Soldaten und Möllerung im Dienste des Kriegs-MW.
Oer „Tag der Wehrmacht" 1942 in Gießen.
Ein voller Erfolg! Das ist das Ergebnis, das unsere Soldaten am Schlüsse des „Tages der Wehrmacht" in Gießen verzeichnen konnten. Die Gießener Bevölkerung hat bei dieser Veranstaltung- erneut ihre enge Verbundenheit mit unserer Wehrmacht bekundet. Dafür war die starke Beteiligung am Samstag, noch mehr aber der Massenaufmarsch am gestrigen Sonntag in den Kasernen ein überzeugender Beweis. Dank des starken Einsatzes unserer Soldaten, der eifrigen Mitarbeit aller Sammler und Sammlerinnen und der großen Opferfreudigkeit aller Volksgenossen kann unsere Kreisamtsleitung der NSV., die als Beauftragte für das Kriegs- Winterhilfswerk in engster Zusammenarbeit mit der Wehrmacht diese Veranstaltung vorbereitet hatte, wiederum einen bedeutenden Beitrag zu diesem schönen Gemeinschaftswerk des deutschen Volkes verzeichnen.
Guter Auftakt am Samstag.
Die in der NS.-Kriegsopferversorgung, im NS.- Reichskriegerbund und im Reichstreubund vereinigten alten Soldaten, die Nachrichtenhelferinnen, die DAF.-Gefolgschaft der Wehrmacht, das Deutsche Rote Kreuz und viele weitere Helfer hatten als Sammler und Sammlerinnen schon von Anfang an flotten Absatz der schönen Spendenabzeichen. Sozusagen im Handumdrehen war der für Gießen bereitgestellte Vorrat von 40 000 Stück verkauft, so daß noch eine Menge Abzeichen anderer Art als Aushilfe eingesetzt werden mußte und ebenfalls willige Käufer fand. Nach dem Verkaufsschluß begann die übliche „Nachlese", bei der immer und immer wieder die Fünfer und Groschen usw. in die Sammelbüchsen wanderten und den Ertrgg steigern halfen. Unermüdlich wurden bis weit in den Abend hinein die Sammelbüchsen mit Erfolg geschwungen.
Die Werbedarbietungen eröffnete unsere Artillerie am Samstagnachmittag mit dem Marsch einer Ge- schützstaffel durch die Stadt. Auf diesem Marsche ging es am Selterstor und auf dem Parkplatz vor dem Stadttheater in „Feuerstellung", aus der beide- male das Einzelfeuer der Geschütze, die.Gruppen und die Salven mit mächtigem Donner über die Stadt hallten. Der Eindruck dieses Marsches bei der Bevölkerung und das Echo in den Büchsen der begleitenden Sammler und Sammlerinnen waren erfreulicherweise ebenfalls stark. Dann marschierte eine Abteilung der Nachrichtenhelferinnen am Selterstor, später auf dem Kreuzplatz auf, um an beiden Plätzen mit ihren schönen Chorgesängen zur Förderung der Sammlung beizutragen, die von ihren Kameradinnen mit großem Eifer und sichtlichem Erfolg bei den interessiert lauschenden Hörern und auch in den Straßen durchgeführt wurde. Alles in allem: ein guter Auftakt auf ber ganzen Linie.
Massenbesuch aus Stadt und Laubes unseren Soldaten.
Der gestrige Sonntag brachte in den Kasernen, besonders bei den Artilleristen und den Fliegern, Großbetrieb. Schon am Vormittag, noch viel stärker aber am Nachmittag war eine Völkerwanderung aus Stadt und Land über die Kaiserallee und die Rod- gener Straße im Gange. Der Obus fuhr alle Wagen mit vollster Besetzung. Die Artillerie hatte regen Krümperverkehr zwischen dem Ludwigsplatz und ihrer Kaserne eingerichtet, der stark in Anspruch Genommen wurde. In den Kasernen drängte und schob sich die Menschenmenge hin und her, immer wieder interessiert schauend und bewundernd ob der Vielseitigkeit besten, was unsere Soldaten durch Einfallsreichtum und mit Geschick an Veranstaltungen für den guten Zweck des Tages heraerichtet hatten, und immer wieder gern einen Groschen oder auch noch mehr in die rastlos klappernden Sammelbüchsen für das Kriegs-WHW. werfend.
