Als wir noch im Cafe Leib Theater spielten
Aus den Erinnerungen von Geheimrat Fromme.
Die bevorstehende Neuinszenierung der „Räuber" unter der Spielleitung des Intendanten Klein tlt als festliche Ehrung von Geheimrat Professor Dr. Fromme zu seinem 90. Geburtstage am 11. Juni gedacht. Wir haben den Anlaß benutzt, uns von Geheimrat Fromme, dessen persönlicher Initiative vor allem das Gießener Theaterleben Außerordentliches zu verdanken hat, aus seinen Erinnerungen an die Anfänge und die spätere Entwicklung des Gießenör Stadttheaters erzählen zu lassen.
Der im Jahre 1890 ins Leben gerufene Theater- oerein ist, wie Geh. Rat Fromme zunächst bemerkte, nicht seine erste Gießener Gründung gewesen; das war vielmehr der Eisverein, in dem der 1880 von Göttingen nach Gießen übergesiedelte Professor Fromme mehrere Jahre hindurch als erster Borsitzender äußerst anregend und die gesunde Lei- besübung fördernd wirkte. Die Schaffung einer brauchbaren Eisbahn (1881) zwischen Wieseck und Philosophenwald (die sich, da es die Moltkestraße damals noch nicht gab, bis zur Gasanstalt erstreckte) war die Grundlage für eine lebhafte Entwicklung
der den vom Theaterverein ständig ausgebauten Dekorationsfundus aufzunehmen hatte.
Trotz alledem erwiesen sich die Bühnenverhältnisse mit der fortschreitenden Kultivierung und Intensivierung des Theaterbetriebes in Gießen als unzulänglich. Die Stadt zeigte sich schon damals auf kulturellem Gebiet als recht fortschrittlich, was die Einführung von Volksoorstellungen im Caf6 Leib bezeugt. Noch bedeutsamer war die Gründung der Theater-Union, des sog. Städtebundtheaters (1903), das Gießen, Marburg und Bad-Nauheim vereinigte und von Hofrat Hermann Steingoetter betreut wuxde, der ein Vierteljahrhundert lang, vier Jahre im Leibschen Saale und 21 Jahre im neuen Hause, als erster Intendant das Gießener Theater leitete.
Auch die Errichtung des neuen Theaterhauses geht ganz wesentlich auf die rastlose persönliche Initiative Geh. Rat Frommes zurück. Das Projekt ist lange hin- und hergewendet worden. Auf dem von der Stadt erworbenen Grundstück des sog. Schülerschen Gartens sollte zunächst der „Saalbau" errichtet werden, eine Art von Volkshalle. Die Stadt hatte aber kein Geld dafür, und in der Bürgerschaft gab es auch nur eine geringe Anzahl
Gebt zur Altkleider- und Spinnstoff-Sammlung!
Annahmestellen der Gießener Ortsgruppen:
Mitte: Marktstraße 25, werktags von 17 bis 19 Uhr.
Rord: „Einhorn", Lindenplah 1, Montag, Mittwoch und Freitag von 1 7 bis 1 9 Uhr.
0ft: Sicher Straße 19, Geschäftsstelle der D2LF., werktags von 15 bis 18 Uhr.
Süd: hosmannftraße 1, Mittwoch und Samstag von 19 bis 21 Uhr. Liebigftraße 58 (Autogarage), Mittwoch und Samstag von 19 bis 2 1 Uhr.
Unterhof und Oberhof (Bergwerk), Mittwoch und Samstag von 19 bis 21 Uhr.
Klein-Linden: Steinstraße „Altes Backhaus", Mittwoch und Samstag vonl9bis21Uhr.
Wieseck: Schulstraße 3, Mittwoch und Samstagvon 18 bis 22 Uhr.
Aus her Stadt Gießen.
Grünende Fluren.
