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1.3.1942
 
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192. Jahrgang Nr. 50

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vrühlscheUnlverfltStLdruckerriR. Lange General-Anzeiger für Obechessen 01 Siehkn,^chu>ftratzer-Y

jwn y §amrtag,28 Zebruar/Somtag. t. März 1042

Giehener Anzeiger

Von unserem Dr. K.-Korrespondenten.

Oer Wehrmachtberichi.

DAV. Aus dem Führerhauplquariier. 27. Februar. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:

Auf der Krim wiesen deutsche und rumänische Verbände feindliche Angriffe gegen die Front vor Sewastopol und auf der Halbinsel Kertsch unter hohen Verlusten für den Gegner ab.

Auch an den übrigen Fronten im 01t e n scheiter­ten zahlreiche Angriffe der Sowjets an der Wider- standskraft unserer von starken Luftstreitkräften unterstützten Truppen.

In Nordafrika lebhafte Tätigkeit deutscher und italienischer Ausklärungskräste an der Lyre- nalka-Front. Trch ungünstigen Wetters wur­den die hafcnanlagen von Tobruk bombardiert und motorisierte britische Kolonnen mit Bomben und Bordwaffen angegriffen.

Weitere Luftangriffe richteten sich gegen britische Flugplätze auf der Insel Malta.

Der Feind griff auch in der vergangenen Nacht einige Orte des norddeutschen Küstengebiets an. Zwei britische Bomber wurden abgefchossen.

Neue harte Schläge unserer Lusiwaffe.

Berlin, 27. Febr. (DNB.) Starke Verbände deutscher Kampf- und Sturzkampfflugzeuge fügten den Sowjets am 26. 2. wieder außerordentlich hohe

Verluste zu. Besonders im mittleren und nörd­lichen Abschnitt der Ostfront, wo auch starke Jägerverbände eingesetzt waren, hatten die An­griffe große Wirkung. Dies beweisen die schweren Mater'alverluste des Feindes, der nach bisher vor­liegenden Meldungen in diesen beiden Räumen 13 Geschütze, 18 Panzer und 335 motorisierte und bespannte Fahrzeuge durch. Bombenwürfe und Tief­angriffe verlor.

Oer italienische Bericht.

Rom, 27. Febr. (DNB.) Der italienische Wehr­machtbericht vom Freitag hat folgenden Wortlaut:

An der Cyrenaika-Front Fernaufklärung italienischer und deutscher Panzereinheiten.

Die Angriffe der Luftwaffe waren durch schlechtes Wetter behindert. Sie richteten sich gegen die Hafen­anlagen von Tobruk und die Flugplätze auf Malta, die zu wiederholten Malen mit Erfolg angegriffen wurden.

Neue feindliche Einflüge gegen Tripolis und Bengasi verursachten keinen schweren Schaden. In Bengasi wurden einige Araberhäuser ge­troffen. Die muselmanische Bevölkerung hatte acht Tote und sieben Verletzte.

Ein feindliches Flugzeug versuchte in den frühen Morgenstunden des 27. Februar Messina zu überfliegen. Das genau liegende Feuer der Boden­abwehr zwang das Flugzeug, eine Wellington, zur Landung bei Kap P e l o r o. Die aus sechs Kana­diern bestehende Besatzung wurde unverletzt gefan­gengenommen.

Gemeinwirischast statt Kolchos

Neue Agrarordnung für die besetzten Ostgebiete.

Zahlreiche Angriffe der Sowjets gescheitert

Lebhafte Aufklärungstätigkeit in der Cyrena.ka.

Berlin» 27. Febr. (DNB.) Der Reichsminisler für die befehlen Ostgebiete, Alfred Rosenberg, hat im Einvernehmen mit dem Beauftragten für den Vierjahresplan, Reichsmarschall Göring, eine neue Agrarordnung für die bereits von ter Zivilverrvallung übernommenen Gebiete der frü­heren Sowjetunion in den Grenzen von 1939 erlassen.

