Rr. 124 Zweites Blatt
Gießener Anzeiger (General-Anzeiger für Gberhefien)
50./51. mm 1942
Oie deutsche Zähigkeit.
Von Robert Hohlbaum.
Es aibt — wer wüßte es nicht — leuchtende Taten, deren Licht mühelos und vom ersten Augenblick des Aufflammens an mit feinem Schein nicht nur eine Zeit und ein Land, sondern alle Zeiten und Zonen erfüllte Taten, die in die Spanne eines Tages, einer Stunde, eines heroischen oder gesegneten Augenblicks die Kraft von Jahrzehnten und Jahrhunderten pressen und deren Leuchtkraft so stark ist, daß sie gar keine lange Dauer vertrüge, daß sie nur eines Augenblicks der Wirklichkeit bedarf, um Dauer, um Ewigkeit zu gewinnen. Die Schlachten von Marathon und Salamis, der Sieg des Scipio Africanus über Hannibal bei Zama, das Wunder — um auf germanischem Boden uns anzusiedeln — des Arminius im Teutoburger Walde, das allein ist das Werk weniger Stunden.
Aber auch viele Siege des Geistes, die heute am Himmel der Kultur- und Kunstgeschichte als unverrückbare Sterne strahlen, sind entweder schon in ihrem Aufleuchten oder doch in der Schlagkraft ihrer Wirkung Geschehnisse von atemberaubender, hinreißender Raschheit gewesen. Wer könnte sich vorstellen, daß Walthers von der Vogelweide Liebeslied „Unter der Linden" oder sein Kampfruf gegen den Papst etwa Früchte eines langsamen Reifens gewesen sein sollten? Jeder fühlt, daß sie Kinder des gesegneten Augenblicks waren, Aufblitzen einer Seele, die groß und fein genug war, um inzwischen schon sieben Jahrhunderte lang Erhebung und Entzücken für Generationen zu spenden, die unter ganz anderen Bedingungen leben, die um ganz andere und viel kompliziertere Gefühle wissen. Als Luther seine Thesen an das Tor der Schloßkirche zu Wittenberg schlug, als Goethe sein Nachtlied in das Fenster einer Bretterbude des Thüringer Waldes ritzte, waren das keine langsam erklügelten, wohlerwogenen Taten, sondern es waren Ausflüsse einer einmaligen, augenblicklichen Begeisterung und Berufung.
Diese psychischen und geistigen Testen sind weithin sichtbar in ihrer Auswirkung vom ersten Augenblick an und bleiben es. Der Oberflächliche vergißt nur zu leicht, daß sie nicht in sich schon Beginn und Ziel sind, sondern eben nur letztes weithin sichtbares Resultat. Wenige wohl dachten daran, wieviel Grübelnächte, wieviel Zweifel, wieviel Qualen einsamer Entscheidung der kühnen Tat Luthers vorausginqen, in welch zermürbender Verstellung und Selbstverleugnung der Befreier Armin die Germanen einen mußte, um den Tag des Teutoburger Waldes erst möglich zu machen. In welcher Zähigkeit Prinz Eugen sich seinen Weg freikämpfen, wieviele Widerstände österreichischer Problematik Erzherzog Karl niederringen mußte, um das erste Befreiungslicht von Aspern zu entzünden, in welch langer, unbe- donkter Kärrnerarbeit der Vater Friedrichs des Großen sein Heer aufbaute, das der größere Sohn zu unsterblichen Siegen führte, wie die Leipziger Schlacht nur möglich wurde durch die genial vorbereitende Zähigkeit Scharnhorsts, wie der Triumph Blüchers, der für uns das Sinnbild raschen, im Fluge erreichten