Annahme von Anzeigen für die Mittagsnummer bis 8% Uhr desBormittags
Anzeigenpreise:
Anzeigenteil 7 Rvf. je mm bei 22 mm Zeilenbreite, Textteil 50 Rvf. je mm bei 70 mm Zeilenbreite
Nachlässe:
Wiederholung Malstaffel I AbschlüneMengenitgffelS Platzvorschrift l vorherige Vereinbarung) 25%ment
192. Jahrgang Nr. 50
Erscheint täglich,, außer Sonntags und feiertags
Beilagen:
Gießener ^amilienblätter Heimat imBild Die^vcholle
Bezugspreis: Monatlich.....RM.1.80
Zustellgebühr .. ,, -25 auch bei Nichterscheinen von einzelnen Nummern infolge höherer Gewalt Kernsvrechanschlnh 2251 Drahtanschrift: „Anzeiger . Postscheck iMs Franks./M.
vrühlscheUnlverfltStLdruckerriR. Lange General-Anzeiger für Obechessen 01 Siehkn,^chu>ftratzer-Y
jwn y §amrtag,28 Zebruar/Somtag. t. März 1042
Giehener Anzeiger
Von unserem Dr. K.-Korrespondenten.
Oer Wehrmachtberichi.
DAV. Aus dem Führerhauplquariier. 27. Februar. Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt:
Auf der Krim wiesen deutsche und rumänische Verbände feindliche Angriffe gegen die Front vor Sewastopol und auf der Halbinsel Kertsch unter hohen Verlusten für den Gegner ab.
Auch an den übrigen Fronten im 01t e n scheiterten zahlreiche Angriffe der Sowjets an der Wider- standskraft unserer von starken Luftstreitkräften unterstützten Truppen.
In Nordafrika lebhafte Tätigkeit deutscher und italienischer Ausklärungskräste an der Lyre- nalka-Front. Trch ungünstigen Wetters wurden die hafcnanlagen von Tobruk bombardiert und motorisierte britische Kolonnen mit Bomben und Bordwaffen angegriffen.
Weitere Luftangriffe richteten sich gegen britische Flugplätze auf der Insel Malta.
Der Feind griff auch in der vergangenen Nacht einige Orte des norddeutschen Küstengebiets an. Zwei britische Bomber wurden abgefchossen.
Neue harte Schläge unserer Lusiwaffe.
Berlin, 27. Febr. (DNB.) Starke Verbände deutscher Kampf- und Sturzkampfflugzeuge fügten den Sowjets am 26. 2. wieder außerordentlich hohe
Verluste zu. Besonders im mittleren und nördlichen Abschnitt der Ostfront, wo auch starke Jägerverbände eingesetzt waren, hatten die Angriffe große Wirkung. Dies beweisen die schweren Mater'alverluste des Feindes, der nach bisher vorliegenden Meldungen in diesen beiden Räumen 13 Geschütze, 18 Panzer und 335 motorisierte und bespannte Fahrzeuge durch. Bombenwürfe und Tiefangriffe verlor.
Oer italienische Bericht.
Rom, 27. Febr. (DNB.) Der italienische Wehrmachtbericht vom Freitag hat folgenden Wortlaut:
An der Cyrenaika-Front Fernaufklärung italienischer und deutscher Panzereinheiten.
Die Angriffe der Luftwaffe waren durch schlechtes Wetter behindert. Sie richteten sich gegen die Hafenanlagen von Tobruk und die Flugplätze auf Malta, die zu wiederholten Malen mit Erfolg angegriffen wurden.
Neue feindliche Einflüge gegen Tripolis und Bengasi verursachten keinen schweren Schaden. In Bengasi wurden einige Araberhäuser getroffen. Die muselmanische Bevölkerung hatte acht Tote und sieben Verletzte.
Ein feindliches Flugzeug versuchte in den frühen Morgenstunden des 27. Februar Messina zu überfliegen. Das genau liegende Feuer der Bodenabwehr zwang das Flugzeug, eine Wellington, zur Landung bei Kap P e l o r o. Die aus sechs Kanadiern bestehende Besatzung wurde unverletzt gefangengenommen.
Gemeinwirischast statt Kolchos
Neue Agrarordnung für die besetzten Ostgebiete.