Vor der Stadt dehnen sich die grünen Felder. In ihrer frischen Farbe, die wie ein Symbol der Hoffnungsfreudigkeil wirkt, nehmen sie sich sehr reizvoll aus und laden zu einem Spaziergang über die Fluren ein. Es braucht keine ausgedehnte Wande- runa zu sein, ein kleiner Bummel in den Abend- stunoen genügt, um die Kraft zu spüren, die in der Mutter Erde wiederum wirksam ist, und um des Glückes teilhaftig zu werden, den der Anblick des Werdens ringsumher heroorruft. Schon hart am Stadtrand beginnen die Felder, deren ordentliches Aussehen von der sorgsamen Bestellung Kunde gibt. Schmale Pfade oder grüne Raine gliedern sie, und wenn man abseits der Landstraße einem solchen Pfade folgt, dann erst gewinnt mgn den nachhaltigsten Eindruck, der eine tiefe, innere Freude auslöst. Wohin das Auge schaut, sieht es Wachstum und geheimnisvolles Werden, die Luft ist erfüllt von köstlicher Frische, und dann und wann ertönt ein Vogelruf wie ein letzter Gruß an den dahinschwindenden Tag. i
Noch steht das Korn im Stadium des ersten Wachstums. Gradlinig, wie die Aussaat erfolgte, sind die Halme aneinandergereiht. Es ist ein dichtes Beieinander zahlloser Pflänzchen, die alle dem ihnen innewohnenden Gesetz folgen und ungeachtet aller Hemmnisse des Bodens sich kräftig zum Lichte drängen. Hier wächst ein Roggenfeld, während drüben Hafer gedeiht und seitwärts die jungen Triebe der Gerste sich regen. Jedes Feld ist gewissermaßen ein Sinnbild der Gemeinschaft, die gemeinsam vorwärtsstrebt, um dem Werk der Vollendung entgegenzugehen. Zwar zeigt sie sich nur als eine Gemeinschaft der Halme, aber auch sie unterliegt denselben großen Bestimmungen, nach denen jede Gemeinschaft sich ausrichtet. Der Pscrd führt weiter vorbei an Kartoffelfeldern und großen Feldstreifen, auf denen Futter angebaut ist. Von allen leuchtet der Grundton der grünen Farbe wie ein Fanal, daß nach den langen Monaten winterlicher Starre nun wieder das quellende Leben zu seinem Rechte gekommen ist.
Unmittelbar hinter einem Roggenfeld breitet sich in einer Senke die Wiese aus. Sie hat saftige Gräser emporsprießen lassen, und zwischen ihnen leuchten in allen Farben prächtige Blumen. Es ist ein kräftiger, belebender Geruch, der aus dem Grunde aufsteigt, und der im Verein mit der Schönheit des Fleckchens Erde das Herz erquickt. Der Nürnberger Meister Albrecht Dürer hat es verstanden, in seinem „Rasenstück" ein unvergängliches Abbild dieser Schönheit einzufanben, und was der begnadete Blick des großen Künstlers feschielt, zeigt die Natur dem Beschauer immer wieder tausendfältig, wenn er zu sehen sich Mühe gibt. Es ist ein mannigfaches Wachsen und Gedeihen draußen, das gerade jetzt jedem zur Freude wird, der offenen Sinnes fein heimatliches Gebiet durchstreift. H. W. Sch.
An alle Betriebsführer!
Wichtige Anordnung des Gauleikers als Bevollmächtigter für den Arbeitseinsatz.
Der Gauleiter hat in seiner Eigenschaft als Bevollmächtigter für den Arbeitseinsatz im Gau Hessen-Nassau eine Bekanntmachung erlassen, nach der auf Grund der Anordnung des Genfralbeoollmäch- tigten für den Arbeitseinsatz vom 29. 4.42 und vom 1.5.42 die gewerblichen (nicht landwirtschaftlichen) Betriebe des Gaues Hessen-Nassau sämtliche Lager für deutsche und ausländische Arbeiter und sämtliche in Privatquartieren untergebrachten ausländischen Arbeitskräfte der Gauwaltung der Deutschen Arbeitsfront zu melden haben. Den Wortlaut der Anordnung, der genauestens zu beachten ist, finden die Leiser unserer Zeitung unter den amtlichen Bekanntmachungen im heutigen Anzeigenteil.