Erfolges ist, durch sein zweites Ich, durch die Stille und von seiner Zeit nur wenig beachtete, gelehrte Heldenarbeit Gneisenaus vorbereitet wurde, wie der alte Hindenburg das lange nüchterne Leben eines Friedensoffiziers führte, um einmal Ostpreußen befreien zu dürfen, wie die österreichischen Generale, die Hötzendorf, Auffenberg, Krauß und Böhm-Ermolli, alle Schwierigkeiten und Widerwärtigkeiten, die ihnen das unmöaliche Staatsaebilde entgegentürmte, überwinden mußten, in täglicher unbeachteter und verborgener Mühe, um die letzten Siege an die alten ruhmreichen Fahnen zu Helten? ,
Ergebnisse der stillen Arbeit haben es natürlich weit schwerer, sich zu dauerndem Gedenken der Nachwelt durchmsetzen als die leuchtenden einmaligen Taten. Aber sie sind, wie mir schon saaten, ihre unerläßliche Vorausseßuna. Wir alle wissen, wieviele Widerstände die NSDAP, und ihr Führer zu bekämpfen hatten, ehe sie sich zu der großen befreienden Tat durchringen konnten, welche Unsumme von kleiner Arbeit geleistet werden mußte, bevor die Freiheit für das große Aufbauwerk erkämpft war. Niemand kennt dieses stille Werk besser
als die Grenz- und Ausländsdeutschen. In ihrem Kreise wurde auch das Wort dafür geprägt, das oft belächelte und verspottete, gering geschätzte Wort: Nationale Kleinarbeit. Wieviel Mühe und Selbstverleugnung kostete es doch, Menschen im doppelsprachigen Gebiete ihrem Volkstum zu erhalten! Aus Millionen solcher Einzeltaten setzte sich die Vorarbeit zusammen, die unerläßliche Dorbedin- gung für die Befreiung, die Heimkehr ins groß- deutsche Vaterland! Und dieses Ziel war den unermüdlichen Arbeitern wohl ein gewisses, aber doch in weiter Ferne schwebendes Licht, dessen Wirklichkeit zu sehen, sie oft nicht mehr erhofften. Kaum einer der Sudetendeutschen oder der Illegalen" im alten Oesterreich wähnte die Erfüllung in einer so unmittelbaren Nähe. Die diese Opfer brachten, taten es wirklich aus reinstem Idealismus, aus einem Pflichtgefühl, das in keiner Weise an Lohn dachte oder an die Genugtuung, einmal im Buche der Geschichte verzeichnet zu werden.
Auch heute sehen wir die leuchtenden Taten an den Fronten, das heldenmütige Sichopfern, Sttir- und Verteidigen. Das wir nicht sehen, was aber jeder weiß, der es vor fünfundzwanzig Jahren in Flandern und den. Vogesen, vor Verdun und Hpern, an der Ost-, Karpathen- und Alpenfront genau so erlebte und heute neu miterlebt, das ist der Kampf mit den zahllosen Widerwärtigkeiten, der Kampf gegen Schlamm und Eiseskälte, gegen Schmutz und Dunkelheit, Afrikahitze und Fieber, gegen das Grauen und das Häßliche, das in tausend Gestalten an diese Helden herankriecht und dem sie nicht mit dem Feuer mutvollen Aufflammens, sondern mit einer Zähigkeit begegnen müssen, die das Vermächtnis der Väter ist, die den zermürbenden Frontalltag des Schützengrabenkrieges überstanden, aber auch das Erbteil der fernen Ahnen, die Qual und Druck
des Napoleonischen Zeitalters, und, noch weiter, in dunklen Fernen, die Schrecken vieler Kriege erduldet und eben durch zähes Dulden siegreich überwunden haben.