Zahlreiche Angriffe der Sowjets gescheitert
Lebhafte Aufklärungstätigkeit in der Cyrena.ka.
Berlin» 27. Febr. (DNB.) Der Reichsminisler für die befehlen Ostgebiete, Alfred Rosenberg, hat im Einvernehmen mit dem Beauftragten für den Vierjahresplan, Reichsmarschall Göring, eine neue Agrarordnung für die bereits von ter Zivilverrvallung übernommenen Gebiete der früheren Sowjetunion in den Grenzen von 1939 erlassen.
Die neue Agrarordnung beseitigt die Kol- tektivverfassung und das zu ihrer Durchführung bestimmte sogenannte „Musterstatut des landwirtschaftlichen Artels". An die Stelle des bol- fchewisiischen Kolchosensystems tritt eine neue Ordnung, die in verschiedenen ineinanderfliehenden und sich ergänzenden Formen die Landbevölkerung des Ostens zur individuellen Bodenbewirtfchaftung zu- rückführt.
Aus verständlichen Gründen ist es nicht möglich, die seit zwei Jahrzehnten mit allen Dritteln der Gewalt - befestigten bolschewistischen Methoden zur praktischen Versklavung des Bauern von heute auf morgen umzustellen. Die a u f g e l ö st e n Kollektivwirtschaften werden daher zunächst in G e* meinwirtschaften umgewandelt. Aus diesen Gemeinwirtschaften entwickelt sich die individuelle Wirtschaftsform in Gestalt der g e - nossenschaftlichen Lanübauweise und des Einzelhofes. In der Landbau-Gmossen- scha^t wird das bisher gemeinschaftlich bewirtschaftete^ Land den Mitgliedern zur selbständigen Bmr° beitung und Nutzung zugeteilt und nach einem fest- ae etzten Plan einheitlich bebaut. Unabhängig von der endgültigen Gestaltung wird das bisherige Hofland zum Privatbesitz erklärt, von Steuern befreit und kann auf Antrag vergrößert werden. Die Viehhaltung unterliegt in Zukunft keinen einschränkenden Bestimmungen.
Im Einvernehmen mit dem Oberkommando der Wehrmacht gilt die reue Agrarordnung auch in den von den deutschen Truvpcn besetzten Gebieten, die noch nicht von der Ziviloerwaltung übernommen worden sind.
Oer neueWeg.
Am 17. Februar ist für alle besetzten Teile der ehemaligen Sowjetunion im Einvernehmen mit dem Beauftragten für den Vierjahresplan, dem Ober- k^mm-ndo der Wehrmacht und hem Reichsmimster für die besetzten Ostgebiete durch den Führer eine
hältnisfe beschleunigt werden soll. Die T r a n s ° portfrage ist ja eines der Hauptprobleme in der. gegenwärtigen Situation Frankreichs. In jedem Falle verdient die Arbeit, die Frankreich zur Entwicklung seiner afrikanischen Besitzungen vollbringt, die größte Aufmerksamkeit auch vom gesamteuropäischen Standpunkt aus.
Oer Prozeß in Riom.
Vichy, 27. Febr. (DNB.) Das Gericht in Riom lehnte, einer Bekanntgabe zu Beginn des 4. Verhandlungstages gemäß, die Anträge der Verteidigung der früheren französischen Ministerpräsidenten Blum und D al ad i er ab. Die Verteidigung hatte beantragt, die Untersuchung zu annullieren und durch Erklärung angeblicher Ver- fassungswidrigkeit des Gerichtshofes die Einstel ° lung der Verfolgung der Angeklagten zu erzwingen.
hältnisse und verproletarisierte dre Bevölkerung in einem Maße, das jedem deutschen Soldaten im Osten als warnendes Beispiel für den bolschewistischen Nihilismus täglich vor Augen tritt. Die neue Agrarordnung macht ein radikales Ende mit der sinnlosen Kollektivwirtschaft der Sowjets. Der Bauer im besetzten Osten wird frei, ihm roitb der Privat- besitz und damit die Arbeitsfreude wiedergegeben.