Für Kinder nur Halbschuhe im Sommer
Für die gesunde Entwicklung des Kinderfußes sind Stiefel nicht erforderlich. Besonders im Sommer genügxn im allgemeinen Halbschuhe vollkommen. Es werden daher in der Zeit vom 15.5. bis 31.8.1942 von den Wirtschaftsämtern überwiegend nur Bezugscheine für Kinderhalbschuhe ausgegeben. Die Bezugscheine I für Kinderstraßenschuhe erhalten den Vermerk: „Gilt nur für Kinderhalbschuhe". Bezugschein I für Kinderstraßenschuhe ohne diesen Vermerk dürfen nur an Kinder verteilt werden, die auch im Sommer unbedingt Stiefel brauchen (beispielsweise fußkranke Kinder, Landkinder, die auch bei schlechtem Wetter in schwierigem Gelände laufen müssen usw.). Ferner können bei der Ausgabe von Bezugscheinen ohne den Vermerk noch Kinder bis zu vier Jahren berücksichtigt werden. Kinder, die Bezugscheine für Halbschuhe erhalten, sollen im Winter 1942/43 bei der Erteilung von Bezugscheinen für Ueberschuhe bevorzugt berücksichtigt werden.
des Eissports, der sich nun immer mehr bei uns einbürgerte, viele Anhänger fand und durch die Veranstaltung von Eisfesten und bie Errichtung einer Abteilung für Kunstlauf sich zu schöner Blüte entwickelte.
Von weittragender Bedeutung für das kulturelle Leben der Stadt war die im Jahre 1890 erfolgte Gründung des Theateroereins, den Pros. Fromme seit 1897 als Vorsitzender leitete. Der Verein bildete recht eigentlich die Keimzelle des heutigen Gießener Theaters. Wenn man an die kümmerlichen Anfänge zurückdenkt, wird man die Entwicklung, die zum gegenwärtigen Stande führt, und dantit das nicht hoch genug einzuschätzende Verdienst der rastlosen Bemühungen Frommes um den Ausbau und die Kultivierung des städtischen Theaterlebens zu würdigen wissen. Vor der Gründung des Vereins waren die Theaterverhältnisse bei uns mehr als primitiv. Gespielt wurde im Leibschen Saale in der Walltorstraße, zu dem man, wie Geh. Rat Fromme in der Festschrift zum 25jährigen Bestehen des neuen Stadttheaters (1932) erzählt, sich den Zutritt <m Schweineställen vorbei erkämpfen mußte. Einen wesentlichen Aufschwung des Betriebes erzielte der Theateroerein 1897, als man sich zur Zusammen- arbeit mit der Direktion Kruse-Helm entschloß. Der Verein übernahm jährlich sechs Vorstellungen im Winter und bezahlte dafür je 500 Mark und außerdem das Honorar für die vielfach sehr berühmten Gäste. So gastierten hier damals schon so berühmte Darsteller wie die Sorma (als Nora und Rautendelein) und M a t k o w s k y neben namhaften Schauspielern aus Kassel, Frankfurt und Köln. Geh. Rat F r o m m e, der nach seinen eigenen Worten schon damals das Führerprinzip in der Leitung der städtischen Theatergeschicke bevorzugte, sorgte auch für die dringend notwendige räumliche Ausgestaltung und Erweiterung: der Saal erhielt ein ansteigendes Podium im Zuschauerraum: die Bühne wurde durch den Einbau einer Hinterbühne erweitert; endlich wurde auch ein Kulissenraum geschaffen,
zahlungskräftiger Interessenten. Schließlich wurde das Projekt auf den Theaterbau beschränkt. Geh. Rat Fromme erzählt sehr lebendig von den Schwierigkeiten, die dafür erforderliche Summe hauptsächlich aus freiwilligen Spenden der Bürgerschaft zusammenzubringen. Als aber einmal die ersten namhaften Zeichnungen einen soliden Grundstock zum Theaterfonds erbracht hatten, ging es unerwartet schnell und günstig voran: in einer einzigen Woche brachte Fromme die beträchtliche Summe von 200 000 Mark zusammen. Im ganzen hat die Bürgerschaft den doppelten Betrag aufgebracht. Die Stadt gab eine Hypothek von 200 000 Mark dazu.
