratton unterbrach das nach München oingetretene Schweigen fast der ganzen französischen Presse über das Verhältnis Frank- reichs zu dem Bündnis mit uns, wie dem gegen­seitigen Hilfelerstungsakt mit Sowjettußland. Die ersten, die sich äußerten, waren die glühendsten An­hänger einer Zusammenarbeit mit Sowjettußland, und zwar ,Z)urnanit6",Populaire",Oeuvre", Ordre" usw., einschließlich Perttnax und Frau Tabouis. Sie verteidigten alle den französisch-sow­jetischen Pakt, konnten jedoch unser Bündnis nicht mit ihm auf eine Ebene stellen. Dagegen schwieg die Rechts- und halboffizielle Presse entweder wei­ter oder stellte, wie derTemps" undPetit Pa- risien", fest, daZ wesentliche Problem seien für Frankreich nur die. französisch-englischen Deziehun- gen, während dagegen der Wert des Bündnisses mit Polen und des Paktes mit Sowjettußland in der neuen Situatton zumindest zweifelhaft sei. Der Temps" hat sich übrigens in seinen Leitarttkeln mehrmals dafür ausgesprochen, einem deutschen Imperium in Ost- und Mitteleuropa keinen Wider­stand entgegenzusetzen.

Parallel hierzu hat das Pro-jekt der französisch- deutschen Deklaratton die Frage der internattonalen Verpflichtungen Frankreichs im Kreise der Regie­rung, wo prorüssische Politiker wie Mandel darum bekümmert waren, ob diese Deklaratton mit unserem Bündnis und dem Pakt mit Sowjetruh­land zu vereinbaren sei, aktualisiert. Schließlich wurde hierdurch Minister Bonnet veranlaßt, mit mir über dieses Thema zu sprechen, desgleichen wahrscheinlich auch mit dem sowjetischen und bel­gischen Botschafter.

Die erste dieser Unterredungen fand statt, bevor Minister Bonnet sich mit dem endgültigen festge­setzten Text der Deklaration einverstanden erklärt hatte. Minister Bonnet las mir das Projekt der Deklaratton vor und versah es mit dem mündlichen

Kommentar, daß die Reserve gegenüber den Be­ziehungen zu dritten Staaten auch die Beziehungen zu uns umfasse. Zum zweitenmal kamen wir auf dieses Thema zurück, als ich Minister Bonnet die Antwort des Herrn Ministers auf das obige Kom­munique (vom 28. 11.) überreichte. Herr Minister Bonnet hielt den paraphierten Text der Erklärung des Herrn Ministers in der Hand und bestätigte, die in ihr enthaltene Interpretation des Stand- Punktes der französischen Regierung zu dem Bünd­nis mit uns sei völlig genau. Endlich informierte er mich über seine Unterredungen mit Herrn Ribben­trop und betonte spontan, er habe dem deutschen Partner gegenüber die Sinnlosigkeit sowohl des Bündnisses mit uns, wie des Paktes mit Sowjet­rußland festgestellt.

Ferner scheint das Echo, das die Sitzung der Par­lamentskommission für auswärtige Angelegenheiten vom 14. d. M. in der Presse gefunden hat, darauf hinzuweisen, daß Minister Bonnet, trotzdem er in seinem Expose das Bündnis mit uns, wie den Pakt mit Sowjetrußland nicht erwähnt hatte, dennoch auf an ihn gerichtete Fragen die Antwort gegeben hatte, die Verpflichtungen Frankreichs uns wie Sowjettußland gegenüber dauerten an und seien vollkommen gülttg.

In der Konsequenz des oben Gesagten wäre es jedoch verfrüht, au glauben, das Verhältnis der französischen Regierung, des Parlaments und der politischen Meinung zu dem Bündnis mit uns sei schon geklärt worden. Ich bin der Ansicht, daß wir der wahren Sachlage näher kommen, wenn wir fest­stellen, daß die französisch-decktscke De- klaration das Verhältnis Frankreichs zu seinem Bündnis mit Polen wie zum Pakt mit Sowjetrußland augenblicklich nur aktualisiert hat und daß sie dabei die formelle Gütigkeit dieser beiden Dokumente weder verletzt noch unterhöhlt hat. Es ist zu bemerken, daß die­jenigen französischen politischen Kreise, die sich ge­legentlich der französisch-deutschen Deklaration um die früheren Verpflichtungen Frankreichs beküm­merten, hauptsächlich, ja, fast ausschließlich philo- sowjetische Faktoren waren. Das. Bündnis mit Polen war also eher ein Vorwand, an die Erhal­tung des französisch-sowjetischen Paktes zu denken, nicht aber die Hauptforderung.