' Selbstverständlich kann bei einer so katastrophalen Verwirtschastung, wie sie bisher bestand, nicht von heute auf morgen an Stelle der Kolchosen ein blühendes Bauerntum geschaffen werden, aber die Grundlagen dafür sind jetzt gelegt worden. An Die Stelle des Kolchos tritt eine Uebergangsform von der bolschewistischen Kollektivwirtschaft zur neuen Gemeinwirtschaft. Zunächst unterliegt die Viehhaltung keiner Einschränkung mehr. Jeder Bauer kann sich soviel Vieh beschaffen, als er in der Lage ist, Futtermittel zu erzeugen. Die Voraussetzung für die Viehhaltung und damit für den Anbau von Futtermitteln ist der Besitz an Hofland, das jetzt zum Privateigentum umgestaltet wird. Dieses Privateigentum ist von allen Steuern befreit. Hier kann der Bauer nach eigenem Ermessen wirtschaften. Und da dieses Holland in fast allen Fällen durchaus un- zureichmd ist, kann es auf Antrag bei der deutschen Verwaltung vergrößert werden. So ist es dem Bauern möglich, auf einem wenn auch zunächst kleinen Einzelhof rein individuell zu .wirtschaften und das Bestmöglichste aus Hof, Futteranbau und Viehhaltung für sich selbst zu machen. Eine Ergänzung findet diese für den Osten neue Form der Agrarverhältnisse durch die Bildung von Landbaugenossenschaften. Bei diesen Betriebsformen wird der Landmann sich auch den größten Teil der außer» halb seines Hofes liegenden Arbeit nach freiem Er- messen einteilen können. Auf den großen Ackerflächen außerhalb der Einzelhöfe werden die Be- stellungs- und Saatarbeiten nach dm Angaben der deutschen Verwaltung gemeinschaftlich durchgeführt, aber die Saatenpflege und die Erntearbeiten führt jeder Landmann selbständig aus. Solange die not- wendigen Voraussetzungen, wie Zugvieh und Inventar, noch nicht gegeben sind, wird zunächst an der Gemeinschaftsform festgehalten, aber auch innerhalb dieser Form wird das Gefühl der jyrei- hcit gestärkt, und das Interesse nm eigenen Besch wird 'sich durch die Möglichkeit für jeden Landwirt verstärken, durch Fleiß einmal seinen eigenen Besitz ausurdehnen. und ferner durch die Gewährung eines gerechten Lohnes, der ihm auf jeden Fall eine men< jchenwürdige Existenz schafft.
Iugenderholunq im Kriege.
Berlin, 27. Febr. (DNB.) lieber die Durchführung der Erholung für Jugendliche im Alter von 10 bis 18 Jahren (Mädel bis zu 21 Jahren) haben der Reichsjugendführer der NSDAP., A x • mann, und der Leiter der NS.-Volkswohlfahrt, Hilgenfeldt, ein Abkommen getroffen, das die Zusammenarbeit beider Organisationen regelt und damit gerade während des Krieges den Einsatz aller verfügbaren Mittel in der Jugenderholungspflege sich erstellt. Die Entsendung der gesunden Jugendlichen zur Erhaltung ihrer Leistungsfähigkeit und im Interesse ihrer allgemeinen körperlichen Entwicklung fällt danach dem „Erholungswerk für Hitlerjugend" zu. Die Sorge für die gesundheitsgefährdeten Kinder und Jugendlichen, die einer Erholung mit besonderer pflegerischer Betreuung bedürfen, obliegt dagegen der „NSV.-Jugenderholungspflege". Welcher Weg im Einzelfall beschritten wird, hängt vom Entscheid des Jugendarztes ab, der an die Richtlinien des Reichsgesundheitsführers gebunden ist. Für die „NSV.-Jugenderholungspflege" sind ebenso wie für die Arbeit im „Erholungswerk der Hitler-Jugend" die Grundsätze der nationalsozialistischen Jugenderziehung maßgebend.
neue Agrarordnung in Kraft gesetzt worden. Diese Agrarordnung räumt endgültig mit dem sog. Kolchos auf, also mit der Kommunisierung der landwirtschaftlichen Betriebe im Osten.