1907 ist das denkwürdige Datum in der Gießener Theatergeschichte: im Jahre der 300-Jahrfeier der Universität wurde der Neubau fertig, und das Stadttheater konnte seiner Bestimmung übergeben werden. Die oft zitierte Inschrift an der Fassade über dem Hauptportal — „Ein Denkmal bürgerlichen Gemeinsinns" — geht auf eine Anregung Geh. Rat Frommes zurück und wird als stolze Bekundung kulturellen Aufbauwillens in Stadtverwaltung und Einwohnerschaft stets ihren ehrenvollen Sinn behalten. Geh. Rat Fromme bedauert es gesprächsweise heute mehr denn je, daß das neue Haus statt der geplanten 1000 Plätze nur deren 800 faßte. Seine Bemühungen, die fehlenden 200 durch spätere Ueberbauung des zweiten Ranges zu gewinnen, blieben leider erfolglos.
Während Hofrat Steingoetter in erster Linie das Schauspiel pflegte, gelaüg es den Bemühungen des Theatervereins, auch die Oper einzuführen. So wurden in den ersten Jahren von 1907 bis 1914 mit Gastspielen der Frankfurter Oper und des Großherzoglichen Hoftheaters in Darmstadt etwa 50 Opernaufführungen bestritten, die gut besucht, wenn auch ziemlich teuer waren. (Das Gastspiel-Personal wußte damals mit Extrazügen nach Frankfurt und Darmstadt zurückbefördert werden.) Das wäre ohne die Zuschüsse der Stadt, die dann
1920 das Theater endgültig übernahm, kaum durchzuhalten gewesen. Doch gelang es Frommes Bemühungen, den Theateroerein im Laufe der Zeit schuldenfrei zu machen; das Vermögen des vor einigen Jahren aufgelösten Vereins, der ja nun feinen Zweck vollauf erfüllt hatte, ging an die Stadt über. Von den Besuchern der Vorstellungen im Cafe Leib und von den gemeinnützigen Spendern zum Neubau sind heute nicht mehr viele am Leben.
Geh. Rat Fromme hat aber auch später im städtischen Theaterausschuß lange Jahre hindurch das Gießener Theaterleoen fursorgend und beratend in vorbildlicher Weise mitbetreut; so war beispielsweise die Wahl des Intendanten Dr. Prasch als Nachfolger Steingoetters zu nicht geringem Teil auf Geh. Rat Frommes Einfluß zurückzuführen. — Sein vielseitiges segensreiches Wirken zum Wohle des Gemeinwesens außerhalb des theatralischen Bereiches ist bei früheren Gelegenheiten mehrfach gewürdigt worden; From i?5 Tätigkeit im städtischen Schulvorstand und in der Kreisschulkommission (bis 1920) waren trotz manchen Widerständen wesentliche Verbesserungen der einheimischen Schuloerhältnisse zu verdanken. Als Vorsitzender des Aliceschulvereins (bis 1923) hat sich Fromme durch die Heranziehung neuer Lehrkräfte und die Einrichtung des Handarbeits- und Hauswirtschaftsseminars wie die Angliederung des Frö- belseminars verdient gemacht. Die Verleihung der Ehrenplakette der Stadt Gießen vor einigen Jahren war die dankbare Anerkennung alles dessen, was Geh. Rat Fromme in jahrzehntelanger, unermüdlicher und zielstrebiger Arbeit für die Stadt und vor allem für unser Theater geleistet hat. -y-
Oer Ausflug am Sonntag.