Polnische Zweifel.

Wenn man die gegenwärtige Situation vom rein politischen Standpunkt aus analysiert, muß man leider mit ganzer Entschiedenheit konstatieren, daß weder in der Haltung der von Minister Bonnet ver­tretenen Regierung, noch in den Aeuherungen der Parlamentspolitiker oder auch in der Presse irgend etwas zum Ausdruck gekommen ist, was auf die Absicht Hinweisen könnte, dem Bündnis mit uns irgendwelche Lebenskraft zu geben oder es heute als Instrument der französischen Außenpolitik zu behandeln. Dagegen gibt es jedoch keinen Mangel an zahlreichen Hinweisen, die darauf schließen lassen, daß, wenn Frankreich heute aus diesem oder jenem Grunde gezwungen sein sollte, jene Perpflich- hingen auszuführen, die sich aus dem Bündnis mit uns ergeben, die Anstrengungen, sich dieser Ver­pflichtungen zu entledigen, zweifellos größer sein würden, als die Aktion, sie zu erfüllen.

Meine obige Ansicht scheint mit den Erklärungen Minister Bonnets, welche ich die Ehre hatte, Herrn Minister mitzuteilen, nicht im Einklang zu stehen. Dennoch ist sie aber richtig und gibt die wahre Sachlage wieder. Minister Bonnet ist ein schwacher Mensch, der im allgemeinen keine Sache richtig zu vertreten imstande ist und der dem Hang erliegt, sich der Reihe nach jedem seiner Ge­sprächspartner anzupassen. Obwohl ich die Aufrich­tigkeit seiner Aeuherungen uns gegenüber nicht be­urteilen will, so habe ich dennoch nicht die gering­sten Zweifel, daß er sowohl vor der Regierung wie der Presse und dem Parlament in der Angelegen­heit des Bündnisses mit uns nicht die Haltung ein- nehmen wird, die er im Gespräch mit mir zum Ausdruck bringt.

Mehrmals habe ich Minister Bonnet schon un-. mittelbar wie mittelbar auf die gewaltigen Unter- schiede aufmerksam gemacht, die unsere unmittel­baren Unterredungen von den Auslassungen der halboffiziellen Presse und den Parlamentsechos scheiden. Bisher haben meine Bemerkungen nicht den geringsten Erfolg gehabt. Wollen wir abwarten, was die nächste Diskussion in der Deputiertenkam­mer bringen wird. Sie wird aus jeoen Fall die Fortsetzung dieser Situation erschweren, die zumin­dest dem Scheine nach von einer bewußten Doppel­züngigkeit der Polittk uns gegenüber nicht weit ent­fernt ist.

Meritorisch gesehen ist unsere (Situation in Frank­reich nicht das Ergebnis irgend einer tieferen Aenderung des Verhältnisses zu uns. Eine be­stimmte, aber sehr winzige Rolle spielt die Ver- oitterung, die noch aus der tschechischen Krise übrig geblieben ist. Der entscheidende Kern der Sache steckt jedoch bedeutend tiefer, und zwar in der all­gemeinen Haltung Frankreichs gegenüber dem Ge­samtkomplex der internationalen Situation. Hier

befindet sich nämlich Frankreich seit der Münchener Konferenz in der Rolle eines Geschlagenen, der von seinem Feind, der die Verfolgung fortsetzt, nicht los­kommt und der nicht imstande ist, ?!ner Reihe neuer Probleme ins Gesicht zu sehen. Was seine frühe­ren Verpflichtungen internationaler Natur angeht, so ist Frankreich zu schwach, um mit ihnen zu bre­chen, aber ebenso auch zu schwach, um sich zu ihnen mit genügender Entschlossenheit zu bekennen. So bleibt Frankreich gelähmt und verharrt in Resigna­tion, wobei es sich von vornherein zu allem, was in Ost- und Mitteleuropa geschieht, defaitistisch ein­stellt.

Lediglich das Jündnis mit England."