Die Sowjets hatten das Privateigentum nicht nur an Grund und Boden, sondern auch an der sogenannten Fahrhabe aufgehoben. Fahrhabö bedeutete nad) altgermanischem Recht, das bis in die Gegenwart fortwirkt, den Besitz an Möbeln und Arbeitsgerät und war nur denkbar in Verbindung mit einer individuellen Tätigkeit des Besitzers. Die Sowjets hatten Millionen von Bauern und Landarbeitern völlig enteignet. Sie mußten ihre Höfe aufgeben, die in dem sogenannten Kolchos direkt Eigentum der Sowjets waren, wobei die ehemaligen Bauern und Landarbeiter so verproletari- fiert wurden, daß sie als landwirtschaftliche Lohn- sklaoen fungierten. Die Erträge aus einem Kolchos standen lediglich dem Staat zur Verfügung, der Lohnsklave erhielt einen Tagelohn, der nicht ausreichte, um auch nur den notwendigsten Bedarf an Lebensrnitteln zu decken, der ebenfalls aus staatlichen Abgabcstellen bezogen werden mußte und nicht aus den Erträgnissen der landwirtschaftlichen Zwangsgüter selbst. Wenn hier und da der Lohnsklave vom Kolchos ein Stückchen Land zugewiesen erhielt, dann war es allzu klein, als daß es nennenswerte Erträge hervorgebracht hätte. Die Viehhaltung war auf solchen Zwergparzellen, die übrigens nicht dem Lohnsklaven, sondern den Sowjets gehörten, durchweg verboten. Ferner stellte sich heraus, daß dieses Land für die Arbeiter im Kolchos minderwertig war, denn die besten Stücke waren im Kolchos vereinigt. Es wiederholte sich also genau derselbe Fehler, der die sog. russische Bauernbefrei- unü von 1862 zur Schimäre machte, denn auch damals waren den Großgrundbesitzern die besten Flächen Rußlands ausgeliefert worden, während die Bauern mit gänzlich unzureichenden und sterilen Stückchen Landes abgefunden wurden, die dem russischen Muschik nicht die Möglichkeit gaben, seine sog. Nahrungsfreiheit zu gewinnen. Alle Agrarreformen unter dem weißen Zaren hatten dieses groteske Mißverhältnis nicht beseitigen können. Die letzte Agrarreform unter Stolypin zerbrach in. ddn Wirren mach der russischen Revolution von 1905.
So kam es, daß die von uns besetzten Teile der Sowjets, ehemals Getreideüberschußgebiete, die ihren Weizen- und Roggensegen nach dem industriellen Westen ausführten, Hungergebiete wurden. Die geradezu sinnlos vorgenommene Industrialisierung in diesen Gebieten revolutionierte die ganzen Ver-
Unterseeboote auf allen Meeren.
Von Konteradmiral a. D. Karl Tägert.
Nicht weniger als 61 große Handelsschiffe mit einem Raumgehalt Mon 421500 BRT. haben deutsche Unterseeboote gleich in den ersten Wochen ihres Wirkens an der nordamerikanischen Küste versenkt. Das ist eine üble Nachricht für unsere Feinde, denn die Häfen, vor denen die Unterseeboote operierten, weisen einen riesigen Schiffsverkehr auf. Neuyork allein kam im letzten Friedensjahr auf einen solchen von 20 Millionen BRT., der den von Hamburg weit übertraf.
Der amerikanischen Kriegsmarine fallen damit neue, sehr schwierige Aufgaben zk. England mußte im ersten Weltkriege schließlich gegen die etwa 150 verfügbaren deutschen Unterseeboote mehr als 3000 Schiffe und Fahrzeuge einsetzen, darunter 277 Zerstörer, 849 Fischdampfer, 867 Drifter. Dabei fiel diesen Schiffsmassen nur die Bewachung der heimischen Küsten und ein Teil der Deckung für die nach England bestimmten Geleitzüge zu.
Die amerikanische Kriegsmarine hat viel, viel mehr zu tun. Schon bisher deckte sie die nach Island laufenden Geleitzüge, ebenso die um Südafrika fahrenden amerikanischen Hilfstransporte für die englische Armee des Nahen Ostens und die Sowjet- Union. Der Krieg mit Japan gab ihr als neue Aufgabe den Handelsschutz in den ungeheuren Weiten des Pazifik, wo überall japanische Kreuzer, japanische Unterseeboote lauern. Jetzt tritt als weitere schwere Mehrbelastung hinzu die Küstenbewachung und die Sicherung der Handelsschiffahrt im westlichen Atlantik bis zu den südamerikanischen Staaten hinunter. Es ist klar, daß für alle diese Zwecke sehr große Seestreitkräfte eingesetzt werden müssen, wenn der Handelskrieg auf allen Meeren, der erst eben begonnen hat, zur vollen Entwicklung gelangt ist.