Mit großem Interesse wurden die Unterkünfte der Soldaten, bei der Artillerie auch die Pferdeställe, bei den Fliegern die Lehrsäle, der Unterhaltungsraum usw. besichtigt. Dabei herrschte überall starker Betrieb. Bereits am Vormittag dröhnten Geschützfeuer und das Rattern der Maschinengewehre, denn bei den Artilleristen konnten gestern auch die Zivilisten zum Schuß kommen, und davon machten sie an den Geschützen und MG.s fleißig Gebrauch, während zugleich an den Richtmitteln unermüdlich geübt oder in den Reitbahnen von Groß und Klein geritten werden konnte, selbstverständlich alles erst nach der entsprechenden „Abladung" für das Kriegs- WHW. Auf der anderen Seite der Artilleriekaserne war der Wettstreit im Kleinkaliberschießen eifrig im Gange, denn hier winkte neben dem Sieg der
guten und des besten Schützen noch eine Reihe wertvoller Preise. Und am Eingang zur Kaserne stauten sich inzwischen immer mehr Menschen an, denn hier stand gleich am sichtbarsten Punkt ein Tombolastand, der mit allerlei leckeren und reizenden Sachen ausgestattet war, bei dem man aber auch eine Fuhre Mist — für Gärtner und Schrebergärtner z. B. ein sehr begehrter Artikel — gewinnen konnte und die auch bald ,/ihren Mann" fand. Der Losverkauf — jeder Interessent guckte natürlich auf die stattliche Reihe von Würsten und auf die Teller mit Eiern, die sämtlich von Angehörigen unserer Artilleristen für den guten Zweck gestiftet worden waren, während die Kleinen sich viel mehr für das von den Soldaten gebastelte Spielzeug entschieden — wurde im wahrsten Sinne des Wortes bestürmt, so daß der Losvorrat im Handumdrehen untergebracht war, und bann gab's neben den Besitzern von Nieten auch viele frohe Gewinner, die am Abend strahlenden Gesichts mit ihrem Gewinn heimwärts zogen.
Ein besonderer Höhepunkt war das gemeinsame Esten aus der Feldküche. Während in der Stadt an mehreben Ausgabestellen und in der Bergkaserne sowie im Fliegerhorst Nudeln mit Rindfleisch in tausenden Portionen abgeholt wurden, gab es in der Artilleriekaserne Erbsen mit Speck; beides ohne Marken und in ausgezeichneter Qualität. Bei den Artilleristen wurde überall (in den Kantinenräumen, auf den Plätzen bei den Wohnblocks, in den ausgeräumten Geschützhallen usw.) von groß und klein mit größtem Appetit das leckere Mahl und dazu noch pro Schlag eine Scheibe Kommißbrot verzehrt, nicht minder genußfreudig „verdrückten" die Besucher der Flieger ihren Schlag". Ueberall konnte man nur volle Anerkennung für die gute Zubereitung des kräftigen Essens hören.
Nach dieser Stärkung brachte der Nachmittag bei den Artilleristen ein sehr vielseitiges und flott abgewickeltes Unterhaltungsprogramm. Während die Schießluftigen an den Geschützen, den MG.s und beim Kleinkaliberschießen, die Jugend sich namentlich auch beim Reiten weiter ergötzen konnten, sahen Taufende von Besuchern, die den weiten Exerzierplatz der Kaserne in dichten Reihen umfäumten, viel Interessantes. Da konnte man dem Geschützexerzieren zuschauen, sportlichen Vorführungen folgen, am Turnierreiten, Jagdspringen und schließlich an einer großen Reiterquadrille ' sich erfreuen, gleichzeitig auch manche hervorragenden Reiter-Leistungen be
wundern. Flotte Unterhaltungsmusik bereicherte diese Darbietungen noch in guter Weife. Zur Ma« genstärkung und als Gaumenkitzel konnte man sich Bohnenkaffee und sogar ganz ausgezeichnete Kreppet zugutekommen lassen, Leckerbissen, die denn auch stark begehrt wurden. Der gute Schoppen Bier fehlte natürlich ebenfalls nicht, und auch er wurde lebhaft in Anspruch genommen. Für die Kleinen, aber auch für Große gab es inzwischen frohe Spazierfahrten in den Landauern und Krümperwagen rundum im Kasernengelände, ein Groschen - 23 ergnügen, das starken Anklang fand. Kurzum: überall herrschte bei unseren Artilleristen, die ihre Sache groß aufgezogen und schmissig durchgeführt hatten, die beste Stimmung und dadurch ausgelöst eine schier unverwüstliche Zahlungsfreudigkeit, womit ja der Zweck des Ganzen zum Besten des WHW. erreicht war. Bis in den Abend hinein herrschte hier denn auch Großbetrieb, bei dem alle Besucher ihre Erwartungen in vollem Ausmaß erfüllt sahen.