Diese Zähigkeit ist nicht der geringste Teil der Tapferkeit unseres Volkes. Immer wenn sie uns verließ, stürzten wir ins Unglück, immer wenn wir sie uns bewahrten, half uns das Geschick. Und es ist seltsam, daß sie die schlichte, stille Erde ist, aus der die größten, zwar nicht sofort mit hellstem Ruhm gekrönten, aber um so dauernder und in weite jzerne wirkenden geistigen Taten gedeihen. Aus der lähmend langen Entsetzlichkeit des Dreißigjährigen Krieges erwächst das größte Werk vor der ruhmreichen Epoche der Klassik, Grimmelhausens „Simplizissimus", aus den Schatten der französischen Revolution die Reinheit der Dichtung „Hermann und Dorothea", in der Zeit von Deutschlands tiefer Erniedrigung erscheint der erste Teil des „Faust", und, manchmal unterbrochen vom Schritt und von den Kommandos französischer Bataillone, hält Fichte die Reden an die deutsche Nation. In den Tagen einer noch tieferen Erniedrigung Deutschlands erlebte^das große Paracelsus-Werk Kolben- heyers seinen Abschluß, und Pfitzners „Palestrina" legt um die Schultern seines Schöpfers den schwererrungenen Ruhm „gleich einem Feierkleid" — Werke, die nicht nur göttliche Eingebung, sondern vor allem auch die Zähigkeit einer gegen alle Widrigkeiten des Lebens sich durchsetzenden Kraft geschaffen hat. So sprießen der stolzeste Sieg, das. größte Werk und die kleinste und schlichteste Tat aus einer Wurzel, aus der zähen Unermüdlichkeit, die deutsches Erbgut ist, und die — das lehren uns die Jahrhunderte, die Jahrtausende — noch kein Feind überwunden hat.
Wer war Heinrich Lung-Gtilling?
Im großen Fluße geistesgeschichtlicher Entwicklung bietet sich das 18. Jahrhundert als die Zeitspanne der wechseloollsten Ausprägungen und der scheinbar größten Gebrochenheiten dar. Es genügt nicht, hier allein von einem Zwiegesicht zu sprechen, die Gegensätze dieser Zeit rühren an tiefere Bezirke als den Kampf zwischen Altem und Neuem; ihre Verästelungen sind zu fein, um sie auf einfache Gegensatzpaare als Hauptnenner zu bringen. Es ist im Geistigen die Auseinandersetzung mit westlichem, französischem und englischem Denken, die sich bereits vor der Ausbildung des Nationalitätengedankens im Grunde schon vollzieht; es behaupten sich im Religiösen neben kirchlicher Orthodoxie und immer mehr zum Atheismus treibender Freigeisterei die Kräfte einer inneren Haltung, die schon in mittelalterlicher Mystik ihren Ausdruck fand und deren Linie über Jakob Böhme hinaus nie zum Erlöschen kam; es besteht der Gegensatz zwischen StaatsaÜ- macht und zur Freiheit erwachendem Bürgertum, der im Wohlfahrtsstaat des aufgeklärten Absolutismus feinen Ausgleich zu finden sich müht.
All diese Formen sind nicht klar gegeneinander abgegrenzt, sie verfließen und durchdringen sich — obgleich das vor allem von England aus verbreitete Schlagwort der Aufklärung als beherrschende Richtung in Erscheinung tritt. Sie gibt mit ihrer Neigung, Altes zu entwerten, dem Jahrhundert einen verneinenden Zug, wenn auch nicht zu verkennen ist, daß ihre Einseitigkeit, ihre Betonung der Vernunft als „lumen naturale" der wissenschaftlichen Entwicklung einen ungeahnten Aufschwung gegeben hat. Blieben doch gerade in Deutschland gesunde Gegenkräfte allzeit wach: Ueber den englischen bloßen Nützlichkeitsgedanken hinäus findet' sich hier die Verknüpfung des Zweckoollen mit dem Vollkommenen, seit Christian Wolff die rührende Bemühung um eine Popular-Philosophie, der die allgemeine Glückseligkeitstendenz ihren Ausdruck verleiht. Vernunft, Fortschritt und Humanität sind die Idole, die über allen philosophischen und histo- riographischen Schriften dieser Zeit leuchten, mit ihnen scheinen die Quellen dauernder menschlicher Beglückung gesichert. Die Bannerträger dieser Ideen sehen in großartiger Selbstsicherheit den Aufstieg der Menschheit sich gradlinig vollziehen, ohne Gefühl für die Sprünge, welche diesem konstruierten Weltgefüge anhaften. Denn unterirdisch leben die
metaphysischen Kräfte, die ungebändigten Leidenschaften unter dieser nüchternen Verstandesdecke weiter, um einerseits in der Schrankenlosigkeit des Sturm und Drang, in der politischen Raserei der französischen Revolution anderseits ihren Ausweg zu suchen. An Stelle des vernünftig-satten Aufklärungsbürgers tritt nun der übermenschliche Dulder und Täter, der Vernunftreligion wird das pantheistische „Gefühl ist alles" entgegengeschleudert oder aber die Flucht zurück in den behütenden Schoß der Kirchen gewählt, und langsam, sehr langsam freilich verdrängt das Nationalgefühl das Lob gesamtmenschlicher Verbrüderung.