Gießen — Badenburg — hangelslein — Beuern —< Großen-Buseck.
Wir beginnen die Wanderung an der Unterführung an der Ederstraße und folgen dem blauen Strich, der uns längs der Bahn nach der Baden- burg führt. Don dem alten Gemäuer der Burgruine genießen wir schöne Ausblicke in das Lahntal. Durch das Badenburger Wäldchen führt uns das O^^en, die Marburger Straße, später die ringer Straße überschreitend, zur Felsenkanzel auf dem Hangelstein mit reizendem Blick. Hier verlassen wir das seitherige Wegezeichen und folgen nunmehr blauen Dreiecken, die uns über den Saubringer Paß mit hübschen Ausblicken in das Busecker Tal und die Rabenau mit dem Totenberg geleiten. Nach schöner Waldwanderung, von' Gießen etwa 3 >5 Stunden, erreichen wir Beuern, wo mir/ Einkehr halten können. Beim Austritt aus dem Wald überraschend schöner Ausblick. Auf guter Landstraße wandern wir in 8/< Stunden nach un« ferm Endziel Großen-Buseck.
Bieber — Attenberg — Hohensolms — I Königsberg — Bieber.
Wir fahren nach Bieber und folgen vorn Bahn- Hof aus gelben liegenden Kreuzen, die uns hinter dem Ort in kräftigem Anstieg auf die Höhe des bewaldeten Großen Rothenbergs bringen. Beim Eintritt und Verlassen des Waldes bieten sich prächtige Blicke, zuerst nach der Gießener Gegend mit dem Schiffenberg und den beiden Burgen, später auf Königsberg, das Helfholz und den Düns- berg. Ein kurzes Stück die Königsberger Straße folgend, verlassen wir diese wieder, um nach links einen Feldweg einzuschlagen, auf dem wir, später durch Wald, an den Fuß des Bleidenbergs gelangen. , Hier treffen wir rote Striche, die uns nach dem 404 Meter hohen Altenberg geleiten. Der mit allerlei Strauchwerk bewachsene Berggipfel ist mit doppeltem altaermanischem Ringwall umgeben. Der steinerne Aussichtsturm, der jahrelang unbefteigbar mar, ist dank den Bemühungen des Verkehrsoereins Hohensolms wieder aufgerichtet worden und gewährt eine hervorragende Rundschau. Die roten Striche führen uns abwärts zur Landstraße, auf der mir nach Hohensolms weiterschreiten. Kurz vor dem Orte einige bemerkenswerte 600jährige Linden. Zum Rückweg wählen wir entweder den mit schwarzen Punkten bezeichneten Weg durch das Helfholz oder die kürzere Strecke auf der allerdings schattenlosen, aber aussichtsreichen Landstraße über Königsberg mit sehenswerter Ruine nach unserem Endziel Bieber. Dauer der Wanderung etwa vier Stunden.
Verdunkelungszeit:
30. Mai von 22.32 bis 4.37 Uhr.
31. Mai von 22.33 bis 4.36 Uhr. v .<
Wenn Augen versagen Magnus-Brillen tragen!
Warnungaus Stendal
Roman von A. Lothar Philipp
42. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Halt!" erklang es von der Anklagebank her. Lanos war aufgestanden und hielt feine rechte Hand ausgestreckt zum Vorsitzenden, als wolle er ihn einhalten, etwas Falsches zu registrieren.
„Elisabeth Perling ist meine Tochter!"
Das gab ein Aufsehen bei den Richtern und int Zuschauerraum! Man tuschelte und flüsterte, die Norodna hatte sich erhoben und besprach sich mit ihrem Verteidiger, und Elisabeth stand unbeachtet vor dem Vorsitzenden, hatte die Hände an ihre Brust gedrückt und blickte mit tränenden Augen zu ihrem Vater hinüber, zärtlich und liebevoll, als wollte sie ihm im nächsten Augenblick an den Hals fliegen.