Dabei steigt die Zahl der deutschen Unterseeboots rasch von Monttt zu Monat. Daß es ihnen nicht an vorzüglich geschulten Besatzungen fehlt, zeigen ihre Erfolge. Im November und Dezember des letzten Jahres ließen die Schiffsverluste im Atlantik nach, aber die Engländer sollten dieser Erleichterung nicht froh werden. Die Versenkung des modernen, stark gesicherten Flugzeugträgers „Ark Royal" durch das Unterseeboot des Kapitänleutnants Guggenberger am 13. November im westlichen Mittelmeer, die in England ungeheures Aussehen erregt hat, bezeichnete den Anfang eines neuen Abschnitts der Seekriegführung in jenem viel umstrittenen Meere. .
Das deutsch-italienische Afrikakorps unter Führung des Generalobersten Rommel stand damals im härtesten Kampfe. Eine übermächtige englische Armee war eingesetzt worden, um endgültig das italienische Küstengebiet von Nordafrika zu erobern. Auch die Mittelmeerflotte war durch die Entsendung der Schlachtschiffe der „Queen Elftabeth"-Klasse derartig verstärkt worden, daß die italienische Kriegsmarine ihr nicht mehr den erforderlichen Widerstand entgegensetzen konnte. Die Unterstützung des englischen
Vichy, Ende Februar 1942.
Weil Frankreich gezwungen ist, aus einem totalen Zus-aPmenbruch die Lehren zu ziehen und den Bestand an Werten aufzunehmen, welche die nationale Substanz ausmachen, treten Persönlichkeiten und Ereignisse der Vergangenheit in eine neue Beleuchtung. Eine späte Rehabilitierung erfährt auf diese Weise der französische Staatsmann Jules F e r r y, den Slnfang der 80er Jahre (Siemen« c e a u angriff und mit hatte stürzen helfen, weil er „die Interessen Frankreichs und der Republik verriet". Dieser „Verrat" bestand darin, daß Ferry eine Politik betrieb, die pach Clernenceau aus Frankreich „einen Schuldner Deutschlands" machte. Cle- menceau wollte nicht zulassen, daß sich der Blick Frankreichs von den Vogesen abwandte und in einer überseeischen Betätigung eine neue Aufgabe für seine nationalen Energien suchte.
Der Ausgang des Weltkrieges, der Frankreich Elsaß-Lothringen wiedergab, schien ihm recht zu geben. Aber schon zwei Jahrzehnte später zeigte sich der große Irrtum, und so beginnt man jetzt in der Öffentlichkeit, Jules Ferry das ungerechte Urteil von damals abzubitten. Verdankt Frankreich nicht diesem Staatsmann ein^ Reihe seiner schönsten Besitzungen in Afrika und Asien und hat es nicht die Revanchepolitik des anderen mit > Millionen von Toten und einem neuen Krieg bezahlen müssen? Die Logik der geschichtlichen Entwicklung hat Frankreich heute auf den Weg gewiesen, den ihm weitschauende Staatsmänner schon vor Jahrzehnten nach dem unglücklichen Krieg von 1870 gewiesen hatten und der ihm mit der vollen Sympathie und Unterstützung Deutschlands eine dauernde friedliche Entwicklung gesichert hätte.