So wurde sich diese Zeit zum ersten Male seit der Renaissance ihrer Einbuße an ewig-gültigen Werten bewußt, mit dem Glauben an die Unfehlbarkeit des Fortschrittes bricht bei vielen ein Weltbild zusammen. Aus diesem erschütterten Lebensgefühl heraus ist auch Heinrich Jung-Stilling, der einst so berühmte Augenarzt und Volkswirt, Dichter und Pietist zu deuten.
Das auf Veranlassung Goethes geschriebene und gedruckte Erinnerungsbuch Stillings läßt um feine Wurzeln wissen: Aus dem stillen Siegener Waldland, aus dem pietistisch-absonderlichen Vaterhause erfolgt auf dem Umwege über Schneiderberuf und praktische Landwirtschaft der Durchbruch zur Wissenschaft: Der göttliche Ruf scheint ihn trotz philosophischer und sprachwissenschaftlicher Neigungen zum Arzt zu bestimmen, Jung-Stilling unterwirft sich ihm. Mit dem Studium in Straßburg erschließen sich ihm erstmals große Weiten, die Welt der Sprachen und Literaturen, Goethes und Herders. Dem hochbegabten stillen Manne winkt — Zeichen seiner Vielseitigkeit — schon nach kurzer ärztlicher Praxis 1779 ein Ruf als Oekonomie-Professor an die Cameral-Hohe-Schule zu Kaiserslautern. Nun folgt ein Jahrzehnt gerafftester Arbeit, das dem eifrigen, 1784 nach Heidelberg übergesiedelten Ca- meralisten 1787 den Ruf nach Marburg einbringt. Als Nationalökonom arbeitet er sich schnell ein, ein wissenschaftliches Werk folgt dem anderen. Als echtes Kind seines Jahrhunderts greift er alle Probleme der Staatswirtschaft, auch Mit praktischen Ratschlägen, an; seine Veröffentlichungen umspannen die Gebiete von Land- und Fortwirtschaft, Finanz- und Polizeiwesen, Bergbau und Fabriken. Insgesamt ein Wohlfahrtssystem, das als Grund-
Abenteurer der Feder.
Zum 7ü. Todestage Friedrich Gerstackers.
Außerhalb dessen, was man landläufig als Literatur zu bezeichnen pflegt, steht von fther eine nicht gering zu schätzende Kategorie des --chrlsttums, die, lenseits der Dichtung, manchmal sich ihr nähernd, m Einzelfällen in sie hineinreichend, den Leser m fremde Länder führen, ihn durch Naturschilüerungen und Charakteristiken von Land und Leuten belehren, durch farbige, buntgemlschte, abenteuerliche Handlungen feine Phantasie .anregen und dem Drang zum Abenteuer, der m ledern steckt, Genüge tun will Ihre Verfasser sind oft un wahrsten ^mne Schriftsteller des Volkes"; jede Generation kennt solche Lieblinge einer in die Hunderttausende, wenn nickt in die Millionen gehenden Leserschaft.
Der bisher letzte dieser großen Abenteurer der Feder ist der nun schon von zwei Generationen ge- liebte Karl May, dem das letzte Jahrzehnt, wenn auch leider posthum, endlich die -hm gebührende Ehrenrettung gebracht hat. Ueber der großen D-lr- kuna seiner Reise- und Abenteuer-Geschichten aber hat die deutsche Leserschaft doch allzusehr die großen Vorläufer „Old Shatterhands" vergeßen, die zu ihrer Zeit, wenn auch nicht den ^^uhm des aroßen Volksschriftstellers des ausgehenden neun- Jahrhunderts so doch, mit Maßstaben ihrer $nbS'ßeferfdjaft itjrer Er- folaswtten eine ähnliche Bedeutung hatten. Der «Kte unter ihnen - und er allerdings bei aller
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SrlHw Westens" Otto Ruppius und Baldum Mott
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Rückkehr in die Heimat eine ganze Bibliothek von Reiseschilderungen und transatlantischen Romanen zu schreiben begann. Reiche Erfahrung verband sich dabei mit rasch gestaltender Phantasie zu bunten Bildern, denen nie die echte Lebensfülle fehlt. Die Naturhastigkeit und Kraft seiner Gestalten, seine Anlehnung an die große, unerschöpfliche Natur selbst waren ein wohltuendes Element im Schrifttum der Zeit, das an epigonenhafter Ueberlieferung und binnenländisch-kleinstädtischer Enge des Gesichtskreises krankte.