So wie die Dinge heute stehen, [feilt Frank­reich der koordinierten deutsch-ita­lienischen Achse die Zusammenarbeit mit England entgegen, eine Zusammen­arbeit, in der es eine passive Rolle spielt und der "gegenüber es keine Rücksicht darauf nimmt, ob das Bündnis mit Polen wie der Pakt mit Sowjetruß- land von diesem Gesichtspunkt aus irgendeine Be­deutung haben könnte. Dieses geschieht nicht etwa deshalb, daß man evtl, an unserer Entschlossenheit, allzu weitgehenden Versuchungen Deutschlands Widerstand zu leisten, zweifelt, sondern deshalb, weil man einfach nicht daran glaubt, daß solch ein Widerstand Erfolg haben könnte. Aus diesem Grunde hat auch die Tatsache, daß die karpatho- russische Frage gemäß den Wünschen Ungarns und Polens nicht erledigt wurde, eine ungeheure wich­tige und negative Rolle gespielt.

Zusammengenommen betrachtet die französische Politik lediglich das Bündnis mit Eng­land als positiven Wert, das Bündnis mit uns wie den Pakt mit Sowjettußland da­gegen erachtet es als für sich belastend, weshalb es sich auch nur ungern zu ihrem Bestehen bekennt. Diese Situation konnte einer Aenderung unter­liegen, wenn Frankreich entweder unter dem Ein- fluh Englands, Deutschland und Italien gegenüber zu einer offensiven Politik übergehen würde, was in naher Zukunft völlig unwahrscheinlich ist, oder wenn die Ereignisse beweisen würden, daß unser Widerstand gegen die deutsche Politik wirksam ist und daß wir in der Konsequenz die Haltung an­derer Staaten in Mittel- und Osteuropa beein­flussen können. Es ist auch möglich, daß, wenn der italienische Angriff mehr unmittelbar und gefähr­lich werden und in irgendeiner Form von Deutsch­land unterstützt werden sollte, daß Frankreich dann, gezwungen, sich aktiver auf einem Abschnitt zu ver­

teidigen, wo es sich nicht auf formelle Verpflichtun. gen Englands stützen kann, versuchen wird, seine kontinentalen Bündnisse auszuwerten, jedoch immer nur als Behelfsmittel, die mit dem englischen Bünd­nis nicht gleichwertig sind. Was Italien betrifft, so kann man erwarten, daß der Besuch Chamber­lains in Rom einen Versuch darstellen wird, eine Entspannung zwischen Rom und Paris herbeizu­führen, welche zumindestens für den Augenblick positive Ergebnisse zeitigen und folglich Frankreich geneigt machen könnte, in den mittel- und osteuro­päischen Fragen weiterhin seine desaitistische Re­serve zu bewahren.

Die mMelemopmMenprobleme.

Wenn es um die mitteleuropäischen Probleme geht, so verrät die französische Polittk gegenüber den expansiven Bestrebungen Deutschlands nicht nur völlige Passivität und Defaitismus, sondern ist ebenso unfähig, zu ihnen eine andere Haltung ein­zunehmen, als die, welche sie in den letzten zwan­zig Jahren charakterisiert hat. Ich habe den Ein­druck, daß der von Minister Bonnet Ribbentrop gegenüber eingenommene Standpunkt hinsichtlich einer Garantierung der tschechischen Grenzen analog der Haltung war, die seinerzeit Botschafter Legör in seiner Unterredung mit mir vertreten hat. Wenn Herr Ribbentrop nur wünschen» sollte, so könnte er die Garantierung der neuen tschechischen Gren­zen sogar noch vor ihrer Garantierung durch uns und Ungarn erreichen. Wie aus den Informationen hervorgeht, die mir Minister Bonnet mitteilte, er­hielt Minister Ribbentrop die Versicherung, Frank­reich werde sich einer deutschen wirtschaftlichen Ex­pansion im Donaubecken nicht entgegenstellen. Rib- bentrop konnte weiterhin aber auch keineswegs aus Frankreich den Eindruck mitnehmen, daß eine in dieser Richtung verlaufende politische Expansion auf irgendein entschlossenes Handeln Frankreichs stoßen würde.