Die Flieger bereiteten ihren Besuchern neben der guten Mittagsverpflegung auch noch mancherlei an« dere Annehmlichkeiten und Unterhaltung. U. a. konnte man in einer Ausstellung von Flugzeug« motdren, die von Fachleuten erklärt wuxden, allerlei sehen und lernen, ferner konnten die Besucher mit größtem Interesse verschiedene Motorflugzeuge und Segelflugzeuge in Augenschein nehmen und dabei Neues erfahren, sie konnten auch Bomben und Fallschirme und Sonstiges kennenlernen. Mit besonderem Interesse wurde ein eigens für diesen Tag hergerichteter Flugplatz besucht, nicht minder gespannt wurde das Segelfliegen verfolgt. Neben diesem lehrreichen Einblick in den fliegerischen Betrieb kam aber der Unterhaltungsstoff nicht zu kurz. Ein Soldatenchor der Flieger erfreute an der Hauptwache.mit guten Gesangsvorträgen, im Wirtschaftsgebäude bereitete eine Variete-Deranstaltung, deren Programm von Fliegern bestritten wurde, viel Vergnügen. Insgesamt: auch bei unseren Fliegern war es sehr gut zu Gast sein, und mit Befriedigung machten sich in den Abendstunden die großen Besuchermassen auf den Heimweg.
Am Schlüsse des Tages konnten die Veranstalter die Festellung machen, daß der „Tag der Wehrmacht" in Gießen nach jeder Richtung hin den Erwartungen entsprochen, ja diese in vielerlei Hinsicht sogar noch übertroffen hat. Und vor allem, daß sein finanzieller Ertrag mit berechtigter Zufriedenheit betrachtet werden kann.
Theater der Universitätsstadt Gießen.
»Oer kleine Däumling und die Giebenmeilenstiefel."
Arn Samstagnachmittag erlebte das Ostermärchen vor einer sehr lebendigen/Schar großer, kleiner und ganz kleiner Kinder seine erste Aufführung: „Der kleine Däumling und die Siebenmeilenfttefel", Märchenspiel mit Musik und Tanz in sechs Bildern von Karl Heinz Voigt, Musik von Richard Preißler. Es ist die Geschichte des kleinen Däumlings, des Jüngsten aus der Korbflechterhütte, der sich mit seinen Brüdern Klaus und Pitt hinterm Rücken der Mutter heimlich aufmacht, um den Schiffsjungen Fridolin vom Nordpol zu holen, der dort vom Onkel Seebär bei den Eskimos vergessen wurde und schrecklich Heimweh hat. Im Märchenwalde beim guten Geist Moosbart erfahren sie, wie sie das Abenteuer bestehen können, werden vom braunen Bären und vom wilden Schwein erschreckt und ergötzen sich am Tanz des Storches und der Frösche. Ganz unheimlich ist es in der Höhle, wo der Riese Ungeschlacht und die Hexe Besengraus ihr teuflisches Wesen treiben, -aber mit einem Zaubertrank schläfern die drei Buben den Riesen ein, ziehen ihm die Siebenmeilenstiefel aus und schwingen sich in die Lüfte. Vis zum Nordpol ist es ziemlich weit, also machen sie eine Zwischenlandung im Palast des Sultans, wo es lustiger zugeht; hier werden sie zwar beinah die Siebenmeilenstiefel wieder los, aber im letzten Augenblick spricht der Däumling das Zauberwort, und nun kommen sie wahrhaftig zu Fridolin und den Eskimos in ihrer Schneehütte am Nordpol, wo der Eisbär und der Alk mit guten Fischen gefüttert werden. Dann geht es im Triumph mit Siebenmeilenstiefeln nach Hause, wo sie, mit Schätzen reich beladen, von der Mutter und vom Onkel Seebär mit Freuden empfangen werden, und weil die Osterglocken eben zu läuten anfangen, wird es ein schönes Frühlingsfest, mit dem auch die Kinder vor dem Vorhang einverstanden sind.