In fünf großen Reisen hatte Friedrich Gerstäcker einen bedeutenden Teil der Welt kennengelernt. Dem mehrjährigen Jugendaufenthalt in Nordamerika folgte 1849/52 eine Weltreise durch Südamerika, Kalifornien, die Sandwich- und die Gesellschaftsinseln, das südöstliche Australien und Nie- derländisch-Jndien. Die dritte Reise, 1860, hatte zum Hauptzweck den Besuch der deutschen Siedlungen in Südamerika; 1861 kehrte Gerstäcker nach eingehender Bereisung von Panama, Ecuador, Peru, Chile, Uruguay und Brasilien nach Deutschland zurück. Im folgenden Jahre begleitete er den Herzog Ernst von Koburg-Gotha nach Aegypten und Zlbessinien, und 1867/68 besuchte er auf einer abermaligen transatlantischen Reise Nordamerika, Mexiko, Ecuador, Venezuela und Westindien.
Aus dem so erworbenen großen Fundus an Erfahrungen, Beobachtungen und Kenntnissen schöpfte Friedrich Gerstäcker nicht nur seine großen Romane, wie „D i e Regulatoren in Arkansas" und „Sie Flußpiraten des Mississipp i", auf ihrer Grundlage entfaltete er auch eine ausgedehnte publizistische Tätigkeit, die u. a. in der Verteidigung der Interessen der deutschen Auswanderer und Ansiedler in fernen Ländern, besonders in Südamerika und in der immer wiederholten Betonung der Notwendigkeit fester nationaler Institutionen für die Vertretung der deutschen Interessen in den außereuropäischen Ländern Ziele setzte und Erfolge errang, die, besonders in den politisch schläfrigen Zeiten vor 1848 und nach 1850, den Dank des deutschen Volkes verdienten.
Als Friedrich Gerstäcker am 31. Mai 1872 aus her Welt ging, die für ihn bunter und abenteuer- reicher gewesen war als für die Mehrzahl feiner Zeitgenoffen, konnte er auf ein gedrucktes Lebenswerk zurückblicken, aus dem Millionen Leser Freude, Belehrung und Anregung geschöpft hatten.
Johannes Möller.
©er Benzinkocher.
Von Kriegsberichter Heil de Breutarri.
PK. Im mittleren Frontabschnitt, Mai 1942.
Der Soldat in der Ruhestellung, nach monatelangem Einsatz, füllt eine eigene Welt aus. Es ist schwer, sie euch ganz begreiflich zu machen. Es ist die Rückkehr des sehr Menschlichen in das kriegerische Herz, und es ist die Heiterkeit an den kleinen Dingen, an denen der auf den Feind spannende Kämpfer vorbeisah. Leib, Seele und Geist haben ja gleichermaßen'Ruhe in der Ruhestellung.
Der Vallentin ist in diesen Tagen mit nichts anderem beschäftigt als mit seinem selbstgebastelten Benzinkocher. Der nimmt ihy. ganz gefangen, verdrängt sogar das große, wunderbar leuchtende Ding in Vallenttns Seele, das der Kompaniechef vor einigen Tagen dahineingepflanzt hat, und das den Vallentin nun von innen her ganz warm werden läßt, und dieses Ding heißt: Urlaubsaussicht für die nächsten Tage!