Die neue Agrarordnung beseitigt die Kol- tektivverfassung und das zu ihrer Durch­führung bestimmte sogenannteMusterstatut des landwirtschaftlichen Artels". An die Stelle des bol- fchewisiischen Kolchosensystems tritt eine neue Ord­nung, die in verschiedenen ineinanderfliehenden und sich ergänzenden Formen die Landbevölkerung des Ostens zur individuellen Bodenbewirtfchaftung zu- rückführt.

Aus verständlichen Gründen ist es nicht mög­lich, die seit zwei Jahrzehnten mit allen Dritteln der Gewalt - befestigten bolschewistischen Methoden zur praktischen Versklavung des Bauern von heute auf morgen umzustellen. Die a u f g e l ö st e n Kollek­tivwirtschaften werden daher zunächst in G e* meinwirtschaften umgewandelt. Aus diesen Gemeinwirtschaften entwickelt sich die individu­elle Wirtschaftsform in Gestalt der g e - nossenschaftlichen Lanübauweise und des Einzelhofes. In der Landbau-Gmossen- scha^t wird das bisher gemeinschaftlich bewirtschaf­tete^ Land den Mitgliedern zur selbständigen Bmr° beitung und Nutzung zugeteilt und nach einem fest- ae etzten Plan einheitlich bebaut. Unabhängig von der endgültigen Gestaltung wird das bisherige Hofland zum Privatbesitz erklärt, von Steuern befreit und kann auf Antrag vergrößert werden. Die Viehhaltung unterliegt in Zukunft kei­nen einschränkenden Bestimmungen.

Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der Wehrmacht gilt die reue Agrarordnung auch in den von den deutschen Truvpcn besetzten Gebieten, die noch nicht von der Ziviloerwaltung übernommen worden sind.

Oer neueWeg.

Am 17. Februar ist für alle besetzten Teile der ehemaligen Sowjetunion im Einvernehmen mit dem Beauftragten für den Vierjahresplan, dem Ober- k^mm-ndo der Wehrmacht und hem Reichsmimster für die besetzten Ostgebiete durch den Führer eine

hältnisfe beschleunigt werden soll. Die T r a n s ° portfrage ist ja eines der Hauptprobleme in der. gegenwärtigen Situation Frankreichs. In jedem Falle verdient die Arbeit, die Frankreich zur Ent­wicklung seiner afrikanischen Besitzungen vollbringt, die größte Aufmerksamkeit auch vom gesamteuropä­ischen Standpunkt aus.

Oer Prozeß in Riom.

Vichy, 27. Febr. (DNB.) Das Gericht in Riom lehnte, einer Bekanntgabe zu Beginn des 4. Ver­handlungstages gemäß, die Anträge der Verteidi­gung der früheren französischen Ministerpräsidenten Blum und D al ad i er ab. Die Verteidigung hatte beantragt, die Untersuchung zu annul­lieren und durch Erklärung angeblicher Ver- fassungswidrigkeit des Gerichtshofes die Einstel ° lung der Verfolgung der Angeklagten zu erzwingen.

hältnisse und verproletarisierte dre Bevölkerung in einem Maße, das jedem deutschen Soldaten im Osten als warnendes Beispiel für den bolschewisti­schen Nihilismus täglich vor Augen tritt. Die neue Agrarordnung macht ein radikales Ende mit der sinnlosen Kollektivwirtschaft der Sowjets. Der Bauer im besetzten Osten wird frei, ihm roitb der Privat- besitz und damit die Arbeitsfreude wiedergegeben.