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Herr Volck, der seit vielen Jahren das Theater der Kleinen betreut, hatte sich mit liebevollem Verständnis und vieler Sorgfalt auch des Ostermärchens angenommen. Herr Hahn dirigierte die Musik, Ballettmeister 23 0 1 p e r t hatte die Tänze der Tiere und am Hofe des Sultans einstudiert. Aus Herrn Löfflers geschickter Hand stammten die mit kin- dertümlicher und märchenhafter Phantasie entworfenen Bühnenbilder: Wald und Höhle, Palast und Polarlandfchaft, dazu die Korbflechterhütte, wo das Abenteuer anfängt und endet.
Käte Jaenicke war der Däumling, ein munterer, rundlicher und unternehmungslustiger Bub. Valeska Lange und Editha T h o m a e, als feine Brüder Pitt und Klaus, waren begeistert mit dabei. Cilly Mauer war die gute Mutter, Luise Prasser ein freundlicher und hoheitsvoller Schutzengel, Herr 23old der gemütliche Onkel Seebär. Hilde Kneip machte mit schreckhafter Natürlichkeit die Hexe, Herr Fischer den Riesen Ungeschlacht. Am Höfe des Sultans (Herr Bergmann) trieben der Großwesir Herr Heck und der Palastwächter Herr Mayr ihr drolliges Wesen. Herr Seitz erschien gleich dreimal: als Nachtwächter, als Wald» geift und zuletzt als Eskimo. Aber man kann nicht den ganzen Personenzettel abschreiben: alles, was mitfpielte, ob Mensch, ob Tier, ob Geisterwesen, war mit Eifer bei der Sache. —
Den Kleinen schien es zu gefallen, sie klatschten herzhaft und gingen befriedigt heim. Hans Thyriot,
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zur Verfügung. Die Tätigkeit der bisherigen Geschäftsgruppe Arbeitseinsatz des Vierjahresplanes geht auf den Generalbevollmächtigten über. Der Reichsmarschall hat dem Staatssekretär Dr. S y r u p für feine langjährige erfolgreiche Tätigkeit als Leiter der Geschäftsgruppe fernen Dank und feine besondere Anerkennung ausgesprochen, ebenso dem Ministerialdirektor Dr. Mansfeld.
Arbeitskräfte für das Land.
Der Reichsarbeitsminister hat die Arbeitsämter angewiesen, alle für einen vorübergehenden ober dauernden Einsatz bei landwirtschaftlichen Arbeiten tauglichen Kräfte zu erfassen. Bei vorübergehendem Einsatz wird es sich vor allem um Ehefrauen handeln, die wegen der Versorgung ihres Haushalts und ihrer Kinder nicht für sine dauernde Tätig kett in der Landwirtschaft in Betracht kommen. Die Betreuung der Kinder muß sichergestellt werden. Zu einem dauernden Einsatz werden diejenigen heranzuziehen fein, die keiner ständigen Beschäftigung nachgehen, aber nach Gesundheitszustand und persönlichen Verhältnissen geeignet für landwirftchaft- liche Arbeit sind. Insbesondere schulentlassene weibliche Jugendliche, auf deren Mithilfe der elterliche Haushalt nicht unbedingt angewiesen ift und die für einen ständigen Einsatz in bäuerlichen Betrieben ober Gutsbetrieben, gegebenenfalls nach Art ber Tagesmäbchen, in Befracht kommen. Heber den Einsatz ber schulpflichtigen ober die Höhere Schule besuchenden Jugend für landwirtschaftliche Arbeiten ist wie im Vorjahre eine Regelung zu erwarten. Die Ortsbauernführer werden die in Betracht kommenden Personen auf Listen den Arbeitsämtern vorschlagen. Das Arbeitsamt lädt diese gemeindeweise vor. Wenn die Annahme landwirtschaftlicher Arbeit ohne berechtigten Grund oerwei- gert wird, kann die D i e n ft ü e r p f I i cf> t u n g er- folgen. Auch familienunteryaltsberechtigte weibliche Kräfte sowie schulenttassene Jugendliche — Mädchen erst vom vollendeten 16. Lebensjahr ab zu Arbeiten, die eine Unterbringung am fremden Ort bedingen — können im Wege der Dienstverpflichtung zu landwirtschaftlichen Arbeiten herangezogen werden.