Augen rasch zugekniffen und wieder aufgerissen! Ob es auch keine Narretei ist! Er wird — er wind — halt! Nicht weiterdenken! Wie sieht denn das Bärbelche daheim noch aus, das Bärbelche mit den beiden kleinen Mädchen, die beide ebenso aussehen wie das Bärbelche? Och, da braucht doch der Vallentin nur nach hinten in die Hosentasche zu langen und die Bilder vom Bärbelche herauszuholen. Die haben im Laufe der Zeit mitsamt ihrem Lederfutteral eine sanfte Wölbung erfahren, so daß das Bärbelche dem Vallentin langsam entgegen zu sinken scheint ...
Aber selbst, wenn Vallentin dies in Betracht zieht, deshalb bleiben die Bilder doch nur Papier! Das ist kalt, selbst wenn das Etui an heißen Tagen an Temperatur gewinnt ... Es ist Papier und es bleibt Papier und ist michin nicht mehr als ein Gutschein auf das Bärbelche. Also rasch weg damit, es lebe die Wirklichkeit, und die ist ihm schon ganz nah, dem Vallentin, gleich wird er sie erleben, schon rollen die Urlauberzüge der Armee!
Der Benzinkocher aber muß fertig werden, schon deshalb, weil der ganze Zug den Dallenttn damit aufzuziehen beginnt. Es ist eine sinnreiche Konstruktion, und man kennt ja die Weltgeltung deutscher Technik! Dallenttn nun freilich ist daheim
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läge neben die Werte des Physiokratismus echt deutsch die Ehre setzt — und zwar in strst kantischer Prägung: „Wahre Ehre ist Pflicht" — und über dem Ganzen das Leikwort der Glückseligkeit erstrahlen läßt. Neben diese umfassende volkswirtschaftliche Tätigkeit tritt die naturwissenschaftliche, wobei viel paracelsisches sich mit mechanischem Gedankengut mischt; und eine anonyme, Kant und Herder gewidmete Schrift soll eine neue Philosophie grunölegen. Da entgleitet ihm auf der Höhe seines Ruhmes der Boden unter den Füßen. Dualistisch gespalten zwischen Herz und Verstand wie so viele seiner Generation, im Grunde ein religiöser Skeptiker, der sich daher lieber den logischen Folgerungen des Denkprozesses verschließt und gewaltsam eine Dorsehungslenkung im kleinsten konstruiert, entwurzelt ihm das philosophische Studium Leibniz' und Wolffs den ganzen Sinn des Seins; religös unsicherer „Gefangener des Determinismus" sucht er verzweifelt Rettung bei Kant, bis ihm dessen gütiger Hinweis hilft: Von nun an flüchtet Jung-Stilling ins Evangelium, steigert sich unter zunehmender Vernachlässigung aller irdischen Belange in die Rolle eines „Heroldes Christi" hinein, für die er in Karl Friedrich von Baden einen hilfsbereiten Gönner findet.
So verstreichen die letzten Jahrzehnte seines Lebens, als Geheimrat erst in Heidelberg, dann in Karlsruhe eine immer größere Schar von Anhängern um sich sammelnd, weichen Naturen gleich ihm, die im Spiritualismus der Problematik ihrer Zeit zu entgehen suchen. Seine zahlreichen Schriften mystischer Art wie „Heimweh" und seine „Geisterkunde" werden in viele Sprachen übertragen, seine riesige Korrespondenz, überflutet, nicht zuletzt dank seiner glänzenden Sprachbegabung, die Grenzen Europas, Berühmtheiten wie Zar Alexander I. und die Baronin Krüdener zählen zu seinen Verehrern. Ganz im Übersinnlichen lebend, allem irdischen und wissenschaftlichen Ehrgeiz entfremdet, im Grunde wieder der verkrampfte und dennoch in feiner Schlichtheit liebenswerte Piettstenfohn, als der er begann, so entführte der Tod am 2. April 1817 den stillen Greis als willige Beute.