' Selbstverständlich kann bei einer so katastrophalen Verwirtschastung, wie sie bisher bestand, nicht von heute auf morgen an Stelle der Kolchosen ein blü­hendes Bauerntum geschaffen werden, aber die Grundlagen dafür sind jetzt gelegt worden. An Die Stelle des Kolchos tritt eine Uebergangsform von der bolschewistischen Kollektivwirtschaft zur neuen Gemeinwirtschaft. Zunächst unterliegt die Viehhal­tung keiner Einschränkung mehr. Jeder Bauer kann sich soviel Vieh beschaffen, als er in der Lage ist, Futtermittel zu erzeugen. Die Voraussetzung für die Viehhaltung und damit für den Anbau von Futtermitteln ist der Besitz an Hofland, das jetzt zum Privateigentum umgestaltet wird. Dieses Pri­vateigentum ist von allen Steuern befreit. Hier kann der Bauer nach eigenem Ermessen wirtschaften. Und da dieses Holland in fast allen Fällen durchaus un- zureichmd ist, kann es auf Antrag bei der deutschen Verwaltung vergrößert werden. So ist es dem Bauern möglich, auf einem wenn auch zunächst kleinen Einzelhof rein individuell zu .wirtschaften und das Bestmöglichste aus Hof, Futteranbau und Viehhaltung für sich selbst zu machen. Eine Ergän­zung findet diese für den Osten neue Form der Agrarverhältnisse durch die Bildung von Landbau­genossenschaften. Bei diesen Betriebsformen wird der Landmann sich auch den größten Teil der außer» halb seines Hofes liegenden Arbeit nach freiem Er- messen einteilen können. Auf den großen Acker­flächen außerhalb der Einzelhöfe werden die Be- stellungs- und Saatarbeiten nach dm Angaben der deutschen Verwaltung gemeinschaftlich durchgeführt, aber die Saatenpflege und die Erntearbeiten führt jeder Landmann selbständig aus. Solange die not- wendigen Voraussetzungen, wie Zugvieh und In­ventar, noch nicht gegeben sind, wird zunächst an der Gemeinschaftsform festgehalten, aber auch innerhalb dieser Form wird das Gefühl der jyrei- hcit gestärkt, und das Interesse nm eigenen Besch wird 'sich durch die Möglichkeit für jeden Landwirt verstärken, durch Fleiß einmal seinen eigenen Besitz ausurdehnen. und ferner durch die Gewährung eines gerechten Lohnes, der ihm auf jeden Fall eine men< jchenwürdige Existenz schafft.

Iugenderholunq im Kriege.

Berlin, 27. Febr. (DNB.) lieber die Durch­führung der Erholung für Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren (Mädel bis zu 21 Jahren) haben der Reichsjugendführer der NSDAP., A x mann, und der Leiter der NS.-Volkswohlfahrt, Hilgenfeldt, ein Abkommen getroffen, das die Zusammenarbeit beider Organisationen regelt und damit gerade während des Krieges den Einsatz aller verfügbaren Mittel in der Jugenderholungspflege sich erstellt. Die Entsendung der gesunden Jugendlichen zur Erhaltung ihrer Leistungsfähigkeit und im Inter­esse ihrer allgemeinen körperlichen Entwicklung fällt danach demErholungswerk für Hitlerjugend" zu. Die Sorge für die gesundheitsgefährdeten Kinder und Jugendlichen, die einer Erholung mit beson­derer pflegerischer Betreuung bedürfen, obliegt da­gegen derNSV.-Jugenderholungspflege". Welcher Weg im Einzelfall beschritten wird, hängt vom Ent­scheid des Jugendarztes ab, der an die Richtlinien des Reichsgesundheitsführers gebunden ist. Für die NSV.-Jugenderholungspflege" sind ebenso wie für die Arbeit imErholungswerk der Hitler-Jugend" die Grundsätze der nationalsozialistischen Jugend­erziehung maßgebend.

neue Agrarordnung in Kraft gesetzt worden. Diese Agrarordnung räumt endgültig mit dem sog. Kolchos auf, also mit der Kommunisierung der landwirtschaftlichen Betriebe im Osten.