Oie Lehrer in -en Ferien.
In ber Zeitschrift „Weltanschauung und Schule" wirb angeregt, künftig beim Ferieneinsatz der Lehrerschaft mehr Rücksicht auf bie Erhaltung des Leistungsstandes ber Lehrer zu nehmen. Es soll ihnen bie Möglichkeit gegeben werben, einen größeren Teil der Ferien ihrer persönlichen Weiterbildung ober ber Erweiterung ber wissenschaftlichen Einrichtungen in ben Schulen zu wibmen. Es sei nicht zu verantworten, daß man die gesamte Lehrerschaft während der Ferien ausschließlich in schulfremden Betrieben arbeiten lasse. Besonders bie Fachlehrer sollten bie Ferien zur Vertiefung ihres Fachwissens benützen. Der Naturwissenschaftler könne zum Beispiel seine Hilfe Forschungsstätten unb Instituten zur Verfügung stellen, Historiker unb Germanisten könnten in Bibliotheken arbeiten, um aus dieser Mitarbeit für sich selbst und für ihre Schulen Nutzen zu ziehen.
Oas Jubiläum
der Wiener Philharmoniker.
Die Reihe von Veranstaltungen, mit denen die Wiener Philharmoniker bas hundertjährige Bestehen ihres Orchesters feiern, wurde mit einem Festakt eröffnet. Einleitend spielte das Orchester unter Leitung feines Konzertmeisters Professor M a i r e ck e r die Fanfare, die Richard Strauß den Philharmonikern gewidmet hat. Wil- belm Furtwängel würdigte in einer herzlichen Ansprache bas Orchester als musikalischen Repräsentanten ber Stadt Wien. In einer kulturpolitischen Rede ehrte Reichsleiter Baldur v. S ch i r a ch die Leistungen des hundertjährigen Orchesters, sprach ihm seinen Dank aus und erklärte bie Jubiläumsveranstaltung als eröffnet. Mit Beethovens Ouvertüre „Die Weihe des Hauses" unter Furtwänglers Leitung klang die stimmungsvolle Feierstunde aus.
Tags zuvor hatte Reichsleiter v. S ch i r a ch die Philharmoniker empfangen und aus der Hand ihres Leiters den Ehrenring des Orchesters und die bei dieser Gelegenheit zum ersten Male verliehene silberne Nicolai - Medaille entgegengenommen. Gleichzeitig gab der Reichsleiter bekannt, daß bie Augustinerstraße in ber Nähe ber Oper künftig den Namen „Philharmoniker-Straße" tragen soll. Des Orchestergründers Otto Nicolai wurde durch eine Kranzniederlegung an feinem ehemaligen Wohnhaus gedacht. Während der Dauer der Feierlichkeiten wirb im Musikvereinsgebäude eine von Prof. Karl Schreinzer und Dr. Hedwig Kraus mit viel Liebe unb Verständnis zusammengetragene Ausstellung gezeigt, die das Werden und den Auf- stteg des Orchesters vor Augen führt.
Der feurige (Ofen
Roman von Hans von Hülsen
52. Fortsetzung. (Nachdruck verboten.)
„Halt, Marion!" tönte Fehrs Stimme — er stand jetzt auf der Schwelle ber Galerie mit ben sieben Fenstern, wo er bie Beleuchtung ber Vitrinen eingeschaltet hatte: „Eh du weiter sprichst, will ich eins sagen: es liegt mir ganz fern, dich zu verurteilen. Ueberhaupt zu urteilen. Ich habe immer gefunden, das beste am Leben ist, daß es uns duldsam macht. Duldsamkeit — das ist für mich erst die Lebensreife. Also, bitte, sieh mich in keiner Weise als Richter an. Mir steht gar nicht zu, dich zu richten, viel eher mich zu richten, daß ich bei meinen Jahren so blind und so vertrauensselig und so wenig wachsam war. Das ist meine Schuld, und sie rächt sich. Nun sprich!"