In dieser Notzeit wenden sich die Blicke der Franzosen von selbst nach ihrem Kolonialbesitz, und es vergeht kaum ein Tag ohne die Bekundung imperialen Willens. Offensichtlich hat man sich in weiten Kreisen damit abgefunden, daß der Verlust der europäische^ Vormachtstellung, wie^sie nach dem Diktat von Versailles bestanden hat, endgültig ist und daß für das Frankreich von morgen die wahren Möglichkeiten über See liegen. Einem Franzosen, der alles in Trümmer hat sinken sehen, was die Stellung seines Landes in Europa begründet hatte, muß sich die Erkenntnis von selbst ausdrangen, daß allein schon im afrikanischen Kolonialbesitz Werte zu finden sind, die man heu'e noch gar nicht abschätzen kann. Der Mangel an Kohlen und Rohstoffen, an Lebensrnitteln und Lkmdesprodukten aller Art führt von selbst dazu, nach neuen Enttvick- lungs- und Steigerungsmöglichkeiten zu suchen, die man in Afrika am ehesten zu finden hofft. So erweist sich auch für die Franzosen der Mangel und die Not als der beste Lehrmeister, und die Niederlage wird der Anfang einer gesünderen Entwicklung, ■als sie das am Ueberfluß der Importe lebende Frankreich von damals zu ahnen vermocht hatte.
So beherrschen die Kolonien heute wie nie zuvor das öffentliche Denken und Leben. Die Reifen der maßgebenden Persönlichkeiten der Kolonien und Schutzgebiete werden aufmerksam registriert, Treuekundgebungen der Kolonien für das Mutterland ausführlich verzeichnet. Der leitende Staatsmann selbst, Admiral D a r l a n , hat erst kürzlich in einem vielbeachteten Interview eine ganz neue, moderne Auffassung von dem französischen Empire, die Einheit von Mutterland und über- seeischen Besitzungen, verkündet, in denen er brt allen Nöten des Tages eine Quelle des Stolzes sieht. Dem gleichen Ziel, die Franzosen mehr als bisher mit diesen Gedankengängen vertraut zu machen, hat die Kolonialkonferenz der vergangenen Woche gedient, die alle führenden Männer der Kolonien, Residenten, Glmverneure, Techniker tunb Wirtschaftler in Vichy vereint hat, das seit dem Abschied des Generals W e y g a n d besonderen Wert darauf legt, die afrikanischen Angelegenheiten direkt von dem Sitz der Regierung aus zu diktieren. Hierher gehört auch die Reise des Innenministers P u ch e u , der als erster französischer Jnnenminl- fter seit vielen Jahren eine solche Inspektion der nordafrikanischen Besitzungen durch'ührt.
Man beschränkt sich indessen nicht darauf, Konferenzen abzuhalten und Ministerreisen zu veranstalten. Es wird in Französisch-Afrika gearbeitet, und die in Vichy vorliegenden Ergebnisse lassen den Schluß zu, daß der Fortgang dieser Unternehmungen d-e Franzosen zu einigem Optt- mismus berechtigt. Trotz der bestehenden Schwierigkeiten nimmt die industrielle und landwirtschaftliche Entwicklung beispielsweise am Niger einen erfreulichen Verlauf. In der Gegend von N i o n o stellt man eine Bevölkerungszunahme innerhalb weniger Jahre von mehr als WO v. H., eine Steigerung der Baumwollernte in der gleichen Zeit um mehr als das Dreifache fest. In demselben Gebiet, wo zur Zeit 5000 Hektar kultiviert sind, werden im Laufe der nächsten sieben Jahre 170 000 Hektar dem Anbau erschlossen. Durch die Anlegung von Stauwerken und Bewässerungsarbeiten werden die Lebensbedingungen in dieser Gegend völlig verändert. In W e st a f r i k a werden künftig die Baumwollkulturen einen hervorragenden Platz einnehmen. Man sieht in Frankreich bereits ein zweites Aegypten im Tal des Niger entstehen. Kaffee und Kakao in Guinea, an der Elfenbein- fli ft e und in Dahomey, die Holzausbeute in den riesigen Wäldern Westafrikas, die 64 M ll onen Hektar bedecken, eine starke Ausdehnung der Viehzucht, eine ungeahnte Entwicklung des Handels, der innerhalb eines Menschenalters eine gewaltige Vermehrung erfahren hat und weiterer Steigerung fähig ist, die Ausdeutung der Bodenschätze des Landes, alles das sind die tröstlichen Ausblicke nach einem völligen Bankrott.
Der Verkehrsminister Berthelot hat eben erst angekündigt, daß der Bau der Sahara- bahn, für den zuerst mit längeren Zeitspannen gerechnet worden war, unter dem Druck der Ver-