Die Sowjets hatten das Privateigentum nicht nur an Grund und Boden, sondern auch an der sogenannten Fahrhabe aufgehoben. Fahrhabö be­deutete nad) altgermanischem Recht, das bis in die Gegenwart fortwirkt, den Besitz an Möbeln und Arbeitsgerät und war nur denkbar in Ver­bindung mit einer individuellen Tätigkeit des Be­sitzers. Die Sowjets hatten Millionen von Bauern und Landarbeitern völlig enteignet. Sie mußten ihre Höfe aufgeben, die in dem sogenannten Kolchos direkt Eigentum der Sowjets waren, wobei die ehe­maligen Bauern und Landarbeiter so verproletari- fiert wurden, daß sie als landwirtschaftliche Lohn- sklaoen fungierten. Die Erträge aus einem Kolchos standen lediglich dem Staat zur Verfügung, der Lohnsklave erhielt einen Tagelohn, der nicht aus­reichte, um auch nur den notwendigsten Bedarf an Lebensrnitteln zu decken, der ebenfalls aus staat­lichen Abgabcstellen bezogen werden mußte und nicht aus den Erträgnissen der landwirtschaftlichen Zwangsgüter selbst. Wenn hier und da der Lohn­sklave vom Kolchos ein Stückchen Land zugewiesen erhielt, dann war es allzu klein, als daß es nen­nenswerte Erträge hervorgebracht hätte. Die Vieh­haltung war auf solchen Zwergparzellen, die übri­gens nicht dem Lohnsklaven, sondern den Sowjets gehörten, durchweg verboten. Ferner stellte sich her­aus, daß dieses Land für die Arbeiter im Kolchos minderwertig war, denn die besten Stücke waren im Kolchos vereinigt. Es wiederholte sich also genau derselbe Fehler, der die sog. russische Bauernbefrei- unü von 1862 zur Schimäre machte, denn auch da­mals waren den Großgrundbesitzern die besten Flächen Rußlands ausgeliefert worden, während die Bauern mit gänzlich unzureichenden und sterilen Stückchen Landes abgefunden wurden, die dem russi­schen Muschik nicht die Möglichkeit gaben, seine sog. Nahrungsfreiheit zu gewinnen. Alle Agrarreformen unter dem weißen Zaren hatten dieses groteske Mißverhältnis nicht beseitigen können. Die letzte Agrarreform unter Stolypin zerbrach in. ddn Wirren mach der russischen Revolution von 1905.

So kam es, daß die von uns besetzten Teile der Sowjets, ehemals Getreideüberschußgebiete, die ihren Weizen- und Roggensegen nach dem industriel­len Westen ausführten, Hungergebiete wurden. Die geradezu sinnlos vorgenommene Industrialisierung in diesen Gebieten revolutionierte die ganzen Ver-

Unterseeboote auf allen Meeren.

Von Konteradmiral a. D. Karl Tägert.

Nicht weniger als 61 große Handelsschiffe mit einem Raumgehalt Mon 421500 BRT. haben deutsche Unterseeboote gleich in den ersten Wochen ihres Wirkens an der nordamerikanischen Küste ver­senkt. Das ist eine üble Nachricht für unsere Feinde, denn die Häfen, vor denen die Unterseeboote ope­rierten, weisen einen riesigen Schiffsverkehr auf. Neuyork allein kam im letzten Friedensjahr auf einen solchen von 20 Millionen BRT., der den von Hamburg weit übertraf.

Der amerikanischen Kriegsmarine fallen damit neue, sehr schwierige Aufgaben zk. England mußte im ersten Weltkriege schließlich gegen die etwa 150 verfügbaren deutschen Unterseeboote mehr als 3000 Schiffe und Fahrzeuge einsetzen, darunter 277 Zer­störer, 849 Fischdampfer, 867 Drifter. Dabei fiel diesen Schiffsmassen nur die Bewachung der hei­mischen Küsten und ein Teil der Deckung für die nach England bestimmten Geleitzüge zu.

Die amerikanische Kriegsmarine hat viel, viel mehr zu tun. Schon bisher deckte sie die nach Island laufenden Geleitzüge, ebenso die um Südafrika fah­renden amerikanischen Hilfstransporte für die eng­lische Armee des Nahen Ostens und die Sowjet- Union. Der Krieg mit Japan gab ihr als neue Aufgabe den Handelsschutz in den ungeheuren Wei­ten des Pazifik, wo überall japanische Kreuzer, ja­panische Unterseeboote lauern. Jetzt tritt als weitere schwere Mehrbelastung hinzu die Küstenbewachung und die Sicherung der Handelsschiffahrt im west­lichen Atlantik bis zu den südamerikanischen Staa­ten hinunter. Es ist klar, daß für alle diese Zwecke sehr große Seestreitkräfte eingesetzt werden müssen, wenn der Handelskrieg auf allen Meeren, der erst eben begonnen hat, zur vollen Entwicklung ge­langt ist.