»Ihre Tochter?" begann jetzt der Vorsitzende, „das ist allerdings eine unerwartete Eröffnung. Sagten Sie nicht vorhin, Sie hätten die Zeugin bei der Truppe kennengelernt?"
„Es war der ausdrückliche Wunsch ihrer Mutter, daß sie ihren Vater niemals kennenlernen solle. Es ist nun nicht so, daß Elisabeths Mutter sich meiner schämte, nein, es waren ganz andere Gründe maßgebend. Elisabeths Mutter war, bevor sie zu uns stieß, verlobt gewesen. Und dieser Verlobte verfolgte sie noch immer und hatte geschworen, jeden Mann, der sich ihr näherte, niederzuschießen. Er überfiel einen der Musiker, weil er annahm, dies sei ihr Geliebter. Als daher das Kind zur Welt kam, bat sie mich, beschwor sie mich, daß ich mich nicht als fein Vater erkennen sollte, weil sie um mein Leben fürchtete. Und ich tat ihr den Gefallen. Elisabeths Mutter ist dann sehr bald gestorben. Ich aber habe meine Vaterpflichten erfüllt — so gut ich es konnte."
Jetzt erhob sich der Verteidiger der Norodna.
„Ich möchte an dieser romanhaften Geschichte gewisse Zweifel äußern. In dem Moment, da die Zeugin Perling mit dem Angeklagten Lanos als verwandt gilt, hat sie ein Zeugnisoerweigerungsrecht. Ich glaube eher, daß der Angeklagte Lanos die Aussagen der Zeugin fürchtet und deshalb dieses Manöver eingeleitet hat, um diese Aussagen zu vermeiden."
„Das leuchtet mir allerdings ein", pflichtete ihm der Staatsanwalt bei, „können Sie Ihre Vaterschaft beweisen?"
„Ja, durch Briefe ihrer Mutter, die ich allerdings nicht bei mir habe, sondern in Hamburg."
„Aha!" sagte der Verteidiger der Norodna.
„Im übrigen' bitte ich dich, Elisabeth", wandte sich Lanos an sie, „sage alles, was du weißt, und sage vor allem die Wahrheit. Soweit ich mich erinnern kann, hast du niemals gelogen, und du wirst, denke ich, auch jetzt nicht lügen. Ich bitte dich ausdrücklich, als dein Vater, von deinem Zeugnisoerweigerungsrecht keinen Gebrauch zu machen."
Diese Worte machten in ihrer Geradheit einen großen Eindruck.
„Ich glaube", sagte der Vorsitzende, „wir können unterstellen, daß die Zeugin Perling die Tochter des Angeklagten Lanos ist."
„Ich habe nichts dagegen", meinte der Staatsanwalt.
Der Vorsitzende drehte feinen Kopf zu den Verteidigern.
Der Anwalt, der die Verteidigung der Norodna übernommen hatte, hob die Achseln hoch und machte eine hilflose Handbewegung.
Elisabeth erzählte nun, was sie von Lanos wußte. Wie er sie erzogen und eingeübt hatte, wie er sie auch manchmal schlug, wie er aber trotzdem immer lieb und gut zu ihr war. Dann das Treffen mit Barthold, ihre Flucht und ihr Briefwechsel mit
Barthold, die Briefe des Lanos. in denen er sie bat, zurückzukehren. Ihre Aussage war zur Schilderung der Charaktere des Angeklagten Lanos und des ermordeten Barthold sehr deutlich, ergab jedoch nichts in bezug auf die eigentliche Tat.
„Setzen Sie sich bitte", sagte ihr der Vorsitzende.
Nun wurde Franziska Leeds aufgerufen, um über die Persönlichkeit des Ermordeten, über die Elisabeth schon manches gesagt hatte, nähere Anhaltspunkte zu erhalten.