In den rein osteuropäischen Fragen, besonders in den russischen, herrscht in der französischen öf­fentlichen Meinung wie in der Politik ein völliges Chaos. Das Vertrauen zu Sowjetrußland oder viel­mehr zu seiner Kraft ist ständig im Sinken begrif­fen, ebenso nehmen auch die diesbezüglichen Sympathien ab. Die innere Lage der Sowjets wird pessimistisch beurteilt, hier und dort, hauptsächlich aber in Militärkreisen werden Besorgnisse laut, irgendein militärischer Umsturz m Moskau könnte zu einer gefährlichen Zusammenarbeit zwischen Berlin und Rußland führen. In der ukrainischen Angelegenheit trifft man auf ein völliges Mißver­stehen der Situation, was wieder zu der defai- tistifchen Ueberzeugung führt, die ukrainische Ak» tion könne wenn die Deutschen nur wollen jeden Monat wirksam beginnen und die Integrität des neuen Territoriums bedrohen. All dieses zu­sammengenommen hält die französische öffentliche Meinung ständig in einer Unruhe, die in der Presse wie in Äußerungen von Parlamentsmitgliedern ihren Ausdruck findet. Diese Sachlage findet auf Seiten der Regierung eine Haltung vor, die man als macht- und ratlos bezeichnen kann.

Man gewinnt den Eindruck einer allgemeinen Psychose, die sich augenblicklich nicht einmal durch die vernünftigsten Gegeneinwände überwinden läßt. Immer häufiger jedoch werden in der Presse ein­sichtsvolle Stimmen laut, die sich einer Politik der völligen Reserve entgegenstellen und die auf die Ge­fahren Hinweisen, welche ein gänzliches Desinter­essement Frankreichs gegenüber Mittel- und Ost­europa, insonderheit aber uns gegenüber, mit sich bringt.

Wahrscheinlich sind wir jedoch noch weit davon entfernt, daß diese Stimmen irgendeinen Einfluß auf die Faktoren haben könnten, welche die wirk­liche Richtung der französischen Außenpolitik be­stimmen. Nichtsdestoweniger gibt es unter den fran­zösischen Politikern schon heutt Männer, die sich nicht nur für die Erhaltung des Bündnisses mit Polen, sondern sogar für seine Belebung auszu- sprechen anfangen. Es versteht sich, daß meine wie meiner Mitarbeiter Bemühungen darauf gerichtet sind, Presse- und Parlamentsmanifestationen für eine Zusammenarbeit zwischen Frankreich und uns zu organisieren und auf diese Weise die Regierung zu zwingen, öffentlich einen präzisierten Stand­punkt einzunehmen. Trotz allgemein pessimistischer Beurteilung des Gesamtkomplexes der internatio­nalen Lage Frankreichs fürchtet man nicht, daß dieser Standpunkt allzu negativ ausfallen könnte.

Der Botschafter der Republik Polen.

(Anmerkung des Uebersetzers: Die persönliche Un­terschrift des Botschafters fehlt, da es sich um einen Durchschlag des Originalberichts handelt. Der Durch­schlag trägt auf der ersten Seite die Paraphe des Leiters der Westabteilung im polnischen Außen­ministerium, Graf I. Potocki.)

Krieaslmbereitiingen vor Zull 1939.

Dokument 16.

Erlaß des Polnischen Ministeriums für Handel und Gewerbe in Warschau an die polnischen Han- delsräte in Paris und London vom 13. Juli 1939.

Ministerium für

Handel und Gewerbe Rr. dl. 330/Tjn.

Warschau, den 13. Juli 1939.

Geheim.

An

den Handelsrat in Paris, in London.

Das Ministerium für Handel und Industrie hat in Erfahrung gebracht, daß die französischen und englischen S e e s ch i f f s u n te r n e h » men von ihren Regierungsüberwachungsstellen schon jetzt .g enaue Instruktionen erhal­ten haben für den Fall des Äriegsaus- bruchs. Ebenso Vorschriften über Konstruktions­veränderungen, Umbauten und Erg änzungsbauten speziell am Bug der Schiffe, die von diesen Gesell­schaften benutzt werden.

Infolgedessen bittet das Ministerium für Handel und Industrie, diese Angelegenheit möglichst rasch zu untersuchen und möglichst genaue Informationen an das Ministerium einzusenden. Wenn es mög­lich ist, bittet das Ministerium um den Wortlaut der betreffenden Instruktionen.

Der Direktor des Seedepartements.

L. Mozdzensk-l.