Dabei steigt die Zahl der deutschen Unterseeboots rasch von Monttt zu Monat. Daß es ihnen nicht an vorzüglich geschulten Besatzungen fehlt, zeigen ihre Erfolge. Im November und Dezember des letzten Jahres ließen die Schiffsverluste im Atlantik nach, aber die Engländer sollten dieser Erleichterung nicht froh werden. Die Versenkung des modernen, stark gesicherten FlugzeugträgersArk Royal" durch das Unterseeboot des Kapitänleutnants Guggenberger am 13. November im westlichen Mittelmeer, die in England ungeheures Aussehen erregt hat, bezeich­nete den Anfang eines neuen Abschnitts der See­kriegführung in jenem viel umstrittenen Meere. .

Das deutsch-italienische Afrikakorps unter Füh­rung des Generalobersten Rommel stand damals im härtesten Kampfe. Eine übermächtige englische Armee war eingesetzt worden, um endgültig das italienische Küstengebiet von Nordafrika zu erobern. Auch die Mittelmeerflotte war durch die Entsendung der Schlachtschiffe derQueen Elftabeth"-Klasse derar­tig verstärkt worden, daß die italienische Kriegsmarine ihr nicht mehr den erforderlichen Widerstand ent­gegensetzen konnte. Die Unterstützung des englischen

Vichy, Ende Februar 1942.

Weil Frankreich gezwungen ist, aus einem tota­len Zus-aPmenbruch die Lehren zu ziehen und den Bestand an Werten aufzunehmen, welche die natio­nale Substanz ausmachen, treten Persönlichkeiten und Ereignisse der Vergangenheit in eine neue Be­leuchtung. Eine späte Rehabilitierung erfährt auf diese Weise der französische Staatsmann Jules F e r r y, den Slnfang der 80er Jahre (Siemen« c e a u angriff und mit hatte stürzen helfen, weil er die Interessen Frankreichs und der Republik ver­riet". DieserVerrat" bestand darin, daß Ferry eine Politik betrieb, die pach Clernenceau aus Frank­reicheinen Schuldner Deutschlands" machte. Cle- menceau wollte nicht zulassen, daß sich der Blick Frankreichs von den Vogesen ab­wandte und in einer überseeischen Betätigung eine neue Aufgabe für seine nationalen Energien suchte.

Der Ausgang des Weltkrieges, der Frankreich Elsaß-Lothringen wiedergab, schien ihm recht zu geben. Aber schon zwei Jahrzehnte später zeigte sich der große Irrtum, und so beginnt man jetzt in der Öffentlichkeit, Jules Ferry das ungerechte Urteil von damals abzubitten. Verdankt Frankreich nicht diesem Staatsmann ein^ Reihe seiner schönsten Be­sitzungen in Afrika und Asien und hat es nicht die Revanchepolitik des anderen mit > Millionen von Toten und einem neuen Krieg bezahlen müssen? Die Logik der geschichtlichen Entwicklung hat Frank­reich heute auf den Weg gewiesen, den ihm weit­schauende Staatsmänner schon vor Jahrzehnten nach dem unglücklichen Krieg von 1870 gewiesen hatten und der ihm mit der vollen Sympathie und Unter­stützung Deutschlands eine dauernde friedliche Ent­wicklung gesichert hätte.