„Ach Gott — wo soll ich anfangen? Alles, was ich dir erzählen muß, ist wie ein Rattenkönig, wie ein Weichselzopf, weißt du?, unentwirrbar ver- fnäuelt, Schuld und Unglück, Gemeinheit, Unerfahrenheit, Mangel an Mut, meinetwegen auch Feigheit, alles durcheinander. Du glaubst natürlich, ich habe, wie man so sagt, ein Verhältnis mit Slbbeg, ich habe dich mit ihm betrogen. Und der äußere Anschein ber Dinge gibt bir ja auch tausendmal recht: du siehst mich aus seinem Hause kommen — ich bin so verwirrt, daß ich dir nicht gleich eine Erklärung geben kann — es ist ja sonnenklar, was du denken mußt."
„Und denke ich wohl gar etwas Falsches, Marion?"
Sie überhörte bie leise Ironie in seiner Stimme.
„Ja!", sagte sie rasch: „Du benkst etwas Falsches, Jan. — Ich mache kein Hehl heraus, daß ich einmal so mit Abbeg gestanden habe. Aber das ist zu Ende — das ist wenigstens von mir aus zu Ende,
seit wir beide, du und ich, verheiratet sind. Er kann dir nichts anderes gesagt haben."
Fehr runzelte die Stirn. — Anderes? — Nein, Abbeg hatte nichts anderes gesagt. Obwohl er von „alten Rechten" gesprochen hatte. O, wie ekelhaft das alles! Welche Strafe für ihn, daß er sich damit beschäftigen mußte!
„Es war — während deiner Bühnenzeit?" fragte er, und in ihm dämmerte so etwas wie eine Hoffnung hoch, sie mochte Ja sagen. Würde ihm das nicht erlauben, die Digge weniger tragisch zu nehmen? Er hatte ja natürlich nie erwartet, in ihr eine unberührte Jungfrau zu finden, er kannte das Leben und verstieg sich nicht zu solchen „idealen Forderungen".
„Nein", gab sie zurück: „Es war lange vorher."
„Lange vorher?— Aber da warst du ja beinahe noch ein Kind?!"
Marion nickte:
„Nicht nur beinahe, Jan. —- Entsinnst bu dich an ben ersten Abenb in München ? Auf ber Oktoberwiese? Als wir vor ber Schießbube standen und Abbeg für mich die große Puppe gewann? Daß er damals in einer feiner vielen doppelsinnigen Reden sagte: Ich hätte fast noch mit Puppen gespielt, als er mich kennenlernte? Genau so ist es gewesen. Ich war gerade sechzehn, als es anfing. Und so dumm unb unerfahren, daß es — eben anfangen konnte."
„Na, pfui Deibel! Er hat dich — verführt?"
„Er hat meine Unkenntnis mißbraucht. Und ich habe das, so entsetzlich es mir immer war, zwei Jahre lang dulden müssen."
„Müssen?! — Wer muß so etwas dulden?!"
„Um meiner Eltern willen — ja. Vielleicht wirb es in deinen Augen dadurch etwas entschuldbarer. In meinen übrigens nicht."
„Ich verstehe nichts, Marion. Was heißt: dulden, um deiner Eltern willen? — Verzeih, das ist mir viel zu paradox!"
„Ach, lieber Jan, du wirst noch viel paradoxere Dinge hören müssen. Entsetzliche Dinge. Dn hast
nun gestern unb heute meinen Vater gesehen, unb bu hast dich gewiß im stillen gewundert, warum ich ihn dir immer unterschlagen habe. Denn bas habe ich getan. Bewußt unterschlagen habe ich ihn bir, unter einem Vorwand. Das Zerwürfnis, mit dem ich seinerzeit aus meinem Elternhaus ging, wäre leicht zu beendigen gewesen. Aber ich wollte es nicht. Eben weil ick dir Papa unterschlagen wollte."