Sie trat schüchtern vor die Richter, ihre ersten Worte klangen sehr leise, so daß der Vorsitzende sie ermahnen mußte, lauter zu sprechen.
Barthold, so erklärte sie, habe bei ihr gewohnt und ihr gesagt, er müsse unter einem anderen Namen gehen, doch sobald er wieder feinen richtigen Namen annehmen könne, wolle er sie heiraten. Sie habe das auch geglaubt und glaube es heute noch, daß dies feine Absicht gewesen sei.
Seinen richtigen Namen habe er ihr nicht gesagt. Sie habe ihn auch nicht darum gebeten, denn ihr sei es gleich gewesen, wie er geheißen habe. Seit sie ihn kannte, also feit zwei Jahren, habe er den Namen Anton Sumor getragen. Er fei am Mordtage sehr aufgeregt von Stendal nach Berlin gekommen und habe sie gegen 17 Uhr verlassen. Dann habe sie nur noch die Photographie feiner Leiche gesehen.
„Das aufgeregte Benehmen Bartholds", sagte der Anwalt des Lanos, „mag darauf hindeuten, daß er tatsächlich irgendeine wichtige Handlung vorgehabt hatte."
„Ich denke", sagte jetzt der Staatsanwalt, „wir gehen jetzt in medias res, denn so kommen wir der Wahrheit um keinen Schritt näher. Von der Tat selber ist noch nicht gesprochen worden, denn das, was uns der Angeklagte Lanos darüber gesagt hat, war — davon bin ich überzeugt — von Anfang bis Ende die Unwahrheit. Ich beantrage daher, den Kriminalrat Wenig -u vernehmen."
„Gut", willigte der Vorsitzende ein, ,cher Zeugs Kriminalrat Wenig also!"
Der Kriminalrat berichtete über die ersten Unter* suchungsergebnisse, über die Feststellung der Iden* tität des Toten und über die tödliche Wunde.
„Lanos' Anwesenheit zur Zeit der Tat ist ganz ohne Zweifel, ebenso die Anwesenheit der Ange* floaten Norodna. Denn nicht nur, daß es der Angeklagte Lanos im Ermittlungsverfahren bestätigt hat, daß sie anwesend war, der Portier Hanke hat sie an dem Tage auch gesehen. Und mit ihrer Pistole ist jener Schuß in die Uhr abgegeben worden. Das steht fest. Eins aber möchte ich hier noch betonen: wenn der Angeklagte Lanos sagt. Bart- hold habe ihn bedroht und er habe ihn deshalb in Notwehr getötet, so ist das falsch. Denn Barthold hat mich, also die Polizei, brieflich gewarnt, daß Lanos ermordet werden soll, er hat mich aufgefordert, Lanos zu schützen. Das steht außer allem Zweifel. Da Barthold diesen Warnbrief in Geheimschrift abgefaßt hat, so mußte er damit rechnen, daß feine Geheimschrift nicht oder zu spät entziffert werden würde. Und deshalb fuhr er selber nach Berlin und ging zu Lanos, um ihn zu warnen."
Lanos war bleich geworden und warf einen ängstlichen Blick auf Irene, die ihre Fäuste ballte und wütend zu dem Kriminalrat blickte. Sumor machte ein bedenkliches Gesicht und versuchte, Irene etwas zuzuflüstern, was aber von dem Polizeibeamten verhindert wurde.
„Warum Barthold in Geheimschrift schrieb", fuhr der Kriminalrat fort, „das wird Ihnen mit Krhui- nalfefretär Krähe mitteilen. Er iff’foeben aus Stendal zurückgekommen."
Die Angeklagte Norodna erhob sich jetzt und flüsterte mit ihrem Anwalt. Sie schien ihn zu irgendeinem Antrag überreden zu wollen, aber der Anwalt schüttelte ärgerlich den Kopf und wandte sich wieder zu seinen Akten.
(Fortsetzung folgt)