In dieser Notzeit wenden sich die Blicke der Fran­zosen von selbst nach ihrem Kolonialbesitz, und es vergeht kaum ein Tag ohne die Bekundung imperialen Willens. Offensichtlich hat man sich in weiten Kreisen damit abgefunden, daß der Verlust der europäische^ Vormachtstellung, wie^sie nach dem Diktat von Versailles bestanden hat, endgültig ist und daß für das Frankreich von morgen die wah­ren Möglichkeiten über See liegen. Einem Fran­zosen, der alles in Trümmer hat sinken sehen, was die Stellung seines Landes in Europa begründet hatte, muß sich die Erkenntnis von selbst ausdran­gen, daß allein schon im afrikanischen Kolonialbesitz Werte zu finden sind, die man heu'e noch gar nicht abschätzen kann. Der Mangel an Kohlen und Roh­stoffen, an Lebensrnitteln und Lkmdesprodukten al­ler Art führt von selbst dazu, nach neuen Enttvick- lungs- und Steigerungsmöglichkeiten zu suchen, die man in Afrika am ehesten zu finden hofft. So er­weist sich auch für die Franzosen der Mangel und die Not als der beste Lehrmeister, und die Nieder­lage wird der Anfang einer gesünderen Entwicklung, als sie das am Ueberfluß der Importe lebende Frankreich von damals zu ahnen vermocht hatte.

So beherrschen die Kolonien heute wie nie zu­vor das öffentliche Denken und Leben. Die Reifen der maßgebenden Persönlichkeiten der Kolonien und Schutzgebiete werden aufmerksam registriert, Treue­kundgebungen der Kolonien für das Mutterland ausführlich verzeichnet. Der leitende Staatsmann selbst, Admiral D a r l a n , hat erst kürzlich in einem vielbeachteten Interview eine ganz neue, moderne Auffassung von dem französischen Empire, die Einheit von Mutterland und über- seeischen Besitzungen, verkündet, in denen er brt allen Nöten des Tages eine Quelle des Stol­zes sieht. Dem gleichen Ziel, die Franzosen mehr als bisher mit diesen Gedankengängen vertraut zu machen, hat die Kolonialkonferenz der ver­gangenen Woche gedient, die alle führenden Männer der Kolonien, Residenten, Glmverneure, Techniker tunb Wirtschaftler in Vichy vereint hat, das seit dem Abschied des Generals W e y g a n d besonderen Wert darauf legt, die afrikanischen Angelegenheiten direkt von dem Sitz der Regierung aus zu diktieren. Hierher gehört auch die Reise des Innenministers P u ch e u , der als erster französischer Jnnenminl- fter seit vielen Jahren eine solche Inspektion der nordafrikanischen Besitzungen durch'ührt.

Man beschränkt sich indessen nicht darauf, Kon­ferenzen abzuhalten und Ministerreisen zu veran­stalten. Es wird in Französisch-Afrika ge­arbeitet, und die in Vichy vorliegenden Ergeb­nisse lassen den Schluß zu, daß der Fortgang dieser Unternehmungen d-e Franzosen zu einigem Optt- mismus berechtigt. Trotz der bestehenden Schwierig­keiten nimmt die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung beispielsweise am Niger einen er­freulichen Verlauf. In der Gegend von N i o n o stellt man eine Bevölkerungszunahme innerhalb weniger Jahre von mehr als WO v. H., eine Stei­gerung der Baumwollernte in der gleichen Zeit um mehr als das Dreifache fest. In demselben Gebiet, wo zur Zeit 5000 Hektar kultiviert sind, werden im Laufe der nächsten sieben Jahre 170 000 Hektar dem Anbau erschlossen. Durch die Anlegung von Stau­werken und Bewässerungsarbeiten werden die Le­bensbedingungen in dieser Gegend völlig verändert. In W e st a f r i k a werden künftig die Baumwoll­kulturen einen hervorragenden Platz einnehmen. Man sieht in Frankreich bereits ein zweites Aegypten im Tal des Niger entstehen. Kaffee und Kakao in Guinea, an der Elfenbein- fli ft e und in Dahomey, die Holzausbeute in den riesigen Wäldern Westafrikas, die 64 M ll onen Hektar bedecken, eine starke Ausdehnung der Vieh­zucht, eine ungeahnte Entwicklung des Handels, der innerhalb eines Menschenalters eine gewaltige Ver­mehrung erfahren hat und weiterer Steigerung fähig ist, die Ausdeutung der Bodenschätze des Landes, alles das sind die tröstlichen Ausblicke nach einem völligen Bankrott.

Der Verkehrsminister Berthelot hat eben erst angekündigt, daß der Bau der Sahara- bahn, für den zuerst mit längeren Zeitspannen gerechnet worden war, unter dem Druck der Ver-