An dem Durchbruch zu in sich selbst ruhender Klassik, die einem Goethe gelang, scheiterte der unausgeglichene Jung-Stilling. In der Mischung von Tränenseligkeit und nüchternster Berechnung, vielfältiger Begabung und Unsicherheit ob des Zusammenpralls so verschiedenartiger und auch wesensfremder Mächte scheint er symptomatisch für ein ganzes Zeitalter im Guten wie im Bösen. Ueber ihn hinweg aber erwuchs aus der großen Auseinandersetzung vor allem auch mit den Flachheiten englischer Aufklärung im deutschen Idealismus die Weltanschauung, welche die gesamteuropäische Wissenschaft befruchten und formen sollte. Ma.
Kunst und Wissenschaft.
Eine Tilman-Riemenschneider-Oper.
Der in Wien lebende Komponist Casimir von Paszthory vollendete ein neues musikalisches Bühnenwerk in zwei Teilen zu je vier Bildern, in dessen Mittelpunkt die menschliche Größe und das tragische Geschick des Würzburger Bildhauers Tilman Riemenfchneider steht, nach dem die Oper auch benannt ist.
Claudio Arrau spielt Beelhoven in Buenos Aires.
Der auch in Deutschland rühmlich bekannte chilenische Pianist Claudio Arrau leitete die Winterspielzeit der argentinischen Staatsoper Teatro Colon jn Buenos Aires mit der zyklischen Darbietung von Beethovens 32 Klavier-Sonaten ein. Vor jedesmal ausverkauftem Haus erntete Arrau stürmische Ovationen. Beethovens Sonaten wurden in solcher Vollendung seit dem Gastspiel von Wilhelm Backhaus im Jahre 1938 in Buenos Aires nicht mehr gehört.
Zuckerbäcker ... Desto besser, desto besser, lieber Leser, so wird er mit dem Benzinkocher auch etwas anzufangen wißen. Bouletten aus Büchsenfleisch, aaah ... Und geröstete und gesüßte Kommißbrot- scheiben dazu, ha!
Vallenttns eigene Konsttuktton ist einem Primus kocher ähnlich, nur halt noch viel anders, „raffe- nerierter!", wie Vallentin jagt. Eine Düse aus einem alten Vergaser wird das Gasgemisch her- auslassen, die Flammen werden züngeln, die Suppe wird brodeln, das Brot wird bruzeln, und die Bouletten werden das Quartier mit Wohlgeruch erfüllen! Rasch noch den Düsenhals an den Benzintopf gelötet, die Pumpe gedichtet, das Dreibein drumherum gestellt, Achtung, Achtung! Streichholz angezündet und —
Als wir Dallenttn nach drei Tggen im Lazarett besuchten, war der Kopfverband schon ab. Er sah furchtbar komisch aus ohne Haare, und das linke Ohrläppchen ist nun einmal weg, damit muß sich das Bärbelche abfinden. Der Chef hat dann einen Kompaniebefehl erlassen. Gegen selbstgebaute Benzinkocher. Aber davon kriegt der Vallentin sein Ohrläppchen nicht wieder. Nur — es werden anderweitige Ohrläppchen anderweittgen Bärbelchen bewahrt!
Zeitschristen.
— Die Monatsschrift „Kunst dem Volk" (Verlag Heinrich Hoftmann, Wien) hat zum Geburtstage des Führers ein Sonderheft erscheinen lassen, das die farbige Wiedergabe eines Führer- Bildnisses von Karl Truppe auf dem Umschläge trägt und mit einem sehr anmutig und geschmackvoll bebilderten Beitrage „Die schöne Linzerin" eingeleitet wird. Dr. Konrad Praxmarer schildert an Hand von Gemälden und Zeichnungen oas künstlerische Erlebnis des Krieges. Ein großer Tell des Heftes ist der mit zahlreichen, meist farbigen Reproduktionen illustrierten Würdigung des 1928 gestorbenen berühmten Münchner Malers Franz von Stuck durch A. Heilmann gewidmet. Der gegenwärtige Betrachter wird, vielleicht mit einiger lieber- raschung, den Stilwandel erkennen, den wir seit Stucks malerischen Glanzstücken erlebt haben; dis ganz unveraltete Meisterschaft des Aktzeichners und Plastikers Stuck wird er mit respektvoller Bewunderung genießen und wieder entdecken.