„Lauter Rätsel, Marion. Ich verstehe nichts. Dein Vater ist doch nicht der Mann, den man jemand unterschlagen müßte. Am wenigsten dem eigenen Gatten."
„Du kennst ihn nur, wie er heute ist. Aber als wir heirateten — ober als wir uns kennenlernten, — was wirst bu sagen, Jan, wenn ich bir erzähle, baß er bamals gerabezu ein Stromer war? Wirklich kaum besser? Entsinnst bu dich unseres Münchener Abends, als wir nach dem Theater allein aßen und tanzten, — dieses reizenden Abends, an dem bu bas Unglück hattest, daß ich bich zu Heben anfing?"
„Marion! Sprich nicht so! Es war trotz allem kein Unglück für mich."
Sie streckte ihm vom Sessel aus bie Hanb hin. Er drückte sie und ging vorüber. Kalt war seine Hand.
„An dem Abend erzählte ich bir, daß ich in ber Nacht vorher ben Überraschenden Besuch meines Vaters gehabt hatte — ja? — Er kam damals geradenwegs aus dem Gefängnis ..."
„Gott im Himmel! Marion!" Fehr blieb wie angewurzelt stehen: „3ft das — wahr?"
„Aus dem Gefängnis, in das ihn Abbeg gebracht hatte!"
„Abbeg!"
„Abbeg — und ich selber. Weil ich nicht stark ... weil ich vielleicht nur nicht uneigennützig genug war, das Opfer — versteh mich, Jan! — das Opfer dauernd zu bringen, mit dem ich Papa vor dem Aeußersten hätte retten können. Mit dem ich ihn zwei Jahre lang gerettet hatte. Denn ick wußte, daß Abbeg ihn in der Hand hatte, daß er ihn nicht fal»
len lassen würde, solange ich — erlaß dir das! Zwei Jahre hab' ich's ausgehalten — nein, ich muß ganz aufrichtig sein, nur etwa, anderthalb Jahre. Erst nach einem halben Jahr habe ich zwei Dinge erfahren: einmal, daß Abbeg irgendeine furchtbare Waffe gegen Papa besaß, und zweitens, daß Papa ganz genau wußte, wie es zwischen uns stand ...Ich weiß auch heute im einzelnen nicht, was Papa eigentlich angestellt hat, ich glaube, es hat sich um Veruntreuungen gehandelt, um Mündelgelder oder etwas, Aehnliches — du machst bir ja keine Vorstellung, wie es im Hause des Bankiers von Brakei aussah, wie alles nur eine Kulisse war, glänzenb für bie Welt aufgebaut, damit der Kredit nicht versiege ... unb bahinter war das Elend und der Verfall, der wie eine Krebsgeschwulst um sich wucherte. Ach, Jan, bu hast bein Leben lang in biefem Schlosse gewohnt, hast immer in soliden Verhältnissen gelebt, du kannst dir das alles unmöglich vorstellen? Und vor allem kannst du bir nicht vorstellen, wie einem jungen Mädchen, das trotz dieser Dinge in ihrem Herzen rein war —, wie dem dabei zumute war! ... Meine Mutter —, eine verzweifelte Frau, bie von ihrer Verwandtschaft immer gedrängt wurde, ihren Mann zu verlassen. Mein Vater vielleicht nicht schlecht von Natur, aber durch einen ersten Fehltritt immer weiter in den Sumpf hin- eingestoßen, ein Hasardeur, der nur noch- davon lebte, daß er mit betrügerischen Gewinnen hier und da ein Loch zustopfte, solange es eben ging .. .„ ber immer darauf bedacht sein mußte, sich vor dem Zugriff dieses unbedenklichen Abbeg zu retten . der ihm zu diesem Zweck sogar bie eigene sechs-, zehnjährige Tochter verkuppelte ..."
„Marion!", rief Fehr: „Hör' auf ... Großer Gott im Himmel droben, was „mußt du gelitten haben!"
Er ging, bie Finger ineinanber verkrampft, bas große Zimmer auf und nieder, ging an ihr vorbei unb strich ihr sanft übers Haar — aber er riß bie Hand weg, als hätte er in Höllenglut gegriffen.
(Fortsetzung folgt.)


